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Unsere Freunde

Edmondo De Amicis: Unsere Freunde - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorE. de Amicis
titleUnsere Freunde
publisherHermann Costenoble
addressJena
printrunZweite Auflage
year1895
translatorDr. R. Teuscher
illustratorG. Amato, G. Colantoni, J. Farina, D. Paolocci, E. Ximenes, G. Peunasilico
correctorhille@abc.de
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Die abwesenden Freunde

Welche seltsamen Streiche spielt uns unser Gedächtniß in Bezug auf die Freunde aus unsrer Kindheit! Wenn wir uns diese Zeit in die Erinnerung zurückrufen, sehen wir wie ein weites Gemälde, an einigen Stellen hell beleuchtet, an andern ganz dunkel, voll Lücken und unvollständige, undeutliche Gestalten, die uns zu denken geben. Wir Alle erinnern uns wohl unsrer ersten Schule, der Wände, des Fensters, durch welches die Sonne auf die Bank schien, des Tisches des Lehrers, der Stelle, wo wir zum ersten Mal saßen, unsre Thränen verschluckend, während der Vater von der Thür aus den letzten Gruß zuwinkte. Aber wenn wir versuchen, die Bilder unsrer Schulgefährten wieder zu beleben, finden wir leere Bänke, ganze Reihen von Köpfen sind verschwunden. Von Einigen erinnern wir uns noch undeutlich der äußern Gestalt, der Größe, selbst der Farbe gewisser Kleider, aber das Gesicht ist ganz verschwunden; sie stehen wie Geköpfte in unserm Gedächtniß. Von gewissen Gesichtern sehen wir noch ungefähr den Umriß, die Farbe, den heitern oder traurigen Ausdruck: aber die Gesichtszüge sind verschwunden. Wir erinnern uns an Geberden, Worte, den Klang von Stimmen, wissen aber nicht mehr, wem sie angehörten; an Namen, denen keine Persönlichkeit mehr entspricht, Endsilben von Namen, deren Anfang wir nicht mehr treffen können. Schatten von Personen, Phantasmen ohne Namen und Gestalt, nehmen eine Stelle in unserm Kopf ein, ohne daß wir wissen, wie oder warum, eine Art geheimnisvoller Winke des Gedächtnisses, die wir nicht verstehen können. Sehr wenige von diesen vielen Gefährten stehen noch ganz und deutlich vor unsern Augen, wie Figuren aus einem Freskogemälde, wunderbarer Weise verschont von der Feuchtigkeit, welche alle andern verzehrt hat; aber es liegt uns auch wenig daran, diese Genossen wiederzusehen. Wovon sollten wir auch reden, wenn wir uns wiedersähen? Unsere gemeinschaftlichen Erinnerungen sind so unbestimmt und haben für einen Jeden einen so persönlichen Werth, daß sie kein Band der Freundschaft bilden können. Wenn wir bisweilen mit einem Gefährten aus jener Zeit zusammentreffen, so dauert das Vergnügen des Wiedererkennens nur einen Augenblick, dann werden Beide nachdenklich und ein wenig traurig. Nein, die Dinge haben sich allzusehr verändert.


Die Freunde, welche man am lebhaftesten wiederzusehen wünscht, sind diejenigen, mit denen man zwischen fünfzehn und achtzehn Jahren umgegangen ist, wenn der Knabe zum Jüngling reift und im Jüngling sich der Mann zu regen beginnt. Zu einer gewissen Zeit zerstreut sich diese Freundesgruppe fast mit einem Schlag. Familienunglück, ministerielle Dekrete, jugendliche Heirathen, unversehens eröffnete Aussichten auf Anstellung beeinflussen uns und zerstreuen uns nach allen Seiten, die Einen wenige Meilen weit, Andre nach dem entferntesten Theile des Landes und bringen eine große Verwirrung von verfehlten Absichten, getäuschtem Ehrgeiz, getrübten oder zerrissenen Interessen und Neigungen hervor; Jeder stürzt sich auf seinem besondern Wege in die große Jagd des Lebens, tritt in eine neue Welt, in einen neuen Freundeskreis ein. Es vergehen Jahre und Jahre. Der ungestüme Regenstrom der jugendlichen Leidenschaften verläuft sich; die ersten Schmerzen erscheinen und betäuben uns; wir ringen in unsern ersten Kämpfen mit der Welt, und während dieser ganzen Zeit, wo wir so schnell vorwärts gehen, daß wir uns fast nicht umsehen können, erinnern wir uns nur selten und flüchtig der Ereignisse und Gefährten unsrer Jugend, die uns schon sehr fern zu liegen scheint. Erst gegen die dreißiger Jahre, und manchmal später, verlangsamt sich der Schritt, und man fängt an, ruhig den Weg zu überschauen, den man durchmessen hat; man kehrt in Gedanken zu den Freunden vom fünfzehnten und achtzehnten Jahre zurück, um in ihnen sich selbst wiederzufinden und die Veränderungen zu erkennen, welche in uns nach dem Vergleich unseres damaligen mit unserem heutigen Ich stattgefunden haben. Dieser erste Überblick über unsre jugendliche Gesellschaft gewährt uns ein Vergnügen, welches dem der Rückkehr von einer Reise ähnelt. Einige von diesen Freunden hat uns nach drei oder vier Jahren eine Woge des Lebens wieder nahe gebracht und mit unsern neuen Freunden vermischt, andre kamen nahe an uns vorüber, hatten aber kaum Zeit, uns zu begrüßen und entfernten sich wieder, von dem Strome fortgetragen, von andern hat man nicht mehr reden hören, sie sind verschwunden, ohne eine Spur zurückzulassen, wie Schiffbrüchige auf hohem Meere; von einigen hat man in großen Zwischenräumen etwas gehört, man hat sie von Zeit zu Zeit, bald nah, bald fern, an die Oberfläche kommen sehen, bis vor einigen Jahren; dann sind auch diese untergetaucht, man weiß nicht wo, und nicht wieder erschienen. Mit andern geht es uns seltsam: eines Tags schnellen sie unversehens in unserm Gedächtniß empor, wie die Springfederpuppen aus der Schachtel, und wir bemerken erst in diesem Augenblicke, daß wir seit zehn Jahren nicht an sie gedacht haben, daß sie durchaus vergessen, so zu sagen, scharf aus unserm Gedächtniß herausgeschnitten waren. Und bisweilen ergreift uns unversehens ein lebhaftes Verlangen, sie wiederzusehen.


