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Unsere Freunde

Edmondo De Amicis: Unsere Freunde - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorE. de Amicis
titleUnsere Freunde
publisherHermann Costenoble
addressJena
printrunZweite Auflage
year1895
translatorDr. R. Teuscher
illustratorG. Amato, G. Colantoni, J. Farina, D. Paolocci, E. Ximenes, G. Peunasilico
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Genüsse der Freundschaft.

Unterhalten wir uns ein wenig, wie Freunde.

Feiern wir an erster Stelle die unbegrenzte Freiheit der Rede, die ausschweifende, tolle Unterhaltung, voll ungeheurer Paradoren, nicht wiederzugebenden Erzählungen, ungereimter Spaße und monströser Dummheiten, das Bachanal des Geschwätzes und des pantagruelischen Gelächters, den zügellosen Lauf durch das unendliche Feld der menschlichen Lächerlichkeiten, denen wir uns unter vertrauten Freunden an schönen Mondscheinabenden hingeben. Es ist die Befriedigung eines Lebensbedürfnisses, es ist die gewaltsame Reaktion der Natur gegen die falsche Scham, die falsche Gravität und die falsche Heiterkeit der hundert erkünstelten Unterhaltungen, zu denen wir fortwährend gezwungen sind, die Befreiung aller durch die tausend Pflichten unfrei Zeit und unsres Standes gefesselten und unterdrückten Instinkte, der rebellische Trieb des Blutes und des Geistes, welcher uns die Ernsthaftigkeit und die Vernunft in die Luft schleudern heißt, wie der Schulbube seine Bücher und Hefte von sich wirft, eine Art »nicht dauernder Tollheit«, wie Leopardi vom Lachen sagt, eine Orgie des Redens, eine tolle Flucht des Gedankens von allen regelmäßigen, gesetzlichen Bahnen, wir fühlen dabei unser Blut sich verjüngen, unsre Seele kühner werden.

Wir Alle haben dieses Bedürfniß. Jeder von uns trägt in sich einen kleinen tollen, zügellosen Spaßvogel, welcher, wenn es ihm beliebt, hervorspringt und sich um jeden Preis lustig macht. Man steigt vom Katheder, dem Richterstuhl, der Deputirtenbank, aus den goldigen Wolken der Kunst herab, und wenn ihrer fünf beisammen sind, so werden die Possen ausgepackt. Man bedenke, welche Unmasse komischen Stoffs im Verlauf weniger Jahre in jedem großen Freundeskreise durchgerührt wird. Da erscheint eine Myriade von Anekdoten jeder Art, von dem gröbsten Volkswitze bis zum feinsten Geistesfunken, alt und neu, aus allen Klassen der Gesellschaft hergeholt, aus den Unterhaltungsbüchern aller Literaturen zusammengelesen, mit Worten aus allen Dialekten gewürzt, auf tausenderlei Art umgebildet, an tausend verschiedene Umstände angepaßt; eine endlose Sammlung von Schülerdummheiten, macaronischen Versen, Rede-Karikaturen, Wortspielen, komischen Mißklängen, possenhaften Zweideutigkeiten, berühmten Albernheiten und Irrenhaus-Phantasieen; eine unergründliche Masse von ausschweifenden, derben Reden, in allen Wassern gefischt, mit allen Farben angestrichen, nach allen Bedürfnissen gebogen, improvisirt, verstümmelt, nach allen Launen entstellt, ein unzähliges Durcheinander von Dokumenten »überlegter, lustiger Tollheit«, worüber ein katalogisirender Benediktiner den Kopf verlieren könnte. Ein Theil dieses ungeheuern komischen Stoffs gehört allen Freundesgruppen aus allen Theilen des Landes an, er durchströmt die Welt, findet sich überall wieder. Ein Theil aber ist unser, gehört unserem Kreis allein. Wir Alle bemühen uns, das gemeinschaftliche Besitzthum aufzufrischen und zu bereichern. Jeder trägt die Skizzen der lächerlichen Persönlichkeiten, die er kennt, die eignen spaßhaften Abenteuer, lustige Einzelnheiten aus seinem Geschäft, den Saft seiner witzigen Lektüre vor und bringt dabei seine eignen komischen Fähigkeiten zur Geltung. Da giebt es Erfinder, Sammler, Umbildner, Meister im Erzählen und Künstler in plötzlichen Ausfällen, leidenschaftliche Liebhaber des Witzes, ohne andre Beschäftigung im Leben, wunderbare Gelehrte in der unendlichen Wissenschaft der Schnurrpfeifereien, solche, die gewisse Felder des Lächerlichen mit Vorliebe anbauen, sehr wirksame Hülfskräfte, welche nur durch ihre erheiternden Gesichter und ihr ansteckendes Lachen wirken.

