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Unsere Freunde

Edmondo De Amicis: Unsere Freunde - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorE. de Amicis
titleUnsere Freunde
publisherHermann Costenoble
addressJena
printrunZweite Auflage
year1895
translatorDr. R. Teuscher
illustratorG. Amato, G. Colantoni, J. Farina, D. Paolocci, E. Ximenes, G. Peunasilico
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Kehrseite der Medaille.

(Zwischenstück.)

... Ich habe Deine ersten Kapitel gelesen: wir stimmen nicht sehr mit einander überein. Vielleicht bin ich eine mittelmäßige Seele. (Ein großer Schriftsteller hat gesagt, wer nicht sehr zur Freundschaft neige, sei eine mittelmäßige Seele.) Ich verstehe die Freundschaft nur als eine – Vereinigung zum Lachen. Was man auch sonst darin suchen möge, außer einer vorübergehenden Erholung des Geistes, die man übrigens auch nur selten darin findet, ist eine kindische Illusion. Die Freundschaft, wie Ihr sie versteht, verlangt wenigstens von einem der Beiden einen Grad moralischer Vollkommenheit, zu dem der Mensch sich niemals ausschwingt und den wir nur aus Eitelkeit für möglich halten oder zu halten vorgeben. Ich behaupte, daß ein großer Theil unserer Übel daher rührt, daß wir an die Möglichkeit der Freundschaft glauben, daß wir nicht immer fest überzeugt sind, Jeder, den wir für unsern Freund halten, sei nichts Anderes, als ein Mensch, der kein unmittelbares Interesse daran hat, uns zu schaden, der uns aber ohne den geringsten Zweifel schaden wird, sobald er etwas dabei zu gewinnen hat, oder auch ein Mensch, bei dem der Vortheil oder der Genuß, den er in unsrer Gesellschaft findet, für den Augenblick die natürliche Abneigung überwiegt, die wir ihm einflößen. Mein Losungswort ist das des Aristoteles: »O meine Freunde, es giebt keine Freunde«.

Nein. Ich wollte schwören, daß Orestes und Pylades sich gegenseitig verläumdet haben. Ich verpflichte mich, es dahin zu bringen, daß irgend Jemand, wer es auch sei, auf ausdrückliche und nicht mißzuverstehende Weise, irgend eine schreckliche Beleidigung gegen seinen vertrautesten Freund ausspricht. Ich mehr Augenblicke giebt, in welchen sie einander verabscheuen und schädigen würden, wenn sie könnten, als solche, in denen sie sich wohlwollen. Ich betrachte es als einen Vernunftsatz, daß Niemand über fremden Vortheil etwas Anders fühlt, als Mißvergnügen, er müßte denn selbst seinen Nutzen dabei finden. Ich glaube, daß ein Mensch desto glücklicher ist, je weniger er, nach Gesinnung oder Beruf, dessen bedarf, was man Freundschaft zu nennen pflegt. Deshalb scheint mir der Dialog Cicero's De amicitia nur ein sentimentales Gerede, eines Philosophen unwürdig, und ich glaube, daß der große Skeptiker Montaigne sich über die Welt lustig macht, wenn er für seinen Herzensfreund zerfließt, »den ihm der Himmel zugeführt hat«. Ein poetischer Astronom hat, ich weiß nicht für welchen Planeten im Sternbild des Schwans eine Rasse von vegetabilischen Menschen erdacht, welche in der Erde festgewurzelt sind: nun Wohl, diese armen Geschöpfe sind mir immer als die unglücklichsten Wesen der Sternenwelt erschienen, aus dem einzigen Grunde, weil sie nicht vor ihren Freunden fliehen können.

Du wirst sagen, ich sehe schwarz. Aber schwarz sehen, heißt nicht falsch sehen. Du magst glücklich gewesen sein. Ich kann nicht einmal den bescheidenen Ausspruch eines alten Schriftstellers zu dem meinigen machen: »Glücklich, wer in seinem Leben wenigstens den Schatten eines Freundes gefunden hat«. Ich bin immer einsam gewesen. Von sogenannten Freunden habe ich nie Anderes als Unangenehmes erfahren. Als Knaben stahlen sie mir meine