Viele von diesen Wünschen verfliegen wieder im Laufe des Lebens. Dafür erfolgen Wiedersehen, die man auf keine Weise voraussehen konnte, unter höchst komischen Umständen, auf die wunderlichste Weise; wir stoßen auf einander, fallen über einander her, werden zusammengewürfelt, wie Lottonummern, die man in der Urne gemischt hat, oder wie die Personen in alten Ritterromanen. Eines Abends, am Eingang des Theaters, stoßen wir mit dem Kopfe gegen den Cylinder eines Unbekannten; wir betrachten ihn am Schalter, er betrachtet uns – er ist unser ehemaliger Nachbar auf der Bank des Gymnasiums, den wir seit zwanzig Jahren nicht gesehen haben, er ist es mit Leib und Seele, wie er uns mit weit geöffneten, erstaunten Augen und einem Mund wie das Schild einer Apotheke ansieht. – Ihr schlummert des Nachts in einem Waggon. Da springt Ihr plötzlich auf und schimpft auf einen hingestreckten, eingehüllten Reisenden, der Euch einen Stiefel auf die Brust gesetzt hat, und der nun seinerseits wüthend aufspringt, um Euch für die Beleidigung zur Rechenschaft zu ziehen. Ihr steht Euch Beide, Gesicht gegen Gesicht, in feindlicher Haltung gegenüber, unter dem Licht der Lampe, und ruft aus: »Mein Herr! – Mein Herr!« Dann werdet Ihr plötzlich sprachlos vor Erstaunen und brecht in lautes Gelächter aus. Es ist ein alter Schulfreund, der Euch vor achtzehn Jahren die erste Cigarre in den Mund gesteckt und Euch dann weiß wie einen Todten am Arme nach Hause geführt hat. Ihr kommt zum ersten Male in eine große Stadt, und beim abendlichen Spaziergang seht Ihr unter

einer unbekannten Menge vor Euch einen besonders gebildeten Nacken, einen Rücken, der nicht ist, wie andre Rücken, auf welchem Ihr glaubt in früherer Zeit, bei einer Schulbalgerei, herumgetrommelt zu haben. Ihr geht schneller, nennt einen Namen – und es ist wirklich derselbe Rücken. Der Mann hat sich schnell umgewendet und Euch das Gesicht des frühern Kollegen gezeigt, der Euch vom Kopf zu den Füßen betrachtet, ohne Euch zu erkennen, so ernsthaft, wie ein Polizeikommissär, was Euch einen Augenblick lang unendliches Vergnügen macht.

Es giebt auch traurige Erkennungsscenen. An einer Wirthstafel, im Ausland, seht Ihr plötzlich den Kellner unbeweglich und verlegen werden, wie er eben einen Teller vor Euch hinsetzen will. Er hat das erste Jahr mit Euch studirt, und Euch mehr als einmal sein Heft geborgt. Diese Fälle, welche im Allgemeinen selten sind, folgen in gewissen Zeitabschnitten mit erstaunlicher Häufigkeit auf einander, es giebt Jahre voll von Überraschungen. Es giebt unglaubliche Begegnungen, welche uns einen Schritt zurücktreten und den Kopf auf die Seite wenden lassen, wie bei der Erscheinung eines vom Tode Auferstandenen: bisweilen Brust gegen Brust beim Umbiegen um eine Ecke, in einer fremden Stadt, im

letzten Augenblicke, wo wir eben Beide nach entgegengesetzten Seiten abreisen wollen, mit dem Reisesack in der Hand, oder am frühen Morgen auf einem Schiff, wo wir eben aus zwei neben einander liegenden Kojen herabgesprungen sind, nachdem wir schon eine Weile, wie zwei Unbekannte, mit einander geschwatzt haben, andere Male auf einer belebten Straße, eine Minute, nachdem der Eine an den Andern und an die entfernte Möglichkeit gedacht hat, ihm irgend einmal in der Welt zu begegnen, was übrigens sehr selten vorkommt. Das sind Begegnungen, welche Einen nachdenklich machen, fast mit dem Ahnen einer Vorsehung, eines übermenschlichen Willens quälen, der uns zu irgend einem geheimnißvollen Zwecke auf denselben Weg gebracht hätte.