Der Stoff ist immer beweglich und wechselt; ein Theil davon dient nur einmal und wird dann weggeworfen, ein andrer bleibt im Vorrathshause liegen, wird wieder aufgenommen und nach einiger Zeit als neue Waare wieder in den Verkehr gebracht; aus andern Kreisen, oder andern Provinzen Herbeigekommene fügen neue Schätze und noch nicht dagewesene Findlinge hinzu. Die Einen nehmen von den Andern gewisse Manieren und wirkungsvolle Kunstgriffe an, es bildet sich ein Kauderwelsch, eine Schule, ein System von Andeutungen, verdeckten Anspielungen und Beziehungen, in denen wir allein uns zurechtfinden, und man braucht nur ein Wort zu sagen, um von allen Seiten die Heiterkeit und Redseligkeit ausbrechen zu lassen.

Nicht jeder Tag ist gleich günstig; es giebt Abende, wo dieses Lustfeuer von Witzen gezwungen erscheint und ein Lachen hervorbringt, welches nicht vom Herzen kommt und zuletzt Ekel erregt. Dies bedeutet, daß man kein Bedürfnis; danach fühlte. Aber wer könnte die köstlichen Abende bezahlen, wenn wir Alle bei Laune sind, wir Alle uns finden, ohne uns zu suchen, als triebe uns ein allgemeines Jucken, Scherz zu treiben, zu einander. Dann werden die Ernstesten von der Gesellschaft vom Strome fortgerissen, man sieht nur weit offne Mäuler und nasse Augen; auch in dem geheimsten Winkel des am wenigsten Lustigen von uns scheint jeder Schatten eines traurigen Gedankens verschwunden zu sein. Die nächtlichen Straßen tönen noch von unsern Spaßen wieder, noch beim Aufschließen der Hausthüre machen wir einen lustigen Witz; athemlos gehen wir zu Bett und lachen noch beim Einschlafen. Am Morgen erwachen wir vergnügt und besser zur Arbeit gestimmt, als hätten wir neue Kräfte aus diesem Karneval von Witzen, diesem ungestümen Ausbruch guten Humors geschöpft, welcher unser Blut in schnelleren Umlauf gebracht und den Kopf freigemacht hat.

 

Ein andrer, aber mehr ruhiger und intimer Genuß ist es, am Ende des Winters, während die Stadt in den letzten Orgien des Karnevals schwelgt, mit einem vertrauten Freunde

des Morgens hinauszugehen und auf's Gerathewohl fortzuwandern. Man ist noch ein wenig schläfrig, solange man durch den verwirrten Lärm der erwachenden Stadt, durch die noch unvollendeten Häuser und die langen Umfassungsmauern der Vorstädte geht, und das träge Auge erhebt sich auch nicht, um die Höhe der rauchenden Schlote der Fabriken zu messen, welche sich im Nebel wie ungeheure Baumstämme erheben. Aber wie wir auf's freie Land kommen, erweckt uns die frische Luft, der Nebel, der sich goldig färbt und zerreißt, und der Erdgeruch. Wir athmen auf, der Tag gehört uns, wir sind frei. Die Unterhaltung geht, wie sie will; es ist ein Ruhetag für den Geist, die Freundschaft feiert ihren Sonntag; wir wollen uns die Mühe auch des kleinsten Widerspruchs ersparen. Wir unterhalten

