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Unsere Freunde

Edmondo De Amicis: Unsere Freunde - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorE. de Amicis
titleUnsere Freunde
publisherHermann Costenoble
addressJena
printrunZweite Auflage
year1895
translatorDr. R. Teuscher
illustratorG. Amato, G. Colantoni, J. Farina, D. Paolocci, E. Ximenes, G. Peunasilico
correctorhille@abc.de
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Höhen und Tiefen.

Auch der vertrauteste Freund ist niemals dreißig Tage nach einander derselbe Mensch für uns. Tausend kleine Ursachen, welche fast alle aus unsrer Eitelkeit entspringen, verwandeln ihn täglich vor unsern Augen, entfernen ihn, bringen ihn wieder näher, heben und senken ihn, lassen ihn uns heute als einen lieben Bruder erscheinen, morgen als einen zweifelhaften Freund, am folgenden Tage als einen gehässigen Feind, und nöthigen uns zu einem fortwährenden Nachdenken über sein Wesen und seine Handlungen, und daraus folgt eine endlose Reihe von immer zurückgenommenen, veränderten und beschränkten Meinungen. Um uns davon zu überzeugen, brauchen wir nur Tag für Tag aufrichtig Alles aufzuzeichnen, was wir über irgend einen unsrer nächsten Freunde denken, und unser Tagebuch nach dem Verlauf einer gewissen Zeit wieder zu lesen, wenn wir die Einzelheiten vergessen haben. O ihr verständigen, ernsten Männer, die ihr mit gewichtiger Stimme und dem rechten Zeigefinger in der Luft von »Charakterfestigkeit« und »Logik des Betragens« redet, leugnet es nicht: auch Ihr, Männer ganz aus einem Stück, würdet, wenn Ihr Euer Schriftstück nach einiger Zeit wieder öffnetet, etwas Ähnliches lesen, wie die folgenden Seiten, welche Euch von einem Manne herzurühren scheinen müssen, der leicht, wie eine Feder und veränderlich ist, wie der Hibiscus mutabilis; sollte Euer Geschreibsel sehr abweichend sein, so könnte man annehmen, es sei nicht ganz aufrichtig.

Tagebuch.

... Heute Morgen habe ich ihn angetroffen, nachdem wir uns einige Zeit nicht gesehen hatten. Ich fand sein Gesicht nicht so heiter und sympathisch, wie sonst. Er war sehr erfreut, mich zu sehen. Sein Lächeln war voll Güte, sein Auge klar und sanft, seine Stimme liebevoll; einer von jenen Gesichtsausdrücken, welche, was man auch von der »Lügenhaftigkeit der Mienen« sagen mag, nicht täuschen können und nur bei guten, edlen Menschen zu finden sind, wenn sie von freundlichen Gefühlen belebt werden. Er ist ein vortrefflicher Mensch. Sollte ich jemals einen Groll gegen ihn haben, so brauche ich mich nur seines Aussehens von heute früh zu erinnern, und der Groll wird verschwinden. Ich muß dasselbe im Geiste festhalten, als den Grundausdruck seines Wesens. Jedermann hat einen gewissen Gesichtsausdruck, der selten zu sehen und immer flüchtig ist, worin sich seine ganze Persönlichkeit offenbart; er ist gewissermaßen ein unwillkürlicher Laut, welcher das Geheimniß eines ganzen Lebens verräth, man könnte ihn »das letzte Wort der Physiognomie« nennen. Das Gesicht meines Freundes hat mir heute früh sein letztes Wort gesagt.

 

Und doch hat auch er von Zeit zu Zeit ein Tröpfchen verdünnten Giftes auf der Zungenspitze. Seine Stichelei von gestern Abend war,

wenn auch achtlos ausgesprochen, ohne Zweifel auf mich gemünzt. Man könnte das »die anonymen Briefe« der Unterhaltung nennen, kleine, stechende Anspielungen, klar genug, um den Freund merken zu lassen, daß er gemeint

ist, aber doch nicht offen genug, um ihm ein Recht zur Auflehnung zu geben. Er mißfiel mir. Es liegt etwas Boshaftes in seiner Anspielung. Vielleicht brütete er schon eine Weile darüber. Das ist nicht edel. Das Schlimme ist, daß von den vielen Antworten, womit ich ihm sogleich auf der Stelle gedient haben könnte, nur keine einfiel. Aber ich suche eine, bei der ersten Gelegenheit wird er sie schlucken müssen, und sie soll ihm warm machen, bei Gott!

 

Wie seltsam! Kaum sah ich ihn, so verschwanden Mißtrauen, Groll, boshafte Absichten im Augenblick, und ich behandelte ihn mit mehr Wohlwollen und Höflichkeit, als gewöhnlich, ohne Anstrengung, als fühlte ich das Bedürfniß, für alle die bösen Gedanken, die ich bis dahin im Kopfe herumgewälzt hatte, Verzeihung zu erhalten; vielleicht las er auch ein wenig Scham in meinen Augen. Es war mir, als wäre meine Kehle von einer Schlinge befreit worden; ich war zufrieden. Ohne Zweifel erinnerte er sich der Worte nicht mehr, womit er mich gestachelt hatte, vielleicht ahnte er nicht einmal meinen Groll, Er war höflich und offenherzig. Es ist möglich, daß ich mich geirrt habe. Aber es besteht in der That zwischen Freunden ein wohlthätiger Einfluß der persönlichen Gegenwart, welcher die feindlichen Gedanken zerstreut, zu denen wir uns gegen einander in den leidenschaftlichen Selbstgesprächen der Eigenliebe hinreißen lassen. Ein andermal werde ich, sobald wieder in mir ein Ärger gegen ihn entsteht, sogleich zu ihm gehen, und sein gutes, wackeres Gesicht wird genügen, um ihn zu ersticken.

 

Er hat Talent; in dem Streite, den er gestern Abend mit seinen Freunden führte, hatte er Recht, Aber er dogmatisirt etwas zu sehr und hat eine Manier, sich am Ende jeder Periode auf die Stuhllehne zurück zu biegen und gewisse Tonfälle in der Stimme, welche ein für die Andern etwas anspruchsvolles Selbstbewußtsein anzeigen. Das leichte Achselzucken, womit er meine letzte Bemerkung aufnahm, wenn auch sehr gering, war nicht artig. Vielleicht thue ich damit Unrecht, daß ich ihm zu oft und zu warm die Achtung ausdrücke, die ich vor seinen geistigen Fähigkeiten hege. Er scheint ein wenig angeschwollen zu sein. Ich muß ihn ein wenig im Zaum halten, sonst wird er mich zuletzt wie seinen Wischlappen behandeln. Er hat Geist, ist ein guter Kerl und lieber Freund; aber man kann nicht behaupten, er sei ein Modell für einen seinen Mann, dazu fehlt ihm die letzte Vollendung. Sein Vater war wie er, sagt man.

