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Unter Javas Tropensonne

Louis Couperus: Unter Javas Tropensonne - Kapitel 25
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authorLouis Couperius
titleUnter Javas Tropensonne
publisherDeutsche Buchgemeinschaft GmbH
year
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
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Eine Theatervorstellung – Ein javanisches Spiel von der Liebe – Verbrechen gegen die Weltordnung – Das unversöhnliche Schicksal – Verfeinerte Mimik – Versöhnung der Götter

Nun, da meine Leser wissen, wer der Prang-Wedono ist, will ich versuchen, das ungewöhnlich schöne Schauspiel zu beschreiben, das wir in seinem Palaste sahen. Es war eine Vorstellung des Wajang-Wong, eines Bühnenspiels, besser gesagt Trauerspiels und Melodrams, in dem lebende Schauspieler, nicht Puppen, die Rollen darstellten. Diese teils hohen, teils niedrigen, stets aber sehr geräumigen javanischen Palasträume lassen sich nur schwer beschreiben. Es ist, als wichen sie vor unseren Blicken zurück. Es gibt innerhalb ihrer Mauern wenig oder gar keine Fassaden; von der Außenwelt abgeschlossen, weisen sie eigentlich keine andere Schönheit auf als die der Zimmerdecken und der Trag- und Stützbalken, die vielfach reichgeschnitzt und vergoldet sind. Höfe und Pendopos (Galerien) gibt es, aber einen besonderen Stil vermag ich in ihrer Anordnung und Anlage nicht zu erkennen. Ein moderner Flügel mit den noch nicht ganz fertigen Räumen der Ratoe, der Gemahlin des Prang-Wedono, zeugt nicht gerade überall von einem reinen, unverdorbenen Geschmack. Er enthält aber einen idealen überkuppelten Baderaum, der den Besuchern gezeigt wurde, weil die Ratoe ihn noch nicht benutzt hatte.

In einem Halbkreis standen Sessel, auf denen der Resident Harloff mit seiner Frau, dem Prang-Wedono und der Ratoe und ihren Gästen Platz nahmen. Eine besondere Bühne war nicht aufgeschlagen. Eine seitlings angebrachte Tür wurde von den Auftretenden als Zugang benutzt. Unweit davon war der Gamelan aufgestellt. Dort saß auch der Erklärer (»Dalang«), und dieser gab jeweils das Tempo von Sang und Spiel an, indem er mit einem Klöppel gegen einen niedrigen hölzernen Wandschirm schlug. Überall elektrisches Licht. Nur der Vorhof, in den unsere Autos eingefahren waren, lag im Dämmer. Dort kauerten jetzt die Diener. Links hockten die jungen Unteroffiziere aus der »Legion« des Prang-Wedono – er besitzt seine eigene Heeresmacht –, rechts saßen auf Bänken die Schüler der javanischen Schulen, Knaben und Mädchen, die das Spiel, das hier vorgeführt werden sollte, sicherlich schon aus dem Unterricht kannten: da lernen sie die Schönheiten von Ramayana und Mahabarata kennen, und diesen Epopöen sind die Stoffe der javanischen Wajang-Spiele entnommen.

Ein Sarong mit gefälligem Muster, nackte Füße in Sandalen, kurzes blaues Tuchjackett mit Orden über weißem Hemd und weißer Weste, schwarze Krawatte, goldener Dolch hinten im Gürtel und zierlich um die Schläfen gewundenes Kopftuch bilden das einigermaßen hybride Kostüm der javanischen Fürsten. Die Ranghöchsten saßen auf Stühlen, minder Hochgestellte und jüngere Adlige kauerten am Boden.

Dies alles machte keinen sehr starken Eindruck. Es ist seit Jahrhunderten alles so zwitterhaft geworden, so halb europäisch-westlich, halb östlich-asiatisch. Am allerfeinsten wirkte die zarte Gestalt der Ratoe in ihrem enganliegenden hellfarbenen seidenen Kabai, mit weißen Blumen und Juwelen in der »Kondé« und kolossalen Diamanten – nur vereinzelt Brillanten – in den Ohren und vor der Brust. Auf kleinen Marmortischchen wurden Erfrischungen vorgesetzt. Und nun muß ich ein hübsches Wort des Prang-Wedono vermelden: als er hörte, daß ich einen »Iskander« geschrieben hätte – all diese Fürsten kennen Alexander den Großen – sagte er: »Wie sehr würden wir es zu schätzen wissen, wenn Sie unser »Dalang« (Erklärer) sein wollten.« Das war natürlich nur ein Scherz, zugleich aber auch ein liebenswürdiges Kompliment.

