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Unter Javas Tropensonne

Louis Couperus: Unter Javas Tropensonne - Kapitel 2
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authorLouis Couperius
titleUnter Javas Tropensonne
publisherDeutsche Buchgemeinschaft GmbH
year
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Erstes Buch

Sumatra

I

Sabang – Auf Sumatras Boden – Steinkohlen – Ein neuer Haustypus – Der Hafen von Sabang

Die Reise neigt sich ihrem Ende zu. Morgen schon sollen wir in Sabang sein. Ist das möglich? Um das Reisen ist's etwas Wehmütiges. Jeden Tag stirbt ein klein wenig, ein ganz klein wenig von dem dahin, was wir lieben gelernt haben. Eine Seereise bedeutet zwar, wenn das Wetter schön ist und die Passagiere sich nur von der angenehmsten Seite zeigen, in unserem Leben nicht mehr als eine Episode. Aber auch eine solche Episode kann ihren Reiz und ihren Wert haben.

Alles geht so rasch – so rasch, daß meine Feder dem nicht zu folgen vermag, was mein Geist in sich aufzunehmen und was meine Augen zu schauen bemüht sind. Diese Seefahrt bedeutet ein Ausruhen. Heute, am letzten Tage, fahren wir gen Sabang – dann geht es in Belawan (Deli) an Land, und dann beginnt die Arbeit, der meine ganze Reise gilt.

*

Noch an Bord sollen viele Beamte und Offiziere von Regierungs wegen erfahren, wohin sie versetzt worden sind. Das ist für sie noch während der ganzen Überfahrt ein Geheimnis geblieben. Ein merkwürdiges Gefühl muß das für alle diese Gatten und Väter sein, eine Reise anzutreten, ohne zu wissen, wohin sie geht. Doch sie alle sind an derartige Schicksalsfügungen gewöhnt ... Habe ich je einen darüber klagen hören?... Kaum. Und noch nicht einmal in Sabang wird ein jeder erfahren, wohin er sich zu begeben hat. Ein paar dänische Stabsapotheker sollen ausgeschifft werden – die scheinen also irgendwo in Atjeh Verwendung zu finden. Einer von ihnen liegt noch krank an Bord ...

Das Ende dieser Reise stimmt mich irgendwie traurig. Ich weiß eigentlich nicht, warum. Mittlerweile haben wir die blauen Silhouetten von Poeloe Veras bewundert – und von Poeloe Wei, wozu Sabang als Hauptort gehört: das »Eiland des Windes und des Sturmes«. Er scheint hier allzeit zu wehen – wenigstens behaupten das die Seeleute.

Grün und golden schimmert die Küste. Die noch junge, aber blühende Hafenstadt mit ihren schwarzen Kohlenschuppen macht einen ganz eigenartigen Eindruck: man wird an europäische Initiative und Tatkraft erinnert in einem Lande und einem Klima, das die Götter doch einzig und allein zu träumerischer Beschaulichkeit erschaffen zu haben scheinen.

*

Sabang! Wir legen an, ich setze zum erstenmal den Fuß auf den Boden Sumatras.

Merkwürdig, wie einen so etwas berühren kann. Erst noch die Landungsbrücke, dann ein Stück Weg zwischen schwarzen Kohlenbergen, und dann plötzlich die grün-goldene tropische Pracht der Kokospalmen, über die eben ein Regenguß niedergegangen ist ... Drüben über die Berge zieht sich der geheimnisvolle »Rimboe«, der Urwald. Kein Lüftchen: wo ist der Wind von Poeloe Wei?

Dies ist Sumatras Boden. Hier war ich noch nie.

Dort hinter jenen Bergen liegt Atjeh, das Land, in dem wir jahrelang kämpfen mußten. Schon an Bord sagte man mir, daß es schade wäre, wenn ich nicht dorthin ginge. Ich selber täte es ja gern. Aber es ist unmöglich, in einen so vielfältigen Reiseplan alles mitaufzunehmen, was irgendwie von Interesse ist. Dennoch empfinde ich, während wir an der fernen blauen Küste vorübergleiten, etwas wie Reue.

*

Sabang ... Vor ungefähr zwanzig Jahren war diese Hafenstadt ausschließlich »Rimboe« – Urwald, der ganz Poeloe Wei wuchernd bedeckte. Dann, während des Russisch-Japanischen Krieges, lenkte die Lage dieses Eilands die Aufmerksamkeit der Kriegsmächte, besonders Englands, auf sich. Damals lag dort nur eine kleine Besatzung. Aber der General van Heutsz machte die Regierung auf diesen so hervorragend gelegenen strategischen Punkt aufmerksam, auf den es die europäischen Großmächte abgesehen zu haben schienen.

