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Unsere Freunde

Edmondo De Amicis: Unsere Freunde - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorE. de Amicis
titleUnsere Freunde
publisherHermann Costenoble
addressJena
printrunZweite Auflage
year1895
translatorDr. R. Teuscher
illustratorG. Amato, G. Colantoni, J. Farina, D. Paolocci, E. Ximenes, G. Peunasilico
correctorhille@abc.de
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Die Eitelkeit.

Der schrecklichste Feind aller dieser armen Freundschaften ist die Eitelkeit.

Versuchen wir, es ein wenig unter dem anatomischen Messer festzuhalten und geduldig zu seziren, dieses Ungeheuer von tausend Formen und Farben, welches an die Seele mit tausend unlösbaren Banden festgeheftet ist, das uns erstickt, blendet, quält, von der Kindheit bis zum Tode.

Wie macht sie uns unlogisch und heuchlerisch! Aus dem Unterschied, den wir zwischen der Art, unsre Freunde zu beurteilen und der, sie zu behandeln, machen, müssen wir nothwendig schließen, daß auch sie uns einen Grad weniger achten, als sie uns zeigen; und wenn sie dann einmal ihre wahren Gefühle erkennen lassen, fühlen wir das wie eine Beleidigung. Man berichtet uns von einem über uns gefällten Urtheile: wir haben dasselbe Urtheil in unserm Herzen tausendmal selbst ausgesprochen, und doch fühlen wir uns dadurch beleidigt, wie durch eine unerträgliche Ungerechtigkeit; und in demselben Augenblick, wo wir uns beleidigt fühlen, sagen wir uns: Du hast Unrecht – und während wir zu uns sagen: Du hast Unrecht – hassen wir den Freund, dem wir Recht geben müssen. Man macht uns eine Bemerkung, die unsre Eitelkeit kränkt, die wir aber für richtig halten, und unsere Miene giebt zu erkennen, daß unser Bewußtsein die Bemerkung billigt, und auch der uns Verletzende zeigt durch seine Miene, daß er unsre geheime Zustimmung errathen hat; und dennoch stellen wir uns aus Stolz, als könnten wir die Bemerkung nicht gelten lassen und beharren bei der Verstellung trotz dem Lächeln des Freundes, welches deutlich sagt: Du verstellst dich – wodurch er uns eine schlimmere Demüthigung anthut, als die erste. Wir haben einem Freunde ein unfreundliches, ungerechtes Wort gesagt; wir haben es sogleich bereut, möchten es schnell zurücknehmen; wir sehen, daß er unsre Reue und unsern Wunsch erräth, daß es auf unserm Gesicht liegt, wie wir uns schämen, nicht den Muth zur Freimüthigkeit zu haben, daß ein einziges Wort hinreichen würde, uns von dieser Qual zu befreien; das Wort kommt uns auf die Lippen, aber der hartnäckige, dumme Stolz stößt es wieder in die Kehle hinab. Wir brauchen keine vierzehn Tage unsres Lebens durchzugehen, um uns an hundert kleine Handlungen, Worte, Gesten oder Gesichtsausdrücke zu erinnern, welche Bosheit, Eitelkeit, Erbärmlichkeit der Gesinnung ausdrücken, oder unpassend, kindisch, lächerlich scheinen müssen, und wenn wir erfahren, daß eine einzige von diesen Handlungen bemerkt und getadelt worden ist, so schmerzt es uns und wir empören uns, wie über eine namenlose Treulosigkeit. Das Gewissen sagt: – »bedenke, »überlege«; der Stolz antwortet: »ich bedenke, überlege nicht«. Das Gewissen sagt: »Thier«, der Stolz antwortet: »Meinetwegen bin ich ein Thier«, aber er fährt fort zu wüthen und nach Rache zu schreien.