Es giebt in der That glückliche Begegnungen unter Freunden. Heute Morgen waren wir Beide bei guter Laune und führten ein belebtes, heiteres und warmes Gespräch, berührten hundert Gegenstände, waren von den ersten Worten an über Alles einstimmig, hörten einander ohne einen Schatten von Anstrengung an, tauschten neue Gedanken und nützliche Kenntnisse aus, verstanden Alles im Flug, sagten uns auf natürliche Weise, als entschlüpften sie uns wider Willen, liebenswürdige Worte, wie wir sie uns noch nie gesagt hatten: dann trennten wir uns, sehr zufrieden mit einander, mit dem lebhaften Wunsch, wieder zusammenzukommen, wie zwei Sänger, welche in einem Duett Beifall gewonnen haben. Dies sind die unbewölkten Tage der Freundschaft, deren wir uns noch viele Jahre erinnern, wie Künstler immer an gewisse Stunden glücklicher Inspiration denken, die sie später nicht wieder so gehabt zu haben glauben.

 

Heute Morgen war er nicht wiederzuerkennen; er war eben aufgestanden, hatte blasse Wangen, matte Augen, eine schwere Zunge, ein geradezu abgestumpftes Gesicht und konnte nicht vier Worte hinter einander vorbringen. Eine halbe Stunde lang wiederholte er immer nur dasselbe, seinen gewöhnlichen Ausspruch über die politischen Parteien, den ich ihn in veränderten Ausdrücken seit drei Jahren immer wieder vorbringen höre. Er langweilte mich. Wenige Dinge sind so verdrießlich, wie die Unterhaltung mit einem Menschen, der sich in solchem Geisteszustände befindet, daß er Euch zwingt, den Lauf Eures Gedankens nnd Eurer Rede zu verlangsamen, damit er Schritt halten könne. Wie verwandeln wir uns doch von Stunde zu Stunde, mein Gott!

 

Seit einiger Zeit läßt er sich nicht mehr sehen. Sollte er irgend ein Wort von mir übel genommen haben, als wir uns zum letzten Male sprachen? Wahrscheinlich zeigt er sich darum nicht, weil er gar nicht an mich denkt. Er wird bei seinen andern Freunden sein. Obgleich er mir immer Freundschaft bezeugt bat, so treibt ihn die natürliche Sympathie dock mehr zu ihnen als zu mir. Bei mir findet er bisweilen den Widerstand der Aufrichtigkeit; die Andern lassen ihm Alles hingehen. Ein gewisses Bedürfnis, sich im Pelz krauen zu lassen, hat er, wenn ich es recht bedenke, immer gehabt, übrigens sind die Ahnlichkeiten,

die wir in unserm beiderseitigen Wesen zu entdecken glaubten, mehr anscheinend als wirklich. Wir sind wie zwei Becher von derselben Gestalt, welche Flüssigkeiten von gleicher Farbe enthalten, aber die eine ist Malvasier von Lipari, der andre Öl von Lucca. Mag er meinetwegen der Malvasier sein, aber vermischen können wir uns niemals.

 

Heute giebt es etwas Tröstliches. Die Worte, die er an einem gewissen Abend in einem Streit mit einem meiner Feinde zu meiner Vertheidigung gesagt hat, und die ich heute, nach drei Monaten, erfahren habe, sind in der That Worte eines Freundes von Gefühl und Charakter, Man hört darin seine Liebenswürdigkeit und Seelengute. Wackerer Freund! Ein solcher Beweis von Freundschaft ist mehr werth, als tausend ausgesuchte Höflichkeiten, ein Beweis, den ich niemals vergessen werde, und der die Wandelbarkeit meiner Urtheile über ihn beschämt. Übrigens ändre ich mein Urtheil nur über einige seiner Eigenschaften; über den edlen, wackeren Grund seines Wesens habe ich es niemals geändert. Jedenfalls muß ich ihm einen Beweis meiner Dankbarkeit anders als in Worten geben. Schon heut habe ich mich gefreut, von ihm unendlich viel Gutes reden zu können, und zum ersten Mal das ausgesuchte Vergnügen genossen, Jemand loben zu können, wenn das Lob vom Herzen kömmt, ungestüm und rein, wie ein Duell im Frühling.

 

Heute war wieder ein guter Tag. Ich hatte einen Schmerz: seine Gesellschaft hat mich aufgeheitert. Mein Vater hätte nicht liebevollere und wirksamere Worte finden können, als er, um mich zu trösten. Freilich ist in solchen Fällen die Beredsamkeit leicht, weil sie zum großen Theil von dem Vergnügen abhängt, das man fühlt, sich nicht in derselben schmerzlichen Lage zu befinden, um derentwillen man den Freund trösten will. Aber nein, seine Stimme war bewegt, seine Worte ganz aufrichtig. Ich fühlte so lebhafte Dankbarkeit, während er sprach, daß ich ihm hätte einen Kuß auf's Gesicht drücken mögen, wenn ich nicht gefürchtet hätte, durch diesen Ausdruck freudiger Dankbarkeit zu beweisen, daß ich nicht so untröstlich sei, wie ich angegeben hatte. Ich müßte von ihm viele Härten und Ungerechtigkeiten erfahren, ehe ich das Recht hätte, mich zu empören, Theurer, guter Mann! Ich weiß nicht, wie ich es ertragen würde, sollte ich lange Zeit ohne ihn leben.

