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Unsere Freunde

Edmondo De Amicis: Unsere Freunde - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorE. de Amicis
titleUnsere Freunde
publisherHermann Costenoble
addressJena
printrunZweite Auflage
year1895
translatorDr. R. Teuscher
illustratorG. Amato, G. Colantoni, J. Farina, D. Paolocci, E. Ximenes, G. Peunasilico
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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Wie Freundschaften entstehen.

Die Freundschaften sind wie die Ehen: kaum eine von zehn wird aus Liebe geschlossen.

Vor allen Dingen ist die Wahl nicht ganz frei. Ein Theil unsrer Freundschaften sind ein Erbtheil aus der Schulzeit, ein zweiter Theil wird uns von andern Freunden zugeführt, noch ein andrer wird uns durch unsern Beruf aufgezwungen. Wohl ist es nur eine kleine Zahl, die wir selbst ausgesucht haben, aber wenn wir aufrichtig sein wollen, zu wie wenigen hat uns das bloße Gefühl der Sympathie hingeführt! Wir müßten fast Alle bis zu den Augen erröthen, wenn die, deren Freundschaft wir scheinbar aus bloßer freundlichen Zuneigung suchen, unsre wahren Beweggründe entdecken sollten. Den Einen haben wir aufgesucht, um einer Feindschaft zuvorzukommen, gegen die wir nicht hätten kämpfen können, den Andern, weil wir auf ihn neidisch waren und hofften, wenn wir ihn kennen lernten und den Gegenstand unsres Neides näher prüften, so würden wir wenigstens von dem Theile unsrer Qual erlöst werden, den die Einbildungskraft noch hinzugefügt; Den, um seine Freundschaft wie einen Federbusch auf dem Kopf zu tragen, Jenen, um uns seiner wie einer Stufe zu bedienen, auf der wir zu einer höhern Freundschaft hinaufklimmen wollen, noch Einen, um uns insgeheim über seine köstlichen Lächerlichkeiten lustig zu machen, und wieder einen Andern, um so gut wie möglich eine vorübergehende Leere auszufüllen, welche andre Freunde in unserm Leben gelassen haben. Der Ursprung fast aller unsrer Freundschaften, auch der liebsten, ist eine Nothwendigkeit oder ein Interesse gewesen. Nur eine geringe Zahl bilden die zufällig erworbenen Freunde, welche unter die einförmige Geschichte der andern in unser Leben etwas Romantik bringen. Sie sind

hineingefallen, auf der Reise, in der Verwirrung, welche aus einem Unglück entsteht, an einem einsamen, traurigen Orte, im Anblick einer Gefahr, vor einem erhabenen, schrecklichen oder höchst lächerlichen Schauspiele, in einem jener Augenblicke, wo die Seelen sich weit öffnen, sich bis auf den Grund durchschauen und sogleich verbinden. Außer diesen giebt es noch Einige, von denen wir nicht wissen, wie und wo wahre Freundschaft zu ihnen entstanden ist; wir haben den Ort, den Vorstellenden, den ersten Eindruck vergessen; sie sind eben da, unter den Andern, ohne Geschichte, ohne Datum, ohne Ursprungszeugnis, wie der Erde entstiegene Gespenster.

 

Eine große Zahl von Freundschaften werden auf den ersten Blick geschlossen. Es ist wunderbar, wie wir, in einen Kreis unbekannter Personen eintretend, schnell und fast immer richtig beurtheilen, welche davon unsre Freunde werden können, welche davon für uns weder Fisch noch Fleisch sein werden, und welche wir niemals werden zähmen können.

Zuerst fallen uns zwei oder drei Gesichter auf, von denen, die wir »garstige Gesichter nennen, übelwollende Physiognomieen, welche auf einen Charakter hindeuten, der, wie wir fühlen, uns niemals sympathisch werden kann, denn im Grunde genommen ist der Widerwille, den uns ein Fremder einflößt, von keiner andern Empfindung abzuleiten, und in der That hört er gewöhnlich sogleich auf, wenn wir entdecken oder man uns versichert, daß der Eindruck, den wir auf jene Person gemacht haben, ein ganz andrer gewesen ist. Unter hundert Augen erkennen wir sogleich die beiden, welche uns einen natürlichen Feind anzeigen, wir verstehen einander im Augenblick; wir errathen sogleich tausend Unterschiede in Meinungen, Gefühlen, Geschmäcken, welche zwischen uns bestehen müssen, wir fühlen uns beunruhigt, wie Jemand, der sich ausgespäht sieht, und fühlen uns unfrei im Denken, Reden und selbst im Gesichtsausdruck. Es geht uns, wie zwei Exemplaren von gewissen Pflanzen, welche, neben einander gestellt, krank werden und absterben.

