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Unsere Freunde

Edmondo De Amicis: Unsere Freunde - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorE. de Amicis
titleUnsere Freunde
publisherHermann Costenoble
addressJena
printrunZweite Auflage
year1895
translatorDr. R. Teuscher
illustratorG. Amato, G. Colantoni, J. Farina, D. Paolocci, E. Ximenes, G. Peunasilico
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die letzte Ehre.

Der Leichenwagen zog langsam unter kaltem Regen an der Seite der breiten Straße dahin und man sah sein schwarzes Spiegelbild in den Schaufenstern voll hübscher Sachen und bunter Farben; so zieht bisweilen das Bild des Todes mitten durch unsre weltlichsten und heitersten Gedanken. Zwei lange Reihen von Freunden und Bekannten folgten ihm unter zwei Reihen nasser Regenschirme, sich hin und her windend, um Pfützen und Wagen auszuweichen, so daß sie aussehen, wie der lebendige, sich schlängelnde Schwanz des vorangehenden düstern Ungeheuers, mit seinen hundert Flammenaugen und einem Leichnam im Leibe. Es war früh am Morgen. Unter den Freunden sah man schläfrige Gesichter, aber jene unruhigen Gesichter großer Städte, auf denen sich auch mit der Schläfrigkeit nach frühem Aufstehen schon der rastlose Gedanke an die täglichen Sorgen und die üble Laune von Leuten zeigt, welche von ihren gewöhnlichen Geschäften abgezogen werden. Es wurde wenig gesprochen. Manche hatten unsern guten Freund nur von Namen und Ansehen gekannt und waren nicht gekommen, den Mann zu ehren, sondern den Kollegen, nicht den Künstler, sondern die Kunst. Andre hatten ihn vielleicht aus Überzeugung, alles Talent abgesprochen, ja auf vielerlei Weise versucht, ihm den Weg zu versperren, und waren nur gekommen, um sich durch ihre Gegenwart vor der üblen Behandlung zu bewahren, welche die nächsten Freunde des Todten bei solchen Gelegenheiten

seinen Feinden zu Theil werden lassen. Einige gehörten zu jenen raffinirten Feinschmeckern des Lebens, welche niemals bei Leichenbegängnissen fehlen, und sich zu gefälligen Ceremonienmeistern des Todes machen, weil sie wissen, daß Nichts auf der Welt die Genüsse des Abends so wohlschmeckend und lebhaft macht, wie die Erfüllung einer frommen Pflicht und die Theilnahme an einem traurigen Schauspiele am Morgen. Einige waren auch aus Zuneigung erschienen.

Gelangweilte Gesichter von Krämern blicken aus den Ladenthüren; hinter den Spiegelscheiben schauten Putzmacherinnen hervor, mit der Nadel in der Luft. Viele Leute gingen hurtig vorüber. Unter den eiligen Wagen, dem geschäftigen Treiben der Stadt sah der arme, schwarze Wagen so verlassen, so einsam aus, daß er Mitleid einflößte. Das war der Weg, den unser Freund täglich zu gehen pflegte. Ich sah sein Bild an vielen Orten, am Postschalter, beim Theater, weiter oben beim Buchhändler, wo er stillzustehen pflegte, am Eingange der Akademie, beim Zeitungsladen, und es schien mir, als ob alle diese lächelnden Bilder sich eines nach dem andern umdrehten und erschreckt, verwirrt dem Leichenbegängniß nachblickten. Bei einer Wendung trat für einen Augenblick der Trauerhut des Kutschers vor einen großen, gelben Anschlagezettel des Theaters, worauf in riesigen