Mit wie vielerlei ausgesuchten, schrecklichen Qualen straft uns doch fortwährend diese unsinnige Anbetung unsrer selbst! Kleine Beleidigungen unsres Stolzes werden uns zu Theil und thun uns dieselbe Wirkung, wie die Ankündigung eines großen Unglücks: es sind Fauststöße mitten auf die Brust, Schläge, die uns blutleer machen oder uns von Kopf zu Füßen in eine Feuerwelle hüllen; kleine Stiche versetzen unsre Seele in Starrkrampf; Worte ohne Bedeutung für den, der sie sprach, wie für die, welche sie hörten, heften sich in uns fest und verrichten in unsrer Seele dieselbe Wirkung, wie die Trichina spiralis im Körper, sie vervielfältigen sich zu Tausenden von schmerzlichen Gedanken nnd zernagen uns; Silben, die, jemehr man sie wiederkäut, desto mehr das Gemüth verbittern; wenn man den letzten Tropfen der Bitterkeit ausgesaugt zu haben glaubt, treiben sie neue Sprossen und bringen uns neue Leiden; ein leichtes Lächeln erregt in uns wilden Haß, unsinnige Phantasieen von blutiger Rache, Verwünschungen von Unglück und Tod und lassen in der Einsamkeit schreckliche Beleidigungen aus unserm Munde strömen. Und wie unterstützt uns dabei das Gedächtnis;! Man vergißt Unglücksfälle, tiefe Schmerzen, Leute, die uns schweren Schaden zugefügt haben, dessen Folgen wir noch fühlen; aber die leichtesten Verwundungen der Eitelkeit, die Mienen und Worte aller derer, die uns diese Wunden geschlagen haben, bleiben unser ganzes Leben lang mit wunderbarer Genauigkeit unserm Gedächtnisse eingeprägt; sie stellen sich unversehens unserm Geiste wieder dar, nach vielen Jahren, des Nachts, durchkreuzen einen Strom heiterer, wohlwollender Gedanken, verwirren Alles, lassen uns den Wunsch, bisweilen den Vorsatz fassen, jene Leute aufzusuchen, sie aus der Ferne zu treffen, sie zu schädigen, ihnen irgend etwas Böses zuzufügen. In demselben Augenblick, wo wir verwundet werden, schmerzt und erschreckt uns mehr als die Wunde selbst, das Vorgefühl der langen Zeit, die nöthig sein wird, um sie zu heilen, und der vielen Male, die sie sich von selbst wieder öffnen wird, wenn wir sie schon längst für geschlossen hielten. Die Scham würde uns vernichten, erführen andre, eine wie wichtige Rolle in unserm Leben die Erinnerung an einen flüchtigen Blick spielt, welcher einen ungerechten Anspruch unsres Stolzes zurückwies, und wie eine offene, unverdiente Beleidigung uns weniger hart erschienen wäre, als das unwillkürliche, mitleidige Lächeln, womit ein mißlungener Witz von uns aufgenommen wurde. Unter hundert Gesichtern, welche uns Achtung und Wertschätzung ausdrücken, sehen wir nur das eine, welches für einen Augenblick ein andres Gefühl äußert; dieses erhebt sich über alle, wächst ins Ungeheure, wirft seinen Schatten über unsre Freuden, und unser Stolz krampft sich zusammen und windet sich unter seinem Blick, wie eine entzweigehauene Schlange.

Wer könnte alle Dummheiten, alle Kindereien aufzählen, die die Eitelkeit begehen läßt? die meisten davon sind so seltsam und kleinlich, daß wir sie nicht für möglich halten würden, hätten wir sie nicht selbst begangen. Einer Eurer Freunde lebt seit einem Monate in seinem Hause eingeschlossen: Jeder glaubt ihn in tiefe Studien versunken oder von einer geheimnißvollen Liebe in Beschlag genommen. Kein Gedanke daran. Er sitzt einsam da wie ein Hund, von Langweile verzehrt, wüthend über die Einsamkeit, die er sich selbst auferlegt hat. Im Kreise seiner Freunde ist seine Eitelkeit verletzt worden, und er will sich an ihnen rächen, indem er sie seiner Gesellschaft beraubt. Er zählt die Tage, wie sie vorüberfließen und denkt mit Selbstgefälligkeit au die Erklärungen, die man seiner Zurückgezogenheit unterlegen wird, die doch zuletzt als Verachtung betrachtet werden muß; dann wird er befriedigt und versöhnt zu den Freunden zurückkehren.

Ein andrer ist seit einiger Zeit unhöflich, zornmüthig, übelredend, kleinlich geworden, so daß man ihn gegen früher nicht wieder erkennt. Was ist ihm widerfahren? Nichts.

Er ist in das kritische Alter der Eitelkeit eingetreten, in jene Periode zwischen der Jugend uud dem Mannesalter, lang oder kurz, je nach der Stählung der Charaktere, in welchem der Mensch, da er um sich das nachsichtige Wohlwollen schwinden fühlt, welches die Welt der Jugend entgegenbringt, und das Ziel seines Ehrgeizes in weitere Ferne rücken sieht, verdrießlich wird, seine eignen Ansprüche erhöht, um seine Eitelkeit zu stützen, wie ein Betrunkener nur noch mehr trinkt, um sich zu kräftigen, und, so gut er kann, gegen die Welt, die er für ungerecht hält, reagirt, wobei er gegen die ihn Umgebenden kleine Wiedervergeltungen übt.

