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Unsterblichkeit

Rudolf Georg Binding: Unsterblichkeit - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenovelette
authorRudolf Binding
booktitleNovellen und Legenden
titleUnsterblichkeit
publisherRütten & Loening Verlag
seriesRudolf G. Binding ? Gesammeltes Werk
year1927
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090624
projectid01da74a2
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Nach Jahr und Tag kam dem Lande der Frieden. Die Brüder Demeters kehrten heim und mit ihnen die Freunde und Nachbarn. Das ganze Land hallte von Heimkehr und Wiedersehn. Schon begann man, das Erlebte fast gering zu achten. – Im Schloß van Beveren kam alles in die alte Ordnung. Felder und Ländereien wurden bestellt, Weiden neu in Koppeln eingeteilt. Gräben wurden gezogen. Eine junge Allee, frisch gepflanzt, noch ohne Blatt und Trieb aber mit vielen weißen Augen beschnittener Äste an den nackten Stämmen, zog sich vom Schloß nach dem Platz, wo die gefallenen Buchen gestanden hatten. Das Grab war von seiner Decke befreit und mit Blumen umfriedet; junge Buchen, noch an den stützenden Pfahl gefesselt, hatten die Geschwister im Kreise an die Plätze der alten gesetzt; jeder Baum sollte sich ausbreiten und so stark und ehrwürdig werden dürfen wie jene es gewesen waren. Als der Frühling kam, ertrank die Erde unter einem farbigen blühenden Meer und das silbrige Blau der Luft strich darüber hin. Die Mühlen eilten, sich im Winde zu drehen. Die stillen Wahrzeichen großer gespannter Segel zogen auf den reglosen Kanälen zwischen sanften Dämmen wieder durch das Land. Demeter war wie die Erde. Sie gab sich dem Frieden und dem Frühling, als ob sie zusammengehörten, still und glücklich hin. Alles gewann sich wieder und der Krieg rückte mit seinen Erschütterungen von ihr weg wie eine freudlose Gegend, die man durchquert hat, vor dem freundlicheren Bild das ein neuer Tag aufrollt. Der Anblick des so lange entstellten Landes aus ihren Fenstern, die jungen Pflanzungen, die Zuneigung der Brüder, die ihr alle gnädig wiedergeschenkt waren, die alte Wohnlichkeit ihrer Gemächer, die stille genügsame Freude des Vaters versetzten sie in Rührung. Vieles gab es zu ordnen und zu bestellen, vieles neu ins Leben zu rufen. Sie beschied sich, glücklich zu sein.

Der Tod des Fliegers hatte den Krieg für sie in einen einzigen unaufhörlichen Greuel verwandelt, an dem sie nichts mehr unterschied. Das Heldenhafte war dahin. Alles war nur noch Vernichtung, Mord und Gemetzel.

Ihre Liebe bewahrte sie. In den ersten Zeiten nach dem unerklärlichen Verschwinden des Fliegers, noch geschüttelt von der Wucht der Tatsachen, folterte sie eine phantastische Reue; denn sie entdeckte eines Tages bei sich daß sich an ihm das Geschick erfüllte, das sie selbst ihm einst in jenem Fluche zugedacht. Sie schalt sich tausendmal darüber, geheime Verknüpfungen zu suchen wo unerforschliches und nicht durch sie wandelbares Schicksal herrsche. Aber es quälte sie dennoch. Fluch und Tod vermochte sie seit der Entdeckung in ihrer Vorstellung nicht mehr ganz zu trennen. Andrerseits war sie recht eigentlich froh daß er nicht gefunden worden, daß er der Unendlichkeit des Meeres angehöre, die sie seinem Leichnam unbewußt in jenem Fluche zugewünscht hatte. Im Meere gehörte er ihr allein; dorthin wagte allein sie sich in Gedanken zu ihm, reuig und liebend. Die Einmaligkeit und Unvergleichlichkeit jener Begegnung, das einmalige Erfaßtwerden von einer unwiderstehlichen, sie beugenden und beglückenden Gewalt, wie sie es an sich erfahren, ruhte in ihr. Der Erinnerung daran hing sie mit einer klaren Gläubigkeit nach, wie etwas das über allen Maßen menschlicher Rede und Gegenrede stehe, und verschloß den Toten in ihrem Innersten als einen stillen, selbstgewonnenen, unermeßlichen Besitz, der viel zu groß und heilig war, daß nicht alles andere auf Erden neben ihm gar verträglich und nebensächlich hinlaufen und hergehen könne.

