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Unsere Freunde

Edmondo De Amicis: Unsere Freunde - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorE. de Amicis
titleUnsere Freunde
publisherHermann Costenoble
addressJena
printrunZweite Auflage
year1895
translatorDr. R. Teuscher
illustratorG. Amato, G. Colantoni, J. Farina, D. Paolocci, E. Ximenes, G. Peunasilico
correctorhille@abc.de
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Wie Freundschaften zerrissen werden.

Wir haben gesehen, wie Freundschaften geschlossen werden; sehen wir nun, wie man sie bricht und wieder anknüpft.

Wir verlieren fortwährend Freunde. Wir Alle, wenn wir einen Blick in die Vergangenheit werfen, sehen unsern Lebensweg mit Ruinen von Freundschaften bedeckt, von Gespenstern verlorener Freunde bevölkert, welche uns von fern zornige, vorwurfsvolle oder spöttische Geberden machen und uns zwingen, mit ihnen von Zeit zu Zeit heftige Streitigkeiten auszufechten, aus denen wir zum Theil gedemüthigt, zum Theil gerechtfertigt hervorgehen, aber allemal traurig, wie aus jenen Träumen, wo wir mit Verstorbenen zu sprechen glaubten. Wir verlieren Freunde durch eigne Schuld, durch fremde Schuld, durch die Gewalt der Umstände, auf tausenderlei Arten, aus tausend schrecklichen, dummen, kindischen, unbilligen, lächerlichen, unglaublichen, unerklärlichen, unbeschreiblichen Gründen.

Die größte Zahl der Freundschaftsbrüche geschieht wohl aus Faulheit, einer Faulheit der Seele, welche sich bei Vielen findet, so daß sie bei der ersten Schwierigkeit, die sich zwischen ihnen und dem Freunde erhebt, statt mit lange dauernder Bemühung kleine Besserungen an sich selbst vorzunehmen, welche die Freundschaft möglich machen würden, dieselbe ohne Weiteres abzubrechen vorziehen: und zwar thun sie dies, ohne sich zu erzürnen. Sie schieben ganz ruhig den Freund zur Seite, wie man ein Paar Handschuhe weglegt, welche beim ersten Versuch unbrauchbar scheinen. Sie wollen ihre Freunde fertig und passend vorfinden, ganz wie für ihre eigne Natur gemacht, ohne eine Naht oder eine Falte; und da es schwer ist, dergleichen anzutreffen, so bringen sie ihr Leben damit zu, deren anzuprobiren und auszuziehen, und sterben fast immer, ohne einen einzigen gefunden oder erhalten zu haben.

Andre Freundschaften erliegen einem Irrthum, in welchen oft Menschen von warmer, hingebender Natur verfallen, welche, durch gewisse sympathische Eigenschaften getäuscht, sich aus einem Manne einen vertrauten Freund machen zu können glauben, welcher seinem Wesen nach nur dazu befähigt ist, einmal im Monat einen angenehmen Tischgenossen und einmal wöchentlich einen bequemen Spazierstock abzugeben. Sie öffnen sich gegen ihn, mit einem Vertrauen, dem er nicht entspricht, widmen ihm eine Zuneigung, für die er sich nicht dankbar zeigt und die er nicht erwidern kann, und wenn sie ihren Irrthum einsehen, werden sie in ihrer Eitelkeit verletzt, ziehen Alles, was sie ihm gegeben hatten, mit roher Übereilung zurück; das beleidigt ihn natürlich und macht ihn zum Feind. Sie wollen die Klinge zu stark biegen, und die Klinge zerspringt.

Mit Andern dagegen löst sich das Band nach und nach, langsam, fast unmerklich; es entsteht kein Haß, selbst die Achtung vermindert sich nicht. Nach einer Zeitdauer anscheinender Vertrautheit bemerken wir, daß unsere Naturen nicht zur Freundschaft passen, nicht weil sie sich abstoßen, sondern weil sie sich nicht aneinander heften, weil sie weder einander ähnlich genug sind, noch sympathische Unähnlichkeiten besitzen, welche in einander eingreifen. Die Unterhaltungen werden immer kurzer, das Stillstehen beim Begegnen auf der Straße immer seltener, die wenigen Worte, die man wechselt, immer kälter; auf den Händedruck folgt ein Gruß mit den Fingern, dann ein einfaches Kopfnicken, dann fällt auch dieses weg und Alles ist zu Ende, nicht nur ohne Groll, sondern zur Zufriedenheit beider Theile, welche sich von einem unbequemen Zeremoniell befreit sehen.