 

Es giebt doch Tage, wo auch mit dem liebsten Freunde es nicht gelingt, es richtig zu treffen, was man auch thun möge. Das sind die grauen Tage der Freundschaft. Heute Morgen bestand eine gewisse üble Stimmung zwischen uns Beiden, nicht von Böswilligkeit oder einer sonstigen Ursache herrührend, die in einem von Beiden das Gefühl der Freundschaft getrübt hätte; eine üble Stimmung, ich weiß nicht, woher sie rührte, aber unbesiegbar, welche auf uns lastete, wie ein bleiernes Betttuch, Die Unterhaltung stockte jeden Augenblick; es war nicht möglich, sich über irgend Etwas zu verständigen, oder vertraut zu werden; unsre Worte, kalt und trocken, stießen sich in der Luft und fielen zu Boten. Keiner von uns Beiden zeigte ein offnes, freies Gesicht; es gelang uns nicht, weder unserm Blick, noch unsrer Stimme den gewöhnlichen, wohlwollenden Ausdruck zu geben; wir zeigten nun das erzwungene Lächeln, die erkünstelten Mienen verlegener Leute. Was uns am meisten störte, war die Furcht, die Jeder von uns fühlte, der Andre möchte gegen ihn in übelwollender Stimmung sein. Wir gingen unzufrieden auseinander, waren uns aber Beide, wie ich glauben will, über die wahre Natur unsres Zwiespaltes klar. Wenig hätte gefehlt, und wir hätten bei der Trennung zu einander gesagt: »Ein andermal wird's besser gehen«, wie zwei ausgepfiffene Konzertspieler. Wir waren eben Beide verstimmt, weiter nichts.

 

Gestern Abend fing er ein Gespräch an, als wollte er mir ein Geheimniß mittheilen, und brach dann plötzlich ab. Aus welchem Grunde? Das machte mir Gedanken. Kurz, ich kenne diesen Mann nicht. Die Tiefe seines Herzens ist noch ein Geheimniß für mich, wie für ihn die Tiefe des meinigen. Wir haben einander noch in keiner von jenen Prüfungen gesehen, welche die Menschenseele in ihrer Nacktheit zeigen. Weiß ich etwa, zum Beispiel, ob er Muth, Selbstverleugnung, Seelengröße besitzt, ob er, an einen bedeutungsvollen Scheideweg gestellt, eher eine edle Handlung als eine große Schlechtigkeit begehen würde? Wir Alle sind in derselben Lage. Das beschränkte eintönige Leben, das wir führen, ganz aus kleinen Gemüthsbewegungen, kleinen Stößen, kleinen Gefahren, kleinen Geschäften zusammengesetzt, bringt die großen Springfedern der Seele nicht in Thätigkeit. Wir kennen die Grenzen unsrer moralischen Eigenschaften nicht. Gott weiß, welche Überraschungen wir einander bereiten würden, wenn wir uns gegenseitig auf irgend eine große Probe stellten. Ich betrachtete ihn gestern Abend, und nach so langer Bekanntschaft empfand ich für ihn ein neues seltsames Gefühl der Neugierde, fast Mißtrauen, als ob ich ihn zum ersten Mal sähe, und fragte mich: Was mag in ihm verborgen liegen? Welche Art Mensch würde in einem feierlichen Augenblicke aus ihm hervorgehen?

 

Seit vierzehn Tagen sehe ich ihn nicht und sehne mich auch nicht nach seiner Gesellschaft. Ich gehe mit andern Freunden um, befinde mich Wohl dabei, nnd bisweilen, wenn ich bei ihnen bin, erscheint mir der Gedanke unangenehm, er könnte unter uns erscheinen. Ich sah ihn aus der Ferne von hinten, hatte aber keine Lust, ihn einzuholen, und obgleich ich mir meine Gleichgültigkeit vorwarf, hatte ich doch keine Lust, sie zu überwinden. Ich habe darüber nachgedacht, ob zwischen uns irgend eine Ursache zum Groll besteht, habe aber nichts gefunden. Ich weiß nicht wie, aber meinen Gedanken, meinen Gefühlen ist er fremd geworden; es scheint mir, als hätte ich ihm nichts zu sagen nnd als könnte auch er mir nichts sagen, was mir von Wichtigkeit wäre; sein Bild ist wie vor meinen Augen verblaßt. Es ist ein nicht seltener psychologischer Fall, den man die Syncope der Freundschaft neunen könnte. Vielleicht müssen wir Beide uns mit neuen intellektuellen und moralischen Vorräthen versehen, um die Unterhaltung weiterzuführen; wir hatten uns Beide ausgegeben und haben es Beide bemerkt. Unsere Freundschaft erholt sich in einem tiefen Schlafe. Erwarten wir ihr Wiederwachen.

 

Endlich sind wir au einer Ecke zusammengetroffen. Ich war sehr erfreut und er war äußerst liebenswürdig gegen mich, worüber ich mich zuerst ein wenig wunderte. Aber dann habe ich mir's erklärt. Er ging zu einem Festmahl mit Freunden und Freundinnen, sah fünf Stunden voll Vergnügen und Leichtsinn vor sich, hatte vielleicht bis dahin mit Erfolg gearbeitet: das war ohne Zweifel der Grund, der ihn so herzlich machte, so daß er in den liebenswürdigsten Ausdrücken um Verzeihung bat, mich so lange nicht aufgesucht zu haben, und der in seine Augen einen so liebevollen Ausdruck der Unruhe legte, als er mich fragte, ob ich für ihn immer noch derselbe sei. Er war zufrieden, und benutzte die schöne Gelegenheit, um seine Zufriedenheit in Freundschaftsbezeigungen auszulassen. Diese Äußerungen waren auch nicht erkünstelte, aber der größte Theil seines Selbst war anderswo. Wenn ich unversehens zu ihn: gesagt

hätte: »Komm mit mir nach Hause, mir ist ein Unglück zugestoßen« – so würde ich gesehen haben, wie seine Miene sich änderte, nicht aus Mitleid mit meinen Verhältnissen, sondern aus Schmerz, auf das Fest verzichten zu müssen. Aber wir sind gute Freunde.

 

Ihm ist ein Unheil widerfahren, oder vielmehr es schwebt über seinem Haupte. Aber es ist höchst ärgerlich, fortwährend sich selbst zu durchforschen und nichts zu finden, als Elend und Erbärmlichkeit. Er konnte kein Ende finden, nur für die Freundschaft zu danken, die ich ihm bewies, und ich freute mich seiner Worte wurde aber zugleich durch das Bewußtsein gequält, sie nicht zu verdienen. Ich fühle in nur durchaus keinen Schmerz über sein Unglück; den Beistand, den ich ihm leistete, leistete ich aus Eitelkeit, aus dem Wunsche, ihm und den Anwesenden als ein warmherziger Mensch, als guter Freund zu erscheinen, auf den man in schwierigen Fällen rechnen kann, und außerdem in der Absicht, ihn durch einen Dienst, der nichts kostete, enger au mich zu binden. Während ich ihm zuhörte, mit feuchten Augen, mitleidig uud traurig den Kopf schüttelnd, blickte ich durch das offene Fenster nach den fernen Hügeln und dachte mit lebhaftem Vergnügen an die köstlichen Spaziergänge, die ich im nächsten Sommer in diese Gegend unternehmen würde, mit einer Schaar von Freunden, mit Flaschen und Hühnern beladen. Von Zeit zu Zeit mache ich mich von diesen Gedanken los und schelte mich einen Heuchler. Und doch, bei dem ersten unfreundlichen Worte von seiner Teile werde ich ohne Zweifel sagen: »Der Undankbare! Er hat jenen Tag schon vergessen!«