Buchstaben »Mephistopheles« geschrieben stand. Vor einem Jahre war er nach Bologna gereist, um diese Oper zu hören und pflegte ihre Melodien beim Malen zu trällern. Ein wenig weiterhin wurde der Leichenzug einige Augenblicke durch eine Kompagnie Soldaten aufgehalten, welche im Laufschritt vorbeikamen, mit nassen Federbüschen, die Gewehre unter den Mänteln verborgen, lachend wie Kinder unter dem Regen, der ihnen schief ins Gesicht schlug. Darauf betrat man eine Nebenstraße, wo der Wagen anfing, schneller zu fahren und laut über die Steine dahinrasselte; bald darauf verließ man die Stadt, Die Landschaft war mit Nebel bedeckt, Alles grau und traurig, und der Weg voll Schmutz. Der größte Theil der Freunde hatte sich Wagen verschafft, war endlich munter geworden und unterhielt sich mit lauter Stimme; die zu Fuß Gebliebenen gingen eilig dahin und sprangen über die Pfützen, mit Schmutz bespritzt und ärgerlich, mit rothem, schwitzendem Gesicht, und der Leichenzug bildete auf der langweiligen Straße eine lange, ordnungslose, unterbrochene Prozession, zwischen großen und kleinen Wagen; so daß wir gezwungen waren, einen Augenblick vor einem Brückenbogen still zu halten, über welchen brausend, mit hundert Gesichtern an den Fenstern, ein Eisenbahnzug vorüberfuhr.

Wir gelangten zum Thore des Kirchhofs und traten in die Kirche. Die Bahre wurde in die Mitte gestellt, wir nahmen den Hintergrund ein.

Ein Musiker machte ein Spinett zurecht, vier Choristen ihm zur Seite, und die Priester begannen, die Messe zu singen. Die Kirche sah aus wie ein Grab, nackt und feucht, nur durch ein hohes Fenster erleuchtet, durch welches ein trauriges Licht eindrang, der Regen schlug mit dumpfem, ununterbrochenem Geräusch gegen die Fensterscheiben. Die Altarkerzen, welche brannten, ohne zu leuchten, machten den Ort noch trauriger; sie schienen anzudeuten, daß kein Licht jene Dunkelheit erhellen kann, mit welcher die Finsterniß des Todes beginnt. Unter dem schmalen Gewölbe bildete die Psalmodie der Priester, der Gesang der Choristen, die Töne des Spinetts ein betäubendes Geräusch, welches das Gebäude zittern machte; auch hier, wie sonst in der Welt, waren die Gleichgültigsten die, welche den meisten Lärm machten. Aber je lauter die Gebete ertönten, je inbrünstiger der Gesang wurde, je mehr sich des Instrument belebte, desto mehr schien die schwarze, lange Bahre, um derentwillen aller dieser Lärm gemacht wurde, durchaus taub, hartnäckig stumm und kalt unempfindlich; sie stand da, einen Schritt vor uns, und schien doch von allen sie Umgebenden unendlich weit entfernt. Ich konnte die Augen nicht von den großen, starren Linien dieses schrecklichen Bettes abwenden, welches sich über dem Schlafenden schließt und keine Morgenröthe mehr einläßt; ich suchte darin mit der Einbildung jenes abgezehrte, weiße Gesicht, mit einem Ausdruck übermenschlicher Starrheit, den langen, dürren, bleichen Körper mit skeletartigen Händen und Füßen, und bebte voll Schrecken vor diesem Anblick zurück; aber bald überraschte ich mich von Neuem, wie ich, über den Sarg gebeugt, mit einem Stück des schwarzen Tuchs in der Hand, wieder im Begriff war, das furchtbare Geheimniß zu befragen, bewegt vom Mitleid, zurückgehalten durch Schauder, gequält durch profane, furchtsame Neugierde, die ich Niemandem zu bekennen gewagt hätte. So war er also unwiderruflich da drinnen eingeschlossen, jener schöne Jüngling, den ich so oft wie ein Kind hatte jauchzen und hüpfen sehen; er fühlte sich glücklich, denn er war jung, gesund, hatte Talent, sah vor sich noch ein Vierteljahrhundert, das er der Kunst, der Liebe, den Freunden weihen wollte! Er hatte ein so gutes Herz und war so liebenswürdig in seiner studentischen Fröhlichkeit! Er hatte eine originelle Art, die witzigsten Dinge zu erzählen, ohne zu lachen, mit leiser Stimme und in abgebrochenen Worten, indem er mehr mit Gesten, als mit Worten sprach; diese Gesten waren abgemessen, eilig, er schien fortwährend kleine Quadrate vor sich hin zu zeichnen und dann die Diagonalen kreuzweis hinzuzufügen: man mußte manchmal seine Hand in der Luft ergreifen und drücken, so liebenswürdig war er mit seiner