Unser Geist kaun die ungeheure Mannigfaltigkeit der offnen oder geheimen Rachethaten nicht fassen, in denen sich die beleidigte Eigenliebe ausläßt. Wegen einer im Kreise ihrer Freunde erlittenen Verwundung ihrer Eitelkeit unternehmen Einige lange Reisen, von denen sie mit affektirter Verachtung und tiefer Gleichgültigkeit gegen ihre Vaterstadt und ihr Vaterland zurückzukehren. Manche entzweien sich sogar mit Leuten, die sie niemals beleidigt haben, trennen sich plötzlich, mit schmerzlichem Opfer, von einer Gesellschaft, die sie lieben, um auf den Beleidiger außer seinem eignen Groll noch den der Andern fallen zu lassen. Arbeitsame, nützliche Männer bleiben lange Zeit absichtlich unthätig, mit schwerem, eigenem Schaden, eine Entmuthigung vorgebend, die sie nicht fühlen, um den Beleidiger für den beklagenswerthen Müssiggang verantwortlich zu machen, den sie sich selbst auferlegen. Andre vollenden mühsame und ruhmwürdige Werke, von keiner andern Absicht angetrieben, als um durch ihren Triumph eine gewisse Person zu demüthigen, bisweilen einen Freund, der eines Tages mit einem unüberlegten Worte ihren Stolz beleidigt hat, und der sie unterdessen die herzlichste Freundschaft bewiesen haben. Tausend edle Opfer, tausend großmüthige Handlungen, von Jedermann bewundert, werden täglich vollbracht und Niemand ahnt dabei eine Nebenabsicht, und doch werden sie vollbracht, um den eignen Stolz zu rächen, welcher durch ein Lächeln, einen Witz, eine Anspielung, durch irgend Etwas beleidigt worden ist, wodurch der Beleidigte selbst nicht wagen würde, sich offen für beleidigt zu erklären.

Ein großer, listiger, verwickelter Krieg wird für die Eitelkeit geführt, unaufhörlich, hartnäckig, ohne Lärm oder Skandal, mit verhüllten Satiren, verschleierten Ungezogenheiten, erkünstelten oder kalten Grüßen, mit stummen Ausdrücken der Unbekümmertheit oder des Spottes; ein Krieg ohne Waffenstillstand und ohne Erbarmen, welcher sich unter der nöthigen, äußern Höflichkeit des gesellschaftlichen Umgangs verbirgt. Jeden Abend kommen in der Stadt, wo wir leben, tausend und aber tausend Leute nach Hause, von der feinen Spitze eines Wortes oder eines Blickes durchbohrt, die sie allein verstanden haben; tausend Köpfe wälzen sich unruhig auf den, Kissen hin und her und denken über eine Vergeltung am

folgenden Tage nach, setzen Worte zusammen, studiren Gesichtsausdrücke, suchen geduldig die empfindlichste und angreifbarste Stelle an der Eitelkeit dessen, der sie getroffen hat, umn dahin ihre rächenden Schläge zu richten. Starke und kühne Männer, kaum an dieser Stelle berührt, seufzen, wie kleine Mädchen; furchtsame, schwache Frauen entbrennen in männlichem Zorn; Greise, schon des Lebens müde, lassen sich zu kindischer Rache herab; Leute von flüchtiger, leichtsinniger Natur finden in gekränkter Eitelkeit die Kraft, in grausamer Kälte und langem, stolzem Schweigen zu beharren, dessen sie nicht fähig wären, wenn es darauf ankäme, ein Verbrechen zu bestrafen.

Leichter Groll schwillt nach und nach zu schwerem Haß an und führt dann zu heftigen, schrecklichen Thaten; viele kleine Eitelkeiten verschwören sich schweigend gegen eine große Eitelkeit, welche dann von hunderttausend Nadelstichen durchbohrt zu Boden stürzt, und so auf seine Weise von den Leuten gequält, die sie umgeben, sinken Männer von Geist herab und gehen zu Grunde; gute, liebenswürdige Charaktere verschlechtern sich allmählich, der Kampf wird überall und in allen Formen geführt: an den Straßenecken mit den wenigen Worten, welche Freunde sich beim Stehenbleiben sagen, mit den Grüßen, welche Hausnachbarn auf der Treppe wechseln, zwischen den einzelnen Phrasen ernsthafter Reden in den Akademien, unter dem Schleier von Begrüßungen in den Salons, von Loge zu Loge im Theater, zwischen vertrauten Freunden, nahen Verwandten, zwischen hochgestellten und tiefstehenden Personen, zwischen Leuten, die sich nicht kennen und zufällig an einem öffentlichen Orte zusammentreffen, wohl wissend, daß sie sich wahrscheinlich nie wiedersehen werden; in dem Augenblicke, wo sie einander gegenüberstehen, fechten ihre beiderseitigen Eitelkeiten mit den Augen einen kleinen, schnellen Zweikampf aus. Jedermann trägt um seine Eitelkeit so zu sagen eine Rüstung von feinstem Krystall und ist fortwährend bemüht, Stöße zu vermeiden, den Hauch abzuwehren, mit der Hand das trübe gewordene abzuwischen; und dennoch trüben sich fortwährend die Rüstungen, sie stoßen an einander, klirren, zerbrechen und werden wiederhergestellt, wobei sie uns eine unendliche Menge kleiner Splitter im Fleisch zurücklassen, welche eine innere Blutung verursachen und uns zu immerwährender Behandlung zwingen, zu einer traurigen, undankbaren Mühe, welche uns das Leben mehr verbittert, als große Schmerzen.