 

Heute morgen ist mir eine große Befriedigung zu Theil geworden. Es war mir vergönnt, ihm die unerwartete Nachricht zu überbringen, welche seine Sorge beseitigte und seiner Familie die Ruhe wiedergab. Die Freude, der erste zu sein, der ihm das frohe Ereigniß verkündigte, einige Augenblicke lang sein Herz in meinen Händen zu halten, sein Gesicht beim Klange meiner Worte sich aufhellen und strahlen zu sehen, war ohne Zweifel lebhafter in mir, als die, welche ich über die Thatsache selbst empfand, die ich ankündigte. Aber die beiden Freuden vermischten sich in meinem Bewußtsein, und als mein lieber Freund sich mir in die Arme warf und mein Gesicht mit Thränen benetzte, hätte ich nicht sagen können, welche von beiden größer war. Niemals habe ich soviel Zuneigung zu ihm gefühlt, wie an jenem Tage, an dem er nichts gethan hatte, um sie zu erregen; niemals fühlte ich eine solche Schuld der Dankbarkeit gegen ihn, als bei dieser Gelegenheit, wo er selbst doch als Schuldner erschien. So wahr ist es, daß auch die Dankbarkeit blind ist: bisweilen hält sie sich bei einer großen Wohlthat ganz zurück, ein andermal gewährt sie sich freiwillig, ungebeten, für eine geringe Genugthuung. Wie seltsam! Ich verzeihe meinem Freunde viel Unrecht, weil ich mich erinnere, ihm eines Tages eine freudige Nachricht überbracht zu haben.

 

Wieder ein Tag, wo wir, ohne es zu wollen, eine gezwungene Haltung annahmen, wie die Schauspieler der alten Schule. Aber auch wenn wir glauben, ganz natürlich zu sein, sind wir es dann wirklich? Es ist ärgerlich, zu denken, daß bei aller Vertraulichkeit zwischen uns, obgleich wir Beide glauben, uns ohne Zwang und Verstellung zu behandeln, dennoch unsere Art, beisammen zu sein, uns anzublicken, zu sprechen, erkünstelt ist. Wenn wir beisammen sind, vermeide ich gewisse Gesten, die mir sonst gewöhnlich sind, verbessere ich gewisse Stellungen, vermeide ich gewisse Biegungen der Stimme, verschweige ich die Hälfte von dem, was ich denke, thue ich hundert unbedeutende Dinge nicht, die mir in den Sinn kommen. Er macht es ohne Zweifel ebenso. Und dabei sind wir vertraute Freunde! Wir sind nichts, als zwei gekürzte und korrigirte Abschriften unseres wahren Selbst. Wir zeigen uns einander in Verkürzung, Ich möchte unsichtbar in seinem Hause neben ihm stehen, um seine Bewegungen, seinen Gesichtsausdruck zu belauschen, um die Dummheiten, die er laut vor sich hin sagt, den Beifall, den er beim Arbeiten sich selbst giebt, die Worte ohne Sinn, die er zu einer improvisirten Melodie trällert, gewisse komisch lustige Äußerungen oder ärgerliche Ausbrüche anhören, um

an ihm die tausend Thorheiten, die tausend namenlosen Ausschweifungen zu beobachten, die man in der Einsamkeit begeht, jene Mischung von Kind, Verrücktem und Thier, als welche der Mensch sich zu äußern pflegt, wenn kein Auge und kein Ohr in der Nähe ist. Alles das möchte ich sehen, um wirklich zu wissen, wer er ist. Was mache ich aus dieser zusammengesetzten, wohlerzogenen und verständigen Persönlichkeit, mit der ich täglich umgehe? Er gleicht seinem wirklichen Ich nicht mehr, als eine Photographie ihrem Originale.

 

Ein Monat ist verflossen, und in dieser Zeit ist zwischen uns etwas Ähnliches vorgefallen, wie wenn zu zwei chemisch verbundenen Elementen die Verwandtschaft eines dritten tritt, welches sich mit einem von beiden verbindet und das andere abscheidet. Ich habe einen neuen Freund gefunden, welcher alle guten Eigenschaften des alten zu besitzen schien, keine mehr; aber er hatte vor jenem den Vorzug, neu zu sein. Er zeigte seine Vorzüge, ließ aber seine Fehler noch nicht erkennen; er nahm im Umgang die Rücksichten, welche neue Freundschaften auferlegen, er kannte meine Fehler noch nicht und sprach zu mir in Ausdrücken, die ich nicht gewohnt war, zu hören. Deswegen hielt ich mich an ihn und vernachlässigte den Andern, der bei der Vergleichung mir niemals gegen mich ergeben und höflich genug gewesen war. Einige Zeit lang, solange der Firniß des neuen Freundes noch unversehrt war, floß die Freundschaft ruhig und angenehm dahin, daß es eine Lust war. Aber dann sprang der Firniß und die Fehler zeigten sich, und nun, da der neue Freund nicht mehr werth war, als der alte, so kehrte ich zu diesem zurück aus demselben Grunde, aus dem ich ihn verlassen hatte: weil er der ältere ist. Als er mich mit wärmerer Zuneigung zurückkehren sah, hat er gewiß nicht geahnt, daß er dies der Annäherung eines Dritten verdankte.

 

Heute morgen, scheint es mir, hat ein Blick, den ich ihm zuwarf, einen schlechten Eindruck gemacht; er fing ihn auf, als er in seinem Zimmer vor dem Spiegel stand und sich plötzlich umdrehte. In der That drückte dieser Blick nichts weniger als Sympathie aus. Wie steht es damit? Kann es denn eine Art physischer Antipathie geben, welche mit moralischer Sympathie zusammen bestehen kann? Ohne Zweifel bemerken wir bisweilen an Freunden, zu denen wir eine tiefe Neigung fühlen, gewisse Gewohnheitsgesten, leichte physische Mängel, nicht näher zu bestimmende Geberden, die uns mißfallen und ärgern, ohne daß wir einen Grund dafür angeben können; so giebt es gewisse Gesichter, die man nicht ausstehen kann, aber doch immer wieder betrachten muß. Ein Physiolog wird das erklären wollen und sagen, daß gewisse physische Formen und Gewohnheiten uns zuwider sind, weil sie gewissen moralischen Fehlern entsprechen, was wir undeutlich ahnen.

