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Unter Javas Tropensonne

Louis Couperus: Unter Javas Tropensonne - Kapitel 26
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authorLouis Couperius
titleUnter Javas Tropensonne
publisherDeutsche Buchgemeinschaft GmbH
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translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
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XI

Eine javanische Hochzeit – Zeremonien – Eine indische Symphonie – Verfallene Städte – Antike Luftfahrzeuge

Am folgenden Tage wurde die Tochter des Reichsverwesers in Solo vermählt. Wir waren mit einigen anderen Gästen des Residenten und seiner Gemahlin geladen und freuten uns, einer javanischen Hochzeit beiwohnen zu können. Denn solche Vermählungsfeiern javanischer Prinzen und Prinzessinnen werden noch ganz nach dem uralten »Adat« in zwei besonderen Feierlichkeiten vollzogen: dem »Ningkah«, der eigentlichen Hochzeit, bei der aber die Braut nicht zugegen ist, und dem »Temon«: Abend der ersten Begegnung der Jungvermählten, die offiziell einander vorher noch nie begegnet sind.

Wir begaben uns alle schon am Morgen nach dem Kepatihan, der offiziellen Amtsstelle des Reichsverwesers, des Raden Adipati Djojo Negoro. Der geräumige Pendopo war schon gedrängt voll von javanischen Blutsverwandten und Beamten, lauter Männern, die da herumkauerten. Außer unseren europäischen Damen war keine Frau anwesend. In einem weiten Halbkreis nahmen wir alle Platz: außer dem Reichsverweser waren dessen Vater, sein Vorgänger in diesem Amte, das er dreißig Jahre bekleidet hatte, und ein Staatsmann von Bedeutung, sowie der älteste Sohn des Soenân Pangeran Nga-Behi zugegen.

Schräg fielen die Sonnenstrahlen herein und spiegelten sich in den Marmorfliesen. Auf diesen vierkantigen, glitzernden Spiegeln hockten mit gekreuzten Beinen in feierlich-erwartungsvoller Haltung die dunklen Gestalten. Sie trugen dunkle, enganliegende Wämser, ihre gleichfalls dunklen Sarongs waren fast alle braun; Turbane lagen um ihre Schläfen. Tiefe Stille. Kaum ein Wort wurde gewechselt. Diese tiefe Stille lastete beinahe drückend auf uns paar Europäern, die wir neben diesen drei hochgestellten Javanen in weitem Kreise umhersaßen. Warum sind nicht auch wir so gelassen? Warum vollziehen sich bei uns alle Zeremonien so laut, so geräuschvoll? Wie schön wirkte hier die einfache Farbe, die einfache Linie, dieses Erwarten des Bräutigams!

Er kam. Sehr graziös, aber ein wenig theatralisch erschien er, durchaus dazu angetan, die Neugierde europäischer Gäste zu befriedigen. Mit einem Gefolge von Blutsverwandten trat er von draußen, aus dem hellen Sonnenschein, in den Pendopo, der im Halbdämmer lag; er wurde von zweien der Seinen an den beiden kleinen Fingern geführt. Sehr schlicht und einfach war dieses Auftreten nicht, aber es war just das, was wir uns wünschten und erwarteten. Der Bräutigam war ein zarter, schlanker junger Mann von fürstlichem Geblüt, jetzt zwar erst Distriktsoberhaupt – »Wedono« –, aber mit der Aussicht auf eine glänzende Karriere. Sein Oberkörper war völlig nackt und mit »Boreh« gesalbt. Das ist Reispuder, der mit gelbem Ocker und duftendem Wasser gemengt ist; diese Borehschminke auf dem entblößten Oberkörper gilt in Solo als Hoftracht. Sein langer Bräutigams-Kain (kein Sarong, sondern ein langes Stück gebatikten Stoffes) hing ihm vom Gürtel in vielen Falten herab, die hinten einen Tuff bildeten, wie ihn unsere Damen vor dreißig Jahren trugen, und in einem Zipfel hinter ihm herschleppten: wiederum ein Stück Hoftracht, die alter »Adat« ist und in dem Wajang-Wong auch noch getragen wird. Im Gürtel steckte der mit Edelsteinen besetzte und mit Blumengewinden verzierte Dolch, und auf dem Kopf trug er eine kleine durchsichtig-weiße Mitra, die wie ein luftiger Kegel aus ich weiß nicht was für einem Gewebe erschien.

