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Unter Javas Tropensonne

Louis Couperus: Unter Javas Tropensonne - Kapitel 16
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authorLouis Couperius
titleUnter Javas Tropensonne
publisherDeutsche Buchgemeinschaft GmbH
year
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweites Buch

Java und Bali

I

Abschied von Sumatra – Die indische Reistafel – Das Siram-Bad – Die Regenzeit

Frauen von Westjava

Als wir von Fort-de-Kock, wo wir elf Tage geweilt und jeden Morgen einen interessanten Ausflug gemacht hatten, durch die Aneï-Schlucht, am Wasserfall »Quer durch Padang« sausten, hatte die Riesenfahrt »Quer durch Sumatra« ihr Ende erreicht. Wehmütig sahen wir die letzten Minang-Kabau-Häuser und die seitlichen Spitzen ihrer Dächer, ihre bunt verzierten Wände und die Padi-Schuppen zwischen dem Grün von Kokos, Bambus und Pisang verschwinden. Vorüber schon wieder all die Schönheit! Die ganze Größe und Erhabenheit von Sumatra lag nach diesen paar Wochen nun hinter uns – war es ein Traum gewesen, oder war es mehr?

In jedem Falle bleibt die Erinnerung, wird die Erinnerung, solange ich lebe, meinem Gedächtnis unauslöschlich eingeprägt bleiben.

Indessen möchte ich dem, der eine Reise nach Sumatra plant, raten, sich zu beeilen, denn wir haben gerade noch den letzten Abglanz der Minang-Kabau-Schönheit gesehen, und ich fürchte, daß in fünf Jahren auch dies alles verschwunden sein wird, all diese schönen, matriarchalen Häuser aus bemaltem und geschnitztem Holz. Warum ich solche Prophezeiung ausspreche? Ganz einfach deshalb, weil schon seit einigen Jahren das Dach aus Atap-Faser oder Blättern stellenweise durch ein Dach aus galvanisiertem Eisen ersetzt wurde. Solche Geschmacklosigkeiten gibt es schon jetzt hin und wieder mitten in heiligen Kokos- und Bambusgruppen. Schlimmer noch: begegneten wir hier und dort an Weihern mit heiligen Fischen – hab' ich bereits erwähnt, daß diese oft verzauberte Kinder sind? – einer hübschen, kleinen Moschee, die sich in den viereckigen Tümpeln spiegelte, so wurden wir anderswo geradezu von Entsetzen geschüttelt angesichts plumper, sozusagen »aus einem Stück« bestehender Moscheen aus verzinkten Eisenplatten. Die Wände, das nach den Seiten hin zugespitzte Dach: das alles ergab eine eiserne Monstrosität, die gewiß sehr solide und warm wie ein Backofen war, dabei aber von einem Barbarismus und einer Scheußlichkeit, vor der man unwillkürlich die Frage tat, ob sich denn das nicht hätte vermeiden lassen? Hätten die Verwaltungsbehörden der Distrikte, wo diese Häßlichkeiten unsere Augen verletzten, nicht ihren Einfluß dahin geltend machen können, daß der Minang-Kabau-Mann weiterbaute in seiner erzmütterlichen Art, der er bereits seit Jahrhunderten fromm gefolgt war? Anscheinend nicht. Die »Industrie« hat über das Primitive triumphiert. Das verzinkte Eisen trägt den Sieg davon. Die schönen Häuser verfallen schon, schwinden täglich mehr und mehr dahin, und wenn sie hin und wieder doch noch im alten Stil und mit Atap-Dach neuaufgebaut werden, so sind sie doch immerhin schon ganz »modern« ausgeschmückt, und ich wiederhole: nach Ablauf von fünf Jahren werden alle Häuser, alle Moscheen in den Oberlanden von Padang neuerbaut und mit verzinkten Eisenplatten gedeckt sein, und die zarten, farbigen Häuschen und die wunderbaren Juwelenschreinen gleichenden Padi-Schuppen werden der Vergangenheit angehören. Ich will von diesen Abscheulichkeiten loszukommen suchen wie von einem Alpdruck.

Das Städtebild wandelt sich im Laufe der Jahre; auf dem Königsplatz in Batavia, wo früher eine stilvolle Rasenfläche sich breitete, der gewaltige Aloon-Aloon, und wo bei klarem Wetter die blauen Linien des Salak und Gedeh sich nach Süden hin vom Himmel abhoben, ist ein Hotel entstanden, eine Rennbahn, ein Vergnügungspark, und verschwunden ist der früher so vornehme Eindruck.

