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Unter Javas Tropensonne

Louis Couperus: Unter Javas Tropensonne - Kapitel 14
Quellenangabe
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authorLouis Couperius
titleUnter Javas Tropensonne
publisherDeutsche Buchgemeinschaft GmbH
year
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
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XIII

Batak-Frauen – Am Abgrund entlang – Heilige Stiere – Fort de Kock – Berge und Titanen

Nun wir Perapat verlassen, führt der Weg an tiefen Schluchten entlang vom Meere fort. Dort zwischen den Klüften hindurch sehen wir immer noch die blauen Toba-Buchten herüberschimmern und wieder verschwinden. Regenschauer drohen, und oft ist uns, als führen wir einem Wolkenlande entgegen. Doch unser Wagemut wird immer wieder durch ein Lächeln der Sonne belohnt. Die Schauer zogen bald zu unserer Linken, bald zur Rechten vorüber. Und siehe da, jetzt erblicken wir die ersten feuchten Sawah-Terrassen, doch später, in Padang, werden wir sie so schön bebaut sehen, daß ich sie meinen Lesern erst dann beschreiben will. Zwischen den Bäumen – Brotbaum und Aren, Kokos und Pisang, Pinang und Tamarinde – tauchen die Bambushäuschen mit Atapdächern auf, und sie sehen aus wie Schiffe, die auf diesem Blättermeere strandeten; diese Schiffsform der Häuser wird sich auch im Gebiete von Padang, und dort noch schärfer, noch überraschender, zeigen. Dort blaut ein Gebirge, der Pangoepoe-Bao wächst plötzlich aus einem schrägen Regenschauer empor, kein Tropfen hat uns getroffen. Wenn wir nun links einbiegen würden, so träfen wir am Assahan-Fluß entlang auf berühmte Wasserfälle. Doch dieser Weg ist mit dem Auto nicht zu befahren. Traurig zeigt uns unser Chauffeur, Imân wenigstens, in welcher Richtung sie liegen; nicht alle Schönheit ist erreichbar.

Der Weg schlängelt sich weiter: wer vermöchte all seine Windungen zu zählen? Die Batak-Frauen, die zu Markte gehen, schreiten, eine hinter der andern, den Weg entlang; ihr Oberkörper ist frei, die Brust, besonders bei den verheirateten Frauen, ganz enthüllt. Der lange Kain wird um Lenden und Schultern gewunden, oft nach augenblicklicher Laune, nicht immer nach einer festen Regel. Und auf dem Kopf tragen sie ihre Lasten in geflochtenen, runden oder viereckigen Körben, die sie, je nach dem Inhalt, weiter oder enger machen können. Und wie tragen sie diese Körbe, während sie mit wiegenden Hüften und hocherhobenen Hauptes feierlich dahinschreiten.

In Lagobotti besuchen wir die Rheinische Mission, die hier schon seit sechzig Jahren ansässig ist, und die Missionare zeigen mir sehr interessante Tischlerarbeiten in der tadellos eingerichteten Schule für mathematisches Zeichnen. Wie fein sind all diese architektonischen Entwürfe! Auch die Webeschule, wo die Batak-Mädchen unter Anleitung der deutschen Schwestern ihre eigene Aussteuer weben, wird besichtigt. Ach, wenn sie doch nur nicht so à la Dalcroze tanzen und Funiculi-Funicula singen würden! Ja, sogar Oberons Elfentanz und Boccherinis Menuett mußten wir unter diesen Pisang-Bäumen und Palmen über uns ergehen lassen!

Der Weg schlängelt sich weiter. Kilometer auf Kilometer weit stets neue wechselnde Schönheit. Nun, da ich nach Tagen darüber schreibe, erwacht in mir wieder eine Art Heimweh, ein Sehnen nach diesen prachtvollen Wegen. Gefährlich? Ja, wenn die Geschicklichkeit des Chauffeurs nicht über alles erhaben wäre. Haben wir auch nur einen Augenblick an Gefahr gedacht? Es geht bis in den Himmel hinauf und dann wieder hinab auf die grüne Welt. An den Wolken entlang, durch die Wolken hindurch ... Rasch noch bei Baligé ein letzter Blick auf das blaue Toba-Meer und Samosir ... Wir sehen uns um ... Alles vorbei! Verschwunden das Toba-Meer und Samosir, verrauscht das Idyll.

An diesem Tage fahren wir bis nach Taroetoeng, dann soll es weiter durch Tapanoeli nach Sibolga gehen, das ich von einem rasch erstiegenen, hoch gelegenen Punkte aus schon an der Bucht mit all den kleinen Eilanden liegen sah.

