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Unter Bayern und Schwaben

Friedrich Nicolai: Unter Bayern und Schwaben - Kapitel 7
Quellenangabe
typereport
authorFriedrich Nicolai
titleUnter Bayern und Schwaben
publisherEdition Erdmann
isbn3-522-62660-5
editorUlrich Schlemmer
year1989
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080618
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7. Kapitel

Tübingen

Die Stadt – Das Schloß – Die Universität – Das Theologische Stift – Das Collegium Illustre – Die Magister Schelling – Die Universitätsbibliothek – Industrie und Einwohner von Tübingen

Die Stadt Tübingen wird im württembergischen Kanzleistil die zweite Haupt- und Residenz-, auch Universitätsstadt genannt und ist ebenso bekannt durch den tübingischen 1514 geschlossenen Vertrag, ein Grundgesetz der württembergischen Verfassung. Ein gestochener Grundriß von Tübingen ist, soviel ich weiß, nicht vorhanden. Ich kann daher von der Größe der Stadt nichts sagen. Nach meiner Schätzung mag sie etwa ein Drittel der Grundfläche von Ulm einnehmen.

Die Stadt hat eine höchst bequeme Lage auf einem Bergrücken, von beiden Seiten abhängig. Die Straßen sind daher äußerst uneben, so daß man schief herauf- und herabgehen, oft mehrere Stufen steigen muß. Ja, in einigen Häusern, z.B. in dem des Herrn Professor Uhland, steigt man von der Spitze des Daches in eine andere Straße. Dazu kommt, daß die Straßen meist sehr eng, krumm und schlecht gepflastert, abends gar nicht erleuchtet sind und nicht gerade sehr rein gehalten werden. In vielen Gassen, besonders in der unteren Gegend der Stadt, sieht man vor vielen Häusern große Misthaufen liegen, eine Unanständigkeit, die sich doch wenigstens in einer Stadt nicht finden sollte, welche sich die zweite Haupt- und Residenzstadt nennt und eine berühmte Universität und ein Hofgericht in ihren Mauern hat.

Es muß im fünfzehnten Jahrhundert eine sonderbare Idee von der Bequemlichkeit der Wohnungen geherrscht haben. In Papst Sixtus' IV. Bestätigungsbulle der Universität wird als eine der Ursachen, warum in dieser Stadt eine Universität angelegt werden solle, angegeben: sie sei locus insignis, commodis habitationibus plenus, in quo victualium omnium maximal copia habetur. Das war in demselben Jahrhundert, als Aeneas Sylvius der Meinung war, mittelmäßige Bürger in Nürnberg wohnten besser als die Könige von Schottland. Man sieht, welchen Vorzug damals die Reichsstädte vor den Landstädten hatten.

Aber heutzutage findet man wahrlich weder Bequemlichkeit noch eine gute Einrichtung, wenn man die Häuser in Tübingen mit der guten Bauart in anderen Städten vergleicht. Das Äußere der Häuser in den unebenen, engen und schmutzigen Gassen dieser Stadt ist höchst elend. Ich kenne keine Stadt in Deutschland von einiger Bedeutung, deren äußeres Aussehen so häßlich wäre als diese. Die Häuser in der Altstadt Kassels, der Altstadt Hannovers, die rauchigen Häuser in dem alten und engen Teil von Braunschweig, die aus dem vierzehnten Jahrhundert stammenden Häuser mit spitzen Giebeln in Lübeck sind im Vergleich zu den meisten Häusern in Tübingen noch zierlich zu nennen. Diese sind von schlechtem Fachwerk, haben, wie alle alten Häuser, sehr hohe deutsche Dächer und stehen meist mit der Giebelseite Richtung Straße, hängen noch mehr über als die hölzernen Häuser in irgendeiner alten Stadt, sind schmutzig und ohne alles Ebenmaß, dabei zum Teil baufällig oder sehen zumindest so aus. Die Fenster sind klein, haben kleine elende und schmutzige Scheiben. Im Inneren sind daher die meisten Häuser, in welchen man in neueren Zeiten nichts verbessert hat, unglaublich dunkel, ohne die geringste schickliche Aufteilung der Zimmer. Ich glaube z.B. kaum, daß sich eine unförmigere, unbequemere und unzusammenhängendere Masse von Holz und Stein finden läßt, wie es das Wirtshaus zum Goldenen Adler, wo wir abstiegen, aufweist; doch muß ich auch hinzusetzen, daß man kaum irgendwo im Verhältnis zu einem so schlecht gebauten Hause doch eine so gute Aufnahme und freundliche Bedienung finden wird.

Indes sind in mehreren Häusern in neuerer Zeit Veränderungen gemacht worden, so daß manche im Innern bequemer eingerichtet sind, als man dem äußern Anschein nach glauben sollte. Auch sind mehrere Häuser vermögender Leute gut und viel besser möbliert als in Ulm. Hin und wieder findet man auch einzelne neue, ganz von Stein gebaute Häuser, wozu die Hauptwache gehört. Besonders aber unterscheidet sich die Münzgasse, die im oberen Teil der Stadt Richtung Neckarseite liegt. Sie war im Jahre 1781 die einzige schöne Straße in Tübingen, so daß man sich dünkte, tatsächlich in einer Stadt zu sein. Sie hat mehrere gut gebaute Häuser, die von außen neu angestrichen und mit besseren Fenstern versehen sind, als man sonst in dieser Stadt findet. Eines der vorzüglichsten derselben ist das Haus des Buchhändlers Heerbrand. Nahe dabei liegt das Universitätshaus, welches im Jahre 1775 und 76, vor dem Jubiläum der Universität, auf Kosten des Herzogs von Hauptmann Fischer in Stuttgart neu wiederaufgebaut worden ist. Die Fassade ist recht gut, wie man es von diesem Baumeister erwarten kann. Daneben ist auch ein kleiner akademischer botanischer Garten. Die Münzgasse ist reinlicher als die übrigen Straßen, wenigstens findet man daselbst keine Misthaufen. Überhaupt hat diese ganze Seite der Stadt eine freiere und heiterere Aussicht als der untere Teil der Stadt, nämlich auf den Neckar und die umliegenden Berge. Ich erinnere mich besonders der schönen Aussicht aus den Zimmern der Herren Professoren Kapf und Rössler.

Durch einen unglücklichen Brand hat Tübingen von der einen Seite ein etwas besseres Aussehen erhalten. Im Hochmannischen Stifte, einem großen Gebäude, worin verschiedene Studenten freie Kost und Wohnung haben, brach in der Nacht des 9. September 1789 ein großes Feuer aus, vermutlich durch einen Funken, der aus einer durchlöcherten Laterne fiel, verursacht. Der Hof lag voll Stroh, die Scheunen der umliegenden Gebäude waren mit Getreide gefüllt, und so brannten trotz aller eifriger Löschanstrengungen, wozu der Herzog Karl selbst von Stuttgart zu Hilfe eilte, über 40 Häuser nebst dem Marstalle ab, vom Lustnauer Tor bis an das Gasthaus zum Schwarzen Adler. Auf Befehl des Herzogs wurden die abgebrannten Straßen breiter und gerader wieder aufgebaut. Es sind jetzt fast alle Häuser schon hergestellt, teils durch die Ersetzung der Brandschutzversicherungsgesellschaft, teils durch die freiwilligen Beiträge des Herzogs, der Landschaft und mehrerer mildtätiger Privatpersonen.


Auf der dem Neckar entgegengesetzten Seite der Stadt liegt das Schloß, Hohentübingen genannt. Von diesem Schloß hat wahrscheinlich der Name Tübingen seinen Ursprung. Erst seit etwa 100 Jahren schreibt und spricht man Tübingen. In den ältesten Zeiten schrieb man Twingen und Tüwingen. Woher mag dieser doppelte Name kommen? Aus welcher Sprache mögen diese Benennungen genommen sein? Ich will eine Erläuterung versuchen.

Man bemerkt bei einiger Aufmerksamkeit in Schwaben und weiter Richtung Schweiz, nach dem Rhein zu, daß besonders die Benennungen der Berge und Hauptflüsse, d.h. der Gegenstände, die am längsten unverändert bleiben und die ein unkultiviertes Volk zuerst bemerkt und folglich bezeichnet, auf deutsch ganz unverständlich sind. Wenn man aber versucht, sie aus Sprachen zu erklären, welche bis jetzt freilich »keltisch« genannt werden, weil man keinen anderen Namen weiß, so werden sie verständlich und bezeichnen meist überaus deutlich die Lage und natürliche Beschaffenheit des Ortes.

Tübingen: Die Stadt und das Schloß

In Württemberg gibt es drei einzeln stehende Berge, die daher mehr in die Augen fallen und die den Beinamen Hohen führen und ihre Namen von keltischen Völkern ihrer natürlichen Beschaffenheit wegen bekommen zu haben scheinen: Hohentübingen, Hohentwiel und Hohenasperg. Im Keltischen bedeutet O oder Ho jeden erhabenen Ort oder Berg, Hen die Spitze oder den Kopf des Berges. Twyn und Twyin bedeutet Glanz, weiß, schön glänzend; also Ho-hen-Twyn-gen oder Ho-hen-Twyin-gen heißt beides weiße, glänzende Bergspitze. Twyll bedeutet Dunkelheit, also Ho-hen-Twyll dunkle Bergspitze. Vermutlich war der Tübinger Berg als ein Fels weiß und kahl, der Twiel aber mit düsteren Tannen bedeckt. Der Asperg hieß bis ins vierzehnte Jahrhundert hinein Richtenberg, und nur das unten liegende Städtchen nannte man Asperg. Rich heißt stark, Ten Eiche und Ber und berg heißt Berg, also der Berg voll starker Eichen. Selbst As bedeutet Stärke und Berg auch Wohnung, As aber auch noch Wasser. So hat das Städtchen vermutlich Wohnung am Wasser heißen sollen, da nahebei ein kleiner Bach fließt. Der Name Hohenasperg ist erst im fünfzehnten Jahrhundert aufgekommen, als man die Eichen auf dem Berg umgehauen und die Höhe befestigt hat.