Hefte und Zirkel, als Jünglinge meine Geliebten und als reife Männer die letzten Illusionen, die ich noch über die Menschennatur bewahrt hatte. Niemals habe ich ein Glück im Leben gehabt, dem ich die Genugthuung hätte hinzufügen können, auf dem verfluchten Gesicht eines Einzigen von ihnen einen Ausdruck der Befriedigung zu erblicken, und niemals ist ein Unglück über mich gekommen, ohne daß es mir dadurch noch schmerzlicher geworden wäre, daß ich die eine Hälfte meiner »Freunde« gleichgültig, die andre zufrieden sah. Ich bin so fest überzeugt, wie vom Tageslicht, daß, wenn ein Unglück mich morgen zu Boden würfe, alle mir den Rücken kehren und daß die, welche gezwungen waren, mir zu helfen, einen Haß auf mich werfen würden. Ich habe einen feierlichen Schwur gethan, niemals und in keinem Falle irgend Jemand um irgend Etwas zu bitten, denn welchen Schmerz ich auch in meiner Einsamkeit leiden sollte, so würde er nur immer noch erträglicher erscheinen, als die gehässigen Gesichter, welche nur meine Freunde zeigen würden, wenn ich sie um Hülfe bäte.

Du wirst mir einwenden, daß ich trotz alledem mit meinen »Freunden« umgehe, was soviel bedeutet, daß ich nicht weniger thun kann. Ich kann auch den Kaffee und die Zeitung nicht entbehren. Ich bin ein Mensch und fühle das Bedürfniß, zu reden und reden zu hören; ich gehe mit den »Freunden« um, um mich in der Kunst der Vorsicht zu üben. Ich bin bei ihnen, verbinde mich aber nicht mit ihnen. Wenn sie mich bisweilen erheitern, so liebe ich sie darum nicht, wie ich auch die Musikanten eines Orchesters nicht liebe, weil sie mir ein schönes Stück aus einer Oper vorgespielt haben. Unser Umgang hat nichts zu thun mit jener groben Druckpumpe, welche Ihr »Herz« nennt, von der Ihr mit dramatischer Betonung, mit der Miene sprecht, als handelte es sich um etwas sehr Wichtiges.

Ich hasse die Menschen nicht, denn ich weiß, daß ich nicht besser bin als sie, und sehe wohl, daß die Andern mir nicht mehr Böses zufügen, als Jeder dem Andern und sich selbst. Ich hasse blos ihre dumme Hartnäckigkeit, wonach sie den Instinkt, der sie zur Geselligkeit antreibt, um die Langeweile zu bekämpfen und ihre Eigenliebe zu kitzeln, für Zuneigung halten und poetisch verklären, Menschen, die sich Freunde nennen, kommen mir vor, wie gegen einander wüthende Zeitungsschreiber, die sich Amtsbrüder anreden. Diese Illusion der »Freundschaft« verdirbt Alles. Etwas dem Ähnliches, was man mit diesem Worte sagen will, fühle ich nur während der kurzen Zeit, wo der neue Bekannte den Namen »Freund« noch nicht beansprucht und auch mr nicht zutheilt, und keiner von Beiden noch ihn begehrt oder an ihn denkt. Sobald aber die »Freundschaft« zu Stande gekommen ist, dann rücken Rechte, Pflichten, Ansprüche, Heuchelei, Täuschungen, Mißvergnügen ins Feld, Die thörichte Absicht, Freunde sein zu wollen, erzeugt in uns tausend Schlechtigkeiten und Mängel. Um so wenig schlecht als möglich zu leben, giebt es nur ein Mittel: man nehme sich vor, jeden Menschen, der sich uns nähert, so fern, wie möglich, zu halten, und auch die Gedanken nur mit der Zange auszutauschen.

Jede andre Art, die »Freunde« zu beurtheilen und mit ihnen leben zu wollen, entsteht nur aus einem eigensinnigen, kindischen Wunsche, um jeden Preis glücklich zu sein. Ich gebe zu, wenn man fortwährend entschuldigt, verzeiht, Alles nur von einer Seite betrachtet, täglich die eignen Ansprüche beschränkt, sich für je zehn Widerwärtigkeiten mit einem einzigen Vergnügen zufrieden giebt, Andre und sich selbst betrügt, sich auf jede Weise durchzuhelfen sucht, so kann man bis auf einen gewissen Punkt sich die Illusion erhalten, Freunde zu haben. Aber es ist eine unsinnige Arbeit, und ich habe weder den Muth, es zu versuchen, noch die Fähigkeit, es durchzuführen. Es kommt mir vor, wie wenn ein Knabe sich damit vergnügt, eine Marionettenkomödie für sich allein aufzuführen. Dazu gehört eine Kraft der Phantasie, welche mir fehlt, eine Wuth, sich zu Vergnügen, die ich nicht habe, und eine Geduld, welche meiner Natur zuwider ist.