Nicht so schnell wie Diese, aber doch noch leicht genug erkennt man gewisse Andre, die für uns niemals mehr, als Höflichkeitsfreunde sein werden, Leute, die der Freundschaft fähig sind und sie Einigen einflößen, die aber für uns etwas Gallertartiges, Gläsernes und Elastisches haben, wie die Quallen, was sie für unsre Hände unergreifbar macht. Es ist in der That seltsam, Ihr könnt sie hundertmal sehen, man mag sie Euch alle sechs Monate vorstellen, und doch werdet Ihr Euch unmittelbar nachher weder ihres Namens, noch ihres Gesichts erinnern, denn sie haben weder an noch in sich irgend Etwas, das Eure Neugierde erregt, das Euch einen guten oder schlechten Eindruck hinterläßt, das in Euch nur den flüchtigsten Gedanken an sie erweckt, sobald Ihr sie verlassen habt; sie sind bestimmt, Euch fortwährend aus dem Kopf und dem Sinn zu entschlüpfen, wie Wasser aus einem Siebe.

Aber für solche schlechte Begegnungen werden wir reichlich durch die wenigen Freundschaften entschädigt, die von beiden Seiten schnell, durch plötzlichen Antrieb der Sympathie geschlossen werden. Mitten unter einem Haufen von Leuten, die Euch neu sind, seht Ihr plötzlich ein offnes, lächelndes Gesicht, Eure Blicke treffen zusammen. Es ist eine seltsame Täuschung. Ihr glaubt ihn schon anderwärts gesehen zu haben, Ihr wißt nicht, wo, aber gewiß an einem angenehmen Orte, bei einer günstigen Gelegenheit. Ihr nähert Euch und gerathet sogleich in ein Gespräch. Nun folgt eine andre Überraschung. Die Stimme, die Aussprache, die Gesten, Alles scheint in Euch alte undeutliche aber angenehme Erinnerungen zu wecken. Ihr versucht einige Fragen: Eure Gedanken begegnen sich noch früher, als Eure Worte, ganze Ketten von Gedanken und Gefühlen, von denen der Eine nur den ersten Ring zu berühren braucht, entwickeln und vermischen sich schnell, so daß die Fortsetzung des Gesprächs unnöthig wird; Ihr seid wie gewisse Doppelstücke bei einem Feuerwerk, welche sich beide von oben nach unten zugleich entzünden, dieselben Strahlen auswerfen, dieselben Kreise beschreiben, in denselben Farben glänzen. Wie bei chemischen Verbindungen wird auch bei der Eurigen Wärme und Elektrizität entwickelt; die Unterhaltung knistert, das Lachen funkelt, die Gesichter röthen sich, Ihr erfreut Euch gegenseitig; Ihr würdet Euch in ausdrücklichen Worten Eure Sympathie zu erkennen geben, fürchtetet Ihr nicht voreilig und kindisch zu erscheinen, und Ihr denkt schon mit Vergnügen an den Tag, wo größere Vertraulichkeit Euch erlauben wird, sie ohne Rückhalt auszudrücken; Ihr sucht schon mit jugendlicher Ungeduld die freimüthigen, artigen Ausdrücke, die Ihr an ihn richten wollt. Denn das Wohlwollen verjüngt und begeistert.