Gewisse Freundschaften sterben so zu sagen am Wurmfraß, Zwei vertraute, aufrichtige Freunde, ohne andern Fehler, als eine zu lebhafte Eigenliebe, lassen unvorsichtiger Weise unter sich einen Wettstreit witziger Kritik aufkommen, der Anfangs ganz unschädlich ist; aber die Spitze des Witzes wird immer schärfer, die Wunden der Eigenliebe gehen in Verschwörung über, die kleinen Pfeile häufen sich auf dein Grunde des Herzens an. Nach einiger Zeit ist das Betragen des Einen gegen den Andern wie entartet, ihre Freundschaft von Nadelstichen durchbohrt, hält nur noch nothdürftig zusammen, wie ein abgenütztes Gewebe. Keiner von Beiden hat den Muth zu sagen: »Lassen wir das und werden wir Freunde, wie zuvor«. Einer führt den letzten Stoß und das Gewebe geht in Stücken.

Andre Freundschaften, besonders zwischen Ehrgeizigen, welche auf demselben Wege nach demselben Ziele streben, werden durch ein besondres Eifersuchtsgefühl zerstört, ohne Zorn oder Haß, ganz Passiv, aber furchtbar, welches Freundschaftsbezeigungen unmöglich macht, aber im Grunde die Freundschaft bestehen läßt. Der Eine der Beiden ist so unsinnig eifersüchtig auf den Andern, der Anblick des Freundes, die Befriedigung, welche er erkennen läßt, seine Reden, seine Stimme erregen so wüthende Qualen in den lebendigsten Fasern seines Herzens und zwingen ihn dadurch zu einer so mühsamen und unedlen Verstellung, dass er sich nicht beherrschen kann, jede Beziehung abzubrechen und seinen Qualen zu entfliehen vorzieht und so seine elende Schwäche bekennt. So wird die Freundschaft gelöst, ehe die Feindschaft geboren ist.

Andere, Hochmüthige, stoßen einen Freund aus Klugheit zurück. Der Freund ist unversehens auf der Leiter des Glücks, der Macht oder des Ruhms in die Höhe gestiegen, sie beneiden ihn nicht und achten ihn hoch; aber der bloße Gedanke, er könne seine Überlegenheit benutzen, um sie irgendwie zu demüthigen, setzt ihren Stolz dermaßen in Schrecken, daß sie sich entschließen, jeder Gefahr zuvorkommen, indem sie sich im Voraus für die gefürchten Demüthigungen rächen – sie behandeln den Freund mit solcher Kälte und Zurückhaltung, daß dieser es ebenso macht; dies rechtfertigt ihre Befürchtungen und die Freundschaft wird abgebrochen.

Es giebt auch Freundschaften, welche nach einer langen, aufrichtig wohlwollenden Vertrautheit gelöst werden, weil in einem von Beiden, der von weicher Natur und an Nachgiebigkeit gewöhnt ist, sich plötzlich eine Gedankenreihe oder auch nur ein Gedanke entwickelt, infolgedessen er zum ersten Male auf höchst bescheidene Weise seine eigne Unabhängigkeit beansprucht. Der Andre, nicht ans Bosheit, sondern weil er durch die Gewohnheit der Herrschaft verdorben ist, fühlt sich durch diese Empörung so sehr in seiner Eitelkeit gekränkt, daß er, obgleich sein Verstand dein Andern Recht giebt, ihm lieber den Rücken kehrt, als sich den neuen Bedingungen fügt, welche diese Freundschaft ihm auflegt.