Nach allem diesen wirst Du begreifen, daß ich über Deine Bilder von Freunden, (deren Originale ich kenne) und über

Deine Freuden der Freundschaft viel zu sagen hätte. Aber um nicht weitschweifig zu sein, will ich nur bemerken, daß Du fast alle Deine Persönlichkeiten im Profil gezeichnet hast, so daß ihre häßlichsten Gebrechen verdeckt werden, und besonders diejenigen fehlen, welche mir die Freundschaft unmöglich machen. Ich will Dir einige von der Kehrseite zeigen.

Der Freund, den Du den »Bändiger« nennst, mag ein »streng logischer« Mann sein, aber er ist zugleich ein schmutziger Geizhals, welcher dem Retter seiner Mutter nicht einen Thaler Trinkgeld geben würde. Für mich kann ein Mensch, der die Morgenblätter an der Schnur hängend liest, indem er die Seiten mit dem Stockknopf umwendet, der mit dem Tabakshändler um das Cigarettenpapier feilscht, und, wenn Du ihn um eine Cigarre bittest, Dir, ehe er sie Dir giebt, einen langen, wüthenden Blick zuwirft, dann Deine Rauchspiralen mit den Augen verfolgt und eine Stunde lang kein Wort mehr spricht, kein Freund sein. Ich habe längst mit ihm gebrochen, schon auf unsrer Schweizerreise, wegen eines Streites, den er im Wirthshaus mit mir anfing, weil ich seine Bürste an meinem groben Hosenzeug verdorben hätte, Ein geiziger Bettler, der seine Freunde zu Tisch ladet und drei Krammetsvögel für neun Personen aufträgt! Du hast vergessen, auch diesen unter den Genüssen der Freundschaft zu erwähnen. Eines Tages werde ich mit ihm den Versuch machen, den Isokrates anräth: mit verstelltem Schluchzen werde ich ihn in Gegenwart von zwanzig Personen um hundert Mark bitten, nur um mir das Vergnügen zu verschaffen, sein Gesicht gelb werden und sich verzerren zu sehen, wie das eines zum Tode Verurtheilten beim Anblick des Fallbeils.

Du nennst den »Heftigen« einen durchaus braven Mann. Das bestreite ich nicht. Aber Du nennst nicht alle seine Fehler. Da ist ein anderer Genuß der »Freundschaft«. Ein Freund, der in der Stille des Landlebens auf Dich herabstürzt, wie ein Schlaganfall, sich in Deinem Hause eine Woche lang festnagelt, die Möbel umstellt, die Zimmer mit seiner Pfeifs verpestet, die Dienstleute wie Heloten umherjagt, die Spinngewebe mit deinen Universitätsdiplomen anzündet, das Essen nach seinem Geschmack bestellt, Deine Kinder ausschilt, Deine Erziehungsart tadelt, Deine Frau auf die Schultern klopft, freundschaftlich, wie auf die Kruppe eines Füllens, einer Dame aus der benachbarten Stadt den Hof macht, wie ein Korporal vom Troß, und Dich mit ihrem Mann entzweit, mit Deinem Dienstmädchen um ein Uhr Nachts im Korridor zusammentrifft, und endlich in schlechter Laune wieder abreist, weil er sieben Tage lang seine Geschäfte versäumt hat; er läßt ein Paar zerrissene Stiefeln in

Deinem Hause stehen, die Du ihm durch Postpaket nachschicken mußt, sowie den Auftrag, ihm seine Briefe und Zeitungen nachzusenden, was Dir für eine Woche zu thun giebt.