Es mag sein. Ich weiß nur soviel, daß ich heute Morgen bei einer ruhigen Unterhaltung mit meinem Freunde mir plötzlich ein schneidendes Wort und einen boshaften Blick entschlüpfen ließ, indem ich eine gewisse unangenehme Krümmung seiner rechten Hüfte beobachtete, die er mir zum ersten Mal zeigte, als er vor den Spiegel trat. Was für armes Volk sind wir doch! Wer weiß, wie oft ich das rauhe Wort eines Freundes altem Groll oder heftiger politischer Zwietracht zugeschrieben habe, während es nur durch die Krümmung meiner Beine hervorgerufen wurde.

Hier folgt eine in Wuth geschriebene Notiz, woraus man sieht, daß der Mann ganz außer Fassung war. Es ist eine Kette von Fuhrmannsschimpfworten. Er wundert sich, solange einen Menschen von diesem Schlage für einen Freund gehalten zu haben; er nimmt alle Freundschaftsbezeigungen die er ihm jemals erwiesen hat, zurück und beschließt, ihm bei der nächsten, passenden Gelegenheit eine auffallende Lektion zu geben. Offenbar war es ein Gefühl von Scham, die Furcht lächerlich zu erscheinen, was ihn verhinderte, an den Freund einen jener Briefe zu schreiben, welche die baldige Dazwischenkunft von vier Herren erfordern; aber er muß diesen Gedanken die ganze Nacht über geliebkost haben. Es ist vorbei. Er wird den Freund noch kalt grüßen, um kein Geschwätz zu verursachen, aber die Freundschaft ist zerrissen, und es giebt kein Mittel, sie wieder anzuknüpfen. Die Notiz endet mit den Worten: Machen wir ein Kreuz darüber. – Die Ursache von alledem war ein spitziges Wort, welches ihm der Freund am vorhergehenden Abend gesagt hatte, als er mit ihm in der Gesellschaft diskutirte; ein Witz, der nicht die Absicht hatte, ihn zu beleidigen, aber die ganze Gesellschaft hinter seinem Rücken auf seine Kosten lachen ließ; er selbst saß unbeweglich auf seinem Stuhl, stumm und erröthend, und zwang sich, auch zu lächeln, um nicht eine noch lächerlichere Figur zu machen.

 

Heute Morgen kam er zu mir. Als ich ihn zuerst sah, stieg mir das Blut zu Kopf. Nach einigen Worten, worauf ich nicht antwortete, fragte er mich, als erinnerte er sich plötzlich: »Du wirst doch den Scherz von gestern Abend nicht übel genommen haben, nicht wahr?« und sagte dies auf so freimüthige Weise, mit so freundschaftlicher Betonung, mit so gutmüthigem, herzlichem Lächeln, daß mein ganzer Zorn wie Plunder zu Boden fiel. Ich antwortete sogleich mit nein und stellte mich höchst verwundert, um die Lüge zu verbergen; Reue und Zuneigung zogen mich heftig zu ihm hin, so daß meine Stimme zitterte. Wie frei athmete ich mit einem Male! Ich war in Versuchung, ihm die Hände auf die Schultern zu legen und ihm in's Gesicht zu sagen: »Ja, ich habe es übel genommen, ich habe dich geschmäht, gehaßt, ich bin jämmerlich, unvernünftig, treulos gewesen, und bekenne es dir, um dich zu rächen.« Aber ich wagte es nicht. Ich überhäufte ihn mit Höflichkeit, sagte ihm Alles, was seiner Eigenliebe am schmeichelhaftesten sein mußte, mit den zartesten Worten und im offenherzigsten Tone, so daß er bewegt wegging, mich fest anblickend, als suchte er in meinem Augen den Grund dieser ungewöhnlichen Ergießung, welche ihn ein wenig in Verwunderung setzen mußte. Aber ich will diesen ewigen Schwankungen der Freundschaft ein Ende machen, welche das Herz ermüden und mich mir selbst verächtlich machen. Sie sind mir zuwider. Da ich von meinem Freunde im Grunde eine unerschütterliche Meinung habe, bei der ich mich immer wieder beruhige, so will ich mich auch so fest daran halten, daß keine weitere Erschütterung meiner Eigenliebe mich zum Fallen zu bringen vermag.

 

Seit einiger Zeit scheint eine neue Freundschaft auf dem Stamme der alten erblüht zu sein. Dies geschieht häufig unter Freunden nach einer Periode von Häkeleien und offnen oder geheimen »Höhen und Tiefen«, welche sie Beide ermüdet und von der Nothwendigkeit überzeugt haben, ihre Freundschaft durch eine vorsichtigere Höflichkeit vor Schaden zu bewahren. Stillschweigend sind wir übereingekommen, uns gegenseitig mit etwas zarterer Rücksicht zu behandeln; wir sind Beide etwas zurückgewichen, nur eine Kleinigkeit, nur soviel, als nöthig ist, um uns nicht allzu nahe zu sein. Unsere Freundschaft hat dadurch an Höflichkeit gewonnen, ohne darum etwas an ihrer Vertrautheit einzubüßen. Schon seit einiger Zeit ist zwischen uns kein scharfes Wort gefallen, kein Schatten von einer Wolke ist vorübergezogen. Jetzt ist keine Gefahr mehr. Wir haben endlich den rechten Weg gefunden.

 

Und dennoch – wenn die Höflichkeit fehlt, ist es schlimm; wenn sie zu groß ist, noch schlimmer. Ich glaube an meinem Freunde eine gewisse Zurückhaltung zu bemerken, ein augenblickliches Zaudern, häufige fragende Blicke, welche eine fortwährende Furcht zeigen, meine Eigenliebe zu kränken. Diese Befangenheit deutet auf Zuneigung und Achtung, aber sie deutet auch auf Anstrengung, auf eine gewisse Kälte. Seine Vorsicht zwingt mich, dieselbe nachzuahmen. Es bildet sich wie ein Wettstreit der Feinheit zwischen uns; unsre Manieren ändern sich nach und nach, unsre Freundschaft geht in der Höflichkeit unter. Das ist die schlimme Seite von der Sache. Ich fange an, mich nach einem kräftigen Stoß der Meinungen gegen einander zu sehnen, wobei wir hart an einander gerathen und dann in die alte Schülerfreundschaft zurückgeworfen werden.

