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Unter chilenischem Himmel

Ina Jens: Unter chilenischem Himmel - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleUnter chilenischem Himmel
authorIna Jens
year1941
firstpub1941
publisherFriedrich Reinhardt
addressBasel
titleUnter chilenischem Himmel
pages118
created20170515
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der alte Belisario und die Palme

Von der großen Landstraße am Meere zweigte ein schmaler Fahrweg ab, der sich zwischen Wiesen und Waldbestand hinzog, um dann plötzlich in ein kleines Tal einzubiegen.

Dieses Tal hieß »El Rautén«. Es umfaßte nicht mehr als zwölf Hektar Boden und gehörte dem alten Belisario Barco.

Rings um das Tal herum erhoben sich sanft ansteigende Hügel. Einige davon waren noch unbebaut und kahl, andere dagegen mit jungen Eukalypten bestanden. Gleich am Eingang dehnte sich ein Hof, an dessen Ende im rechten Winkel zwei Landhäuser lagen, ein kleines altes und ein großes neues, beide mit offenen Lauben, um deren Pfosten sich Weinlaub rankte.

An den Hof schloß sich ein Blumengarten, dem eine Wiese folgte, und längs derselben floß am Fuße eines Abhanges ein Bach dahin, der zur Bewässerung der Felder diente.

Dieser Abhang trat in einer Höhe von etwa dreißig Meter ein wenig zurück und ging in einen freien, ebenen Platz über. Auf diesem Platze aber stand das, was dem ganzen Tal ein eigenartiges 42 Gepräge verlieh: eine wunderbare, senkrecht aufsteigende Palme mit aschgrau leuchtendem Stamm und einer Krone aus riesigen Blattwedeln.

War das nicht seltsam? Im weiten Umkreis nur eine einzige Palme und doch imstande, das ganze Landschaftsbild zu verändern, zu verschönern und den Blick des Fremden zu bannen!

Der alte Belisario Barco hatte das kleine Gut mit allem, was darauf wuchs und stand, seinem Sohne, dem Luis, übergeben, als dieser sich verheiratete, und nie war bis dahin dieser Schritt von ihm bereut worden. Zwar ging der Sohn oft eigene Wege, deren Zweckmäßigkeit dem Vater nicht immer einleuchtete, aber weil er und seine Frau fleißige und sparsame Menschen waren, hatte er sich nie in ihre Angelegenheiten gemischt, und so kam es, daß sie viele Jahre lang ruhig und friedlich nebeneinander dahinlebten.

Dann aber ereignete sich plötzlich etwas, das diejenigen, die es anging, bis ins Lebensmark hinein traf, und zwar handelte es sich seltsamerweise um nichts weiter als um die einsame Palme am Abhang, die ein Menschenalter hindurch wie ein Symbol des Friedens auf der Höhe gestanden hatte und nun an einem jener wunderbaren chilenischen Frühlingstage mit einem Male unsichtbar begann, Schatten zu werfen.

Unbewegt, klar und mild war die Luft, und 43 kein Laut störte die Stille und Ruhe des Nachmittags im »Rautén«. Nur gedämpft drang in gleichmäßigen Zwischenräumen das Rauschen der Meeresbrandung in die Einsamkeit.

Der Sohn und die Schwiegertochter waren schon am Morgen in die Stadt gefahren und wollten erst gegen Abend zurückkehren. Der Belisario hatte mit seinem Enkelkinde, dem zehnjährigen Benito, Kaffee getrunken. Dann war der Knabe auf einen Hügel gestiegen, um Drachen fliegen zu lassen.

Der Belisario aber setzte sich unterdessen auf den großen Rohrstuhl in der Laube des kleinen Hauses. Neben ihm stand ein Tisch, auf welchem ein Päckchen Zigaretten, eine Schachtel mit Streichhölzern und die Zeitung vom vergangenen Tage lagen. Der Alte rauchte eine Zigarette um die andere und sann so vor sich hin.