Das Schloß Hohentübingen ist sehr alt. Es wurde, so wie es jetzt steht, im Jahre 1535 erbaut und galt als Bergfestung, so daß es auch noch wenige Jahre nach seiner Erbauung wirklich einer Belagerung von Spaniern standhielt. Ehemals war hier eine besondere Garnison, welche aber jetzt nicht mehr vorhanden ist. Statt dessen wohnt dort nur noch ein herzoglicher Expeditionsrat nebst dem Kastellan. Im Hof des Schlosses befindet sich ein Springbrunnen, zu dem das Wasser von den höher gelegenen Bergen der Umgebung in Bleiröhren geleitet wird. Auf gleiche Weise werden die Springbrunnen, die man hin und wieder in der Stadt sieht, gespeist. Man hat hier überhaupt vortreffliches Wasser.

Auf einem der hohen Türme dieses Schlosses ist die Sternwarte der Universität. Von ihrer mit Kupfer belegten Altane sah ich bei Sonnenuntergang an einem schönen Sommerabend die herrliche umliegende Gegend. Es ist ein weiter, entzückender Blick über fruchtbare Fluren, fette Wiesen, lachende Weinberge und Obstgärten. Kein Kontrast läßt sich so schneidend denken als der zwischen den schlechten, höckerigen und schmutzigen Gebäuden in Tübingen und der reizenden Landschaft rundherum. Nah und fern ist sie schön. Nach Süden sieht man die Schwäbische Alb, deren höchster Berg der Roßberg ist. Etwas mehr nach Südwest erkennt man das Bergschloß Hohenzollern, das Stammhaus der Könige von Preußen, außerdem die obere Herrschaft Hohenberg, zu Vorderösterreich gehörend. Ferner sieht man über die ganze Stadt hinweg die nahe Umgebung, durch die der schöne Neckar fließt. In diesen mündet nahe bei der Stadt die Steinlach, ein kleines Flüßchen. Es sah damals wie ein unbedeutender Bach aus. Doch wenn in den benachbarten Gebirgen starke Regengüsse erfolgen oder der Schnee schnell schmilzt, so daß die Bergbäche schnell anschwellen, ergießt es sich oft über das ganze umliegende Feld und richtet viel Schaden an, da es dann viel Kies und Steine mit sich führt.

Auf der anderen Seite, nach Norden hin, schaut man in ein liebliches, fruchtbares Tal, das von der friedlichen Ammer durchflossen und deshalb Ammertal genannt wird. Schon im fünfzehnten Jahrhundert hat man einen Teil des Osterberges abgetragen und einem Teil der Ammer eine andere Richtung durch einen zwölf Fuß breiten Kanal gegeben, der nun durch Tübingen geht und der Stadt sehr nützlich ist. Ehe die Ammer beim Haagtor in die Stadt kommt, treibt sie eine Schleifmühle, eine Tabaksmühle, einen Kupferhammer, eine Pulvermühle, eine Sägemühle, eine Graupenmühle, zwei Mahlmühlen und eine Walkmühle. Dann tritt sie in die Stadt, wo sie zum Vorteil von Färbereien gebraucht wird. Damals ist zugleich der Österberg durchgraben worden, so daß man auf der Ammer durch ein unterirdisches Gewölbe fährt. An dessen Ende treibt sie noch zwei Mühlen und mündet dann in den Neckar, fließt aber weiter herauf bei Lustnau, zugleich mit der Steinlach, abermals in den Neckar. Es ist sonderbar genug, daß in allen Beschreibungen Tübingens und auch in der mit so vielen anderen unnützen Dingen ausgedehnten Geographie und Statistik Württembergs von diesem großen und gemeinnützigen Unternehmen, einen Fluß durch eine Stadt zu leiten und deshalb einen Berg abzutragen und durchzugraben, auch nicht ein einziges Wort gesagt wird. Sogar auf der großen Michalschen Karte von Schwaben ist die Ammer noch so dargestellt, daß sie an Tübingen vorbeifließt. Auf Mayers Karte von Württemberg ist der Lauf richtig angedeutet, und Herr Prof. Ploucquet hat zuerst etwas von diesem rühmlichen Unternehmen berichtet.


Das Merkwürdigste in Tübingen ist natürlich die Universität, welche für einen Fremden dadurch, daß sie in mancher Hinsicht von allen anderen deutschen Universitäten verschieden ist, noch bemerkenswerter wird. Graf Eberhard im Barte von Württemberg, der Freund des edlen Kaisers Maximilian I., stiftete sie im fünfzehnten Jahrhundert. Er sagt in dem der Universität erteilten Stiftungsbrief sehr naiv: So haben wir in der guten meynung, Helffen zu graben den brunnen des Lebens, daraus von allen enden der weltt unersichtlich geschöpft mag werden, tröstlich und Hailsam Wysheit zur erforschung des verderplichen fürs (Feuers) Menschlicher vernufft und Blindheit uns userweit und fürgenumen ain Hoch gemain schul universitet in unser stat Tüwingen zu stiften und ufftzurichten. – Heil dem edlen Fürsten, der die gute Meinung hatte, für wahre Aufklärung zu sorgen! Was hätte damals nicht zum Besten der Wissenschaft geschehen können, wenn der Landesherr und seine Räte richtige Begriffe davon gehabt hätten, was eigentlich zu tun ist, um das verderbliche Feuer menschlicher Unvernunft und Blindheit auszulöschen, welches die päpstliche Hierarchie schon seit Jahrhunderten angezündet hatte, um jeden dadurch verzehren zu lassen, der sich ihrer Herrschsucht entgegensetzen wollte.

Man möchte sich nicht so sehr wundern, daß ein aufgeklärter Landesherr, obgleich in einem Jahrhundert, in dem an die wirklich nützlichen Wissenschaften noch wenig gedacht wurde, so früh den Sinn hatte, eine solche Anstalt zum Wohl der menschlichen Vernunft errichten zu wollen, als daß ein Papst, zumal ein Papst wie Sixtus IV., dieser Elende, den geistlicher Stolz und niedriger Nepotismus und Unmoralität gleich verächtlich machen, dieser Bösewicht, der allein schon wegen der Ermordung des edlen Cosimo Medici von der Nachwelt verabscheut werden muß, sich hat bereden lassen, die dazu nötigen Kosten aus dem Schatze der Kirche herzugeben. Die Beispiele sind wohl selten, daß ein solcher Papst die Einkünfte von fünf Kirchen, in denen künftig nur Vikare angestellt werden sollten, widmete, um menschlicher Unvernunft und Blindheit Einhalt zu tun, und zehn Kanonikate und die damit verbundenen Pfründen eingehen ließ, um an deren Stelle zehn arbeitende Lehrer zu setzen. Was ist das für ein wunderbarer Papst, welcher zehn Pfründen eingehen läßt, wovon sich zehn wohlbeleibte, müßige Söhne der Kirche mästen könnten, und an deren Stelle zehn Lehrer der Weisheit setzt, um das Feuer menschlicher Unvernunft und Bosheit auszulöschen? Das Wunder wird aber viel natürlicher durch die Bemerkung, daß sich das Ganze dieses päpstlichen Geschenks nur auf 52 Mark Silber oder, nach jetzigem Kurse, etwa auf 700 Reichstaler Konventionsgeld belief und daß Graf Eberhard die Nepoten des Papstes wohl hat abfinden müssen. Die Professoren der Rechte nannten sich selbst noch am Anfang des sechzehnten Jahrhunderts arme Gesellen, und der bekannte Frischlin hatte noch in der zweiten Hälfte desselben Jahrhunderts als Professor der Dichtkunst nur 60 Gulden jährliches Gehalt. Man sieht also wohl: Die portio congruar, welche den Vikaren der fünf Kirchen ausgesetzt war, wird so ansehnlich geblieben sein, daß der Universität nicht allzuviel zufloß. Jedes der zehn Kanonikate – wenn alle zehn 700 Reichstaler jetzigen Konventionsgeldes ausmachten – brachte etwa 90 bis 100 Gulden. Das würde für einen Professor der Dichtkunst schon ein reichliches Gehalt gewesen sein. Für einen Pfründner aber war es so wenig, daß die Söhne der Kirche nicht glaubten, in der jährlichen frommen Verzehrung einer so geringen Summe das Heil ihrer Seelen genügend besorgen zu können. Sie ließen es sich also gefallen, solche unbedeutenden Pfründen an arme Gesellen hinzugeben, welche arbeiten wollten. Dies kann der einzige Grund zum Wechsel des Gebrauchs der Kircheneinkünfte gewesen sein. Es ist also bestimmt kein Beispiel dafür, daß die Stellen in hohen Domstiften oder anderen einträglichen Pfründen zum Nutzen einer sinnvollen Beschäftigung wären weggegeben worden, am wenigsten zu der Beschäftigung, Unvernunft und Blindheit aus der Welt zu bringen. Käme dieser Sinn einmal in die Väter der Kirche – wie viele Lehrer der Weisheit, wie viele Beförderer der menschlichen Vernunft und Aufklärung könnten dann im katholischen Teil von Deutschland reichlich besoldet werden!

Die ersten Lehrer der neuen Universität waren auch nicht gerade eifrig bemüht, wie es der edle Landesherr haben wollte, das verderbliche Feuer der menschlichen Unvernunft und Blindheit auszulöschen, sondern dachten hauptsächlich daran, die Macht der Kirche zu befördern, welche ihnen, wenn auch kärglich, zu leben gab, unbekümmert darum, ob das menschliche Geschlecht unvernünftig oder blind sei. Theologen gab es in Tübingen bald so viele, daß kaum jeder seine Stunde zum Lesen finden konnte. Es besteht auch kein Zweifel daran, daß ihr Gehalt ungleich viel höher gewesen war als das der armen Gesellen, welche die weltlichen Wissenschaften lehrten. Wenn aber auch die Tübinger Professoren damals mehr die Spitzfindigkeiten des Kanonischen Rechtes ausklaubten, als sich auf nützliche Wissenschaften zu legen, und wenn sie auch als Nominalisten oder Realisten ihr Schulgezänk Philosophie nannten – ein Irrtum, der sich selbst heute noch in Deutschland bei ganz neuen Philosophen findet –, so trug doch diese Universität bald nach ihrer Errichtung, wenn auch nur indirekt, das ihrige bei, um Unvernunft und Barbarei im übrigen Deutschland auszulöschen. Melanchthon und Reuchlin, diese Wiederhersteller der Denkkraft, lehrten daselbst. Die Universität Tübingen versorgte zu Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts die Universität Wittenberg mit mehreren Lehrern, worunter der vortreffliche Melanchthon der vornehmste war. Ebenso ging vor einiger Zeit eine Kolonie berühmter und verdienter Gelehrter aus Tübingen nach Göttingen, welche zum Flore der dortigen Universität nicht wenig beitrug. In etwas späteren Zeiten wurde die Universität Helmstedt zum Teil nach Tübingens Muster eingerichtet.