Ich muß nun ein paar Worte über die indische »Reistafel« sagen. In Indien besteht – leider – die Neigung, das ganze Leben zu europäisieren. Diese Neigung ist aus Singapore über Medan, diese ganz junge Pflanzerstadt, die eigentlich kaum noch »indisch« zu nennen ist, herübergekommen und hat sich in den letzten Jahren auch in Sumatra und Java stark ausgebreitet. Zu dieser Europäisierung gehört insbesondere die beinahe völlige Abschaffung der Reistafel. Während die Reistafel früher allgemein als der offizielle landesübliche »Lunch« galt, ist es in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren – wer mag damit begonnen haben? – Mode geworden, sie herablassend als ungesund und »indisch« zu bezeichnen. In den Hotels zu Sumatra bekommt man also als Lunch eine Mahlzeit, die oft aus Erbsensuppe, »Hochepot«, Boeuf-braisé, Wurst mit Kohl und Kabinettpudding besteht. »Reden Sie bloß nicht von der Reistafel,« wurde mir entgegengehalten, »die schaffen wir ab! Das ist das einzige Mittel, um nicht ganz ›indisch‹ zu werden.«

Mir kam das recht komisch vor. Um nicht »indisch« zu werden, d. h. nicht zu schwerfällig, nicht zu stark, nicht zu faul, schafft der Europäer die gewürzte Reisspeise ab und fordert einen Lunch, wie er ihn zu Hause kaum jemals bekommt – schwere Winterkost, wie sie ihm nur nach ein paar Stunden Schlittschuhlaufens munden könnte. Auf diese Weise verzehrt er täglich zwei regelrechte üppige Diners. Fleisch war in Indien früher nicht beliebt. Man aß täglich einmal, zur Hauptmahlzeit, etwas Gebratenes, bei der Reistafel aber wurde das nicht immer sehr weiche und zarte Fleisch durch pikante Zubereitung schmackhafter gemacht. Ich persönlich halte diese Abschaffung der Reistafel in den Hotels und in den meisten Privathäusern für einen großen Fehler, einen Fehler der Lebensweise, der insbesondere im Hinblick auf das Klima, diesen großen Feind des Europäers in Indien, nicht gemacht werden dürfte. Wenn der Europäer gesund bleiben will, braucht er die Reistafel unbedingt. Die stark gewürzten Nebenspeisen sind, mit Maßen und mit gastronomischem Verstand genossen, durchaus bekömmlich und zweckmäßig – sonst hätte sie ja auch der Eingeborene nicht erfunden. Und wer behauptet, daß die Reistafel vom Übel sei, der versteht eben nicht ihren eigentlichen Sinn. Es gibt viele Holländer, die sich schon jahrelang in Indien aufhalten und doch die Reistafel nicht richtig zu essen verstehen. Sie häufen Reis, Gemüse und Fleischstücke, »Sambals«, in Massen auf ihren Teller und machen sich daraus eine potrida zurecht. Es schmeckt dennoch ... ebenso wie Nassigoreng, gebackener Reis, schmeckt. Aber auf dem Teller sieht solch ein Durcheinander, solch anscheinend unverdauliches und geschmackverwirrendes Allerlei, zum mindesten höchst unappetitlich aus. Wer auf solche Art Reis ißt, wird auf die Dauer nicht gesund bleiben und sich alle Freude an der Reistafel verderben, zudem aber auch riskieren, daß sein tüchtiger Koch (wenn er einen solchen hat) bei sich denkt: »Wozu soll ich mir soviel Mühe mit dem Mengen und Zubereiten meiner Boemboe (Kräuter) machen, wenn mein Toean (Herr) die verschiedenartigen seinen Aromas doch durcheinandermengt?« Eine Reistafel mit Genuß zu essen, ist eine besondere Kunst. Man nehme nicht zuviel Reis auf einmal (Nachfüllen ist gestattet!). Man wähle mit Sorgfalt etwas aus der Fülle der Gerichte. Man sehe zu, seinen Reis solange wie möglich weiß und unvermengt zu lassen. In eine Tasse gieße man »Sajoer« oder Gemüsesauce. Auf einem Nebenteller ordne man (wie auf einer Palette) die ausgewählten Gerichte. Die verschiedenen, oft sehr stark gefärbten »Sambals« genieße man immer nur in kleinen Mengen – Vorsicht bei dem »Sambal-oelek«, das ist eitel spanischer Pfeffer! – und halte sie vor allen Dingen auf dem Rande des Tellers gut auseinander. Zu jedem Bissen Reis esse man mit Löffel und Gabel ein wenig Huhn, Fisch oder Fleisch zusammen mit etwas von einem der Sambals. Jeder Bissen Reis biete so eine neue Zusammensetzung. Man wechsle mit diesen Zusammensetzungen tunlichst ab – wenn man die Reistafel wirklich richtig zu essen versteht, muß jeder Bissen einen anderen Geschmack haben. Und man esse vor allen Dingen mit Maßen, nicht zu viel und nicht wie ein Barbar.

