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Unsere Carlotta

Isolde Kurz: Unsere Carlotta - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleUnsere Carlotta
authorIsolde Kurz
year1934
firstpub1901
publisherRainer Wunderlich
addressTübingen
titleUnsere Carlotta
pages94
created20151027
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Isolde Kurz

Unsere Carlotta

 

Zweite Auflage

 


 

Rainer Wunderlich
Verlag
in Tübingen
[1934]

 


 

Über der Arnostadt ging eben die Sonne unter, der Himmel war offen, die Glorie brannte, Türme, Kuppeln, Paläste standen in einer Flammenesse, und hineinschauten verzückt die Zypressen der Villa Isotta.

8 Wir saßen im offenen Gartensaal, die Rede kam zufällig auf Nationalitäten. Es war lange vor dem Weltkrieg, der Niedergang der kulturalten romanischen Völker war damals eine von diesen selbst am eifrigsten geglaubte Lehrmeinung. Einer wollte in der sinkenden Sonne das Sinnbild und Wahrzeichen des schönen Landes sehen, in dem wir lebten: in ebensolcher abendlichen Heiterkeit gehe die italienische Kultur und Rasse unter, um den lebenskräftigeren modernen Völkern Raum zu geben.

Andre widersprachen, es wurde lebhaft hin und her gestritten. Besonders die Hausfrau, von romanischem Blut, aber in langjähriger Ehe einem Deutschen verbunden, sah weiter und wollte von einem Niedergang des italienischen Genius nichts wissen, ohne den in der großen Völkersymphonie eine der schönsten Stimmen fehlen würde, und manches denkwürdige Wort fiel in dem Redekampf, der sich entspann.

9 Italien, sagte sie unter anderem, ist und bleibt das Land der großen Menschheitstypen, die ewigen Urbilder wachsen hier immer wieder nach. Freilich gibt es bei den modernen Nationen feinere Abtönungen und verwinkeltere Seelenvorgänge, aber das Menschentier, das einfache, mit seinen Grundregungen fehlt, der Urtypus fehlt, von dem die anderen abgeartet sind. Was sonst des Dichters Aufgabe ist, das tut hier die Natur selber: sie vereinfacht die Gestalten.

Zum Beispiel: Verliebte, Eifersüchtige, Rachgierige gibt es in jedem Land; aber die Liebe, die Rache, oder nehmen Sie welche Leidenschaft Sie wollen, ganz in einer Person verkörpert wie in der antiken Tragödie, das finden Sie heute nur noch in Italien. Solch ein menschgewordener Urtrieb, wie z. B. unsere Carlotta war, das schöne Bronzeweib, das Sie ja alle gekannt haben.

Als sie den Namen Carlotta nannte, stieg eine 10 halbvergessene Gestalt aus meiner Erinnerung auf: ein herrliches Weib, wie eine antike Kolossalstatue, mit braunem unbeweglichem Gesicht und großen goldenen Ringen in den Ohren. Sie stand leibhaftig vor mir, wie sie den Rasen am Hügelabhang der Villa Isotta umschorte, die Schaufel kraftvoll in das trockene Erdreich niedertretend und ruhig Scholle um Scholle legend. Ich hatte sie nur einmal gesehen und wußte nichts von ihr, als daß sie Carlotta hieß, aber in meiner unbewußten Erinnerung war die Erscheinung haften geblieben, ohne daß ich mich je mit ihr beschäftigt hätte. Sie sah aus wie die letzte Überlebende einer untergegangenen Rasse aus einer Zeit, wo die Menschen noch weniger zahlreich aber körperlich vollkommener waren.

Das Gespräch war plötzlich abgerissen, und eine verlegene Stille ging durch das Zimmer. Man knüpfte eine neue Unterhaltung an, die nicht mehr ins Sprudeln kam, und trennte sich früh.

11 Sobald wir allein waren, fragte ich die Frau des Hauses, was es mit der schönen Riesin für eine Bewandtnis habe.

O, wie seltsam ist es doch, rief sie, den Fortgehenden nachblickend, daß die Menschen im Leben nicht ertragen können, was sie in der Dichtung überzeugt und zum Beifall zwingt. Es freut mich, daß Sie nach Carlotta fragen, ihre Geschichte liegt vor der Zeit unserer Bekanntschaft, und ich erzähle sie Ihnen gern. Sie haben das Mädchen erst gesehen, als ihre Kraft schon gebrochen war, schließen Sie daraus, was sie in den Zeiten ihres Glanzes gewesen ist!

Sie legte sich auf ihrem Kanapee zurecht, dachte ein wenig nach und erzählte dann:

Es war bei einem Sommeraufenthalt in Montepiano, daß die Carlotta in unser Haus kam. Sie kennen die Gegend nicht? – gewiß eine der schönsten im toskanischen Apennin, eine von wilden 12 Schluchten zerrissene und von Bergströmen durchrauschte Hochfläche, die die Wasserscheide zwischen dem Bolognesischen und Florentinischen bildet: die Setta eilt nach Osten dem Reno und der Adria zu, und die Fiumenta stürzt sich mit dem Bisenzio nach dem westlichen Meere. Ebenso zwiespältig ist der Charakter der Bevölkerung, sie spricht toskanisch und gehört der Landeseinteilung nach zu Florenz, neigt aber schon zu dem rauheren und geraderen Wesen der bolognesischen Nachbarn hinüber. Wir wohnten wunderbar im Müllerhause, durch dessen Gewölbe die schäumende Setta stürzt, aber für die Bedürfnisse war schlecht gesorgt, daher das Wirtschaften seine Schwierigkeiten hatte, und das Dienstmädchen, das ich aus der Stadt mitbrachte, wußte sich nicht zu helfen. Auch fehlte es unserer kleinen Stephanie, die eben das Gehen lernte, an Aufsicht, deshalb ließ ich im Ort nach einer Aushilfe suchen. Da quälte mich eine wandernde Krämerin, die mit 13 ihrem Eselwagen ab und zu vor die Mühle kam, ihre Tochter zu mir zu nehmen; das Mädchen habe zwar noch nie gedient, sei aber so fleißig und bescheiden, daß ich gewiß mit ihr zufrieden sein werde. Die Krämerin war eine alte Hexe, die mit ihrem Eselkarren im Lande herumzog, den Sommergästen schlechte Seifen, dem Landvolk farbige Bänder aufschwatzte und allen Klatsch zwischen den zwei Grenzprovinzen vermittelte. Ihre Empfehlung hatte also wenig Gewicht, aber das Wasser ging mir an den Hals, auch hörte ich, daß die Tochter der Mutter sehr unähnlich sei, und willigte ein, sie mir wenigstens vorstellen zu lassen.

Des andern Tages brachte mir die Alte ein großes schönes Geschöpf daher, nicht mehr in der ersten Jugend, und in seiner reifen Fülle mehr Weib als Mädchen, ein Prachtstück der Natur, mit braunem, ruhigem Gesicht, die Haare wie zwei schwarze Flügel über der Stirn und große goldene Ringe 14 in den Ohren, kurz, Sie kannten sie ja – unsre Carlotta. Man begriff nicht, wie das kleine häßliche Weib diesem edlen Koloß das Leben gegeben haben sollte.

Die Prüfung fiel nicht glänzend aus. Fast auf allen Punkten, nach denen ich sie befragte, bekannte sich Carlotta zu gänzlicher Unwissenheit, während die Mutter ihr heimliche Winke gab und des Mädchens Aufrichtigkeit durch erlogene Lobpreisungen gut zu machen suchte Freilich, wenn für Carlotta nichts gesprochen hätte als das Zeugnis ihrer Mutter, so wäre sie wohl nie in unser Haus gekommen, aber das große, wohlgeratene Menschenbild mit dem ruhigen Wesen eines schönen, starken Tieres gefiel mir auf den ersten Blick, und den Ausschlag gab die Kleine, die sich sogleich mit ihr befreundete.

Von Stunde an entspann sich zwischen dem großen braunen Weib und unserm kleinen blonden 15 Kindchen die zärtlichste Liebe. Carlotta wurde nicht satt, die damals noch spärlich sprossenden goldhellen Härchen anzustaunen, in denen sie das Abzeichen einer höheren Gattung, etwas beinahe Göttliches erblickte, und in unbewußter Poesie erfand sie der Kleinen immer neue Liebes- und Schmeichelnamen, eigentlich keine Namen, sondern Naturlaute lallender Leidenschaft, in denen ihr dumpfes Gefühl nach Ausdruck rang. Ihren Taufnamen konnte sie nicht behalten und verkehrte ihn in Stofale, wie die Kleine sich selber noch lange Jahre nachher nannte.

Wie oft mußte ich ihr das Kind vom Arme reißen, wenn sie sich wie ein Kreisel damit auf dem unebenen Waldboden herumschwang, das zarte Ding an den wogenden Busen gepreßt, und dazu wie in Verzückung: Stofale! Stofale! Stofale! schrie, bis ihr der Atem ausging.

Im übrigen rechtfertigte Carlotta das Zeugnis, 16 das sie sich selber ausgestellt hatte, denn selten hat mir ein Mädchen so viel Mühe gemacht. Sie war durch und durch Bäuerin, ohne Fähigkeit, sich in verfeinerte Bedürfnisse einzuleben, und wenn sie mit Mühe eine neue Aufgabe gefaßt hatte, so durfte man sie beileibe nicht in der mechanischen, immer gleichen Verrichtung derselben stören, sonst stand die Maschine mit einem Ruck stille. Nur was sie für das Kind zu tun hatte, das geriet ihr alles leicht und sicher, wie aus einem natürlichen mütterlichen Einfühlen.

Bei alledem wußten wir in Montepiano ihre Dienste wohl zu schätzen, denn sie kannte jeden Bauernhof und wußte immer genau, wo es gerade einen Korb voll frischer Eier oder ein Stück schöner Butter zu holen gab; auch konnten wir ihr mit voller Sicherheit das Kind überlassen, während wir im Gebirg umherkletterten. Außerdem habe ich es stets als einen Gewinn betrachtet, besonders für die 17 Kindheit, schöne wohlgebaute Menschen im Hause zu haben. Man mußte Carlotta sehen, wenn sie an dem kleinen Röhrenbrunnen, der neben dem Mühlbach aus dem Felsen springt, ihr Wasser holte und mit der Last zurückkam, ohne einen Tropfen zu verschütten, an jeder Hand einen schweren Eimer Wasser hängend, daß die Eimer und die starken braunen Arme aus einem Bronzeguß zu sein schienen, – die biblische Rebekka kann kein stolzerer Anblick gewesen sein.