»Wie schnell doch alles vernarbt«, sagte sie, wenn sie mit Gudula langsam durch auferstehende Felder und Wiesen schritt, gefestigte neue Pfade über alten Grund.

Noch ehe der Sommer ging, reichte Demeter, glücklich und unbeschwert, Chales de V., einem ihrer Nachbarn, dem sie von Herzen zugetan war, ihre Hand. Auch er war nach dem Kriege heimgekommen. Ihr Stolz und frühere Überheblichkeit waren in jenen Erinnerungen begraben und gehörten nicht mehr in das neu herandrängende Leben; die Brüder schätzten und liebten Chales; die Nachbarschaft der Güter und alte Freundschaft befestigten die Vereinigung, die die Geschwister, einmal aufs bitterste getrennt, nun auf immer zu wahren gedachten.

Demeter zog in das Besitztum ihres Gatten ein, das nur eine geringe Strecke weiter nach der Küste gelegen war. Der alte Park, die Rhododendronwälder, die tiefen Umfassungsgräben beider Anwesen gingen ineinander über und die gleiche breite Straße, die geraden Weges durch das ganze Land dem Meere zulief, führte an ihnen hin.

In der Nacht aber, da sie sich dem Manne vermählte den sie zu lieben glaubte, gewahrte Demeter zwischen Enttäuschung und Grauen, daß ein anderer sich in ihre Gedanken und Gefühle einmische, ein andrer sich in ihre Sinne, ihre Küsse, ihr Geben stahl; es war der der sie einst zum erstenmal zärtlich berühren durfte, der sie hielt als sie schwach war, den sie gläubigen Sinnes in ihrem tiefsten Innern verschlossen wähnte. Demeter erstickte fast daran, nicht aufzuschreien vor Schauder. Der Mann, der an ihrer Seite schlief, der sie eben umarmt, dessen Hand sie noch hielt, hatte keine Gewalt über sie. Ein anderer, Toter, begann eine sinnliche Herrschaft, an den sie niemals sinnlich gedacht. – Sie zog ihre Hand vorsichtig aus der des Mannes, machte Licht und sah sich zitternd um, ob jemand hinter ihr stände. Nach einer Weile, da sie sich beruhigt glaubte, löschte sie das Licht wieder. Aber sie konnte nicht schlafen. Sie mußte immer an den Flieger denken. Sie machte die verzweifeltsten, ja lächerlichsten Anstrengungen sich zu befreien, versuchte sich in den Schlaf zu zählen und wiederholte fast vergessene Geschichten, die ihre Mutter ihr einst als Kind erzählt sie einzuschläfern. Sie kam nicht frei. Sie setzte sich auf, umfaßte ihre Knie und starrte frierend ins Dunkel. Als sie gegen Morgen dennoch einschlief, war der Flieger in ihren Träumen. Sie flog über das Meer, an seinen Arm gelehnt, und endete in einer blutroten kreisenden Unendlichkeit, die nach allen Seiten sich riesenhaft aus sich selbst ausrollte, bis ihr der Atem ausblieb und sie erwachte.