 

Heute Nacht dachte ich an meinen Freund, als ich, ermüdet und aufgeregt von der Arbeit, ans Fenster trat. Die Nacht war schön, ich fühlte in mir die Jugend, um mich den Frühling, in der Gegenwart die Kraft, in der Zukunft die Ruhe; ich war zufrieden und saugte das Leben gierig mit den Düften der Landluft ein, welche mich an lange Spaziergänge, die ich im verflossenen Jahre mit ihm gemacht, an die heitern Gespräche, die brüderlichen Bekenntnisse, an alle die schönen Stunden, die wir zusammen verlebt haben, erinnerten. In diesen Augenblicken zeigte sich vor meinem Geiste nur das Gute und Schöne in seinem Wesen; ich erblickte wieder den sympathischen Ausdruck seines Gesichts, ich dachte daran, wie oft ich ihm nach einem kleinen Streit am vorhergehenden Tage mit der Furcht entgegenging, ihn empfindlich zu finden, und ihn im Gegentheil liebevoller und nachsichtiger antraf, als gewöhnlich, als wollte er mich von der unangenehmen Erinnerung an mein Unrecht befreien. Bei diesen Erinnerungen fühlte ich in meinem Herzen zärtliche Liebe zu ihm, es schien mir, daß ich gern einen Theil meines Bluts hingegeben, ja mein Leben gewagt hätte, um das seinige zu vertheidigen; hätte ich seine Freundschaft verlieren sollen, so wäre eine ungeheure Leere in meinem Leben entstanden, wäre er gestorben, so hätte ich ihn beweint, wie einen Bruder. Und dann schämte ich mich, indem ich bedachte, daß ich, um so seine Freundschaft zu schätzen, von der Arbeit erregt sein, die Nachtlandschaft vor mir sehen und mit mir selbst zufrieden sein mußte.

 

Gestern erprobte ich die Wahrheit des Sprichwortes: »Die Freundschaft der Männer reicht bis zu den Weibern und zum Gelde«. Als er sich gestern mit der Gräfin unterhielt und wüthende Anstrengungen machte, sie durch seine Spitzfindigkeiten zu überzeugen, gebrauchte er seinen Witz auch auf meine Kosten. Man sah, daß meine Gegenwart ihm wie ein Stein auf der Brust lastete. Die Begierde, sich liebenswürdig zu zeigen, ließ ihn alle der Freundschaft schuldigen Rücksichten zur Seite werfen. Bei jedem Scherz, den ich vorbrachte, wendete er sich und sah ängstlich nach der schönen Dame, aus Furcht, daß diese darin einige Körnchen Salz fände, die für ihn eine Dosis Arsenik gewesen wären, und während ich sprach, heftete er auf mich einen harten, kalten Blick, dessen Ausdruck er sich nicht einmal zu verbessern beeilte,

wenn unsere Augen sich begegneten. Wenn ihm gerade ein für mich beleidigendes, aber kräftig komisch wirkendes Witzwort eingefallen wäre, so hätte er es nicht bei sich zu behalten vermocht. Als wir weggingen, wurde er wieder ein guter Kerl, wie immer, ja er streichelte mich ein wenig, um die kleine Szene zu verwischen. Aber ich blieb verstimmt. Es ist umsonst: ich mag ihn in der Einbildung verschönern, soviel ich will, er ist ein Freund, wie alle Andern, oder meinetwegen ein Feind, der mich nicht haßt.

 

Wir haben einen schönen Abend zusammen verbracht und einander einen schönen Beweis von Aufrichtigkeit gegeben. Wir bekannten jede Art von Bosheit, Ungerechtigkeit, Heuchelei, Neid, deren wir uns, nicht gegen einander – soweit ging die Aufrichtigkeit nicht – sondern gegen gewisse gemeinschaftliche Freunde schuldig gemacht hatten. Ein kühnes Geständnis; des Einen rief ein noch kühneres vom Andern hervor, es war ein Wettstreit von Muth und Offenherzigkeit, wir lachten über unsre Erbärmlichkeit, wie wir über die eines abwesenden Freundes gelacht hätten, und was unsre gegenseitige Achtung hätte vermindern müssen, erhöhte sie im Gegentheil. Warum? Weil dies Dinge waren, die wir immer von einander vermuthet hatten, ja deren wir sicher waren, und wobei es weiter nichts Neues gab, als den Muth, sie auszusprechen, und darin liegt eine gewisse Selbstschätzung. »Hören wir auf«, sagte er an einer gewissen Stelle, »sonst könnten wir zuletzt in die Hände des Staatsanwalts gerathen«. Mit diesem Scherz trennten wir uns, heiter, mit erleichtertem Gewissen, besser im Grunde des Herzens, als vor dem Zusammentreffen, wie zwei aufrichtige Büßer, welche im Beichtstühle die Absolution erhalten haben.

 

Bei alledem, dachte ich, indem ich ihn verstohlen betrachtete und mich der damaligen Beichte erinnerte, muß ich überzeugt sein, daß er mich in seinen Gedanken um kein Haar besser behandelt als die andern Freunde, und diese Überzeugung sollte die Gewissensbisse beruhigen, die ich bisweilen fühle, schlecht von ihm zu denken. Wer weiß, wie oft er mich ohne Mitleid in seinen Selbstgesprächen mißhandelt hat, wie oft er mich kleinlich, gehässig, lächerlich, boshaft genannt und meine Fehler und meine Handlungen mit den gröbsten Schmähungen belegt hat, wie oft er sich vornahm, mich zu demüthigen und mich aus seinem Herzen ausstieß, wie man einen Gauner aus dem Hause jagt. Ich vertiefte mich in diesen Gedanken, stellte mir genau die schlimmsten Beiwörter vor, deren er sich oft in Gedanken gegen mich bedient haben mochte, fühlte,

wie mir das Blut ins Gesicht stieg und fing an, ihn von der Seite anzusehen. Aber später beruhigte ich mich wieder durch die Überlegung, es sei ja gar nicht gewiß, daß er so denke. Die Vernunft sagte mir jedoch und sagt mir jetzt noch, daß ich die Sache für gewiß annehmen darf, denn sie ist durchaus logisch und natürlich, und die Wahrscheinlichkeit zu meinen Gunsten ist nur wie eins zu hundert. Aber was liegt daran. Meine Eigenliebe richtete sich und richtet sich noch nur nach jener Seite; indem sie diese vergrößerte und nicht an die anderen dachte, täuscht sie sich und befriedigt sich aufs beste. So machen wir es alle mit unsern Freunden. Eben die Eigenliebe ist schuld, daß wir so oft Freundschaften abbrechen, aber sie erhält dieselben auch lebendig, indem sie uns täuscht.