uns ruhig, in langsamen, zerrissenen Sätzen, hin und wieder durch das Geläute einer vorbeiziehenden Heerde unterbrochen, oder schweigen ganz, um still zu stehen, einen Stein oder Grashalm zu betrachten, oder auf dem Wege, der zwischen zwei Schneestreifen hinläuft, ein Stück Zeitungspapier aufzuheben. Wie gekünstelt und häßlich erscheinen uns in dieser ernsten Öde der winterlichen Landschaft die Bilder der städtischen Feste und Vergnügungen. Den Körper und die Seele in dieser scharfen, reinen Luft zu baden ist ein Genuß, wie wenn man nach einem nächtlichen Maskenfest das mit Mehl bestreute und geschminkte Gesicht in einen Trog mit eiskaltem Wasser eintaucht und abschwemmt.

In dem Maße, wie wir vorwärts kommen, den Schritt verlängernd und den Kopf klärend, werden wir immer zufriedener, für einige Stunden dem Geräusch der schwärmenden, trunkenen Stadt entflohen zu sein, Felder folgen auf Felder, Häuser auf Häuser, Dörfer auf Dörfer, der Himmel hat sich

aufgeklärt und die Heiterkeit der Natur spiegelt sich in unsern Reden ab. Die Abhänge an beiden Seiten des Wegs hallen von unsern lustigen Stimmen wieder, die in der Sonne lehnenden Kinder schauen uns nach, einsame Kapellen mit offenen Fenstern geben den Schall unsrer taktmäßigen Schritte zurück. Alles ist still, fast schläfrig in dem warmen Sonnenschein, gleichsam der ersten Liebkosung des Frühlings. Der Weg steigt an. Durch die unbelaubten Zweige der Bäume erscheinen anmuthig die Dächer der Stadt. Wir ändern den Gegenstand des Gesprächs. Vor den zierlichen Gartenzäunen, im Anblick der schönen, jetzt geschlossenen und stummen Landhäuser laufen wir im Geiste Phantasieen von Reichthum und glänzendem Leben nach und bleiben stehen, um sie uns gegenseitig auszumalen, die Augen von einem hoffnungslosen Wunsche leuchtend; der Anblick der grünen Bänke unter den langen Weinlauben ruft uns andere schöne Bilder aus vergangenen Zeiten zurück, die uns ein wenig traurig stimmen, da wir, bei Fortsetzung des Wegs, auf der weißen Straße unsre Schatten in der ernsten, väterlichen Form des reifen Alters scharf abgezeichnet erblicken.

Aber die Gedanken ändern ihren Lauf, wie wir wieder ins Thal hinabsteigen zu den Bauernhäusern und Feldern. Die Unterhaltung schweift über hundert Dinge umher, wie der Blick, ein wenig zerrissen, durch den Szenenwechsel. Je nach der Veränderung der Aussicht, dem Erscheinen oder Verschwinden der Sonne nimmt das Gespräch eine heitere oder melancholische Farbe an. Aber die Freunde werden immer vertrauter, die Stärkung des Körpers, wie die ungewohnte

