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Unter den Linden

Rudolf Stratz: Unter den Linden - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorRudolph Stratz
titleUnter den Linden
publisherEgon Fleischel & Co. Berlin
printrunSechste Auflage
editor
year1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080925
projectid382487ca
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I.

Renntag in Charlottenburg! ...

Die blauen Fähnchen wehen von den Cigarren- und Friseurläden, wo man die Tribünenplätze verkauft, an den Litfaß-Säulen prangen die großen blauen Plakate des Vereins für Hindernis-Rennen, ›Unter den Linden‹ und auf der Friedrichstraße halten die herumziehenden Händler die neueste Nummer der »Sportwelt« feil.

Es ist noch früh. Um zwölf Uhr fangen erst die Rennen an. Aber Berlin W beginnt sich bereits zu regen. Schon rollen vereinzelte Droschken die Charlottenburger Chaussee entlang und befördern Herren in grauen Hüten und gelben Paletots hinaus nach Westend. In immer kürzeren Abständen rollen die mächtigen Wagen der Pferdebahn und immer dichter wird das Gedränge auf ihrem leinwandüberspannten Deck. Die Stadtbahnzüge füllen sich mehr und mehr. Die schwarze Menschenwoge, die alle paar Minuten aus dem Westend-Bahnhof herausquillt, wächst mit jedem neuen Schub an Umfang. Auf der breiten Berliner Straße in Charlottenburg kommen die Leute aus den Häusern, um sich den altbekannten Corso anzuschauen und durch ihre gaffenden Gruppen drängen sich die rüstigen Wanderer, die zu Fuß bis zu dem Rennplatz pilgern.

Das ist ein weiter Weg, aber lohnend bei solchem Wetter. Noch prangt der Tiergarten in den grellen Farben des Septemberlaubes, ein buntes Treiben zieht sich vom Brandenburger Thor in langer Kette hinaus gen Westen und von dem blaßblauen Himmel lacht die Herbstsonne über Gerechte und Ungerechte.


Nicht überall dringen ihre Strahlen hin. Auf der Bühne des Edentheaters herrscht ein ungewisses Dämmerlicht. Grau in grau ist alles ringsum, die staubigen, in die Ecke gerückten Versatzstücke, die Leinwandmassen. die auf den Parkettbänken ruhen und gleich Trauerfahnen über die Logenbrüstungen herabhängen, die Luft selbst, die dumpf und stickig den Raum mit dem eigenartigen Theaterdunst erfüllt. Das hintere Ende des Zuschauer-Raumes verschwimmt völlig, in der Finsternis. Nach vorn wird es allmählich heller. Quer über die Bühne fällt aus einem erblindeten Fenster in der Hinterwand ein einziger schräger Lichtstreifen und malt goldene Kringel über Regietisch und Souffleurkasten.

Man probt da oben. Herren und Damen im Straßenkostüm stehen mit blauen Heften in der Hand herum, sie murmeln einander zu, gehen da und dorthin, blicken wieder in die Hefte und treten zu dem Tischchen, um Bleistiftnotizen in der Rolle anzubringen. Dann stockt die Probe einen Augenblick, die Herren schauen, die Hände in der Hosentasche, vor sich hin, die Damen heben gähnend die Hefte vor den Mund, der Regisseur am Tische aber sieht sich phlegmatisch die Gesellschaft an und wiederholt die stehenden Worte: »Die Kleinigkeit noch einmal!«

Es hat niemand mehr Freude an der Sache. Seit Wochen wird die Novität vorbereitet, das große Ausstattungs-Vaudeville, von dem man sich Wunder verspricht, und noch weiß kein Mensch, wann die Aufführung stattfinden soll. Es ist ein offenes Geheimnis, daß die neuen Kostüme nicht zu beschaffen sind! Die Ausstattung erfordert große Summen, die Lieferanten aber sind mißtrauisch geworden und weigern sich, Kredit zu geben. So spielt man Abend für Abend das alte Repertoirestück herunter. Im Publikum wundert man sich, daß die abgedroschene Burleske so gut geht. Der Kassierer aber weiß das besser. Sonnabend und Sonntag macht sich das Geschäft ja noch leidlich, in der Woche aber werden die Freibillets zu Hunderten versendet und doch ist das Haus kaum halbvoll zu bekommen.

Die Stimmung ist schwül in dem kleinen, schmucken Theater im äußersten Westen der Stadt. Der Direktor ist heute überhaupt noch nicht zur Probe erschienen. In großen Schritten geht er draußen in dem öden Foyer auf und ab, ein vierschrötiger, älterer Mann mit gebeugter Haltung und finsterem Blick. Halb ängstlich, halb erwartungsvoll blicken ihn aus der Entfernung die kleinen Choristinnen, die Theater-Arbeiter und Statisten an. Vorgestern war Gagetag. Ob es wirklich noch einmal Geld giebt? ...