Es wurden Programme verteilt. Ich las, daß wir das Spiel von Dewi Angreni zu sehen bekommen würden. Es gehört zu dem sogenannten Pandji-Zyklus und wurde stark gekürzt gegeben. Ungekürzt dauert es Tage, mindestens unzählige Stunden. Es war eigentlich mehr eine Pantomime als ein Trauerspiel. Es enthielt nur wenig Dialog, und der wurde sehr leise gesprochen. Der Gamelan begleitete melodramatisch alle Geschehnisse. Es kam vornehmlich auf das Gebärdenspiel an, ein »expressionistisches« Spiel, das ich ganz besonders schön fand. Es fiel mir auf, daß wir es mit einem lyrischen, nicht einem epischen Trauerspiel zu tun hatten, mit einem Spiel nicht von Krieg und Helden, sondern von der Liebe, und diese Liebe, wenngleich voller Tragik, trug schließlich den Sieg davon über alle anderen Leidenschaften, obzwar ein tragischer Tod den Schluß bildete. Niemals hätte ich geglaubt, daß auf dem javanischen Theater etwas so Ergreifendes zur Darstellung gelangen könnte.

Pandji Kassatrya ist ein Fürst, der gegen den Willen seines Vaters, des Königs, Angreni, die Tochter des Reichsverwesers, zur Frau genommen hat. Sie treten mit einem Leibdiener und zwei Narren, mißgestalteten Günstlingen, auf.

Diese letzteren, sozusagen shakespearische Figuren, hatten kaum etwas anderes zu tun, als komisch auszusehen. Doch bald stellte sich heraus, daß auch die Gestalten des tragischen Helden und der tragischen Heldin shakespearisch waren. Ihr Auftreten war gebunden an die traditionelle, gemessene Bewegung. Der Held nähert sich. Sein Oberkörper ist nackt, um die Hüften hat er den langen Kain drapiert, breitbeinigen Schrittes kommt er daher, die Füße sind nach auswärts gesetzt. Er ist sehr schlank und zart und zierlich. Besonders poetisch war Angreni, und die Künstlerin, die diese Gestalt verkörperte, muß ihr Schicksal, die tragische Liebe einer der Desdemona, Julia, Ophelia verwandten Frauengestalt, tief gefühlt und erlebt haben. Auf ihrem süßen, bernsteinmatten Blumengesichtchen war unter dem goldenen Reif des Hindu-Krönchens die ganze Wehmut dieser weißen Schicksalsschwester zu lesen. Schwer lastet das unerbittliche Fatum auf diesem zarten Wesen und seiner feinen Seele, und der ganze Ausdruck des Gesichtes und des Körpers gibt dies Gefühl wieder. Das herabgeneigte Köpfchen, die etwas gebogene Linie des schlanken Rückens, die Hilflosigkeit der zarten Arme, das leichte Einknicken in den Knien unter dem schleppenden Kain, die gleichsam um Erbarmen flehenden, geöffneten Händchen zeigten allen deutlich an, daß hier das Opfer vor ihnen stand, dem an der Seite des tragischen Helden Untergang bestimmt war. Was sie sagte, war mangelhaft artikuliert, aber darauf kam es auch kaum an. Ihr Gebärdenspiel war das Wesentliche. Der Gamelan unterstreiche die Gefühlsäußerungen nicht empfindsam genug, meinte der Prang-Wedono, der mit seinen Musikanten durchaus nicht zufrieden zu sein schien. Hin und wieder erklärte der Dalang etwas, während er mit seinem hölzernen Klöppel den Rhythmus markierte. In dem Zuschauer wurden Furcht und Mitleid geweckt. Gewiß beging der Prinz Kassatrya einen großen Ungehorsam gegen seinen Vater und König, indem er Angreni heiratete – und seit anderthalb Jahren wohnte er nun fern mit ihr in seinem eigenen Palast, dieser Prinz, der von Kindheit an seiner Base, Prinzessin Schartadj, verlobt war! Während dieser ganzen Zeit seines Ungehorsams hatte er seinem Vater, dem König, seine Aufwartung nicht gemacht. In seiner Sphäre gelten solche Dinge als Verbrechen gegen die Weltordnung, die Götter und Könige eingesetzt hat. Wer solche Verbrechen begeht, macht sich einer Sünde schuldig, die bestraft werden muß. Damit ist das tragische Ende erklärt. Ein Prinz, der eine verbotene Liebe über den Gehorsam stellt, den er seinem Vater und Fürsten schuldet, hat eine tragische Schuld auf sich geladen.