Du entwirfst ein angenehmes Bild von dem »versöhnenden Freunde«. Aber Du verschweigst den Fehler oder vielmehr

die schreckliche Krankheit, die ihn verzehrt, daß er sich nämlich für einen wundervollen Liederkomponisten hält und um jeden Preis von seinen Freunden deswegen gefeiert sein will. Bescheiden und vernünftig in jeder andern Beziehung wird er bei dieser einzigen Idee zum wilden Thiere. Er ist einer jener leidenschaftlichen Kunstdilettanten, welche unter den Musikern, wie auch unter den Schriftstellern vorkommen, denen eine unbegreifliche Verschwörung der Verhältnisse und günstiger Zufälle von der Kindheit an bis ins späteste Alter die Großartigkeit ihrer eignen Dummheit verborgen bleiben läßt. Das ist eine psychologische Aufgabe, welcher derjenige lösen sollte, der die Freundschaft studirt. Auf einer Seite erfordert es die Menschenliebe, die Ehrlichkeit, daß man zum Freunde sagte: »Du bist ein Esel, höre auf, mich zu langweilen und Dich lächerlich zu machen«; von der andern Seite widerstrebt es uns, ihm auf rohe Weise diese Illusion zu rauben, welche ihn mit sich selbst zufrieden und darum immer freundlich, bisweilen edelmüthig macht. Aber ist es denn billig, daß ich, um seine Stimmung nicht zu trüben, die meinige zu Qualen verdammen soll, daß ich gezwungen bin, mein Leben lang elend zu lügen und dümmer zu erscheinen, als ich bin, um ihn in der Selbsttäuschung zu erhalten, daß er weniger ein Narr sei, als er wirklich ist? Du hast vergessen, auch diese »Situation« unter den Genüssen der Freundschaft aufzuführen.

Einen andern, den »diplomatischen Freund« zeigst Du nur in günstigem Lichte; aber eine wichtige Besonderheit ist Dir entgangen oder Du hast sie nicht sagen wollen: er lügt, wie ein Spitzbube. Er ist der Lelio Goldoni's, aber ohne seinen Witz; das Spiel, welches dieser mit dem Sonett Florindo's treibt, würde er mit dem Gedicht Ariosto's treiben. Er würde eine Wahrheit nicht sagen, wenn er auch wüßte, daß davon die Freiheit Italiens abhinge. Er lügt, läugnet, gelogen zu haben, behauptet, nicht geläugnet zu haben, und dann läugnet er wieder, um wieder die Abläugnung zu widerrufen. Er nährt sich von Lügen, mit einem Magen von Stahl. Unter Freunden bringt er eine solche Verwirrung von Mißverständnissen zuwege, bildet er solche Gewebe von Täuschungen, daß wir Alle fast unaufhörlich damit zu thun haben, uns herauszuwickeln, und von je zehn Zwistigkeiten und Reibungen, welche in unserm Kreis vorkommen, haben drei ihren Ursprung aus seinem unglücklichen Munde. Und dabei hat er fast keine Schuld: er kann die Wahrheit nicht reden, weil er sie nicht denkt, ich will sagen, die Wahrheit und die Lüge kreisen in seinem Gehirn mit solcher Schnelligkeit herum, daß sie sich mit einander vermischen und er die eine nicht von der andern unterscheiden kann. Aber das Ganze erregt Ekel, und Du hättest unter den Freuden der Freundschaft auch diese anführen sollen, aus Rücksicht auf Andere auch ein Original dieser Art ertragen zu müssen, während es doch die süßeste Befriedigung gewähren würde, ihm ein für alle Mal mitten ins Gesicht sagen zu können, daß er die Fleisch gewordene Lüge und Schamlosigkeit selbst ist.

Auch gegen den »zerstreuten Gelehrten« habe ich Einiges zu erinnern. Dir gefällt er; mir scheint, wenn er eintritt, die Luft sich zu verdicken. Er möchte den Freundeskreis in eine Schulklasse oder in ein »Zuhörer-Athenäum« verwandeln. Für mich ist ein Gelehrter, der am unrechten Ort und ohne Anmuth mit seiner Gelehrsamkeit prahlt, ein Esel. Ein anständiger Mann darf, wie Jemand gesagt hat, der es verstand, in der Gesellschaft das Abzeichen keines Berufs an sich tragen, und noch weniger, füge ich hinzu den Freunden den Inhalt seines Magazins an den Kopf werfen. Ein »Spezialist«, welcher die Höflichkeit seiner Freunde mißbraucht, um schneidende Urtheile auszusprechen und Abhandlungen vorzutragen, in denen Keiner, wie er weiß, ihm widersprechen oder ihn beurtheilen kann, gleicht einem nichtswürdigen Ausländer, der Deine Unwissenheit benutzt, um Dir in seiner eignen Sprache Ungezogenheiten zu sagen, die Du nicht ahnst, die aber hinter Deinen Rücken andre Leute, die sie verstehen, lachen machen. Ich versichre Dich, jedes Mal, wenn er mit seinem hochmüthigen Kathederlächeln den Mund öffnet und anfängt, seine Wissenschaft auszuspucken, bekomme ich Lust, ihm den Hut einzutreiben. Er weiß es wohl. Er grüßt mich nicht mehr seit einem gewissen Abend, wo ich ihm vier Mal ins Wort fiel, als er um jeden Preis eine erzpedantische Citation anbringen wollte, und als er zum fünften Male wieder anfing, plötzlich unter dem Vorwand von Leibschmerzen davon lief, um nickt das Ende der Phrase anhören zu müssen. Aufgezwungene Indigestionen von roher Wissenschaft: das ist wieder ein Genuß der Freundschaft, den Du zu rühmen vergessen hast.