Jeder hat seine besondere Art, seine Eitelkeit zu vertheidigen und ihr die Nahrung zu verschaffen, deren sie fortwährend bedarf. Es giebt Eitelkeiten von unendlich verschiedenen Arten. Die Einen sind streng und unbeugsam, lassen sich zu keinem Opfer herbei, sei es noch so leicht, verlangen und gewähren Nichts und werden sich nur an sich

selbst, im Geheimen. Andere gewähren Allen Alles, aber sie müssen die Freiheit haben, sich selbst zu loben, was für sie so unabweisbar ist, wie ein körperliches Bedürfniß. Sie sind wie zwei Personen zu einer einzigen verbunden, die eine handelt und spricht, die andre billigt, lobt, giebt Beifall und bewundert öffentlich, ohne Rückhalt und Rücksicht. Dann giebt es bescheidne Eitle, welche sich aus ihrer Bescheidenheit eine geschlossene, glatte, feste Rüstung machen, die ihre Eitelkeit unverwundbar macht; man kann jahrelang mit ihnen umgehen, ehe man an ihnen einen Spalt entdeckt, durch welchen ihre wahre Natur sichtbar wird. Andre machen es, wie gewisse Insekten, welche sich in Fasern und Staub hüllen, um nicht gefressen zu werden; sie affektiren eine gewisse Rauhigkeit, eine Art Gleichgültigkeit, wie Verachtung ihrer selbst, um ihre Eitelkeit gegen die Herausforderungen und die Stöße fremder Eitelkeit zu schützen. Dann giebt es die blinden Eiteln, welche so voll von sich selbst, so fest überzeugt, Allen überlegen zu sein, der Bewunderung so gewiß und so selbstzufrieden sind, daß sie keine von den tausend kleinen Beleidigungen der Welt fühlen, weil sie es für unmöglich halten, daß Jemand wagen sollte, sie zu beleidigen; ihrerseits schmeicheln sie der Eitelkeit Aller, nicht aus Klugheit, sondern aus Dankbarkeit. Da sind auch die zugleich groben, muthwilligen und feigen Eiteln, welche keine Demüthigung fühlen; hundertmal niedergeschlagen, stehen sie unerschämter als vorher wieder auf, und geohrfeigt und angespieen sind sie immer noch stolz und hochmüthig gegen eben die, von denen sie beschimpft wurden; sie tragen ihr ganzes Leben lang ihre Eitelkeitsmaske, beschmutzt durch den Abdruck vieler Hände, aber unzerbrochen. Dann giebt es noch die krampfhaft Eiteln, welche bei der geringsten Berührung solche Qualen leiden, daß sie den Kopf verlieren, sich nicht mehr wehren können, und ihr Leiden, ihre Muthlosigkeit so deutlich erkennen lassen, daß sie Mitleid einflößen und den Angreifern die Waffen aus der Hand fallen, so daß gerade das Übermaß ihrer Eitelkeit sie in vielen Fällen vor jeder Demüthigung bewahrt. Dann kommen die Pfiffigen, welche ihre Eitelkeit niemals in Gefahr bringen, sich geschickt zurückziehen, wenn sich eine Gefahr zeigt, einem mit einem Scherz aus der Hand schlüpfen und so durch vieles Hinundherwinden, sich decken und unsichtbar machen; so gelingt es ihnen, sich vor der geringsten Verletzung zu schützen, und auch dem und jenem einen Stoß zu versetzen, wenn er sicher ist, daß derselbe nicht erwidert werden kann. Zuletzt nennen wir noch die bettelhaften Eiteln, welche sich demüthigen, um das Almosen eines Lobes zu erhalten und eine Genugtuung mit hundert Schimpfen erkaufen; sie geben sich nicht einmal Mühe, ihre Kniffe zu verbergen, und begnügen sich damit, im Austausch der Schmeicheleien, welche sie an Jedermann verschwenden, auch nur einen Anschein von Freundlichkeit zu erhalten, hinter welcher sie die Verachtung errathen.