Am vergangenen Sonntag hatte er seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag gefeiert, und seine Tochter, die Juana, welche zwei Stunden weiter hinten in den Bergen ein hübsches Gut, den »Palmar«, bewirtschaftete, war mit ihrem Manne zu Besuch gekommen. Alle hatten sie drüben im großen Hause beim Luis gesessen, und es war ordentlich üppig dabei zugegangen. Was für einen herrlichen Gänsebraten und was für ein süffiges Weinchen hatte es da gegeben! Immer wieder hatte jemand ein »Hoch« auf ihn 44 ausgebracht, und vielleicht hatte er wirklich ein wenig zu oft mit seinem Glase angestoßen. Er wußte das nicht mehr so genau. Jedenfalls hatte sich mit einem Male alles vor seinen Augen gedreht, und als er wieder zu sich gekommen war, hatte die Juana mit erschrockenen Augen an seinem Bette gesessen.

Er konnte sich über seine Schwiegertochter wirklich nicht beklagen, aber mit der eigenen Tochter, mit der Juana, war das doch etwas ganz anderes. Das war aufrichtige Liebe und Herzlichkeit, und darum hatte sie denn auch am Abend, bevor sie mit ihrem Manne wieder in den »Palmar« zurückgekehrt war, zu ihm gesagt: »Vater, warum kommst du nicht ganz zu uns? So wie heute kann dir jeden Tag etwas zustoßen, und wer pflegt dich dann hier unten? . . . Niemand. Dagegen bei uns ist das anders. Da bist du bei mir.«

Er hatte sich über ihre Sorge gefreut, aber der Aufforderung Folge leisten? . . . Nie und nimmermehr! Hier war sein Heim. Hier hatte er sich alles selbst erarbeitet, hatte jeden Baum selbst gepflanzt, jedes Stückchen Erde selbst bestellt. In Glück und Leid war er mit diesem Tal verwachsen, und hier wollte er bleiben, bis sein Lebenslicht erlosch.

Sein Blick umfaßte die Felder, über denen die letzten Strahlen der sinkenden Sonne lagen. 45 Zwölf Hektar Land! Fürwahr ein bescheidenes Stück, aber viel für denjenigen, der es sich ganz allein dem Urwald abgerungen und in fruchtbares Erdreich verwandelt hat.

Auf einmal haftete sein Blick auf der dunkelgrünen Krone der Palme. Sein Auge weitete sich, und über sein gefurchtes Antlitz ging ein Leuchten. War das möglich? War das keine Täuschung, was er dort oben sah? Zwischen dem dunklen Grün der Wedel schimmerte etwas wie ein rötlichgelber Busch. O Wunder! Die Palme blühte! Nach sechzig Jahren zum ersten Male!

Obwohl er ganz genau wußte, daß die chilenische Palme immer erst mit sechzig Jahren blüht, rechnete er doch eifrig nach, und wirklich, es stimmte. Fünfzehn Jahre war er alt gewesen. Da hatte er an einem Sonntag mit ein paar Kameraden einen Ausflug zu den Palmen hinten in den Bergen gemacht, dorthin, wo heute das Landgut seiner Tochter lag. Da wuchsen Hunderte von diesen Bäumen, und sie hatten die Taschen voll der kleinen Nüsse, der grünen »Kokitos«, mitgebracht. Nachher hatten sie dort oben auf dem freien Platz Holz angezündet, und er hatte einen »Kokito« eingepflanzt. Der Same war aufgegangen, und aus der kleinen, schwachen Pflanze, die er nie glaubte hochzukriegen, war ein Baum zu ungeahnter Schönheit und Größe herangewachsen. 46

Immer hatte er seine Freude an der Palme gehabt, aber wie eng er in Wirklichkeit mit ihr verbunden war, wußte er selber nicht. Dieses Geheimnis in seiner ganzen Tiefe zu erfassen, war ihm noch vorbehalten.

Während er so vor sich hinsann und sich freute, kam der kleine Benito mit einem zerfetzten Drachen daher und setzte sich neben ihn. Er war ein stilles, nachdenkliches Kind und mit allem, was ihn umgab, verwachsen.