Ein andrer, den Du in süßer Brühe aufträgst, ist der

Chamäleon-Freund. Tu täuschest dich unglaublich in ihm, mein Lieber. Du hast in ihm nur den »zweiten Menschen« gesehen; aber Du sollst wissen, daß in jedem Freunde drei Menschen stecken: der, den man nach dem ersten Anblick beurtheilt, ein andrer, welcher hinter diesem steht und sich hin und herwiegt, wie ein Tanzbär, so daß er sich bald zeigt, bald verbirgt; so daß Du Dein erstes Urtheil bald bestätigst, bald ihm widersprichst: und ein dritter hinter dem zweiten, unbeweglich, aber in größerer Entfernung und darum nur scharfen Augen sichtbar: das ist der wahre Mensch. Bei dem Freunde, von dem ich hier spreche, halte ich nun diesen dritten Mann für den kältesten, härtesten, scheußlich egoistischsten von Allen. Ich habe keine Beweise dafür, bin dessen aber so gewiß, wie der Jahreszahl. Siehst Du nicht in seinen krystallhellen Augen, hinter seinem höflichen Lächeln die Wildheit eines Menschen ohne Gewissen, der Dir bei passender Gelegenheit die Füße auf die Kehle setzen würde, um sich eine Spanne hoch vom Boden zu erheben? Ich fühle mich erkältet bis ins Mark, wenn ich neben ihm stehe. Unter seiner Hülle eines ehrlichen Mannes muß der Keim eines Verbrechers verborgen liegen. Wenn Polizeidiener vorübergehen und ich in seiner Gesellschaft bin, sucht mein Blick den seinigen; ich überdenke jede seiner Reden, als wenn ich ein geheimes Vorgefühl hätte, sie eines Tags vor einem Untersuchungsrichter wiederholen zu müssen. Aber da er versteht, daß ich ihn verstehe, ist er so höflich gegen mich, daß ich kein Mittel finde, mit ihm zu brechen; ich bin gezwungen, mich zu stellen, als achtete ich ihn, obgleich jedesmal, wenn ich ihm die Hand hinstrecke, mir der Gedanke kommt, ihn festzunehmen. Auch dies ist eine zarte Frunde[*?*] der Freundschaft, welche Du mit den andern hättest anpreisen sollen.

Auch den »witzigen Freund« hast Du verschönert. Seine Spaße verursachen mir, ich weiß nicht warum, einen Schmerz in der linken Schläfe. Aber wie konntest Du, als Du von ihm sprachst, unter den Genüssen der Freundschaft den zu erwähnen vergessen, welchen Dir dieser Bücherbettler verschafft? Sprechen wir nicht davon, daß er sehr benöthigt wäre, einen Monat in einer Badewanne mit Sodawasser zuzubringen, und daß sein Eintritt in das Haus des Freundes dem Einbruch eines Ochsen in einen Porzellanladen gleicht, denn in der ersten Viertelstunde wirft er Dir mit einem Seitenstoß den Ofen ein, durchnäßt einen Lehnstuhl mit seinem Regenschirm, wirft mit dem Ellenbogen ein Album zu Boden und erschüttert den Stuhl, auf den er seine schönen Glieder niederläßt. Aber man kann keine Freundschaft für einen Menschen fühlen, der von einem Ende des Landes zum andern Bücher und Zeitungen von seinen Freunden zusammenborgt, der sich auf Aller Kosten eine Bibliothek gesammelt hat. Wenn es ihm einfällt, giebt er die Bücher zurück, in Lumpen verwandelt, die wichtigsten Sätze von seinen Geierkrallen unterstrichen, die Ränder von seinen Köhlerfingern geschwärzt. Er ist ein schmutziger Vandale ohne Erziehung, und so oft er mir ins Haus fällt, gerathe ich in Versuchung, ihm die Rechnung über den angerichteten Schaden zu übersenden. Ein berühmter Bibliomane hat mit Recht gesagt, nächst der Büchermotte sei der gefährlichste Feind der Bibliotheken der Freund des Eigenthümers. Und Du hältst es für möglich, eine Bibliothek zu besitzen und an Freundschaft zu glauben? Das, scheint mir, wäre dasselbe, wie Landeigenthümer zu sein und dabei an die idyllische Einfalt der Bauern zu glauben, wie es die vornehmen Herren in Frankreich vor der Revolution thaten.