Aber wozu soll ich noch mehr sagen? Die Ursachen der Brüche sind eben so zahlreich, wie die menschlichen Schwächen. Niemand könnte ohne Erröthen sagen, wieviele Freunde er aus eigner Schuld verloren hat und durch welche Schuld dies geschehen ist. Wenn man auf dem Plane einer einzigen Stadt mit einem Federstrich zwischen Haus und Haus alle zerrissenen Freundschaften angeben und am Rande die Ursachen bemerken könnte, so würde Niemand dies schreckliche unentwirrbare Netz, diesen entsetzlichen Haufen von Kinderei und Schande ohne Schrecken betrachten. Wir würden Feindschaften zwischen alten Freunden finden, die schon jahrelang dauern, und mit eiserner Hartnäckigkeit erhalten werden, um sich wegen eines kalten Lobes oder eines nachlässigen Grußes zu rächen; Freunde, getrennt durch eine

frühere Beleidigung, die schon längst vergessen und verziehen war, die aber der Beleidigte in sich selbst neu belebte, aus Belieben, ohne den geringsten Grund, nur um seiner eignen Bosheit die nach dem Genusse des Grolls dürstet, Nahrung zu liefern; Freundschaften, zerstört durch den Verdruß, daß der Freund eine schwache Seite unsres Geistes oder Gemüths zufällig entdeckt hat, die man ihm übrigens bei andrer Gelegenheit freiwillig und ohne sich zu schämen enthüllt haben würde; Freundschaften, zerrissen durch eine Zweideutigkeit, und nach deren Aufklärung nicht wieder angeknüpft aus wüthendem, dummem Starrsinn, dessen Grund keine von beiden Parteien begreift; Freundschaften, die man aus unbegreiflichem, bis zum Haß gesteigertem Widerwillen aufgegeben hat, wegen blos äußerer Fehler, körperlicher Krankheiten, ja sogar wegen physischer Schönheit und Anmuth; Freundschaften, durch eine trockne Wendung zur Seite oder die unvorhergesehene Verweigerung des Grußes plötzlich abgeschnitten, und zwar wegen des Verdachts eines Verdachtes oder des Mißtrauens eines Mißtrauens; Freundschaften, die man berechneter Weise, mit Vergnügen, durch Zurückhaltung und geheuchelte Geringschätzung umbringt, ohne einen Grund, einen Vorwand oder eine Absicht, aus toller, selbst nach dem Begriff des Beleidigers tadelnswerther Laune, so daß dieser lieber die Hälfte seines Bluts hingeben, als sie offen bekennen möchte; kurz Delirien, Feigheiten, Schätze der Zuneigung, wie Koth mit Füßen getreten, oder wie Staub umhergestreut, Alles zum Vergnügen; ungeheuerliche Schandthaten des Hochmuths und der Eitelkeit, Kleinlichkeiten, Erbärmlichkeiten von solcher Art, daß sie uns vielleicht nicht Unwillen, sondern nur ein Gefühl von unendlichem Mitleid mit uns selbst einflößen würden.

 

Leider giebt es im Leben Aller nur zu viele gefährliche Augenblicke, unglückliche Gemüthsstimmungen, während deren auch die nächsten Freunde einander vermeiden sollten. Wir kennen Alle das kleine Drama, welches daraus folgen kann – es ist so alt, wie das Menschengeschlecht – und Alle sind wir wenigstens einmal im Leben Mitspieler gewesen. Wir sprechen eine Meinung aus. Wir glaubten, der Freund würde nachgiebig sein, aber wir finden Widerstand. Es ist wie ein Verhängniß. Gleich bei den ersten Worten erkennen wir Beide an diesem Tage, daß in Jedem von uns ein andres Ich steckt, und diese Beiden erkennen sich nicht und verstehen sich nicht. Die Sprache verschärft sich allmählich, jedes schneidige Wort, das einer von Beiden ausstößt, wird ihm noch schärfer zurückgegeben; es ist, als wäre ein böser Geist unter uns, der die Gedanken im Fluge erhascht, sie verschiebt, verwickelt, sie sagen läßt, was wir nicht beabsichtigen, und uns Herz und Kopf verwirrt. Wir versuchen umsonst, auf dieser Ebene stehen zu bleiben, indem wir uns an irgend einem wohlwollenden

Gedanken festhalten, Alles entgeht unsrem Geist und wir nähern uns dem Abgrunde immer mehr. Wir zwingen uns noch, zu lächeln, aber unser Gesicht ist blaß, unsre Hände zittern; alle Erinnerungen an unsre schöne Freundschaft verbergen sich eine nach der andern in eine heiße Zornwolke, welche uns umgiebt und blind macht; eine letzte Stichelei von ihm, welche das Lachen der Anwesenden erregt, löscht den letzten Funken unsrer Vernunft aus, und nun schleudern wir grober, feiger Weise, wie der Lastträger seine Faust gebraucht, wenn er keine Gründe mehr anzuführen weiß, ihm eines jener unsinnigen, beklagenswerthen Worte entgegen, welche die Freundschaft für immer zerreißen.