Auch gefiel mir an Carlotta, daß sie ernsthaft und schweigsam war wie die Natur ihrer Berge; nie hörte man ein überflüssiges Wort von ihr. Sobald sie nichts mehr zu tun hatte, setzte sie sich am Abhang unter den Zypressen nieder, wo der Weg an der Setta hinführt, und sang, ihre Stofale im Schoße haltend, ein eintöniges Lied, immer dieselbe Strophe, die endlos wiederkehrte wie die Welle im Bach.

18 Überhaupt hatte sie ein nahes und stilles Verhältnis zu der Natur, sie kannte alle Pflanzen mit Namen, was bei dem hiesigen Landvolk selten ist, und sagte mit fast unfehlbarer Sicherheit das kommende Wetter voraus; von ihrem Vater, der ein Apenninenhirte war, hatte sie die Gabe geerbt und zwar sie allein unter sieben Geschwistern. Wir hatten es an ihr ausgefunden, bevor wir wußten, daß sie als die beste Wetterprophetin ringsum zwischen Setta und Fiumenta anerkannt war. – Welche Aufschlüsse über die Natur vermöchten uns erst die Tiere zu geben, wenn wir sie befragen könnten.

Etwas Treuherzigeres als unsre Carlotta ist nie auf zwei Beinen gegangen. Sie war noch keine Woche in unserm Dienst, so erzählten mir Hausgenossen belustigt, daß die neue Kindsmagd sich mit unsrer Kleinen über ihre eigenen Herzensangelegenheiten zu beraten pflege, und sie sei fest 19 überzeugt, das stille Kind mit den durchdringenden blauen Augen verstehe alles. Nun merkte ich selber auf und hörte auch richtig eines Tages mit an, wie sie die Kleine auf ihrem Schoß ernsthaft fragte: Soll ich ihn nehmen, Stofale, sag mir's du, soll ich ihn nehmen?

Und nachdem sie eine Weile in den Augen des Kindes wie in einem Schicksalsbuch zu lesen gesucht hatte, setzte sie in klagendem Tone hinzu: Aber du weißt ja, daß ich Tag und Nacht an den andern denke.

Und plötzlich riß sie das Kind mit Ungestüm an ihre Brust und rief in Verzückung: O, wenn ich sicher wäre, daß mir ein solches Engelchen geschenkt würde, dann drückte ich beide Augen zu und nähme ihn doch.

Ich trat unversehens heraus und fragte, was die seltsamen Reden bedeuteten. Carlotta war zuerst betreten, dann faßte sie sich und beichtete, und so 20 erfuhr ich jenes Tages in Bruchstücken, die ich mir selber zusammenleimen mußte, ihre ganze Geschichte. Carlottas Familie stammte aus dem Bolognesischen, wie sie immer mit Stolz betonte, eine Riesenbrut, der Vater, vier Brüder, drei Schwestern, alle schön und groß und stark wie sie. Diese Leute hausen nur im Sommer auf ihren Bergen, des Winters ziehen sie in Scharen mit Sack und Pack herunter nach der Maremma oder nach Sardinien, wo Arbeitskräfte immer gesucht sind. Gehen sie dort nicht am Fieber zugrunde, so haben sie Aussicht, es zu einem gewissen Wohlstand zu bringen, denn die Löhne sind in jenen ungesunden Gegenden höher als anderwärts.

So rechnete auch Antonio, Carlottas Verlobter, ein kluger, stattlicher Bursch, der jeden Winter nach Grosseto auswanderte und im Frühjahr sein Erspartes gegen ein paar kräftige Maremmenpferdchen umtauschte, die er daheim mit Vorteil 21 wieder verhandelte. Er hatte schon Aussicht auf ein eigenes kleines Gütchen, das er mit Carlotta bebauen wollte, als ihn kurz vor der Hochzeit die Malaria in wenigen Tagen wegriß. Carlotta betrauerte ihn herzlich, denn sie hatten von Kindheit an zusammengehalten. Doch fiel es ihr nicht ein, um seinetwillen unvermählt zu bleiben, sie verlangte nur, ihr Zukünftiger müsse groß und stattlich sein, wie Antonio gewesen. Aber sie war nun schon aus ihrer Bahn gerissen und sollte den Weg zu ihrer natürlichen Bestimmung nicht wieder finden. Noch im selben Jahr erlag ihr Vater der gleichen tückischen Krankheit, die Mutter, die Nomadenblut im Leib hatte, schaffte sich darauf den Esel an, um von Ort zu Ort mit Nadeln und Bändern zu hausieren; ihr Wägelchen mit dem gelben Wachstuchüberzug war bis ins Mugello hinab bekannt. Die Geschwister waren versorgt, Carlotta, die Jüngste, wurde, da sie das Wanderleben der 22 Mutter nicht teilen mochte, bei einem Verwandten in Prato untergebracht, der ihre Kräfte nicht besser zu verwerten wußte, als indem er sie in die Papierfabrik von Meletto schickte.

Denken Sie sich unsre Carlotta, die für die Stille der hohen Berge und der weiten Ebenen geboren war, in der qualmenden, quirlenden Atmosphäre einer Fabrik, unter all den flinken, geschwätzigen, verderbten Arbeiterinnen. Das arme Ding glaubte lange Zeit, der Kopf müsse ihr vor Lärm und Hitze zerspringen. Schweigend falzte sie täglich so und so viel Bogen blauen Packpapiers und wanderte am Abend einsam ihre fünf Kilometer nach Hause; ihr gewaltiger Wuchs und ihre Stummheit richteten zwischen ihr und den andern eine Scheidewand auf. Zwar stellten sich auch dort ein paar Freier für sie ein, aber sie waren unansehnlich von Person, und die gute Carlotta hätte es damals in der Blüte ihrer Jugend für einen Schimpf 23 gehalten, einen Mann zu nehmen, der kleiner war als sie.

Nur einer lebte in Meletto, auf den Carlotta nicht heruntersehen konnte: es war ein Papiermaschinenführer mit Namen Rocco Fontana, ein bildschöner Mensch von guter Herkunft und herrlich gewachsen, aber ein Verführer und Frauenverderber von Beruf. Den Damen von den umliegenden Villen soll er ebenso gefährlich gewesen sein wie den armen unwissenden Fabrikmädchen, denn er besaß die angeborene Eleganz und die »fierezza« im Auge– wie Carlotta sich ausdrückte –, der kein Weib widerstehen konnte. In Meletto verdrehte er alle Köpfe und gab zu wütender Eifersucht, zu Zank und Umtrieben ohne Ende Anlaß.

Seine Frechheit ging über alle Grenzen. Einmal rief er ein Dutzend Arbeiterinnen im Fabrikhof zusammen wie ein Hahn seine Hennen und sagte: So gebt doch euren Streit auf, Kinder, ich will euch ja 24 alle glücklich machen, keine soll über mich zu klagen haben. Nur das bitte ich mir aus, daß ihr wieder ruhig eurer Wege geht, wenn ich sage: jetzt ist's zu Ende. Und eins vor allem merkt euch: heiraten niemals!

Durch welchen dunklen inneren Widerspruch warf unsre ernste, sittenstrenge Carlotta ihre Leidenschaft gerade auf diesen? Blendete sie die glänzende Gestalt oder war es vielleicht gerade ihr empörtes sittliches Empfinden, das sie zwang, sich immer heimlich mit ihm zu beschäftigen? Ich weiß es nicht, und sie selber konnte mir die Frage nicht lösen.

Was ihn betrifft, so versteht es sich von selbst, daß die prachtvolle Erscheinung ihm in die Augen stach. Bei jeder Gelegenheit äußerte er öffentlich, es dürfe sich keine andre neben Carlotta stellen, und zog ihr dadurch den ingrimmigen Haß ihrer Kameradinnen zu. Als ausgelernter Kenner wollte er mit der Bäuerin keck und derb zu Wege gehen, 25 wie es in ihren Bergen üblich ist. Aber beim ersten Versuch, sich den großen, schönen Vogel zu zähmen, erhielt er einen tüchtigen Schnabelhieb, der ihm zeigte, daß dieser Wildling keine so leichte Beute war wie die kleinen zwitschernden Fabrikspatzen. Nun geriet er in Feuer, sprach von Liebe und tieferer Empfindung, Carlotta fragte tiefernst, ob er sie zu seiner Frau machen wolle, und da er mit nein antwortete, drehte sie ihm kurzweg den Rücken.

Aber der Pfeil saß schon in ihrem Herzen fest, und sie konnte dem Versucher nicht ernstlich grollen. Rocco Fontana war ein anderer, sobald es sich nicht um Liebessachen handelte; sein Talent und seine Tüchtigkeit mußte ihm jeder lassen. Er war des Direktors rechte Hand und die unentbehrlichste Person im ganzen Anwesen. Jeden Augenblick rief man nach ihm, und wenn ein Unglück geschah, war er der erste, der zusprang. Auch auf sein gutes Herz rechneten alle: die Arbeiter borgten Geld von 26 ihm, und wenn einer sich hatte was zuschulden kommen lassen, so mußte Rocco Fontana beim Direktor vermitteln. – Bittet nur den Herrn Fontana – Herr Fontana wird helfen, hieß es rechts und links, und wenn er in der Fabrik erschien, gab es immer ein Spähen und Hälseverdrehen von allen Seiten, bis er über die Schwelle trat, nachdem er zuvor prahlerisch seine rauchende Zigarre in den Hof geschleudert hatte, wo immer schon einer wartete, um sie wegzufangen.

Carlotta glühte heimlich wie eine Kohle, aber sie hielt stand. Sie leugnete ihm nicht, daß sie ihn liebe, wie keine andere ihn lieben könne, aber eins liebe sie noch mehr als ihn, ihre Ehre, und darum solle er nicht hoffen, sie zu besitzen, außer als seine rechtmäßige Frau vor Gott und Menschen.

Der schöne Rocco antwortete, sie rede wie ein Blinder von der Farbe, ein Weib, das liebe, springe auf den Wink ihres Geliebten in die 27 Maschinenräder, und da er sah, daß er nichts erreichte, suchte er sie wenigstens durch spitzige Reden und höhnisches Gebaren zu quälen.