Er hockte nieder und machte mit den beiden Händen, die er wie betend ineinanderlegte, die Bewegung des »Semba« vor seinem zukünftigen Schwiegervater und dessen hohen Anverwandten, sowie dem Residenten. Dann wurde er zu einem Sessel geleitet, und ihm gegenüber nahm der Priester – »Penghoeloe« oder »Tassir Anom« – Platz, der ihn fragte: »Im Namen ihres Vaters trage ich dir die Braut an – nimmst du sie an?« Er antwortete: »Engeh – ja!« Und dieselbe Antwort kam noch auf ein paar andere Fragen. Dann sprach der Penghoeloe feierlich die erste Sure aus dem Koran, die das Glaubensbekenntnis enthält: »Es gibt nur einen Gott«, und darauf betete er, und der Bräutigam betete mit ihm.

Dem Koran zufolge war damit die Ehe rechtsgültig vollzogen. Natürlich waren allerhand Besprechungen vorausgegangen. Offiziell sind Braut und Bräutigam einander unbekannt – tatsächlich aber haben sie einander wohl meist schon gesehen. Indessen: die Eltern beschließen, und die Kinder haben nichts dabei zu sagen. Nachdem so die Verbindung vollzogen war, kauerte sich der Bräutigam wieder nieder und nahte sich auf den Knien seinen drei hohen Verwandten: dem Schwiegervater, seinem Vater und dem ältesten Sohne des Soenân. Und dem alten dereinstigen Reichsverweser gab er dann feierlich, der Sitte gemäß, einen Kniekuß. Lange, lange währte dieser Kuß voller Unterwürfigkeit, nachdem zuvor einer aus dem Gefolge des Bräutigams ihm den Dolch abgenommen und ihm zierlich die Schleppe geordnet hatte. Das gleiche wiederholte sich vor dem Reichsverweser, der nun sein Schwiegervater war, und zum dritten Male bei dem Sohne des Soenân, der den Soenân selber vertrat. Das alles vollzog sich schweigend, langsam und äußerst vornehm. Ein Gamalan gab es nicht, weil noch Trauer um den vor kurzem dahingeschiedenen alten Sultan von Djokjokarta herrschte.

Dann wurde Champagner gereicht. Der Resident hielt eine Ansprache an den jungen Gatten, und dann nahm dieser unser aller Glückwünsche entgegen. Darauf zog er sich – wiederum auf den Knien – zurück, erhob sich und wurde, wieder an beiden kleinen Fingern, fortgeführt; über die leuchtenden, die Sonne widerspiegelnden Fliesen hin entschwand er in das grelle Licht, mit zierlich wiegendem Gang; sein Kain schleppte hinter ihm her, ockerfarben leuchtete der nackte Leib; den blumengeschmückten Dolch hatte man ihm wieder hinten in seinen Gürtel gesteckt.

Die Feierlichkeit war vorüber. Wir begaben uns zum Oheim der Braut, der uns erwartete, dem Raden Temanggoeng Wrekso Dininggrat, einem der Regenten am Hofe von Solo. Ein solcher Regent in den Fürstenlanden ist nicht das gleiche wie ein Regent in andern Distrikten, wo der eingeborene Wesir an seiner Seite regiert, sondern nur mehr ein Hofwürdenträger, ein Adjutant oder Kammerherr. Dieser Regent ist Musiker: er komponiert, und er dirigiert ein Orchester von Javanen, die europäische Instrumente spielen. Wir hörten eine Kloet-Ramp-Symphonie von ihm, und er erzählte uns, seine Frau, die Radenadjoe, habe ihm einmal, als er im Begriff gewesen wäre, nach Blitar zu reisen, davon abgeraten, an diesem Tage zu fahren. Und just an diesem Abend habe der Kloet Feuer und Flammen gespien, und ein Lavastrom habe das Hotel zu Blitar vernichtet, wo er hatte wohnen wollen. Die Symphonie – der Regent bezeichnete seine Komposition als »Phantasie« – gab lebhafte Schilderungen dieser Vorgänge, doch fehlte mir in der einleitenden »Abendstimmung«, die dem Ausbruch des Berges voranging, gerade das Innig-Zarte, das nur der Gamalan hätte wiedergeben können.