Die Universität Tübingen war von Anfang an und ist noch jetzt eine eigentliche Landesuniversität, und insofern unterscheidet sie sich von verschiedenen anderen Universitäten, wo man von einem etwas anderen Gesichtspunkt auszugehen pflegt, besonders davon, viele ausländische Studenten anzuziehen. Sie ist für das Herzogtum Württemberg errichtet, und man kümmert sich gar nicht um die Anzahl der Ausländer. Sind sie da, so ist es gut; sind sie nicht da, so ist weiter nichts daran gelegen, denn die Absicht, die Wissenschaften im Lande zu verbreiten, ist doch erreicht. Ich glaube, man hat hierin sehr recht. Es erschien mir bislang immer ganz unschicklich, daß man den Flor einer hohen Schule gewöhnlicher Weise danach bemißt, ob die Anzahl der Studenten recht stark ist, besonders daß man glaubt, der Ruhm einer hohen Schule blühe recht, wenn nur viele Ausländer dahin kommen, hauptsächlich aber wenn viele Grafen daselbst studieren, und daß man vor Freuden außer sich ist und es jedem Fremden mit Frohlocken erzählt, wenn etwa gar ein Prinz eine Universität besucht, zum großen Nutzen der Professoren, denen die Collegia privatissima bezahlt werden. Dies kann der Sucht nach eitler Ehre angenehm und mag auch nützlich sein, wenn man eine Universität als ein Finanzmittel betrachtet; aber zum Hauptzwecke einer hohen Schule trägt es meines Erachtens nichts bei. Der besteht darin, daß die Wissenschaften gelehrt werden und daß junge Leute fleißig sein und studieren sollen, damit sie einmal dem Staate nützlich werden können. Dazu gehören die nötigen Anstalten, ohne welche gewisse Wissenschaften nicht auf gehörige Art und in gehörigem Umfang gelehrt werden können. Dazu gehören geschickte und fleißige Professoren und fähige und fleißige Studenten. Ihre Anzahl, ihre Glücksumstände und ihre hohe oder niedre Geburt sind Nebendinge. Was ist also eigentlich daran gelegen, daß in Tübingen kaum 500 Studenten, im theologischen Stift etwas über 300 und außerhalb etwa 150, sind? Wenn diese alle gelehrte und brauchbare Leute werden, so ist Tübingen dem Herzogtum Württemberg äußerst wohltätig. Man müßte sodann sagen: Die Universität ist in der größten Blüte, und wenn die Anzahl der Studenten auch noch geringer und wenn kein einziger darunter wäre, den seine Geburt berechtigte, künftig einmal einen Stern oder ein Ordensband tragen zu können.

So, wie die Studenten in Tübingen größtenteils aus Württembergern bestehen, so sind auch gewöhnlich die Professoren Eingeborene des Landes. Der Fall, daß dort ein Ausländer Professor wird, kommt sehr viel seltener vor als bei irgendeiner anderen Universität. Ich bin aber nicht der Meinung, daß die Universität Tübingen dabei viel verlieren sollte. Sie hat von ihrer Stiftung an bis jetzt unter ihren Professoren immer eine Anzahl der verdientesten Gelehrten in allen Teilen der Wissenschaft gehabt. Von Tübingen kann man nicht sagen, daß diese Universität in irgendeinem Teil der Wissenschaften hinter den anderen Universitäten weit zurückgeblieben sei. Hatte zu irgendeiner Zeit etwas gefehlt, so lag es an dem Mangel oder der Unvollkommenheit gewisser Anstalten, keineswegs aber daran, daß die Professoren Einheimische waren. Wenn eine Universität z.B. an einem astronomischen Observatorium, einem anatomischen Theater oder einem chemischen Laboratorium und den dazugehörigen Instrumenten oder an einer Sammlung zur Naturgeschichte, einer Hebammenanstalt, an botanischen oder ökonomischen Gärten oder an einer zweckmäßigen Bibliothek Mangel hat, so bleibt sie freilich gegenüber anderen Universitäten in den Wissenschaften zurück, zu deren Erlernung diese öffentlichen Anstalten notwendig sind. Dies ist aber die Schuld der Regierung und der Aufseher der Universität, nicht jedoch der Professoren, mögen diese nun Einheimische oder Ausländer sein.

Zwar war Tübingen vor einiger Zeit in mehreren zur Theologie gehörigen Wissenschaften in der Tat ziemlich zurück. Bengelsche und Ötingerische apokalyptische und prophetische Grillen nebst Roosscher und Riegerischer pietistischer Askese nahmen den Platz gründlicher und nützlicher theoretischer Wissenschaften ein. Dies lag aber nicht daran, daß die Professoren bloß Württemberger waren, sondern nur an der Verfassung des Landes, wo protestantische Theologen nach altem Schlage die allgewaltigen Landstände waren, besonders unter einem katholischen Landesherrn, dem die protestantischen Landstände den Einfluß auf Schulen und Universitäten beschränken mußten. Wenn durch diese Landstände auch auswärtige Professoren der Theologie berufen worden wären, so hätte dadurch die theologische Wissenschaft in Tübingen wahrscheinlich nichts gewonnen. Aber auch jetzt ist die große Verbesserung des theologischen Studiums in Tübingen bloß von Inländern, von Schnurrer, Storr und Le Bret, bewirkt worden.

Tübingen besaß schon im ersten Viertel dieses Jahrhunderts an seinem Kanzler J. M. Pfaff einen Theologen, der sich an Gelehrsamkeit mit jedem in Deutschland messen konnte und gewiß weiter sah als die allermeisten Theologen seines Zeitalters. Dies zeigen seine bekannten Friedensvorschläge, wodurch er die beiden Teile der Protestanten vereinigen und dem unseligen Gezänk über Bestimmungen, die nicht zu bestimmen sind, dadurch ein Ende machen wollte, daß beide Teile sich tolerierten und Lehrpunkte, deren scholastische Bestimmung zu nichts nützt, dahingestellt sein ließen. Seine Schuld war es nicht, daß er sich zurückziehen und schweigen mußte, weil die bissigen, streitsüchtigen Theologen sowohl unter den Lutheranern als auch unter den Reformierten mit bitterem Haß über ihn herfielen. Schon dadurch, daß er zuerst die Literatur der Theologie in Gang zu bringen anfing, öffnete er dem Forschungsdrang einen neuen Weg, auf welchem nachher viele nützliche Wahrheiten wieder aufgefunden wurden, und er machte auch auf die Verschiedenheiten der Lesarten des Neuen Testaments schon sehr früh aufmerksam.

Jetzt hat die Universität Tübingen gewiß in allen Wissenschaften die verdienstvollsten Professoren. Allenfalls könnte man die eigentliche klassische griechische und römische Literatur ausnehmen, worin vielleicht einige andere Universitäten einen Vorzug haben. Dieses liegt aber wieder eigentlich an den von den Prälaten eingerichteten württembergischen Klosterschulen, in denen die Lektüre der klassischen Schriftsteller verfassungsmäßig zwar sehr viel, aber nicht so getrieben wird, daß man in den Geist der Schriftsteller eindringt und nicht nur bei den Worten stehenbleibt, und wo auch wohl manche zum Verstehen der klassischen Schriftsteller gehörige Hilfsmittel viel zu sehr vernachlässigt werden. Sollte es einmal geschehen, daß die württembergischen Klosterschulen hierin eine solche Wendung nähmen wie z.B. die sächsischen Fürstenschulen (welche sonst auch noch etwas von der Klostereinrichtung an sich tragen), so würde Tübingen in der schönen klassischen Literatur dieselben Vorzüge haben können wie z.B. Leipzig, und wenn auch, wie jetzt, weiterhin alle Professoren Einheimische wären.

Die Universität Göttingen hat bekanntlich von der Universität Tübingen seit 15 Jahren mehrere sehr verdiente Lehrer empfangen. Göttingen hat davon großen Nutzen gehabt und, wenn ich nicht irre, durch Zurückwirkung auch Tübingen. Aber alles möchte ich aus dieser Ortsveränderung nicht folgern, was man nach Michaelis Raisonnement daraus folgern müßte. So viel sieht man aus dieser starken Expatriierung gelehrter Württemberger: teils, daß in Württemberg mehr Leute studieren und besonders sich dem Universitätsleben widmen, als das Land braucht; teils, daß der Scharfsinn und Fleiß junger württembergischer Gelehrter sich Wissenschaften zuwendet, denen man in Württemberg vor einiger Zeit noch wenig Achtung, auswärts aber viel mehr zugestand; teils, daß in Göttingen gelehrte Anstalten aller Art und die Universitätsgelehrten in einer so vorzüglichen Lage sind, daß keiner leicht eine andere Universität mit dieser vertauschen mag; teils auch, daß im Hannoverschen selbst sich weniger Leute dem Universitätsleben widmeten, als man dort nötig hat, und daß die hannoversche Regierung, vielleicht aus sehr guten Gründen, diese Gesinnung unvermerkt in ihrem Land erhalten will, indem sie sehr selten einen Inländer auf ihrer Universität befördert. In Württemberg dagegen ist es gerade das Gegenteil. Dort ist alles von den Schulen an darauf gerichtet, alle Stellen an der Universität durch Einheimische zu besetzen; und selbst die Einrichtung der Schulen muß bei den jungen Leuten mehr Neigung zum einsamen Nachdenken und Studieren als zur tätigen Lebensart erwecken, woraus mehr Liebe zum Universitätsleben entsteht als in manchen anderen Ländern. Selbst die Art, wie der größte Teil der jungen Leute in Tübingen im Theologischen Stift studiert, muß diese Neigung vermehren.