Bewegung, erhöhen ihre Heiterkeit. Von unserer Einsamkeit aus sehen wir die Welt durch einen Schleier der Poesie, der sie ferner und schöner zeigt. Wir sprechen mit Nachsicht von unsern Freunden. Wir lieben das Leben. Der Gedanke an die Arbeit, welche uns morgen erwartet, in der Sammlung des Zimmers, mitten in allen unsern Bequemlichkeiten, ist uns angenehm. So beeilen wir den Schritt singend und lachend. Der Thurm des Dörfchens, fern in der Tiefe, zieht uns an, als wäre er das Ziel einer langen Reise. Ein wenig ermüdet langen wir an mit dem Appetit und der guten Laune zweier Handarbeiter und betrachten um uns her mit neugierigem Lächeln den Marktplatz, das Rathhaus, die Apotheke, und diese schöne, schläfrige Ruhe, welche uns Lust macht, im Dorfe ein Zimmer zu miethen, da zu bleiben und vierzehn Tage lang zu träumen, ohne eine Zeitung anzusehen, mit gekreuzten Armen und einer hölzernen Tabakspfeife zwischen den Zähnen. Da erfaßt uns von Neuem die Lustigkeit, wie Schüler in den Ferien, in dem feuchten, dumpfigen Wirthshauszimmer, zwischen Wänden mit kindlichen Landschaften behangen, in der Mitte ein monströser König von Italien und eine entmenschte Königin. Wir stützen den Ellenbogen auf das grobe Tischtuch, schwingen die massiven Bestecke und beim Dampf einer dicken Bauernsuppe erzählen wir uns die Geschichte unserer Freundschaft, bekennen uns früheres Unrecht und sagen uns so schmeichelhaftes Lob in's Gesicht, wie wir es in dem aufregenden Getümmel der Stadt niemals gewagt hätten; beim Nachtisch drücken wir uns die Hände mit über den Tisch ausgestreckten Armen. Solch eine liebe, ländliche Episode aus unsrer Freundschaft wird uns, wie viele andere, unverwischbar in der Erinnerung bleiben, wie ein kleines flamländisches Gemälde, mit dem Sonnenstrahle, der über den Tisch hin fiel, der Vorderseite der kleinen Kirche, die man durchs Fenster sah, und dem wohlwollenden Freundeslächeln, das in unfern Augen glänzt.

 

Ein noch viel größeres Vergnügen ist es, zusammen zu reifen. Die Seelust stärkt die Freundschaft, der Rauch der Dampfmaschine giebt ihr eine schöne, alterthümliche Farbe, wie die Sonne den Denkmälern. Das Schönste ist, den Freund durch ein Land zu führen, das wir schon kennen und so das doppelte Schauspiel der Dinge und des Eindrucks zu genießen, den sie auf ihn hervorbringen, so daß wir durch unsre Zuneigung zu ihm alle die lebhaften Wirkungen des ersten Besuchs, eine nach der andern, von Neuem genießen. Welch eine herrliche Zeit ist das, wo man sich hundertmal dieselben Dinge wiederholt, hundertmal auf der Landkarte dieselben Linien zieht, unter der lustigen Unordnung der Koffer und Reisesäcke, neben dem offenen Fenster, von wo aus wir schon am Horizont die blauen Umrisse von Städten und unbekannten Bergen suchen, während die Luft einen undeutlichen

Geruch nach Seewasser und Theer aus dem Hafen herbeizuwehen scheint. Unser Freund ist uns niemals so lieb gewesen; wir wachen über seine Gesundheit, wie ein Theaterunternehmer über die Stimme seines ersten Tenors. Er für sich allein macht einen großen Theil des Vergnügens unsrer Reise aus: er ist unser Echo, unser lebendiges Album, unser moralischer Brennspiegel, welcher alle unsere Empfindungen zurückwirft, in einen Punkt sammelt und belebt. Es droht keine Gefahr mehr von Traurigkeit oder Melancholie. Wenn in den endlosen Straßen ferner Städte oder in den großen, mit unbekannten Gesichtern gefüllten Theatern uns eine schwarze Laune befallen will, dann öffnen wir das Register des Unsinns und der Späße, rufen unsre witzigen Freunde an, erinnern uns an die Plätze, die Reden, das Geplauder in unsrer Ecke in der fernen Stadt, und die gute Wirkung folgt sogleich und ist wunderbar. Es ist ein unaussprechliches Vergnügen, des Morgens früh, beim ersten Erwachen im Wirthshaus, nach einem Traum, der uns in die Heimath zurückgeführt hat, und wie wir eben von dem Fenster aus im Nebel die wunderlichen Gebäude der Stadt betrachten, welche uns plötzlich an unsre Entfernung vom Vaterlande erinnern, in dem Nachbarzimmer die fröhliche Stimme des Freundes zu hören, als ob uns die Stimme und der Gruß der Heimath begleitete. An den großen Wirthstafeln, in einem Kreis von unbekannten Gesichtern, auf denen die Langeweile und Traurigkeit der Einsamkeit zu lesen ist, in dem düstern Schweigen kauender Automaten, welcher Genuß ist es da, unter uns Beiden eine warme, fröhliche Unterhaltung zu führen, welche bei den neben uns Sitzenden Neid erregt und uns in den Ohren klingt und zu Herzen geht, wie ein Musikstück aus der Heimath.