Daß bei der Reistafel ein Teller und zwar ein Suppenteller benutzt wird – wobei man noch ein Sajoer-Schälchen und zwei Teller neben sich stehen hat –, ließe sich vielleicht beanstanden. Man bedenke, daß der Eingeborene, der mit den Fingern ißt, die richtige Kombination leichter zusammenzustellen versteht, als es uns innerhalb des beschränkten Raumes unseres tiefen Tellers möglich ist. Haben wir aber einmal anstatt des orientalischen Pisang-Blattes diesen europäischen Teller akzeptiert, so sollen wir ihn nicht zu wahllos beladen, zumal diese Mahlzeit, die, wie ich nochmals wiederhole, mit Maßen genossen werden muß, viel eher ein Stimulans für den europäischen Magen ist, als Erbsensuppe, Wurst und Kohl, auf noch so kultivierte Art genossen, es jemals sein können.

*

Wir wollen nun eine Woche in Weltevreden bleiben und uns von dem bunten Leben in Sumatra, von der großen Fahrt »Quer durch Sumatra« ausruhen. Unsere Tageseinteilung ist jetzt die gleiche wie bei jedem anderen Menschen. Wer ist »Jeder« in Indien?

»Jeder« ist Handelsmann, Beamter oder Pflanzer. Den Pflanzer lernten wir bereits in Deli kennen; seine Tageseinteilung ist wohl einigermaßen abweichend von anderen. Früh steht er auf, arbeitet den ganzen Morgen, frühstückt zum zweitenmal sehr früh mittags, ruht einen Augenblick und geht dann wieder an die Arbeit. Die Tageseinteilung des Beamten und des Geschäftsmannes sind einander ähnlicher, wenngleich geringe Abweichungen vorkommen. Doch allen gemeinsam ist der frühe Tagesbeginn. Um sechs Uhr ist eigentlich jeder schon auf. Das ist die Stunde der »Tasse Kaffee«, der traditionellen Tasse Kaffee. Ob ich nun in einem Hotel absteige oder mich in einem Privathause aufhalte: gleich kommt ein junger Bedienter früh mit der Tasse Kaffee. Man sehnt sich ordentlich danach. Sie ist meist aus sehr starkem Kaffee-Extrakt mit kochender Milch zubereitet. Wenigstens sollte die Milch immer kochend sein. Diese Frühmorgenstunde bedeutet die Vorbereitung für den ganzen Tag. Da nimmt man sein Bad – halt! es könnte sein, daß nicht jeder weiß, wie dieses Bad genommen werden muß. Sehr selten nur findet man in Indien eine Badewanne und warmes Wasser, obwohl man glauben sollte, das müßte in einem Lande, wo man soviel schwitzen muß, ein unabweisliches Bedürfnis sein. Das gewöhnliche Bad in Indien ist das »Siram«-Bad. »Siram« heißt: sich begießen. Ein mehr oder weniger elegantes, viereckiges Bassin wird jetzt bis an den Rand mit Leitungswasser gefüllt – früher viel primitiver aus dem nächsten Brunnen. Nun glaube man aber ja nicht, daß man sich in diesem Becken wie in einem kleinen Schwimmbad herumtummeln könnte. Mit Rücksicht auf den, der nach einem kommt, muß man darauf verzichten. Am Rande des Beckens steht der »Gajong«, ein kleiner Handeimer, an dem oben ein hölzerner Griff querüber befestigt ist. Mit diesem Gajong, den man immer wieder aus dem Becken füllt, übergießt man sich im Stehen, nachdem man sich eingeseift hat, erfrischt sich so an dem mehr oder weniger kühlen Wasser, und das Bad ist beendet.

Ich kann nicht behaupten, daß ich diesem Siram-Bad ebensoviel Geschmack abzugewinnen vermag wie der Reistafel. Während ich der letzteren huldige, läßt mich das erstere immer wieder die Badewanne und eine hinlängliche Menge heißen Wassers vermissen. Ich finde es angesichts der sonstigen Europäisierung des indischen Lebens sehr eigentümlich, daß ein warmes Bad und eine Badewanne immer noch seltene Ausnahmen bilden. Auch weiß ich von Engländern und Amerikanern, daß dieses primitive Siram-Bad – nur hie und da findet man wenigstens Einrichtungen zu einer kalten Dusche – sie davon abhält, Indien zu bereisen.

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