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Unsterblichkeit

Rudolf Georg Binding: Unsterblichkeit - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenovelette
authorRudolf Binding
booktitleNovellen und Legenden
titleUnsterblichkeit
publisherRütten & Loening Verlag
seriesRudolf G. Binding ? Gesammeltes Werk
year1927
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090624
projectid01da74a2
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Während des großen Krieges lag in dem Schlosse van Beveren in Flandern, im Innern des Landes aber nicht gar weit von der Seeküste, eine Zeitlang eine deutsche Fliegerabteilung oder Jagdstaffel, wie man sie damals schon nannte. Als der Führer der Staffel von dem Schlosse Besitz ergriff, ließ er dem Herrn van Beveren durch seinen Adjutanten sagen, es seien für seine Offiziere im Schloß soundso viele Zimmer zu stellen. Ob auch für den Kommandeur, fragte der Schloßherr. Der Adjutant verneinte; der Staffelführer habe noch nie einen Raum in einem Hause beansprucht, da für ihn sein eigenes Zelt auf dem Flugplatz hergerichtet werde. Ob sonst noch Wünsche wegen des Hauses seien, fragte der alte Herr. – »Nein.« – Ob er wegen der Einrichtung des Flugplatzes mit dem Staffelführer werde reden können. – Der Offizier bezweifelte das. Es würde alles angeordnet.

Diese Art verdroß die Tochter des Schloßherrn, Demeter van Beveren, eine schöne und im Rufe maßlosen Stolzes stehende Person, die mit ihrem Vater und wenigen Leuten allein noch auf dem weiten Anwesen hauste und den jugendlichen Adjutanten an der Seite des Vaters sitzend mit empfangen hatte. Der Leutnant schien ihr denn doch sehr jung. »Es wäre wohl allerhand zu besprechen«, sagte sie ohne sich zu erheben; »die Saaten sind nirgends reif für den Schnitt; die Herden laufen auf den Koppeln; es braucht nicht alles sinnlos zerstört zu werden, vielleicht läßt sich manches retten.« Der Offizier verbeugte sich leicht. »Ich glaube nicht daß etwas zu retten ist was fallen muß. Mehr wird nicht fallen. Sie erfahren das. Verhandlungen darüber sind unmöglich. – Außerdem kommt es auf diese Dinge nicht an.« Er grüßte leicht, gemessen und ging.

Der Adjutant hatte die letzten Worte – daß es auf diese Dinge nicht ankomme – seltsam düster und ablehnend gesprochen. An der Front die vor ihnen lag tobten die erbittertsten Kämpfe. Das hatte er damit sagen wollen. Aber er war nicht verstanden worden. Das Fräulein van Beveren schäumte vor Zorn und Verachtung. Besonders daß sie den Mann nicht selbst zu sehen bekam der so dachte und handelte, verdroß sie und traf ihren Stolz. Denn aus dem Abgesandten sprach doch wohl nur der andere.

Während Demeter ihren Vater verließ und sich den mehrfach gewinkelten Schloßkorridor entlang nach ihren Gemächern begab, blieb sie vor sich selbst betroffen plötzlich einen Augenblick stehn. Sie ertappte sich darauf daß Zorn und Empörung, die sie eben noch in Wallung gebracht hatten, sie wie der Schein falscher Steine wenn sie nicht mehr grellstem Lichte ausgesetzt sind verließen. Wenn sie wahrhaft war, mußte sie bekennen daß sie vielmehr wie eine Betrübte und Enttäuschte dahinging. Und Demeter war wahrhaft. Sie hatte ein eigentümliches Gelüst verspürt, dem Manne gegenüberzustehn, der für sich und seine Truppe Ruhm auf Ruhm türmte, dessen Name bekannt war bis in die Reihen der feindlichen Heere, der in unsichtbaren Höhen Jagd auf einen Himmel von Gegnern machte, sie in seinen Geschoßstrom zog, aus unheimlicher Nähe abnickte wie ein Wild und danach fallen ließ. Sie bemerkte daß sie seit der Ankündigung, das Schloß würde mit der berühmten Jagdstaffel belegt, welche Ankündigung dem Herrn van Beveren am Abend des vorangegangenen Tages geworden war, in einer gespannten Erwartung gelebt hatte. Diese Entdeckung ließ sie einen Augenblick still stehn.

Als Demeter ihre Zimmer betrat, fand sie dort Gudula, ihre Freundin und Vertraute, die von Kindheit an im Hause war und ihr seit Jahren kleine Dienste leistete. Sie schleppte den einen Fuß infolge einer angeborenen Hüftlähmung ein wenig nach und konnte, da sie wegen dieses Leidens in allem etwas schwank und gebrechlich gebildet war, nur einer häuslichen Beschäftigung nachgehn. Die alte Frau van Beveren hatte dieses Mädchen, obgleich es wohl vier Jahre jünger war als Demeter, dieser, ihrem jüngsten Kinde und der einzigen Schwester einer Reihe erheblich älterer Brüder, in sehr frühem Alter zur Gespielin gegeben, ja fast wohl nur als ein verständiges zartes Spielzeug anvertraut und sie im Schloß aufgenommen. Nach dem Tode ihrer Mutter machte Demeter mehr und mehr und nicht ohne den schönsten Grund eine Schwester aus ihr. Jetzt gar: ihre Brüder standen im Feld und kämpften drüben im belgischen Heere; keine Nachricht drang je von ihnen herüber; der Vater war still und unnahbar geworden; die Größe und Unerbittlichkeit des Krieges, oft so nahe vor sie hingestellt, hätte nicht einmal ihre stolze Selbstherrlichkeit ohne ein Wesen ertragen das ihr wie ein Geschwister zu Hilfe kam.