Der Großvater zeigte nach der Palme. »Sieh dir einmal die Palme an! Fällt dir nichts an ihr auf?«

Des Kindes Augen leuchteten. »Doch . . . Wer hat denn den großen gelben Strauß zwischen die Blätter gesteckt?«

Der Alte lächelte und belehrte ihn: »Die Palme blüht . . . Nach sechzig Jahren zum erstenmal.«

Benito bemerkte lebhaft: »Die Palme feiert Geburtstag wie du am letzten Sonntag . . . Aber du bist viel älter als der Baum.«

Der Großvater nickte. »Ich war fünfzehn Jahre alt, als ich den Samen dort oben in die Erde legte.«

Eine Weile waren beide in die Betrachtung des schönen Baumes versunken. Dann fragte der Junge: »Was wird aus den Blüten?« 47

»Früchte, mein Kind. Fünftausend, vielleicht zehntausend kleine Kokitos.«

»O-o-oh!« Der Junge überlegte. »Fein! Was machen wir aber mit so vielen Kokitos?«

»Dein Vater verkauft sie in die Stadt. Dort gebraucht man sie wie Mandeln oder Nüsse.«

»Wie hoch ist wohl der Baum, Großvater?« Der Alte schätzte ab. »Wohl an die fünfundzwanzig bis dreißig Meter, und der Stamm hat sicher einen Durchmesser von zwei Meter. Nicht alle Palmen sind so groß und schön wie die dort oben.«

»Warum ist diese Palme so groß gewachsen?« wollte nun Benito wissen.

Der Alte hob ein wenig die Schultern und meinte: »Wer kann das sagen? Wahrscheinlich, weil ihr kein anderer Baum die Nahrung wegnimmt. Vielleicht auch, weil sie so frei in der Luft und an der Sonne steht.«

»Aber da oben ist es doch furchtbar trocken. Nicht einmal Gras wächst dort.«

»Das hat nichts zu sagen. Die Palmen schicken ihre langen, dünnen Wurzeln wie Saugadern bis in große Tiefen hinunter, um Wasser zu trinken. Für die Palme dort oben ist der Weg gar nicht weit, vielleicht dreißig Meter bis zum Bach, mehr nicht.«

Der Junge betrachtete die herrliche Krone. »Wie viele Wedel hängen wohl am Stamm?« 48

»Zähle sie doch!« forderte der Großvater ihn auf. Der Knabe zählte. »Sicher mehr als dreißig«, meinte er dann.

»Das Doppelte«, berichtigte der Alte. »Ich zählte einmal siebenundfünfzig, aber es sind mehr. Meistens haben diese Bäume zwischen fünfzig und sechzig Wedel, und jeder Wedel ist drei bis vier Meter lang.«

Noch lange saßen sie so beisammen und sprachen über dieses und jenes. Am Abend kamen dann der Sohn und die Schwiegertochter aus der Stadt zurück, und als sie beim Abendessen waren, fragte der Belisario: »Habt ihr es schon gesehen? Unsere Palme blüht.«

Da schlug sich der Luis plötzlich an die Stirn, so, als ob er etwas Wichtiges vergessen hätte: »Ja, was ich noch sagen wollte! Die Palme wird nun auch bald an ihr Ende glauben müssen. In vierzehn Tagen beginnen die Arbeiten für den Kanal. Ich habe heute alles wegen des Materials geordnet, und . . .«

Der Alte stutzte augenblicklich und fragte unterbrechend: »Was hat denn der Kanal mit der Palme zu tun?«

»Aber Vater«, erwiderte der Sohn, »die Palme muß fallen. Sie steht ja gerade dort, wo der Kanal hindurchgeführt wird.«

Einen Augenblick herrschte beklemmende Stille. Dann stand der Alte jäh vom Tische auf 49 und sagte, den Blick drohend auf den Sohn gerichtet: »Die Palme wird nicht gefällt.«

Der Luis sah ihn überrascht an. »Aber warum denn nicht? Ein Baum! . . . Was liegt schon viel daran!«

»Die Palme wird nicht gefällt!« schrie der Alte.