Immerhin ist der Direktor noch da. Das ist doch ein Trost.

»Fräulein Ernesti, passen Sie bitte auf.« sagt der Regisseur drinnen auf der Bühne. »Ihre Sportzeitung können Sie nachher studieren ... Sie haben schon wieder Ihr Stichwort versäumt ... bei den Worten: ›wer klopft so spät ... Mensch oder Geist ... tritt ein!‹ haben Sie durch die Mitte zu erscheinen!«

»Ich finde das Stichwort nicht.« erwidert Fräulein Ernesti, verdrießlich in dem Buch blätternd .... »jeden Tag wird an der Rolle herum korrigiert und gestrichen .... kein Mensch kann daraus klug werden ...«

»Mein Gott ... zweites Bild ... siebente Szene,« sagt der Regisseur und reicht ihr einen Bleistift, »da ... notieren Sie es sich!«

»Wozu die Mühe?« bemerkt eine kleine Blondine schnippisch, die einen Pagen markierend dicht daneben steht, »gespielt wird's ja doch nicht ...«

Ringsum ein drohendes, beistimmendes Murmeln.

»Fräulein Schulz ... ich nehme Sie mit einer halben Monatsgage in Strafe, wenn ...«

»Erst die Gage sehen!« erwidert die Blondine gelassen. Ein stürmisches Gelächter folgt. Der Regisseur klopft wütend auf den Tisch. »Ich bitte um Ruhe ... die Kleinigkeit noch einmal ...«

Aber auf dieser verkrachenden Bühne ist die Disziplin schon seit Wochen erschüttert. Niemand scheint gesonnen, der Aufforderung nachzukommen. »Lassen's uns aus mit dem Schmarrn!« erklingt aus dem Hintergrund eine Stimme, die dem dicken Komiker angehört, »mir probier'n eh schon's zwanzigste Mal!«

»Nun denn ... so fahren wir fort!« ... sagt der Regisseur unsicher. »Fräulein Ernesti ... wenn ich bitten darf ...«

»Ach ... warum denn?«, sagt die Ernesti und klappt ihr Buch zu, »ich kann meine Rolle doch nicht ... «

»Ich auch nicht,« sekundiert die Blondine.

»Weiß der Himmel!« Der Regisseur steht erregt auf – »seit dreißig Jahren bin ich bei der Bühne ... aber dergleichen habe ich noch nicht erlebt ...«

»Wir auch nicht!«, ruft der gereizte Komiker ...

»Vorgestern war Gagetag!« bemerkt die Blondine. Sie weiß, daß diese Bemerkung einen Sturm entfesselt.

»Gagetag!«, tönt's von allen Seiten, – »unser Geld ...«

»Sie werden es bekommen ...«

»Aber wann ...?« viele Stimmen schreien durcheinander.

»Heut Abend streikt Chor und Comparserie,« verkündigt die schadenfrohe Blondine ... »uns gehts nicht besser!«

»Sie brauchen wohl die 75 Mark besonders dringend?« ruft hinter ihr eine spitze Frauenstimme ... »wenn man bloß dreitausend Mark Miete zahlt ...«

»Die Probe ist aufgehoben!« ... Der Regisseur giebt die Schlacht verloren. Er setzt seinen Hut auf und verläßt die Bühne.

Erna Ernesti hat den Skandal mit blassierter Ruhe angehört. Dergleichen kommt jetzt jeden Tag hier vor, aber ihr, dem Stern der Bühne, würde eine Einmischung nicht wohl ziemen. Immerhin ist sie froh, daß die Probe auf die Art ein Ende erreicht. So kommt sie doch noch rechtzeitig zum Rennen.

Draußen im Flur lehnt der Direktor am Fenster. Seine Leute gehen schweigend an ihm vorüber, die meisten, ohne zu grüßen. Er achtet nicht darauf. Angstvoll starrt er auf die kleine eiserne Bühnenthüre, bis endlich Fräulein Ernesti in ihr erscheint. Selbst in diesem Augenblick fällt es ihm wieder auf, wie hübsch sie ist! Eine schlanke, biegsame Gestalt über Mittelgröße, mit tadellosen Chic gekleidet, und dazu das richtige, blendende Bühnengesicht, scharf umrissene, kecke Züge, große sprechende Augen, schmale geschwungene Lippen und lässige Anmut in Haltung und Sprache.