Nach Ablauf einiger Wochen folgte Gudula der Freundin in das neue Haus, wie es abgesprochen war. Sie fand Demeter in einer tiefen Traurigkeit. Sie saß am Fenster, hielt Blom fest an sich gedrückt, streichelte den Hund unaufhörlich und blickte wie von Heimweh befallen in die Ferne. Gudula erschrak. Demeter wandte den Kopf und fragte, gleichsam mitten in ihren Gedanken betroffen: »Warum sagtest du eigentlich damals, es wäre mein Unglück, wenn ich den Flieger sähe?« Gudula zitterte: »– weil«, sagte sie mühsam: »– da es doch dir galt – da es dich betreffen würde, habe ich ihn mit deinen Augen angesehn. Da fühlte ich daß, wenn ich du wäre, ich nie von ihm loskommen würde.« »Du hast recht gefühlt«, sagte Demeter tonlos und wandte ihren Blick traurig wieder hinaus, daß es Gudula ganz ängstlich und beklommen ums Herz wurde.

Unterdessen trat Herr de V. ins Zimmer, heiter und unbefangen. Da er Demeter in solch seltsamen Traurigkeiten sah und Gudula bleich und bedrückt fernab an der Wand stehend, fragte er seine Frau: »Was ist dir? Habe ich dir unrecht getan?« »Nein«, sagte Demeter und gab ihm beide Hände hin. Sie blickte ihn gütig an: »Du bist gut zu mir.« Sie beschwichtigte ihn mit einem offenen Blick; denn sie war ihm ganz und aufrichtig zugetan. – Frauen muß man sich finden lassen, dachte Chales und ging seinen Geschäften nach. – »Ich will niemals ein ehrliches Wort gesprochen haben,« sagte Demeter, nachdem er das Zimmer verlassen hatte, »wenn ich je dachte, ich gehöre einem andern noch, und es nicht ehrlich meinte. Wenn mir einer gesagt hätte, ich tue unrecht und dürfe den Flieger nicht lieben wie ich ihn liebe, ich hätte ihn nicht verstanden. Man hätte mir ebensowohl sagen mögen, ich müsse Gott aus meinem Herzen verdrängen.« Nach einer langen Düsterkeit sagte sie noch immer in der gleichen Stellung in die Ferne blickend: »Ist es so daß eine Frau einmal sich auf den Arm eines Mannes gelehnt haben soll, und sie gehört ihm auf ewig an? und ein anderes Mal begehrt sie, einem Mann alles zu sein, ergibt sich ihm für ihr Leben, und gehört ihm nie?«

Endlich erhob sich Demeter. Sie sagte sich, es müsse gelingen, das Andenken an einen Toten an den Platz in ihrem Leben zu verweisen der ihm zustehe. Sie liebte ihren Gatten und wußte es. Sie verdoppelte ihre Güte, ihre Zärtlichkeit, ihre Hingebung gegen ihn. Aber es war fast, als ob sie damit auch ihre Enttäuschung steigere.

So ging es durch Monate. Eine erste Schwangerschaft enttäuschte sie wie das Kind, das ihr folgte. Sie ließ es das Mädchen dem sie das Leben gab nicht entgelten; aber sie war weder beglückt noch unbeglückt, kaum berührt, wie wenn es gar nicht ihr Kind wäre. Eine zweite Schwangerschaft, die bald folgte, unterschied sich in nichts. Der Sohn ihrer Ehe stand ihr nicht näher als die Tochter. Es war, als ob sie an der Erschaffung dieser Kinder keinen Anteil hätte und mit einer stets gebändigten Wehmut sehnte sie sich nach dem Kinde, das ihr gehöre.

Anfänglich hatte sich Demeter in ihrem neuen Bereich geflissentlich und mutig in allerhand häuslichem und gärtnerischem Tun und Walten, Bestellen und Bepflegen erschöpft, mit Gesinde, in Haus und Hof, Gärtnern und Bauern sich zu schaffen gemacht und gewerkt, wie es dortzulande so schön heißt; aber all das erwies sich, wie sie sich eingestand, nur als ein erzwungener Notbehelf und vermochte keinen rechten Fug und Sinn zu gewinnen ohne ein Stück das ihr fehlte. Sie fand sich am Ende eines dergestalt umgetriebenen Tages doch ohne eigentliche Ruhe in Feld und Park umhersuchend oder von ihrem Fenster in die Ferne starrend.