»Nun! wie war er?« rief Gudula ihr entgegen. »Nichts: war er,« antwortete Demeter; »er war gar nicht beim Vater. Einen blutjungen Offizier haben sie uns geschickt –. Komm her, Blom,« rief sie in einer komischen Wut und Anklagesucht einem großen Jagdhund zu, der im Zimmer war, »hör' dir das mit an,« und als die Hündin sofort zu ihr hintrottete: »hör' dir das mit an: einen blutjungen Hund von Offizier haben sie uns geschickt. Aber gut abgerichtet«; und sie klopfte die Hündin die zu ihr emporsah mit der flachen Hand. Gudula lachte. Aber da sei nichts zu lachen, klagte das Fräulein in einer sich über sie senkenden Traurigkeit halb zu ihr und halb zu dem Hunde, den sie nicht aufhörte zu liebkosen; »die Ernten werden fallen vor der Zeit, das Vieh wird von den Weiden gejagt, die Einfriedigungen niedergelegt und manches andere noch. ›Auf diese Dinge kommt es nicht an‹, läßt er uns sagen. – Ich weiß wohl daß es sein muß; aber Gott mag wissen was alles uns angetan werden soll. Ich gäbe etwas darum, wenn ich ihm Aug' in Auge gegenüberstände.« – »Du willst ihn nur demütigen«, sagte Gudula; »– wie alle.« – Demeter schwieg.

Während dieses Gespräches war der Adjutant zu seinem Kommandeur gestoßen, der in den Äckern und Weiden umherging um zu sehen was für die Einebnung und Herrichtung des Flugfeldes zu geschehen habe. Warum er diesem Platze den Vorzug gab vor anderen, deren mancher schon eingerichtet war, hätte schwer jemand sagen können. Er tat was ihn sein Instinkt hieß. Er hielt diesen Platz für gut, hatte ihn ausgesucht, vom Flugzeug aus und nach der Karte. Das bestand vor jeder Instanz.

Es war ein nebliger Morgen. Den ganzen Tag zuvor hatte es schwer geregnet. Jetzt stand die Erde in einem silberigen Dampfe. Denn die Sonne drückte sich durch die weißen Lagen. Auf den Äckern sprang ihr Licht schon von dem fetten Braun zwischen den jungen Rübenpflanzen flammend zurück; die dicken fleischigen Stauden der Pferdebohnen flammten blau wie ein dichter Pelz; die Getreidefelder waren grüne gedrängte Meere gespitzter Flammen. Kühe brüllten unsichtbar aus dem Nebel, ganz nah bald und bald ganz fern. Auf anderen Koppeln wanderten sie schon wie dunkle Bergrücken durch das Silber. Alles strotzte von Reichtum, Saft und Gesundheit.

Vor Ablauf von zwei Stunden wußten der Herr und das Fräulein van Beveren: alle Felder innerhalb eines unregelmäßigen Vierecks nördlich des Schlosses werden abgemäht. Die Koppeln und Weiden innerhalb besagten Vierecks sind zu räumen; die Einfriedigungen werden beseitigt, die Pfosten aus der Erde genommen. Gräben werden eingeebnet. Die große Buchengruppe, inmitten jenes Vierecks stehend, wird umgelegt. Die unter den Bäumen befindliche Grab- oder Gedenkplatte kann an ihrem Ort verbleiben. Sie wird durch einen Bohlen- und Erdbelag geschützt werden. Sie ist ebenso wie das darunter befindliche Grab durch die landenden oder aufsteigenden Flugzeuge nicht gefährdet. Es bleibt anheimgestellt, die in dem Grab beigesetzten Särge bis Mitternacht nach der Kapelle des Schlosses zu überführen. Die vom Schloß zu der Buchengruppe geradlinig verlaufende Allee wird bis zu hundert Meter an das Schloß heran rasiert.

»Es ist das Grab meiner Mutter«, schrie das Fräulein van Beveren in tiefster Entrüstung und bleich vor Entsetzen. »Sie können versichert sein daß es unversehrt bleibt«, sagte der Adjutant, der den Befehl verlas, bestimmt. Er zog eine Karte hervor, stellte sich neben den alten Herrn und fuhr mit dem Finger eine mit blauem Stift eingezeichnete Linie entlang: »Viereck«, sagte er, da er merkte daß Herr van Beveren mit den Augen folgte; »Felder – Buchengruppe« (ein blauer Kreis) »– Allee« (ein Strich). Die Viehkoppeln schienen nicht der Erwähnung wert.

Der Offizier grüßte und ging. Vater und Tochter standen sprachlos. Gudula, die damit beschäftigt war das benachbarte Zimmer für Demeter einzurichten – man hatte beschlossen für die Offiziere der Staffel einen Teil des Schlosses ganz zu räumen und sich hier zusammenzudrängen – trat leise ein, bleich und besorgt. Sie hatte den Aufschrei des Fräuleins gehört und erriet unschwer, um was es sich handelte.