Der Weg senkt sich in schlecht und recht gezählten vierzehnhundert Windungen; Tahir möchte den Wagen so gern diesen Weg hinabsteuern, er ist ihn noch nie gefahren. Wir haben ein wenig das Gefühl, als seien wir »Versuchskaninchen« für Tahir. Allein Imân versichert uns, daß er Tahir ganz genau über den Weg Bescheid gesagt habe, und daß es keine Gefahr gäbe, wenn der Chauffeur nur geschickt und vorsichtig wäre. Nun ist Tahir stillbeglückt, nimmt das Steuer in die Hand und fährt uns die vierzehnhundert Wegbiegungen nach Sibolga hinunter.

In der Stadt kaufen wir Benzin in einem chinesischen Toko, der, wie wir später erfuhren, am nächsten Tage durch Brand zerstört wurde.

Und wir fahren weiter. Durch Palmenhaine erblickt man das Meer. Ein Märchen – dieses Meer! Ganz unmittelbar neben uns, zwischen Kokosstämmen und Klapperbaumwipfeln, schimmert es: eine glatte, ruhige Wasserfläche inmitten stattlicher Bäume. Und die Landschaft wird immer weiter und imposanter. Ich besinne mich auf einen Wasserfall mitten unter Nadelhölzern, und dann sehen wir plötzlich wieder eine Schlucht und enge Klüfte, durch die wir hindurchfahren. Und Wolkenlande und Regenschleier!

Im Schlamm wälzen sich Büffel. Sie nehmen ein Moorbad. Wohltuend kühl berührt es ihre schweren Körper. Da liegen sie, massig hingelagert, nur der breitgehörnte Kopf mit den sanften, verträumten Augen ist zu sehen. Wie erstaunlich gutmütig sind doch diese großen Tiere! Ein nackter Knabe lenkt sie mit einem kleinen Rohrstäbchen. Und sie lassen sich willig von ihm leiten. Es sieht fast so aus, als führten auch sie, ebenso wie die Bengal-Rinder, ein Innenleben, das nichts mit all ihrem Arbeiten und Plagen zu tun hat. Oder sollte ich mich schon wieder törichtem Phantasieren hingeben? Warum aber erwacht in mir wieder und immer wieder der Gedanke, daß so ein Büffel, der dort drüben zieht und sich abrackert, an ganz andere Dinge denkt ... daß er ein geheimnisvolles Seelenleben lebt? Liegt das an dem grübelnden, philosophischen Blick des Tieres? einem Blick, den er hin und wieder hinter einem trägen, müden Ausdruck verbirgt, als wolle er nicht, daß man ihm in Augen und Seele schaue? Nein, der Büffel ist nicht nur ein schwerfälliger Dickhäuter; ich kann nicht von dem Gedanken lassen, daß er denkt und grübelt und träumt, daß er ein reiches Innenleben führt, und zwar nur deshalb, weil es ihn gut dünkt, sich so in philosophischer Ruhe von dem nackten Knäblein mit dem Zweige in der Hand leiten läßt.

Alles typisch Bataktische tritt zurück. Kein unreines Schwein durchschnüffelt mehr den Kampong. Mohammedanische Art tritt mehr und mehr hervor. Wir kommen in Padang-Sidempoean an. Dieser Pasangrahan ist ganz unmöglich, aber zum Glück setzt uns der Mandoor wenigstens ein gutes Reisgericht vor. Soll eine solche Reise für den Automobilfahrer erträglich sein, so muß er nicht der Gefahr ausgesetzt sein, in derartig schlechte Pasangrahans zu kommen. Luxus verlangt der gewiß nicht, der solche Fahrt antritt, wohl aber Sauberkeit, denn das ist keine unbillige Forderung.

Draußen unter einem Atap-Dach prüfen die beiden Chauffeure sorgfältig den Motor. Ich würde diesen beiden jungen Leuten seelenruhig alle Motore der Welt anvertrauen.

Am kommenden Tage sausen wir in ununterbrochener Fahrt nach Fort-de-Kock. Elf Stunden saßen wir im Wagen; das war eine Leistung. Aber dank dem Wetter, dank dem Himmel, der Fahrkunst der beiden Götter Tahir und Imân, dem Motor und dem Wagen legten wir unsere elf Stunden ohne den geringsten Zwischenfall zurück. Und diese elf Stunden, von denen uns auch keine einzige zu lang erschien, waren wieder ganz vom Zauber der großartigen, majestätischen Landschaft erfüllt, so daß wir des Schauens nicht müde wurden. Wieviel Schönheiten in Wald und Berg und Abgrund haben wir auf dieser Fahrt durch Kampongs, an Flüssen entlang, vorüber an Wasserfällen und an Weihern mit heiligen Fischen, die unsere Chauffeure erst rasch noch füttern wollten – und die ebenso gefräßig wie heilig waren –, wieviel Schönheiten haben wir da »erobert«!