Auf was wartest du denn eigentlich? sagte er, sei's um ein paar Jährlein, so gehörst du auch schon zur Garde der heiligen Katharina, und es ist doch eine große Sünde, ungeküßt in die Grube zu fahren.

Und ein andermal: Wenn du nur zum Ansehen da bist, so frage ich den Teufel nach deiner Schönheit. Bilder gibt es noch zehnmal schönere, vor die ich mich hinstellen kann und sie bewundern, zum Beispiel die Fornarina des Raphael, die in meinem Zimmer hängt, – ich zeige sie dir, wenn du willst.

Carlotta wußte von den andern, daß sein Zimmer mit lauter Photographien nach berühmten Meisterwerken geschmückt war, und sie hätte die Fornarina gerne gesehen, denn auch in ihren Bergen oben weiß man vom Raphael, aber sie hütete sich wohl, Fontanas Einladung anzunehmen.

28 Nie konnte sie mit sich ins reine kommen über diesen Mann, der so gut war mit allen, – gut wie das Brot, sagte Carlotta mit Andacht, und doch so schlecht wurde, sobald ein Mädchen ihm Verlangen einflößte. Über dem vielen Grübeln und Grämen verlor sie Appetit und Schlaf, daß ihr die Wangen einsanken und die Kleider zu weit wurden. Rocco Fontana mit seinen Falkenaugen spähte zuerst die Veränderung aus und sagte ihr grausam, sie sei um zehn Jahre gealtert. Er sah sie nun gar nicht mehr an und überließ sie ihrer stummen Pein und dem schadenfrohen Mitleid der Kameradinnen. Carlotta mußte mit ansehen, wie er eine hübsche Blondine, die erst seit kurzem in der Fabrik Lumpen sortierte und ihm noch neu war, mit den Blicken verzehrte, und wie das kleine Mädchen schnippisch tat, aber doch merken ließ, daß sie zu gewinnen wäre; in Carlotta kochte der Zorn bei all dem Zwitschern und Kokettieren, dem Röckeschwenken 29 und Stiefelchenzeigen der städtischen Zierpuppe, wozu sie selbst so gar kein Talent hatte.

Endlich fand sie eine Linderung für ihre Liebesnot. Sie hatte auf heimlichen Wegen in Erfahrung gebracht, daß der schöne Rocco in Vajano ein Kind besaß, ein bildschönes kleines Mädchen mit schwarzen Haaren und Augen und dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Die es geboren hatte, war aus Gram gestorben, und eine andre verlassene Geliebte Fontanas, eine wohlhabende Bäckerswitwe von Vajano, hatte sich aus Leidenschaft für den Vater des Kindchens angenommen und zog es liebevoll auf, obschon dieser den Fuß nicht mehr über ihre Schwelle setzte. Carlotta führte sich bei der Bäckerin ein und wußte das kleine Mädchen an sich zu gewöhnen, sie brachte Spielzeug und Leckereien aus Prato mit und kannte kein höheres Glück, als am Sonntag die schöne Kleine geputzt und bebändert in Vajano spazieren zu führen. Da lebte sie sich in 30 einen langen Traum hinein, in dem all die dunkle Sehnsucht ihrer Natur gestillt und sie Mutter des schönsten Kindes, eines Kindes von Rocco Fontana war.

Aber auch dieses Glück sollte ihr nicht lange ungeschmälert bleiben, denn die andern spürten ihr nach, und sobald das Geheimnis von Gildas Geburt am Tage war, entspann sich ein neuer Wettstreit. Wie vorher beim Vater, so suchte man Carlotta jetzt auch beim Kinde zu verdrängen, und der Witwe machte man sich unentbehrlich, indem man ihr Roccos neue Liebesabenteuer und andern Klatsch zutrug, von dem Carlotta sich ferne hielt. Die kleine Gilda wurde von einem Arm in den andern gerissen und mit Süßigkeiten krank gefüttert von dem leichtfertigen Völkchen. Als Carlotta abwehren wollte, sah man sie mißtrauisch an, und die freche Blonde fragte unverfroren: Ist es vielleicht dein Kind?

31 Dafür erhielt sie von der Carlotta eine schallende Ohrfeige, und nun war zwischen beiden der Krieg erklärt. So oft sie in Vajano zusammentrafen, kam es zu schlimmen Auftritten, und wenn Carlotta auch die schwereren Hände hatte, so blieb sie Miras spitziger Zunge gegenüber am Ende immer im Nachteil. Man überbot sich gegenseitig in törichter Verschwendung für das Kind: ließ ihm die eine ein weißes Kleidchen sticken, so brachte ihm die andere einen schweren silbernen Löffel, obwohl Rocco sich ebensowenig um diesen Wetteifer kümmerte wie um die Pflege, die sein Kind bei der Witwe fand.

Er hatte unterdessen mit einem Fräulein aus Mailand, das auf einer der Villen um Meletto zu Besuch war, Bekanntschaft angeknüpft und trug sich mit Heiratsgedanken. Die blonde Mira schluckte einen Absud von Schwefelhölzchen, an dem sie beinahe ins Jenseits gefahren wäre, und eine andere wollte sich in den Bisenzio stürzen. Da brach in der 32 Fabrik eine heftige Pockenepidemie aus, und Rocco Fontana war unter den Erkrankten.

Als nun der verwöhnte Mann verlassen im Lazarett von Prato lag, ließ er seine Mädchen in Meletto spöttisch fragen, welche von ihnen wohl so viel Mut und Hingebung habe, zu ihm ins Pockenspital zu kommen und ihn in diesem Zustande auf den Mund zu küssen.

Die Mädchen kreischten laut auf vor Schreck und bedankten sich für die Zumutung, nur Carlotta war gleich bereit, den Handschuh aufzunehmen.

Der folgende Tag war ein Festtag, da putzte sie sich schön, band ihr Schleiertuch über und wandelte festen Trittes nach dem Spital. Ich weiß nicht, wie sie es angestellt hat, die strenge Absperrung zu brechen; sicher ist, daß sie an das Bett Fontanas gelangte, der schauderhaft entstellt und unkenntlich dalag, denn er war gerade im Stadium der Vereiterung, wo die Ansteckungsgefahr am größten ist. 33 Ehe er es dachte, hatte sie sich herabgebeugt und einen festen leidenschaftlichen Kuß auf seinen Mund gedrückt.

Du bist eine Gans, Carlotta, sagte der Kranke übellaunig. Wenn die Pocken dich entstellen, schaut dich kein Mann mehr an, ich selbst am wenigsten.

Ich weiß, war ihre ruhige Antwort, aber ich wollte Ihnen zeigen, wie die Carlotta lieben kann.

Dann ging sie ruhig wieder fort und stellte ihr Schicksal Gott anheim. Die Gefahr ging zwar glücklich vorüber, Carlotta blieb gesund, aber der Besuch im Pockenspital wurde ruchbar und kostete ihr den Ruf, den sie bis dahin ängstlich gehütet hatte. Die Mädchen nannten ihr Betragen schamlos, die abgewiesenen Männer verurteilten sie gleichfalls, der Direktor schloß sie wegen der Ansteckungsgefahr mehrere Wochen von der Arbeit aus, und der Oheim drohte, sie aus dem Hause zu jagen, wenn sie je wieder ein Wort mit Rocco Fontana wechsle.

34 Als dieser das Spital verlassen durfte, stieg ihre Not aufs höchste. Ihr Besuch hatte das alte Verlangen neu angefacht, und Rocco betrachtete die arme Carlotta als ihm verfallen. Er war noch so schön wie je, die schreckliche Krankheit hatte keine Spur hinterlassen, außer einer kleinen Narbe zwischen den Augenbrauen, die ihm etwas Finsteres gab, wodurch er nach Carlottas Meinung noch gefährlicher wurde. Er machte ihr den Vorschlag, sie von ihren Verwandten wegzunehmen und ganz für sie zu sorgen. Er habe eingesehen, was ein echtes Weib sei, und sie solle es gut bei ihm haben, er wolle ihr auch treu sein, solange die Liebe daure, nur daß das ewig sei, könne er nicht versprechen.

Sag, daß du mich heiraten willst, und ich bin dein, war Carlottas unerschütterliche Antwort. Aber so weit vergaß sich Fontana nicht; es war ja sein Stolz, kein Mädchen je betrogen zu haben, sie liefen ihm alle von selbst in die Arme, und auch mit 35 Carlotta wollte er offenes Spiel spielen. Er verlangte, ihr wenigstens den Kuß zurückzugeben, den sie ihm ins Spital gebracht, aber sie widerstand, und als sie ihre Kraft wanken fühlte, packte sie ihre Siebensachen zusammen, setzte sich in den Eilwagen und fuhr heraus in ihre alten Berge.

Aber noch ein anderer Bewerber spielte in ihrem Leben eine Rolle.

Eine Wegstunde unterhalb Montepiano, am linken Ufer der Fiumenta, liegt San Quirico, das ansehnlichste Nest im ganzen Bisenziotal und Hauptort der Gemeinde von Vernio mit Rathaus ,öffentlicher Piazza und waldumgrünter Burgruine. Dort wohnte dem Rathaus gegenüber ein Krämer namens Modesto; er hatte den großen Laden an der Brücke, mit Osterie und Stallungen, wo jetzt noch wie damals die Fuhrleute einstellen. Als wir einmal vorüberfuhren, zeigte mir Carlotta das Haus, das mit einer lustigen Loggia auf das 36 Wasser hinuntersieht, und sagte nicht ohne einen gewissen Stolz: Dieses Haus wäre das meinige, sobald ich wollte.

Der Krämer hatte nämlich seit Jahren ein Auge auf sie; er war Witwer mit drei hübschen Kindern, für die er eine Mutter suchte, und Carlotta hatte ihm schon gefallen, als er noch ledig und sie die Braut Antonios war. In der ganzen Gegend genoß er den Ruf eines Ehrenmannes, und man ging, wie Carlotta wissen wollte, damit um, ihn in den Gemeinderat von Vernio zu wählen. An ihm, an seiner Redlichkeit und Treue hielt sie sich aufrecht, wenn der Boden unter ihr wankte und sie vor Roccos unwiderstehlichen Augen ihre Festigkeit hinschmelzen fühlte, und oft hatte sie dem Versucher gedroht, wenn er nicht von ihr ablasse, werde sie sich in ihre Berge flüchten, wo ein Ehrenmann auf sie warte, der sie liebe und heiraten wolle.