Demeter, von Schmerz und Zorn zugleich gewürgt, bis ins Mark ihres Stolzes verwundet, fand gleichwohl zuerst die Stimme wieder. Sie brachte die Worte kaum von den Lippen. »Die Felder,« sagte sie, »mein Gott, es sind nicht gar viele. Das ist das Wachstum eines Jahres. – Das Vieh mag sich zusammendrängen: das ist nichts. – Aber die Bäume. Die ehrwürdigen alten unschuldigen Bäume! Dieser süße heilige Dom über dem Grab meiner Mutter! Nur ein Barbar, ein Grabschänder, ein Scheusal ohne menschliches Herz, ein Verfluchter, ein wahrhafter Henker von Mensch kann die Axt an sie legen. Das ist nun der Mann dessen Ruhm der Krieg zu den Sternen schleudert! – Aber es darf nicht sein. Man muß etwas finden, es zu verhindern. Es muß gefunden werden.« –

Nach einer Weile, da der Schloßherr keinen Rat wußte als den, den feindlichen Flieger aufzusuchen und in ihm durch die Vorstellung was er in diesem heiligen Platz zerstöre, Abscheu vor der eigenen Tat zu erwecken, hub das Fräulein wieder an: »Meine Brüder hätten das Recht mich zu erwürgen, wenn sie aus dem Kriege einst heimkommen und erführen, ich hätte nicht alles menschenmögliche getan; und wenn es die geringste Aussicht böte. Aber ich kann nicht gehn. Es ist zu schmachvoll!« – »Du mußt dennoch gehn«, sagte der Vater sehr ernst; »gewiß, ich könnte gehn. Aber wir werden nur einmal die Gelegenheit haben zu sprechen. Frauen erreichen in solchen Dingen mehr.«

Er ließ ihr Zeit sich zu finden. Endlich sagte Demeter: »So werde ich also gehn. Gudula, ich schicke dich – ich habe niemand anderen den ich schicken könnte – zu dem Barbaren, ihn zu fragen, ob er mich anhören will. Die Schmach wenigstens will ich mir nicht antun, vor seinem Zelt zu stehn wie eine Bettlerin und dann nicht einmal Gehör und Einlaß zu erhalten. Und wenn ich dann nichts erreiche – eines werde ich erreichen: ihn demütigen. Es soll mir nicht umsonst nachgesagt werden, meine Schönheit sei von der Art, daß sie den Pöbel beleidige. Dieser Mensch ist Pöbel. Ich will ihn mit Blicken züchtigen daß er Ruten zu spüren glaubt. – Wirst du mir die Freundschaft halten, Gudula?«-

Ihr Gesicht veränderte sich. »Was ist das«, schrie sie plötzlich auf starr vor Entsetzen. Sie lauschten. Das schwere Ächzen langer Äxte drang dumpf zu ihnen herein. Sie traten ans Fenster. Da war die Zerstörung am Werk. Man hatte die Bauern des Dorfs herangeholt und angestellt. Arbeitertruppen standen wie durch einen Zauber aus dem Boden gestampft. In schiefer Reihe wie in einer Schlachtordnung über viele Felder zugleich gingen die Bauern von Beveren im Takt der Sensen. In der Allee fielen die ersten Streiche der Äxte und lange breite Sägen zischten heißer wie Schlangen. Angstvoll schauten sie nach der Gruppe der Buchen. Dort war es noch still. Die gesetzte Frist schützte sie bis zur Nacht. Gudula drehte die Freundin sanft vom Fenster weg zu sich um und küßte sie tränenden Auges auf heiße Wangen. »Sieh nicht hin,« sagte sie, »ich bitte dich. – Ich gehe.«

Darauf sah man sie, eine anmutige etwas geneigte Lilie, in ihrem ziehenden Schritt durch die Allee gehn. Sie traf auf den Kommandeur am Rande des Platzes damit beschäftigt, letzte Anordnungen bei Aufrichtung seines Zeltes zu erteilen. Das Zelt war tief in die Erde eingelassen; es ragte kaum höher über den Boden empor als ein großer Rundschild mit einer flachen Spitze wo sich in der Mitte die Taue trafen. Eine Anzahl Stufen führten zum Eingang. Der Flieger hatte einen langen Spaten in der Hand und hub neben dem Zelte einen Raum von wenigen Fuß im Geviert aus. Ein Mann stand dabei und hielt einen Pfahl mit einer kurzen dünneren Querstange obenauf, auf der ein großer Bussard angekettet war. Der Flieger hielt in seiner Arbeit die der Unterkunft seines Vogels galt inne, als Gudula dem Rand der Ausschachtung sich näherte. Die Augen von seiner Beschäftigung aufhebend, lief sein Blick über sie weg in die Ferne. Das nahm Gudula großen Auges in sich auf. Sie entledigte sich ihrer Botschaft mit einem staunenden Schauder, ihn unverwandt anblickend. Der Offizier fand es nicht für nötig die Stufen heraufzukommen. – Das Fräulein käme besser nicht; denn es tue einen vergeblichen Gang. Doch habe er keinen Grund, ein Gespräch zu verweigern: »Gegen Abend; dann, wenn die Arbeiterkommandos von Tag und Nacht sich ablösen.« – Ob bis dahin die Baumgruppe und das Grab unberührt blieben? –»Ja.« – Nach Anhörung ihrer Bestellung, schon während seiner Antwort hatte der Flieger seine Beschäftigung wieder aufgenommen. Demeter vernahm kaum aus Gudulas Mund die Gewißheit daß der Flieger in eine Unterredung willige, als sie, ohne dem Hergang und Verlauf des Besuchs weitere Beachtung zu schenken und die Erzählung der Freundin zu deren Erstaunen gar nicht abwartend, in sie drang: »Sage mir wie er ist? wie er aussieht? Ist er nicht ein Scheusal in Menschengestalt? spricht nicht Grausamkeit, Schändungswut, Verwilderung aus seinen Augen? Sage daß er grausam ist!« – Gudula sagte nach einem seltsamen Besinnen, als ob sie auf diese Frage nicht vorbereitet gewesen sei: »Nein! grausam nicht. – Nichts von dem; durchaus nicht. Ich wüßte schwer zu sagen was in seinem Blick ist; es ist – vielleicht kann man es wenigstens erraten lassen: er hat etwas von einer großen anderen Welt in seinen Augen.« – Demeter schwieg auf diese Worte enttäuscht und nachdenklich. »Aber wie auch immer«, fuhr Gudula nach einer Weile fort; »Du wirst – nicht – gehn? Versprich es mir!« Vorsichtig, forschend, wie in einer unheimlichen Bedrückung sah sie Demeter an.