Angreni selbst sieht es ein, zu welcher Missetat Kassatrya und sie sich haben verleiten lassen. Sie fleht ihn an, zu seinem Vater zu gehen, ihm pflichtschuldigst seine Aufwartung zu machen und sich lieber von ihr zu trennen, um so des Königs Zorn zu beschwichtigen. Allein noch immer ist seine Liebe übermächtig.

Eine buddhistische Nonne, die Schwester des Königs, naht, um den Prinzen zu ermahnen. Ihr kostbares Kostüm ist von überwältigender Schönheit; es erinnert an das einer Königin, und seine Pracht symbolisiert ihre Heiligkeit, die beinahe göttlich ist. Der Prinz weigert sich beharrlich. Er trotzt sogar der Verbannung, mit der ihm die Nonne im Auftrage des Königs droht.

Von trüben Ahnungen erfüllt, bleibt Angreni allein. Sie fühlt sich gehoben durch die Liebe ihres Prinzen, doch sie weiß: das unerbittliche Schicksal wird sie beide vernichten.

Als Abgesandte des Königs von Kedri, des Vaters, der ihm von Kind auf zugedachten Prinzessin, treten deren beide Brüder auf. Von großer Zierlichkeit waren die ganz gleichartigen Bewegungen der beiden Mimen, die sie darstellten. Es war erstaunlich, wie diese beiden Künstler in ihrer Haltung einander so vollständig glichen, und wie die Gleichförmigkeit sich sogar bis auf den gleichen Faltenwurf ihrer Gewänder erstreckte, dieweil sie in Ehrfurcht vor dem Könige saßen. Mit vollendeter Höflichkeit bestanden sie darauf, daß der Prinz Kassanya ihre Schwester zum Weibe nehmen solle; sie sei jetzt im rechten Alter für die Ehe, und viele Könige begehrten ihre Hand. Kassatryas Vater versicherte ihnen, daß die Vermählung alsbald vollzogen werden sollte.

Endlich erscheint der ungehorsame Kassatrya vor seinem Vater. Der erzürnte, heldenhafte König und der nun gefügig scheinende Prinz stehen einander in prächtigen Wajang-Posen gegenüber. Eitel Zorn und Starrsinn, doch beides versteckt hinter der Nachgiebigkeit des Vaters und dem scheinbaren Gehorsam des Sohnes. Allein sobald an Kassatrya die entscheidende Frage gerichtet wird, ob er seine Base zur Gemahlin nehmen wolle, weigert er sich. Vater und Sohn trennen sich, ohne einander ihre wahren Empfindungen zu verraten.

Der König ist aufs höchste erzürnt. Er entbietet seinen ältesten Sohn zu sich, dessen Mutter eine seiner Nebenfrauen ist. Wie alle Personen, die in dieser Tragödie vorkommen, spielt auch dieser eine edle Rolle. Verräter oder Bösewichte, die durch impulsive Taten die Handlung vorwärtstreiben, treten nicht auf. Es ist beinahe schon die höchste Sublimierung des Schauspiels; das eigentliche Trauerspiel in dieser Tragödie entwickelt sich nur in den Empfindungen, nur in den Seelen der Personen ... Liebe, Ungehorsam, dazu bei dem Sohn Treue zu seiner Erwählten; beim Vater der Wunsch, ein geheiligtes Gelübde zu erfüllen; bei Angreni Liebe, schmerzliche Wehmut und der Drang, sich zu opfern. Keinerlei dramatisches Geschehen. Alles nur psychologische Entwicklung, und zwar in vollendet feiner Durchführung.