Den »durch die Ehe gebesserten« Freund hast Du mit rosenrother Tinte gezeichnet. Lieber hätte ich ihm etwas Anderes in die Augen gespritzt. Da ist ein andrer Genuß der Freundschaft: ein Freund, der auf seine Frau eifersüchtig ist. Er ist es auf eine abscheuliche, tadelnswerthe Weise. Wenn Du das Unglück gehabt hast, bei ihm zu speisen, so mußt Du bemerkt haben, daß seine ganze Seele unter dem Tisch ist zwischen den Schuhen der Dame und den Spitzen Deiner Stiefeln, und wie er bei jedem Blick, den Du mit ihr wechseltest, zittert, daß dies ein Einverständniß der Augen oder ein geheimes Zwiegespräch der Füße bedeuten könne. Du mußt gesehen haben, wie er im Salon nach Dir ausspäht, während er sich stellt, als lese er die Zeitung, wie er den Widerschein zweier Spiegel benutzt, um alle deine Bewegungen im Auge zu behalten, wie er die Dauer Deiner Händedrücke mißt, wie er sich bewölkt, wie er Dich umkreist, Dich beschnuppert, wie er Dich mit dem unermüdlichen Blick eines schwachköpfigen, bösartigen Eunuchen ermüdet, so daß Du im Begriff bist, ihn zu fragen, ob er Dich für einen gebildeten Menschen oder für einen brünstigen Mandril hält und ihm zugleich die ganze Hörnervegetation einer Renthierheerde auf den Kopf zu wünschen. Glaubst Du wirklich, daß ein bis zu diesem Maße des siebenten Sakramentes verdummter Mensch ein Freund sein könne?

Auch auf den gefallenen Freund hast du einen Tropfen Poesie fallen lassen. Du findest es schön, an seiner Wiedergeburt zu arbeiten. Aber Du mußt wissen, daß er vernagelter ist, als ein Paar Bergschuhe. Er ist ein furchtbarer Bogenschütze, der Wilhelm Tell der Fünfmarkscheine. Er hat uns alle hundertmal angeführt. Er besitzt eine teuflische Kunstfertigkeit: mitten in einer fröhlichen Unterhaltung, die nicht den geringsten Verdacht erweckte, bringt er seine Bitte vor, ganz plötzlich, ohne die geringste Vorrede, und läßt dir nicht Zeit, auch nur die einfachste jener drei oder vier künstlichen Mienen anzunehmen, die wir Alle bereit halten, um bei solchen Gelegenheiten mit Würde eine abschlägliche Antwort ertheilen zu können; er führt einen Hieb, den es nicht möglich ist, zu pariren. Und Du hast unter den Genüssen der Freundschaft diesen süßen Trost vergessen: dreißig Mark einem »herabgekommenen« Freunde zu geben, der Dir mit matter Stimme sagt, er sei seit vierundzwanzig Stunden nüchtern; und am Abend desselben Tags siehst Du ihn vom Parterre der Oper

aus, wo Du gedrängt und halb erstickt sitzest, stolz auf einem Sperrsitz mit geröthetem, strahlendem Gesicht auf dem man den ganzen Speisezettel eines feinen Mittagsessens, von den venetianischen Austern bis zum zweiten Gläschen Benediktiner lesen kann. Dann hättest Du uns auch das Vergnügen schildern sollen, das Du empfandest, als Du vor Deiner Thür den Wagen fandest, den der Freund nach vierstündigem Spazierenfahren da gelassen hat, indem er dem Fiaker Deine Visitenkarte überreichte, sowie das, einem andern »Heruntergekommenen« ein Nachtquartier zu geben, der am folgenden Morgen beim Weggehen in der Zerstreuung das Licht, die Seife und ein Paar gestickter Pantoffeln mit genommen hat.