Wie du willst, hatte dieser geantwortet, aber es 37 wird dir nichts nützen. Ich sage dir voraus, daß du mich nicht vergessen wirst. Kein Mädchen, das mich geküßt hat, kann mich je vergessen.

Und der Versucher hatte wahr gesprochen: sobald sie Modesto wiedersah, erkannte sie, daß ein inneres unüberwindliches Hindernis zwischen ihnen stand. Roccos entstellten Mund hatte sie mit Leidenschaft geküßt, aber die Vorstellung, Modestos breite Lippen mit den ihrigen berühren zu sollen, machte sie schaudern. Daß er zu klein war, hätte sie ihm jetzt, gedrückt wie sie war, verziehen, und von seinem Charakter sprach sie mit Bewunderung, aber irgendein etwas, über das sie sich nicht klar war, denn bald suchte sie es in seiner Stimme, bald in seinem Gang oder in der Art, wie er beim Stehen die Beine spreizte, machte ihr seine Nähe unerträglich.

Diese Angelegenheit war es, die sie dem Kinde mit den großen fragenden Augen anvertraut hatte, und oft hörte ich sie seufzen: Ich bin schlecht, schlecht, 38 schlecht, weil ich den Ehrenmann von mir stoße, und den schlechten Menschen nicht vergessen kann.

Die alte Hausiererin, ihre Mutter, schürte ihrerseits nach Kräften. Sie kam zweimal wöchentlich mit ihrem Kramkarren in die Mühle, wo sich gleich ein Auflauf um sie versammelte, denn die Alte übte auf das junge Volk einen unwiderstehlichen Zauber. Sie war ganz Runzeln und Beweglichkeit, dabei das geschwätzigste, was mir jemals vorgekommen, und die Kleider hingen um ihren mageren Leib wie um einen Stecken. Man kannte sie nur unter dem Spitznamen »Calzera«, den sie von Kindesbeinen führte, aber was das Wort bedeutete, wußte niemand mehr; einige wollten es von calza – der Strumpf – ableiten, weil sie als Kind stets mit herabhängenden Strümpfen herumgelaufen sei.

Die Calzera also führte Modestos Sache, aber weniger der äußeren Vorteile halber, als weil ihr die Kuppelei überhaupt im Blute lag. Sie war so 39 unruhigen Temperaments, daß sie nichts beim alten lassen konnte, und wohin sie kam, eine Verwicklung anzetteln mußte: schüchterne Liebesleute führte sie zusammen, riß solche, die sich gefunden hatten, auseinander, machte junge Mädchen auf junge Männer und diese auf jene aufmerksam, trug Briefchen hin und her und war so im ganzen Lande eine gefürchtete, aber unentbehrliche Persönlichkeit. Da sie für ihre Liebesdienste keine Entschädigung wollte, genoß sie sogar ein gewisses Ansehen, das sie durch Prahlerei zu vergrößern suchte, denn es wurde vom Reno bis zum Murgellotal keine Heirat geschlossen, die sie nicht für ihr Werk ausgab. Ein wenig hexen konnte sie natürlich auch, das gehörte zur Sache. Wo ihr Karren mit ihren klingenden Glöckchen anhielt, da umstanden ihn die jungen Mädchen scharenweise und hingen begierig an ihrem Mund und an ihren kleinen glitzernden Augen, die immer aussahen, als ob sie etwas mitzuteilen hätte, und 40 so machte die Alte mit ihrer Zwischenträgern freilich doch ganz gute Geschäfte. Sie brauchte aber nichts für sich selbst, sie schlief unter keinem Dach, aß an keinem Tisch, der Karren war ihr Bett, Küche, alles. Was sie verdiente, gab sie ihren Kindern, mit denen sie jedoch in stetem Hader lebte. Nur Carlotta ließ sich von ihr befehlen, als ob sie noch in den Kinderschuhen stäke, und die Unterwürfigkeit des großen, starken Mädchens gegen das kleine, häßliche Weib war oft beinahe komisch anzusehen. Allein in betreff der Heirat erreichte auch die Mutter nichts, als daß Carlotta sich immer aufs neue Bedenkzeit ausbat.

Als wir zur Heimkehr rüsteten, wollte die Kleine nicht mehr von Carlotta lassen, und auch Carlotta glaubte, ohne ihre Stofale nicht leben zu können. Des Mädchens gute Eigenschaften waren uns lieb geworden, darum gaben wir ihren Bitten nach und nahmen sie mit uns nach Florenz. Modestos 41 offene Veranda, auf der lange, weiße Laken im Bergwind flatterten und winkten, entlockte ihr beim Vorbeifahren wieder manchen Seufzer, aber als wir im Zwielicht an den Krümmungen des schäumenden Bisenzio hinrollten und nun die feurigen Schlote von Meletto in Sicht kamen, da wollten ihr die Augen fast aus dem Kopfe schießen, und sie bog sich aus dem Wagen, bis das letzte Rauchwölkchen über den Kastanienwipfeln verschwebt war.

Die Florentiner machten große Augen, als wir das braune Enakskind zur Stadt brachten, wo sogar die Möbel neben ihr zu klein aussahen. Es war auch wirklich zum Nachstaunen, wenn sie in ihrem einfachen dunkelblauen Wollrock, das Schleiertuch auf dem Kopf und die großen Ringe in den Ohren, mit ehernem Tritt zwischen den geputzten trippelnden Städterinnen durchwandelte und durch keinen Zuruf, keinen heranrollenden Wagen jemals zu einem beschleunigteren Tempo zu bewegen war.

42 Die Leute wußten nicht, was aus ihr machen, und sie knüpfte mit niemanden Bekanntschaft an; ihre Schweigsamkeit und daß sie auch in der Stadt mit untrüglicher Sicherheit das Wetter vorauswußte, umgab sie mit einem fast unheimlichen Nimbus. Am liebsten saß sie unter dem Gebüsch im Garten, ihre Stofale auf dem Schoß, und sang ihr altes eintöniges Lied, das Lied der hohen Berge und der weiten Ebenen, immer dieselbe Tonfolge wie in dumpfer, endloser Erwartung. Nichts von kleinen Wünschen, Eitelkeiten, Kümmernissen hatte Raum in ihrer Seele, die dunkle Bestimmung des Weibes erfüllte sie ganz, jenes unbegreifliche Mysterium, daß sie Mädchen war und daß die Natur sie geschaffen hatte, um Gattin und Mutter zu werden.

Ihre Leidenschaft für schöne Kinder war bekannt, und sobald sich Carlotta mit der Stofale auf dem Arm am Gitter zeigte, riefen ihr die Burschen von der Straße aus neckend zu, sie solle doch die fremde 43 Puppe stehen lassen und sich lieber eine eigene anschaffen.

Sobald ich den rechten Vater dafür gefunden habe, war dann Carlottas Antwort.

Oho, wie soll denn der aussehen?

Anders als ihr! kam es in vernichtendem Tone zurück, denn Carlotta machte aus ihrer Verachtung für die schmächtige, kurzbeinige Rasse um sie her kein Hehl. Dafür rächten sich die Florentiner durch hundert spitze Reden, und auf der Straße riefen sie ihr gewöhnlich nach, sie solle den bronzenen Riesen auf dem Piazzale Michelangelo heiraten, damit die Rasse rein bleibe.

Im Sommer zogen wir wieder nach Montepiano; das Müllerhaus mit seinen Wassertoren und dem schattigen Zypressenwäldchen hatte es uns angetan. Dort begann für Carlotta der alte Zwiespalt. Wenn die Post von Prato mit den Vorräten ausblieb, mußten wir das Mädchen für die Einkäufe 44 nach San Quirico schicken, und so oft sie in Modestos Laden trat, erneuerte der Krämer seinen Antrag. Ich sah wohl, wie es in ihr arbeitete und wie ihr ganzes Wesen sie nach einem eigenen Familienleben, einem Haus voll Kinder – je mehr desto besser, sagte sie – hindrängte.

Sie ging immer mit einer unausgesprochenen Frage um mich herum, denn mich geradezu um Rat zu bitten wagte sie nicht. Nur einmal kam sie schüchtern auf mein Zimmer und zeigte mir Modestos Photographie, ein rundes, stumpfes Gesicht mit flacher Stirn und umschleierten Augen, die kurze stämmige Figur in einen Sonntagsrock gepreßt, der sie zu beengen schien.

Carlotta hatte wohl erwartet, daß ich auch des Krämers Sache führen würde, denn als ich mich etwas abfällig äußerte, antwortete sie fast gekränkt: Und er ist doch ein solcher Ehrenmann, in ganz Vernio gibt es keinen zweiten.

45 Das war ihr von der Mutter so oft vorgesagt worden, daß es sich wie ein Evangelium festgesetzt hatte. Wenn er dir gefällt, warum nimmst du ihn denn nicht? fragte ich.

Da schüttelte sie traurig den Kopf und schlich hinaus. Leidenschaftlicher wurde der Kampf, als der Kramkarren mit der gelben Wachstuchdecke wieder in der Gegend erschien.

Die Alte hatte auf ihren Fahrten wie gewöhnlich eine Menge Klatsch eingeheimst und wußte zu erzählen, daß Modestos Mutter, die ihm die Wirtschaft führte, eine reiche Witwe aus dem Pistojesischen für ihren Sohn im Auge habe, und daß die ganze Verwandtschaft in ihn dringe, auf die Carlotta, die ihn doch nicht liebe, zu verzichten und nach dieser glänzenden Aussicht zu greifen.

Sie hoffte, ihr auf diese Weise rascher das Jawort auszupressen, aber die Tochter setzte allem Zureden nur ihr angstvolles Ich kann nicht entgegen, für 46 das sie keine andere Erklärung beibringen konnte als ein abermaliges Ich kann nicht!

Die Calzera spie Feuer und Flammen. Obgleich sie sich von dieser Heirat nicht den mindesten Vorteil versprechen konnte, denn Modestos Mutter hatte bereits erklärt, die alte Zigeunerin dürfte ihr nicht über die Schwelle, setzte sie nun einmal ihren Kopf darauf, Carlotta zu zwingen – und was ich will, das will ich, pflegte sie zu sagen.