»Liebste Ernesti,« der Direktor tritt flüsternd auf sie zu, »wie stehts? ... Haben Sie Ihren Grafen gesprochen?«

»Noch nicht,« sagt die junge Dame lakonisch, »warten Sie's nur ab!«

»Als ob Sie nicht wüßten, daß der Chor heute Abend streikt, wenn ich die Gage nicht auftreibe,« murmelt der Direktor verzweiflungsvoll ... »und ich kriege kein Geld mehr ... 's ist alles umsonst ...«

»Waren Sie schon bei Krakauer?«

»Giebt nichts ... keinen Groschen ... er läßt mich fallen ... wenn ich nur ein paar tausend Mark bekomme, um den Chor das Maul zu stopfen ...«

»Sie haben doch die Tageskasse ...«

»Ich hatte sie« ... der unglückliche Bühnenleiter sieht vorsichtig um sich ... »vorhin kam wieder der Gerichtsvollzieher ... ich mußte mein ganzes bares Geld hergeben ... wenn die Vorstellung heute Abend nicht stattfindet, kann ich nicht einmal die Billets zurückzahlen.«

»Na schön!« Die Ernesti blickt sinnend vor sich hin, »vor dem Rennen ist mit dem Grafen überhaupt nicht zu reden. Aber nachher, wenn er gewonnen hat ... thut er's schon ...«

»Wie heißt das Pferd?« fragt der Bühnenleiter beklommen.

»Satanella ... er hat es mir zu Ehren so getauft ... nach unserer großen Novität ...«

»Liebstes, bestes Fräulein!«, der Direktor drückt ihre sein behandschuhte Hand, »sehen Sie zu, was Sie machen können ...«

»Es wird schon gehen,« meint die Schauspielerin, »aber Sie wissen ... ich kriege dafür die guten Rollen ...«

»Aussuchen dürfen sie sich, was Sie wollen ... aber schaffen Sie Geld ... so viel Sie können ... «

»Um halb sechs bin ich hier.« Mit flüchtigem Kopfnicken trennt sich Fräulein Ernesti von ihrem Direktor.

Zu diesem sind inzwischen ein paar Männer herangetreten, Abgeordnete des Chors und der Theater-Arbeiter. Die Hüte in der Hand sehen sie den Direktor unsicher an, der sich mit einem plötzlichen Ruck aufrichtet.

»Ich weiß schon, was Sie wollen, meine Herren,« sagte er rasch und leutselig; »noch heute Abend wird die Gage ausgezahlt!«

»Vor der Vorstellung.«

»Vor der Vorstellung. Es ist alles in Ordnung.«

Er glaubt das in diesem Augenblick wirklich, und auch die andern glauben ihm. Gehören sie doch nicht umsonst der Bühnenwelt an, der Welt des Optimismus und des Leichtsinns. Rasch dringt die frohe Kunde durch alle Räume. »Heute Abend«, heißt es überall, »giebts Geld wie Heu!« Wo es herkommen soll, weiß keiner so recht, und das ist gut. Denn bange Zweifel würden doch so manchen beschleichen, wenn er sähe, wie das Schicksal dieser kleinen Welt an den Hufen eines Rennpferdes hängt, einer schmächtigen Stute, die jetzt eben, in Decken gehüllt und sorglich vom Stallburschen geführt, in dem steifen, stelzenden Gang des Vollbluts den Stall ihres Trainers zu Westend verläßt ...

Die paar biederen Leute, die sich an der Vormittags-Kasse ihre Billete holen, schauen scheu und bewundernd Fräulein Ernesti nach, während sie rasch durch den Vorraum hinaus auf die Straße schreitet. Wie geheimnisvoll und romantisch erscheint ihnen die Bühne, wie glücklich die begnadeten Geschöpfe, denen es vergönnt ist, auf den weltbedeutenden Brettern zu wirken!


»Na, Kind ... was machen Sie denn für ein Gesicht?« sagte die hübsche Schauspielerin draußen zu einer Kollegin, die da anscheinend sehr niedergeschlagen auf die Pferdebahn wartet. Sie ist eine recht angenehme Erscheinung, aber ihre blassen Züge sind zu weich für die Bühne und ihr Auftreten ist befangen, fast ängstlich.

»Ach,« seufzte Käthe Krauß, »wäre ich nur am Hof-Theater in Grünstett geblieben! Ich hab' eine Wut auf den Agenten, der mich hierher gebracht hat. Was hilft mir nun die hohe Gage, wenn ich sie nicht bekomme?«

Die andere schaut sie mitleidig, und dabei ein wenig verlegen an. Es ist bekannt, daß die Krauß durchaus solide lebt! Sie haust mit ihrer Mutter, einer verwitweten Steuerrätin oder dergleichen, zusammen in einer bescheidenen Gartenwohnung. Dort kochen sie sich selbst ihr Essen auf dem Ofen, nähen die halben Nächte durch an den Kostümen und während die Rätin morgens das Zimmer fegt, lernt Käthe mit rührendem Eifer an der kleinen läppischen Rolle, die sie in dem neuen Ausstattungsstück spielen soll. Für Erna Ernesti ist dergleichen ein Rätsel. Wenig Talent, gar kein Toupet, dabei noch solide – und das geht zur Bühne! Und sie ist die einzige nicht. Sie hat mehr Leidensgefährtinnen, als man im Publikum glaubt.