Warum hast Du nicht noch hundert kleine häßliche Fehler angeführt, welche unsere Freunde unausstehlich machen? Jene Lächerlichkeit des »mephistophelischen« Freundes zum Beispiel, welcher bis 1865 sehr gut das R aussprechen konnte, und plötzlich anfing, zu lispeln, als sein Oheim Graf wurde? Und die schändliche Gewohnheit des »Ehrenfreundes«, der Dir während der Unterhaltung beim Schlusse jedes Satzes einen harten Schlag auf den Arm versetzt, wie ein Automat, so daß Du nach halbstündigem Gespräch blaue Flecken davonträgst? Und die ekelhafte Manier des narkotischen Freundes, welcher während der Rede dem Freunde seinen Stockknopf vor das Gesicht zu halten pflegt, den er den ganzen Tag im Munde zu haben liebt? Und der »wahrheitswüthige« Freund, der Einem jeden Abend von acht Uhr an mit seinen Zärtlichkeiten zu achtzig Pfennigen das Liter zuwider wird? Und der »liebenswürdige Schelm«, welcher Deine Freundschaft mißbraucht, um sich in ganz Italien vorzustellen? Und jener andre Schatz von einem alter ego, welcher, weil er krank ist und sich Deinen Freund nennt, sich für berechtigt hält, Dir mit seiner quiekenden Stimme fortwährend die Geschichte seiner Kataplasmen und anderer Schmutzereien zu erzählen, wobei er um medizinische Rezepte bittet, während er doch Regeln für gute Lebensart brauchte.

Du siehst also, zwischen uns Beiden liegt, was die Freundschaft anbetrifft, ein Abgrund, Du lebst von ihr, und ich würde an ihr zu Grunde gehen, wenn ich mich davon nähren müßte. Du rufst fortwährend die Bilder der entfernten Freunde hervor, ich suche sie zu vergessen, und es giebt nichts Unangenehmeres für mich, als vor mir plötzlich Einen erscheinen zu sehen, den ich für immer vergessen zu haben glaubte. Jedesmal, wenn mir ein Freund entgegentritt, fürchte ich etwas Widerwärtiges. Jedesmal, wenn Einer von ihnen mich mit besonderer Liebeswürdigkeit behandelt, frage ich mich sogleich, welchen Schaden er mir wohl zugefügt haben könnte, den er jetzt bereute, oder welche Unannehmlichkeit er mir bei erster Gelegenheit bereiten möchte. Harte Manieren bei Freunden regen mich sogleich zu grober Empörung auf und ihre Höflichkeit läßt mir in der Seele eine unangenehme Empfindung zurück, wie das Gefühl auf der Haut, wenn sie mit Syrup bestrichen ist. Ich halte jeden Tag für glücklich, den ich, ohne das Bedürfnis nach der Gesellschaft eines Freundes zu fühlen, allein verbringen kann. Mit Einem von ihnen eine Reise zu machen, scheint mir ebenso angenehm, wie ein Gewaltmarsch in engen Stiefeln. Ich lade meine Freunde niemals zum Essen ein, denn das gemeinschaftliche Bei-Tisch-Sitzen erfordert für mich eine Vertrautheit der Gedanken und Gefühle, welche zwischen uns nicht besteht, und der Mangel daran scheint mir eine Entweihung des häuslichen Tisches. Ich lege in keinem meiner Freunde meine Neigungen und Geheimnisse nieder, denn diejenigen unter den Kassirern der Freundschaft, denen ich im Laufe meines Lebens Einiges anvertraut habe, sind alle mit der Kasse durchgegangen. Kurz, ich glaube nicht an Freunde. Demungeachtet wünsche ich ihnen alles Glück, nicht weil sie es verdienen, sondern weil ich begreife, daß ich von zufriedenen Leuten viel weniger zu befürchten habe, als von solchen, deren Geschäfte schleckt stehen. Aber der Begriff, den ich von ihnen und von der Freundschaft habe, ist unveränderlich.

Um freimüthig zu sein, füge ich nun nock Eins hinzu: daß ich nämlich Dich von dem Freundeskreise, von dem ich gesprochen habe, nicht ausschließe.

Gruß.

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