 

Die »Kapillarphänomene« der Freundschaft dauern fort. Der gestrige Abend war schlimm für ihn. Alle Freunde zugleich griffen ihn an, Einige aus geheimem Groll, Andre, um es diesen gleichzuthun und schleuderten gegen ihn Epigramme und witzigen, aber giftigen Tadel, welche vorher überlegt schienen. Der arme Mann vertheidigte sich zuerst mit voller Kraft, aber verlor dann Boden und ließ sich an die Mauer drücken, und so überwältigt, gedemüthigt stammelte er aus den durch ein gezwungenes Lächeln zusammengezogenen Lippen Worte ohne Zusammenhang, und warf mir von Zeit zu Zeit einen um Hülfe flehenden Blick zu. Ick konnte ihm in schicklicher Weise nicht zu Hülfe kommen, denn ich stand außerhalb der Unterhaltung. Wenn ich aber an die Herabwürdigung dachte, die ihm diese Szene einbringen würde, an die Traurigkeit, in der er nach Hause zurückkehren würde, des Nachts, durch die einsamen Straßen, fühlte ich ein Mitleid für ihn, das mir fast schmerzlich war und wollte ihm wohl von Herzensgrunde. Auch habe ich niemals so liebevoll zu ihm gesprochen, wie ich es später that, als ich ihn nach Hause begleitete, nie habe ich ihn mit so zarter, aufrichtiger Achtung behandelt. Darum glaube ich, daß wir uns fast immer irren, wenn wir meinen, daß gewisse Demüthigungen, die wir von Zeit zu Zeit erfahren, unsre Freunde von uns entfernen und uns vor ihren Augen fast verächtlich machen; im Gegentheil, sie beleben die Freundschaft, indem sie sie für einige Zeit von dem Alpdruck der Eitelkeit befreien, welche befriedigt dabei steht.

 

Ach, wie schwer muß es sein, der treue Freund eines glücklichen Menschen zu bleiben! In wenigen Tagen sind hundert Glücksfälle auf ihn herabgeregnet. Heute Morgen ist er hier in seinem vollen Glanze aufgetreten und hat mein Zimmer mit seiner hellen Stimme und den lebhaften Gesten eines zufriedenen Mannes erfüllt, indem er herumsprang, wie ein Eichhörnchen und Alles mit seinen unruhigen Händen berührte. Ich hatte Verdruß gehabt und versuchte, mit ihm darüber zu sprechen, aber ich sah bald, daß ich meine Mühe verlor, und was mir am meisten mißfiel, war der Zwang, den er sich anthat, um mir einige Theilnahme zu beweisen, wie er die Stirne runzelte und die Lippen zusammenzog, während in den Augen ihm das Herz lachte. Das ist die Freundschaft der Menschen. Sie achten auf die Schmerzen ihrer Freunde nur dann, wenn sie dabei Gelegenheit finden, sich über ihre eignen zu trösten. Seine Gleichgültigkeit hat mich verdrossen, und ich habe bemerkt, daß er meinem Verdruß die Auslegung gab, welche unter solchen Umständen natürlich war: er hielt ihn für Neid; denn er hört? auf, von seinem Glück zu sprechen und behandelte mich mit einer brüderlichen, etwas gezierten Gutmüthigkeit, hinter welcher man ein mitleidiges Lächeln errathen konnte. Das hat mich am meisten verdrossen. Der Schluß ist, daß er mich für neidisch hält, und ich ihn für einen Egoisten. Wieder eine Enttäuschung, mit den andern in denselben Sack zu stecken.

 

Eine Enttäuschung: aber wer ist daran schuld, eigensinniger Idealist, der hartnäckig dem Hirngespinst einer unmöglichen Freundschaft nachläuft, der um jeden Preis die Natur aus dem rebellischen Marmorblock heraushauen will? Nimm Deinen Freund, wie er ist, höre auf, ihn in Deinen Gedanken auszurecken und zu quälen, um ihn in die Form zu pressen, welche sich Deine Einbildungskraft gebildet hat. Verlange nicht von ihm, was er Dir nicht geben kann und was Du ebensowenig im Stande wärest, ihm wieder zu erstatten: wenn er Dir gefällt, genieße ihn, wenn nicht, so laß ihn stehen, sei immer auf das Schlimmste gefaßt; mache nicht aus ihm ein Bedürfniß deines Lebens, begnüge Dich damit, einen Gefährten zu haben, wenn Du nicht einen Freund haben kannst. Und dennoch mögen wir lieber dem Ideale einer Freundschaft nachjagen, das wir niemals erreichen werden, die uns aber doch bisweilen die theure Illusion gewährt, sie gefunden zu haben, als uns mit einer balben Freundschaft begnügen, welche uns keine Enttäuschungen bringen würde, aber auch keine lebhafte Freude. Also vorwärts: fahren wir fort, das Hirngespinst zu verfolgen. Was thun wir denn Andres in der Welt?

 

Aber es ist nicht wahr, die Freundschaft ist nicht ein bloßer Tauschhandel mit Gefälligkeiten, den jeder aufgiebt, wenn er nichts mehr dabei gewinnen kann. Heute litt ich an einem heftigen, körperlichen Schmerze, den ich für den Vorläufer einer Krankheit hielt. Mein Freund kam, mich zu besuchen. Nun wohl, der Gedanke, daß er durchaus nichts zu meiner Erleichterung beitragen konnte, und mein Zustand, der mich verhinderte, seine Unterhaltung irgendwie zu genießen, boben bei mir das Gefühl der Freundschaft fast ganz auf. Ich dachte an seine Fehler, seine guten Eigenschaften, seine Beweise von Anhänglichkeit, seine Ungerechtigkeiten gegen mich, und Alles erschien mir vollkommen gleichgültig. Er galt mir nicht mehr, als der Erste, beste; Freundschaft schien mir das unnützeste Ding von der Welt, ein wahres Dilettantenspiel des Gefühls, gut für Zeiten, wo man sich wohl befindet. Wozu nützte mir seine Gegenwart, wenn er mir nicht einmal den elenden Genuß eines übellaunigen Egoisten gewährte, den dieser fühlt, wenn die Glieder seiner Familie über ein unbedeutendes Übel, das ihn befiel, sich beunruhigen? Selbst meine Eigenliebe litt darunter, ich fürchtete, ihm unglücklich zu scheinen und ihm durch den Anblick meiner Leiden seine eigne Gesundheit werthvoller zu machen. Ich war ihm nicht dankbar für seinen Besuch, und als er ging, grüßte ich ihn mit Kälte. Und doch hätte ich es ihm übel genommen, wäre er nicht gekommen.