»Hören Sie mal, Krauß,« sagte ihre glänzende Kollegin etwas zögernd, »Sie sind ganz gewiß in Geldklemme ... ich sehe es Ihnen an ... da ... ich leih' Ihnen eine Kleinigkeit... geben Sie mir's wieder, wann Sie wollen ...«

Damit drückt sie der andern ein Zwanzigmarkstück in die Hand, die ein abgetragener, an den Nähten mit Tinte gefärbter schwarzer Glace bekleidet und dann setzt sie, als sie bemerkt, wie die Krauß unwillkürlich zusammenzuckt, halb spöttisch dazu: »Nehmen Sie's nur ... ich kann's mir ja von meiner Gage zurückgelegt haben ...«

Ihr Gegenüber weiß natürlich, daß das Geld von dem Grafen Parsenow stammt, dem bekannten Lebemann, der schon Unsummen auf die Ernesti verschwendet hat. Aber sie will sie nicht kränken und dann ... sie braucht es wirklich so nötig. Mit niedergeschlagenen Augen, als schäme sie sich für die andere, steckt sie das Darlehen in das Portemonnaie.

»Na ... Adieu!« sagt die Ernesti. »ich muß jetzt zum Rennen!«

Mit leichten, wiegenden Schritten geht sie ein kurzes Ende die Straße hinunter bis zur nächsten Ecke. Dort hält eine kleine, elegante Equipage, glatt lackiert, mit blankem Geschirr und einem ernsthaften Kutscher, ganz wie es sich gehört. Sie steigt ein. Der Kutscher dreht sich um und faßt an den Hut. »Nach Charlottenburg ... aber schnell!«

Von dem Perron des vorbeifahrenden Pferdewagens sieht ihr Käthe Krauß gedankenvoll nach. Es muß doch wunderbar sein, solch einen eigenen Wagen zu besitzen! Wenn sie einen hätte, müßten aber Gummiräder daran sein ... und der Kutscher müßte eine große schwarze Pellerine tragen. Vielleicht könnte auch noch ein Diener daneben sitzen und herabspringen, um mit abgenommenem Hut den Wagenschlag aufzureißen. Freilich gehörte auch für sie eine entsprechende Toilette dazu. In Gedanken verloren fängt sie an sich ein reizendes Herbstkostüm zu komoniren, bis ihr plötzlich der vor ihr lehnende und sie unverwandt anstarrende Student eine dicke Tabackwolke ins Gesicht bläst, daß sie erschrocken zusammenfährt ...


Erna liebt es, schnell zu fahren. Auf das Pferd kommt es nicht weiter an. Schlimmstenfalls kauft ihr Parsenow ein neues. Blitzschnell rollt der Wagen durch die breiten Avenuen des Westens, über die Friedrich-Wilhelm-Straße hinein in den Tiergarten. Eine herbe frische Luft weht ihr entgegen, die Sonne flimmert in dem bunten Laub und schläfrig lehnt sich die Schauspielerin in die Kissen zurück. Komisch, wie Erinnerungen zuweilen so ganz unvermittelt auftauchen ... die Begegnung mit der Krauß muß sie darauf gebracht haben. Sie sieht wieder eine finstere Hofwohnung vor sich, weit draußen in einer Mietskaserne der Rosenthaler-Vorstadt, sie hört wieder die heisere Stimme des Vaters, wenn er betrunken des Abends heimkehrte, das Keifen der Mutter, das Wimmern der kleinen Geschwister. Und dann das öde Passementerie-Geschäft, in dem sie zehn Stunden täglich hinter dem Laden stand und die Kunden bediente und auf der Leiter auf und nieder stieg. Sie sieht auch den bebrillten, magern Studenten vor sich, mit dem sie ihr erstes Verhältnis hatte. Gott – war das ein Rauhbein! Unwillkürlich muß sie lächeln bei dem Gedanken, wie vergnügt sie beide waren, wenn sie im Qualm des American-Theaters saßen oder beim Eierhäuschen gondelten, um dann mit der Stadtbahn dritter Klasse zurückzukehren ...