Dieses Theologische Stift, auch das Stipendium oder das Kloster genannt, unterscheidet Tübingen von allen anderen deutschen Universitäten; denn nirgends findet sich eine solche Anstalt. Gleich nach der Reformation bestimmte Herzog Ulrich dazu das aufgehobene Augustinerkloster, und Herzog Christoph, der vortrefflichste unter Württembergs Regenten, der edle Freund des edlen Kaisers Maximilian II., vergrößerte diese Anstalt und gab ihr die jetzt im ganzen noch bestehende Einrichtung.

Wenn man sich in Gedanken ganz in die Zeiten gleich nach der Reformation versetzt, so muß man die Vorsicht beider Regenten Württembergs bewundern, womit sie durch diese Anstalt, in Verbindung mit den in den Klöstern errichteten Schulen, für die neue evangelische Kirche sorgten. Dieses Stift hat daher um die Erhaltung des Protestantismus in Württemberg, und mittelbar in ganz Deutschland, wahre Verdienste. Auch ist es an sich ausgemacht, daß dieses Stift genau mit der ganzen württembergischen Landesverfassung verbunden ist, eben weil die Prälaten die vornehmsten Landstände ausmachen, und noch aus mehreren anderen Ursachen. Wenn also auch die Aufschrift des Gebäudes Claustrum hoc cum patria statque caditque sua beim ersten Anblick übertrieben erscheinen mag, so hat doch derjenige, der sie dahinsetzte, in gewisser Betrachtung die Lage der Dinge ganz richtig eingesehen. Denn dieses Stift könnte nicht aufgehoben werden, ohne die ganze württembergische Landesverfassung zu verletzen und sie wesentlich umzukehren, und welcher vernünftige Mann kann das wünschen? Obgleich jeder Vernünftige und Wohldenkende eine beständige Verbesserung wünschen muß, damit es gemeinnütziger werde und bleibe, damit sowohl die Klosterschulen als auch das Tübingische Stift zum größeren Wohl des Landes, nicht aber etwa bloß zur Befestigung einer zusammenhaltenden protestantischen Hierarchie gereichen mögen.

Alle künftigen württembergischen Geistlichen müssen entweder im theologischen Stift studiert oder doch den ganzen darin vorgeschriebenen Schlendrian durchlaufen haben. Es haben im Stift eine Menge theologische Stipendiaten auf öffentliche Kosten freie Wohnung, Speise und Trank. Um meinen Lesern von dem Wege, den alle angehenden Geistlichen in Württemberg nehmen müssen, einen Begriff zu geben, will ich ihn hier, von den Klosterschulen an, kurz beschreiben.

Lateinschulen gibt es im Herzogtum Württemberg, außer den Gymnasien zu Stuttgart, einige 50, deren Lehrer aus dem Kirchengut bezahlt werden. Ein junger Mensch, der in diesen Schulen, die jährlich visitiert werden, gut bestanden hat und den Vorsatz faßt, Theologie zu studieren, muß im September nach Stuttgart reisen. Dort hält das dortige Konsistorium über alle diese Ankömmlinge ein Examen ab, das Landexamen genannt, welches mancher Knabe wohl vier- oder fünfmal durchstehen und also so oft nach Stuttgart reisen muß, ehe er in die unteren Klosterschulen aufgenommen wird. Dies sind die Klöster Denkendorf und Blaubeuren, in denen diese herzoglichen Alumnen zwei Jahre bleiben; sie kommen dann in die beiden höheren Klosterschulen Bebenhausen und Maulbronn, wo sie abermals zwei Jahre bleiben. In jedem Jahr wird auf diese Weise eine Anzahl Alumnen aus einer niederen Schule in eine höhere und aus einer der höheren ins Stift nach Tübingen versetzt.

Eine solche Anzahl von Alumnen zusammengenommen, so auch hernach eine Anzahl von Studenten, die Baccalaureen oder Magister werden, heißt mit einem Kunstworte eine Promotion; daher hört man in Tübingen in Gesprächen und Schriften nicht selten von dieser oder jener Promotion, von Magistern der ersten und der zweiten Promotion u. dgl., besonders auch vom Primus einer Promotion, denn ein solcher Primus dünkt sich etwas, vielleicht oft ein wenig zuviel, hat auch gewöhnlich im Stift auf seine Promotion, d.h. auf diejenigen, welche mit ihm Baccalaureen oder Magister geworden sind, viel Einfluß. Denn eine solche Promotion ist immer eine Art von unsichtbarer Kirche oder, wenn dies zu feierlich klingen sollte, ein zusammenhaltender Klub, in dem der Primus gleichsam der Anführer und der Sprecher ist. So teilt sich unter jungen Leuten, welche von der Welt abgesondert sind und daher sich einander immer näher anschließen, der allgemeine Esprit de Corps mit, und weil sie gewohnt sind, immer auf Obere zu sehen, machen sie sich selbst Obere aus ihrer Mitte, damit sie jemanden haben, dem sie zunächst folgen können. Die Sache hat auch ihr Gutes und würde es noch mehr haben, wenn nur die Herren Primusse öfter freundlich und umgänglich zu ihresgleichen, nicht aber ziemlich herrisch und voll Dünkel wären, wovon sich freilich einige, aber wenige Ausnahmen finden sollen. Ist der Primus vernünftig, ruhig, fleißig, ein Freund der Ordnung usw., so wird sein Beispiel auf seine ganze Promotion Einfluß haben, diese Tugenden in ihnen zu erwecken. Ist er aber unvernünftig, verkehrt oder gar ein Säufer, wovon es auch Beispiele geben soll, so hat er einen schädlichen Einfluß auf seine ganze Promotion und macht es den Vorstehern viel schwerer, dieselbe in Ordnung zu halten. Wie aber jemand Primus wird, geht folgendermaßen zu:

Das Theologische Stift in Tübingen

Wenn nicht alle württembergischen Theologen große Gelehrte werden, so liegt es nicht am Mangel der Examinationen und Testimonien und Exerzitien und Lokationen, welche sich wiederum auf Exerzitien, Testimonien und Examinationen gründen. Wenn die Schüler eine Weile in einer unteren Klosterschule gewesen und verschiedentlich examiniert worden sind, so daß man nun ihre Fähigkeit zu kennen glaubt, so müssen sie ein Exerzitium für die Lokation machen. Man diktiert ihnen nämlich einen Aufsatz zu einem lateinischen Exerzitium, und wer das beste macht, ist Primus. So gehen die Lokationen während der vier Klosterschuljahre alle Viertel- und Halbjahre fort, bis die Jünglinge ins Stift zu Tübingen kommen. Da werden sie nicht nur wieder sehr oft examiniert, sondern auch alle halbe Jahre lokiert. Da diktiert dann ein Repetent das Exerzitium und verfaßt eine Lokation, welche er seinen Obern, den Superintendenten, vorlegt, die von diesem dann entweder bestätigt oder verändert und sodann publiziert wird. Que de bruit pour une omelette! möchte man ausrufen. Indes ist dies völlig im Geiste der ganzen klösterlichen Einrichtung. Die Sache ist gut gemeint, möchte aber zur wahren Gelehrsamkeit schwerlich viel Wirkung tun, außer insofern man in einer solchen Anstalt viel auf äußerliche Ordnung zu sehen hätte. Nur sind die Oberen ziemlich geneigt, einer solchen dienstlichen Ordnung, die ihnen nötig erscheint, um das Ganze zu übersehen, mehr inneren Wert beizulegen, als sie wirklich hat. Man muß sich ebensosehr wundern, daß Studenten und sogar Magistern ein lateinisches Exerzitium diktiert wird.

Genug vom Primus, einem Wesen, welches sich, außer in Tübingen, auf keiner deutschen Universität findet, nur noch auf der alten echtkatholischen Universität zu Löwen in Brabant. Da wird der Primus, wenn er lokiert worden ist, öffentlich mit großem Gepränge und mit Musik in seiner Eltern Haus oder in seine sonstige Wohnung gebracht, und die ganze Stadt hat also ein Fest bei der neuen Lokation. So feierlich geht's nun freilich mit einem Primus in Tübingen nicht zu. Herzog Karl, der sich der Universität und auch des Stifts mit Eifer und persönlich annahm, gab zuweilen einem Primus, der ein besonders gutes Zeugnis von seinen Obern bekam, ein Geldgeschenk; und das Konsistorium schenkt einem solchen zuweilen ein Buch von einiger Wichtigkeit zu fernerer Aufmunterung.

Wenn die Alumnen aus den höheren Klosterschulen und aus dem Gymnasium zu Stuttgart nach Tübingen ins Stift kommen, so werden sie vorgeschriebenermaßen examiniert, und an Zeugnissen und Berichten, womit man überhaupt in Württemberg so freigebig ist, wird nicht gespart. Gleichwohl scheint all dies wenig zur Sache zu tun, denn die jungen Herren werden doch alle, wenn das Examinieren vorbei ist, verfassungsmäßig urplötzlich samt und sonders zu Baccalaureen gemacht, da kaum einmal einer abgewiesen wird. Die Promotion geschieht nicht im Stifte, sondern auf der Universität.