Es wurde eine Aktiengesellschaft »Seehafen und Kohlenstation Sabang« gegründet. Die Mitarbeit der Regierung war gesichert, allein Sabang sollte ein privater Freihafen werden. Wo nichts anderes als Urwald wucherte und zwischen dem Alang-Alang in hohem, wildem Grase Tigeraugen funkelten, wurde nun die Axt, immer wieder die Axt geschwungen. Natur und Mensch führen einen ewigen Kampf, und wer vermöchte zu sagen, auf welcher Seite das größere Recht ist? Wissen wir denn jemals, wer recht hat, wenn zwei sich streiten? Europäische Tatkraft gewann den Sieg. Unter Leitung des Oberingenieurs Vathier Kraane wurden Landungsbrücken angelegt.

Die Kohlentransportmaschinen, die zum Bunkern der Kohlen erforderlich sind, hoben sich mit ihren hypermodernen eisernen Silhouetten, ihren Brückenwerken und ihren riesengroßen Kranen seltsam vom azurnen tropischen Himmel ab. Ein eigentümlicher Effekt, wie ihn alles Europäische, sei es nun aus Fleisch oder aus Stahl, in dieser östlichen Atmosphäre auslöst, in dieser östlichen Natur, die der Westen zu besiegen wähnt. Fühlen wir als Naturmenschen, so bedauern wir es vielleicht, daß allem, was jahrhundertelang schön, wild und ungezügelt, bewußt oder unbewußt, wuchs und blühte, nun Schranken gesetzt werden. Fühlen wir uns dann aber als Geschöpfe europäischer Kultur, die für ihre Ideale kämpfen, so müssen wir, ob wir wollen oder nicht, diese junge Hafenstadt bewundern. – Sabang, dieses herrliche Produkt europäischer Initiative und Tatkraft auf diesem Eilande der Winde am äußersten Ende von Sumatra ...

Kaum war ich in Sabang angelangt, so wurde mir ein Schreiben des Herrn L. C. Westenenk überreicht, des Gouverneurs der Ostküste von Sumatra, der in Medan residiert. In der herzlichsten Weise wurden meine Frau und ich eingeladen, seine Gäste zu sein. Indische Gastlichkeit ist immer noch die gleiche geblieben und bewahrt noch stets ihren alten Ruhm. Die vollendeten Formen unserer niederländisch-indischen Beamten haben stets ihre Tradition gewahrt. Eine beinahe höfische Art hat sich in dieser Gesellschaftsschicht Indiens zu einer Lebenskunst entwickelt, die mir, als ich jetzt nach zwanzig Jahren zum erstenmal wieder den Fuß auf indischen Boden setzte, ganz besonders auffiel.

*

Bleiben wir noch einen Augenblick in Sabang, noch einen Augenblick zwischen der frischen, grünen und goldenen Üppigkeit dieser Baumpracht – der Manga-Bäume, der Nagka-Bäume, die mit großen, reifen Früchten schwer behangen sind –; fahren wir noch rasch im Auto nach dem kleinen Kratermeere, das dort oben auf dem Hügel so lieblich liegt und zum Schwimmen einladet.

Ich sehe hier zum erstenmal einen neuen Typ niederländisch-indischer Häuser. Der alte Typ zeigte eine Vorder- und eine Hintergalerie, jede mit sechs Säulen, beide miteinander verbunden durch eine Mittelgalerie, in der es meist ziemlich dunkel war; auf sie mündeten die Schlafzimmer. Dem modernen Menschen in Indien genügt dieser Typ nicht mehr. Ob sie recht haben, möchte ich noch dahingestellt sein lassen. Ich bin noch zu kurze Zeit hier, um dies beurteilen zu können. Das moderne indische Haus ist mehr im luftigen Villenstil gehalten. Es ist einstöckig. Die »Vordergalerie« – wenn man sie überhaupt noch so nennen darf – gleicht eher einer nicht ganz offenen Halle. Alles ist intimer, dafür aber auch weniger geräumig. Ich habe mir sagen lassen, daß diese windstillen Abende eine Ausnahme bilden, und daß es in der Regel ziemlich stark weht – auf Sabang und auf dem kleinen grünen Eiland, das der holländische Seemann nicht anders nennt als Poeloe Wei – »Wind«. Möglich, daß sich diese geräumige, hohe, weiße » hall«, in der keine Vorhänge angebracht sind und nur ein paar Möbel stehen, gegen das alles durchdringende Element besser abschließen läßt. Auch die Hintergalerie, in der wir speisen, ist dichter verschlossen, als es bei dem alten Haustyp der Fall zu sein pflegte.

