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Unsere Freunde

Edmondo De Amicis: Unsere Freunde - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorE. de Amicis
titleUnsere Freunde
publisherHermann Costenoble
addressJena
printrunZweite Auflage
year1895
translatorDr. R. Teuscher
illustratorG. Amato, G. Colantoni, J. Farina, D. Paolocci, E. Ximenes, G. Peunasilico
correctorhille@abc.de
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Im Unglück

Da liegt er ohne Bewegung, in der Stellung eines Todten, nur die weit offnen Augen richten sich auf die Wand, mit einem Ausdruck des Staunens, als zeichneten sich da Dinge ab, die er allein sehen könnte. Das plötzliche Zerreißen einer kleinen Lungenarterie, dünner als das Schnürchen an seinem Augenglas, hat unversehens seine Arbeit und sein Vergnügen unterbrochen, seine Leidenschaften zum Stillstand gebracht, den Lauf seiner Ideen, sein Gesicht und seine Stimme verändert, der Welt vor seinen Augen ein andres Ansehen gegeben. Das Licht, das Geräusch, das Lächeln sind schon aus seiner Umgebung geflohen; in dem Halbdunkeln Zimmer hört man nur leise Stimmen, leichte Schritte von Leuten, die einander nicht in's Gesicht sehen, um nickt in ihren Augen die schmerzliche Unruhe zu lesen, welche sie aus der Seele verbannen möchten. Die Thüre öffnet sich leise: es ist der erste Freund, welcher mit fragendem Blick herantritt. Er eröffnet mit seinem Besuch eine regellose, seltsame Prozession von Freunden, welche an dieses Bett mit wunderbar verschiedenen Gefühlen und Aussichten herantreten und eine kleine Zahl immer wiederkehrender Worte wiederholen werden, so alt wie die Welt, bis ihnen die Gesundheit oder der Tod den Abschied giebt. Aber der Kranke kann bei dem gedämpften Licht die Verschiedenheit der Gesichter nicht unterscheiden; er ist ein Dichter, der mit den Augen eines Kindes sieht. Er vermuthet im Herzen eines Jeden einen Theil der Sorge, die in dem eigenen herrscht, und reicht Allen die matte Hand mit gleicher Dankbarkeit. Da er keine Eitelkeit mehr besitzt, sieht er seine Freunde von

einer neuen Seite; es scheint ihm seltsam, daß er hart mit ihnen gestritten, Groll und Neid gefühlt und Tage voll Ärger mit ihnen zugebracht haben sollte, als er noch gesund, stark, frei und zufrieden war. Aber jetzt ist er fest entschlossen, wenn er seine Gesundheit und seine Freiheit wieder gewonnen haben wird, ein ganz andrer Mensch für seine Freunde zu werden, die Freude am Leben, an der Arbeit, an der Bewegung, an der großen Zukunft, die er vor sich sähe, würde ihm eine große Nachsicht für Alle in's Herz geben. Die Krankheit verschlimmert sich, die Besuche der Freunde werden zahlreicher und ihr Schweigen häufiger und länger. Er beginnt, in ihren starren Blicken wie das Gefüllt einer großen Entfernung zu sehen, die sie uon ihm trennt, und nun ergreift ihn ein unruhiges Verlangen, sie zu unterhalten, sie wiederzusehen, ihrer viele um sich zu haben, sie in Menge dicht um sein Bett zu sehen, wie um sich am Leben festzuklammern, wenn er sich an sie anklammert. Er erinnert sich der Namen Abwesender, bekommt heftiges Verlangen nach der Gesellschaft Einzelner, beargwöhnt die Abwesenden wegen ihrer Gleichgültigkeit, bedauert, sich nicht beliebt genug gemacht zu haben, bereut plötzlich kleine Vergehen, die er mit trauriger, demüthiger Stimme dem fleißigen Besucher bekennt, indem er ihm die Hand festhält und seinen lebhaften Verneinungen beharrlich widerspricht. Bei dem Erscheinen eines Jeden scheint es, als ob wieder ein wenig Hoffnung in seiner Seele auflebte, als ob Jeder mit der Erinnerung an die glückliche Zeit, wo sie zusammen das Leben genossen, ihm ein wenig von der Kraft und dem Muth von damals mitbrächte. Mit welch ängstlicher Begierde späht er nach den verstohlenen Blicken, die sie wechseln, fängt er im Flug die Worte auf, die sie sich ins Ohr raunen, um sich an Geschäfte und Übereinkünfte ans jener fernen, glänzenden Welt zu erinnern, welche er vielleicht nicht wiedersehen soll. Und wie glücklich, mächtig erscheinen sie ihm Alle, da sie nach dem Verlassen dieses Sterbezimmers, wohin sie das Mitleid geführt hat, von tausend Vergnügungen und Genüssen erwartet werden. Eine ungeheure, stumme Traurigkeit dringt nach und nach in sein Herz, jeder seiner Gedanken ist ein Lebewohl; die Ermuthigungen der Freunde dringen noch in sein Ohr, erreichen aber sein Herz nicht; ein Ton von unterdrücktem Weinen, den er im Nebenzimmer gehört hat, sagte ihm, Alles sei vorüber. Die Stunde der Gefahr ist gekommen. Die um das Bett gedrängten Freunde sieht er undeutlich, wie der Taucher seine Gefährten unter dem Wasser – Einige erscheinen ihm da seit langer Zeit unbeweglich, Andre erheben sich unversehens neben ihm, wie Gespenster – bekannte Gesichter, zu denen er die Namen nicht mehr findet, die plötzlich in seinem Geiste tausend wirre, entfernte Erinnerungen wecken, um ebenso schnell wieder zu verschwinden – Stimmen aus einer andern Welt, einer andern Zeit, die ihn einen Augenblick in tiefes Staunen versetzen und ein Gefühl von unendlicher Zärtlichkeit erwecken – er sucht ihre Hände, befühlt ihre Arme – er will die Stimme Aller hören – er möchte allen diesen Schatten das Wort »Freundschaft« wiederholen, wie ein Wort, das tausend andere einschließt: »Verzeiht mir, beweint mich!« – Er nennt die Namen der Bevorzugten, empfiehlt seine Kinder und stößt hin und wieder unzusammenhängende Worte in einem dunklen leeren Räume aus, in den er mit herabhängenden Armen und geschlossenen Augen langsam hinabzusinken glaubt.