 

Alles dies ist angenehm in der Vorstellung, in der Wirklichkeit aber, wie viele Enttäuschungen! Es ist selten, daß man befriedigt wird. Es giebt allerdings edle Seelen, herzliche Leute, welchen solche Begegnungen unbezahlbare Freude bereiten: beim ersten Blick fallen sie Euch um den Hals, küssen Euch auf beide Wangen und begleiten Euch dann ein gutes Stück Wegs mit umschlungenem Arm; sie betrachten Euch mit feuchten Augen, streicheln Euch, wie einen wiedergefundenen Sohn, keuchend und glückselig; sie hören nicht auf, ihre Freude laut zu äußern, so daß die Leute stehen bleiben und glauben, das lebende Bild der Freundschaft vorüberziehen zu sehen. Aber es giebt auch Andere, denen man gern, wie sie dastehen, einen Hieb versetzen möchte, ohne ein Wort als Vorrede. In ihrem Gesicht bewegt sich kein Muskel, ihre Stimme erhebt sich um keinen Ton; sie halten Euch die Hand hin, wie sie es bei der Handschuhhändlerin thun würden, um sich das Maß nehmen zu lassen und fragen Euch nach Eurem Befinden mit derselben Ruhe, als begegnetet Ihr Euch jeden Morgen. Nach fünfzehn Jahren! Was für Hände! Dazu sind sie im Stande, den Faden ihrer eignen Gedanken sogleich wieder aufzunehmen, und erzählen Euch die Wechselfälle einer Partie Briscola, die sie gestern Abend gewonnen haben, ohne über Eure Verhältnisse eine einzige Frage zu thun. Welch schlechten Eindruck machen uns diese Eis- oder Schmutzklumpen, und mit welcher Ungeduld erwarten wir die nächste Ecke, um sie da einfach stehen zu lassen. Diese Beiden stellen die äußersten Extreme dar: zwischen ihnen liegt die unendliche Gradeintheilung des Thermometers des menschlichen Herzens. Da ist der Freund, der Euch mit lauten Ausrufungen entgegeneilt, die Arme weit geöffnet, wie Windmühlenflügel; er thut es nicht aus Antrieb des Herzens, sondern aus einem gewissen schauspielerischen Instinkt, der ihn zu lärmenden, in die Augen fallenden Äußerungen treibt, so daß die Vorübergehenden sagen: »Welch edles Herz!« Dann ist der selbstzufriedene Freund, welcher berühmt, reich oder mächtig geworden ist; er kommt Euch mit ausgestreckten Händen entgegen, sucht die Gefährten seiner ersten Jugend begierig auf, in welchen äußern Verhältnissen sie sich auch befinden mögen, demüthigt sich sogar vor ihnen, wenn es nöthig ist, nicht aus Herzensgüte oder Zuneigung, sondern um seiner Eitelkeit eine Genugthuung zu verschaffen, wenn er ihnen seine Erhebung zeigt, um sich, wäre es auch nur eine Stunde lang, von denen bewundern und beneiden zu lassen, die sonst seines Gleichen waren und nun hinter ihm zurückgeblieben sind. Da ist der arm und unbekannt gebliebene arme Teufel, der Euch aus dem Wege geht, nicht aus Verachtung, sondern aus einem Gefühl der Würde und Scham, um Euch nicht sein trauriges Gesicht und seinen abgetragenen Rock zu zeigen, oder er empfängt Euch mit stolzer Kälte, um Eurem Hochmuth zuvorzukommen, dessen Lächeln ihn demüthigen würde. Fast alle ohne Ausnahme, wenn sie von Ferne einen Genossen ihrer ersten Jugend kommen sehen, berechnen schnell, ehe sie auch von ihm erblickt werden, ob ihre Eitelkeit beim Zusammentreffen etwas zu gewinnen oder zu verlieren hat, und oft, wenn Ihr sie unbemerkt beobachtet, könnt Ihr ihr Schwanken an dem ungleichen Schritt, ihrer unsichern Haltung erkennen. Mancher nähert sich zuerst und entfernt sich dann wieder, er hat seinen Entschluß geändert; ein Andrer stellt sich augenfällig hin und liest einen Anschlagszettel, damit Ihr den ersten Schritt thun sollt; noch Einer stellt sich sogar, als ob er Euch unabsichtlich anstieße, damit das Erkennen von beiden Seiten zugleich stattfinde, ohne daß es der Eine mehr zu wünschen scheint, als der Andre. Es giebt auch kleinliche Seelen, die Euch ausweichen, aber so, daß Ihr es bemerken müßt, oder Euch einen eisigen Empfang bereiten, um sich noch in solchem Augenblick wegen einer kleinen Unart, einer Schulbeleidigung zu rächen, die Ihr ihnen vor zwanzig Jahren zugefügt habt, und die sie sorgfältig im Herzen aufbewahrten, wie eine vergiftete Nadel, in Erwartung einer Gelegenheit, sie herauszuziehen und Euch in die Haut zu pflanzen, wenn Ihr zusammenträfet.