Nun bleiben die Herren zwei Jahre lang Baccalaureen, und es wird gesorgt, daß sie so lange die Philosophie studieren. Daß diese Philosophie eben nicht allemal Liebe zur Weisheit, nicht Aufklärung des Geistes und Bildung des Herzens, sondern großteils dürre scholastische Spekulation ist, kann man sich wohl denken. Diese leere Schulweisheit wechselt mit dem vierteljährigen Diktieren lateinischer Exerzitien, mit dem Examinieren, mit dem Lokieren ab; und wenn zwei Jahre vergangen sind, so wird angenommen, daß die Herren nunmehr der Liebe zur Weisheit genug haben und würdig sind, Meister derselben genannt zu werden. Dem äußeren Anschein nach freilich wird noch nicht angenommen, daß alle diese zweijährigen Lorbeerträger nun würdig sind, Meister der Weisheit zu werden. Denn die philosophische Fakultät stellt mit ihnen in Gegenwart des Kanzlers zuerst ein Examen an, Rigorosum genannt. Doch ist es nicht gar so streng, daß irgendein Baccalaureus, der zwei Jahre lang die Philosophie studiert und sich sonst den Klostergesetzen gemäß aufgeführt hat, gehindert würde, Magister zu werden. Es heißt deswegen nur Rigorosum, weil infolge desselben nun die Fakultät eine Lokation der künftigen Herren Magister vornimmt, einem jeden nach seiner Stärke in abstrakter Spekulation seinen Rang anweist und diesen publiziert.

Diese Meister der Weltweisheit werden nun Schüler der Gottesgelehrtheit und bleiben es drei Jahre lang. Diese werden verbracht mit Hören theologischer Kollegien, mit Halten eines Locus theologicus – in welchem jeden Montag ein Repetent nach dem Sartoriusschen, im ganzen Lande eingeführten Compendium Theologicum etwas zu definieren und zu dividieren gibt –, mit Examiniertwerden, mit Lokiertwerden, mit sehr vielem Predigen und mit sehr wenigem Katechisieren.

Wenn nun die Herren Magister auch ihr Triennium theologicum überstanden haben, so sind ihre Universitätsstudien beendet. Sie ziehen nach Stuttgart, wo sie vor dem Konsistorium eine Probepredigt halten, und werden von demselben nochmal und endlich zum letzten Mal examiniert. Nach diesem Examen, bei welchem, soviel ich gehört habe, niemand zurückgewiesen wird, der nicht etwa eine schlechte Führung sich hat zuschulden kommen lassen, werden die meisten ordiniert und sehr oft alten oder kranken Geistlichen im Lande als Vikare beigegeben. Sie werden aber dann von den Geistlichen, meistens sehr gering, bezahlt. Andere nehmen Hofmeisterstellen in Familien an oder gehen auf gelehrte Reisen, entweder auf eigene oder auch zuweilen auf herzogliche Kosten. Einige kehren ins Stift zurück und werden daselbst Repetenten oder Senioren.

Die Stipendiaten oder Stiftsgenossen machen die größte Zahl der Studenten in Tübingen aus. Im Jahre 1781, als ich in Tübingen war, wurden im Stift 349 zukünftige Theologen erzogen, alle übrigen Studenten mochten kaum 150 ausmachen, worunter noch mancher Theologe war. Daß eine Stiftung weiterlebt, um Theologen zu erziehen, ist an sich löblich und gut, weil das Land Theologen braucht. Das Vaterland benötigt aber ebenso notwendig Ärzte und Professoren der Mathematik, Chemie und Physik; und diese haben bei ihrem Studium noch weit höhere Kosten als ein Theologe und haben somit noch viel eher Unterstützung nötig. Nicht wenige vom geistlichen Stande wählen eine andere Wissenschaft, und dies sind oft die herrlichsten Köpfe. Es gibt treffliche Mathematiker, Historiker oder Literaten, die zuerst im Stift studiert hatten. Da nun gewiß mehr Stiftlinge da sind als theologische Stellen und da sehr oft fähige Köpfe, die im Stift erzogen wurden, doch nicht den geistlichen Stand wählen – sollte man da nicht auch an diese denken, die ja auch Söhne des Vaterlandes sind und demselben auf andere Art dienen können?

Die ganze Einrichtung des Stiftes ist ein Überbleibsel aus den katholischen Zeiten, eine einfache Nachahmung der dort üblichen Art, junge Geistliche in Klöstern oder in Priesterhäusern zu erziehen. Deshalb ist sie für protestantische Geistliche nicht schicklich. Katholische Geistliche sollen, der Absicht ihrer Kirche entsprechend, einen ganz besonderen, vom Staat unterschiedenen Stand ausmachen. Sie sollen ganz aus der Welt herausgehen, nicht Hausväter, nicht Staatsdiener werden, sondern allein in der Kirche und für sie leben und nur ihren Bischöfen, Äbten, Prioren und übrigen geistlichen Oberen blinden Gehorsam leisten. Da mag es den Absichten der Hierarchie gemäß sein, die jungen Leute nie sich selbst zu überlassen und sie in besonderen Anstalten von der bürgerlichen Gesellschaft getrennt zu erziehen, um sie auch in den kleinsten Dingen in beständiger Abhängigkeit von ihren Vorgesetzten zu erhalten. Aber für protestantische Geistliche ist dergleichen Erziehung unzweckmäßig. Sie sind keine Glieder einer Hierarchie, die außerhalb des Staates sein will. Sie sollen Bürger und Diener des Staates werden, sollen Hausväter sein und in der bürgerlichen Gesellschaft leben. Deshalb muß ihre Erziehung so eingerichtet werden, daß sie, so früh es sein kann, die Welt und die bürgerliche Gesellschaft nach ihren verschiedenen Verhältnissen kennenlernen und weder in Absicht auf ihre Wissenschaft und auf unanwendbare Spekulationen und Grillen noch in Absicht auf ihre Lebensart und ihr Betragen fremd in derselben sind. Je eher sie in die Lage kommen, für sich selbst zu sorgen und sich selbst helfen zu müssen und nicht alles von den Befehlen anderer zu erwarten, desto besser ist es.

Überdem ist das Äußere des ganzen Stiftes nicht sehr einladend, wenigstens war es so, als ich es sah. Es ist in einem ehemaligen Augustinerkloster untergebracht, einem alten, dunklen, schmutzigen Gebäude, das noch die ganze ehemalige Klostereinrichtung an sich hat und auch durch die im vorigen Jahrhundert angebauten Teile zwar erweitert, aber nicht verschönert worden ist, außer daß man von dem neuen Gebäude eine schöne Aussicht hat. Der Verfasser der Geographie und Statistik Württembergs versichert, in diesem Gebäude gebe es für alle Stipendiaten nur 13 Zimmer, die geheizt werden könnten. Nun denke man sich über 200 junge Leute, in so wenige Zimmer im Winter zusammengedrängt. Ist es wohl der Gesundheit und der Ruhe, die zum Studieren notwendig ist, angemessen, junge Leute so eng zusammenzupacken? Auch wenn sie im Sommer in mehrere Zellen verteilt werden, so leben sie doch wie Mönche, studieren wie Mönche und bleiben immer in mönchischer Zucht, außer daß sie bei Tage ausgehen dürfen.

Alle diese jungen Stipendiaten, die zum Teil kaum 18 Jahre alt sind, tragen Kragen und Mäntel wie die Prediger und rund gelockte Köpfe, von den Perücken abgesehen, die einigen von diesen jungen Köpfen einheizen. So entsteht ein possierlicher Widerspruch zwischen dieser ehrwürdigen Kleidung und der jugendlichen Munterkeit. Ich sah auf einer Straße in Tübingen drei oder vier solcher Kragen und Mäntel, die sorglos herumschlenderten und sich endlich in jugendlichem Mutwillen herumbalgten. Die Magister unter den Stipendiaten, von denen es in Tübingen wimmelt, trugen damals zu diesem geistlichen Ornat noch ein kleines schwarzes samtenes Kalottchen, so wie katholische Geistliche. Die ältesten unter den Magistern hatten gar eine schwarze Kleidung oder Kutte, fast wie Mönche. Daß diese seltsame Mummerei etwas Kluges oder Zweckmäßiges sei, können vernünftige Leute nicht behaupten, obgleich es hin und wieder geschieht, denn ich habe mit Verwunderung gehört, daß einige glauben, den Repetenten gehe etwas ab an ihrer Würde, weil sie nach der neuen Verbesserung die langen Kleider abgelegt haben. Nicht als ob alle, die aus dem Stift kommen, beständig den Rost an sich behielten, der sich in diesen dunklen und feuchten Mauern so leicht ansetzt. Junge Gelehrte, die mit hellem Geist und feinem Sinn begabt sind, verlieren früher oder später den einseitigen Anstrich und die seelenlose, in sich gekehrte Spekulation, die in solchen klösterlichen Seminaren gar leicht entsteht; sie behalten vielleicht nur den Geist der Ordnung, der Ausdauer beim Arbeiten, welchen die frühe Anstrengung wohl oft erzeugt und wodurch dann ihre Geistestalente desto mehr hervorscheinen und brauchbarer werden. Aber dazu gehört eine Gabe des Himmels, die nicht allen Menschen, besonders nicht allen Magistern, auch wenn sie sehr gelehrt sind, verliehen ist, nämlich eine gute Portion gesunder Menschenverstand. Wo dieser ist, werden bald die Fehler einer unrichtigen, schulmäßigen Erziehung durch nachfolgende Welterfahrung und Beobachtung verwischt. Wo dieser aber fehlt, bleiben die Fehler gewöhnlich fest sitzen, und zwar desto hartnäckiger, je mehr sich das Vertrauen besonders zu sich selbst und der eigenen Denkkraft, hauptsächlich aber, je mehr sich der Dünkel festsetzt, den junge Leute wegen ihrer Fortschritte in leerer, spitzfindiger Spekulation erlangen, welche doch in der wirklichen Welt keinen Wert hat.