In solcher Stimmung befahl sie eines Tages gegen Abend, ihren kleinen zweirädrigen Wagen anzuspannen, den sie nach Art und Sitte des Landes allein und ohne Begleitung zu handhaben imstande war, und fuhr ans Meer. Obwohl die Entfernung nicht groß war, hatte sie bisher den Anblick in der Bekämpfung der Erinnerungen die sie sich abverlangte und in einer inneren Ablehnung gemieden; wie wir wohl Orte die mit uns in eine besondere Beziehung geraten und uns erschüttern, nicht jederzeit besuchen mögen, sondern ehrfürchtig eine Zeit darüber hingehen lassen. Aber an jenem Abend siegte die Unruhe über die Scheu. Sie suchte den Weg aus einer sie bedrückenden Enge und fuhr, nachdem sie die Straße verlassen und vorgelagerte Dünen auf Sandwegen durchquert hatte, in ihrem niedrigen Gefährt, das tief zwischen den zwei großen Rädern hing, den Dünenhang hinunter bis auf den von der Flut noch feuchten Strand. Dort hielt sie herzklopfend ihr Pferd an. Denn als sie der unermeßlichen Ruhlosigkeit, die sich vor ihr auftat, zurollte, jauchzte etwas in ihr empor. Aber sie wußte nicht was es war. Ihr Auge leuchtete im Anblick der nicht endenden Größe und Gewalt, im Anblick einer majestätischen Unbezwingbarkeit und Ungeschlachtheit, die endlos schien und doch gebändigt war in riesigem Bett und fernen unsichtbaren Ufern. Mit dieser Gewalt, mit dieser unfaßbaren Weite und Größe war er nun eins, den sie in ihrem tiefsten Herzen trug. Sie atmete tief und befreit, eine erhabene Beruhigung erfaßte sie, aufrecht und still saß sie lange, den Wagen gegen das Wasser gerichtet, und konnte sich nicht satt sehen.

Als sie endlich ihr Pferd wendete und langsam im Schritt heimfuhr, war sie wie von einem unglücklichen Zwang erlöst den sie sich ohne Not auferlegt zu haben schien. Sie kam nach Hause, warf dem Stallmann flüchtiger als sonst Pferd und Wagen hin und küßte Gudula, die sie an der Treppe erwartete, unter einem fast übermütigen Lachen den Mund.

Seit diesem Tage näherte sie sich unwissend wieder den Empfindungen die sie so tapfer verbannt hatte. Denn die Annäherung, vor der sie zurückgeschreckt wäre wenn sie sie erkannt hätte, verbarg sich unter einem Gefühl der Befreiung, der Zuversicht, der Hoffnung, eines stillen großen Halts, den ihr der Anblick des Unvergänglichen und ihre Gedanken gaben. Das kleine Tun des Tages fand seinen Sinn wieder. Sie war freudiger und selbst heiter. Während sie sich ihrem Gatten ohne es zu wissen mehr und mehr entfremdete, wurde sie dennoch ungezwungener, fast inniger in ihrem Umgang mit ihm.

Die Fahrten zum Meer wiederholte sie; bald nahm sie Gudula mit sich, bald fuhr sie allein; es waren immer Abstände dazwischen, als ob es Wallfahrten seien. Das Meer war kein am Wege aufgebautes Kapellchen für kleine törichte und tägliche Andachten.