Am Abend war dann der »Temon« (die Begegnung der jungen Eheleute) in den privaten Gemächern des Reichsverwesers, des Vaters der Braut. Hinten in der Mittelgalerie ist das symbolische Brautbett aus geschnitztem und vergoldetem Holz aufgestellt – golden sind auch die Kissen auf diesem Bett, das nur ein Symbol ist und bleibt, auf dem die Jungvermählten aber nicht ruhen sollen. Eine Karosse fährt vor. Zwischen den auf langen Stöcken in der Hand getragenen Laternen entwickelt sich nun ein Bild voll feierlichen Prunkes. Die Pferde haben Federbüschel auf den Köpfen. Die Braut, nach der unsere Neugier längst lüstern war, steigt heraus. Ihre Tanten, die Raden Ojoe Socrio Koesomo und die Raden-adjoe Wrekso Diningrat, die Gemahlin des Komponisten, empfangen sie und führen sie hinein. All diese javanischen Prinzessinnen tragen lichtfarbene, seidene Kabais und im Haarknoten, in den Ohren und vor der Brust glitzernde Juwelen. Die Braut selbst sieht müde und ein wenig unzufrieden aus, hat doch die Vorbereitung zu ihrer Toilette schon den ganzen Tag gedauert. Das Haar hat man ihr bis hoch auf den Scheitel fortrasiert und dann in ein paar Kringeln gleichsam auf der Stirn festgeklebt. Sie trägt ein Diadem, das wie ein Hinduschmuck aussieht, und ein Haarnetz aus echten Blumen – weißen Melatis. Hals und Busen hat sie mit Boreh geschminkt, märchenhaft schöne Juwelen umglitzern sie; ein samtenes Mieder schmiegt sich um ihren schlanken Leib, der reiche Kain wallt ihr bis über die Füße. In geflochtenen Körben trägt man Blumen, Obst und Räucherwerk vor ihr her: Symbole des Reichtums und des Überflusses, den ihre Verwandten ihr wünschen; auch Klappernüsse als Symbole der Fruchtbarkeit. Eine zweite Karosse – wiederum hochgehaltene festliche Laternen rundum: das ist der Bräutigam. Er trägt eine reichere Mitra, einen langen, weißen Kain. Auf den Stufen vor dem Brautbett erwartet die Braut – nun junge Frau – ihren Gatten. Sie wirft ihm ein paar Siri-Blätter und ein Ei zu, Symbole der Fruchtbarkeit, und muß ihm dann als Zeichen ihrer Unterwürfigkeit die Füße waschen. Eine goldene Schale voll Wasser, auf dem Blumen schwimmen, wird hereingebracht. Er steht vor ihr. Sie kniet nieder, sprengt ihm ein paar Hände voll des Nasses über die Füße und küßt ihm dann die Zehen. Darauf tritt der Reichsverweser, der Vater der Braut, zwischen die beiden und läßt sich mit gekreuzten Beinen nieder: alle drei kauern sie nun vor dem Brautbett. Und der Vater nimmt die Tochter auf das eine, den Schwiegersohn auf das andere Knie. Er »wiegt« sie lächelnd und sagt: »Sami Kemawan – Beide wiegt ihr mir gleich viel!« Das ist, als hätte er ihre Seelen gewogen, denn wie könnte er sonst diese Wägung verantworten, da die Braut eine zarte Jungfrau und der Bräutigam ein starker, junger Kerl ist! Indessen: diese Javanen heiraten sehr jung, und die jungen Männer sind meist ganz zart, ephebengleich, und daher kann diese Gleichgewichtigkeit sonst wohl nicht nur für ihre Seelen, sondern auch für ihre seinen, zarten Körper stimmen!