Freilich sind Zwistigkeiten auf der Reise unvermeidlich. Der Freund mag uns immerhin das Vaterland repräsentiren: bisweilen scheint es uns, das Vaterland könnte einen bessern Repräsentanten haben. Man findet dessen Deputirten faul, eigensinnig, geizig, pedantisch ungerecht gegen das fremde Land oder undankbar verstimmt gegen die eigne Heimath, und bisweilen fallen gallige Worte, welche unsern Blick vor den prächtigsten Denkmälern trüben, ja es kommt sogar vor, daß wir uns Morgens den Rücken kehren, um uns erst am Abend wiederzufinden. Aber am Abend freuen wir uns, als hätten wir uns seit einem Monat nicht gesehen. Es ist unmöglich, hart zu bleiben, wenn wir dies Gesicht wiedersehen, das einzige bekannte unter den hunderttausenden, die wir den Tag über erblickt haben, das einzige, das wir kennen, das einzige, das uns von einen, entfernten Erdwinkel spricht, wo Alles, was uns auf der Welt am theuersten ist, versammelt ist und uns erwartet. Es ist unmöglich, dem Freunde nicht beide Hände entgegenzustrecken, wenn wir mit ihm in unser Zimmer zurückkehren, wo alle jene kleinen Gegenstände zerstreut liegen, bei denen wir uns Beide der eifrigen, liebevollen Hände erinnern, welche uns Alles zur Reise zugerüstet haben und der zitternden Stimmen, die uns bei der Abreise die letzten Rathschläge ertheilten.

Dann folgt die fieberhafte Wonne der Rückkehr und die noch lebhaftere Lust der Erinnerung. Denn das ist eine kleine Welt der Erinnerung, die uns allein gehört, in die wir uns Beide gern einschließen, die wir auf's Neue durchleben mögen, bisweilen ohne zu reden, nur die zwei oder drei hartnäckigen Melodieen summend, welche uns auf der ganzen Reise begleiteten und uns besser als Worte an Gegenstände, Geräthe, den Charakter gewisser Orte erinnern. Wir unterstützen uns gegenseitig, das schöne Bild wieder zusammenzusetzen und wieder auszumalen, vor welchem all unser kleiner Groll verschwindet, wie der Groll zweier Brüder bei dem Niederhält einer entfernten Symphonie, welche Beide an ein altes häusliches Fest erinnert.

 

Ein anderes großes Vergnügen genießen wir, wenn wir uns über unsre eignen Angelegenheiten vertraulich mit einem Freunde unterhalten, der denselben Beruf hat, wie wir. Wie wahr ist doch der Spruch: »Man mag immerhin auf einander eifersüchtig sein, übel von einander reden, sogar sich hassen: aber man unterhält sich mit vollkommener Befriedigung nur mit Leuten, welche denselben Lebenszweck haben, den man selbst verfolgt«. Es versteht sich von selbst, daß wir von gemeinschaftlichen Angelegenheiten in jenen guten Augenblicken reden, wo das Gefühl des Mißtrauens in uns durch ein übermächtiges Bedürfniß, uns einander zu öffnen und mit einander zu verständigen unterdrückt wird; dann beschäftigen wir uns ohne Hintergedanken nur mit der Wissenschaft, der Kunst oder überhaupt dem Beruf, worin wir Kollegen sind. Dann befeuert sich und erhebt sich die Unterhaltung bald und verschafft uns zugleich die Befriedigung einer Herzensergießung und das nervöse Vergnügen geistiger Arbeit. Wir befinden uns auf unserm Arbeitsfelde, Gedanken sind im Überfluß, die Rede fließt leicht und klar, wir besitzen eine Menge gemeinschaftlicher Formeln, welche die Rede zusammendrängen und abkürzen, wir verstehen uns im Fluge. Wir befragen uns über allgemeine Schwierigkeiten, über geheime Wechselfälle im Kampfe des Willens gegen das träge Fleisch und über innige Befriedigungen des Bewußtseins. Die Antwort des Einen ist das Echo vom Gedanken des Andern; wir brauchen uns nicht zu unterbrechen, den Freund reden zu hören macht uns ebensoviel Vergnügen, wie selbst zu sprechen. Wir gleichen zwei Nervenkranken, welchen es einen herben, aber heilsamen Genuß gewährt, daß Jeder an dem Andern dieselben Schmerzen, dieselben ängstlichen Hallucinationen wiederfindet, woran er selbst leidet, die aber Fremden unverständlich sind.