Auch schwamm sie nie hinaus oder betrat das Wasser. Einmal aber hatte sie sich an den Strand niedergesetzt. Der Wagen hielt fernab und Gudula war bei ihm zurückgeblieben. Die Wellen gingen sanft und leise und liefen in einem zarten Spitzengekräusel über den Sand. Eine, sich weiter vorwagend, benetzte ihre Füße und lief zurück. Da streifte sie Schuh und Strümpfe ab, warf sie rückwärts in den Sand und wartete auf eine zweite, die sich ähnlich verhalten würde. Nach einer Weile kam auch eine zweite und ein dritte, die ihre Füße und Hände und ein weniges von ihrem Leib in ein weißes Schaumgewebe einhüllten und sich dann wieder zurückzogen. Demeter spürte eine kleine und sinnliche Lust. Sie sah über das weite Wasser hin und dachte, wie zart und gebändigt diese ungestüme Unendlichkeit sei daß sie die kleinen Wellen schicke, ihr wohlzutun. Da wurde es ihr plötzlich seltsam zumute. Denn einmal schon hatte sie einem überlegenen Wesen ähnlich gegenüber gestanden und es war zart mit ihr verfahren, als sie ihm erlaubte, sie zu berühren, sie zu halten, ihr wohlzutun. Die Entdeckung erschreckte sie; ein tiefer ernster Schauer ging über sie hin. Sie sprang auf und entzog sich dem Wasser, da eine stärkere, erregtere Welle herannahte. Sie griff Schuh und Strümpfe, lief eilig über den Strand zu dem Wagen und fuhr, das Pferd seltsam erregt antreibend, rasch nach Hause.

Zur Nacht in ihrem Bett geborgen, zürnte sie ein wenig und lächelte zugleich über sich daß sie einem sie überkommenden Gefühl eingebildeter Ähnlichkeit erlaubt hatte, eine solche Verwirrung in ihr anzurichten. Sie schlief beunruhigt und beglückt wie nach einem anmutigen Abenteuer. Am andern Tag spürte sie eine unverhüllte Lust, mit ihren neuen Freunden, den Wellen, erneut ihr Spiel zu treiben, und dachte nicht mehr an den Flieger.

Als sie am Abend mit Gudula zum Strand fuhr, machte sie in der Nähe einer Mole halt, die im spitzen Winkel ins Meer hinauslief und während der Flut überspült wurde. Sie gedachte weit auf ihr entlang zu gehen, um so nahe wie möglich zu der Unendlichkeit vorzudringen. Gudula ließ sie am Wagen zurück, fand sich aber als sie draußen auf der Mole stand nicht eben weit von ihr, da nur eine schmale Wasserzunge, die zwischen der Mole und dem dahinter liegenden Strand hereindrang, sie trennte. Wie am Tag zuvor streifte sie Schuh und Strümpfe ab und ließ sich, die Mole im Rücken, an der nach dem Meere offenen Seite auf dem Sand nieder, der hier angeweht war.

Der leichte Wellengang, hier etwas dreister, bespülte und berauschte sie; ihr Blick versenkte sich weit hinaus ins Ferne, Sehnsüchtige; die Welt war hinter ihr verschlossen und sie in unendlicher Weite allein, als plötzlich das Meer beim Küssen ihrer Füße sich veränderte und in eine unheimliche Erregung geriet. Der leise Schlag der Wellen setzte aus; einen Augenblick verharrte die Flut unschlüssig und erstarrt. Dann lief ein Schillern über die Fläche, ein wildes Zittern befiel das Wasser und vor den entsetzten Augen Demeters stand mitten aus der Flut, weit draußen, eine furchtbare Welle auf, hoch und breit, von Schaum gekrönt und lief mit dunkeln ausgespannten Flügeln geradewegs auf sie zu. Demeter faßte sie in ihren staunenden Blick, ihr Mund stand offen, ihre Finger umkrallten rückwärts greifend erstarrend die rundlichen Steine des Bollwerks. Da stand die Welle vor ihr: hoch aufgereckt. Gudula schrie vom Strande; aber der Schrei verhallte. Die Mole erzitterte, als die Welle am Fuße aufsetzte und mit einem Schwunge die Böschung hinaufsprang. Demeters Hände wurden von den Steinen los hoch über ihren Kopf gerissen, ihr Gewand zerriß in zwei Hälften von oben bis unten, ihr Rücken und Haupt schlug hart auf den gemauerten Wall. Die Welle ergoß sich, durchdrang, durchfeuchtete, durchblutete sie. Sie rauschte sich in ihre Sinne, packte, erstickte, erwürgte sie. Sie schlug sich in ihren Leib wie mit Fängen und hielt ihn hingestreckt, gefesselt, aufgegeben.

