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Unter Javas Tropensonne

Louis Couperus: Unter Javas Tropensonne - Kapitel 20
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authorLouis Couperius
titleUnter Javas Tropensonne
publisherDeutsche Buchgemeinschaft GmbH
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translatorElse Otten
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V

Der Tee

Wir haben Bandoeng zum Ausgangspunkt einiger Autofahrten gewählt. Wenn auch die Wege in den Preangergebieten nicht vorzügliche Fahrstraßen sind wie in Sumatra, so nimmt man doch einen Ruck und einen Stoß gern mit in Kauf, weil die Natur mit ihrer überwältigenden Schönheit einen zwingt, beständig hierhin, dorthin, überallhin zu schauen, so daß man an nichts anderes denken kann. Stets umringt einen die Kette der Bergriesen, und wenn auch die Berglandschaft, sobald wir erst einmal in Garoet angelangt sind, unser Interesse ausschließlich in Anspruch nimmt, so bieten doch inzwischen die verschiedenen Fahrten durch die Kampongs und an den Reisfeldern entlang nach Soerang, Batoedjadjar, Tjimahi, nach den geheimnisvollen, tief schäumenden Dagowasserfällen unvergeßliche Eindrücke von diesem Lande und seiner idyllischen Lieblichkeit. Das Große offenbart sich hier in Tausenden von Schattierungen. Ich habe es nie begriffen, wie man dieser Natur Eintönigkeit vorwerfen kann, denn insbesondere in dieser Regenzeit zeigen die finsteren Waringins und die Bibit-Reisfelder alle Schattierungen vom dunkelsten Grün bis zum allerzartesten Hellgrün, und auch das Blau der Berge, des Himmels und der Sawah-Wasserspiegel, in denen sich Berg und Himmel wie Pisang und Kokosbaum klar und hell widerspiegeln, weist unzählige Nuancen auf.

Heute fuhren wir über Pangalengan nach Malabar. Dereinst war hier »Rimboe«: Urwald. Der Mensch ist aber nun einmal nicht dazu geschaffen, stets im Urwald zu leben, obwohl solch ein primitives Dasein vielleicht sehr günstig auf sein absolutes Glück einwirken würde. Der Mensch ist dazu geschaffen, das wilde Aussehen der Erde zu kultivieren. Waringin und Klimbamboe, die ihre Wurzeln aus der Luft herabsenkten, waren hier mit Riesenschlingpflanzen durcheinandergeflochten; Königstiger und Panther lauerten inmitten dieser grünen Wirrnis. Es war noch immer so, wie es vor Jahrhunderten schon gewesen war, vielleicht schon seit dem Fall Adams, des Gärtners, seit dem die Paradiesesnatur verwilderte. Das alles war zwar von elementarer Schönheit, doch für den Menschen ohne jeden Nutzen.

Darum unternahm es Herr Bosscha, dieses Land urbar zu machen und in den Hainen von Malabar Tee zu pflanzen. Und zwischen seinen Teefeldern, den Malabar-Unternehmungen, über die er als Hauptadministrator das Zepter schwang, ließ er den Urwald, in dem er, der »Pionier«, zur Zeit seiner ersten, noch halb phantastischen Projekte dunkle Tage und noch dunklere Nächte verbracht hatte, stets unangetastet. Die Tiger zogen sich zurück. Die Kultur siegte: die Kultur des Tees. Die Geisha von Malabar, keine japanische, wohl aber eine schöne, blühende javanische Dewi, ward durch Zauberkraft geboren, und nun herrscht sie über diese Hänge des Berges Malabar, dem die großartige Unternehmung auch ihren Namen »Malabar« entlieh, und wird noch lange darüber herrschen.