Wenn sie durch San Quirico fuhr, so stand auch gewöhnlich Modesto schon in Hemdärmeln unter der Haustür und schob ihr ein Stück Salame oder ein Pfund Zucker in den Karren, damit sie seinen Anwalt bei Carlotta machen Die Calzera legte zwar auf die geschenkten Gegenstände keinen Wert, aber es schmeichelte ihrer Eitelkeit, daß ein so angesehener Bürger sich um ihre Gunst bewarb, und sie suchte sich erkenntlich zu zeigen, indem sie die störrische Tochter, wo sie ihrer ansichtig ward, mit 47 Geheul und Schmähungen überschüttete. Längere Zeit trug Carlotta die Spuren der mütterlichen Überredungsversuche in Gestalt brauner und blauer Striemen auf den Wangen herum, weil die Alte ihr einmal im Jähzorn einen Bund lederner Schuhriemchen ins Gesicht geschlagen hatte, und es blieb uns nichts übrig, als dem bösen Weibe schließlich das Haus zu verbieten.

Aber Carlotta fand dennoch keinen Frieden: das Ja und das Nein kämpften unaufhörlich in ihrer Brust. Sie gab der Mutter recht, daß nichts anderes zwischen ihr und ihrem Glück stehe, als ihr eigenes schlechtes Gemüt und der Taugenichts von Meletto. Oft klagte sie den Himmel an, daß er diese große Schönheit an einen so schlechten Menschen verschwendet habe; warum konnte er sie nicht dem guten, redlichen Modesto geben, der es so treu mit ihr meinte, daß sie ihn hätte lieben und durch ihre Person glücklich machen können!

48 Jeden Morgen lief sie vor Tau und Tage den weiten Weg durch den Tannenwald nach der Badía, wo ihr alter Seelsorger die Messe las, und ging in brünstigen Gebeten die Madonna an, ihr Herz zu erleuchten um des schönen Bambino willen, den sie auf den Armen trug und der die arme Carlotta täglich an den eigenen Herzenswunsch erinnerte. Aber die Himmlische mochte sich so wenig wie wir andern mit der heiklen Angelegenheit befassen.

O hätte ich damals dem großen Kinde klar gemacht, daß die Vorsehung kein anderes Mittel hat, uns zu warnen, als unser eigenes Gefühl! Aber gerade weil ich die Carlotta ungern vermißt hätte, enthielt ich mich aufs strengste jeder Einmischung. Das wackere Mädchen war mir in diesem Sommer noch näher getreten durch ein Ereignis, das ohne ihre furchtlose Hingebung die schwersten Folgen für uns haben konnte.

Mein Bruder war zu einem kurzen Besuch nach 49 Montepiano gekommen, um in unserer Gesellschaft einige Berggipfel zu besteigen. Es herbstete schon, aber die Tage waren noch wunderbar sonnig und fast zu heiß, so daß man ihre Kürze nicht bedachte. Eines Tages, auf dem Rückweg von der Scoperta, überfiel uns ein Nebel, wie ich noch keinen gesehen hatte, eiskalt und dicht zum Schneiden, mit widerlichem, durchdringendem Geruch. Man konnte den Fleck nicht mehr unterscheiden, worauf man den Fuß setzte, und die Streichhölzer versagten, denn sie waren ganz durchtränkt von Feuchtigkeit.

Wir befanden uns auf einem schmalen, sanft absinkenden Kamm, wo jeder Schritt sorgfältig mit dem Bergstock abgetastet werden mußte, denn rechts und links fiel es jäh hinunter. Zwei Dritteile des Weges hatten wir hinter uns, aber eine gefährliche Stelle war noch zu überwinden, bevor wir ein Gehöft erreichen konnten, wo wir Laternen und Wegweiser oder zum mindesten eine Zuflucht zu finden hofften.

50 Mein Mann als der Kundigste ging voran, wir beide folgten, aber plötzlich war mein Bruder neben mir verschwunden. Ich rief, wir riefen beide und erhielten zum Glück auch Antwort. Er war abgerutscht, doch nur ein Stück weit, denn er hielt sich am Gebüsche fest und konnte an dem langen Bergstock wieder heraufgezogen werden. Aber jetzt erklärte mein Mann das Weitergehen für unmöglich. Wir drückten uns alle drei gegen ein Felsstück, um uns her das stille, unbewegliche Nebelmeer, und riefen mit aller Kraft unserer Lungen um Hilfe. Über vier Stunden verharrten wir so und setzten unser Schreien fort, bis keines mehr einen Ton in der Kehle hatte. Niemand kam, die Bauern schienen taub zu sein; auf Hilfe von Haus konnten wir nicht rechnen, denn wir hatten versäumt, das Ziel unsres Ausflugs anzugeben, und machten uns schon gefaßt, erst von der Sonne aus unsrer angstvollen Lage befreit zu werden.

51 Plötzlich drang ein schriller Schrei durch den Nebel, dem andere ebensolche Schreie wie die Pfiffe des Nebelhorns zur See in gleichmäßigen Pausen folgten; wir gaben Antwort so gut wir konnten, zwei Lichter wurden sichtbar, die sich langsam näherten, und vor uns stand Carlotta mit einem alten, ganz in Schafpelz eingehüllten Bäuerlein.

Die Wetterkundige hatte, sobald das Nebelbrauen um die Berge begann, sich mit der Laterne aufgemacht, um uns zu suchen, nur wußte sie nicht wo, und erst nach vielem Fragen und Wiederumkehren fand sie wie ein Spürhund unsre Fährte. Auf dem Gehöft erfuhr sie, daß man stundenlang unsre Stimmen gehört, sich aber nicht herausgetraut hatte, denn die abergläubischen Leute hielten uns für böse Geister. Erst als er die Entschlossenheit des Mädchens sah, ermannte sich der Alte ihr suchen zu helfen, und unter Führung der beiden Laternen erreichten wir mühsam mit Anspannung aller Sinne 52 den Bauernhof, an Gliedern heil, wenn auch bis auf die Haut durchnäßt.

Dienste wie dieser lassen sich nicht mit Geld und Geschenken belohnen, sie heben den, der sie uns leistet, in unsre Sphäre herauf, darum betrachteten wir Carlotta seit jener Nacht als eine Anverwandte, deren Wohl und Wehe uns persönlich anging.

Freilich gönnte ich das Prachtgeschöpf dem Krämer nicht und konnte sie mir auch gar nicht hinter einem Ladentisch denken; sie gehörte dem Erdboden an, und lieber noch hätte ich sie einem Kolonisten über ferne Meere mitgegeben, um auf fremdem Boden ein neues schönes Geschlecht zu zeugen. Aber ich glaubte nicht hindern zu dürfen, was sie selbst für das beste hielt, ich sah ja, ihr ganzes Herz stand nach einem Kinde, den Mann nahm sie, da sich kein anderer zeigte, mit in den Kauf.

Denn seit das Mädchen sich keines Zuredens mehr zu erwehren hatte, wurde die Schale, in der sie 53 Modestos Vorzüge wog, schwerer und schwerer, und als der Herbst kam, war ihr Widerstand gebrochen. Sie sah von allen Seiten die Hirten zu Tale wandern wie zu Antonios Zeiten, die Weiber mit ihren kleinen Kindern auf den Armen; Carlotta schaute ihnen oft lange nach, sie wiegte langsam ihr großes Haupt, und die Augen standen ihr immer voll Wasser. Da kutschierte denn eines Morgens die Calzera im Triumph nach San Quirico, der Esel schlug einen Siegestrab an, und alle Knopfschachteln und Nadelbüchschen hüpften auf dem Karren, weil die Alte dem glücklichen Modesto Carlottas Jawort überbrachte.

Am folgenden Sonntag machte der Krämer seinen Bräutigamsbesuch. Carlotta hatte sich für den Anlaß geputzt und eine Menge Fett auf ihren blauschwarzen Scheitel verschwendet, nicht um schöner zu erscheinen – sie hatte das nicht nötig, – sondern weil sie fand, es gehöre sich so. Nachdem sie auch 54 ihre Küche sorgfältiger als sonst gefegt und jeden ausgewaschenen Lumpen an seinen Nagel gehängt hatte, wartete sie ergeben auf ihrem Strohstuhl am Fenster, wobei man sie von Zeit zu Zeit seufzen hörte: In Gottesnamen. – In Gottesnamen! –

Der Bräutigam erschien pünktlich zur Mittagszeit in Begleitung der Calzera, die sich gleichfalls herausgeputzt hatte. Ich sah ihn an der Seite der Alten ehrbar den Mühlweg herunterschreiten in dem schwarzen Sonntagsrock, der ihm auch jetzt nicht paßte, das feiste rote Gesicht unter einem steifen Filzhut halb verdeckt; sein ganzes Wesen troff von selbstgefälliger Gediegenheit und bürgerlicher Ehrbarkeit. Bevor er die Schwelle betrat, spuckte er aus, geräuschvoll und wichtig. Braut und Bräutigam reichten sich die Hände und fragten gemessen nach dem gegenseitigen Befinden. Dann kam er breitspurig die Treppe heraufgestiegen, um sich der Herrschaft vorzustellen. Sein selbstgerechtes 55 Gehaben mitten im ersten Bräutigamsglück fiel mir auf, er sah aus, als wollte er sagen: Seht her, da steht er, der Ehrenmann, der rechtschaffene Bürger und künftige Gemeinderat, der sich das Mädchen ohne Geld zur Frau holt.

Wenn ich nicht irre, so sagte er auch Ähnliches, nur in gewundener Form und unter einem Schwall wohlweiser Reden, die ihm Carlottas und ihrer Mutter aufrichtige Bewunderung eintrugen. Die Hochzeit wurde auf den Spätherbst festgesetzt, und Carlotta sollte unterdessen in unserem Hause bleiben, bis wir einen Ersatz für sie gefunden hätten.

Während dieser Verhandlung hatte die Braut den Küchentisch gedeckt und ein kleines Mahl aufgetragen, an dem Modesto als wohlerzogener Mann sich erst nach vielen Umständen niederließ und dann für drei aß, wogegen die Calzera, der es nicht lange auf einem Stuhl gemütlich war, sich bald mit ihrem Teller in einen Winkel kauerte. Sie strahlte 56 jedoch in schwiegermütterlicher Glorie und hatte für die Tochter das schönste gelbseidene Tüchlein aus ihrem Kram hervorgesucht, das um Carlottas braunen Hals eine wundervolle Wirkung tat.