Als das Wasser zurücksank war es, als ob ein Abgrund ihm nachrollte. Aber die Welle kam noch einmal, gesänftigt, mit dem gelasseneren Atem des Meeres zurück. In einer langen zärtlichen Bewegung faßte sie die auf die Mole Gekreuzigte, hob sie auf und trug sie sanft über den Steindamm hinweg zu dem vor der Flut gesicherten Strand. Dort auf gefeuchteten Sand weich gebettet verließ sie die Welle.

Demeter lag reglos, ihrer Sinne nicht mächtig, mit geschlossenen Augen. Gudula, unvermutet durch den Vorgang in die Nähe ihrer Herrin gelangt, schlich zaghaft hinzu, sah mit einem Blick daß sie unverletzt war und bemühte sich um sie. Da richtete sich Demeter langsam halb auf, stützte ihre Hände in den Sand und forschte nach dem Meere hinaus.

»Du hast alles gesehn?« fragte sie matt.

»Alles«, sagte Gudula leise.

Demeter faßte ihre Hand, an der sie sich langsam erhob. »Dann wirst du schweigen,« gebot sie und schritt schweren Ganges der Düne und dem Wagen zu. Gudula schlug die Hände vor das Gesicht. Sie weinte den ganzen Weg erschüttert und fassungslos, lange noch nachdem sie längst weit weg waren, und konnte nicht begreifen, wie Demeter so ernst und gefaßt dahinging. Aber wenn Demeter auch kein Wort von sich verriet: in ihren Augen war die Welle, sie war in ihren Sinnen und erfüllte ihre Gedanken.

Als sie in ihrem Hause angelangt war, wurde sie von einer Tage dauernden Erschöpfung niedergestreckt. Sie gebot Gudula, deren Pflege sie allein zuließ, den Fragenden zu antworten, sie sei von einer Welle auf der Mole erfaßt und umgeworfen worden. Alles andere sollte sie verschweigen. Sie selbst ward noch lange von der Wildheit und Gewalttätigkeit des Vorgangs überwältigt und durchschauert, nachdem die körperliche Erschöpfung von ihr gewichen war; und dann rief sie sich wie zu ihrer Beglückung die Sanftheit in Gedanken zurück, mit der sie, halb ohnmächtig schon, über den Steinwall hinweggehoben und auf den Strand gebettet worden war. Aber noch oft sagte sie zu Gudula, wenn diese zu ihr ans Bett trat: »es war doch schrecklich,« und schloß die Augen.

In diesen Tagen kündigte sich eine neue Schwangerschaft an. Demeter weinte viel und still. Eines Morgens riß sie Gudula ungestüm zu sich nieder und an ihren Hals geklammert seufzte sie in einem von Hoffnung zerrissenen Glück: »Ach! wenn es dennoch sein Kind wäre!« Unter Tränen versuchte sie Gudula zu halten. Diese aber riß sich los. »Des Fliegers Kind? Das ist ja Wahnsinn!« schrie sie hervor und blickte sie entsetzt an. – »Das ist kein Wahnsinn«, sagte Demeter. Und Gudula vermochte nichts zu antworten; hatte sie doch selber die Welle gesehn. Die Welle war in ihr. Gudula spürte dies schaudernd und geängstet. Sie mußte es von nun ab in allem gewahren. Wenn Demeter sie ansah, fühlte sie es aus ihren Blicken; wenn sie ihre Hand auf ihre Schulter legte, mußte sie erfahren, daß sie schwer war von einem fremden ungeheuren und zugleich beglückenden Gewicht; wenn sie dahinschritt war es in ihrem Gang; wenn sie sich aufhob, in ihrem Erheben.

