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Unter dem Äquator

Friedrich Gerstäcker: Unter dem Äquator - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleUnter dem Äquator
authorFriedrich Gerstäcker
year1990
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5654-7
titleUnter dem Äquator
pages15-673
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1861
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Friedrich Gerstäcker

Unter dem Äquator


1. Ein fideler Abend unter dem Äquator

In Cramat, einer der freundlichen Vorstädte Batavias, war eine Anzahl von jungen Leuten auf dem AnwesenIm holländischen Indien werden diese Anwesen »Erbe« genannt womit keineswegs ein wirklich ererbtes, also eigenes Grundstück gemeint ist, sondern ein Grundstück überhaupt, das man – gleichviel unter welchen Bedingungen – für den Augenblick in Besitz hat. eines ihrer Gesellschaft versammelt, um dort einen fröhlichen Abend zu verbringen. Leopold van Roeken feierte heute seinen fünfundzwanzigsten Geburtstag und hatte nicht nur beschlossen, sein erstes Viertel vom Jahrhundert in würdiger Weise zu verlassen, sondern auch das zweite auf gleiche Art – und keineswegs nüchtern – anzutreten. Passende und willkommene Gesellschaft fand er dazu leicht. Es waren, außer seinem eigenen Kompagnon, einem Deutschen, lauter junge holländische Kaufleute, neun an der Zahl, teils eigene Geschäfte betreibende, teils Buchhalter der bedeutenden Maatchappey; und schon um den reichgedeckten Tisch geschart, sprudelte der fröhliche Humor der Versammelten mit den fliegenden Champagnerpfropfen lustig ins Freie.

Der Holländer hat darin große Ähnlichkeit mit dem Deutschen, seinem nahen Verwandten, daß er beim Essen gern und viel spricht. Er verzehrt dadurch die Speisen nicht so rasch und verdaut besser, während der Amerikaner in scharfem Kontrast dazu bei der Mahlzeit kein Wort mit dem Nachbarn wechselt und die Speisen so rasch wie möglich hinunterschlingt. »Time is money«, denkt er dabei, was liegt ihm an dem Körper, den er ja doch nur dazu benutzt, Geld – immer nur Geld – zu verdienen. Der Holländer verdient ebenso gern Geld wie er, aber er tut es auf vernünftigere Weise. Wir leben nur einmal, und er will, während er lebt, auch genießen. Wo das mit Maß geschieht, ist er im vollen Recht, und Unmäßigkeit bildet überhaupt kein hervorstechendes Laster der Niederländer.

Zahlreiche malaiische Diener umgaben die Tafel, jeden Wunsch der Gäste rasch zu befriedigen, und als man die warmen Speisen beendet hatte, trugen sie Unmengen der herrlichsten Früchte herein, denn Java wird darin von keinem Land der Welt übertroffen. Die Insel selber erzeugt schon eine große Zahl ihr eigentümlicher wilder und delikater Früchte, und was außerdem andere Tropenländer Köstliches darin boten, wurde ebenfalls hierher verpflanzt und gedieh vortrefflich. So lag hier, neben der Perle aller Früchte, dem Mangustan-Apfel, die saftige Ananas, mit denen im Innern weite Flächen bepflanzt stehen; die brasilianische Butterbirne, deren markartiges Fleisch, ebensogut mit Salz wie mit Madeira und Zucker zu einer Creme angerührt, vortrefflich schmeckt; ferner die Manga und Pampelmuse, eine riesige Orange; ja das Hochland hatte heute selbst seine Erdbeeren liefern müssen, und der in Eis gekühlte Wein wurde mit dem Saft der Kokosnüsse zu einem wunderbar erfrischenden Getränk gemischt.