Auch die vertrautesten Freundschaften beruhen auf einem stillschweigenden Vertrag, welchen die Eitelkeit des Einen mit der des Andern abgeschlossen hat. Es wird als selbstverständlich angenommen, daß jeder von Beiden der Eitelkeit des Freundes einen Theil seiner Aufrichtigkeit, der Freiheit seines Urtheils und seiner Eigenliebe aufzuopfern hat, und daß diese Opfer sich ausgleichen müssen. Die Aufmerksamkeit Beider ist immer dahin gerichtet, die Wage im Gleichgewicht zu halten. Diese Arbeit wird in jeder Unterhaltung zwischen Beiden gethan; sie zeigt sich in kurzen Pausen, während deren jeder eilig berechnet, ob er sich in Debet oder Credit befindet. Dies wird in flüchtigen Blicken abgemacht, mit denen jeder auf dem Gesicht des andern zu lesen sucht, ob er mit der erhaltenen Ausgleichung zufrieden ist, oder mehr beansprucht; plötzliche Aenderungen der Betonung bedeuten, daß mau noch eine Ergänzung erwartet. Es ist eine ununterbrochene Aufeinanderfolge von leichten, unwillkürlichen Beleidigungen, schnellen Genugthuungen, geschickten Deckungen, Groll mit augenblicklicher Versöhnung, ein so rasches, mit so seinen Waffen und so leichten Stöcken geführtes Waffenspiel, daß es einem Dritten meist ganz entgeht, auch wenn er ein scharfer Beobachter ist. Der Freund, welcher einen Tag das Uebergewicht hatte, läßt sich am folgenden ein wenig herab, freiwillig, um die Stellung gleich zu machen; der, welcher einen kleinen Vortheil haben soll, nimmt ihn fast immer voraus, mit Verdoppelung der Höflichkeit. Es ist eine seine, schwierige Kunst, die man nur langsam lernt. Die Periode der Unsicherheit, welche der vertrauten Freundschaft zwischen zwei Männern vorausgeht, ist nichts weiter, als eine Art von Tasten und Probiren, wodurch der Eine zu erkunden sucht, um welchen Preis er von der Eitelkeit des Andern das erlangen kann, was die eigne Eitelkeit beansprucht. Man schließt höchst seltsame Verträge. Freundschaften werden auf die Uebereinkunft gegründet, daß der Eine von Beiden, ein berühmter Mann, sich vollkommen gleichgültig gegen seinen Ruhm stellen und kein Wort über Kunst, Wissenschaft oder sonstige Leistungen, denen er ihn verdankt, vorbringen, auch niemals die Unterhaltung in eine Richtung lenken soll, wo er die Ueberlegenheit seiner Stellung oder seines Geistes geltend machen könnte. Es ist ausgemacht, daß Jeder an dem Andern ein besonderes Verdienst anerkennt und bewundert, über das aber Beide insgeheim spotten; ja unter sehr hochmüthigen Personen wird ein Vertrag geschlossen, der jede Diskussion über irgend einen Gegenstand verbietet oder im ersten Anfang erstickt, denn Beide haben sich überzeugt, daß ihre Eitelkeit auch unter der Bedingung der feinsten Höflichkeit nicht zu beherrschen ist.

Alle andern Leidenschaften lassen uns bisweilen Ruhe: diese allein verläßt uns niemals. Wenn wir einmal davon frei zu sein glauben, weil wir freiwillig Fehler und Irrthümer bekennen, die uns die Achtung Andrer rauben können, so sind wir im Irrthum: wir bekennen sie nur, um sie unter einem günstigen Gesichtspunkte darzustellen, und weil das Vergnügen, welches wir unsrer Eitelkeit gewähren, indem wir von uns selbst sprechen, lebhafter ist, als die Furcht, ein wenig in der Achtung des Hörers zu sinken. Wenn wir bisweilen frei von Eitelkeit zu sein glauben, weil wir gewisse Kränkungen gern verzeihen, so sind wir wieder im Irrthum, denn die Eitelkeit selbst bewegt uns zu der Verzeihung: sie findet in einem Anschein von Seelengröße eine stärkere und gefahrlosere Befriedigung, als in der Rache. Wenn wir zu gewissen Zeiten nicht mehr eitel zu sein glauben, weil wir zurückgezogen leben, die Befriedigung der Eigenliebe nicht mehr aufsuchen, ja sie wirklich verachten, so lassen wir uns auch diesmal täuschen: unsre Eitelkeit ist lebhafter als je, aber sie hat ihre Rechnung gemacht und sich überzeugt, daß die Befriedigungen, welche sie suchte und erreichte, nicht genügten, um die unvermeidlichen Bitterkeiten aufzuwiegen; darum hat er auf die Einen verzichtet, um sich von den Andern zu befreien.

Wir halten die Eitelkeit manchmal für abgestorben in einem Freunde, der sonst hart und stolz war und nun hingebend geworden ist und über die Spaße und Stiche, die ihm früher die Seele durchbohrten, lächelt. Der Grund ist ein andrer. Er genießt irgend eine geheime Befriedigung, an der seine Eitelkeit sich weidet, worin sie sich abschließt und sättigt, ohne andrer Nahrung zu bedürfen: wir werden ihn wieder hart und stolz finden, sobald sein Vorrath aufgezehrt ist. Wir hielten lange Zeit gewisse einfache, nachgiebige Freunde für frei von Eitelkeit, die Jedermann erfreuen und Niemand noch erzürnen konnte, und eines Tages wirkte ein zum tausendsten Male wiederholter Scherz wie ein Funken, der in ihnen eine ungeheure, wüthende Eitelkeit zum Ausbruch brachte, welche sich wie in einer Vorrathskammer der Seele langsam, schweigend aufgehäuft hatte und in

einem Augenblicke mit Gebrüll alle ihre verkannten Rechte in Anspruch nahm. Es giebt Freunde, welche in unserm Kreis die Letzten sind, ohne alle Begabung, die Unbekanntesten der Unbekannten, von allen vernachlässigt, furchtsam und bereit, sich vor Jedem zu erniedrigen, und plötzlich entdecken wir, daß sie seit lange ein Winkelchen in der Welt besitzen, einen kleinen Kreis von Leuten, noch unbekannter und bedeutungsloser als sie selbst, in deren Mitte sie insgeheim kleine Orgien der Eitelkeit feiern, wobei sie Kräfte entfalten und Ansprüche aufstellen, von denen wir Nichts ahnten, mit einem Uebermuth, über den sich alle beklagen, gegen welchen sich aber Niemand zu empören wagt.