Diese erstaunte: »Ich muß«, sagte sie einfach; »wer sagt daß er gegen mich unerbittlich ist? Es heißt gerade das Äußerste nicht versuchen, wenn ich nicht gehe; und das Äußerste muß versucht werden.« – »Das Fräulein käme besser nicht«, hauchte Gudula und ihre Stimme füllte sich mit Schauder und Flehen; »so sagte er; und ich sage dir das gleiche: das Fräulein käme besser nicht! Geh nicht, Demeter! Ich beschwöre dich, geh nicht! Geh nicht!« und mit einem Ausdruck fast wahnsinniger Angst fiel sie vor Demeter hin, warf das Gesicht in ihren Schoß und umklammerte weinend ihre Knie. »Was ist dir?« fragte Demeter besorgt ohne die leiseste Spur zur Quelle dieser Erregung. – »Es ist ja alles vergebens«, seufzte Gudula. – »Was ist vergebens?« fragte das Fräulein; »das ist es nicht, was dich quält.« – »Ich wünschte, du sähest ihn nie. Niemals!« – »Aber warum nur nicht? meinst du, er werde mir etwas zuleide tun?« Da sah Gudula aus dem Schoße auf, ihr ins Gesicht, und das rührendste Flehen war in ihrem Blick. Sie faltete die Hände: »Es gäbe ein Unglück. Es gäbe ein Unglück dein Leben lang.« – Demeter schüttelte den Kopf. »Wie das? Warum? Hast du um mich Angst? Meinst du auch nur, er würde wagen mich anzurühren?« Aber Gudula schwieg; trotz vorsichtigster Fragen war nichts aus ihr herauszubekommen.

Gegen Abend, als dumpfer Marschtritt vor den Fenstern die Ankunft neuer Arbeitstruppen meldete, machte sich Demeter zu ihrem Gang auf. »Komm, Blom!« rief sie ihrem Hunde, »du hast noch keinen an mich herangelassen.« Die Hündin bellte zwei Mal verstehend und ging an ihre Seite. Das Herz blutete Demeter als sie durch die Allee schritt, in der eine schaurige Lücke klaffte; bis hinauf zu den Buchen um das Grab. Die Bäume der Allee lagen nach außen vom Wege umgelegt bei ihren weißen Stümpfen; die Felder waren abgemäht, die Früchte regellos abgefahren. »Für die Schweine«, dachte Demeter bitter. Das Vieh, dies wandelnde Leben der Weiden, war verschwunden; die Koppeln waren herausgerissen, die Pfähle und Stangen der Umfriedung in die Gräben geworfen, um sie rascher zu füllen; Erde darüber hin. Einzig die Gruppe der Buchen, weit draußen, stand noch aufrecht. Aber sie war schon eingekreist von Verwüstung.

»Wenn ich nur ein Wort fände das seine Schandtat ganz ausspricht! Wenn ich nur einen Fluch fände so fürchterlich daß es ihn schaudert!« dachte Demeter und ihr Stolz ließ es zu daß sie sich vorstellte, sie werde ihm abtrotzen was er ihr nicht gewähre. »Er schändet die Erde!« sagte sie dann wieder vor sich hin, da es sie nicht losließ. »Er ist der Erde nicht wert! Selbst als Leiche nicht. Ich wünschte, er stürzte ins Meer.« In einer hämmernden Erregung langte sie vor dem Zelte an.

Auf der angeschaufelten Böschung saß der Adjutant und sah Befehle durch. Als er Demeter bemerkte sprang er zum Eingang des Zeltes. »Das Fräulein van Beveren«, hörte sie ihn hinunter rufen indem er die schließenden Zeltbahnen auseinanderhob. Eine Antwort vernahm sie nicht; sie mußte indes gleichwohl gegeben sein, denn der junge Offizier hielt mit einem Blick auf sie das schwere übereinanderfallende Leinen des Eingangs hoch empor, das Fräulein schlüpfte hinein, einen Augenblick blieb der Flügel offen, dann schloß sich das Zelt.