Wenn man seit zwanzig Jahren nicht mehr in Indien gewesen ist, wundert man sich sehr über diese neue Bauart. Die ersten Pioniere der Ostindischen Kompagnie bauten auch in Indien das geschlossene Amsterdamer Haus, dem man jetzt noch in Batavias altem Stadtteil begegnet. Später entschied man sich für den Typ des geräumigen, offenen, nun schon wieder »altmodisch« gewordenen Hauses mit Säulen und niederem, zurücktretendem Dache; die modernen ziehen wieder einstöckige, behaglichere Wohnungen vor. Die junge Hafenstadt Sabang hat sehr rasch an Bedeutung gewonnen, seit auf Veranlassung der Regierung die großen Schiffe der Gesellschaft »Nederland«, der Paketfahrt-Gesellschaft und des Rotterdamschen Lloyd dort anlegen. Und die Geltung von Sabang wurde immer größer und größer. Die Schiffe mußten ihre Ladung löschen und neu befrachtet werden. Dazu waren viele Menschen erforderlich. Besonders die Bewohner des an der Westküste von Sumatra gelegenen Eilandes Nias erklärten sich hierzu gern bereit. Es wurden Quartiere für sie eingerichtet. Sollte nun noch immer der Deli-Tabak nach Batavia transportiert und von dort weiterexportiert werden? Nein – von Deli wurde er jetzt nach Sabang geführt.

Indes: die Hafenwerke, deren Bau in Belawan, dem Hafenort von Medan, der Hauptstadt von Deli, begonnen worden ist, werden in absehbarer Zeit allen Deli-Unternehmungen diesen eigenen Hafen sichern, und aller Wahrscheinlichkeit nach wird das für Sabang einen ziemlich großen Nachteil bedeuten.

Einstweilen ist es der einzige Privathafen, der zugleich Freihafen ist. In Singapore, das ebenfalls Freihafen ist, fehlen noch immer die mechanischen Kohlenladevorrichtungen; Sabang hingegen ist mit den modernsten Systemen des Kohlentransportes ausgestattet worden. Daneben aber hat man auch die älteren Systeme beibehalten, weil ältere Schiffe nicht immer das »verschlucken« können, was die mechanischen Transporteure ihnen einverleiben möchten. Ein Bunkerschiff bedient dann noch die Schiffe von der Außenseite, vom Nasser her. So sahen wir, wie der »Tjisondari« – ein Dampfer der Java-China-Japan-Linie – sowohl durch mechanische Ladevorrichtungen über die Landungsbrücken hinweg wie auch durch die Arbeit der Kohlenträger von solch einem Schiffe aus an der Wasserseite mit Kohlen versorgt wurde.

Ich sehe noch das schwimmende Trockendock, in dem das Regierungs-Baggerschiff »Sumatra« zur Reparatur liegt, und die Werft, in der Schiffsreparaturen vorgenommen, aber auch Maschinen, ja sogar kleinere Schiffe gebaut werden. Drüben der Schuppen für das Öl der Deli-Petroleum-Gesellschaft und die Tanks ... weiterhin die Kisten- und Bretterfabrik für Tee und »Rubber« – Kautschuk.

Und indes ich das alles betrachte und mir klarmache, daß dieser ganze Komplex der europäischen Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts in kaum zwanzig Jahren entstanden ist, wiederhole ich:

Europäische Initiative und Tatkraft hier am äußersten Ende von Sumatra auf dem Eiland Wei, trotz des östlichen Klimas und der östlichen Atmosphäre, trotz des »Rimboe«, des Urwaldes, der erst überwunden werden mußte, und durch dessen hohes Gras nun keine geschmeidige Tigerkatzen mit funkelnden Augen mehr einherschleichen.

Der Naturmensch möchte um das wilde Getier trauern. Der Kulturmensch aber muß die ungeheuren Anstrengungen und das Resultat bewundern, das er vor Augen sieht.

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