Doch da: ein Rasseln um sie her ... Stimmengewirr ... Menschen ringsum. Sie sind am großen Stern angelangt und schwenken in die Wagenreihe ein, die jetzt in ununterbrochenem Zuge, von einem Wald von wehenden Peitschen überragt, die Charlottenburger Chaussee dahinrollt. Ein Hornstoß ertönt hinter ihr. Ein Viererzug rollt vorbei. Auf dem Deck der Mail-Coach flimmern Uniformen und helle Herrenmäntel. Mit verbindlichem Lächeln grüßen einige der Insassen zu ihr herunter, die andern folgen ihrem Beispiel, und mit anmutiger Kopfneigung dankt die Schauspielerin auf den Gruß, den ihr die Vertreter des Hochadels und der Hochfinanz bieten ...

»Kennst Du die Dame, Kurt?« fragt in der daneben fahrenden Droschke Frau von Braneck ihren Bruder, der schräg auf dem kleinen Klappsitz vor ihr sitzt, mit schimmernder, ganz neuer Ulanen-Uniform angethan und mühsam ein Monocle in dem blutjungen, bartlosen Angesicht balancierend. Der Leutnant blickt seine schöne Schwester etwas verlegen an ... aber schließlich ... sie ist ja Witwe .... schon seit fünfviertel Jahren ... warum soll er es ihr nicht eingestehen, daß er Fräulein Ernesti vom Eden-Theater allerdings kenne! ...

»Oh ... eine Schauspielerin!« sagt Frau Hilda gelangweilt. Ihr Interesse scheint erloschen.

»Ja ... sie ist auch Schauspielerin ...« meint der Leutnant etwas boshaft. Über ihre Beziehungen zu Parsenow schweigt er wohlweislich. Der Graf macht Frau von Braneck schon seit längerer Zeit den Hof, und er, Kurt, der es aufrichtig ehrlich mit seiner Schwester meint, will sie von der Partie nicht abschrecken. Es ist ja wahr ... Parsenow ist ein Roué, dabei aber ein tadelloser Gentleman und ein glänzender Kavalier. Wird er wirklich einmal solide, was vorderhand allerdings keiner seiner Bekannten für möglich hält, so giebt er den besten Ehemann unter der Sonne.

»Ist das eine Welt!« Knurrig schaut der alte Major von Döbeln seine neben ihm sitzende Tochter an, »was sagst Du dazu, Hilda? ... wir rumpeln hier im Mietsfuhrwerk und diese Theaterprinzessinnen fahren in eigenen Equipagen an uns vorbei!«

Hilda erwidert nichts. »Wenn Sie erst wüßte, wer die Equipage gezahlt hat,« denkt Kurt bei sich. Auch der Alte schweigt ergrimmt. Er haßt Berlin! Was er hier sieht und hört, ist ihm ein Greuel. Wie still und gemütlich ist es auf seinem pommerschen Gut, das er sonst jahrelang nicht verläßt, nachdem er den bunten Rock ausgezogen. Wie schön wäre dort jetzt eine Hühnerjagd auf den weiten, trockenen Stoppelfeldern !

Aber er begreift ja selbst, daß es nicht anders geht. Ein Jahr lang hat Hilda nach dem Tode ihres Mannes auf dem einsamen Edelhof mit ihm gelebt und, wie es Brauch, ihre Trauerzeit in voller Zurückgezogenheit verbracht. Die Welt verlangt es nun einmal so, mochte die junge Witwe auch in Wirklichkeit ihrem Gemahl nur spärliche Thränen nachweinen. Denn glücklich war ihre Ehe nie. Die beiden verstanden sich nicht und lebten kinderlos, unfroh neben einander her, bis der kränkliche Herr von Braneck den einzigen gescheidten Einfall seines Lebens, – nach Ansicht seines Schwiegervaters – bekam und alsbald ausführte. Er legte sich hin und starb. Seiner Frau hinterließ er ein schönes Vermögen, das sicher in einer Berliner Bank ruhte, und die goldene Freiheit.

Die Freiheit ist doppelt kostbar, wenn man dazu die Jugend hat, sie zu genießen. Hilda von Braneck war jetzt 27 Jahre alt; aber sie sah jünger aus, eine große, schlanke Blondine mit übermütigen Zügen, mit großen, wissenden Augen und doch ein fragendes Lächeln um die aufgeworfenen Lippen, halb mädchenhaft in ihren Bewegungen, halb frauenhaft gemessen.

Sie liebte Parsenow. Das wußte sie selbst so gut wie jeder andere, den es anging. Daß sie dem Grafen nicht gleichgültig, war ebenso Thatsache. Seit Wochen sahen sie sich jetzt in Berlin auf dem Rennplatz, in Theatern und Gesellschaften. In nächster Zeit mußte die Entscheidung fallen.