In jenem Augenblick aber, währenddessen Demeter, den hellen Abend hinter sich, in dem emporgeschlagenen Zelteingang stand, fuhr der Blitz aus eines Mannes Auge aus der Tiefe in den Himmel hinauf. Dieser Blick ergriff den ganzen Himmel: nur die unendlichen Fernen gingen ihn an. Er ging über Demeter hin und sie war nichts als ein winziger kleiner Punkt, ein Stäubchen in der Unendlichkeit die dieser Blick umfaßte. Die Erde und alle Dinge auf ihr waren nichts als kleine kindliche Notdürftigkeiten, eng herum gestellt zum täglichen Gebrauch; viel zu nahe für dieses Auge, das den Himmel vor sich hin hielt wie Gott die Ewigkeit. Es stieg in ihr auf was Gudula gefühlt hatte, da sie sagte: ich wünschte, du sähest ihn niemals. Demeter schauderte. Da fiel das Zelt zu.

In der halben Helle des Raumes, die die nach oben gerichteten biegsamen Fenster erzeugten, sah sich Demeter dem Flieger gegenüber, der seinen Blick zurückfing. Er stand in einem schweren halboffenen Hemd über weit herunter reichenden englischen Kniehosen ohne alle soldatischen Abzeichen inmitten des Zeltes, den Bussard den er von der Stange hereingenommen hatte auf seiner behandschuhten Linken. Da der Vogel vor dem Hunde an Demeters Seite unruhig wurde, beruhigte er ihn mit ein paar Strichen der freien Hand ohne das Fräulein aus den Augen zu lassen. Er begrüßte sie nicht, forderte sie zu nichts auf, ließ sie stehen; aber es war nichts Geringschätziges oder Achtloses in seiner Art. Er durfte alles was er tat, schien an nichts gebunden, war so sicher in seiner Freiheit daß er sich an nichts hielt.

Demeter rang nach Fassung; sie rang danach, auch nur ein Gran Gewicht wieder zu gewinnen vor den Augen dieses Mannes, der sie eben in ein Nichts verwandelt hatte. Um nur irgendwo einen Anhalt zurückzuerobern für den Grund ihres Hierseins – denn sie wußte nicht mehr wieso sie eigentlich hier stand – versuchte sie sich zu erinnern. Sie tastete sich gleichsam mühsälig aus seinem Blick in die Welt zurück. Endlich fiel ihr das Grab ihrer Mutter ein. Da senkte sie den Blick und Tränen füllten ihre Augen. ›Was soll das hier? Was sind einem Mann, der die Himmel beherrscht, Gräber und Bäume? Ihm, der sich jeden Tag der Unendlichkeit des Raums und des Todes zugleich gegenüber sieht, was gilt für ihn anderes als dieses? Er hat andere Maße als wir.‹ – Wo war nun ihr Stolz? wo war ihr Ertrotzen? wo war der sinnlose Fluch den sie ihm zugedacht? wo war die Demütigung die sie ihm antun durfte?

Scham riß ihr Haupt nach vorn. Alles zerbrach. Der Umsturz, die Entwaffnung ihres Innern waren so vollständig und plötzlich daß sie sich wie aus einer unfaßlichen Höhe in eine unfaßliche Tiefe stürzen fühlte und im Fall vergingen ihr die Sinne. Sie wankte und mußte einen Schritt vorwärts tun um sich zu halten. Da sprang der Mann, ihre Erschütterung gewahrend, indem er den Vogel mit dem Handschuh zugleich von seiner Faust streifte, in ein paar raschen Schritten an ihre Seite. Er fing den vorgestreckten Arm auf und ließ ihn auf seiner Hand ruhen. In der unsagbaren Schwäche die sie anwandelte, in der furchtbaren Demütigung und Vernichtung die sie erfahren, fühlte sie dankbar die rettende Berührung. Sie nahm sie hin wie die erste lindernde Wohltat nach einem zerschmetternden Sturz. Aber ihre Anwandlung war so groß daß sie, auch der geringsten Stütze bedürftig, tastend mit den Spitzen ihrer freien Hand den Kopf des Hundes suchte, der an ihren Knien stehend zu ihr aufsah.