Aber wer könnte alle Seltsamkeiten, alle Erbärmlichkeiten der Eitelkeit und des Egoismus aufzählen, welche sich bei solchen Begegnungen offenbaren? Es giebt ihrer sogar, die dem Freunde weit aus dem Wege gehen, und zwar wegen einer blos physischen Eitelkeit: weil sie ihm nicht ihre weißen Haare oder eine Lücke in den Vorderzähnen zeigen mögen. Ein Andrer bleibt Euch fern, weil er fürchtet, Euch zum Essen einladen zu müssen, und versetzt Eurer Freundschaft einen Fußtritt, verzichtet darauf, Euch das ganze Leben lang wiederzusehen, um einen Thaler zu sparen. Ein Andrer kommt Euch entgegen, aber da er Euch einen Augenblick ungewiß sieht und darum argwöhnt, Ihr hättet geringes Verlangen, mit ihm zusammenzusein, so macht er sich ohne Weiteres davon und zwingt Euch, dasselbe zu thun. Daraus entwickelt sich für Euch eine Art seltsamer, stummer Korrespondenz: wenn Ihr Euch später wieder begegnet, blickt Ihr einander an, ohne zu grüßen, und Jeder scheint zum Andern zu sagen: »Aber warum thust Du nicht den ersten Schritt, Dummkopf?!« Da ist endlich noch der wackere Freund von gutem Stoff, der aber Euren Freudenausbrüchen schlecht entspricht, er ist zerstreut, übler Laune, so daß es uns wehe thut und wir uns beleidigt fühlen. Aber das thut er nicht aus schlechtem Herzen, durchaus nicht, sondern aus einem ganz geringfügigen Grunde. Lieber Gott! Ihr seid zu einer unglücklichen, unpassenden Stunde gekommen: es steht ein Fest unter Freunden bevor, die Gesellschaft paßt nicht für Euch, Ihr würdet sie stören. In jedem andern Augenblick würde er Euch mit Freudenthränen empfangen; aber es ist Eure Schuld. Er wird eine Zeit lang Reue und Scham empfinden, und zwar aufrichtig; es ist eine Sünde: Ihr hattet Euch zwanzig Jahre nicht gesehen. Aber so geht's: wenige Freundschaften widerstehen der Probe einer Unbequemlichkeit. Die Zuneigung hat einen Stundenplan; es giebt Tage, wo das Herz »nicht empfängt«.

 

Einerlei: ein einziger Herzensfreund, den man wiederfindet, der dem ersten, edlen Antriebe folgt, ist ein Ersatz für die Gefühllosigkeit und Erbärmlichkeit von hundert andern. Es ist ein Vergnügen, dem wenige gleichkommen. Er zieht vor uns einen Vorhang auf, hinter welchem wir mit einem einzigen Blicke in hell erleuchteter Ferne liebe Gesichter, poetische Landschaften, Schulen voll Kinder, hundert kleine Abbilder unsrer selbst gewahren. Es ist wie das lebendige Bild unsrer Vergangenheit, ein Bote, der uns einen Gruß von unsern Todten bringt, ein Duft der Neigungen und Freuden unsrer ersten Jahre, ein wenig Luft von allen Orten, wo wir gelebt haben, ein wenig Staub von allen Dingen, die wir liebten. Dann werden vor allen Dingen unsre körperlichen Schäden untersucht, besonders hinter den Ohren der Zustand des Ergrauens. Wie schnell wird man mürbe, lieber Himmel! Die Zeit hat ihre Verheerungen angerichtet, eine Menge Haare aus dem Scheitel ausgerissen, ein Faltennetz um die Augen ausgebreitet, unter dem Kinn Hautbeutel angebracht, welche aussehen, wie Geschwülste von gebratenen Äpfeln, und hie und da verschlungene topographische Zeichnungen ausgeführt, aus deren Zierlichkeit man sieht, daß sie mit Liebe gearbeitet hat. Der Eine sagt zum Andern: »Du siehst gut aus«, was soviel sagen will, als »Du bist heruntergekommen«. Ja, in der That, gewisse Abrundungen in den vierziger Jahren, dazu der Anfang einer leichten Rückenwölbung, welche zuzunehmen droht, lassen uns, als gute Brüder, mitleidig lächeln, doch mit einiger Traurigkeit, Ach, Ihr schönen schlanken Taillen, die Ihr Euch zierlich in den schmachtenden Verschlingungen der Mazurka wiegtet, ach, wo seid Ihr jetzt?

Gewisse kleine Fehler, die in der Jugend kaum sichtbar waren, haben sich unverschämt bemerklich gemacht und die Sorglosigkeit des Familienvaters benutzt, der andre Sorgen hat; es sind gewisse halb komische Fettauftreibungen der Gesichtsumrisse entstanden, die fast krankhaft aussehen und uns die Frage aufwerfen lassen: »Ist das Fett oder Geschwulst?«

Das ist diese verfluchte Entstellung der mittleren Jahre, welche noch nicht Achtung einflößt, wie das höhere Alter und doch schon die Abwesenheit der Jugend anzeigt, jene Abnutzung, infolge deren man von einer Frau sagt »sie ist verblüht«, etwas Rauhes und Hartes; es ist noch nicht der Verfall, aber die Abnahme, das häßliche, etwas burleske Ansehen eines halb gerupften Huhns. Es giebt aber auch Einzelne, welche noch so lebendig und grün sind, als wäre ihnen nichts widerfahren; sie haben die Zeit betrogen und tragen an sich nicht das geringste Zeichen, daß sie zwanzig Jahre mehr hinter sich haben. Sie sind muthwillig und eitel aus ihre hartnäckige Jugendlichkeit, die man mit Ärger betrachtet. Es giebt selbst Einzelne, welche sich sogar auf ihre Art verschönert haben. Sie waren mit achtzehn Jahren winzige Kerle, vertrocknete, elende Gestalten, wie lasterhafte Seminaristen, haben jetzt zugenommen und mit Hülfe eines großen Barts, der die Kinder fürchten macht, eine gewisse künstliche Stattlichkeit erworben, die ihnen nicht übel ansteht. Aber, Alles zusammengefaßt, ist es mit uns Allen dasselbe; mag man immerhin jugendlich aussehen, aber nach dem langen Marsch zeigen wir Alle etwas erschlaffte Gesichtsmuskeln und Staub in den Haaren. Mag man immerhin vom Edelmuth der Freundschaft sprechen, aber nichts macht zwei alten Freunden soviel Vergnügen, als wenn sie sich alle Beide mit gleicher Grausamkeit durch die Zeit gemißhandelt sehen.