Nur einmal trübte ein Schatten die festliche Stimmung, als Modesto, die Gefälligkeit der Calzera, die sich öfters entfernte, benützend, einen Arm um seine Verlobte legen wollte. Da bekam er einen Stoß, daß er fast mit dem Stuhl hintenüber geschlagen wäre.

Ja, bist du mir denn gar nicht gut, Carlotta? fragte er betroffen.

Sie schwieg, da rückte er wieder näher und sagte: Bin ich dir vielleicht zuwider?

Ja freilich, du weißt es ja, war ihre ruhige Antwort.

Aber ich dachte, das sei jetzt anders.

Ich fürchte, das wird nie anders.

Warum heiratest du mich denn, wenn du mich nicht leiden kannst?

57 Weil ich so ein schönes blondes Kind haben möchte wie meine Padrona, sagte Carlotta.

Der Biedermann lachte und meinte geschmeichelt, dazu könne Rat werden; seine Kinder seien alle schön, und blond seien sie auch. Als er aber später unsre Kleine auf den Arm nehmen wollte, die aufschrie und nach ihm schlug, da riß Carlotta sie ihm mit solchem Entsetzen weg, als ob er mit seinen kurzen, stumpfen Fingern ihren Liebling hätte zerquetschen wollen.

Sie erregten Aufsehen unter den Sommergästen, als sie am Nachmittag spazieren gingen; Carlotta, der schöne Koloß, zwischen der Mutter und dem Bräutigam, der zwar noch kein Recht hatte, ihr den Arm zu geben, aber vor der Öffentlichkeit doch schon merklich als der Besitzer auftrat. Er reichte ihr kaum bis an die Nasenwurzel, denn Carlotta hatte zur Feier des Tages ein Paar hochgestöckelte Schuhe angezogen, in denen sie alle ihre Mitgeschöpfe um ein Merkliches überragte.

58 Doch sollte der festliche Tag nicht zu Ende gehen, ohne ihr die Vergangenheit noch einmal leibhaftig vor die Augen gestellt und Carlottas Herz im tiefsten aufgewühlt zu haben.

Als sie den Verlobten eine Strecke weit gegen Vernio begleitet hatte und mit der Calzera nach der Mühle zurückkam – Carlotta weit voran, um die Kleine, die ihr entgegenlief, mit ausgebreiteten Armen aufzufangen –, kamen auf der Landstraße von Castiglione zwei Reiter im Schritte daher auf kleinen Saumpferdchen, wie man sie dort zu Gebirgswegen benutzt. Der Jüngere von beiden hielt sein Tier einen Augenblick an, als er das goldhaarige Kind über die Straße laufen sah. Er hatte einen schönen Römerkopf mit dunklem Haar und eine Narbe zwischen den Augenbrauen – mit einem Wort, es war Rocco Fontana.

Carlotta hatte ihn schon erkannt, sie stand halb gebückt, die Arme nach dem Kinde ausgestreckt, den 59 Kopf gegen den Reiter gewendet, und schien in dieser Stellung zu versteinern.

Als er in ihr Gesicht gesehen hatte, entfuhr ihm ein Ausruf, dann ritt er näher heran und fragte, ob das schöne Kind ihr gehöre.

Sie schüttelte den Kopf und mußte nach Atem ringen, bevor sie stotternd und stammelnd antworten konnte, daß sie noch ledig sei.

Er lächelte und sah sie lange an mit den gefährlichen Augen, die Carlotta so sehr fürchtete.

Ich hab' es dir vorausgesagt, daß du mich nicht werdest vergessen können. Ein Mädchen, das mich geküßt hat, kann mich nie vergessen. Das bedenke, ehe du dich unglücklich machst.

Carlotta antwortete, daß sie alles bedacht habe und daß sie im Begriff sei, sich zu verheiraten.

Mit dem Krämer von Vernio? fragte Rocco und als sie bejahte, schüttelte er ungläubig den Kopf.

Ich habe ihn einmal gesehen, sagte er. Es ist 60 unmöglich,daß der meiner Carlotta gefällt, – du hast Bessere als ihn ausgeschlagen. Wegen des Geldes nimmst du ihn auch nicht, dafür kenne ich dich. Folglich nimmst du ihn gar nicht. Und folglich gehörst du mir, denn ich bin noch immer so gesinnt wie damals.

Er ritt ein paar Schritte weiter, kehrte noch einmal um und sagte in einem besonderen, halb schmeichelnden und halb gebieterischen Tone: Zwischen heut und acht Tagen wirst du kommen und mir sagen: Hier bin ich, behalte mich. – Wirst du nicht, Carlotta? Ja, du wirst, denn du weißt, daß ich dich zwingen kann; ich konnte noch jede zwingen, an der mir gelegen war.

Er bohrte noch einmal seine dunklen Augen tief in die ihrigen, wandte dann das Pferd und folgte seinem Gefährten, nachdem er dem Kinde, das gleichfalls wie verzaubert zu dem schönen Reiter hinaufstarrte, eine Kußhand zugeworfen hatte.

61 Carlotta aber blieb wie außer sich zurück. Als er verschwunden war, kam sie auf mein Zimmer gestürzt und erzählte mir alles. Sie schien zu fürchten, daß ihm unsichtbare Mächte dienstbar seien.

Ich lachte sie aus und suchte ihr klarzumachen, wie wenig ein Mann, der so leichtfertige Reden führe, ernsthaft zu nehmen sei. Aber Carlotta glaubte mir nicht, sie brachte wirre Geschichten daher von Mädchen, die er durch seinen bloßen Blick gezwungen habe, ihm zu folgen, wohin er wolle, bis ich ihr die unsinnigen Reden verbot und sie zu Bett schickte.

Am andern Morgen erschien sie verstört und übernächtig und bat um Urlaub; sie müsse nach San Quirico, ihren Verlobten bitten, daß er so schnell wie möglich Hochzeit mache. Die Gewalt des andern sei über ihr, sie müsse sich vor sich selber schützen.

Ich kannte die sonst so ruhige Carlotta nicht mehr, ihre Augen glühten, und ihre geschwollenen Lippen hatten etwas Fieberhaftes.

62 Ich weiß von einer, sagte sie, die ließ sich von außen einschließen, um nicht zu ihm zu müssen, aber als er sie in Gedanken rief, da stieg sie zum Fenster hinaus. So war mir's heute Nacht, es hat mich zu ihm gezogen wie mit glühenden Ketten. Wenn Modesto nicht in diesen acht Tagen Hochzeit macht, so bin ich verloren.

Ich fragte ungehalten, ob sie denn alle Würde und Pflicht vergessen habe; da rief sie leidenschaftlich: Ich will ja mein Wort halten, aber gleich muß es sein, Modesto soll noch heut aufs Amt und die Papiere in Ordnung bringen.

Vergebens stellte ich ihr vor, welch üblen Eindruck diese Eile auf ihren genauen, pedantischen, an allem Hergebrachten ängstlich hängenden Bräutigam hervorbringen müsse. Nach Modestos Empfindungen fragte sie gar nicht, sie hatte nur den dunklen Drang, ihrem eigenen Herzen zu entfliehen um jeden Preis. Da ich sie nicht beruhigen konnte, 63 versagte ich ihr den geforderten Urlaub. Nun übernahm es die Calzera, eine dringliche Botschaft nach San Quirico zu tragen, aber sie brachte, wie vorauszusehen, die Antwort, es müsse alles langsam und in der Ordnung gehen. Übrigens war eine neue Zusammenkunft verabredet worden, bei der Carlotta ihr künftiges Haus, die Kinder und die Schwiegermutter kennenlernen sollte.

Mit Carlotta war in diesen Tagen gar nicht auszukommen, sie bebte vor geheimer Aufregung. Ich erfuhr erst später, daß Rocco, der wieder Feuer gefangen hatte, sie heimlich mit Botschaften bestürmte, und in der Furcht, von dem sicheren Anker losgerissen zu werden, gebärdete sie sich so, daß man hätte glauben können, sie empfinde die heftigste Leidenschaft für Modesto und könne den Tag nicht erwarten, der sie zu der Seinigen machte.

Erst der Besuch in San Quirico, der in aller Form und wieder am Sonntag stattfand, gab ihr das 64 Gleichgewicht zurück. Sie erzählte bei der Rückkehr sehr befriedigt von den hübschen Kindern und dem freundlichen Empfang der Schwiegermutter. Den Bräutigam nannte sie wenig, aber sie brachte ein schönes Geschenk von ihm, eine doppelreihige Korallenschnur, mit, und ich gewann den Eindruck, daß sie völlig mit sich selbst und ihren Empfindungen ins reine gekommen sei.

Die künftige Schwiegermutter schilderte sie mir als eine Musterfrau, die nur für den Sohn lebe und keine andern Wünsche habe, als die seinigen. Sie würden zusammen hausen wie im Himmel, meinte sie, und nahm sich vor, die alte Frau auf Händen zu tragen. Carlotta lebte mit ihren Gedanken jetzt schon ganz in San Quirico, sie dachte sich Geschenke für die Kinder und für die Schwiegermutter aus, und es war, als gebe es mit einemmal keinen Rocco Fontana mehr.

Aber daß die Arme diesen friedlichen Zustand nicht 65 ungetrübt genießen sollte, dafür sorgte nun die Calzera. Als sie die Eintracht der Verlobten sah und nichts mehr zu vermitteln hatte, gefiel ihr die Sache nur noch halb, und sie suchte zwischen den beiden, die sie mit so viel Mühe zusammengeführt hatte, Unkraut zu säen. An dem künftigen Schwiegersohn entdeckte sie jetzt tausend Fehler, und daß Carlotta seine Partei nahm, machte ihn der Calzera erst recht widerwärtig. Was er tat und ließ, erregte ihren Tadel, und mit seiner Mutter lebte sie in offenem Krieg. Sie lag Carlotta an, den Bräutigam noch vor der Ehe, solang die Liebe am heißesten sei, zu überreden, daß er die Alte aus dem Haus entferne, Carlotta wies das Ansinnen entrüstet ab, doch die Calzera gab keine Ruhe und trug ihr nun mißliebige Äußerungen der künftigen Schwiegermutter zu, daß Carlotta zu schwerfällig für eine Krämerin sei und ihrem Sohn die Kundschaft verderben werde. Auch sollten der Alten schon 66 gelegentlich verdächtigende Reden über Carlottas Ehrbarkeit entfahren sein. Das brave Mädchen schenkte der Zuträgerei kein Gehör; daher hielt sich die Calzera verpflichtet, selbst für die Ehre ihrer Tochter einzutreten, und fuhr eigens nach San Quirico, um mit Modestos Mutter vor der Haustür zu krakeelen. Als dieser begütigen wollte, wandte sich ihr Zorn gegen ihn, und sie warf ihm laut vor den Leuten vor, ihre schöne Carlotta hätte zehnmal bessere haben können als so einen Käsehändler, sie frage ihm auch nicht groß nach, und ohne ihre, der Calzera, Vermittlung hätte er nie ihr Jawort erhalten.