Das Mahl hatte sich inzwischen länger als gewöhnlich hingezogen, und mit dessen Beendigung brach auch schon die Dämmerung herein – diese frühe Dämmerung der Tropen, die den heißen Tag kürzt und mit ihren kühlen Lüften den ermatteten Körper stärkt und kräftigt. Übrigens dürfen wir Nordländer uns die Hitze unter dem Äquator nicht zu drückend vorstellen, und so sonderbar es klingt, ist es doch gar nicht selten bei uns heißer als dort. Viel zur Milderung trägt schon die kürzere Zeit der Sommertage bei. Die Sonne geht regelmäßig in den Tropen um sechs Uhr auf und unter – im ganzen Jahr nur um wenige Minuten differierend –, steigt also nie vor acht Uhr über den Dunstkreis herauf und hat um halb fünf Uhr abends schon wieder ihre größte Kraft verloren. Ferner sind die dortigen Wohnungen alle so gebaut, Kühle zu verbreiten und dem Luftzug freien Durchgang zu lassen, während unsere Häuser gerade im Gegenteil darauf berechnet sein müssen, dem langen Winter Trotz zu bieten. Die wahrhaft heißen und endlosen Tage, wenn die Sonne morgens um fünf Uhr schon hoch am Himmel steht und um sieben Uhr abends fast noch ihre volle Kraft hat, finden uns deshalb auf nichts vorbereitet, was uns Kühlung bieten könnte. Fast verschmachtend, denken wir mit Schaudern an die Unglücklichen, die jetzt auch noch unter dem Äquator leben müssen, während wir hoch im Norden beinahe verbrennen, und wie würden wir diese »Unglücklichen« beneiden, könnten wir sie zu solcher Stunde unter ihrem kühlen Porticus, im Schatten dichter Fruchthaine, von der kühlen Seeluft angefächelt, sitzen sehen.

Es war sechs Uhr abends, eben neigte sich die Sonne im Westen hinter den hochstämmigen Palmenkronen und riesigen WaringhisWaringhi: Der indische Banianbaum, der geheiligte Baum der Javanen, der seine Zweige wieder in den Boden senkt, um dort neue Wurzeln zu schlagen., und bequeme, luftige chinesische Rohrstühle waren von den geschäftigen Malaien hinaus in die von hohen Säulen getragene Vorhalle geschafft worden, den weißen TuwansTuwan: Herr; Anrede für jeden Europäer, im Holländischen toean geschrieben (das oe wie u ausgesprochen). Dem Fremden klingt es aber stets, als ob zwischen u und a des Wortes tuan ein leises w eingeschoben wäre; ich habe es auch deshalb so geschrieben. die Aussicht auf die vor ihnen liegenden Gärten zu gestatten, die einen wahrhaft paradiesischen Anblick boten. Dort wurde der Kaffee serviert, und während ein paar junge Burschen Manila- und Havannazigarren herumreichten, liefen andere mit den aus Kokosbast gedrehten brennenden Lunten hintendrein. Jeweils zwei der Gäste hatten ein kleines Tischchen zwischen sich, auf dem die Tassen standen, und behaglich auf den mit Schiebern versehenen Stühlen ausgestreckt, lagen die jungen Leute, bliesen den Dampf in die aromatisch duftende Welt hinaus und plauderten und erzählten sich Anekdoten. Die Malaien aber, die horchend dabeisaßen und die holländische Sprache nicht verstanden, sahen sich jedesmal, sobald irgendeine gute Anekdote schallendes Gelächter hervorrief, mit breitem Grinsen von der Seite an und zeigten jeder zwei Reihen vom Sirihkauen braungelb gefärbte Zähne. Aber ihre Ruhe dauerte nicht lange – »api!«Api: Feuer, ein auf Java ständig gehörter Ruf nach Feuer zu den Zigarren, da sich ein Europäer nie selbst danach bemüht. rief es bald von dieser, bald von jener Seite, wenn die eine oder andere der Zigarren beim Erzählen ausgegangen war, und wie der Blitz fuhren dann die Burschen herum und, ihre Lunten anblasend, in die Höhe, um das Geforderte so rasch wie möglich darzubieten.

»Eigentlich kann man's hier in Indien aushalten«, sagte ein kleines zusammengedrücktes und etwas verwachsenes Männchen mit lockigem dunklen Haar und einem Paar kleiner grauer, lebendiger Augen – er war einer der ersten Buchhalter der Maatchappey, »verdoem my, Roeken, Ihr habt eins der hübschesten Anwesen hier in ganz Cramat, so hübsche Plätze hier überall herum liegen; eins aber fehlt Euch doch noch, und wenn Ihr meinem Rat folgt, macht Ihr bald Anstalten, das herbeizuschaffen.«

»Und das wäre?« fragte das Geburtstagskind.