 

Nach dieser ersten ästhetischen Prüfung fühlt man bald das Bedürfniß, sich in einem ruhigen Winkel einander gegenüberzusetzen und das Wiedererkennen zu vervollständigen. Nun, lieber Freund, die Jahre haben sich gehäuft auf unserm Rücken, nicht wahr? Das Leben ist hart, was meinst Du? Wir Alle, mit wenigen Ausnahmen, haben uns denselben Begriff davon gemacht; die Bitterkeit der Erfahrung ist bei Allen auf dieselbe Höhe gestiegen, wie sie auch gelebt haben, wie es mit einer Flüssigkeit in kommunizirenden Röhren geschieht, welches auch ihre Gestalt sein möge. Wie wir diese Fragen austauschen, können wir nicht umhin, uns einige Minuten schweigend zu betrachten und uns dem Gedanken hinzugeben, was denn dem Andern diese ganze Zeit über durch die Seele gegangen sein muß. Alles zieht im Fluge vor uns vorüber und flößt uns fast Furcht ein, wie das Vorüberziehen einer aufgeregten Volksmenge, große geheime Schmerzen, am Bette eines Sterbenden hingebrachte Nächte voll Schrecken und Qual, thörichter, krampfhafter Ehrgeiz, den die Welt zunichte gemacht hat, Verrath von Freunden, geistige Qualen, thierische Wollüste, düstre Tage, die wir mit dem Kopf zwischen den Händen, mit kochendem Blut, mit Selbstmordsgedanken zugebracht. Und dann die unzählbare Schar der kleinen Demüthigungen, der kleinen Kränkungen, der Würmer und Milben des Geistes und Herzens, Alles, was sticht, beißt, beschmutzt, was nach und nach aufzehrt und im Blick, auf den Lippen, in der Stimme eine Spur, einen nicht zu beschreibenden Ausdruck von Ermüdung zurückläßt, wornach man besser, als nach der Farbe von Haaren und Haut das Alter eines Menschen veurtheilen kann.

Ach ja, das Leben ist hart. Dieser Gedanke beherrscht uns Beide eine Zeit lang und zeigt sich zwischen fröhlichen Gesprächen immer wieder durch plötzliches Schweigen und ein Kopfschütteln, welches bedeutet: Es ist wirklich wahr. – Und wie wir uns wieder fröhlich die Hände schütteln und von vergangenen Zeiten sprechen, ist es uns, als hörten wir eine leise, ferne Melodie, begleitet von einer spöttischen Stimme, die uns ins Ohr raunt »Nun, es ist vorbei. Das grüne Vöglein der Hoffnung hat seine Schwungfedern verloren; die tausend Nachtigallen, die in Eurem Herzen sangen, sind entflogen, sie nisten jetzt im Herzen andrer Menschen. Vorüber sind die schönen, blauen Tage, wo man mit offnen Augen träumte, die Händedrücke, worin das Blut zweier Herzen durch eine gemeinschaftliche Ader zusammenzurinnen schien, die Küsse, die uns für Alles umher blind machten, die Freudenausbrüche, welche die Augen mit Thränen füllten. Verschwunden sind die tausend geheimnißvollen Hände, die Euch von allen Seiten des Horizonts zuwinkten: Komm! Ihr glaubtet es damals nicht, daß Alles vorübergehen würde, wie ein duftiger Lufthauch. Habt Ihr es nun gesehen? Seid Ihr davon überzeugt? Habt Ihr nicht Lust zu scherzen? Guten Abend, meine Herren!«

 