Als die Stunde herankam, in der sie ihrem Kinde das Leben geben sollte, geriet sie in eine sehnsüchtige Erwartung. Sie ordnete sorglich und zärtlich alles dafür, was sie bei ihren erstgeborenen Gudula überlassen hatte. Sie war wie mit Liebe begnadet: ihre Augen leuchteten und ihre Wangen glühten. Von einer fast ungestümen Leidenschaft zu dem Geschöpf verschönt das sie zur Welt bringen sollte, gebar sie einen Sohn den sie in einer stürmenden Seligkeit an ihr Herz nahm. Sie hob ihn in ihren Armen empor und sah ihn bangend und glücklich an. »Wirst du mir je sagen, woher du kommst?« fragte sie. »Wann wirst du zu mir sprechen, du kleine Unendlichkeit?« Sie forschte in seinem kleinen Gesicht, besah seine Glieder und streckte sie messend und prüfend aus. Aber sie verrieten nichts. Stundenlang in ersten Wochen und Monaten las sie in seinen sich gestaltenden Zügen, suchte nach einem Zeichen, einer Deutung. – Sie überschüttete das Kind mit Küssen; herzte es daß sie sich ihres kindlichen Tuns fast schämte; sie trug es umher wie ein Heiligtum das sich ihr offenbaren würde. Wenn es auch keines ihrer Worte verstand, so erzog sie es doch, auf ihre leise Stimme zu hören. »Weißt du, was das Meer ist?« raunte sie. »Sag' daß du es weißt« und sie rüttelte ihn. Bei solchen Reden war sie ganz versessen und wußte kaum was um sie vorging.

Eines Tages führte sie eine richtige kleine Beschwörung auf. Sie setzte den Knaben auf ihre Knie, drückte ihm die Arme leicht an den Leib und sah ihn ernst und aufmerksam an: »Ich beschwöre dich, mein Sohn, antworte: Bist du der Sohn der Welle? – Hörst du mich? – Bist du des toten Fliegers Sohn, du süßes Schweigen? Ich beschwöre dich bei der Unendlichkeit, aus der du kommst, antworte mir!«

Indem sie so redete, war Chales de V. in das Zimmer getreten. Sie hatte es nicht bemerkt. Er aber hatte alles mit angehört. »Was sprichst du da Fürchterliches!« sagte er. »Bist du irre? spielst du? Ist es nicht Frevel, so vor dem Kinde zu sprechen?« – Demeter wandte sich um: »Du bist hier? – Ich rede nicht irr, Chales.« – »Was soll dann das heißen, das von dem toten Flieger? was das von der Welle? – Dies ist mein Sohn!!« rief er. Sie schüttelte ruhig und bestimmt den Kopf: »Dies ist mein Kind und eines Fliegers Kind! mein Kind und einer Welle Kind! mein Kind und der Unendlichkeit Kind!« Es war wie eine Melodie; sie sang es fast, gleichförmig und leise, und wiegte den Knaben dabei leicht auf ihren Armen. »Besinne dich doch, Demeter!« rief Chales sie an, um sie aufzurütteln. Er hoffte, sie sei nur abwesend. Aber Verzweiflung geriet in seine Stimme, da er für ihren Verstand fürchtete: »Das ist ja heller Wahnsinn! Das ist ja unmöglich!« – »Nichts ist unmöglich,« sagte sie ganz still. »Ich sage nicht daß ich es nicht auf menschliche Art empfangen habe. Aber es ist gleichwohl nicht dein Kind. Es ist mein und des toten Fliegers Kind.« –

Der Mann stand in Entsetzen. Er wußte sich nicht zu helfen und rettete sich auf sein Zimmer. Es hämmerte in seinen Schläfen daß er sich fragte, ob er nicht selber wahnsinnig sei. Schließlich schickte er und schrieb er nach Ärzten aus den großen Städten; er schickte nach Demeters Brüdern, nach ihrem Vater. Er ließ Gudula holen und fragte sie aus. Die Ärzte unterwarfen sie einem Verhör. Als man Demeter den Besuch eines Arztes ankündigte, lehnte sie dies sehr bestimmt ab: sie habe ihm nichts zu sagen.