Und wie einen süßen schweren Trank, seltsam dargereicht von der Abgeschlossenheit des Raumes und der Gewalt des Mannes, trank ihr frauliches Herz das erstemal in ihrem Leben das Labsal des Unterliegens vor dem Überlegenen. Ihm zur Seite, seiner Kraft und Männlichkeit ausgeantwortet, seinen sie zart haltenden Händen vertrauend, fühlte sie sich ihres Stolzes, ihrer Unnahbarkeit, ihrer Kälte, ihrer Verachtung ledig wie einer Koppel von Fesseln, deren Schneiden man erst empfindet wenn man davon befreit wird. Von ihrer Haltung, ihrer Schönheit, der Tiefe ihrer Erschütterung getroffen, strich der Flieger ohne Scheu aber auch ohne Arg und andere Absicht, als nur ihr wohlzutun, sanft über den entblößten Arm, ihre Schläfe und ihr Haar. Da hob sie, die noch nie die leiseste Zärtlichkeit eines Mannes erduldet hatte, in dieser Berührung das Haupt langsam nach hinten über und stand mit geschlossenen Lidern und halbgeöffneten Lippen hingegeben unter seinen ruhigen sichern Händen. Sie legte ihre Hand auf die seine, die ihren Arm hielt, und fühlte Ruhe und Kraft zurückkehren. Nach einer Weile erwachte sie gleichsam in ein leises beglücktes Erschauern, richtete das Haupt auf und sah dem Offizier mit einem fast unmerklichen Lächeln über sich selbst und ihre Lage voll ins Gesicht. Dieser, durchaus nicht gesonnen, eine Situation auszunutzen oder zu verlängern, in die das Fräulein sicherlich weder absichtlich noch leichtsinnig geraten war, ergriff zu ihrer Hilfe zuerst das Wort: »Sie kommen, um für unschuldige Bäume zu bitten; aber –.« Demeter schüttelte sanft den Kopf, so daß er sich unterbrach. »Nein,« sagte sie noch immer mit dem gleichen befremdeten Lächeln, »es ist jetzt nichts mehr. Nichts von dem womit ich kam ist geblieben. Das ist alles verschwunden. Meine Einwände haben keinen Bestand. Ich habe nichts von Ihnen zu bitten.« Sie entzog ihren Arm seiner Hand, ergriff den Ring am Halsband ihres Hundes und wandte sich langsam um. Der Offizier hub das Zelttuch empor, geleitete sie die wenigen Stufen hinauf und entließ sie. »Wegen des Grabes können Sie unbesorgt sein; ich lasse es sicher abdecken«, sagte er als sie an ihm vorbeiging. »Ich danke Ihnen«, sagte Demeter still.

Als sie dem Schloß wieder zuschritt, kam die Folter ihrer Selbstaufgabe freilich nach. Ein Heer von Selbstvorwürfen stürzte sich über sie hin. Unmut über sich, die Unmöglichkeit sich je zu rechtfertigen, ja überhaupt je Verständnis für die Unterlassung jedes Versuchs vor ihrem Vater oder später vor ihren Brüdern zu finden, bedrängten sie. Sie warf sich Unbeständigkeit, Feigheit, Unterwürfigkeit vor. Sie würde das erstemal in ihrem Leben lügen müssen. Wie sollte sie irgendeinem Menschen auch nur verständlich machen was ihr begegnet war. Niemand würde ihr diese Lächerlichkeit glauben. – Die Tränen traten ihr in die Augen. Sie ging geduckt, rasch, ängstlich; als ob man hinter ihr herschösse. Im Treppenhaus des Schlosses streifte sie an einem Spiegel vorbei und schaute hinein ob sie es sei. Es war ihr unbegreiflich daß sie es war. Das war alles so zerstörend und zerreißend, schmerzend und zugleich lächerlich und beschämend.

Beim Betreten ihres Zimmers blickte Gudula sie unruhig an. Demeter schloß die Tür und lehnte sich erschöpft mit Schultern und Rücken dagegen, sich mit beiden Händen und gespreizten Fingern gegen das Holz stützend. Eine Bitterkeit ohnegleichen stieg in ihr auf. Sie sah Gudula weh an und schüttelte langsam das Haupt. »Nichts!« sagte sie traurig; »nichts! ich habe es nicht über mich gebracht. – Ach! Gudula,« schrie sie plötzlich auf, »so hilf mir doch!« Und vornüber stürzte die stolze Frau weinend an den Hals der viel schwächeren, die sie in ihren Armen umfing. Dort, ihr Gesicht auf die Schultern der Freundin drückend, tobte sich ihre Erschütterung aus. »Ja,« schluchzte sie, »ja! sein Blick ist schrecklich!« Sie hatte den Kopf erhoben und sah Gudula hilflos an; und indem sie das Haupt der Freundin zwischen ihre Hände nahm, küßte sie tausendfältig unter ihren gestammelten Worten ihre Lippen. »Ich wurde ja zu nichts vor ihm«, fuhr sie unter Küssen fort. »Ich verging ja«, und sie wußte sich nicht genug zu tun mit den inbrünstigsten Küssen, in denen sie die Freundin erstickte und sie mit Tränen benetzte. Gudula wußte nur zu gut daß nicht ihr diese wilde unwissende Leidenschaft auf ihrem Munde galt. Sie hatte alles vorausgesehn.

»Du liebst ihn!« sagte sie leise.

Demeter fuhr zurück. »Das wagst du auszusprechen?« fuhr sie auf. »Du wagst zu sagen daß dies wahr sei?« Sie stöhnte vor Schmach und preßte die geballten Fäuste vor die Augen. »Das darfst du sagen?« begann sie von neuem zu klagen. »Ein Hergelaufener. Ein Fremder, von dem ich nichts weiß und wissen will. – Wo sind seine Untaten denn nur hin daß ich sie nicht auf ihn häufe? Ist das nun alles nicht mehr wahr daß er ein Mörder ist und Schänder alter ehrwürdiger Bäume, ein Schänder der Erde, ein Feind? Und diesem Menschen ließ ich meine Hand! Er durfte mich berühren, meine Schläfe, mein Haar streicheln! Nicht einmal mein Hund wehrte es! Ist es denn nicht genug daß die Himmel ihm gehorchen? Ist er denn auch Herr über die Erde und ihre Geschöpfe? Ist er mein Herr daß er das durfte?«