Gegen Abend erreichten wir Fort-de-Kock oder Boekit-Tinggi, wie der Eingeborene es nennt.

Dies sind die Gegenden, in denen das Matriarchat noch gilt, die Lande mit den ganz besonders schönen Minang-Kabau-Häusern und den seltsamen Sitten, die Oberlande von Padang, die von Merapi und Singalang beherrscht werden, den beiden Vulkanen, die von der Legende als Braut und Bräutigam bezeichnet werden. Dies ist das Ziel unserer Riesenrekordfahrt: »Quer durch Sumatra.«

Wie verlockend, nun in Fort-de-Kock etwa zehn Tage bleiben zu können, morgens eine von den vielen interessanten Touren zu unternehmen, im übrigen aber den Riesen und die Riesin, Merapi und Singalang, zu beobachten, wenn er in Glut steht, wenn sie sich in ihre Nebel hüllt und sie wiederum fallen läßt. Auch der Ophir, in dem einst Salomo, wie eine Sage (im Widerspruch mit einer anderen) berichtet, seine Goldminen anlegen ließ, erhebt sich aus violettfarbenen Regen- und Sonnenschleiern, und zwischen den Flanken dieser Berge wird das Auto nun jeden Morgen zu Grotten und berühmten Bergschluchten oder zum Manindjau- und dem Singkarang-Meere jagen.

Braut und Bräutigam beherrschen Fuß an Fuß den Horizont. Sie neigen sich einander zu, und es ist seltsam, wie Berge, die doch nicht im geringsten an menschliche Formen gemahnen, solche Legenden von titanischer Menschlichkeit und Göttlichkeit zu wecken vermögen. Für den Eingeborenen sind diese Berge gigantische Wesen. Vor Jahrhunderten kämpfte der Merapi mit dem Ophir um die Gunst der Singalang. Es war ein Urkampf von Vulkanen um eine Frau, und erst im Feuer wurde er ausgefochten. Der Merapi vernichtete seinen Widersacher. Und einst werden sich Merapi und Singalang in einer feurigen Umarmung voll Glut und Lava einander nähern. Und dann – so will es ein alter Glaube – wird die holländische Herrschaft in diesen Landen zu Ende gehen.

Die mächtigen Berge neigen sich einander liebevoll zu. Die Braut wartet; der Bräutigam loht vor innerer Glut, hält sich aber noch zurück ... Doch gleichviel, was für wilde Herzenskämpfe diese Bergriesen noch zu bestehen haben mögen: schon hat eine gewaltige Erschütterung die Erde hier durchwühlt. Das »Büffelloch«, eine kolossale Kluft, sieht aus, als sei hier das Felsgestein tief und weit auseinandergespalten, bis hinunter zu einem Tal, das sich mit seinen Felsenwänden windet und wendet. Die Marmorgrotten von Kamang mit ihren steinernen Umrissen von Elefanten und menschlichen Wesen und ihren unaufhörlich vom Gestein herabsickernden Wassertropfen zeugen von anderen, längst vergangenen, erloschenen Leidenschaften dieser Gründe. Das alles war dereinst in ungeheurer Bewegung. Diese jetzt so ruhigen und lieblichen oder starren, versteinerten Linien und Formen sind erst nach ungeheuren Umwälzungen fest geworden. Die Schlucht von Harau wirkt wie ein zertrümmertes Titanen-Kastell, und am düsteren Orte, wo der Wasserfall aus den Schatten herunterstürzt, irren gespenstisch die Orang-Aloes, die Orang-Boenians umher, gehen nachts in Scharen die Helden und Gefallenen um, und selbst unsere Chauffeure wollen hier nur einen kurzen Augenblick weilen, weil sie, die sonst so tapferen, unerschrockenen Burschen, diese weiten und dabei doch düsteren Schluchten, diese steilen Wände, diese weißen Schleier der Wassernymphen fürchten wie alles, was hier seinen unheimlichen Zauber webt ..., so sehr sogar, daß sie nicht einmal warten wollen, bis das berühmte Echo dreimal widerhallt, sondern mit ihrem Wagen weiterjagen, hinaus aus der Schlucht von Harau, in Luft und Licht und Sonnenschein und grünende Weite und zu fernhin ausgebreiteten, leuchtenden Horizonten: in diese realere Welt wollen sie möglichst rasch zurückkehren.

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