 

Auch bei Leuten von demselben Alter giebt es sehr verschiedene Arten, Freundschaften zu schließen. Es giebt Typen, welche es nützlich ist, zu kennen. Einige zum Beispiel, wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben, machen einen Haltepunkt, durchaus nicht aus Abneigung gegen ihresgleichen, sondern weil sie nichts weiter damit anzufangen wissen. Sie besitzen schon diejenige Zahl und Abwechselung unter ihren Freunden, welche den Bedürfnissen ihres Gemüths und den Bedingungen ihres Stundenplans entsprechen, alle Fächer des Geistes und des Tages sind besetzt, sie geben keine Billets mehr aus; sie könnten an der Stirn ein Stück Pappe mit der Inschrift »Besetzt« tragen, wie die Omnibus,

Zu dieser Zahl gehört auch eine Art Monogamist der Freundschaft, der nur von einem einzigen Freunde lebt, einem menschlichen Phönix, den er entdeckt und der ihn bezaubert hat; in diese einzige Anbetung versunken, will er keine Andern um sich sehen. Er ist wie gewisse Körper, welche, wenn sie einmal eine Verbindung eingegangen sind, alle Verwandtschaft verlieren und keiner weiteren Verbindung fähig sind.

Es giebt Leute, welche keine Freundschaften schließen, weil sie niemals das geringste Bedürfniß danach fühlen und gefühlt haben. Sie haben keinen Sinn für Freundschaft, wie Andre keinen Sinn für Musik haben; sie bringen das Leben hin wie gewisse indische Fakire, indem sie ihren eignen Nabel betrachten. Wenn sie allein sind, wünschen sie keine Gesellschaft, werden sie ausgesucht, so fliehen sie nicht, sie sind gleichgültig. Sie haben für Jedermann dasselbe Lächeln und denselben Gruß und betrachten die Freundschaftsbezeigungen, welche sie Andre austauschen sehen, mit Erstaunen, wie sie die sympathischen Bewegungen zweier Pflanzen oder die Liebesbezeigungen gewisser Fabelwesen aus andern Welten betrachten würden, welche zwei Seelen und zwei Geschlechter in einem Körper besitzen sollen.

Es giebt auch Menschenscheue, welche man, wenn sie zufällig unter Unbekannte, auch sehr anständig aussehende, gerathen, sogleich an den Blicken erkennt, die sie um sich werfen und die zu sagen scheinen: »Räuber? Verräther? Spione? Pestkranke?« und an einem Ausdruck sehr sichtbaren Widerwillens,

fast Ekels, wenn man das Wort an sie richtet, und dieser Ausdruck ist so lebhaft, daß sie ihn nicht einmal aus Höflichkeit verbergen. Auf diese Weise vermeiden sie jede neue Bekanntschaft, nicht sowohl wegen trauriger Erfahrungen, als aus instinktmäßigem Widerwillen gegen die Menschen, wie gegen häßliche, stinkende Thiere; nicht sowohl aus Haß, als aus Furcht. Wenn man sich ihnen gegenüber befindet, so giebt es kein anderes Mittel, sie zu beruhigen, als daß man sogleich zeigt, daß auch sie uns unbesiegbaren Widerwillen und tiefe Verachtung einflößen.

Auch unter den leicht zu gewinnenden, aufdringlichen Leuten giebt es vielerlei leicht zu unterscheidende Typen. Einer davon ist der, welcher täglich einen neuen Freund sucht, weil er täglich einen alten verliert. Unerträglich für Jedermann und doch unfähig, allein auszukommen, ist er gezwungen, fortwährend die leeren Räume auszufüllen, die sich um ihn bilden, indem er Freunde von überallher zusammenliest, ohne Sympathie und ohne Auswahl; man erkennt ihn an seinem mißtrauischen Blicke und an seiner kriechenden Demuth. Ein Anderer ist der Ehrgeizige mit kaltem Blick und warmem Wort, verschwenderisch mit Höflichkeit und Lob, welcher Freunde sucht, wie ein Wahlkandidat Stimmen sammelt, nicht mit dem Zweck eines besonderen Vortheils, sondern in einer großen, unbestimmten Nebenabsicht, für welche es ihm nützt, sich tausend Wege offen zu halten und keine Unterstützung zu vernachlässigen. Er ist eine Art Aufkäufer von Freundschaften, Schatzmeister von Sympathieen, welcher nach Tausendmarkscheinen zielt und Groschen sammelt; er wird seine zerstreuten Kapitalien zu rechter Zeit guten Zins tragen lassen. Der Dritte ist der Schönste: der in das Menschengeschlecht Verliebte. Keine schmerzliche Erfahrung hat ihn heilen können. Ihr werdet ihm hundertmal im Waggon oder auf der Theaterbank begegnet sein. Er lächelt Allen zu, drängt sich an Alle heran, sucht mit Jedermann ein Gespräch anzuknüpfen, erzählt von seinen eignen Angelegenheiten ungescheut, hört aufmerksam auf die Reden Anderer, ist dem, der ihm ein freundliches Gesicht zeigt, von Herzen dankbar, ist demüthig gegen den, der sich nicht um ihn kümmert, fühlt sich zurückgesetzt, wenn man nicht ein Stück Apfelsine von ihm annimmt, und findet unter zehn Unbekannten nicht eher Ruhe, als bis er von Jedem der zehn einen freundlichen Blick oder ein höfliches Wort erlangt hat. Er ist ein wahrer Bettler um Freundschaft und bringt jedes Jahr eine Schaar zusammen, in seinem Kopfe hat er ein ganzes Volk, und wenn er die ganze Menschheit hätte, würde er doch nicht zufrieden sein. Er würde unglücklich zu Bett gehen, könnte er nicht jeden Tag seine Lieblingsphrase, gleichsam das Aushängeschild seines Lebens wiederholen: »Heute habe ich eine Bekanntschaft gemacht.«