Plötzlich tritt allgemeines Schweigen ein.

In diesem Schweigen fühlen wir gleichsam zum ersten Male den wahren Ton und Sinn des Wortes, welches uns entschlüpft ist und werden davon betäubt.

Aber der Stolz ergreift uns plötzlich wieder und treibt uns heftig fort. Wir fühlen das Bedürfnis;, allein zu sein. Wir schlagen einen einsamen Weg ein. Wer hat jemals das unaussprechliche Gefühl von körperlichen, Übelbefinden, Niedergeschlagenheit und Traurigkeit vergessen können, das uns bedrückte, als wir des Nachts allein nach Hause zurückkehrten? Wir rufen uns in unsrer Wuth alle die scharfen Worte in's Gedächtnis; zurück, durch die wir herausgefordert worden waren; wir rufen sie zurück, um beim Tone dieser Worte wieder das unwiderstehliche Gefühl zu empfinden, daß die Beleidigung wohlverdient sei; wir blasen unsern Zorn an, bemühen uns, unsern Stolz zu reizen, damit er sich aufrecht erhält uud uns nicht unserm Gewissen gegenüber, allein und unbewaffnet stehen läßt. Aber es ist umsonst. Eine leise, beharrliche Stimme, wie von Jemand, der neben uns ginge, fragt uns eifrig, im Ton schmerzlichen Vorwurfs, ob das Vorgefallene wirklich wahr, ob jenes Wort unserm Munde entschlüpft ist, ob es möglich ist, ob wir nicht sogleich umkehren wollen, um zu erklären, wir hätten einen Augenblick der Verwirrung gehabt ...

Aber das Blut kocht noch, die aufgeregten Nerven widerstehen, wir weisen die Stimme zurück, verschmähen es, uns zu rechtfertigen; der Streich ist geführt, entstehe daraus, was da wolle, wir wollen an etwas Anderes denken. Wir denken an die Freunde, mit denen wir uns von nun an enger verbinden wollen, denen wir noch mehr Rücksichten und Wohlwollen zeigen wollen, als bisher; an die vielen Fälle in unserm Leben, wo wir wirklich Unrecht hatten, und wo wir dies freiwillig und freimüthig erkannt und gebüßt haben; an Alles, was, trotz unsern Fehlern, im Grunde unsrer Seele edel und gut ist, an die Beweise, die wir dafür geliefert haben und an die, welche wir noch zu liefern gedenken. Wir begrüßen mit ungewöhnlichem Wohlwollen einen vorübergehenden Bekannten, wie um uns selbst zu beweisen, daß wir durchaus gerecht und anständig gegen diejenigen sind, welche uns nicht durch ihre Herausforderungen zwingen, ans unserm Wesen herauszutreten.

Indessen hört der Zorn auf zu kochen und in dem allmählich wieder entstandenen Schweigen ertönt plötzlich wieder jenes unglückliche Wort, die Beleidigung wächst in unserm Geiste riesengroß, wird monstruös, unbegreiflich, unerträglich. Wir denken mit einem Gefühl von Bitterkeit und unsäglichem Widerwillen an das neue Verhältnis, in dem wir uns zu dem beleidigten Freunde befinden werden, an die unvermeidliche Qual beim Wiedersehen, an die mühsame Anstrengung, die wir zu machen haben, um unsern Stolz aufrecht zu erhalten, an das drückende Gewicht dieses Gedankens, den wir, wer weiß wie lange, zu ertragen haben werden. Wir hegen ihn erst seit wenig Minuten, und doch scheint er seit einem Monate auf uns zu lasten. Wir sind seiner schon müde. Wir möchten diese Freundschaft niemals geschlossen, diesen Namen niemals gehört haben; wir möchten verreisen, einige Zeit fortgehen unter neue Leute und Alles vergessen. Nein, wir werden uns niemals wieder in eine aufregende Unterhaltung einlassen, dies soll das letzte Mal sein, daß wir uns von unsrer Eitelkeit hinreißen lassen; ein Augenblick von Unbesonnenheit wird zu theuer gebüßt.