Mit welchem Triumph der Freude wird er den ersten Freund nach diesem schrecklichen Traume wiedersehen! Die Genesung ist, wie eine zweite Kindheit. Die Freunde erscheinen wieder vor ihm, Einer nach dem Andern, verjüngt, verschönert, mit hundert neuen Tugenden des Herzens und Geistes, witzig, so daß jeder ihrer Spaße für ihn eine Quelle unerschöpflicher Heiterkeit wird, und liebenswürdig, wie das Leben, das er zu verlieren fürchtete. Seine Heilung glaubt er zum großen Theil ihnen zu verdanken; er vergrößert in seinen Geiste die Fürsorge und die Freundschaftsbezeigungen, die er erhalten hat; er verwechselt die Freude des Wiederauflebens mit der Dankbarkeit. Wenn er es früher nur hoffte, so ist er jetzt fest davon überzeugt, wenn er gestorben wäre, so würden seine Freunde für seine Familie die großmüthigsten Opfer gebracht haben, Ihre Besuche sind für ihn ein Fest, das ihm immer zu kurz erscheint, er erwartet sie mit fieberhafter Ungeduld in den ewig langen Stunden der Genesung, streckt das Ohr bei jedem Ton der Klingel, bei jedem Geräusch von Schritten; er hält sie unter tausend Vorwänden zurück, ihre Unterhaltung ergötzt ihn, wie Lustspielscenen; der Straßenstaub auf ihren Kleidern, der Blumenstrauß, den sie auf den Tisch legen, der Kuß, welcher nach Tabak schmeckt, der Geruch

von Arbeit, von der Stadt, der Menschenmenge, vom Leben, den sie ihm an gewissen Tagesstunden zutragen, Alles macht ihm Vergnügen und erhöht seine Liebe zu ihnen, als ruhte in ihnen die Ursache seiner Freuden und nicht in dem Wiederaufleben seiner Natur. Freilich ist er nicht Allen dankbar, seine Zufriedenheit wird durch eine Wolke verdunkelt, denn Einige haben sich nach dem ersten Besuch nicht mehr sehen lassen, mehr als Einer, den er für einen Freund hielt, bat niemals sein Gesicht gezeigt. Aber wie gern wird er Allen verzeihen in der Freude des ersten Ausgangs, wenn sie ihn festlich begrüßen und ihm sagen werden, die Furcht, ihm beschwerlich zu sein – die Geschäfte – ein krankes Kind – das Übermaß ihres Schmerzes selbst ... Alles zusammengenommen, wird er sich zufrieden geben und sagen, was fast alle Kranken nach der Genesung sagen: »Man hat mir bei dieser Gelegenheit Beweise von Freundschaft gegeben, die ich mein Lebenlang nicht vergessen werde.«