Gudula schwieg. Nach einer Weile sagte Demeter sich zusammenraffend: »Das ist alles Unsinn was du da redest. Es ist unmöglich. Er ist mein Feind. Ein Fremder, schrecklich und unbeugsam. Es darf nicht sein!« Aber wenn sie sich auch mit diesen Worten wiedergewann, sie konnte es nicht hindern daß sie sich im tiefsten doch nicht von ihren Gefühlen zu trennen vermochte: »Ja wenn Frieden wäre«, sagte sie träumend vor sich hin, fast glücklich in dieser Vorstellung. Gudula fand es das beste, die Gefühle Demeters in diesen versunkenen Sehnsuchtshafen einlaufen zu lassen und sagte: »Ich gehe jetzt, deinen Vater zu benachrichtigen daß du bei dem hartherzigen Flieger nichts erreicht hast, daß indes die Gewißheit der Unversehrtheit für das Grab bestehe. Eine Überführung der Toten sollte man wohl unterlassen, wenn du sie nicht wünschst.« Demeters Gedanken wandten sich zu den Bäumen und dem Grab. Sie gab wehmütig ihr Einverständnis. »Wir werden junge Buchen pflanzen, die Brüder und ich«, sagte sie und weinte sich, nicht mehr wissend ob ihre Tränen ihrem Schicksal oder dem Heiligtum galten, in Schlaf.

Am andern Morgen ließ der Flieger Gudula kommen. Man hatte die ganze Nacht gearbeitet. Die Buchen waren verschwunden, die Stämme abgeschleppt, die Wurzeln der Bäume allenthalben herausgesprengt, Löcher und Unebenheiten eingeebnet. Gewaltige Walzen, in vielfacher Folge über das weiche Erdreich gezogen, hatten aus der Landschaft eine öde glatte Tenne gemacht, in die Gras und Stoppeln eingewalzt waren wie in einen Teig. Der Grabstein lag unter seinem Holzbelag und gewalzter Erde, gleichen Gesichts wie das ganze Land.

Es war ein leuchtender Tag. Der Himmel glänzte in hartem unerbittlichen Blau. Auf dem Platz schwirrten die Propeller zahlloser Flugzeuge die während der Nacht mit ihren Offizieren gelandet waren und zu neuem Aufstieg und Kampf in Ordnung gebracht wurden. Der Staffelführer stand nahe dem seinen, in voller Ausrüstung, den schweren Fliegerhelm unter dem Arm, als Gudula hinzutrat. »Sind Sie die Vertraute des Fräuleins?« fragte er kurzerhand; »ich meine so vertraut daß Sie ihr ein Wort überbringen dürfen?« Gudula verneinte es nicht. »Dann sagen Sie dem Fräulein,« sagte er und machte eine schwere Pause: »– es solle mich vergessen. – Ich stehe mit beiden Beinen im Krieg. – Niemand kann wissen, ob er davonkommt.« Er sprach noch etwas mit einer Bewegung zum Himmel, aber die Worte waren unhörbar. Denn der Propeller seines Flugzeugs wurde angeworfen; ein rasendes Zittern befiel das Flugzeug. Gudula stand in einem sausenden Windstrom, man hieß sie zurücktreten, der Flieger schwang sich in seinen Sitz und nach wenigen Augenblicken erhoben sich acht Flugzeuge fast gleichzeitig daß die Luft dröhnte.

Seit diesem Tage wüteten an der flandrischen Front durch Wochen und Monate jene atemlosen Schlachten, in denen sich die äußersten Kräfte von Völkern gegeneinandersetzten. Tag und Nacht ging der Kampf und Erde und Himmel erzitterten in gleicher Erregung. Die Kampfstaffel der Flieger häufte Ruhm auf Ruhm. Wo sie erschien, beruhigte sich der Himmel auf ein paar Stunden über den Heeren der Deutschen. Da und dort, allenthalben, kaum von der Erde mit dem Auge rasch genug zu verfolgen, verstummte das stählerne Surren und Zittern gespannter Flügel, Flammen schlugen aus dem Leib der Flugzeuge und senkrecht stürzten die Gegner zur Erde. Der Himmel war wie aufgeräumt und die deutschen Kampfflieger erneuten an andern Stellen ihre Jagd. Denn wie ein Schachspieler sein kleines Brett, so beherrschte der Führer der Staffel die ganze Weite des Himmels. Wie ein Würgengel war er hinter seinem Gegner und sandte ihm das Verderben zwischen die Flügel; keiner entkam, den er verfolgte, und keinem erlaubte er, die Erde lebend zu erreichen.