 

Aber auch die wohlwollendsten und vertrauensvollsten werden schwierig, wenn sie im Alter vorrücken.

Wir betrachten jedes neue Gesicht, wie ein Kundschafter im Krieg jeden neuen Horizont durchforscht: in beiden kann ein Feind verborgen liegen. Bei der ersten Erscheinung eines Unbekannten, der geneigt scheint, sich mit uns zu befreunden, werfen wir sogleich hundert Fragen auf: Womit wird er uns schaden können? Womit nutzen? Werden wir ihn, oder wird er uns beherrschen? Wird die Freundschaft von Dauer sein? In einem Augenblick ziehen vor unserm Gedächtniß alle die Andern vorüber, welche uns vorgestellt wurden, wie er, uns ebenso zulächelten und die Hand reichten, und später mußten wir doch bereuen, sie als Freunde aufgenommen zu haben. Unser Gedanke sieht sogleich den ersten Streit vor sich, welcher auch mit diesem Neuangekommenen nicht zu vermeiden sein wird, die Unannehmlichkeiten, Mißverständnisse, die herben Diskussionen, die mühevollen Versöhnungen, was wir Alles mit diesem nicht werden vermeiden können, wie wir es mit den Andern nicht gekonnt haben; es fehlt uns an Muth, diese neue via crucis wieder zu betreten. Wir befragen einander eine Weile mit den Augen, indem Jeder den Gedanken des Andern erräth und halten wirkliche stumme Zwiegespräche, die man leicht in Worte übersetzen könnte. Wenn wir auch einiges Wohlwollen für einander fühlen, so nähern wir uns doch nicht ohne Vorbehalt.

Der Eine: »Du hast das Ansehn eines Ehrenmannes, aber vielleicht auch nur das Ansehn,«

Der Andere: »Dein Gesicht mißfällt mir nicht, aber es giebt schöne Blumen, die nach Aas riechen.«

– Sollen wir wirklich versuchen, ob wir zusammenpassen? Ich kann mich nicht entschließen.

– Das Herz sagt mir Gutes; aber es wäre nicht das erste Mal, daß es sich über mich lustig machte.

– Nein, nein, ich vertraue Deiner Aufschrift noch nicht.

– Genug: Ich muß Deine Front noch genauer studiren.

Unterdessen reichen wir uns höflich die Hand und tauschen ein »auf Wiedersehen« aus. Oder wir gefallen einander gar nicht und dann nimmt das Zwiegespräch der Gedanken einen andern Gang.

– Sie scheinen mir nichts Besonderes.

– Ich habe mir's gleich gedacht und freue mich, es aussprechen zu können: Sie machen mir denselben Eindruck.

– Ich habe es es beim ersten Blick erkannt, selbstverständlich wird diese Vorstellung als nicht geschehen betrachtet, und wenn wir uns aus der Straße begegnen, werden wir uns von fern nicht beachten.

– Ich nehme das »Selbstverständlich« gern an, aber ich gestehe, es würde mir ein Trost sein, könnte ich Ihnen einen grünen Stock auf die Schultern appliziren.