 

Armer Teufel, wenn er Alles wissen könnte, was seine Freunde, auch die liebenswürdigsten, während seiner Krankheit gedacht und gefühlt haben! Es würde ihm gehen, wie einem guten, unwissenden Manne, der mit Wollust auf der Terrasse seines Hauses einen Schluck »reinster« Luft eingesogen hätte und dann unter dem Mikroskop erkennte, was er eingeathmet hat: Eisenstaub, Baumwollenfäden, Kalktheilchen, Mehlstäubchen, Infusorienskelette und kleine lebende Krustaceen. Freund *** ist schwer erkrankt! Bei Empfang einer solchen Nachricht fragt sich Jeder sogleich, welche Leere der Tod des Freundes in seinem Leben zurücklassen, welche Gewohnheiten er stören würde, welche Genüsse er ihm entziehen oder vermindern könnte, und er denkt sogleich an die Mittel, Alles auszugleichen, sein Leben ohne ihn einzurichten. Wenn er das gefunden, sein Gemüth von dieser Sorge befreit hat, erst dann tritt »der Schmerz« in sein Recht, Der Schmerz! Das ist das abgenutzteste menschliche Wort nach der Liebe. Wir empfinden wirklichen Schmerz nur beim Tode derjenigen, welche durch ihr Hinscheiden in unserm Leben eine tiefe Störung verursachen, und dieser Schmerz besteht zum großen Theile aus Befürchtungen. Für alle Andern fühlen wir nur Traurigkeit. Das ist kein Schmerz, der nicht das Lächeln und ein gewisses angenehmes Gefühl des Lebens unmöglich macht. Auch die aufrichtig betrübten Freunde nehmen eine noch traurigere Maske vor's Gesicht, als der Wahrheit entspricht, wenn sie den kranken Freund besuchen. Armer Kranker! Er sieht nicht ihre trocknen, kalten Gesichter, welche für gewöhnlich den Ausdruck der Betrübniß tragen; es ist derselbe, wie der der tiefen Aufmerksamkeit, unter welchem man ruhig an seine eignen Angelegenheiten denken kann. Er sieht nicht die Ungeduld, die verstohlen durch das Fenster nach der Straße geworfenen Blicke, nicht wie sie eilig und vergnügt die Treppe hinuntersteigen, sich inmitten ihrer gesunden Familie fröhlich zu Tisch setzen, in einem hellen Zimmer voll Wohlgeruch, das durch den Vergleich mit dem eben verlassenen noch gewinnt. Er weiß nichts von den Konvenienzvisiten, nachdem man seufzend die Tage an den Fingern abgezählt hat; er erkennt nicht den scheelen Blick, den ihm ein Herzensfreund zuwirft, weil er ihm zürnt, als ob er ihm durch seine Krankheit absichtlich seine Zeit raubte, ihn vorsätzlich von seinen Geschäften abzöge; er ahnt nicht das unedle Gefühl von Widerwillen, den sein armes, entstelltes Gesicht einflößt, die elenden Anstrengungen der Einbildungskraft, durch deren Hülfe heuchlerische Freunde sich in feierlichen Augenblicken eine Thräne auspressen, die abscheulichen Wünsche andrer Freunde, die zum Besuch gezwungen sind, wenn die Krankheit sich über das Maß ihrer Zuneigung und ihrer Beständigkeit hinaus verlängert.

Aber die Krankheit ist noch die den Illusionen der Freundschaft am wenigsten gefährliche Form des Unglücks; der Schein kann hier an die Stelle der Wirklichkeit treten, man braucht dem Freunde nur ein wenig Zeit zu opfern. Aber man muß auch die menschliche Natur nicht verläumden. Wie in einer Kompagnie Soldaten vor einer Gefahr sich immer zwei oder drei tollkühne Helden offenbaren, die sich niemals als solche gezeigt hatten, so enthüllt sich in jeder Gesellschaft von Freunden, zu Häupten eines kranken Freundes, in solch schrecklichen Tagen immer irgend eine edle Seele, mit warmer Hingebung für den Leidenden, unermüdlich und unerschrocken, welche durch ihr Beispiel die Lauen erwärmt, die Wohlgesinnten ermuntert und die herzlosen Heuchler beschämt. Gewöhnlich ist es einer

von den nächsten Freunden, oft aber auch einer der am meisten vernachlässigten, ein kalter, verschlossener Mann, welcher beim Hauch des Unglücks sich verwandelt und wächst, ähnlich wie gewisse Blumen Sibiriens, welche ihre Blätter nur öffnen, wenn der Himmel sich verdunkelt und ein Gewitter droht.