Wir entdecken die Eitelkeit bei Allen, auf die seltensten, unglaublichsten Gründe gestützt: auf gewisse ganz spezielle Geistesfähigkeiten, fast ohne allen Werth, worüber wir zu lachen pflegten; auf gewisse vorgebliche, körperliche Schönheiten, die wir nie bemerkt hatten; auf gewisse mechanische Geschicklichkeiten, welche zur Salonunterhaltung dienen: auf die Verwandtschaft mit einer bekannten Person; auf eine vor Jahren gemachte Vergnügungsreise, auf etwas Aristokratisches im Klange des eignen Namens; das sind die schwachen Stützen, an welche, bei Mangel an andern, die Leute sich festklammern, um sich in der Höhe zu erhalten; damit nähren sie im Geheimen ihren Hochmuth, welcher, in allen andern Dingen nachgiebig, sich empört, sobald er an dem empfindlichen Punkte berührt wird, wie gegen eine Ehrenkränkung.

Wenn wir in ein gewisses Alter gelangt sind, halten wir unsre Eitelkeit für geschwunden; aber wir lassen uns durch den Anschein betrügen. Die Eitelkeit bereitet uns weniger Leiden, weil wir aus der Erfahrung gelernt haben, sie besser zu vertheidigen, mit Heuchelei, mit tausend wunderbar sinnreichen Künsten, die uns so zur Gewohnheit werden, daß wir sie zuletzt unbewußt ausüben. Gradweis beschränken wir den Kreis unsrer Freunde auf die wenigen, von denen wir nichts zu fürchten haben. Mit wunderbarem Takt vermeiden wir jedes Zusammentreffen, in dem unsre Eitelkeit sich die Hörner abstoßen könnte. Unsern Antheil an Befriedigungen verlangen wir nicht mehr, wie wir es in der Jugend thaten, mit lauter Stimme, als wären wir entschlossen, ihn mit Gewalt zu nehmen, wenn er uns nicht freiwillig gewährt würde, sondern wir nehmen ihn von den Leuten mit guten Manieren in Empfang, ohne den Anschein, ihn zu verlangen oder zu wünschen. Wenn uns irgend eine große Genugthuung für unsre Eigenliebe zu Theil wird, so begehen wir nicht mehr die Thorheit, unter die Leute zu gehen und die Glückwünsche und das Lob einzufordern, wo man alle Mittel versucht, uns zu demüthigen, indem man dies verweigert; wir halten uns im Verborgenen und erwarten ruhig, daß die Zeit die Kränkung der Eitelkeit der Freunde mildert und uns ihr Wohlwollen wiedergiebt. Wenn wir einige Stiche erhalten, lassen wir uns nicht durch den Groll übermannen; wir verstehen es, ihn geschickt zu verbergen, um uns den schmerzlicheren Stich zu ersparen, den uns die

Befriedigung des Beleidigers verursachen würde, wenn er bemerkte, daß er uns tief verwundet hat.

Wir verstehen es, bei Gelegenheit den Freunden den weniger wichtigen Theil unsrer Eitelkeit preiszugeben und ihnen bei dessen Zertrümmerung beizustehen, um den empfindlichsten Theil zu retten. Wir haben gelernt, den schwersten Beleidigungen zuvorzukommen, indem wir besondere Gleichgültigkeit gerade gegen diejenigen zeigen, gegen die wir nach aller Ansicht am empfindlichsten sein sollten, gewisse Schläge in der Luft aufzufangen, indem wir sogleich, ohne Deckung, die schwache Seite darbieten, nach welcher sie gezielt waren. Niemand faßt uns mehr unversehens; jedes Leiden unsrer Eitelkeit hat uns eine Vorsicht gelehrt, ein Kunststück, durch welches wir dasselbe hätten vermeiden können, und wir haben nichts davon vergessen. Wir haben uns eine vorsichtige, behende Höflichkeit zu eigen gemacht, welche die Gegner fern hält und den Kampf abweist, ohne Schwäche zu verrathen. Die Kenntniß des menschlichen Herzens und der kleinen Redekämpfe hat uns gelehrt, uns für kleine Demüthigungen durch überlegte, trockne, unfehlbare Vergeltungen zu rächen, welche, ohne die Freundschaft zu schädigen, den Angreifern die Wiederholung verleiden. Unsre Eitelkeit ist nicht geschwunden, sondern kann sich jetzt leichter vertheidigen, denn sie hat sich beschränkt und vertieft; innre Ansprüche umfassen einige Dinge fester, aber weniger Dinge, als in der Vergangenheit! wir haben einige schwächere Seiten, aber weniger verwundbare Seiten, als in der Jugend.