Nachdem die erste Freude vorüber ist, geht man an die Unterhaltung. Seit wir uns nicht gesehen haben, hat sich die halbe Welt verwandelt, ungeheure Heere haben sich vertilgt, der menschliche Geist hat Wunder gethan, ein ungeheures Feld für ernste Gespräche hat sich eröffnet. Wir aber haben kaum die ersten Fragen über Gesundheit und Beschäftigung kurz abgethan und stürzen uns sogleich in die Vergangenheit hinein, aber nur um alle Schülerthorheiten und Witze, komische Abenteuer, Lächerlichkeiten der Lehrer, einen Haufen namenlosen Unsinns wieder aufzuwärmen; wir wühlen darin mit beiden Händen herum, in eiligem, eifrigem Wettstreit, wie Kinder in einem Kasten voll Spielsachen nnd halten einige Augenblicke an, um Athem zu schöpfen und dann desto eifriger fortzufahren. So groß ist unser Bedürfniß, über diese Welt zu lachen, mit der Laterne die entferntesten, geringsten Gründe zum Lustigsein aufzusuchen, um uns wegen der tausend Sorgen zu trösten, die uns bedrücken und die tausend Übel zu vergessen, die uns bedrohen. Die erste Stunde ist ein Freudenfeuer der Erinnerung, ein festlicher Fischzug in den Wassern der Vergangenheit nach Namen und lustigen Anekdoten, ein Festzug von lustigen Karikaturen, eine drollige Nachahmung von Stimmen und Gesten, mit Ausbrüchen von Heiterkeit, bei denen wir den Kopf ebenso auf die Hand stützen, wie bei heftigem Weinen. Das ist eine von jenen schönen Stunden, die man niemals vergißt, wie einen frischen Trunk an einer Gebirgsquelle. Bald geht dann die Unterhaltung auf etwas Anderes über; man schlüpft schnell über politische und Familienereignisse weg; man betastet sich gegenseitig über Neigungen und Empfindungen, begierig, im Andern die Wirkungen der Zeit und der Erfahrung zu entdecke«, aber vorsichtig, in unbestimmten Ausdrücken, so daß man bei Zeiten die Hand zurückziehen kann, wenn sie eine Spitze fühlt; wir blättern uns gegenseitig durch wie ein Buch, worin man zu lesen sucht, ohne den Anschein zu haben, und blicken uns von Zeit zu Zeit verstohlen an, um zu sehen, ob der Ausdruck des Gesichts mit den Worten übereinstimmt. Man schweift überall herum, geht von der Politik auf die Liebe, auf die Geschäfte, auf den Tod über; die Unterhaltung nimmt nach und nach alle Farben, die Stimme alle Betonungen an. Man hat lachend angefangen und unterbricht sich, um die Augen zu trocknen, geht wieder zu heitern Gegenständen über, um unmerklich wieder in traurige Gespräche hinabzugleiten; man schlägt alle Tasten des Lebens an, wie es der Hand beliebt. Und plötzlich schweigen dann Beide still, erstaunt, daß sie nach so langer Zeit sich nichts mehr zu sagen haben, und blicken auf die in einem Sonnenstrahl tanzenden Stäubchen, welcher durch ein Fenster des einsamen Kaffeehauses hereinfällt. Beide sind ein wenig ermüdet durch diesen eiligen Lauf durch's Leben, der scharfe Duft aller dieser aufgerührten Erinnerungen ist ihnen ein wenig zu Kopf gestiegen; eine leichte Traurigkeit befällt sie, welche man den Schatten der Vergangenheit nennen könnte, ähnlich derjenigen, welche man beim Wiederbesuchen eines Hauses fühlt, das man viele Jahre bewohnt hat.

 

Wie seltsame und verschiedenartige Veränderungen findet man doch bei Freunden, die man seit den Jugendjahren nicht wiedergesehen hat! Einige, von heftigem, undisziplinirbarem Wesen, welche in der Welt das Oberste zu unterst kehren zu sollen schienen, sind in der Ehe wunderbar ruhig geworden; ihr Leben ist vom vierundzwanzigsten bis zum fünfunddreißigsten Jahre eine regelmäßige Kinderzucht gewesen; ihr Haus ist zur Kinderbewahranstalt geworden; sie waren geboren, um ihre Art fortzupflanzen; sie waren in ihrer Jugend nur darum unruhig und unbezähmbar, weil sie in ihrem Innern schon das kleine Volk sich regen fühlten, das sie später in die Welt setzen sollten. Jetzt sind sie nicht wiederzuerkennen: sie leben ruhig in ihrer Kinderfabrik, zufrieden mit ihrem Werk und sanft wie Lämmer.

Andre findet Ihr dürr wie einen Bratrost, mit verdummten Gesichtern. Sie waren Flüsse von Beredsamkeit und sprechen nur noch in einsilbigen Worten. Ihr klopft an die Pforte ihres Gehirns, aber Niemand antwortet, das Haus ist unbewohnt. Sie haben sich mit achtzehn Jahren dem Vergnügen ergeben und keine Pause darin gemacht, haben sich den Schädel, das Herz und die Adern ausgeleert. Sie rütteln sich ein wenig empor, da sie Euch wiedersehen und verfallen dann wieder in ihr schweigsames Wiederkäuen von sinnlichen Gedanken, und während Ihr vom Tode Eures Vaters erzählt, verfolgen sie mit glühenden Augen einen vorübergehenden Unterrock. Nach einer Viertelstunde schickt Ihr sie zum Teufel, und sie sind Euch dafür dankbar.

Einige zeigen eine sehr merkwürdige psychologische Erscheinung: die seit Eurer Trennung verflossenen zweiundzwanzig Jahre scheinen sie in ununterbrochenem Schlafe hingebracht zu haben. In demselben Geisteszustände, worin sie sich damals befanden, findet Ihr sie wieder; keine neue Idee oder Kenntnis; ist hinzugekommen. Mit denselben Worten wiederholen sie dieselben Reden, mit demselben Lächeln sagen sie dieselben Dummheiten; mit vierzig Jahren haben sie noch denselben wiedergekäuten Brei im Munde, wie mit achtzehn, in der Blüthezeit ihrer Ochsenjugend. Sie befinden sich im Zustand vollkommenster Erhaltung und leben und arbeiten wie bloße Verdauungsmaschinen.