»Doch«, erwiderte der Sohn jetzt bestimmt. »Glaubst du, daß ich wegen deiner kindischen Ideen den Kanal anderswo hinleite?«

»Ich glaube gar nichts!« schnaubte der Belisario, »aber das sage ich dir, so lange ich lebe, bleibt die Palme, wo sie ist.«

»Das werden wir ja sehen.«

»Ja, das werden wir sehen!« Er schlug die Türe zu und ging hinüber in sein Haus.

Die halbe Nacht überlegte und sann er nach und fand keinen Schlaf. Am andern Morgen war er früher als sonst auf. Er wartete auf seinen Sohn. Draußen auf den Feldern traf er ihn.

»Luis«, begann er versöhnlich, »ich habe lange über die Angelegenheit wegen der Palme nachgedacht. Warum muß der Kanal so hoch liegen?«

»Weil ich den ganzen Abhang ausnützen will. Rechne selber aus, wieviel mir der Hang einbringt, wenn ich ihn mit Korn besäe. Dagegen, was habe ich von dieser Palme? Nichts! Im Wege steht sie mir.«

Absichtlich überhörte der Belisario die letzten 50 Worte. »Wenn dir so viel am Gelde liegt, Luis, so will ich dich entschädigen. Führe doch den Kanal ein wenig tiefer unten vorbei und sage, wieviel du dadurch verlierst. Ich gebe es dir morgen, heute, wann du willst, aber laß mir die Palme!«

Der Sohn schwieg, aber innerlich staunte er verständnislos. Wohin das Alter den Menschen führte! Hunderte, vielleicht Tausende würde er für den Baum opfern. Das waren doch weiter nichts als Grillen eines alten Mannes! Gegen dergleichen mußte man ohne Wanken ankämpfen.

»Schade, daß du dich wie ein kleines Kind an ein Stück Holz hängst! Gescheiter, du behältst dein Geld. Mir liegt nichts daran. Ich will mein Land verbessern und vergrößern. Da hilft nun alles Reden nichts. Die Arbeiten sind bestimmt. Der Kanal ist vermessen. Also füge dich!«

Der Alte richtete sich auf. »Du wirst die Palme wirklich fällen?« Kurz erwiderte der Sohn: »Das tu ich auf jeden Fall.«

Schon am nächsten Tage kamen die Arbeiter und begannen ihr zerstörendes Werk an dem Baum.

Da sattelte der Belisario sein Pferd, ließ seiner Schwiegertochter sagen, er gehe für ein paar Tage zu seinem Bruder nach »Tres Cruces« und ritt davon.

Aber schon am dritten Tage war er wieder auf dem Heimwege begriffen. Langsam ritt er 51 auf der menschenleeren Straße zwischen Düne und Meer dahin. Am liebsten wäre er gar nicht mehr in den »Rautén« zurückgekehrt, aber etwas wie eine brennende Angst riß ihn dorthin zurück, wo sein eigener Grund und Boden war, und wo er auf einmal nichts mehr zu sagen hatte.

Fern am Horizont ging in roten Gluten die Sonne unter. Die Lichter auf dem Meere blendeten. So ritt er mit gesenkten Lidern und verhängtem Zügel dahin.

Als er um die letzte Ecke bog, hinter der das Tal vor ihm lag, warf er einen raschen Blick in die Höhe . . . Ein wilder Schmerz fuhr ihm ins Herz . . . Etwas in ihm schien zu vereisen, zu sterben . . . Der Riesenstamm der Palme lag quer über dem Abgrund, und die gekappte Krone füllte die Einsenkung darunter.

Er stieg vom Pferd, warf die Zügel einem Angestellten in die Hand und schritt über den Hof seinem Hause zu.

Der Sohn kam ihm entgegen. »Schon zurück? Wie geht es dir, Vater?« Wortlos ging der Alte an ihm vorbei.

Am Abend besuchte ihn Benito und berichtete nach Kinderart von allem, was in den drei Tagen seiner Abwesenheit geschehen war, auch von dem Kanal und von der Palme. Sehr wichtig erzählte er, wie man den Baum gefällt habe, was man nun alles mit ihm machen werde und daß 52 der Vater eine ganze Menge Geld damit verdiene.