Wir waren ganz darauf gefaßt, sie die Verlobung auseinandersprengen zu sehen, aber unvermutet setzte das Schicksal den Umtrieben des unruhigen Weibleins ein Ziel. Man fand sie eines Tages entseelt in ihrem Wagen liegend, ein Herzschlag hatte sie sanft unter Litzen und Bänder niedergestreckt, und noch im Tode setzte sie die Wanderschaft fort, 67 denn der Karren fuhr mit seiner traurigen Last unter Glockengeklingel ruhig auf der Landstraße weiter.

Carlottas Schmerz war unberedt, aber leidenschaftlich wie ihr ganzes Wesen.

Um so fester klammerte sie sich nach diesem Verlust an den Bräutigam, der ihr jetzt der einzige Halt auf Erden schien. Sie war mir dankbar, daß ich ihr erlaubte, jeden Sonntag in San Quirico zu verbringen, wo sie der Schwiegermutter schon im Haushalt an die Hand ging, und gelegentlich entfiel ihr die Äußerung: Die gute Mutter hatte wohl recht: es kommen die wenigsten durch die sogenannte Liebe zusammen, und wenn der Mann nur brav und häuslich ist, so kann die Frau von Glück sagen.

Wir stellten ihr frei, sich gleich zu verheiraten, aber Modesto fand es der frischen Trauer wegen nicht passend, so folgte uns Carlotta zum zweitenmal nach der Stadt.

68 Sie kam als eine verwandelte Person, das fühlten alle, freundlicher im Umgang, ohne die frühere Herbigkeit, wenn auch ebenso schweigsam, aber ihre Gesundheit schien zu leiden. Man schrieb es der Erschütterung über den Tod der Mutter zu und schonte sie, wo man konnte; von aller gröberen Arbeit hatte ich sie ohnehin entbunden, seitdem sie Braut war.

Modesto schrieb anfangs ziemlich regelmäßig. Jeder Brief war ein Muster spießbürgerlicher Wohlredenheit, in schulmäßig abgezirkelter Schrift, Haar- und Grundstriche sauber wie gestochen. Carlotta war stolz, daß ihr Verlobter sich so gebildet ausdrückte. Er teilte ihr mit, daß er einen Umbau im Hause vorgenommen habe und mit der Hochzeit warten müsse, bis die Räume trocken seien.

Carlotta grämte sich nicht darüber, sie war auch mit der Aussteuer noch im Rückstand, denn sie wollte einen Teil ihrer Sachen selber nähen.

69 Das wackere Mädchen hatte sich seit Jahren keine Ausgabe für Putz und Vergnügungen erlaubt, sondern all ihr Verdientes in starken Ballen von ländlicher Leinwand angelegt. Unter diesen Vorräten stand sie jetzt gern bei offenem Kasten und ausgezogenen Schubladen, schnitt mit einer Riesenschere große Tisch- und Bettücher herunter, an denen sie sich die ungeübten Finger zerstach, und sagte öfters mit innigem Stolze: Modesto ist wohlhabend, aber ich komme auch nicht mit leeren Händen.

Ihre Nachfolgerin war nun schon in den Dienst getreten, aber die Hochzeit wurde abermals hinausgeschoben, weil Modesto noch eine kleine Summe abzuzahlen hatte, die auf dem Hause stand und um die er jetzt plötzlich gemahnt wurde.

Das läßt du dir gefallen, Carlotta? sagten die Mädchen aus der Nachbarschaft, aber Carlotta antwortete jedesmal unerschütterlich: Er ist jetzt mein Herr, er hat über mich zu bestimmen.

70 Erst als in Modestos immer spärlicher werdenden Briefen von der Heirat gar nichts mehr stand, entschloß sie sich, ihn zu mahnen. Die Antwort lautete zweideutig, ob ihr der Verspruch leid geworden sei, ob sie vielleicht Aussicht auf eine andre, raschere Versorgung habe, in welchem Fall er als Ehrenmann sich verpflichtet fühlen würde, sie freizugeben, da seine eigenen Umstände ihm zunächst noch nicht gestatteten, an die Hochzeit zu denken.

Carlotta hatte in unserm Hause schreiben gelernt, sie antwortete in ihrer einfachen treffenden Weise: Du weißt ja, daß ich dein bin, wozu also die Fragen – ich warte.

Aber sie wartete umsonst, und immer mehr veränderte sich ihr Äußeres. Ihr Gang wurde träge, die Wangen verloren ihre feste Rundung, und unter ihren Augen lagen oft tiefe schwärzliche Gruben. Wenn sie jetzt das Kind herzte, geschah es mit einer abwesenden Miene, als ginge ihr Blick in die 71 Zukunft und suchte dort ein andres, noch weit entferntes kleines Wesen.

Ein solcher Blick, den ich auffing, traf mich wie eine plötzliche Erleuchtung und enthüllte mir endlich Carlottas Zustand. Die Unselige hatte sich weggegeben, rückhaltlos, ohne Liebe, ohne Freude, an den Mann, von dem ihr Herz nichts wußte. Sie hatte es getan aus Furcht vor der Leidenschaft und damit ihr das Ja nicht wieder leid würde, die Schlechtberatene hatte sich an den Ehrenmann binden, sich den Rückweg abschneiden wollen, um ihr störrisches Herz zu zwingen, – die Calzera hatte, gefällig wie immer, Gelegenheit gemacht. Ein Glück für das törichte alte Weiblein, daß es ihr gnädig erspart blieb, den Ausgang ihres Tuns zu sehen; es wäre eine zu harte Strafe gewesen. Sie hatte mit ihrer unzeitigen Dienstfertigkeit nur einer anderen in die Hände gearbeitet, die schlauer war als sie und die der Heirat leise einen Riegel vorzuschieben gedachte. 72 Diese andere war die Leisetreterin, Modestos Mutter, die zu allem Ja sagte und immer still ihr eigenes Ziel verfolgte.

Diese Verwicklung durchschaute man damals noch nicht, Carlotta selbst am wenigsten. Sie sah in dem neuen Band zwischen ihr und dem Bräutigam nur die Erhörung ihres glühendsten Gebetes und sprach über ihren Zustand harmlos und ruhig wie eine ehrbare Frau, die am Ziel ihrer Wünsche steht. Ich hatte ja an meinem Verlobten vieles auszusetzen, sagte sie, aber den Vater meines Kindes werde ich lieben können, das weiß ich gewiß.

Gegen diese Auffassung ließ sich nichts erwidern, die Unglückliche hatte ja nur gegen die Klugheit gefehlt; Vorwürfe wären da ebenso verkehrt wie nutzlos gewesen. Nur bestand ich darauf, daß ihr Verlobter augenblicklich vom Stand der Dinge in Kenntnis gesetzt werde. Carlotta hätte die Überraschung gerne auf das Wiedersehen verschoben, 73 aber auf mein Geheiß setzte sie sich sofort und teilte ihm mit unbehilflicher Handschrift, aber natürlichen, wohlgesetzten Worten ihre frohe Aussicht mit, voll Dank, daß der Himmel ihre Ehe im voraus gesegnet hatte, und in der festen Erwartung, daß ihr Verlobter sich mit ihr freuen würde. Kein Gedanke, daß Modesto es anders fassen könnte, dämmerte in ihrer Seele.

Sie lebte auf, als das Geheimnis von ihrem Herzen gewälzt war und sie nicht mehr nötig hatte, sich zu verstellen. Die Ärmste verlor sich in Zukunftsträume, die ganz ausgefüllt waren von dem Kinde und in denen der Vater gar keine Rolle spielte. Ebenso blaue Augen müsse es haben wie das unsrige oder auch schwarze wie die Gilda und mit einem Jahr müsse es sprechen können wie die beiden. Dafür solle es aber auch gepflegt und gehalten sein wie ein Kind seiner Leute; sie wisse ja jetzt, wie man das mache; – und sie schwelgte schon im Gedanken 74 an all die schönen Spielsachen und Bilderbücher und an die gestickten Kleidchen, für deren Herschaffung sie sich gern den Bissen am Mund absparen wollte.

Ich hatte mir so ein kleines Mädchen gewünscht, sagte sie mir eines Morgens geheimnisvoll, aber es ist ein Junge, ich weiß es. Heute nacht hab' ich von ihm geträumt, ich sah ihn groß – ein schöner brauner Soldat, alle Mädchen drehten sich nach ihm um, wo er vorbeiging. Aber ich gönne ihn keiner, er gehört seiner Mutter, ich habe nichts als ihn. Ich will wieder jung sein mit ihm, es soll sein, wie es mit Antonio war, als wir zusammen in die Berge liefen.

Arme Carlotta! Dieser Traum war das einzige, was das Leben ihr an Glück vergönnte.

Modesto schwieg auf ihre Mitteilung. Es vergingen mehr als vierzehn Tage, Carlotta blieb noch immer ruhig.

75 Er hat den Brief nicht erhalten, sagte sie.

Ich mochte sie nicht in ihrem Vertrauen stören, aber das Betragen des Krämers wurde mir immer verdächtiger.

Carlotta schrieb ein zweites Mal und fragte dringender nach der Hochzeit; sie stellte ihm vor, daß es sich nicht mehr um sie selber handelte, sondern um das Wesen, das sie unter dem Herzen trug und dem sie für seine künftige Stellung unter den Menschen verantwortlich war.

Darauf erhielt sie ein Schreiben aus San Quirico, an dessen Inhalt sie lange studierte. Sie las viel schlechter als sie schrieb, deshalb brachte sie mir den Brief, damit ich ihr helfe.

Er schreibt nicht selbst, sagte sie beklommen, der Brief ist von seiner Mutter, und es stehen seltsame Sachen drin, woraus ich nicht klug werde.