Die Zahl seiner Siege stieg in diesen Tagen ins Ungeheure. Demeter verfolgte sie begierig in den Heeresberichten. Sie allein vielleicht wußte daß nichts an seinen Taten vergrößert oder gefälscht sei, wie die Feinde meinten. »Seine Taten sind vor Sternen ausgebreitet«, antwortete sie ihrem Vater emphatisch, als er Zweifel äußerte, da sie nicht mehr denen eines Sterblichen glichen. Es war ihr Flieger, der das alles vollbrachte; es war ihr Flieger dessen Namen in aller Mund war, und wenn sie heimlich vom Fenster des Schlosses das Aufsteigen der roten Vögel betrachtete, folgte sie mit den Augen dem seinen, dessen Platz innerhalb der auffliegenden sie sich merkte, und sagte heimlich zu sich: das ist meiner. »Wie sollte ich ihn vergessen, und wenn er mir's tausendmal befiehlt?« dachte sie bei sich. Gudula hatte ihr jene Botschaft, deren sie als Vertraute des Fräuleins gewürdigt worden war, treulich bestellt. Demeter ließ sich die Worte viele Male wiederholen wie ein Vermächtnis. Gudula gab auch die langen schweren Pausen wieder, die er zwischen die wenigen Sätze geschoben hatte. »Hätte ich ihm nicht das Gleiche sagen müssen?« sagte Demeter. Sie türmte ihre Erziehung, ihre Volksangehörigkeit, Vater und Brüder, die Feindschaft der Völker, den Krieg, die Unschicklichkeit ja Sittenlosigkeit jeder auch nur äußerlichen Beziehung zwischen sich und ihm auf. Sie schien ihrer selbst ganz sicher, ihn nie wiedersehen zu wollen, und vermied es leicht, ihm zu begegnen. »Wie kann ich ihn eigentlich lieben, da ich ihn gar nicht kenne!« sagte sie unvermittelt zu Gudula, und da diese die Antwort schuldig blieb, fuhr sie fort: »Er braucht mir nicht zu sagen, ich solle ihn vergessen. Ich liebe ihn nicht. Und also darf ich es bewahren und brauche es nicht von mir zuweisen daß ich ihn einmal gesehen. Ich werde nie seinesgleichen sehn.« Zu solchen Worten seufzte Gudula tröstlich, lächelte und wußte es besser. Sie vergaß nicht die Küsse auf ihrem Mund und wußte daß es ein Zwielicht war, in das dieses klare Gemüt seine Gefühle versetzte, mochte es auch noch so mutig sein und noch so ehrlich gemeint.

Die Schlacht ging schon durch Wochen, die Siege des Fliegers steigerten sich mit der Unerbittlichkeit eines Gesetzes, als an einem Abend die Flugzeuge die mit ihm aufgestiegen waren ohne ihn zurückkehrten. Die Nachricht durchzitterte fast gleichzeitig die Heere der Deutschen und die der Gegner. Offiziere der zurückkehrenden Flugzeuge berichteten, sie hätten ihn auf der Verfolgung eines vor ihm hergejagten Gegners in sehr großer Höhe gesehen, als dieser plötzlich in schnurgerader Richtung dem Meere zu geflogen sei, der Würgengel immer hinter ihm. Man rief alle Seefliegerabteilungen, Küstenbesatzungen, Wachtschiffe, Flottillen, Torpedo- und Unterseebootstationen an. Von nirgends erhielt man die Nachricht daß er gesichtet worden sei. Man rief die Staffeln und Fliegerabteilungen der Front, alle Truppenteile an, verlangte Meldung über jeden Luftkampf des Tages, über jeden Flieger. Er war nicht gesehen, nicht gefunden worden. Die feindlichen Berichte enthielten nichts: keiner rühmte sich ihn gefällt zu haben. Mit Bestimmtheit wurde behauptet, man habe an der Küste gegen Abend einen weit draußen in unsichtbarer Höhe über dem Meer spielenden fernen Kampf zweier sich antwortender Maschinengewehre gehört.

Die Erde hatte seinen Leib nicht vom Himmel gefordert. Dies ward Gewißheit. Während aber die Menschen ihn suchten, begrub das Meer den Leichnam des Helden und versenkte die Flügel die ihn getragen. Man erzählte sich, das Meer habe seinen Leib in einem ungeheuren Schweigen bestattet. Denn um die Stunde, da jener unsichtbare Luftkampf in der Höhe verstummte, sei eine unheimliche Stille in die Wasser gefahren und habe sie in eine lange schrecklich anzusehende Erstarrung versenkt, da selbst der leise Atem des Strandes ausgeblieben sei.

Als Gudula, die es zuerst erfuhr, Demeter die Nachricht vom Tode des Fliegers brachte, war es als ob sie zu Stein gefröre. Sie sank in einen Sitz und war starr und kalt wie eine Tote. Sie hatte keine Gebärde, kein Wort, keine Träne, nur eine Taubheit die allen Schmerz überbot. So saß sie stundenlang ohne Leben und verbrachte sitzend die Nacht. Am Morgen geriet sie plötzlich in eine dunkele Erregung und verlangte, sie wolle das Zelt sehn, als ob sie sich erst überzeugen müsse. Dort angekommen gewahrte sie daß der Bussard nicht da war. Wo der Bussard sei? Ein Bursche des Fliegers berichtete, der Vogel sei am gestrigen Abend auf unerklärliche Weise losgekommen, vielleicht auch nicht angekettet gewesen, und sei in der Richtung nach dem Meer verschwunden. Hierauf gab sie es auf, das Zelt zu betreten wie offenbar ihre Absicht war. Sie hielt an sich und kehrte nach ihrem Zimmer zurück. Man solle ihr einen Wagen anspannen, sie wolle nach dem Meere fahren. Gudula redete es ihr aus; »was soll das helfen?« fragte sie traurig. Demeter sah sie groß an: »Soll mir denn alles verwehrt sein?« klagte sie auf. »Sein Vogel fliegt ihm nach und ich soll ihm nicht nachsterben dürfen? Wer soll das dürfen außer ich? Ach, Gudula! ich habe ihn ja doch geliebt! ich habe ihn doch geliebt!« und sie warf sich, nun ihr Schmerz entfesselt war, in einem wogenden Krampf von Weh und Tränen an das schwesterliche Herz.

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