Gerade das Gegentheil findet man bei Andern, wenn auch ziemlich selten: eine Leidenschaft, ein besonderes Ereigniß hat ihre Gedankenmaschine in Bewegung gesetzt, alle ihre Fähigkeiten haben sich gehoben und verstärkt; sie haben für sich selbst studirt und ein kleines Kapital von Kenntnissen gesammelt. Bei den ersten Worten entdeckt Ihr bei ihnen eine Vegetation von Ideen, eine geübte Denkkraft, einen wißbegierigen und kampfbereiten Geist, der Euch zwingt, auf Eurer Hut zu sein, und Ihr erstaunt um so mehr, als sie davon auf den Schulbänken kein Zeichen gegeben hatten, wo sie sich nur durch großartige Schnitzarbeiten mit dem Federmesser auszeichneten.

Es giebt auch einzelne gute Männchen, harmlos und sanft von Gemüth und Manieren, ebenso, wie sie als Knaben waren, bevorzugte Geschöpfe, welche durch's Leben ungetrübt dahingegangen sind, unberührt von Enttäuschungen, ohne Welterfahrung, wie gealterte Kinder, denen gegenüber Ihr, mögt Ihr auch einfach und optimistisch geblieben sein, Euch wie alte Mephistopheles vorkommt, mit Erfahrung und Sünde beladen; es scheint Euch ganz natürlich, sie mit einer Art väterlicher Liebe zu behandeln, als wäret Ihr zwanzig Jahre älter.

Gewisse Andre haben die Welt wunderbar getäuscht; Ihr kanntet sie als unschuldige Kinder, welche um nichts errötheten, Muttersöhnchen, die von Allen wegen ihrer kindlichen Furchtsamkeit verspottet wurden; jetzt findet Ihr sie mit einem andern Gesicht wieder, von hartem, unfreundlichem Ausdruck, mit verändertem Klang der Stimme, einer kalten Gewandtheit in Worten und Manieren, die Euch wenig Sympathie einflößt. Wahrhaftig! Sie haben ihrer Mutter Herz gebrochen, ihre Frau gemißhandelt, einen Freund im Duell um fünfzehn Mark willen zum Krüppel gemacht, einen Verwandten um ein Kapital betrogen und sind mit Gottes Hülfe dem Zuchthaus entgangen. Ohne etwas davon zu wissen, fühlt Ihr in ihrer Gesellschaft ein Unbehagen, einen

Widerwillen, die Ihr Euch nicht erklären könnt; Ihr verlaßt sie bei der ersten Gelegenheit mit einem Gefühl von Erleichterung,

Ein Andrer war sonst voll Kraft und Heiterkeit, und Ihr findet ihn mager und mürrisch wieder, ein erzwungen verzerrtes Lächeln im Gesicht; er war von edelmüthiger Gesinnung und ist bösartig geworden, er war hingebend und hat sich in sich selbst verschlossen. Er ist ein unglücklicher Mann, der unter die schreckliche Feile einer unglücklicher Ehe gerathen ist; sie hat die Springfeder seiner kräftigen Natur zerbrochen und bringt ihn nach und nach um's Leben. Er empfängt Euch mit Vergnügen und belebt sich ein wenig in Eurer Gesellschaft, indem er die Hölle vergißt, in der er lebt; aber bald läßt er wieder den Kopf sinken, man sehnt sich nach dem Augenblicke, ihm zu verlassen, denn man kann ihn über sein Unglück nicht trösten, weil er sich schämt, es einzugestehen.

Auf einen Andern hat die Frau einen ganz entgegengesetzten Einfluß ausgeübt. Er war ein Flegel, von plebejischem Geschmack und Manieren, aber ein ihn beherrschendes Händchen hat ihm nach und nach eine andre Gestalt gegeben. Jetzt findet Ihr ihn fast elegant, leicht parfümirt, mit dem Rasiermesser, das er haßte, und der guten Gesellschaft, die er floh, vertraut, des Weins entwöhnt, mit einem litterarischen Anstrich, sanfter Stimme und in seine Frau verliebt, welche für ihn eine Art Erzieherin darstellt. Er entschließt sich, Euch ihr vorzustellen, nachdem er einen Blick auf Euren Anzug geworfen hat.

Ein Andrer war der Sohn armer Leute, welche von Mehlbrei lebten, um ihn studiren zu lassen, und unter den Schülern wegen der vollkommenen und fortwährenden Trockenheit seiner Taschen berühmt, immer schweigsam, von seiner Armuth niedergedrückt. Heute ist er umgewandelt durch eine unerwartete Erbschaft, welche ihn mit einem Sprunge aus der Region des Hungers in die des Überflusses erhoben hat. Er ist bei seinem guten Tisch dick geworden und freut sich, Euch zu sehen, um Euch seinen Marstall zu zeigen; er besitzt die geschwätzige Gutmüthigkeit des kürzlich reich Gewordenen, doch gelingt es ihm noch nicht ganz, den vornehmen Herrn zu spielen. Seine goldne Uhrkette fällt zu sehr auf, doch ist er im Grunde ein guter Kerl; Ihr seht ihn mit Vergnügen wieder und erinnert Euch dabei eines gewissen grauen Mantels, der ihm sieben Winter durch dienen mußte.