»Die Palme ist noch nicht ganz umgeschlagen«, erklärte er. »Ein Teil vom Stamm ist noch mit den Wurzeln verbunden, sonst fließt der Saft nicht richtig aus dem Stamm heraus. Am Ende des Stammes haben sie ein Riesenfaß aufgestellt. Dort fließt es ganz langsam heraus und in das Faß hinein. Der Vater sagt, aus einem so schönen Stamm bekomme man mindestens drei Hektoliter Saft, und wenn aller Saft draußen ist, verkauft er ihn in die Konservenfabrik. Dort kochen sie ihn ein und machen daraus Honig. Palmenhonig schmeckt fein, nicht wahr, Großvater?«

Der Alte nickte stumm, und der Knabe fuhr fort: »Wenn der ganze Saft heraus ist, werden sie den Stamm quer zersägen, weißt du, zu lauter großen, runden Scheiben. Aus diesen machen sie Räder für die Karreten.«

»Und die Wedel kochen sie zu Marmelade und quetschen Geld daraus«, fügte der Alte bitter hinzu.

Der Knabe lächelte. »Bah! Was du redest, Großvater! Die Blätter werden zerschlissen und zum Polstern verkauft, und aus den dicken Rippen machen sie Spazierstöcke.«

An diesem Abend blieb der Belisario in seinem Hause. Nicht einmal zum Essen ging er zum Sohne hinüber. Doch als die Nacht tief auf den 53 Feldern lag und er sicher war, keinem Menschen mehr draußen zu begegnen, trat er vor das Haus, schritt über den Hof längs des Gartens dahin, am Bach entlang und dann den Fußsteig hinauf, bis dorthin, wo die Palme gestanden hatte.

Da lag der herrliche Stamm wie ein Riesenleichnam hingestreckt. Vom Monde erhellt, hob sich der graue Leib silbern vom dunklen Boden ab. Langsam schritt der Belisario an dem gefällten Block dahin. In der Mitte angekommen, stand er still und sah in die nachtdunklen Weiten hinaus. Dumpf rauschte die Brandung des Meeres von Norden her, und das Gefühl einer grenzenlosen Einsamkeit überflutete sein Herz.

Schwer ließ er sich auf den Stamm der Palme nieder und legte sachte, wie tastend, seine beiden Hände darauf. So blieb er lange, lange in schmerzliches Sinnen versunken. Ihm war es, als stiege etwas unendlich Warmes, etwas wie eine unbekannte Zärtlichkeit aus dem sterbenden Stamm in sein eigenes Herz und von diesem wieder zurück in den leblosen Riesenleib.

Wieviel Gemeinsamkeit verband ihn mit dem hingestreckten Kämpen! Er selbst hatte ihm in ferner Jugendzeit den Boden bereitet, aus dem er sich so herrlich entfaltete. Zusammen waren sie in diesem Tale aufgewachsen, hatten durch sechs Jahrzehnte hindurch die Sonne, den blauen Himmel, die Nebel, die Winterstürme, das Aufblühen 54 des Frühlings, das Reifen der Früchte, die Zeiten der Ernte erlebt. Immer hatte der Baum wie ein treuer Wächter an seinem Lebenswege gestanden.

Immer hatte er sich über seine wunderbare Entwicklung gefreut. Sein erster Blick am Morgen und sein letzter am Abend hatten dem schönen Baum da oben gegolten. Und jetzt, da nach einem Menschenalter die Erfüllung gekommen war, jetzt wurde er als ein Hindernis wie ein Unkraut dahingemäht.

Sachte, zart, wie Mutterhände über eines Kindes tränenfeuchtes Antlitz streichen, fuhren seine alten Hände über die rauhe Rinde des Baumes. Dann faltete er sie über den Knien und vertiefte sich in das Rätsel dieses Geschehens.

War es möglich, daß sich um Baum und Mensch so innige Gefühle schlingen konnten? Wohl mußte es so sein, denn sonst säße er nicht in dieser Nachtstunde hier und litte um das, was geschehen war. Ihm und dem Baum war ein Unrecht zugefügt worden, und er fühlte, daß er Tag um Tag daran würde denken müssen, daß die Bitterkeit darüber ihn nie mehr losließe, und daß er bei seinem Alter außerstande war, diesem bohrenden Schmerze zu begegnen. Irgend etwas mußte er tun, um sich davon zu befreien, um diesen Groll, der in seinem Innern tobte, zu beseitigen.