 

Kein Unglück ist für die Freundschaft verhängnißvoller, als der Sturz aus der Wohlhabenheit in die Armuth. Dem, welcher sich in diesen: Falle befindet, stellt sich ein wunderbares Schauspiel dar, ähnlich, wie man es auf den Planeten gewisser Sternensysteme mit zwei Sonnen wahrnehmen muß, wenn auf einer Seite eine rosenfarbene Sonne untergeht und auf der andern eine grüne sich erhebt, so daß die Welt ihre Farbe wechselt. Warum verursacht es größere Pein, Geld hergeben zu müssen, als das Leben, wie Lepvardi mit seinem übertriebenen Sarkasmus sagt? Vielleicht darum, weil dieses auf unbestimmte Weise eine gewisse Summe von Bequemlichkeit, Vergnügen, Macht, Ruhe darstellt, welche die Einbildungskraft in dem Augenblicke, wo wir uns davon trennen, vergrößert und verwirrt, so daß wir uns unendlich vieler solcher Dinge zugleich zu berauben glauben. In wenigen Tagen ändert sich Alles nm den Unglücklichen her: die Gesichter der Freunde, die Betonung ihrer Reden, die Stimmen ihrer Dienstleute, das Aussehen ihrer Hausthüren, die Blicke, die Grüße, selbst der Gang, Ihm scheint es, als befände er sich in der Mitte und alle Menschen und Dinge würden durch eine unwiderstehliche

Centrifugalkraft von ihm weg geschleudert. Wo er erscheint, bildet sich schnell ein leerer Raum, wie vor den alten Sultanen, welche unter Vortritt des Scharfrichters ausgingen. Die zahlreiche Familie seiner Freunde flieht, verbirgt sich, versinkt, zerschmilzt bei seinem Auftreten, wie ein Haufen ruhiger Bürger, die von Hagelwetter überrascht werden. In der That das Gefühl, das er den Meisten einflößt, ist Schrecken, Als gefühllose Egoisten vor einem Manne dazustehn, den man so lange seinen Freund genannt, vor dem man immer edel und großmüthig zu scheinen versucht hat, ist eine schreckliche Probe für Jedermanns Stolz, Alle suchen sich ihr auf irgend eine Weise zu entziehen, selbst durch unverschämt offenbare Kunstgriffe, nur um nicht mit einer Weigerung im Gesicht vor ihn hintreten zu müssen. Diejenigen, welche nicht ausweichen können, ziehen sich auf die elendeste Weise aus der Verlegenheit. Einige werden demüthig aus Furcht vor Verachtung, bringen ihre Weigerung in zitternden Worten vor, immer ängstlich das Gesicht des Freundes beobachtend, dem sie dann tausend andre, auch für sie wichtige Dienste zu leisten suchen, nur um nicht seine Achtung zu verlieren, auf die sie doch, so sagt ihnen ihr Gewissen, keinen Anspruch mehr haben. Andre verbergen ihre Scham unter verstellter Grobheit, sie wollen lieber schnell und ein für allemal brechen, um aus dem Freunde einen Feind zu machen: dann brauchen sie keine Gewissensbisse mehr zu fühlen. Gute Kerle, die sich immer für fähig gehalten hatten, bei passender Gelegenheit ein Opfer für einen Freund zu bringen, fühlen sich peinlich bedrückt, da sie entdecken, daß sie ebenso egoistisch sind, wie alle Andern, ja es geht ihnen bisweilen so nahe, in ihrer eignen Meinung gesunken zu sein, daß sie eben dem Freunde, der sich vor ihnen gedemüthigt hat, Mitleid einflößen und seinen Stolz wieder heben.