Nun ist der Zorn ganz verraucht, es bleibt nur noch die Traurigkeit zurück, in der sich tausend schöne Erinnerungen an die Freundschaft zusammendrängen, die wir umgebracht haben, brüderliche Vertraulichkeiten, wohlwollende Kundgebungen von der Gesinnung unsres Freundes, genußreiche Stunden, die wir zusammen verbracht haben, Alles, was in ihm Gutes ist, belebt und erneuert sich wieder iu unserm Gedächtniß, und jede Erinnerung giebt uns einen Stich ins Herz. Wir möchten lieber selbst der Beleidigte sein, unsern Gemüthszustand mit dem seinigen vertauschen. Unversehens ersteht ein edler Gedanke und erleuchtet uns. Aber nein! Der Hochmuth erhebt sich, wie ein wüthender Wilder, das Blut empört sich, unsre ganze Seele lehnt sich gegen jenen Gedanken auf. Vielleicht eines Tags, nach langer Zeit, wenn sich eine günstige Gelegenheit darbietet. – Aber für jetzt ist es unmöglich, wir würden uns wüthend gegen Jeden wehren, der uns mit Gewalt hinziehen wollte; wir wollen tausendmal lieber in der Einsamkeit unsre Seele zernagen und uns vom Unmuth erdrücken lassen.

Und doch ist da Jemand, welcher fortfährt uns ins Ohr zu flüstern, hartnäckig, in sanftem, traurigem Tone, überlegend, bittend, rathend, tausend verständige, edle Dinge sagend, die wir uns umsonst bemühen, nicht anzuhören und worauf wir gezwungen sind, zu antworten: »Ja, das ist wahr, ist vernünftig, ist billig«. Wir würden, ich weiß nicht was, darumgeben, könnten wir mit unserm Freunde unversehens, Gesicht gegen Gesicht, zusammentreffen und seine Hand in der unsrigen fühlen, ehe wir sie gesucht hätten. Dann ja, dann würden wir ohne Anstrengung die Abbitte leisten, die das Gewissen von uns verlangt. Wir fühlen eine Erleichterung, wie wir uns in diesen Gedanken vertiefen. Wir glauben unsern Freund in der Ferne auf der Straße zu sehen, wie einen schwarzen Punkt, wir hören seinen Schritt, wie er einen Nebenweg einschlägt, wir erblicken ihn in einem vorüberfahrenden Wagen, die ganze Stadt ist mit seinem Bilde erfüllt, von allen Seiten erscheint sein blasses, betrübtes Gesicht, mit dem Flecken unsrer häßlichen Beleidigung auf der Stirn.

Ach, diesmal sind wir unsrer ganz sicher, morgen gehen wir zu ihm; wir werden den letzten Widerstand unsres Hochmuths besiegen, wir werden um Erneuerung seiner Freundschaft bitten; noch einige Stunden in diesem Zustand, dann ist Alles vorüber. – Da spricht die Stimme aus unserm Innern zum letzten Mal zu uns: »Nein, Du darfst nicht bis morgen warten. Mache sogleich die letzte Anstrengung, Verjage diesen Rest elenden Hochmuths, der noch Widerstand leistet. Eile zu Deinem Freunde, Du wirst ihn noch erreichen, Du wirst ihn von fern erkennen auf dem einsamen Wege, wo er, wie Du, allein und traurig nach Hause zurückkehrt, an die verlorene Freundschaft, an Deine Ungerechtigkeit, an die Eitelkeit menschlicher Neigungen denkend – nähere Dich ihm leise, ergreife seinen Arm, sieh ihm ins Gesicht und sage ihm sogleich jenes gesegnete Wort, das edelste und schönste menschliche Wort, wenn es vom Herzen kommt: »Freund, verzeihe mir«. Dann wirst Du fühlen, daß keine Befriedigung der Eigenliebe, kein Triumph des Stolzes soviel werth ist, wie ein Schatten der Freude, welche du fühlen wirst, wenn Du Dich in seine Arme wirfst.