seltsamen Mimik; wir lachten und wollten ihm von ganzem Herzen wohl. Ich sehe ihn noch, wie er auf der Akropolis von Athen ein langes Schweigen der Bewunderung unterbrach, indem er mit eiligen Schritten, wie ein Schauspieler, an den Abhang trat und eine Arie aus den »Brigands« anstimmte, und wie er auf der Toledostraße in Neapel in ausgelassener Fröhlichkeit seine Visitenkarten heimlich in die Kapuzen der vor ihm herschreitenden Mönche steckte. So war er ein Kind im gewöhnlichen Leben, aber wenn er von Kunst sprach, veränderte er sich so, daß man ihn nicht wiedererkannte: er griff einen reifen Mann an, der hartnäckig seine Ideen vertheidigte, und war reizbar, beredt logisch, unduldsam gegen Spott, leidenschaftlich, wie ein Liebender.

Je mehr er fühlte, daß das Leben ihm entschlüpfte, desto eifriger war er bei der Arbeit. Zuletzt hatte er sich in den Orient verliebt; jeden Tag erdachte er ein neues Gemälde; er hatte hundert Skizzen von Türkinnen, von fürstlichen Kaik's, von Serailsälen auf die Leinwand geworfen, und sprach mit Wärme davon zu seinen Freunden, mit einem neuen Ausdruck des Blicks und der Gesten, als sähe er immer vor sich einen weiten, lichtvollen Horizont ... Armer Jüngling! Ich sah sie, mitten in der Halbdunkelheit jener häßlichen Kirche, die weißen, glänzenden Paschas, die in Blau und Purpurgekleideten Odalisken, alle die unvollendeten Geschöpfe seiner Phantasie, wie sie um seine Bahre standen, als erwarteten sie noch sein Erwachen; ich fühlte ein schmerzliches Mitleid, als sähe ich Spielsachen um die Wiege eines begrabenen Kindes stehen.

Nach einiger Zeit öffnete sich eine Thüre und zwei Todtengräber brachten eine andre Bahre, mit einem elenden, schmutzigen Tuche bedeckt, welche beim Niedersetzen knarrte, als wollte sie aus den Fugen gehen. Es war eine kurze, ärmliche Bahre und enthielt wohl eine arme, im Spital gestorbene, alte Frau oder einen im Elend umgekommenen, elternlosen Burschen, Ein Priester trat hinzu, sprach ein Gebet darüber und entließ sie mit Gott. Dann fing die Ceremonie wieder an, die Kirche ertönte wieder von Gesängen und Tönen, mit Begleitung des Schlagregens. Einige von den Freunden sahen heimlich nach der Uhr; zwei lasen hinter dem Rücken eines Chorsängers in einer vierfach zusammengebrochenen Zeitung. Mein Nachbar erzählte mir leise die letzten Stunden des Freundes, den er in einem Gasthof in Nizza bis zu seinem Tode gepflegt hatte. Vor zwei Monaten war ich ihm noch in Turin auf der Straße begegnet, schon abgemagert und ohne Stimme, als ich zu einem Gastmahl mit Freunden ging. Er hatte zu mir gesagt: »Viel Vergnügen«, mit sanftem Ton, indem er mir einen bedeutungsvollen Blick zuwarf, in welchem man unter dem freundlichen Lächeln die unendliche Traurigkeit eines Mannes errieth, der sich dem Tode nahe fühlte und auf alle Genüsse und Hoffnungen des Lebens verzichtet hatte. Von da an schwand die Hoffnung immer mehr. In Nizza angekommen, war er von den ersten Tagen an überzeugt, daß er seine Heimath nicht wiedersehen würde. Aber so jung er war und so sehr er das Leben liebte, hatte er doch kein