Nach und nach werden wir immer vertraulicher und erzählen uns von den Qualen eines fixen Gedankens, der sich Monate lang wie ein glühender Nagel in die Stirn gebohrt hat, von der Wuth über die Ermüdung des Geistes, wenn er, wie eine verstümmelte Hand, die Ideen ergreifen will und doch nicht erfassen kann; man erschrickt vor der Ahnung eines langsamen, unersetzlichen Verfalls des Denkvermögens; die Nächte durch hundert schreckhafte Träume beunruhigt, welche alle nach wüstem Umherschweifen auf dieselbe Angelegenheit oder auf dieselbe verfluchte Buchseite hinauslaufen, an der wir zuletzt unsere Feder zerbrochen haben. Wir gedenken der langen Tage hartnäckiger Arbeit, unermüdlicher, wüthender Angriffe gegen eine Schwierigkeit, welche uns einen Schritt vom Ziele aufhält und zurücktreibt, mit Verzweiflung im Herzen; jener traurigen Stimmung, welche uns bei der Arbeit ergreift, wenn wir an die Flüchtigkeit des Lebens denken und an die vielen Leute, welche sich bewegen, thätig nnd frei sind, die Welt genießen und uns verachten; der Qualen jener schrecklichen, kritischen Richtung, welche allen unsern Eifer lähmt, uns jede Befriedigung trübt, alle unsere Mühen erschwert und uns zu grausamen Selbstquälern macht; der traurigen Tage der Ohnmacht und Niedergeschlagenheit, wo der Neid in unfern Eingeweiden wühlt nnd das Mitleid mit uns selbst unserm Herzen Thränen entreißt.

Die Berufseifersucht mag morgen wieder ausbrechen, aber heute fühlen wir nur unsere Brüderschaft als Verdammte. Granitmasse, in den Eingeweiden desselben Gebirgs abnutzen. »Ach«, sagen wir zu einander in unserem Herzen, »auch Du bist ein armer Gequälter!« Hingerissen von dem Gespräch gehen wir über die gewöhnliche Vorsicht hinaus, bekennen uns die Lücken unseres Geistes, sagen uns in's Ohr, welches die unbeweglichen Räder, die schwachen Springfedern unsrer Denkmaschine sind, mit was für schimpflichen Kunststücken wir uns auf gefährlichen Wegen aufrecht erhalten, mit welchen Täuschungen wir bisweilen die Welt zu betrügen suchen; wir gehen soweit, nützliche Rathschläge auszutauschen und uns kostbare Gedanken mitzutheilen. Und dann fragen wir uns insgeheim: »Warum sind wir nicht immer so? Warum herrscht nicht immer zwischen uns diese Aufrichtigkeit, welche so edel und zugleich uns Beiden so nützlich ist?« Wenn wir uns dann Alles gesagt haben, athmen wir auf; wir fühlen uns an Nerven und Ideen gekräftigt, wir verabschieden uns mit einem Händedruck voll Zufriedenheit und Dankbarkeit und gehen wieder mit voller Macht an die Arbeit, rüstiger zu kämpfen und zu leiden entschlossen, mit dem Bilde jenes andern Verdammten vor den Augen.