 

Aber dieser edle Muth fehlt uns gewöhnlich, und dann muß man sich schlagen. Wem das zu Theil geworden ist, dem wird auch nicht das Geringste von dem, was er an jenem Tage gesehen und gefühlt hat, aus dem Gedächtnis; entschwinden. Er wird niemals die lange, schlaflose Nacht vergessen, während deren er tausend Mal mit fast ungläubiger Verwunderung alle Einzelnheiten der schmerzlichen Scene wieder durchging, welche Beide zu diesem Schritt gezwungen hat, und zugleich hin und her überlegte, ob es noch ein Mittel zu ehrenvoller Versöhnung, die Möglichkeit eines unvorhergesehenen Zwischenfalls, einer gebieterischen Dazwischenkunft der Freunde gebe, welche Alles ordnen könnte. Dann folgte das Gefühl des Zusammenschnürens im Herzen beim Erscheinen des Morgens und dann der beiden Sekundanten, deren ernste Miene die letzte Hoffnung vernichtete: die Traurigkeit der endlosen Fahrt durch die noch graue, stille Stadt, auf einsamen Wegen, wo man bei jedem Schritt eine Erinnerung wiederfand, die schon weit hinter uns zu liegen schien, einer Begegnung, eines eiligen, fröhlichen Gesprächs mit dem verlorenen Freunde: der erste Eindruck der frischen Landluft, welche die letzten Nachtgespenster ans dem Kopfe vertrieb und die Seele ganz zum Gefühl der Wirklichkeit zurückrief, die uns bis dahin wie ein Traum erschienen war.

Jetzt tritt eine heftige Erschütterung des ganzen Körpers vom Kopfe bis zu den Füßen ein, wie wir die Worte hören: »sie sind schon da«, während auf das Rasseln des Wagens tiefes Schweigen folgt; eine schnelle, tiefe Gemüthsbewegung, mit einer Art Betäubung gemischt, wie wir den Gegner erblicken, bleich, ebenfalls nach einer durchwachten Nacht verstört. Ein Gefühl von bittrem Leid ergriff uns, als wir flüchtig die Gestalt, die uns so vertrauten Geberden sahen, die Stimme hörten, deren Ton uns so bekannt war, als wir ihn die Hand mit dem Handschuh bekleiden sahen, die wir lange Jahre hindurch liebevoll gedrückt hatten, und den Arm entblößen, mit dem er uns so oft an die Brust gedrückt hatte, wenn wir uns auf längere Zeit trennen mußten. Da blitzte in uns plötzlich ein Gedanke auf, ein augenblicklicher, zärtlicher Antrieb, auf ihn zuzustürmen und ihn auf die Stirne zu küssen – aber eben so schnell hielt uns die Furcht auf dem Platze zurück, der Gedanke, ein solches Verfahren könnte um uns spöttisches Lächeln erregen. Da ergreift uns wüthende Ungeduld, wir wollen dieser Qual auf irgend eine Weise entfliehen – plötzlich schießt uns ein Gedanke durch den Kopf: uns absichtlich verwunden zu lassen – aber mit schmerzlicher Verwunderung fühlen wir in seinen Stößen das Beben des Zorns, unser

Blut erhitzt sich nach und nach, unser Geist verdunkelt sich, ein Schleier legt sich über unsre Augen. Da hören wir dumpfe Stimmen: »Halt, – verwundet« – und sehen einen purpurfarbenen Streifen wie durch einen Nebel.

Ach, wie sind da mit einem Male der Stolz, der Zorn, der Groll, die Erinnerung an die Beleidigung, das Prahlen mit Muth, die Einflüsterungen der Zeugen in den Staub gefallen! Mochten wir beleidigt haben oder beleidigt worden sein, wir stürzten uns in seine Arme, mit versöhnlichem Gemüth, das Herz von Freundschaftsgefühlen überquellend, erstickt von Mitleid, die liebevollsten Worte, die je aus unserm Munde gekommen sind, hervorstammelnd; wir trockneten sein Blut aus, als wäre es das unsere, küßten seine Stirne wie die eines Sohnes, baten ihn, uns seine Freundschaft wieder zu schenken, schworen uns selbst auf unsre Ehre zu, daß auf unsre Freundschaft nie wieder ein Schatten fallen solle, und als wir weggingen, ergriff uns ein Gefüllt von unaussprechlichem Schauder, als wir auf der Erde den mit Bruderblut getränkten Staub erblickten.