So dachte wenigstens der Major. Der Berliner Aufenthalt war ihm nachgerade unerträglich. Unwirsch saß der kleine Herr, wie gewöhnlich kerzengerade aufgerichtet in dem Wagen. Zornig blitzten seine Augen aus dem kupferbraungebeizten Gesicht, der schlohweiße, aufgedrehte Schnurrbart wehte im Winde. Nach seiner Überzeugung war Berlin überhaupt nur von Juden und Demokraten bevölkert, in jedem Begegnenden sah er seinen persönlichen Feind, der bei den nächsten Wahlen ihm zum Tort Bebel oder Richter in den Reichstag entsenden würde.

»Du, Kurt« ... sagt er endlich etwas milder werdend, »wo ist denn das Theater, in dem die Dingsda ... diese Donna von vorhin auftritt ...?«

»Am Nollendorfplatz ... dies Frühjahr eröffnet ...«

»So ... ist das Stück denn hübsch das sie da spielen? ...«

»Gott! ... Tricotsache ...« meint der Leutnant achselzuckend, ... »wem's Spaß macht.«

»Nun ... ansehen könnte man sich schon mal dergleichen ...« der Major wendet sich ernst zu Hilda. »was denkst Du darüber, Kind ...«

Ein flüchtiges Lächeln huscht über Frau von Branecks Lippen. »Gewiß, Papa ... gehen wir hin! Wir haben ja nichts vor heute Abend ...«

Dann blättert sie in der Sportwelt, die ihr Bruder von einem, sich auf das Wagenbrett schwingenden Händler erstanden hat. Mit vielsagendem Lächeln zeigt er ihr eine Stelle unter den Pferdenennungen. Da prangt Satanella: Graf Parsenows dunkelbraune Stute vom Geheimrat aus der Miß Hellyett, 4 Jahre alt, mit 61 1/2 Kilo gehandicapt.

»Oh!«, sagt Frau Hilda »meinst Du, daß sie gewinnen wird?«

»Favorit ist natürlich ›Floßhilde‹, erwidert ihr Bruder, »aber da vorn an der Spitze des Blattes findest Du einen äußerst scharfsinnigen Artikel über die Chancen der einzelnen Gäule.«

»Du ... das verstehe ich nicht«, erklärt nach kurzer Lektüre Frau von Braneck, »was soll denn das um Gotteswillen heißen: ,... so fassen wir doch unser Urteil dahin zusammen, daß, wenn auch ›Floßhilde‹ bei ihrem enormen Stehvermögen sicher die zehntausend Mark landen wird, doch ›Satanella‹ die einzige sein dürfte, die vielleicht auf der Heimreise im Kielwasser der Stute zu leben vermag ... ?‹ Ist das nicht Unsinn?«

»Keineswegs!«, unterbricht sie der Major gereizt, »das heißt: es kann die ›Floßhilde‹ gewinnen oder die ›Satanella‹ oder sonst ein Pferd. Um uns das zu sagen, brauchen die Sportsleute nu mal dreifach so viel Worte wie 'n gewöhnlicher Mensch ...«

»Das stimmt«, meint der Leutnant, »aber es macht sich schön!«

»Satanella muß gewinnen« entscheidet die schöne Frau den Fall, »ich setze zehn Mark auf sie ...«


Zwei starkknochige Orloff-Traber mit fußlang flatternden Schweifen reißen, pfeilschnell die Vorderbeine herausschnellend, im Sturm eine leichte Carosse hinter sich her. An der Reihe der Mietsdroschken vorbei geht die sausende Fahrt, die Equipagen werden überholt und bewundernde Blicke richten sich auf das prachtvolle Gespann.

Ein müder Mann sitzt in dem Wagen; kaum Ende der Dreißiger, aber abgelebt und mit stark gelichtetem Haar. Ohne rechts und links zu schauen lehnt er teilnahmslos da. Es ist, als ob sein Gesicht, seine ganze Gestalt in der Haltung weltmännischer Erschlaffung erstarrt sei. Das ist die wahre, echte Blasiertheit! Manche der jungen, lebenslustigen Leutnants scheinen das bei seinem Anblick zu fühlen. Sie lassen die Monocles fallen und geben die Miene erzwungener Gleichgültigkeit auf.

Plötzlich kommt Leben in den steinernen Gast. Er beugt sich im Wagen vor und lüftet höflich seinen grauen Cylinder. Dann saust die Carosse vorbei.

»Wer grüßte Dich denn eben, Papa?« fragt Frau Hilde neugierig.