Der entbotene älteste Sohn heißt Raden Ario Bradjamata. Sein Auftreten ist episch und kriegerisch, aber auch er wird insofern dramatisch, als ihm sein Vater einen Dolch reicht – die »Rote Flamme« –, damit er die Tugend und Größe des Reiches bewahre. Der Held weiß, was das zu bedeuten hat: ihm wird es obliegen, Angreni zu töten. Er fleht um Erbarmen, für sich und für sie. Der König aber bleibt unerbittlich. Das heilige Versprechen muß eingelöst, die Weltordnung muß unerschüttert bleiben. Der Held kann nicht ungehorsam sein wie sein Bruder, der Sohn der Königin und Thronfolger. Er begibt sich also zu Angreni.

Wir sehen sie in höchster Erregung. Sehr fein brachte die Künstlerin das Bangen zum Ausdruck, mit dem sie ihren Gemahl zurückerwartete. Er kommt nicht ... Träume haben sie geängstigt. Sie hat ihre eigene Hochzeitsfeierlichkeit wiedergesehen. Allein es regnete Blut vom Himmel. Die schmerzliche Angst in dem süßen Gesichtchen, die zitternden Bewegungen der schlanken Arme und Händchen brachten dies alles ungemein ergreifend zum Ausdruck.

Bradjamata tritt auf. Er sagt ihr, der Kronprinz sei vom Könige entsandt, um in der Tiefe des Meeres nach Gold zu suchen. Nach dem Golde des Gehorsams und der Tugendhaftigkeit in dem stürmenden Meer menschlicher Leidenschaften? Ich weiß es nicht.

Und er selber sei gekommen, sie zu holen, da sein Bruder dort drüben am Meere es nicht aushalten könne, ohne sie, Angreni, zu sehen.

Sie hat verstanden. Sie durchschaut alles. Sie gewahrt in Bradjamatas Gürtel zwei Dolche: seinen eigenen und die »Rote Flamme«. Dem Schicksal kann sie nicht entrinnen ... Ein Palankin wird herbeigetragen, sie steigt ein – – Und wie sie diese Sänfte bestieg, die sie zum Tode führte – sie wußte es, ohne daß ein einziges Wort darüber gesprochen war –, das trieb einem die Tränen in die Augen, so rührend war ihr Spiel.

Sie wird hinweggetragen. Bradjamata folgt. Nachdem sich die Tür ihres Palastes geschlossen hat, brechen ihre Dienerinnen in lautes Schluchzen aus.

Ihren Tod haben wir nicht gesehen. Haben nicht gesehen, wie der ungehorsame Prinz Reue zeigte, nicht, wie Bradjamata, der gehorsame Prinz, während seines ganzen weiteren Lebens als Einsiedler Buße tat.

Vermutlich hat die Weltordnung, haben Autorität und Gehorsam gesiegt. Die javanische Tragödie stellt andere Anforderungen als die griechische. Das Opfer hat die Götter versöhnt. Die zarte, süße Angreni, die unschuldige Urheberin des Verbrechens, ist geopfert. Und weil die Götter trotz allem erbarmungsvoll sind, fiel sie nicht durch den Streich eines Meuchelmörders, sondern von der Hand eines Helden und Kriegsmannes, der den Dolch »die Rote Flamme« führte.

Das war ein ungewöhnlich schönes Schauspiel, obwohl es mit Rücksicht auf unsere europäische Ungeduld stark gekürzt war. Und ich fühlte mich besonders bewegt, weil in diesem Trauerspiel trotz allem die Frau und die Liebe verherrlicht wurden. Und weil alle Javanen diese Prinzessin oder Göttin Dewi Angreni so zu lieben und zu beweinen scheinen, wie Europäer Shakespeares Desdemona oder Ophelia lieben und beweinen.

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