 

Noch einer andern Erbärmlichkeit sind wir unterworfen: Heuchler zu sein, auch ohne es zu wollen. Gestern Abend machte ich die Kälte wieder gut, mit der ich ihn vor zwei Tagen empfangen hatte. Ich war allein zu Hause, ich war vom Regen gelangweilt, durch den Gedanken bedrückt, den Abend allein zubringen zu müssen, vom Lesen ermüdet, unfähig zur Arbeit, voll Kirchhofsgedanken. Beim Ton der Klingel sprang ich auf: er war es. Meine ganze Traurigkeit verflog in einem Ausbruch von Freude und Dankbarkeit, als wäre mir der Segen des Himmels auf's Haupt geregnet; ich ließ ihn vor mir niedersitzen und hielt ihn drei Stunden lang fest, fühlte mich glücklich, ließ ihn sich ausführlich aussprechen, brachte ihn selbst auf seine beliebtesten Themata, billigte Alles und wiegte ihn mit soviel Kunst und Geschick ein, daß er beim Weggehen strahlte und in sich zu sagen schien: »Welch ein goldnes Herz!«. Armer Freund! Wenn er gewußt hätte, daß ich an diesem Abend einen Jeden auf dieselbe Weise und mit derselben Herzlichkeit gefeiert haben würde, der zu mir kam! Als ich ihm die Treppe hinunter leuchtete, fühlte ich einige Gewissensbisse, als hätte ich ihn eine unwürdige Rolle spielen lassen und ihn betrogen; als ich ihm durch's Fenster nachsah, wie er mit gesenktem Kopf durch den schweren Regen dahinschritt, erschien er mir als so gut, so würdig einer aufrichtigen Zuneigung, daß ich ihm einen herzlichen Gruß nachschickte.

Aber als was für einen Hampelmann hat er sich heute Morgen unter den Freunden gezeigt! Mit welcher Begierde lockt er das Lob von allen Seiten heran, wie schlägt er ein Rad bei den plumpsten Schmeichelei, mit welcher Unehrlichkeit phantasirt er in der Diskussion, in welch steifer Haltung giebt er die abgetragensten Gedanken von der Welt von sich, als ob er ein wunderbares Geheimnis enthüllte, mit welch' dreister Miene wagt er es, Dinge zu dociren, von denen er

nicht die allererste Sylbe kennt, mit welch häßlichem Ausdruck eines Leberkranken verzieht er das Gesicht beim geringsten Widerspruch, wie stumpf zeigt er sich gegen gewisse seine Gefühle, welche nicht in seinen Ideenkreis passen, mit welcher unedlen Schärfe spricht er von einem Freunde seines Vaters, der, wie Jedermann sagt, die Familie aus einer großen Schwierigkeit befreit hat! Ich bin jetzt überzeugt, daß unsre Freundschaft nie festen Boden unter sich gehabt hat und nie haben wird, jetzt möchte ich, wenn es möglich wäre, alle die vertrauten Geständnisse, alle Bekenntnisse von Unrecht und Schwäche zurücknehmen, die ich ihm mit offenem Herzen gemacht, mit einer Freimüthigkeit, über die er vielleicht im Geheimen gelacht hat, da er, wenn ich es recht bedenke, mir niemals gleichwerthige gemacht hat. Wieviel großmüthiger und redlicher handelte ich doch, als er. Mit welch elender, boshafter Freude lachte er doch heute Morgen, während die Andern schwiegen, über einen Unsinn, der mir entschlüpfte und der ein wenig lächerlich war, wenn man so will; aber er mußte sich stellen, als hätte er nichts gehört, wenn er wüßte, was Freundschaft und Bildung bedeutet.

Einen Monat später.

Ich habe ihn nach der Eisenbahn geleitet. Wir werden uns mehrere Monate lang nicht wiedersehen. Er war ein wenig bewegt; ich sah auf seinem Gesicht jenen wohlwollenden, freundlichen Ausdruck wieder, der mir vor einigen Monaten Eindruck machte. Niemals begriff ich so gut, wie heute Morgen, daß alle diese Stöße und Zwistigkeiten, die mir gewöhnlich soviel Verdruß machen, gerade das sind, was uns an einander bindet und unsere Freundschaft befestigt, weil sie unserm Herzen zu thun geben und uns in einander denken und leben lassen; die Schlinge spannt sich um so fester und wird desto unlöslicher, je mehr an beiden Enden gezogen wird. Jetzt werde ich für lange Zeit nicht weniger die schlechten, als die guten Tage beklagen, die wir mit einander zugebracht haben; sie sind unzertrennlich in meinem Herzen, wie in meinem Gedächtniß. Auch mein Freund hatte solche Gedanken beim Abschied, ich sah es an einem tiefen, gütigen Blick, als er mir Lebewohl sagte, einem Blick, welcher sagen wollte: »Ich verzeihe Dir Alles, verzeihe auch Du mir Alles; der scheidende Freund ist ein Bruder.« Ja, Bruder, geh und das Glück begleite Dich, bewahre mir ein gutes Andenken; geh, guter, lieber Freund, der mir das Leben erleichtert, mich aufheitert, Geduld und Mitgefühl für mich hat und mir noch jetzt diese tröstliche, edle Regung verschafft; ich bleibe hier und erwarte Deine Rückkehr mit Gefühlen, die sich nicht mehr ändern werden, das verspreche ich Dir.

 

Wohl wirst Du Dich noch ändern, arme Marionette der Eitelkeit, die Du bist! Wie Du es bis jetzt gethan hast, so wirst Du auch fortfahren zu lieben, zu erkalten, Dich zu täuschen, zu lügen, bis zum Lebensende; so werdet Ihr Beide nicht aufhören, zu thun, einander die eignen Gefühle beizulegen,

die eignen Fehler für fremdes Unrecht zu halten, Euch gegenseitig in Gedanken zu verschönern, um Eure Genüsse zu erhöhen, Euch zu verleumden, um Euren Groll zu rechtfertigen; Ihr werdet Euch fortwährend beleidigen und verzeihen, die Freundschaft heute aufkündigen, um sie Morgen wieder zu erbetteln, bald edle Männer, bald böse Kinder und bisweilen geradezu verrückt,

»immer reuig und niemals gebessert,«

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