»Das« ... der Major streicht sich den weißen Schnurrbart auf, »das ist Dein Bankier, mein Kind, oder vielmehr der Deines Mannes, der Dir Dein Erbe verwaltet ... unter meiner Aufsicht natürlich ... wir hatten erst gestern eine Conferenz ... Er schlug vor, Dir Disconto-Commandit zu kaufen ... was meinst Du?«

»Ach ... davon verstehe ich doch nichts,« Frau von Braneck macht ein etwas gedrücktes Gesicht, »aber – weißt Du – sehr vertrauenerweckend sieht er mir eigentlich nicht aus.«

»Das mag schon sein, Kind,« sagt der Major, »aber es ist eine gute Bank. Harwitz hat sein Geld dort, die Mundlingens, selbst der alte Fuchs, der Graf Rönneburg ...«

» – Ja – weil man da höhere Prozente kriegt« bemerkt Kurt. »Aber wie Du willst,« fährt der Major fort »heben wir das Geld ab ... tragen wirs wo anders hin ... meinetwegen in die deutsche Bank...«

»Ihr müßt das besser wissen.« Hilda sieht immer noch etwas besorgt aus, »... es ist nur so ein Gefühl von mir.«

»Ich werde mich erkundigen« beschwichtigt sie ihr Vater, »ein Vierteljahr muß es ja doch noch liegen bleiben.«

Inzwischen haben sie Charlottenburg hinter sich gelassen und fahren den Berg empor. Immer toller wird das Gedränge um sie, berittene Schutzleute fluchen hinein und fern über dem niedrigen Laubwald zeigen weithin flatternde Fahnen und windverwehte Musik den Rennplatz an.


Wagen auf Wagen rollt da vor. Offiziere mit ihren Damen, Sportfreunde in Massen, Börsianer, denen das Rennprogramm eine noch willkommenere Aufregung bietet als der Courszettel, Buchmacher mit tadellosen Gaunergesichtern, zwerghafte Jockeys, Kriminalbeamte in Civil, staunende Fremde aus der Provinz, Taschendiebe, ein buntes Gewirr in allen Schattirungen von der großen Welt herab bis zur Halbwelt, die in zahlreichen, extravagant gekleideten Vertreterinnen den Platz belebt.

Es leuchtet und flimmert um die hochaufragenden Tribünen. Die bunten Uniformen blitzen, die hellen Damenkleider schimmern auf dem lichtgrünen Plan. Ein leichter Wind spielt mit den vielfarbigen Fahnen, an dem blaßblauen Himmel ziehen kleine weiße Wölkchen schwarze Menschenmassen wogen und pilgern über das Feld zu den billigen Plätzen, weithin bis dort wo die Ebene in violettem Dunst mit dem Horizont verschwimmt. Aus dem Musiktempel klingen die Töne des Intermezzos aus der »Cavalleria« und verklingen klagend und jauchzend über dem wimmelnden Gewühl.

Da zuckt es kurz und rasselnd in dem umzäunten Schalter-Viereck hinter der Tribüne auf. Einmal, zweimal, dann immer häufiger, fast ununterbrochen wie das Feuer einer Schützenlinie. Der Totalisator wird lebendig. Sein Stampfen verschlingt das Intermezzo, es läßt das harmlose Geplauder verstummen und zieht in Hoffnung und Aufregung alles zu sich heran. Die professionellen Sportfreunde drängen sich, ihre Vereins-Karte oder das Totalisatorticket vorweisend, massenhaft durch die Drehgitter. Es ist ein Gewühl, wie um einen Bienenstock am Frühlingsmorgen, wie um ein brennendes Licht, das in der Sommernacht die Motten anlockt.

Und was sind es mehr als thörichte Motten, die Unerfahrenen alle, die hier in den verzehrenden Glanz hineinflattern! Für die paar Sachverständigen eine ernste Spekulation, für die Mehrzahl des Publikums ein aufregendes, kleines Vergnügen, ist der Gang zum Totalisator für manchen andern ein Schritt auf Tod und Leben. Hier versucht der verschuldete Kaufmann, sich noch einmal herauszureißen, der Defraudant, mit einem kecken Entschluß die Unterschleife zu decken. Hier setzt der übernächtige Caféhauskellner seine Trinkgelder ein, der Commis verspielt seinen Gehalt, der Leutnant opfert seine Gage, der Referendar seinen Wechsel und der Himmel mag wissen, wie beide den Rest des Monats durchkommen werden, wenn ihren kühnen Berechnungen fehlschlagen. Und immer wieder rasselt der Totalisator und immer neue Scharen strömen herzu.


Schon hat in Westend das erste Hürdenrennen mit dem Sieg der rotgelben Streifen des » Captain Black« geendet, schon liegt die Charlottenburger Chaussee wieder verödet da, nur durch langsam knarrende Lastfuhrwerke und die Wagen der Pferdebahn belebt, da fährt noch ein Nachzügler durch den Tiergarten den Höhen zu.