»Eine Frau«, sagte Heffken, der Kleine, während die anderen lachten und riefen: »Ja, ja – Heffken hat recht – Roeken muß heiraten, Roeken muß heiraten!« »Zum Henker auch, Mann«, nahm der Buchhalter das Gespräch wieder auf, »Ihr habt jetzt Euer eigenes Geschäft, verdient ein prächtiges Geld und könntet leben wie der Hase im Klee, wenn Ihr Euch hier eben eine freundliche Heimat schafftet und Euch nicht mehr mit den verdammten roten Halunken herumzuquälen brauchtet. Ein Kommis oder ein Buchhalter, ja – ich habe nichts dagegen, der mag ledig bleiben und sich so behelfen, aber ein Prinzipal muß heiraten – wie können auch sonst seine Kommis Respekt vor ihm haben.« »Waarachtig niet, Heffken«, lachte aber van Roeken, »von einem Muß kann hier gar keine Rede sein, da noch dazu in ganz Batavia keine ist, die ich heiraten könnte oder – möchte.«

»Hoho!« rief der kleine Buchhalter erstaunt aus. »Wollte ich mich doch selbst getrauen, in Batavia eine passende Frau zu finden; also Bescheidenheit kann das nicht sein – oder ist es Hochmut? – Da wüßte ich dem gestrengen Herrn doch noch ein paar zu nennen, von denen selbst er die Finger lassen sollte. – Api!«

Der ihm nächste Bursche glitt zwischen zwei Lehnstühlen und unter dem kleinen Tische hin, um den Rufenden recht bald zu erreichen, und hob die Lunte zu ihm empor, und van Roeken rief, den Kopf schüttelnd: »So hoch hinaus will ich gar nicht Heffken, und mit viel Geringerem wäre ich zufrieden, aber Ihr müßt bedenken, daß ich noch nicht so lange hier in der Kolonie bin und das alte Land deshalb auch noch nicht so weit vergessen habe, mich schon ganz und vollkommen in ein indisches Familienleben hineinzufinden. Außerdem, wenn ich einmal heirate, tue ich es meiner Bequemlichkeit wegen, und dann will ich auch eine Frau haben, die sich mir ganz und mit voller Seele hingibt.«

»Nun, du sollst sagen, daß du noch nicht Inder wärst«, rief ein anderer der Gäste, sich behaglich in seinem langausgezogenen Lehnstuhl dehnend, »bis ins Mark hinein hast du die hiesige Luft eingezogen, und das Gescheiteste, was du tun könntest, wäre, du nähmst dir einfach eine Liplap.Liplap heißen die Abkömmlinge von Eingeborenen und Europäern (dasselbe, was in Amerika die Mestizen sind). Heiraten zwischen Liplapfrauen und europäischen Männern finden häufig statt. Ihr würdet ein kapitales Paar abgeben.«

»Danke dir«, sagte van Roeken trocken, »die Liplap-Damen wären die letzten nach meinem Geschmack. In der Jugend ja, aber wie lange dauert's, und man hat einen dicken Fleischklumpen im Haus, der aus seinem Lehnstuhl nur dann und wann einmal aufsteht, um die Dienstboten zu prügeln.«

»Wenn dich Mevrouw Wattlingen hörte, drehte sie dir den Hals um«, lachte Wagner, van Roekens Kompagnon, indem er sich eine frische Zigarre nahm, »api! sapáda!Sapáda (zusammengesetzt aus siapa ada): »Wer auch immer da ist!« Der übliche Ruf, wenn in Java ein Diener verlangt wird. In fast allen Haushaltungen sind nämlich eine Menge Dienstboten vorhanden, von denen jeder seine bestimmte Beschäftigung hat und gar nicht daran denkt, etwas zu übernehmen, was eigentlich einem anderen zukäme. Wird nun einer beim Namen gerufen, so können sechs daneben sitzen und es hören, aber keiner wird sich rühren; bei dem Ruf sapáda muß aber jeder kommen, der gerade in der Nähe ist.

Die weiblichen Dienstboten sind ebenso gewissenhaft, ja nichts zu tun, was ihnen nicht obliegt. Jedes Kind in einer europäischen Familie hat ein bestimmtes Dienstmädchen, und wenn sieben Kinderbetten in einem Schlafsaal stehen, liegen auch gewiß sieben Mädchen – neben jedem Bett eins – auf einer Matte daneben. Schreit nun ein Kind in der Nacht und das dafür verantwortliche Mädchen hört es nicht, so rührt sich keins der anderen auch nur von der Stelle; nur weil das Kleine das Zauberwort nicht versteht: »Sapáda!«

Zum Henker auch, schläft denn die ganze Gesellschaft?«

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