Die Franzosen haben beaux esprits de collège, und das sind gar seltsame Geschöpfe, dergleichen sich auch in Deutschland genug finden, und zwar außer bei den zahlreichen Dichtern und Romanschriftstellern auch noch besonders unter den Hohlköpfen, die über die Dichtkunst und die bildenden Künste nebst der Gartenkunst philosophieren wollen, ohne gesehen, beobachtet, empfunden zu haben. Wir haben aber außerdem noch eine Menge frühzeitiger savants de College, Originale, welche keiner anderen Nation eigen sind und sich nur in unserem deutschen Vaterlande finden, nicht weniger lächerlich in ihrer Art und nicht weniger langweilig. Dies will ich eigentlich nicht vom Stift zu Tübingen vorzüglich oder allein gesagt haben, aber etwas Charakteristisches scheint die darin geschöpfte Gelehrsamkeit doch zu haben, wenn sie nicht auf einen Kopf trifft, dem von der Natur viel Bonsens verliehen wurde. Man glaubt bei manchen in Württemberg herausgekommenen Schriften schon auf den ersten Seiten zu erkennen, der Verfasser müsse Magister des Tübinger Stiftes sein. Man erkennt dies nicht etwa bloß an den mystischen oder schwärmerischen Schriften, die auf jedem Boden gleich wild hervorsprossen, sondern gerade in Büchern, wo Spekulation waltet. Freilich sieht man überhaupt in Büchern junger Gelehrter, welche ihre ganze Wissenschaft durch Lernen von anderen erhalten haben, oft manche seltsamen Symptome der schweren Krankheit pedantischer Originalität. Die Ausländer schreiben sie gern allen deutschen Gelehrten zu, und sie mag auch wohl noch nicht so ganz ausgetilgt sein, sondern nur nach den Zeitumständen einen anderen Charakter angenommen haben. Aber wenn sich Magister aus dem Stift zu Tübingen an spekulative Materien wagen oder wenn sie unspekulative Materien spekulativ behandeln, so findet man gewöhnlich in ihren Schriften eine so ganz eigene Wendung, einen goût de terroir wie an manchen Weinen. Es liegt darin eine so unbefangene Rücksichtslosigkeit auf die ganze übrige Welt, ein so originales Ausspinnen eigener Hirngespinste, eine so widerspruchslose Gewißheit ihrer Festsetzung, daß man, obwohl dergleichen Dinge auch in den Köpfen mancher anderer Magister existieren können, dennoch zuweilen wetten möchte, gewisse Ideen könnten in keinen Kopf kommen, der nicht von den stipendiatischen schwarzen Kalottchen des Stifts in Tübingen erhitzt worden ist. Ich möchte meinen Lesern einige Beispiele solcher Originalität geben.


Der sonst rühmlich bekannte, erst im März 1795 im vierundachtzigsten Lebensjahr verstorbene Tübinger Professor der Arzneikunst, G. F. Siegwart, hatte in seiner Jugend die Theologie und Philosophie im Stift studiert. Dies hatte er zeitlebens, bis ins hohe Alter, nicht verwinden können. Ungeachtet er nachher viele Länder gesehen hatte, ungeachtet, daß das Studium der Arzneikunst und Chirurgie ihn auf einen ganz anderen Weg, den der Erfahrung und des gesunden Menschenverstandes, führte, woran es diesem wackeren Manne auch nicht fehlte, so behielt er doch beständig eine feststehende Disposition zu schiefer und tiefer spekulativer Philosophie, die er zuweilen auf die Medizin zu schief und zu tief anwandte. Er beschrieb z. B. 1755 in einer Dissertation, Tripes Heiterspanscensis, ein Monstrum, dem auf dem Rücken noch ein drittes Bein gewachsen war, und wirft folgende tiefsinnige Fragen auf: Ob und zu was für einer Art von Mißgeburten dies Mädchen zu rechnen sei?

Was die Ursache dieses ungewöhnlichen Menschengeschöpfes sei?

Ob es von Gott hervorgebracht worden sei?

Wenn es durch Zufall entstanden sei, so fragt sich: durch was für einen? Was war dabei die wirkende Ursache?

Ist es die so oft angeführte Einbildungskraft der Mutter? Oder des Vaters? Oder einzig die der Leibesfrucht selbst?

Ist aus dieser Dreifüßlerin selbst ihr dritter Fuß aufgewachsen, oder hat sich derselbe nur aus ihr entwickelt?

Oder ist der vorerwähnte, ungewöhnliche Fuß anderswo hergekommen, und woher?

Ist derselbe von einem anderen Kinde abgerissen und hierherversetzt und zu welcher Zeit?

Ging er verloren, oder war es ein übriggebliebener Fuß?

Wenn das Letztere gilt: an welchem Ort und unter welchem Volk wurde jene Leibesfrucht empfangen, deren Überbleibsel an dieser Mißgeburt gefunden wurde?

Wird etwa das andere noch lebende Kind das, was es durch diese Mißgeburt verloren hat, wiedererlangen?

Ist diese Dreifüßlerin zum Zeugungsgeschäfte tüchtig?

Kann ihr also das Heiraten gestattet werden, wenn sich dereinst ein Liebhaber zu ihr finden sollte?

Meine Leser, die etwas Neigung zum Lachen haben, werden diese Fragen kaum durchgelesen haben, ohne den Mund zu verziehen. Sie werden vielleicht auch meiner Meinung sein, daß ein Arzt solche Fragen schwerlich aufwerfen kann, wenn sein Verstand nicht in der Jugend in einem gelehrten Treibhaus gepflegt wurde, das noch viel von dem Dunst des Doctoris angelici oder des Doctoris seraphici in sich hat. Wo also der Verstand immer noch unter syllogistische Fenster und Latten auseinandergezerrt wird, um frühzeitig Früchte der Argumentationssucht oder der Mystik zu bringen, und wo man noch immer zu lernen beflissen ist, was der Ritter Hudibras von Natur so gut verstand: Confute change hands, and still confute. – – to dispute.


Ebenso auffallende Beispiele geben zwei Bücher, gleich original in ihrer Art, geschrieben von zwei Herren Schelling, Vater und Sohn, welche nacheinander, jeder zu seiner Zeit, Stiftsmitglieder waren. Diese Bücher sind ein paar lustige Beispiele dafür, wie weit düstere, einseitige, gelehrte Spekulation vom gesunden Menschenverstande abweichen kann.

Magister Schelling der erste, jetzt Spezial und Dekan zu Schorndorf, schrieb vor 24 Jahren, als er noch Repetent auf dem Stift in Tübingen war, ein Buch über die arabische Sprache. Damals sollte die Erklärung der Bibel und mit ihr die Erleuchtung beinahe der ganzen Welt von der arabischen Sprache ausgehen, welche allein den Schlüssel zum rechten Verstande der hebräischen Sprache und folglich zum Verständnis des Alten Testamentes, also auch zum verborgenen Schatze exegetischer Weisheit abgebe. Herr Schelling bemächtigte sich des damaligen Modegegenstandes und spekulierte so tief ins Arabische hinein, daß er nicht rechts noch links sah, was daneben lag. Er bewies mit einer Gravität, die etwas ins Komische geriet: Die arabische Sprache sei noch jetzt eben dieselbe, die sie bald nach der Zeit ihrer Entstehung war, und hatte sogar ein eigenes Kapitel: Von der wunderbaren Erhaltung der arabischen Sprache in ihrer ersten Reinigkeit von den allerältesten Zeiten bis auf den heutigen Tag. Der gute junge Mann, in sein Wunder vertieft, hatte wohl nicht bedacht, daß er im achtzehnten Jahrhundert nicht gut wissen könne, wie die arabische Sprache bald nach der Zeit ihrer Entstehung beschaffen gewesen sein möge, und daß er im herzoglichen Stifte zu Tübingen, aus welchem er kaum über ein paar Meilen hinausgekommen sein mochte, schwerlich wissen konnte, wie etwa diese Sprache jetzt im glücklichen und seligen Arabien geredet oder geschrieben werde.

Magister Schelling der erste genoß indes die Wonne seiner Kenntnis der arabischen Sprache fast ein Jahr lang. Da erschien Niebuhrs Beschreibung von Arabien. Aus derselben war zu ersehen, daß die arabische Sprache in viele Dialekte zerfällt und somit nicht gut dieselbe geblieben sein kann, die sie kurz nach der Zeit ihrer Entstehung war; ferner, daß die jetzigen arabischen Gelehrten die Sprache des Korans als eine tote Sprache erlernen müssen, weil diese Sprache so, wie sie im siebten Jahrhundert – also eine ziemliche Zeit nach ihrer Entstehung – beschaffen war, vom heutigen Arabisch so unterschieden ist wie das Lateinische vom Italienischen. Folglich ist das Arabische nicht wunderbar in seiner Reinheit erhalten worden. Einen anderen hätte eine so unvermutete Nachricht aus dem Orient zu Boden geschmettert; ich möchte aber wetten, daß Herr Schelling dabei ganz ruhig geblieben ist, denn Entdeckungen gelehrter Magister, wie die seine, haben, da sie a priori gefunden wurden, den Vorzug, daß sie durch keine Tatsachen zu widerlegen sind.

Magister Schelling der zweite, ein Sohn des vorigen, hat im Jahre 1795 eine tiefsinnige philosophische Abhandlung herausgegeben mit dem Titel: Vom Ich als Prinzip der Philosophie. Freilich hat dieser zweite Magister seinen Ansatz eigentlich dem weltberühmten Professor Fichte in Jena zu verdanken, der den wichtigen Grundsatz, daß Ich Ich ist, zuerst erfunden hatte, daß ein Nicht-Ich im Grundstein der Philosophie, den er unter starkem Pauken- und Trompetenschall gelegt hatte, dem Ich zur Seite gesetzt werden müsse. Aber Magister Schelling hat diese große Erfindung zu einer Höhe und Tiefe der Deduktion getrieben – deren selbst Professor Fichte kaum fähig wäre, obwohl er in der formalen Deduktion von Hirngespinsten unaussprechlich viel vermag –, indem er das Nicht-Ich in seine gehörigen Grenzen verwiesen hat, damit es dem Ich, diesem Grundstein aller Magisterdeduktionen, keinen Eintrag tue.