Zeichen von Schwäche gegeben. Wenn er weinte, so mußte es im Verborgenen geschehen, denn Niemand hat je in seinen Augen eine Thräne gesehen. Einem Kellner, der ihn gewisse Vorsichtsmaßregeln empfahl, sagte er scherzend: »Hältst Du mich für einen Schwindsüchtigen« und blies ihm den Rauch seiner Cigarette ins Gesicht. Je mehr er sich seinem Ende näherte, desto liebevoller und freundlicher wurde sein Wesen; er hatte ein so sanftes Lächeln, daß es das Herz zugleich bezauberte und zusammenzog. In der letzten Nacht war er eingeschlafen, da er sich besser fühlte, aber gegen ein Uhr hatte er sich plötzlich erhoben und gesagt, er befände sich übel. Dann fügte er lächelnd in lombardischem Dialekt hinzu: »Sta volta ghe semm!« Diesmal ist es vorbei. Dann suchte er die Hand des Freundes, ließ den Kopf mit geschlossenen Augen zurücksinken und starb auf diese Weise ruhig, als guter Bursche, wie er gelebt hatte.

Bei diesen Worten erinnerte ich mich eines Abends, wo ich mit ihm Schach spielte und verlor; darüber gereizt, daß ich ihn über meinen Verdruß lächeln sah, hatte ich ihm plötzlich ein garstiges Wort ins Gesicht geschleudert, bei dessen Anhören er traurig wurde, ohne zu antworten. Diese Erinnerung that mir wehe, ich verjagte sie und erinnerte mich gewisser dogmatischer Behauptungen über Malerei, die er geäußert hatte, welche wie Spott über meine Unwissenheit in der Kunst klangen und mich beleidigten; wie ich diesen Gedanken weiter verfolgte, fielen mir mancherlei Gründe und bittre Epigramme ein, mit denen ich ihn bei gewissen Gelegenheiten hätte zum Schweigen bringen können, und ich wiederholte mir dieselben mit einer gewissen Selbstgefälligkeit, den Ort, wo ich mich befand und den, vor dem ich stand, vergessend. Aber unversehens erblickte ich wieder die Bahre und schämte mich meiner Verirrung. Ich stellte mir den Tag vor, wo ich mich an seiner Stelle befinden würde, und wenn ich daran dachte, daß meine Freunde auch dann nach der Uhr sehen und heimlich

die Zeitung lesen würden, tadelte ich mich wegen meines frühern Ärgers und fühlte gegen mich selbst ein ungeheures Mitleid, welches mich zwang, in der Vorstellung von meiner Familie, von den wenigen Wesen, welche in meinem verlassenen Zimmer in verzweifeltes Schluchzen ausbrechen würden, einen Trost zu suchen, so daß ich fast zu Thränen gerührt wurde, als plötzliches Stillschweigen mich meinen Gedanken entzog. Der Gesang hatte aufgehört, und die Bahre, von vier Armen in die Höhe gehoben, trat ihre letzte Reise an.