Von denen, welche wirklich etwas geben, suchen die Meisten sich durch eine übereilte, lärmende Zustimmung zu betäuben, die sogleich von der That gefolgt und von einer zwanglosen, geschwätzigen Fröhlichkeit begleitet ist; darauf folgen dann in der Einsamkeit heftige Auslassungen von Ärger. Alle sind mit Schulden, Verbindlichkeiten, hungrigen Verwandten, kostspieligen Geliebten, diebischen Aufsehern, mit Söhnen beladen – mit natürlichen Söhnen, die auf entfernten Universitäten studiren – Alle sind sie lasterhaft, leichtsinnig und verzweifelt. Alle suchen sie tausend Spitzfindigkeiten auf, um sich selbst zu überreden, jene Abweisung sei mit wahrer Freundschaft vereinbar, sie sei eine Ausnahme, durch die Umstände entschuldigt, denn

Alle wollen sich die Täuschung bewahren, sie wären gute Freunde und hätten ein Recht, deren zu besitzen. Der um Hülfe Bittende seinerseits ist durch eigne Schuld gefallen, er warf das Geld zum Fenster hinaus. Jedermann versteht ihm nachzurechnen, ein Teppich für dreihundert Mark, den er besaß, wird viel besprochen, die halbe Welt weiß, daß er vor drei Monaten ein Telegramm von fünfzig Worten abgesandt hat. Aber Niemand spricht davon, wenn man ihn in der Ferne sieht, bleich und fast zerlumpt, wie er in eine Querstraße einbiegt; die Freunde sehen sich an und sprechen von etwas Anderem, Eines Tags erscheint er dann wieder wohlgetleidet und zufrieden. Wer bat es ihm gegeben? Der und der, ein Freund, der sich's vom Munde abgespart hat. »Wohl, es ist eine schöne Handlung«, sagen sie, »was der Eine nicht thut, thut der Andre; es giebt noch edle Herzen in der Welt,« Aber zwischen dem, der gebeten, und dem, der abgeschlagen hat, wird die alte innige Freundschaft nicht wieder angeknüpft; der Eine hat kein Vertrauen mehr, die Andern haben sich selbst gerichtet; was sie auch thun mögen, um sich wieder anzunähern, es trennt sie das Bild eines geizigen Mephistopheles, der sie angrinst, mit zwei Geldstücken als Augen.

 

Unter den Unglücksfällen ist der Freundschaft vielleicht am wenigsten verderblich einer jener großen Zusammenstürze des

Stolzes, welche den Menschen ebenso betäuben und muthlos machen, wie der wüthende Hohn einer großen Menschenmenge. Aber wie traurig ist es doch! Bei der ersten Nachricht fallen ihn Alle an, um ihren Kredit zu retten, wie es mit einer Bank geschieht, wenn sie brechen will. Die Leichtigkeit der Rache belebt in seinen Freunden sogar schon abgestorbenen Groll von Neuem, Er muß jetzt Alles auf einmal bezahlen: jedes unhöfliche Wort, jeden boshaften Witz, jeden Sieg bei Diskussionen, jedes kleine Glück, das ihm anscheinend schon seit zehn Jahren verziehen worden war. Gewisse entfernte Freunde, die er lange vergessen hat, schreiben an ihn, um sich von dem Neide, den sie früher fühlten, zu erholen, und legen in ihre Beileidsbezeigung einen Stachel. Im Grunde der Augen seiner vertrautesten Freunde kann er, wenn er wohl aufmerkt, hinter dem Ausdruck des Mitleids und der Zuneigung einen Schimmer von Lächeln, einen kleinen, leuchtenden Punkt wahrnehmen, wie die Spitze einer silbernen Nadel, deren Stich er wird fühlen müssen.