Man weiß, wie sehr die kritischen Philosophen seit einigen Jahren beflissen sind, die Philosophie zu begründen, indem von ihnen entdeckt worden ist, daß es derselben, seit dem ersten Philosophen, der aus der Sinnenwelt in die transzendentale überging, beständig an Grundlagen gefehlt habe, obgleich doch so stattliche philosophische Gebäude aufgeführt wurden. Sie haben gefunden, der Grund eines Gebäudes müsse gleichartig mit dem Gebäude sein, deshalb soll zu einer sehr formalen Philosophie ein durchaus formaler Grund gelegt werden. Sie wollen lieber gar keine Philosophie als eine, die ans Materielle auch nur angrenzt. Sie hassen daher jede materielle Bel-Etage. Sie bauen nicht in die Höhe, ins Sonnenlicht, sondern tief in die Tiefe, Grund unter Grund. So liegt ihre Bel-Etage im finstersten Keller, wohin die sinnliche Sonne, durch die die gegebenen Dinge so häßlich empirisch beleuchtet werden, nie gelangen kann. Die jüngsten Philosophen wollen noch tiefer graben und fliehen die garstige Sonne des gemeinen Menschenverstandes und wollen kein Licht sehen als das des dunklen Lämpchens ihrer Deduktionen, das durch ihre dumpfigen Keller schimmert. Da sitzen sie, Göttern gleich, im seligen gnostischen Budos, in ihrer Tiefe eifrig bemüht, von jeder Art der Philosophie alles Materielle und Gegebene, wie Häute einer Zwiebel so subtil als möglich abzuziehen, bis nach wiederholter Abstraktion ein Etwas übrigbleibt, das bloß formal, bloß durch sich selbst bestimmt ist.

Freilich haben diese Herren, so sehr sie sich einig sind, daß ungegebene, durch sich selbst gegebene, bloß formale Wahrheit in omni scibili als der letzte Grund gefunden werden müsse, sich bisher dennoch nicht einigen können, welches denn diese letzte oder erste formal formale Wahrheit sei, von der alle anderen ausgehen. Das ist nicht verwunderlich, denn der gelehrte Herr Professor Heidenreich, der, obgleich er nie woanders gelebt hatte als in Leipzig, doch verdient hätte, Magister im Stift zu Tübingen gewesen zu sein, er hat entdeckt, daß vor Kant gar keine Philosophie gewesen sei. Dieser höchst wichtige Satz ist meiner geringen Einsicht nach nur darin irrig, daß er hätte lauten müssen: Es sei vor Heidenreich keine Philosophie dagewesen. Da nun also erst seit etwa gestern die Philosophie geboren worden ist, so wird man leicht einsehen, sie müsse auf ihren zarten Füßen noch schwanken und könne so geschwind nicht zu ihrer völligen Reife, Gewißheit und endlich Festigkeit kommen. Auch ist zu bedenken, daß jeder junge Philosoph ein noch feineres Messer haben wird, um ein noch feineres Häutchen von der Zwiebel abzuziehen, bis endlich einer kommt, der so fein abzieht, daß nichts mehr abzuziehen ist. Ein solcher meint nun Magister Schelling der zweite zu sein, dessen neuerfundenes Ich und Nicht-Ich als letzte aller Abstraktionen die vollendete Zwiebel sein sollen. Dennoch gibt es, wie ich höre, Philosophen mit noch viel feineren Messern, die der Meinung sind, sein Ich als Prinzip habe doch noch etwas von der Zwiebel oder kehre durch einen Zirkel dahin zurück. Sosehr sich Magister Schelling dagegen auch sträube, daß sein Ich ein Ding sei, sei es dennoch ein Ding, folglich bedingt, also noch nicht die so emsig gesuchte Nicht-Zwiebel. Zwar möchte meines Erachtens der Ritter Hudibras einigermaßen mit um die Ehre streiten können, die sich Magister Schelling der zweite durch sein einzig wahres System erworben hat, denn der

Knew what's
what, and that's as high,
as metaphysic wit can fly!

Desgleichen scheinen mir die tiefsinnigen indischen Philosophen, welche durch ihre transzendentalen Betrachtungen es endlich so weit gebracht haben, die Spitze ihrer eigenen Nase zu sehen, was bekanntlich keinem sinnlichen Menschen möglich ist, ganz auf dem Wege zu sein, auf welchem Professor Fichte und Magister Schelling das unwandelbare Sein ihres Ichs erlangt haben.

Ich glaube, meinen Lesern wird es nicht mißfallen, daß ich ihnen die Bekanntschaft dieser beiden Herren Magister verschafft habe. Dergleichen bekommt man nicht alle Tage zu sehen. Ich glaube auch fast, meine Leser werden ebenfalls meiner Meinung sein, daß, wären die beiden Herren, als sie noch im Stifte waren, anstatt immer steif auf die Mauern desselben zu starren und in ihren tiefen Spekulationen im Dormement hin und her zu promenieren, öfters auf die Höhe der Sternwarte geklettert, um in die umliegende schöne Gegend zu schauen, so wären ihnen die unveränderte Erhaltung der arabischen Sprache und das absolute Ich aus den Gedanken gekommen. Und sie hätten ihre gelehrten Werke nicht geschrieben, wobei die gelehrte Welt nichts verloren, sie aber viel gewonnen hätten.

Im vorigen Jahrhundert gab es in Tübingen fünf wohltätige Advokaten, die in ihrem Testament verordneten, daß auf ihre Wiesen im Ammertal alle kränklichen Pferde und Rinder und das Vieh der Schwarzwälder Bauern, solange sie ihre Holzwaren in der Stadt verkaufen, getrieben werden sollten. Dies ist sehr löblich. Wenn aber die Magister im Stifte fortfahren, solche Schriften zu schreiben, wie die beiden Herren Schelling und einige andere, so wäre wohl zu wünschen, daß irgendein Menschenfreund – Advokat oder nicht – irgendeine Wiese zum Besten kränklicher Magister vermachen möchte. Darauf könnten sie dann mit manchen blaßwangigen Baccalaureen, welche sich in die Spekulation gar zu arg vertieften, fleißig herumspazieren und in Gottes freie Luft und schöne Natur schauen.


Falls es in Tübingen an einem solchen Wohltäter fehlen sollte, so gibt es dort schon so mancherlei Stiftungen, die zu einem so löblichen Zwecke angewandt werden könnten. Unter anderem gibt es dort ein Collegium Illustre, wo Fürsten und Prinzen und, in deren Ermangelung, Grafen und Herren studieren sollen. Die erste Absicht bei der Errichtung war, daß dort Juristen studieren sollten, die dem Lande nützlich wären. Diese Studenten sollten aber alle von Adel sein, und daraus entstand schließlich ein sehr unnützes Kollegium für Fürsten und Grafen. Überhaupt fing man es bei der Einrichtung der Stiftung ganz verkehrt an, denn der Sache nach hätte dieses Kollegium ein Teil der Universität sein müssen; warum also sonderte man es davon ab und gab ihm eine eigene Jurisdiktion? Und sollte denn nicht jetzt, da auf der Universität so treffliche Lehrer der Rechte vorhanden sind, eine Veränderung stattfinden können? In der Ordnung des fürstlichen Kollegiums zu Tübingen aus dem Jahre 1666, welche wohl die letzte ergangene sein wird, sind allerlei seltsame Anordnungen zu finden, z.B.: Die Fürsten, Grafen und Herren vom Adel, so von ihren Hofmeistern und privatim Praeceptoribus, mit besonderen Treuen und nicht ohne Frucht instruiert, wie auch diejenigen, welche im Verstand und Erfahrung mehr Prospect haben, sollen zwar zum Besuch der Lectionum so stark nicht angehalten werden, jedoch sollten sie, den anderen, jüngern und an Geschicklichkeit geringeren Kollegiaten zum Exempel, wöchentlich wenigstens ein- oder zweimal einen Professor, welchen sie auch wollen, hören. Ein feines Exempel, welches die Fürsten, Grafen und Herren den geringeren Kollegiaten geben sollten. Hingegen kann man in Herrn Spittlers Geschichte finden, daß desto mehr für den Leib gesorgt war, denn bei der ersten Tafel sollten die Stiftlinge mittags zehn und abends acht Gerichte haben. Ich weiß nicht, ob man heute noch ebensosehr in die Mägen der jungen Personarum illustre hineinstürmt, falls sich einer eines Studiums wegen dort einfindet. Wäre aber diese Ordnung beim Collegium Illustre unverändert, so wären meine armen spekulativen Magister, die ich der Rekonvaleszenz wegen gern aus dem Stift in dieses Kollegium schicken möchte, freilich ganz verloren. Verdarb sie einst die Spekulation, so würde sie nun das Essen hypochondrisch und querköpfig machen, denn junge Herren, die so viele Gerichte essen sollen, dürfen nicht viel denken, besonders nichts Spekulatives.

Ob es überhaupt gut ist, daß Fürsten auf Universitäten studieren, ist eine Frage für sich, aber wenn es geschieht, so studieren sie in Leipzig und Göttingen und anderswo sehr gut unter anderen Studenten und mit recht gutem Erfolg, wenn sie nur fähig und fleißig sind. Da Grafen und Edelleute meist reich sind, bedürfen sie keiner besonderen Stiftung, um abgesondert von anderen Menschenkindern zu studieren. Diese Stiftung, welche ohnedies, wie das derselben gewidmete große Gebäude, seit vielen Jahren nicht gebraucht wird, wäre freilich am besten angewendet, wenn darin juristisch und finanziell kundige Geschäftsleute herangezogen würden, deren Württemberg wahrlich mehr bedarf als der großen Anzahl Theologen mit ihren orientalischen Sprachen und ihrer kritischen Philosophie.


