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Unsere Freunde

Edmondo De Amicis: Unsere Freunde - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorE. de Amicis
titleUnsere Freunde
publisherHermann Costenoble
addressJena
printrunZweite Auflage
year1895
translatorDr. R. Teuscher
illustratorG. Amato, G. Colantoni, J. Farina, D. Paolocci, E. Ximenes, G. Peunasilico
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ungekannte Freunde

Wir haben noch andre, entferntere und poetischere Freunde – die unbekannten Freunde, Geschöpfe unsrer Phantasie, deren Vorhandensein wir annehmen, und die wirklich vorhanden sind, in unserm Land, in anderen Ländern, zerstreut in der großen, unbekannten Menschenmasse, mit denen wir innige, liebevolle Freundschaft schließen würden, wenn wir sie kennten: mit der unsrigen verwandte Naturen, die uns' beim ersten Zusammentreffen lieben würden, die auch wir mit tiefer Neigung lieben würden. Einige mögen uns wunderbar ähnlich sein, wie ein zweiter Abdruck unsres Bildes, Andre dagegen ganz unähnlich, aber von einer Unähnlichkeit, die liebenswürdiger ist, als die Ähnlichkeit. Wer denkt nicht bisweilen an diese geheimnißvollen Freunde, die wir niemals sahen und niemals sehen werden, die weder ein Gesicht, noch einen Namen haben? Jeder unsrer nächsten Freunde ist mir die erste Person einer unendlichen Reihe von andern möglichen Freunden, die sich hinter ihm über die ganze Erde hinweg erstreckt. Jenseits unsrer wirtlichen Freunde sehen wir undeutlich Tausende von sympathischen Gesichtern und nach uns ausgestreckten Händen und hören ein ungeheures Murmeln von freundlichen Stimmen, welche wir zu erkennen glauben. Wer weiß, wie viele Zwillingsbrüder wir finden würden, könnten wir die ganze Menschheit durchmustern, wie viele Leute, welche, sobald sie uns in's Gesicht gesehen und unsre Stimme gehört hätten, stehen blieben mit einem Lächeln und einem Ausrufe auf den Lippen, als käme ihnen Plötzlich eine undeutliche Erinnerung, während wir bei ihrem Anblick dasselbe Gefühl hätten? Unser Sinn verwirrt sich bei dieser Vorstellung; manches Mal werden wir traurig bei dem Gedanken an den engen Kreis, an die geringe Zahl von Menschen, unter denen wir unsre Freunde wählen konnten und mußten und an die Schätze von Güte und Freundlichkeit, die uns unbekannt geblieben sind. Viele waren uns vielleicht sehr nahe, unter unsern Händen, Andere standen neben uns einen Tag, eine Stunde lang, wir wissen weder wie, noch wo, und hätten wir sie erkannt und festgehalten, so wäre unser Leben um eine Zuneigung, eine Freude oder eine Kraft reicher geworden.

Oft war es nur ein unbedeutender Zufall, der diese Freunde von unserm Wege entfernt hat: wir kamen eine Minute zu spät in ein gewisses Haus, bestiegen den einen Wagen statt des andern, schliefen auf einer Seereise in der Kajüte, statt auf Deck zu bleiben. Einige haben wir auch erblickt: wir haben uns mit der Reisetasche in der Hand an einer Eisenbahnstation unter vielen Menschen gegenüber gestanden, wir haben einen Blick und ein Lächeln getauscht, und das Gedränge hat uns für immer getrennt; aber keiner von Beiden hat das Gesicht des Andern vergessen und Jeder denkt oft mit Sympathie, fast mit Bedauern daran zurück und mit dem herzlichen Wunsche, es wiederzusehen. Und, wer weiß! Vielleicht haben diese eingebildeten Freunde mehr Wichtigkeit für unser Leben, als wir glauben. Vielleicht sind sie der Gegenstand jenes Gefühls von unbestimmtem Wohlwollen, das wir bisweilen spüren, wenn wir mit in die Ferne gerichteten Augen uns vorstellen, eine weit entfernte, fast im Blau verlorene Menschenmenge winke uns Grüße zu; vielleicht kommen uns von ihnen die undeutlichen, tröstlichen Gefühle, deren Ursache wir nicht entdecken können, die uns aber an traurigen Tagen durchs Herz ziehen. Es giebt Augenblicke, in denen wir um uns etwas Wohlwollendes fühlen, das uns ein Theil der Menschheit zuschickt, ein undeutliches, freundschaftliches Gemurmel, wie einen unbekannten Lebenshauch, der den unsrigen aufsucht. Dann ergreift uns eine ungestüme Sehnsucht, uns in Bewegung zu setzen, Meere und Länder zu durcheilen, Millionen von Gesichtern zu befragen, Millionen Herzen zu durchforschen, uns Liebe zu erwerben, Tausende von Menschenwesen an uns zu fesseln, uns zu einer großen Freundesfamilie mit Allen zu verbünden, welche mit demselben Zeichen auf der Stirn geboren sind, so daß wir in hundert verschiedenen Sprachen dieselben Wünsche und Sympathieen ausdrückten, als wären es gemeinschaftliche Erinnerungen aus einer Welt, die wir früher gemeinschaftlich bewohnt hätten. Aber ach! Unser Leben ist rings von Schranken umgeben, worauf geschrieben steht: »Weiter darf sich deine Liebe nicht erstrecken!« – Die Hände, die wir drücken können, sind gezählt, selten, wie die glücklichen Tage, sind die Namen, die wir in unser Herz prägen können. Wir werden uns niemals begegnen, werden einander unbekannt unter der Sonne hinwandeln und unter die Erde hinabsteigen, wie Baumstämme, welche von verschiedenen Flüssen ins Meer gewälzt werden.

Du freundlicher schwedischer Dichter, der Du von Deinem Fenster aus auf deine Schneeberge blickst und dabei meine eignen Gedanken durch deine Seele ziehen lassest, Du, lieber russischer Student, der Du in ärmlicher Dachkammer in Moskau die Sprache meines Vaterlandes studirst, tapferer Leutnant bei den Husaren der Königin, der Du um die Mauern Cartagenas reitest, ehrlicher italienischer Kaufmann, der Du die Seeluft am Strande von Rio de Janeiro einathmest, Ihr liebevollen, hingebenden Freunde Anderer, die Ihr auch für uns brüderliche Freunde geworden wäret, Greise, die uns wie Väter geliebt, Jünglinge, die wir wie Söhne werth gehalten hätten! Eine ungeheure Menschenmenge trennt und verbirgt uns vor einander, wir kennen unsre Namen, unser Leben nicht. – Und doch scheint es uns, als wären diese Gedankengrüße, die wir uns zusenden, ohne zu wissen an wen, noch woher, etwas Wirkliches; es kommt nicht darauf an, daß sie zusammentreffen, wir halten sie nicht für verloren. Sie kommen aus dem Menschenherzen und fallen unter den Menschen nieder: sie sind Wohlwollen und Poesie, in die Luft gestreut, irgend Jemand athmet sie ein und giebt sie zurück.

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