Dann findet Ihr auch Leichenbitter, die Ihr nicht erst zu fragen braucht, wie es ihnen gegangen ist. Höchstens lächeln sie einen Augenblick, wenn sie Euch erblicken, und wenn sie zu Euch von sich selbst sprechen, haben sie Mühe, die Thränen zurückzuhalten. Sie sind wahre Säcke voll Unglück gewesen. Die Litanei beginnt mit dem Durchfall durch das Examen im Lyceum; seitdem haben sie nie wieder Glück gehabt. Ihre Laufbahn ist zerstört, ihre Frau gestorben, die Kinder sind mißrathen, die Verwandten feindlich gesinnt, die Gesundheit dahin: Alles ist bergab gegangen, Ihr steht da und hört sie an, unbeweglich und stumm, wie vor einem Trümmerhaufen, und sucht umsonst nach einem Trostwort, das nicht wie ein Hohn für so viel Unglück klänge.

Diese sind mit Allem fertig: aber dafür findet Ihr auch Andre, welche noch Alles anzufangen haben. In ihrem fünfunddreißigsten Jahre sind sie noch auf der Suche nach Allem: nach einer Beschäftigung, einer Frau, einer Philosophie, einem Wohnort, sie leben in der Luft, auf einem Zweig, wie ein Vogel. Bei alledem sind sie vergnügt und gesund und voll schöner Hoffnungen, wie mit zwanzig Jahren, nicht durch die Erfahrungen des Lebens verbittert, weil sie keiner Sache auf den Grund gegangen sind: sie haben ihren Weg verfehlt, sind aber glücklich, und Gott erhalte sie so.

Andre, nicht weniger seltsame Freunde trefft Ihr in einer großen Stadt, seit Jahren unbeweglich in einem kleinen Amt, in welches sie sich, so zu sagen, festgefahren haben. Ihr Leben ist abgelaufen, wie eine Uhr; sein wichtigstes Ereigniß besteht darin, daß sie auf Rath des Arztes die Cigarre mit der Pfeife vertauscht haben. Sie leben zurückgezogen, nach Art alter Leute, zufrieden damit, täglich ihre zwei Mahlzeiten einzunehmen, begnügen sich mit ihrem Schicksal, sind wohlwollend gegen alte Freunde, die sie wiedersehen, und leben ohne Neid und Hoffnung. Sie beschäftigen sich mit dem »Tunnelspiel«, um sich von den Mühen der Schreibstube zu erholen, oder bemühen sich seit zehn Jahren, einer rebellischen Geige Klagetöne zu entlocken, die den Trost ihres Lebens aufmacht.

Andre haben sich in die kleine Stadt zurückgezogen, wo sie geboren sind; der große Ehrgeiz, den sie im Leibe hatten, ist getäuscht, sie selbst sind zu einer Unbedeutendheit verurtheilt worden, die sie verabscheuen. So sind sie zu wilden Thieren geworden, vertheilen Eselspatente nach allen Himmelsgegenden, speien Feuer gegen alle Freunde, die etwas erreicht haben, zeigen von ihrer Einsamkeit aus allen entfernten Glücklichen die Faust, als hätten sich Alle ihres Rückens als eines Schemels zu ihrer Erhöhung bedient; so bringen sie ihr Leben damit hin, sich selbst die Leber abzufressen, und sind freundlich gegen Euch, wenn Ihr, wie sie selbst, auf dem Boden geblieben seid, aber stolz wie Lucifer, wenn Ihr Euch gehoben habt. Wer weiß, wie viele unerklärliche Feindschaften von unbekannten Leuten Ihr den Schlechtigkeiten und Verläumdungen verdankt, welche solche Subjekte seit fünfzehn Jahren gegen Euch bellen.

Andre, die man gealtert zu finden glaubte, sind in einer zweiten Jugend wieder aufgeblüht. Gegen ihr dreißigstes Jahr hat sich in ihnen ein neues Temperament, ein neuer Sinn gleichsam offenbart und sie der Galanterie zugewendet. Die Liebe – die hundertköpfige – hat sie spät, aber ganz in Besitz genommen, sie haben sich rückwärts gewendet und ein neues Leben angefangen, Freunde, Gewohnheiten und Kleider gewechselt; unermüdliche Schmetterlinge der Salons und Theater, gehen sie wie toll dem Vergnügen nach; eine Art Priahismus der Einbildungskraft hat sie in Flammen gesetzt, sie athmen nur noch für das Weib. Sie empfangen Euch höflich, aber ohne Herzlichkeit, und sind zerstreut. Ihr seid zu alt für sie und stecht gegen den Kreis von verliebten Stutzern ab, in welchem sie mit gefärbten und künstlich gekräuselten Haaren die Jugendlichen spielen. Den frühern Schuft des Gymnasiums, einen entsetzlichen Schlingel, findet Ihr als Syndikus auf einem Dorfe wieder; er ist zum Muster eines in seine Würde vernarrten Beamten geworden, der Euch sechs volle Stunden lang mit schonungslosem Überfluß von Einzelheiten alle Verwaltungsschwierigkeiten

der Gemeinde auseinandersetzt, Euch herumschleppt, um alle Örtlichkeiten, Gruben, Steinhaufen zu besehen, welche schon zu reden und zu thun gegeben haben und keinen Augenblick in Ruhe läßt. – Ein Freund, der mißtrauischer, kalter Natur war, empfängt Euch jetzt zu Eurem Erstaunen mit freundlicher Höflichkeit und wiederholt Euch hundert Mal dieselben Ausdrücke von Wohlwollen, Dabei stammelt er ein wenig und spricht in abgerissenen Phrasen, mit starrem, funkelndem Blick, in welchem Ihr mit einem Schauer von Widerwillen das Todesurtheil durch Alkohol lest.

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