Man betrat das erste Gehege des Kirchhofes zwischen hohen Cypressen, und ging zwischen zwei weiten Feldern hindurch, mit weißen Kreuzen bedeckt, welche vom Regen trieften. Ach, welch ein großes, unterirdisches Schlafzimmer, welch eine gewaltige verborgene Menschenmenge, welches Schweigen, durch das man einen unbestimmten, ungeheuren Wiederhall von schmerzvollen Tönen, verzweifelten Küssen und feierlichen Abschiedsrufen zu vernehmen glaubt, welche Einsamkeit, in der tausend ferne, unbestimmte Visionen von nächtlichen Todeskämpfen, verlassenen Häusern, zerstreuten Familien, zerstörtem Wohlstand, zerrissener Liebe, verlassen umherirrenden Kindern, ergrauten Köpfen und gefalteten Händen auftauchen; wie eilt da unser Gedanke nach unserm eignen Heim, wie drücken wir mit furchtsamer Zärtlichkeit die Wesen an unsre Brust, auf denen unser Leben beruht! Die Bahre schien zu fliehen, wir folgten ihr fast laufend, von beiden Seiten erhoben sich die

Kreuze und zogen zu Tausenden vorüber, als wenn sie uns entgegeneilten, um uns nach dem Namen des neuen Ankömmlings zu fragen. Man kam an einen Portikus, betrat einen weiten Korridor und begann zwischen Fackeln auf einer breiten Treppe hinabzusteigen, unter einem kalten, wiederhallenden Gewölbe. Ich hätte gewünscht, daß mein Freund auf dem großen, offenen Felde, unter dem Walde von weißen Kreuzen begraben würde, uud nicht zwischen den riesigen, düstern Mauern, in diesem gewaltigen Magazine von vermauerten Leichnamen. Guter Gott! Soll uns denn die Stadt auch nach dem Tode noch zusammendrängen, uns auf einander häufen, so daß wir uns Licht und Luft streitig machen? Ich stieg widerwillig mit den Freunden hinab und dachte mit Sehnsucht an die schönen, einsamen Grabhügel, mit wilden Blumen bedeckt, von dem Winde und dem Hauche des Meeres umspült, mit dem Blick in die Unendlichkeit, und fühlte meinen Athem stocken, als die Bahre zwischen zwei Wänden voll Leichensteinen, in einem düstern, unheimlichen Gange niedergesetzt wurde.

Eine tiefe Höhlung war auf halber Höhe einer der Mauern geöffnet worden. Die Priester knieten nieder, die Fackeln bildeten einen Kreis und die Gesänge und Gebete begannen von Neuem; wir alle standen im Kreis umher. Da stieg in mir ein seltsamer, trauriger Gedanke auf. Der unterirdische Gang erinnerte mich an das Innere eines Schiffs und die schwarzen Öffnungen zu beiden Seiten an die Kojen des Fahrzeugs, auf dem wir zusammen die Reise in den Orient gemacht hatten, und da ergriff mich plötzlich ein Schauder bei dem schrecklichen Vergleich zwischen dem fernen Schiff voll schöner Frauen aus dem Archipel, welches von Gelächter und Gesang wiederhallte und nach den lachendsten Ufern der Welt hineilte, und diesem andern ungeheuren, stummen Schiffe, gedrängt voll unbeweglicher Reisender, das Alle aufnimmt und Keinen zurückgiebt, von dem man nicht weiß, wohin es fährt, welches auf den geheimnisvollen Befehl eines unsichtbaren Kapitäns an eine Mannschaft von Gespenstern zu warten scheint. Welch' ein Unterschied zwischen dieser schrecklichen, steinernen Lagerstätte und der andern, von der er mir vor

wenigen Monaten, am letzten Abend der Reise einen Regen von Scherzen, komischen Anekdoten, Porta'schen Versen und lustigen Ereignissen aus seinem Pariser Leben zuwarf! Ach, armer Freund, wäre es doch wahr, daß Du auch aus dieser Höhle, wie aus der andern, Dich wieder erheben und mit einem Freudenschrei einen neuen, strahlenden Orient begrüßen könntest!