Nun lassen sich erst die männlichen, dann die weiblichen Blutsverwandten in einer Reihe auf dem Boden nieder, und Braut und Bräutigam bewegen sich auf den Knien zwischen ihnen hindurch. Sie küssen allen das Knie oder den Fuß, und diese Küsse dauern sehr lange. Es gehört beinahe eine akrobatische Fertigkeit dazu; wie geschmeidig müssen diese Menschen sein, daß sie sich so voller Zierlichkeit nach der Etikette über den Boden fortbewegen, auf ein Knie neigen, über einen Fuß beugen und dann, ganz zusammengekrümmt, einen langen Kuß darauf zu heften vermögen!

Für uns war dies das Ende des Festes. Wir gingen, nachdem wir den jungen Eheleuten gratuliert hatten. Wir hörten indessen, daß sie in weniger feierlichen Gewändern, ohne Mitra und Brautkrone und schwere Juwelen, noch bis zwei Uhr sitzen sollten, wählend ringsherum ihre Verwandten auf dem Boden oder an sehr niedrigen runden Tischen Karten spielen würden; dann erst würde es den armen jungen Leuten gestattet werden, ihren ganzen Prunk abzulegen, dann erst würde der Bräutigam zur Braut geführt. Arme Jungvermählte! Für sie begann die Brautnacht erst spät nach einem sehr ermüdenden Tage! Doch wir Europäer waren egoistisch genug, uns darüber zu freuen, daß wir diesen eigenartigen Tag eines »Adat« in Solo mitgemacht hatten.

Bevor wir am kommenden Abend im »Kraton« durch den Soenân selbst empfangen werden sollten, sahen wir uns Solo bei Tage an. Das bietet keine sehr großen Überraschungen. Was ich da von Mauern und Pforten und Dächern des Kraton sah, war belanglos und unschön.

Alles Interessante liegt nur hinter diesen Mauern. Was ich von der Stadt sah, war Verfall. Übrigens: welche indische Stadt – Medan, Bandoeng und die neuen Viertel auf den Hügeln von Semarang ausgenommen – machte nicht einen so verfallenen und verwahrlosten Eindruck, als seien Kalk und Gips unerschwinglich? Dabei ist alles mit Moos und Schimmel und Feuchtigkeit überzogen, und das geht so geschwind, daß alle Gebäude eine grünlich-gelbe Farbe aufweisen, die wohl einem uralten Bauwerk eine gewisse Stimmung verleihen kann, aber an neuen Gebäuden nur Zeugnis von großer Verwahrlosung ablegt. Als Entschuldigung mag gelten, daß die Unterhaltungskosten in diesen Zeiten in der Tat sehr hoch sind.

Im Museum sahen wir die mit Köpfen von Drachen und anderen Ungeheuern gezierten gewaltigen Vordersteven alter Luftfahrzeuge der Soenâns, auf denen sie in früheren Zeiten auf dem Soloflusse spazierenfuhren. Vor diesen Vordersteven werden noch heutzutage voller Ehrerbietung Blumen und Räucherwerk geopfert. Eigentlich ist alles, was mit einem früheren Fürsten zusammenhängt, »heilig«, und es wird stets heiliger, je älter und ehrwürdiger es wird.

Danach gab es einen schönen Ausflug nach Karang-Pandan, dem früheren Lustschloß des Mangkoe-Negoro. Prächtige Aussicht über verschiedene Täler und Sawah-Terrassen – zur Seite der herrliche Lawoe, der »Berg der Liebeskräuter«: seine Hänge sind mit all den wohltätigen Kräutern bedeckt, die mit geheimnisvoller Kunst in den Trank gemischt werden und dann den Mann unfehlbar in die Frau verliebt machen, die ihm solchen Becher zubereitet. Aus der Entfernung freilich erschien der Lawoe nur als ein Titanenberg mit blauen, harmonischen Umrissen, und nichts verriet einen Zauberer und Mischer so erregender Gifte. Wir tranken keinen Liebestrank, sondern Arenpalmsaft – »Legèn« – und »Tegan«: das ist die Milch aus der jungen Kokosnuß. Der Rückweg führt uns an vielen Dessas vorüber, und mir fielen die weißen oder blauen, himmelblauen, großen spitzen »Toedoengs«, die Hütten, der Landbauern in den Sawahs, besonders auf.

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