Gudula, eindringlich vernommen, weinte viel und sagte am Ende: es sei nichts zu verschweigen. Das Fräulein habe in den Kriegszeiten zu einem großen deutschen Flieger, den sie auf dem Schlosse ihres Vaters einmal gesehen, eine mehr als gewöhnliche Neigung gefaßt und sein Tod sei ihr lange nachgegangen. – Was für eine Rolle die Welle oder das Meer dabei spiele? – Jener Flieger habe im Meer seinen Tod gefunden. Was aber die Welle betreffe, so werde man sich entsinnen daß Frau de V. einmal, etwa zu Beginn ihrer letzten Schwangerschaft, von einer Welle erfaßt und hart auf die Mole geworfen worden sei. Dieser Vorgang habe sie schwer erschüttert. – Den Ärzten genügte dies. Noch in Gudulas Beisein besprach man Maßnahmen. Man hielt den Zustand nicht für unheilbar oder gefährlich, wenn ihrer Vorstellung nicht neue Nahrung gegeben würde. Besuch und Anblick des Meeres sei auf immer zu meiden, daher vorläufig unauffällig ein andrer Aufenthalt zu wählen, weitab von den Orten der sie erschütternden Begebenheiten. Herr de V. werde dies leicht durchsetzen, indem er ihr mit dem Kinde eine Reise vorschlage; freilich müsse ein Widerstand, mit dem man immerhin rechnen müsse, wenn er auftrete, überwunden werden. Da man Demeter zu schonen und nicht zu beunruhigen trachten mußte, auch durch die Schickung von Ärzten oder Brüdern in dieser Sache ihr Argwohn erweckt werden konnte, wurde Gudula beauftragt, sie vorzubereiten. Sie rang die Hände und flehte, dies nicht von Demeter zu verlangen. Man schüttelte den Kopf. Das wenigstens müsse erreicht werden, daß sie das Meer nicht mehr sehe. Gudula ging zögernd unter Tränen. Sie ging geradewegs zu Demeter. »Was weinst du? – Kann es denn einen Grund geben?« sagte diese und blickte lächelnd zu ihrem Knaben nieder. Da erzählte Gudula was man verlange.

»Sie halten mich für wahnsinnig«, sagte Demeter. – »Hörst du mein Sohn? hörst du mich?« sprach sie leise und eindringlich über das Kind hin, das sie an ihrer Brust stillte. »Hörst du mich? Sie wollen uns das Meer nehmen! weißt du was das heißt? – Ich soll dich dem Meere nicht zeigen dürfen, nicht bringen dürfen! Begreifst du was das sagt?« Diese Worte wiederholte sie raunend viele Male, und eine immer tiefer werdende Erregung, ein heiliges Zürnen längte ihren Atem, hob ihren Busen.

Da ließ das Kind unerwartet die mütterliche Brust los und schaute sie verstehend an. Danach aber sandte es seinen Blick, der die Nähe schon lächelnd unterschied, in eine unendliche Weite zum Himmel, groß und ernst, und jauchzte, als ob es ihn in all seiner Unendlichkeit begriffe. Demeter bebte. Das Herz schwoll ihr. In einem Strom von Glück drückte sie den Knaben an sich. »Nein,« sagte sie, »sie sollen es uns nicht nehmen. – Wenn er mich einmal an sein großes Herz genommen und hat dich mir geschenkt, wird er uns nicht von sich weisen wenn wir zu ihm kommen.« – Sie schickte Gudula zu einer gleichgültigen Bestellung weg, nahm ihr Kind und ging noch die nämliche Nacht in einer unheimlichen Gewißheit mit ihm ins Meer.

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