Die Stimmen wurden schwächer, die Gebete gingen zu Ende. Obgleich es für ihn keine Einsamkeit gab, so erregte mir doch der Gedanke, ihn da allein zu lassen, Schauder. Jener arme Körper war doch immer noch ein Theil von ihm. Als ich ihn von Allen verlassen sah, glaubte ich, seinem Tode zum zweiten Male beizuwohnen. Mir war, als hätte ich den Sarg in einen bodenlosen Abgrund werfen sehen, worein er durch alle Ewigkeit hinabstürzen müßte. Das letzte Amen erstarb wie ein Seufzer – tiefes Schweigen folgte – der Sarg wurde in die Öffnung gehoben. Lebe wohl, lebe wohl, lebe wohl, mein lieber Freund, mein armer Freund! Verzeihe die bittern Worte, die ich zu Dir gesprochen, verzeihe meine Nachlässigkeit, verzeihe, daß ich Dich nicht genug geliebt habe!

Ich werde Dich niemals vergessen, ich werde Dich oft in Gedanken hier besuchen, meinen Kopf zu dem Deinigen neigen und Dir ins Ohr sagen, daß Deine Freunde Deiner gedenken, Dich beweinen nnd immer noch lieben. Lebe wohl, lebe wohl, lebe wohl! Der Sarg stieß auf den Boden; da wendeten sich Alle um und gingen eilends hinweg, die Gänge und die Treppe hallten von eiligen Schritten und verwirrten Stimmen wieder, und nach kurzer Zeit war der große Kirchhof wieder einsam. Die Reihe der Wagen eilte unter lebhaftem Peitschenknallen in die Stadt zurück.

Alle waren froh, den Himmel und das freie Feld wiederzusehen, sich wieder ins Leben hineinzustürzen; sie begrüßten sich mit den Händen durch den Kutschenschlag und erinnerten einander an die getroffenen Verabredungen: Heut Abend um sieben Uhr – In einer Stunde an der Post – Morgen früh im Arbeitszimmer. Der Gedanke ans Frühstück erleuchtete alle Gesichter. Die Fiaker wetteiferten, wer zuerst ankäme. Der neben mir sitzende Freund, ein schöner Mann von fünfundvierzig Jahren, erklärte uns seine Lebensweise, die er durchaus regelmäßig und hygienisch eingerichtet habe, so daß er sich mit fünfundvierzig Jahren besser befinde, als mit zwanzig. Die andern Beiden zündeten mit wollüstigem Lächeln ihre Cigarren an. Alle freuten sich ihres Lebens. Wenn sie es gewagt hätten, würden sie sich auf die Brust geklopft und ein Lied in Baßtönen angestimmt haben, um zu zeigen, daß ihre Lunge gesund sei. Aber ich konnte einen Gedanken nicht loswerden: ich dachte, daß man eines Tags für Jeden von uns, Einen nach dem Andern, dieselbe Wagenfahrt unternehmen, dieselben Gespräche führen, mit demselben Genuß Cigarren rauchen würde, ich fragte mich: wer wird der Erste sein? Und wer weiß, ob nicht Einer von uns so bald dahinunter getragen

werden wird, daß er wohl daran thäte, sogleich heute morgen die vier Chorsänger zu miethen? Dann dachte ich weiter: dieser mein Nachbar wird an Herzhypertrophie sterben, der mir gegenüber Sitzende am Bersten eines Aneurysma, jener am Schlagfluß, der Andre da unten am Magenkrebs, in zwanzig Jahren, in drei Jahren, in zehn Monaten: aber Alle früher, als sie glauben und wünschen; ja ich glaubte hinter Jedem, wie ein Ungeheuer, die tödtliche Krankheit stehen zu sehen, die ihn erwartete, und meine Einbildungskraft war so lebhaft, daß die heitere Unterhaltung der Nachbarn mir seltsam und peinlich vorkam, wie die Lustigkeit von Narren und ein tiefes Mitleid einflößte, wie man es bei einem Fest in einem Hospital tuberkulöser Kinder fühlen würde. Diese Gedanken verließen mich nicht, bis wir uns trennten; Jeder ging allein nach Hause mit seinem Gespenst auf dem Rücken.

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