Die Kampfesweisen sind verschieden; sehr Viele kämpfen nur im Fliehen. Da ist der Mann von Talent, welcher, um ohne Widerspruch und Gefahr zu triumphiren, sich darauf beschränkt, in einen Kreis von unwissenden, unbedeutenden Freunden zu leben, welche seiner Eitelkeit ein reiches, warmes Nest bereiten, in dem er sich nach Belieben herumwälzen kann, auf der gesellschaftlichen Leiter herabsteigt, um mit Leichtigkeit von einer Gruppe von tiefer stehenden Freunden die Befriedigungen seiner Eigenliebe zu erhalten, welche ihm von seines Gleichen verweigert oder unter zu harten Bedingungen gewährt werden. Ein Andrer thut das Gegentheil, er drängt sich in eine höhere Gesellschaftsklasse ein, als die seinige, in welcher er die letzte Stelle einnimmt, wo aber Niemand ihn bekämpft, weil er Keinem überlegen sein will, um nicht seine Eitelkeit den Gefahren des Kampfes mit den Nebenbuhlern in der Klasse auszusetzen, zu welcher er eigentlich gehört.

Einige verzichten auf Ämter, auf Ehren, nach denen sie streben, auf die Gesellschaft von Leuten, die sie achten und begehren, und leben einsam und traurig; in die Einsamkeit einer unkriegerischen Eitelkeit festgenagelt, welche vor Allem Furcht hat; andre wechseln fortwährend ihre Freunde, immer in der Hoffnung, einen zu finden, der ihre Eitelkeit vollständig gelten läßt, ohne daß er sie ihm durch Kampf aufdrängen und vertheidigen muß. Die Interessen der Eitelkeit sind es vorzugsweise, welche die Bildung von Freundesgruppen

regeln. Jeder findet nach und nach die seinige, wo die eigne Eitelkeit mit starkem oder wenigstens gleichen Waffen mit der Eitelkeit der Andern ringen kann. Von jeder Gruppe lösen sich von Zeit zu Zeit Einige ab, entweder freiwillig, weil sie fühlen, daß sie den Andern zu sehr nachstehen, oder durch leise Verfolgung gezwungen, weil sie Jemanden im Lichte standen; die Einen steigen hinab, die Andern hinauf und suchen einen Kreis auf, in welchem ihre Eitelkeit mehr Ellenbogenraum findet. Dann kommen Neue hinzu, junge Leute, welche neu erworbene Auszeichnung über eine tiefer stehende Gruppe erhoben und befähigt hat, mit stärkeren Eitelkeiten zu ringen; Alte treten aus, welche es nicht über sich gewinnen können, der Eitelkeit neu Angekommener Zugeständnisse zu machen, alte Flüchtlinge kehren zurück, weil sie es überall schlimmer gefunden haben, wo ihre Eitelkeit versuchte, sich ein neues Altärchen aufzubauen; Andre endlich ziehen ihr ganzes Leben von einer Gruppe zur andern und kämpfen wüthend, bis sie aus allen mit zerbrochenen Hörnern verjagt werden.

Wie deutlich erkennt man alle diese Anstrengungen im Kreise der eignen Freunde, wenn man gelernt hat, alle, auch die flüchtigsten Äußerungen der Eitelkeit zu erkennen. Es erregt Heiterkeit und Mitleid zugleich. Da sind sie Alle beisammen. Die Unterhaltung rauscht lustig dahin, Alle scheinen sich ohne Hintergedanken gehen zu lassen. Aber die Eitelkeit eines Jeden ist wach und hält die Augen offen. Bei jeder beißenden Anspielung sieht man den, auf welchen sie sich bezieht, einen Augenblick nachdenklich dasitzen, auch wenn er lacht, wie um seine Eitelkeit zu befragen, ob sich nicht etwas Bitteres darin finden ließe, wenn man darüber nachgrübelte. Bei jedem guten Witz oder Geistesblitz eines der Anwesenden sieht man über viele Gesichter unter dem Ausdruck der Heiterkeit und Billigung einen Schatten schnell vorüberziehen, welcher die gekränkte Eitelkeit verräth. Dem Erzähler einer Anekdote verdunkelt sich das Gesicht und zittert die Stimme, wenn in den Augen des Zuhörers das geringste Zeichen von Langweile erscheint. Ein andrer erblaßt, wie von Schrecken ergriffen, indem er sich erhebt, um einen unschuldigen, scherzhaften Trinkspruch von vier Versen vorzutragen, den er seit einer Woche bereit hält. Unter dem Eindruck eines Wortes, welches über einen ganz unbedeutenden Fehler Lachen hervorruft, sieht man plötzlich Gesichter sich verziehen und durch erzwungenes Lächeln hindurch einen furchtbaren Schmerz verrathen, aus welchem der Vorsatz einer spätern, mitleidslosen Rache hervorleuchtet. Der Eine, während er ein Urtheil erwartet, welches ein Andrer über etwas ihm Zugehöriges aussprechen soll, zeigt einen Ausdruck peinlicher Ängstlichkeit, fast Verzagtheit, so sehr er sich auch bemüht, ihn zu unterdrücken, der den Richter in Entzücken versetzt. Ein Andrer, sanft in seiner Eitelkeit gekitzelt, will aus Eitelkeit sein Vergnügen verbergen und erlaubt seinen Lippen nicht zu lächeln; wohl aber lachen seine Augen, seine Stirne, Stimme, und dann überzieht plötzliche Röthe sein