– Ich liebkoste eben denselben Gedanken, würde aber ein Stück gereiften Holzes vorziehen.

– Hoffen wir auf eine gute Gelegenheit.

– Der liebe Gott möge uns erhören.

Nach solchen Gedanken grüßen wir uns achtungsvoll. Und dergleichen widerfährt uns fast jeden Tag. Bei jedem neuen Zusammenstoß mit alten Freunden fassen wir wieder den feierlichen Vorsatz: keine neuen Freundschaften mehr. Soviel Wohlwollen uns auch ein Unbekannter einflößen möge, wir weisen ihn ab. Schließen wir für Jedermann alle Zugänge zum Gemüth und lassen wir nur einen schlüpfrigen Pfad offen, wo Niemand sich aufhalten kann. Vergessen wir niemals die große Wahrheit: »Jeder ist eines Jeden Feind«.

Eitle Vorsätze! Was man auch thun möge, »der Mensch ist immer für den Menschen die größte Quelle, wie des Schmerzes, so des Glücks« und zuletzt muß man immer wieder aus ihm schöpfen. Man hat gut schwören: keine neuen Freundschaften mehr; aber tausend unerwartete Zufälle lassen uns unsern Vorsatz brechen. Eine Freude, die uns hingebend, ein Schmerz, der uns schwach macht, ein Plan, zu dem wir Unterstützung brauchen, eine warme Darlegung von Achtung und Sympathie, die uns unversehens trifft, läßt uns die Hände mit Dankbarkeit hinstrecken. Da die Eigenliebe unendlich ist und also auch unendlich die Arten sind, wie sie befriedigt und blendet, so sind wir fortwährend in Gefahr daß irgend Jemand sich unserer Freundschaft durch einen Handstreich bemächtigt. Von der andern Seite, so welterfahren und so mißtrauisch gegen jedes neue Gesicht wir auch sein mögen, so fällt doch der Begriff, den wir uns beim ersten Anblick von jedem Unbekannten bilden, wenn dieser durchaus nicht abstoßend ist, immer in gewissem Sinne viel günstiger aus, als wir selbst glaubten. Es ist gewiß, daß, wenn wir mit dem neuen Freunde zu einem gewissen Grade von Vertrautheit gelangt sind, sei er auch so liebenswürdig und achtungswerth, wie er will, wir immer über uns selbst lächeln, wenn wir an die Sorgfalt denken, mit der wir Anfangs gewisse Schwächen verbargen, von denen wir ihn für frei hielten, und immer, obgleich die Zuneigung gewachsen ist, bemerken wir, daß die Achtung abgenommen hat. Und dann haben wir Alle erprobt, wie traurig und unfruchtbar jene kurzen Perioden unseres Lebens waren, wo wir beabsichtigten, Jeden als Feind zu betrachten, und uns an Unbekannten, die wir abweisen können, für das von Freunden erlittene Unrecht zu rächen, die wir nicht zu strafen vermögen. Wir sind dann gezwungen, in uns alle Gefühle der Bewunderung für großmüthige Handlungen und edle Charaktere zu unterdrücken, alle Empfindungen des Mitleids gegen Unglückliche zu ersticken, alle nachsichtigen, wohlwollenden Gedanken zurückzudrängen, welche aus der Tiefe des Gemüths wider Willen auf uns einstürmen, wo unsere niedergedrückten, guten Instinkte sich empören. Zuletzt ermüdet und betrübt uns solch eine undankbare Arbeit. Einige Zeit lang läßt unser Stolz uns fest bleiben, aber dann wirft uns ein plötzlicher Antrieb des Herzens wieder mitten unter die Menschen, entwaffnet und reuevoll, voll Mitleid für uns selbst und für die Andern, mit offenem Herzen für neue Freundschaften, geneigt, uns mit dem Wenigen zu begnügen, was an Jedem Gutes ist; wir sind überzeugt, daß es unrecht, gemein und dumm ist, als Feind des menschlichen Geschlechts aufzutreten und einander zu verachten und abzustoßen, ohne sich zu kennen, Denn wir sind Alle Menschen, an dieselbe Kette gefesselt, zu denselben Schmerzen verdammt, schwach, elend und sterblich; wir verlieren unsere Mutter und unsere Kinder und begießen Alle unfern Weg mit brennenden, blutigen Thränen.

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