Lange verharrte er in Nachdenken versunken, 55 aber dann war es ihm plötzlich, als habe er einen Ausweg gefunden. Gefaßt stand er auf, ging den Weg wieder hinunter, den er gekommen war, und kehrte in sein Haus zurück.

Dort begann er eine für ihn ganz ungewohnte Arbeit. Stundenlang dauerte sie, aber als sie beendigt war, legte er sich hin und schlief ruhig ein.

Am andern Morgen befahl er einem Angestellten, eine Karrete bereitzustellen, sein Gepäck aufzuladen und in den »Palmar« zu seiner Tochter zu fahren.

Als eine halbe Stunde später die Koffer auf dem Wagen lagen, kam der Sohn dazu. »Vater, ist es wahr, daß du zu der Juana in den ›Palmar‹ ziehen willst?«

Mühsam rang sich der Alte ein kurzes »Ja« ab.

»Dir ist es wohl bei uns nicht mehr gut genug! Ich möchte nur wissen, wer dir etwas zuleide getan hat!«

Keine Antwort.

»Oder ist es etwa wegen der Palme?«

Keine Antwort.

»Du wirst doch nicht so albern sein, Vater . . .«

Der Alte wandte sich ab und ging in sein Haus. Von dort rief er dem Knechte zu, er solle abfahren.

Bald erschien er wieder mit einem Lasso in der Hand. Seine Absicht war unschwer zu erraten. 56

Der Luis stand am Gartenzaun und sah den Vater daherkommen. »Soll ich dir das Pferd einfangen, Vater?«

Verächtlich knirschte der Alte im Vorbeigehen: »Gottlob ist es noch nicht so weit mit mir, daß ich das nicht selber besorgen kann.«

Minuten später kam er mit dem Pferd zurück. Der Sohn, der ihn von weitem sah, sagte zu einem Arbeiter: »Geh hin und sattle dem Patron das Pferd!«

Der Mann trat zu Belisario: »Ich soll Euch das Pferd satteln.«

»Sage dem, der dich geschickt hat, er soll sich um seine eigenen Sachen scheren.«

Gewandt sattelte er das Tier und schwang sich mit Leichtigkeit hinauf. Dann ritt er längs des Gartens dahin, bis zu dem großen Tor. Dort stand sein Enkel, der Benito, hielt ihm dienstfertig die Türe offen und sah mit betrübtem Gesicht zu ihm auf.

Der Alte blickte auf ihn nieder, und der Knabe reichte ihm die Hand: »Leb wohl, Großvater!«

Ein paar Sekunden lang lagen die beiden Hände fest ineinander. Eine innige Liebe umschlang den Mann und den Knaben, aber im Herzen eines alten Menschen gibt es Dinge, die mächtiger sind als so zarte, junge Bande.

Freundlich neigte sich der Belisario hinunter: »Wirst du mich wohl bald besuchen, Benito?« 57

»Oh, ja«, die Augen des Knaben leuchteten. »Schon am nächsten Sonntag. Ganz bestimmt . . .« und als der Alte weiter wollte, hielt er ihn einen Augenblick am Zipfel seines Ponchos zurück und meinte treuherzig: »Großvater, sei nur nicht zu traurig wegen der Palme! Bei der Tante Juana stehen mindestens hundert solcher Palmen.«

Der Belisario lächelte, grüßte und ritt davon. Noch eine ganze Weile sah ihm der Benito nach und war plötzlich getröstet, denn er glaubte, der Großvater würde bei den vielen, vielen Palmen sicher wieder fröhlich werden.

Er wußte ja noch nicht, daß es sich nicht um die »vielen, vielen«, sondern um die »eine einzige Palme« handelte, und daß es für diese wie für so manche andere Dinge auf dieser Erde, mit denen ein Mensch sein Leben lang verbunden gewesen ist und die er im Alter verliert, keinen Ersatz mehr gab. – – 58

 

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