Die Universitätsbibliothek habe ich nicht gesehen. Wenn man wenig Zeit hat und eine Bibliothek nur durchlaufen und ansehen kann, so ist's nicht viel mehr, als wenn ein Tauber Musik sieht. Sehen gegen sehen wählte ich dennoch: anstatt des Anschauens der Bände der Bibliothek die herrliche Aussicht vom Schlosse und von der Sternwarte in die Landschaft. Dadurch versäumte ich allerdings, die Bekanntschaft des damaligen Unterbibliothekars, Herrn J. D. Reuß, zu machen, welcher inzwischen als Professor und Universitätsbibliothekar nach Göttingen gekommen ist, wo ich ihm viele literarische Gefälligkeiten zu danken habe. Wie Herr Langer in Wolfenbüttel scheint er zum Bibliothekar geboren zu sein. Beide haben eine überaus weitreichende Bücherkenntnis, eine sehr große Belesenheit und ein ausgezeichnetes Gedächtnis, verbunden mit reifer Beurteilungskraft und unermüdlicher Dienstfertigkeit, den Gelehrten bibliothekarische Hinweise zu geben. Man sagte mir damals, die Bibliothek bestünde aus ungefähr 20 000 Bänden, denn man habe erst seit 1752 richtig angefangen zu sammeln, während vorher ein unheimlicher Wust von Büchern in verstaubten Kammern übereinanderlag. Es waren damals zur Vermehrung der Bibliothek jährlich etwa 400 Gulden ausgesetzt. Vormals gab es auch auf dem Schlosse Tübingen eine Bibliothek, die einer von Württembergs trefflichen Regenten, Herzog Christoph, in der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts angelegt hatte und die besonders schöne griechische Handschriften enthielt. Diese Bibliothek wurde im Jahre 1634, als das Schloß Hohentübingen sich den Siegern ergeben mußte, von bayerischen Truppen entgegen den Kapitulationsabmachungen nach München entführt, wo sie noch heute vorhanden ist.

Die Tübing'schen gelehrten Anzeigen gehören zu den guten Zeitungen. Der verstorbene D. Cotta, Professor der Theologie, fing 1735 an, diese Zeitung zu einer Zeit, als außer der Leipziger gelehrten Zeitung keine andere in Deutschland vorhanden war, herauszugeben. Sie erschien aber nur bis 1740. 1752 machte Herr D. Schott einen neuen Versuch, der aber nur ein Jahr andauerte. Im Jahre 1783 trat eine Gesellschaft von Tübinger Professoren zur Herausgabe dieser gelehrten Zeitung zusammen. Seit dem Juli 1783 erscheint sie bis auf den heutigen Tag einmal wöchentlich. Der akademische Senat hat seit einem Jahr eine jährliche Summe zu ihrem Fortbestehen ausgesetzt. Da fast alle Universitäten großen Herren das Kompliment machen, sich nach einem fürstlichen Namen zu nennen, so heißt die in Tübingen die Eberhard-Karls-Universität. Den ersten Namen führte sie ehemals schon von ihrem Stifter Eberhard, den zweiten nahm sie vom vorletzten Herzog Karl an, der sich 1769 einige Tage in Tübingen aufhielt und sich zum Rektor Magnificentissimus der Universität erklärte. Herr Professor Böck, der in seiner Geschichte der Universität überhaupt wegen dieses hohen Besuchs rechts und links etwas mehr und etwas tiefer Komplimente machte, als einem Geschichtsschreiber, der auf das große Publikum und die Nachwelt sieht, eigentlich ziemen möchte, bemerkt ausdrücklich, daß diese Benennung aus höchst eigenem Wunsch seiner Durchlaucht im Jahre 1769 stattgefunden habe. Er scheint zu glauben, der Herzog Karl habe dadurch der Universität ein Kompliment gemacht, nicht die Universität dem Herzog. Man sollte eigentlich denken, letzteres sei der Fall. Fürsten werden oft vergessen, Wissenschaften und Talente bleiben:

De vingt rois que l'on encense
Le trepas brise l'autel,
Et Voltaire est immortel!

In einer Universitätsstadt ist gewöhnlich die Haupteinkommensquelle die Universität selbst; so auch in Tübingen. Außerdem zeigen die schon erwähnten Düngerhaufen, deren man in den Straßen nur zu viele sieht, daß auch Viehzucht zum Lebensunterhalt der Bürger gehört. Die Schafzucht ist seit einiger Zeit durch Widder aus Spanien und dem Roussillon sehr verbessert worden, ein besonderes Verdienst des Schäfereiverwalters, Herrn Steeb. Zwar wird auch Ackerbau betrieben, doch ist die Stadtmarkung so klein, daß darauf kaum so viel Getreide gewonnen wird, wie die Stadt in drei oder vier Monaten verbraucht; weshalb beständig Zufuhr nötig ist. Ob diesem unrichtigen Verhältnis von Ackerbau und Viehzucht dadurch abgeholfen werden könnte, daß man einen Teil der Viehweiden in Äcker verwandelt, oder ob die Viehzucht mehr einbringt, das kann ich nicht beurteilen. Indes findet sich in Tübingen auch mancherlei Industrie. Die verschiedenen Mühlen an der Ammer habe ich schon genannt. Auf dem Kupferhammer wird Kupfer gegossen und auf zwei Hämmern geschmiedet, wobei der eine Platten schlägt und der andere hohl arbeitet. Das Kupfer ist alles inländisch und kommt teils aus dem Christophstal bei Freudenstadt, teils aus Alpirsbach und Bulach. Bei der Pulvermühle ist auch ein Pulvermagazin, das mit einem Blitzableiter versehen ist. Auf der Schleifmühle werden vor allem Äxte und Messer geschliffen, die teils im Lande gefertigt, teils von außen, insbesondere aus Solingen und aus Aarau in der Schweiz, eingeführt werden. Wenn Württemberg auch Eisenwerke hat, so wird doch für den inländischen Verbrauch bei weitem nicht genug erzeugt. Auf der Walkmühle werden die groben Tücher gewalkt, die hier fürs Landvolk gefertigt werden. Die ebenfalls schon erwähnten Gerbereien sind Rot- und Weißgerbereien. Beide sind aber unbedeutend. Die Färbereien färben für die hiesigen Wollmanufakturen. Unter deren Erzeugnissen sind die sogenannten Tübinger Zeuge die bedeutendsten, nämlich gestreifte, melierte und glatte Kamelotte und Grisette oder geblümte wollene Droguette. Es gibt auch noch einige Leinweber, die einfaches Tuch herstellen.

Herr Professor Plocquet junior hat eine Salmiak- und Glaubersalzfabrik, die an der Ammer liegt, und exportiert bis nach Wien. Auch einige gut florierende Buchhandlungen findet man in Tübingen, die Cottasche und die Heerbrandsche; außerdem vier Buchdruckereien. Zwei davon waren vor einiger Zeit durch das schändliche Gewerbe des Nachdruckens übel berüchtigt, welches auch, wie man mir versicherte, damals der Antiquar Cotta unter der Decke der beiden Buchdrucker Fleischhauer in Reutlingen betrieb. Ich hoffe, er schämt sich jetzt, einem so schändlichen Gewerbe Vorschub geleistet zu haben.

Auch in Tübingen ist der allgemeine Charakter der schwäbischen Nation – ruhige Zufriedenheit, Gutherzigkeit, Naivität – unverkennbar. Man sieht da nicht wenige wohlgebildete Frauenzimmer, und die meisten haben eine schöne Gesichtsfarbe. Die herrliche Gegend muntert ja zum Frohsinn auf. Zur Zeit meines Aufenthaltes waren fast alle Gattinnen der dortigen Professoren im Wochenbett, hatten es gerade verlassen oder waren im Begriffe hineinzukommen, und alle hatten ein gesundes und frohes Aussehen.

Die Studenten sind in Tübingen friedlicher als an den meisten anderen deutschen Universitäten. Ich habe wenigstens nie von einem Aufruhr der Studenten gehört; noch weniger, daß sie, wenn es nicht nach ihrem Sinne gegangen war, öffentlich ausgezogen wären, mit der Drohung, den Ort zu verlassen, wie es auf manchen größeren Universitäten mehr als einmal vorgekommen war. Noch weniger habe ich davon gehört, daß man mit Aufrührerischen verhandelt hätte und sie unter Trompetenklang und Paukenschall feierlich wieder eingeholt hätte.

Viel trägt dazu wohl die strenge Ordnung im Stifte bei und überhaupt, daß die meisten Studenten Württemberger sind. Doktor Amstein schreibt in einem Aufsatz von einem Studentenorden, welcher auf gemeinschaftliche Aufmunterung zum Fleiß in den Wissenschaften gerichtet ist. Wären alle Studentenorden so beschaffen, so hätten die Landesherren und Kaiser und das Reich keiner Verbote dagegen bedurft.

Der Verfasser der Geographie und Statistik Württembergs sagt, die Lebensart in Tübingen sei noch sehr gezwungen. Ich war allzu kurze Zeit dort, um vollständig darüber urteilen zu können. In den Gesellschaften, wo ich war, fand ich wenigstens nichts Steifes. Ich sah freilich in Tübingen, so wie an anderen Orten auch, steife, sehr steife Personen, und die mögen wohl steife Gesellschaften halten, aber der gesellschaftliche Ton gebildeter Leute ist dort bei beiden Geschlechtern natürlich und folglich untadelhaft. Man findet überhaupt in Schwaben in Gesellschaften gewiß im ganzen weniger Prätention als in manchen anderen deutschen Provinzen. Besonders hat das Frauenzimmer in Schwaben, vielleicht mehr als irgendwo, die unschuldige Unbefangenheit, die gleich weit entfernt ist, Prätention zu machen oder sich zu vernachlässigen.

Ich hörte in Tübingen einen Mundartausdruck, den ich in Schmids Schwäbischem Idiotikon nicht finde: Ein gewürfeltes Weib anstatt ein verschmitztes Weib.

Ich weiß nicht, ob man in Tübingen mit der Trauerfeier für Verstorbene auch so viel Wesens macht, als man ehemals den Württembergern überhaupt nachsagte. Mir wurde einmal erzählt, wenn zu Tübingen in einer etwas stattlichen Familie jemand gestorben sei, so dürften die Hinterbliebenen während der Trauerzeit in die Kirche nur Gesangs- und Gebetbücher mit schwarzem Schnitt mitnehmen. Falls dies wahr wäre, so gäbe es ein schönes Gegenstück zum Patriotismus der heutigen Holländer, die keine Mohrrüben sehen können, weil sie orangefarbig sind.

In und um Tübingen herum sah ich zum ersten Mal die schwäbische Mode, daß die jungen Mädchen gemeinen Standes lange geflochtene Zöpfe tragen und, damit diese noch länger aussehen, noch lange Bänder hineinflechten, welche dann bis auf die Füße herabhängen.

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