Eine hohe, geschmeidige Gestalt, Mitte der Dreißiger, sehnig gebaut, mit einem langen, schwarzen Schnurrbart in dem gebräunten Gesicht, über dem die selbstbewußte Langeweile der high-life wie eingemeißelt liegt. Eine Cigarette qualmt zwischen den Lippen, die lebhaften, scharf blinkenden Augen starren ziellos in das Leere. Graf Parsenow ist offenbar in tiefe Gedanken versunken.

Er hat auch allen Grund dazu ... schon seit mehr als Jahresfrist. Da stellten sich bei ihm die ersten Anzeichen ein, daß er auf der Kippe stehe. Im Leben eines jeden vom Schlage Parsenow kommt dieser kritische Moment. Die Gäule fraßen ihn nach wie vor in ihren Winterquartieren arm, Erna schickte ihm mit gewohnter Gewissenhaftigkeit ihre Rechnungen zu, die Gläubiger legten denselben Wert auf pünktliche Zahlung der Saldis wie sonst, – aber die Einnahmen blieben aus. Das Spielglück hatte sich von ihm gewandt. Er war zu klug, es erzwingen zu wollen, aber er spielte doch und spielte, und zu Ende des Winters war der größere Rest seines schon ohnedies stark zusammengeschmolzenen Vermögens dahin.

In der Renn-Campagne des Frühjahrs blieb der ersehnte Umschwung aus. Wo er seine Pferde laufen ließ, kauerte hinter dem Jokey der Mißerfolg im Sattel. Und mehr und mehr schwand das Geld.

Als er zur Zerstreuung mit Erna um Pfingsten nach Paris fuhr, hatte er noch etwa fünfzigtausend Mark. Das war alles.

Zu spielen wagte er jetzt nicht mehr. In einer Nacht kann man solch eine Summe und mit ihr das Betriebskapital, die Waffe im Kampf ums Dasein, verlieren. Eine Weile vermochte er sich ja noch zu halten, aber wenn er an den lauen Juni-Abenden über die Boulevards schlenderte, schien ihm seine Lage wie die eines Mannes, dem man die Wahl frei läßt, ob er lieber langsam im Sumpfe untergehen oder rasch von den Wogen verschlungen werden will.

Er entschied sich für das letztere. Es war da bei einem französischen Züchter für einen hohen Preis ein prächtiger Steepler zu verkaufen. Ihm vertraute er sein Glück an. Er importierte ihn, er meldete ihn bei den großen Herbstrennen an und schloß Wetten auf ihn ab, so hoch er konnte. Er bekam lange Odds; denn das Pferd war auf deutschen Bahnen noch unbekannt, seine Abstammung nicht die beste. Rechtfertigte die Stute das Vertrauen, das er in sie setzte, so mußte sie ihn jetzt im Laufe des September und Oktober retten. Er ging dann mit einem neuen Vermögen in die Karten-Campagne des Winters.

Heute sollte ›Satanella‹ zum ersten Male in dem großen Jagdrennen laufen, und ihr Besitzer – Parsenow mußte es sich mit Beschämung eingestehen – war geradezu erregt, beim Gedanken an die kommenden Ereignisse. So vornehm kühl auch sein Gesicht blieb, innerlich wogten Hoffnung und Zweifel peinvoll auf und nieder. Merken würde das niemand – dazu war er seiner jahrelang geübten Selbstbeherrschung zu sicher – aber unangenehm war diese ganze Lage. Noch hielt ihn alle Welt für gut fundirt, niemand ahnte, daß er niederbrechen könne und er – er mußte beinahe selbst lachen, so komisch erschien ihm die Sache – er trug noch 210 Mark und 50 Pfennige bei sich. Mehr besaß er nicht. Er hatte sich vorhin, in einer Anwandlung dumpfen Erstaunens die Summe auf dem Schreibtisch vorgezählt.

Nun ... in einer Stunde konnte Satanella die zehntausend Mark gewonnen haben. Ebensoviel hatte er auf sie an verschiedenen Stellen gewettet – mit eins zu vier. Dann hatte er fünfzigtausend Mark ... immerhin ein Anfang.

Und sein Gesicht hellt sich allmählich wieder auf. Der Wagen hielt. Graf Parsenow sprang elastisch heraus und schritt an der Tribüne vorbei quer über den Sattelplatz zu den Ställen.

»Satanella da?« fing er hastig beim Eintreten.

» All right, sir!« antwortete aus dem dunkeln Innern die heisere Stimme der Trainers.

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