Ach, er läuft nicht Gefahr, allein gelassen zu werden! Viele werden sich um ihn schaaren, sich zu seinen beständigen Gefährten machen, glücklich, auf den Ruinen seines Stolzes sitzen, den wandelnden Leichnam seines Hochmuths spazieren führen zu können. Ist sein Sturz durch irgend eine riesige, wissenschaftliche Ungereimtheit verursacht, so werden Bankeruttirer der Wissenschaft und Kunst sich an seine Seite drängen; wenn er sich durch eine unsinnige Handlung der Kleinmüthigkeit ruinirt hat, so wird ihn die Schaar der Verzagten im Triumph umgeben; wenn ihn die skandalöse Flucht seiner Frau in Lächerlichkeit ertränkt hat, so werden ihm alle Freunde mit gehörnter Stirn, von häuslichem Glück strahlend, in die Augen sehen. Es ist eine Wuth allgemeiner Genugthuung, ein Kontagium, dem auch die Besten nicht entgehen, eine weichliche, rohe Wollust, die sich Aller bemächtigt, diesen Gegenstand ohne Aufhören auszudrücken nnd auszuringen, in endlosen Unterhaltungen, die tausendmal mit denselben Worten von Neuem anfangen; und wenn er glaubt, daß die Unbarmherzigsten der Sache nun müde seien, so setzen die Wohlwollendsten den Genuß noch fort. Vielleicht wenn er den Muth hätte, Einen nach dem Andern von seinen ehrlichsten Freunden bei Seite zu nehmen und ihnen mit unwilliger, trauriger Stimme offenherzig zu sagen: »Aber sei Du wenigstens mein wahrer Freund, habe Mitleid mit mir, vertheidige mich, liebe mich!« so würden ihm die Meisten bewegt die Hand reichen, denn was sie hart und grausam macht, ist nicht Bosheit, sondern kindische Unart nnd weiberartiger Leichtsinn. Aber der geringe Stolz, der ihm noch übrig ist, schließt ihm den Mund und die lachende Feindseligkeit der Freunde, durch diesen Anschein von Widerstand am Leben erhalten, dauert fort, erhebt die Stimme lauter und erweitert ihren Kreis, bis endlich die edelmüthigsten, von dieser feigen Hartnäckigkeit angewidert, in sich gehen und sich empören und sich zwischen das Opfer und seine Verfolger stellen. Dann schweigen Alle nach und nach und stellen sich auf die Seite der Vertheidigung, oder vergessen das Geschehene und suchen auf dem Felde ihrer eignen Freundschaft nach einem neuen Gefallenen, Vae victis gilt auch unter Freunden, und glücklich der Besiegte, der unter ihnen nur einen aufrichtig Mitleidigen findet, nur einen Einzigen.

 

Nun wohl, das Alles ist traurig, aber was bedeutet das, wenn uns der größte aller Unglücksfälle trifft? Ach, in jenen ewig langen, schrecklichen Nächten, wo der Tod unser Haus betreten hat, wo unser kindliches Herz blutet oder unsre Vaterseele verstümmelt die bittersten Klagen ausstößt; in jenen Augenblicken, wo in unsrer Seele wüste Dunkelheit, welche an Wahnsinn grenzt, und Blitze, welche uns die Zukunft bis in's späteste Alter als eine Einsamkeit schrecklicher als Tod der zeigt, auf einander folgen, wenn man durch die ungeordneten Zimmer wankt, zwischen knieenden, schluchzenden Frauen, überall jenes bleiche Gesicht erblickt, hundertmal jenen Namen ruft und wünscht, wahnsinnig zu werden oder zu sterben. Ach, wie segnen wir in solchen Augenblicken das unerwartete Erscheinen eines Freundes, sein bleiches Gesicht und die ausgestreckten Arme, die er uns entgegenhält! Wie Wohl thut es, sich ihm an die Brust zu werfen, ihm um den Hals zu fallen, ibm unsre Trostlosigkeit zu zeigen, während wir heiße Thränen vergießen, wenn wir dann seine liebkosende Stimme hören,

wenn er unsre Namen nennt, uns ermuthigt, uns an unsre Pflichten gegen die Überlebenden erinnert und zu uns sagt: »Ich bleibe bei Dir, ich verlasse Dick nicht, zähle auf mich, wie auf einen Bruder!« Während wir unsre Stirn an seine Schulter drücken, um jenes schreckliche Zimmer nicht mehr zu sehen, ziehen undeutliche Erinnerungen an unsre gute Freundschaft an unserm Geist vorüber – ein Dorf im Gebirg, wo wir zusammen bei Sonnenuntergang ankamen – ein fröhliches Zusammentreffen auf einsamer Straße – ein schöner Abend, den wir zusammen am Kamin, im Schoße der Familie zugebracht, als uns noch Niemand fehlte und Alle gesund und zufrieden waren – uud Alles das ist nun zu Ende, zu Ende unsre heitere Freundschaft, zu Ende unsre schönen, fröhlichen Spaziergänge – niemals mehr wird uns unser lieber Freund lachen sehen – es ist ein ewiges Lebewohl an unsre Vergangenheit, das wir ihm jetzt mit einer Umarmung sagen, ein Lebewohl an unsre Jugend, an unsre Freunde und an unsre Hoffnungen, Dieser Gedanke läßt eine neue Schmerzenswoge aus unserm Herzen hervorbrechen, und unsre Thränen fließen stärker. Möchten wir uns jedesmal diese Scene von Neuem vorstellen, so oft wir im Begriff sind, einen Freund zu beleidigen! Sieh dich vor, sollten wir sagen – vielleicht wirst Du eines Tages in den Armen dieses Mannes das Schluchzen der Verzweiflung ersticken – vielleicht in einem Monat – vielleicht morgen!

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