 

Die größte aller Freuden ist die Gastfreundschaft. Wir empfangen den vertrauten Freund in unserm Hause, wenn er wirklich ein Vertrauter ist und das seltene Gefühl für einen zugleich freien und zarten Umgang besitzt, zu uns wie in sein eignes Haus kommt, durch die Zimmer streift wie ein Bruder, in seiner Eile den Hut aufsetzt, einem bestimmten Sessel den Vorzug giebt, das gestrige Blatt vom Kalender abreißt, sein Urtheil über den Kaffee frei ausspricht und sein kurzes Schläfchen macht, wenn er müde ist. Es ist ein besonderes Vergnügen, seine laute Stimme im Vorzimmer, seinen bekannten Schritt auf dem Korridor zu hören; es ist eine andere Stimme, ein andrer Schritt, als die, welche auf der Straße ertönen. In der That scheint uns kein Freund recht vertraut, solange wir sein Gesicht nicht in jenem Winkel, umgeben von jenen

Tapeten-Arabesken gesehen haben, von unsrer häuslichen Lampe beleuchtet, mitten unter den hundert Gegenständen, die wir täglich berühren, in dieser Häuslichkeit, welche alle unsre Neigungen und Geheimnisse kennt, zwischen den Wänden, welche uns so oft übel von ihm haben reden hören. In unserm Haus ist er mehr der Unsrige, wir fühlen uns seiner sicherer. Wenn er auch nicht zu unsern liebsten Freunden gehört, so tönen doch alle Küsse, die er auf die Stirnen unsrer Kinder drückt, in unserm Herzen wieder, wie unbestimmte Versprechungen künftigen Schutzes und erscheinen uns als Siegel, welche er mit dem Munde auf unsre Freundschaft drückt. Wie erfreut uns jedes Zeichen von gutem Humor, den er in unserm Hause giebt, auch wenn uns sein Humor anderwärts nicht gefällt. Es giebt in der That eine Eigenliebe des Familienvaters, welche nichts mit der Eitelkeit des Hausherrn zu thun hat.

Bei der Befriedigung, welche man fühlt, wenn man den Freund erwartet, wirkt keine Eitelkeit mit, wenn für ihn das Haus eifrig zurecht gemacht wird und die Knaben in den vom Besen bei großen Gelegenheiten aufgewirbelten Staubwolken herumspringen, sich der Verwirrung und der ungewohnten Gerüche freuend. Es ist ein Gefühl voll freundlicher Poesie, welches uns an einem solchen Tage den ganzen Schmuck des Hauses zum Vorschein bringen heißt, Alles, was unter dem Knöchel des Zeigefingers am hellsten klingt, was mit seiner vergoldeten Etikette die beredteste Heiterkeit verspricht. Der Freund möge so viele Fehler besitzen, als er will und uns in früherer Zeit allerlei Verdruß verursacht haben, diese Wände mögen hundert Mal Übles über ihn gehört haben; einerlei. In solchen Augenblicken werden seine Fehler entschuldigt, der Tadel zurückgenommen, seine Ankunft wird mit Ungeduld durch's Fenster erspäht, der Klang der Klingel entreißt uns einen Ausruf des Vergnügens, die Aufnahme, die ihm wird, kommt vom Herzen. Kein Schatten von Schmeichelei liegt in der Mühe, die man sich giebt, ihn nicht im Geringsten zu widersprechen, dafür zu sorgen, daß ihm Alles angenehm erscheint, daß das ganze Haus ihm zulächelt und bei ihm eine gute Erinnerung an uns hinterläßt. Morgen werden wir wieder ärgerlich und übler Laune sein, aber heute nicht. Heute ist ein Festtag, an welchem man sich nur des Guten erinnert und Gutes voraussieht. Möge er sich nur dieser Stunden erinnern, wenn wir eines Tags seine Freundschaft auf die Probe stellen müssen. Aber was! Möge er sie immerhin vergessen, wie auch wir viele ähnliche vergessen haben; sie sind darum nicht weniger tröstlich und genußvoll.

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