Gesicht: er schämt sich, gezeigt zu haben, daß er lügen wollte. Einer spricht allein in der Versammlung, spricht von Dingen, die alle interessiren, spricht gut, gefällt, überzeugt, und Alle schweigen und hören aufmerksam zu; aber Alle fühlen zu gleicher Zeit durch die Bezeigung von Ergebenheit, zu der sie gezwungen sind, ihre Eitelkeit ein wenig verletzt. Der Eine blickt in die Luft, um zerstreut zu scheinen; der Andre stellt sich, als unterdrücke er ein leichtes Gähnen, ein Dritter scheint sich gegen den Schlaf zu wehren, und wenn der Freund zu Ende ist, entrunzeln Alle die Stirne und schütteln sich, ein Altern des Vergnügens durchläuft die Gesellschaft: die Eitelkeit Aller athmet auf.

So ist die Eitelkeit beschaffen. Wir Alle besitzen in unserm Bewußtsein einen verborgenen Winkel, in welchem wir die Überlegenheit von durchaus Niemandem anerkennen; wir bemühen uns unaufhörlich, Beweisgründe und Spitzfindigkeiten aufzusuchen, um uns zu überreden, daß wir bei gewissen Gelegenheiten, unter günstigen Umständen fähig wären, große, bewundernswürdige Dinge auszuführen, und daß wir, auf die eine oder die andre Weise durch das Glück und die Menschen unterstützt, das geworden wären, was wir gewünscht hätten. In diesem Winkel bemühen wir uns fortwährend, nicht nur die Freunde, welche uns durch irgend eine Begabung des Geistes oder Herzens übertreffen, in jeder Weise zu benagen, zu entstellen, zu verkleinern, sondern auch die berühmten Riesen der Tugend und des Gedankens, die die Welt bewundert; in diesem Winkel kocht und schäumt der tollste Hochmuth, die thörichtste Verachtung und der feigste Groll der Eitelkeit; ein Fremder, der da hineinblicken könnte, würde einen Anblick genießen, wie ihn ein Wassertropfen unter dem Mikroskop bietet; ein schwindelerregendes Durcheinanderschwirren von kleinen Ungeheuern, seltsamen, lächerlichen, schrecklichen, unerklärlichen Gestalten, welche sich vernichten, gebären, einschlafen, wiedererwachen, sich verwandeln, ihre häßlichen, kleinen Glieder wüthend hin- und herbewegen: eine unbekannte Welt.

Dieses Gesuhl der Eitelkeit durchdringt und verderbt alle unsere Gefühle und Gedanken. Bei geistiger Arbeit, bei jeder neuen Idee, die in uns aufsteigt, halten wir an, um zu untersuchen, welchen Vortheil unsre Eitelkeit daraus wird ziehen können, nach jeden, edlen Anlauf des Gefühls überlegen wir, wie um der Eitelkeit Zeit zu lassen, ihn zu genießen; ehe wir ein Gefühl lebhafter Bewunderung äußern, ehe wir ein Lob aussprechen, das uns das Herz diktirt, befragen wir eiligst unsre Eitelkeit (wobei wir uns ein wenig schämen), ob sie nichts einzuwenden hat. Diese betrügt uns täglich hundertmal, sich verwandelnd, sich verfeinernd, um ihre Zwecke zu erreichen, so daß sie sogar unserm Bewußtsein entgeht. Wir entdecken jeden Augenblick in uns Gefühle, auf welche wir glauben, stolz sein zu dürfen, wie auf Zeichen von Seelengröße und edler Gesinnung, und wenn wir sie in Gedanken bis zu ihrem Ursprunge verfolgen, entdecken wir, daß es nur Fäden eines großen Gewebes sind, das unsre Eitelkeitheimlich ausspannte, um eine Beute

zu erhaschen; wir glauben, eine Goldader unsrer Natur berührt zu haben, und fühlen in der Hand den klebrigen Schwanz eines Ungeheuers zittern. Wir haben nicht mehr die Kraft, eine Unternehmung zu führen, bei der die Eitelkeit nichts zu gewinnen hätte. Aus ihren Freuden schöpfen wir das Gute, ihre Demüthigungen betrüben uns; wenn sie geliebkost wird, verschönert sich uns Alles, wird sie verwundet, so verdunkelt sich die Welt. Hundert ruhigen Befriedigungen des Gewissens ziehen wir einen einzigen der scharfen, flüchtigen Genüsse vor, welche von ihr herrühren, wir mögen lieber uns selbst verachten, indem wir ihr dienen, als uns achten, indem wir uns gegen ihre Herrschaft auflehnen. So taumeln wir, von ihren Dünsten berauscht, durch das Leben hin, mit einer zerrissenen Krone von Papier auf dein Kopfe.

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