Wir begaben uns nach Tanara, in die Teefabrik. Hier sind zwar auch Männer tätig, aber im großen und ganzen ist es ein Frauenstaat: mehr Arbeiterinnen als Arbeiter. Auch das Pflücken, das wir schon tags zuvor in den Gärten beobachtet hatten, wird – an den höheren, an niedrigeren und gestutzten Bäumen – von Frauen besorgt, und es ist interessant zu sehen, wie sich die behenden Finger all dieser Mitglieder des »Teeharems« an den zarten Blättchen zu schaffen machen. Gegen vier Uhr bringt die Pflückerin alles, was sie geerntet hat, in Tücher gehüllt herein. Da wird sie empfangen mit Gamelanmusik, deren klare, gläserne Töne über einem verdeckten Gestell erklingen. Mir erscheint das wie eine zarte Huldigung. Was die Frauen gepflückt haben, wird in Körbchen abgewogen. Sie werden nach Gewicht bezahlt; die Wage ist sehr praktisch eingerichtet und zeigt sogleich die Summe in Cents an, so daß keinerlei weitere Berechnung notwendig ist, weder für die Pflückerinnen, die an den niedrigen Sträuchern gearbeitet, noch für jene, die mit soviel größerer Anstrengung von den höheren Bäumchen geerntet haben. Die noch feuchten Blätter müssen, auf Gestelle geschichtet, während der Nacht »verflensen« (welk werden) – so sagte uns der Administrator, der uns herumführte –, und das bekannte Teearoma, das uns überall umschwebt, ist dem Fermentationsprozeß zu verdanken. Hier ist ein großer Fächer, » fan«, der Zugluft über die Regale treibt, dort eine Batterie von »Rollers« – was für eine imposante Maschinerie, und das alles, um uns den duftenden Tee zu schaffen! Von zwei metallenen Riesenhänden werden da die Teeblätter zerrieben, zerrieben, immer feiner zerrieben, und dann müssen die Blättchen, die so um und um gewälzt sind, in der freien Luft trocknen. Dort stehen die Trockner – Maschinen, die aus England stammen –: warme Luft entzieht den nun ganz verschrumpelten Blättchen die letzte Feuchtigkeit. Da drüben sieben und sortieren die Frauen den Tee. Sie haben sich zum Schutz gegen den Staub das Haar mit bunten Tüchern umwickelt. Die grünen Blätter und Stiele entfernen sie; daraus wird der »Volkstee« hergestellt, den alle Arbeiter für ein dubbeltje (zehn Cents) gern erstehen, denn sie wissen, daß dieser erfrischende Trank unschädlicher ist als das ungekochte Wasser aus dem Flusse.

Ich sehe, wie die Sortiermaschine die Blätter ganz fein zerschneidet und aus den rotierenden Sieben verschiedener Größe die verschiedenen Sorten regnen: Souchong oder Bohea. Dort wird in einem turmartigen Behälter mittels des Fächers aller Staub herausgesogen, und es fällt der ganz reine Pekko oder Perkoe herab, aus dem die Frauen nur noch die letzten roten Stiele herauszusuchen brauchen.

Es kann unser holländisch-indisches Herz nicht gerade befriedigen, daß dieser Tee nach England gebracht und dort mit »Ceylon« vermischt wird, weil man seine Qualität nicht als gut genug erachtet, um ihn unvermischt in den Handel zu bringen.

Auf dem Rückwege nach Bandoeng fuhren wir an verschiedenen Lotosweihern entlang. Die Blüten und Knospen der rosenroten, hochstieligen Blumen wurden von nackten braunen Knaben, die durch das Wasser wateten, für uns gepflückt. Zwischen den Kampongs liegen diese Weiher voll seltsamer und überraschender Schönheit, und die weißen Wolken am mattblauen Himmel spiegeln sich darin zwischen den Blumen.

Wir sind am Meer von Lélés entlang nach Garoet gefahren. Das Lélés-Meer hatte ich schon vor zwanzig Jahren gesehen. Damals hatte es, von großen, düsteren Fledermäusen, »Kalongs«, umflattert, einen sehr seltsamen Eindruck auf mich gemacht. Nun ich seinen tiefen Wasserspiegel wiedersah – aber an jenem Morgen keine Kalongs dort waren –, enttäuschte es mich, schien es mir wie ein unbedeutender Tümpel mit einer kleinen Insel darin.

Seltsam, wie solche Stimmungen, die das Anschauen, die Betrachtung der Natur in uns weckt, von den kleinsten Nuancen, von Licht und Schatten, Widerschein oder Nachglanz abhängig sind.

Die riesigen Berge stehen rings um uns. Wir langen in Garoet an – und auch Papandanjan, Goentoer und Tjikorao winke ich aus nun wieder frohem Herzen einen Huldigungsgruß zu: zwischen diesen drei Königen will ich gern ein paar Tage verweilen.

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