 

Der größte Theil der Freundschaften wird von vorsichtigen, wohlerzogenen Leuten ohne Geräusch abgebrochen, welche »die Schicklichkeit retten« wollen, und diese Trennungen, ohne Beleidigungen oder Lärm, welche eine Wiederannäherung unmöglich machen, bringen gewisse Zustände von wunderlichen Feindschaften hervor, welche ein besonderes Studium verdienen würden, Einer der häufigsten ist folgender. Die zwei Freunde beleidigen und verlassen einander plötzlich mit gleichem Unrecht auf beiden Seiten, mit angenommener Gewißheit, daß sie sich niemals wieder einigen werden. Lange Zeit sind sie fest überzeugt, sich zu hassen. (Man kann sich nicht vorstellen, wieviele Menschen es auf der Welt giebt, welche zu hassen glauben und nicht hassen; es sind ihrer fast ebensoviele, wie die, welche zu lieben glauben, und doch nicht lieben. Denn ein wirklicher Haß erfordert ebenso starke und ebenso seltene Eigenschaften der Seele, wie eine wahre Liebe.) Nachdem sie lange geglaubt haben, sich zu hassen, bemerken sie an einem wiedererwachenden Gefühle von Zuneigung, daß sie sich niemals gehaßt haben und fühlen sich zu einer freimüthigen Versöhnung geneigt. Aber der Hochmuth hält Beide ab, den ersten Schritt zu thun. So dauert diese anscheinende Feindschaft, unter welcher die alte Freundschaft brütet, Jahre lang. Während dieser Zeit sprechen sie gut von einander; bisweilen leisten sie sich indirekt und auf halb verborgene Weise kleine Dienste; an öffentlichen Orten, bei plötzlichem Umdrehen, überrascht nicht selten der Eine den Blick des Andern, der mit wohlwollender Neugierde auf ihn gerichtet war; hundert Mal hat Jeder zu sich selbst gesagt: »Es ist Zeit, dem ein Ende zu machen«, und so haben sie beschlossen, sich am folgenden Tage zu besuchen. Aber es ist schon soviel Zeit verflossen, es würde seltsam aussehen, man könnte sich kein Zusammentreffen vorstellen, das nicht lächerlich erschiene, sie würden Beide verlegen sein, wie Kinder. Es ist besser, die Dinge zu lassen, wie sie sind. Und das Hübscheste ist, daß die beiden Freunde, jemehr sie die Annäherung wünschen, je deutlicher sie bei dem Andern dieselben Gefühle errathen, desto mehr die Gelegenheiten vermeiden, zusammenzutreffen, denn sie schämen sich immer mehr, daß sie diese letzte Eisrinde nicht zu durchbrechen wagen, so daß sie, während sie sich doch früher bisweilen ansahen, nun den Kopf nach den entgegengesetzten Seiten wenden, und ihre Haltung, welche Anfangs nur Gleichgültigkeit ausdrückte, deutet nun geradezu auf Abneigung.

Endlich nach sechs oder sieben Jahren, bisweilen erst nach zehn Jahren, treffen die Beiden eines schönen Tags, am hellen Mittag, wie sie gerade durch dieselbe Straße in entgegengesetzter Richtung gehen, Brust gegen Brust, Gesicht gegen Gesicht, Fuß gegen Fuß zusammen, sehen sich an, bleiben einen Augenblick ungewiß, mit geröthetem Gesicht stehen, lächeln, Einer streckt die Hand aus – und Alles ist vorüber. Aber der Zustand, in dem sie sich nun befinden, ist mitleiderregend und verdienter Weise lächerlich. Neben dem Vergnügen der Versöhnung macht sich die Scham geltend, soviele Jahre lang eine so kindische Komödie aufgeführt zu haben, sie fühlen die Pflicht, sich zu rechtfertigen und wissen nicht das Geringste vorzubringen. Sie stammeln unpassende Fragen nach Gesundheit und Geschäften, die Unterhaltung ist albern und mühsam, wird mit gesenktem Kopf, mit verlegenem Lächeln geführt, ohne daß sie wagen, sich ins Gesicht zu sehen, ohne daß sie wissen, was sie mit ihren Händen machen sollen. Dann grüßen sie sich mit weniger lebhaftem Wohlwollen, als sie vor der Versöhnung für einander fühlten, und gehn Beide nach Hause, ein wenig verstimmt, über die Dummheit des Königs der Schöpfung nachdenkend.

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