Es standen wahrlich seltsame Sachen in dem Briefe. Die alte Katze streckte endlich ihre Krallen heraus. 76 Es zeigte sich jetzt, daß sie die arme Carlotta von lange her mit einem Netz von Aufpassern umgeben hatte, denn in dem Briefe waren alle Verleumdungen aus Meletto und Vajano wie zu einer Anklageschrift zusammengetragen; auch Carlottas jüngste Begegnung mit Rocco Fontana fehlte nicht. Ihrem Sohne, schrieb sie, seien die Augen über Carlottas wahren Charakter aufgegangen, er sage sich von ihr los und betrachte es als einen Schimpf, ihr Verlobter gewesen zu sein. Betreffs der jüngsten Mitteilung Carlottas schwur sie, es sei die frechste Lüge, von der man je gehört; von einem schlechten Baum komme eine schlechte Frucht, aber der Versuch, ihren Fehltritt dem größten Ehrenmann von Vernio, der der Spiegel seiner Mitbürger sei, aufzubürden, der übersteige alles, was man sogar von einer Tochter der Calzera habe erwarten können.

Der Brief schloß mit der Drohung, wenn Carlotta jetzt nicht mäuschenstille sei, so werde man die 77 Gerichte gegen ihre Zudringlichkeit in Anspruch nehmen.

Der jähe Sturz aus ihren Himmeln benahm der armen Carlotta zunächst das Fassungsvermögen. Ihre erste Empfindung war ein grenzenloses Erstaunen, daß Modestos Mutter ihr in diesem Tone schreiben konnte, sie, die freundliche alte Frau, die nur das Glück ihres Sohnes und das Beste aller Menschen wollte! An diesem veränderten Verhältnis arbeitete ihr Hirn sich ab, während sie den eigentlichen Inhalt des Briefes noch immer nicht begriff. Daß der Edle sich weigerte, ihr Kind als das seinige anzuerkennen und mit diesem Vorwand den Treubruch zu bemänteln suchte, für diese Ungeheuerlichkeit war kein Raum in ihrer ehrlichen einfachen Seele.

Nicht das seinige? sagte sie fassungslos, als ich ihr die Lage beizubringen suchte. Wessen sollte es denn sein?

78 Aber plötzlich durchzuckte sie's wie ein Blitz: Roccos! O die Niedertracht! Sie werden sagen, es sei Roccos, weil ich an der Landstraße mit ihm gesprochen habe, weil man mir Briefe von ihm gebracht hat.

Ich durfte die Unglückliche nicht schonen, mußte ihr vollends klarmachen, was in halben, teuflischen Worten zwischen den Zeilen des Briefes stand: daß auch das Kind in Vajano, an das sie so viel Zärtlichkeit verschwendet hatte, für das ihrige ausgegeben wurde, daß man ihr vorwarf, schon seit Jahren die Geliebte Rocco Fontanas zu sein.

Carlotta stand aufs neue, als ob sie einen Schlag auf den Kopf erhalten hätte. Die unsinnige Beschuldigung, die ja schon durch das Alter des Kindes widerlegt war, lähmte ihr die Zunge. Doch fielen ihr jetzt die Warnungen der Calzera vor der künftigen Schwiegermutter wieder ein, und sie durchschaute endlich die lügnerische Freundlichkeit, durch die ihr 79 argloses Gemüt getäuscht worden war, während ein Aufschub um den anderen der alten Heuchlerin helfen mußte, aus eingesammeltem Klatsch dieses ganze Gewirre von Lügen, Entstellungen und falschen Schlüssen zusammenzuspinnen, in dem des Mädchens Ehre, Glück und bürgerliches Dasein zugrunde gingen.

Nur am Vertrauen in die Redlichkeit ihres Verlobten hielt sie auch jetzt noch fest: Modesto war ja ein Ehrenmann, er konnte von dem schändlichen Briefe nichts wissen; die Alte mußte hinter seinem Rücken geschrieben haben, um das Paar zu entzweien.

Doch der Brief war so wohl überlegt, alle belastenden Punkte so sorgfältig herangezogen, Ausdruck und Schreibweise so schulgerecht, daß ich keinen Augenblick zweifelte, Modesto sei selbst bei der Abfassung behilflich gewesen.

Unser Hausfreund, der Advokat Negri, verstand sich dazu, eine kurze bestimmte Anfrage an den 80 Krämer zu richten, wie er sich zu dem Vorgehen seiner Mutter stelle und ob er gesonnen sei, als ein Ehrenmann seine Pflicht an Carlotta zu erfüllen.

Modestos Antwort enthüllte der Unglücklichen erst die ganze Größe ihrer Schmach.

Er schrieb im Ton des Schwergekränkten, der selbst ein Recht zur Klage hat, daß er sich jede fernere Behelligung in Sachen der Carlotta verbitten müsse. Er danke dem Himmel, daß ihre befleckte Vergangenheit noch rechtzeitig entdeckt und dadurch eine ehrbare Familie vor Schande bewahrt worden sei. Es wäre töricht, nach dem Vater ihres Kindes zu forschen, da ja verschiedene auf diesen Namen Anspruch erheben könnten; was ihn selbst betreffe, so fühle er sich von jeder Verpflichtung gegen Carlotta frei und habe in einer ehrbaren Heirat Trost gesucht und gefunden. Zum Schluß erklärte er sich jedoch mit einer verlegenen Wendung bereit, ihr aus Nächstenliebe eine kleine Unterstützung 81 anzuweisen mit dem Beding, daß sie sich still verhalte und nie wieder den Fuß nach San Quirico setze.

Carlotta hob mit einer gewaltigen Bewegung die Arme zum Himmel.

O meine Mutter im Paradiese, schrie sie, Euch klag ich an, Ihr habt die Schuld, mein Herz wollte nichts von ihm, mein Herz wußte es besser. – Gott lass' es Euch nicht entgelten, was Ihr an mir getan habt.

Ich kann sie noch sehen, wie sie damals vor mir stand, die Arme emporgereckt und das große braune Gesicht von den zuckenden Muskeln durcheinander gerüttelt. Daß mit gleicher Unmittelbarkeit eine Erregung den Weg zur Gebärde fand, habe ich bei keinem anderen Wesen je beobachtet; es bedarf dazu der Unschuld einer so einfachen Natur wie unsere Carlotta war.

Bei dem Anteil, den wir an ihrem Geschick nahmen, befanden wir uns in der schwierigsten und widrigsten Lage. Wir wußten nicht, wie ihr Genugtuung 82 schaffen, und einer solchen Beschimpfung gegenüber Geduld zu predigen, ist eine Unmöglichkeit. Das Gesinde umstand sie bedauernd und aufreizend, aber Carlotta stimmte nicht in die Schmähungen gegen den treubrüchigen Feigling ein; sie war wie zu Stein geworden, nur nach einer langen Weile sagte sie mit einer Gebärde von Ekel: Ich will mich waschen, und ging ohne Eile nach ihrer Kammer.

Das Verhängnis wollte, daß ich an jenem Abend Gäste erwartete und keine Zeit hatte, mich mit der Unglücklichen abzugeben. Ich sah sie noch einen Augenblick, als ich an der Küche vorbeiging. Da saß sie schon wieder an ihrem gewohnten Platz beim offenen Herdfeuer, die Kaffeemühle zwischen ihre mächtigen Knie gepreßt, das Gesicht von der Flamme vergoldet, und mahlte langsam und nachdrücklich. Nichts Besonderes war ihr mehr anzumerken, aber während der Kaffee gereicht wurde, verließ sie still das Haus.

83 Man vermißte sie erst spät, als die Gäste schon gegangen waren, und suchte sie lange vergeblich in allen Winkeln. Als Carlotta am Morgen nicht zurückkam, mußte der Polizei Anzeige von ihrem Verschwinden erstattet werden. Ihre Rede vom Waschen, die erst nachträglich auffiel, erweckte den Verdacht, daß sie in der Verzweiflung den Weg zum Arno genommen habe, und es wurde die ganze Strecke von der Porta San Niccolò bis zum Wehr hinunter abgesucht, aber währenddessen fuhr sie schon unaufhaltsam wie das Verhängnis ihrem Ziele zu.

Als wir endlich ihre Spur wiederfanden, war die Tat schon geschehen, und die Welt hatte einen Biedermann weniger: unsre arme, besudelte Carlotta hatte sich gewaschen – mit Blut.

Sie war noch spät am Abend nach Prato gefahren und hatte dort auf dem Bahnhof gewartet, bis es hell wurde; man sah sie die ganze Nacht mit ihrem schwarzen Umschlagetuch wie ein Bild von Stein 84 im Wartesaal sitzen, ohne sie zu stören. Beim Morgengrauen setzte sie sich in Bewegung und wanderte bergauf nach Vernio zu, das in eine tiefe Schneedecke gehüllt lag. Unterhalb Vajano holte sie der Postbote mit seinem Wägelchen ein und hieß sie aufsteigen. Er merkte ihr keine Erregung an und erzählte auf ihr Befragen harmlos von des Krämers Hochzeit mit der Pistojeserin, denn Carlottas Verlobung war ihm zufälligerweise nicht zu Ohren gekommen.

In San Quirico stieg sie von dem Wägelchen herunter, vergaß auch nicht zu danken und ging mit ihren gewohnten festen Schritten langsam und ruhig über die Brücke nach Modestos Haus.

Diesen fand sie, wie er eben mit verschlafenem Gesicht die Ladentür öffnete. Als er sich so plötzlich Carlotta gegenüber sah, erschrak er wie vor einem Gespenst und wollte die Tür vor ihr zuwerfen, aber sie drang ihm nach in den Laden, stellte sich hart 85 vor ihn hin und fragte: Wessen ist das Kind, das ich unter dem Herzen habe?

Mach, daß du fortkommst, ich kann hier keinen Skandal brauchen, antwortete der Krämer unsicher.

Wessen ist das Kind, Modesto? fragte sie abermals. Er gab keine Antwort und wagte ihr auch nicht ins Gesicht zu blicken.

Unterdessen stürzten die beiden Weiber in Unterröcken hervor, überschütteten Carlotta mit Schimpfreden und schrien nach den Carabinieri, deren Kaserne schräg über der Straße liegt. Nun gewann auch der Krämer Mut, und mit dem plötzlichen Zorn des Feiglings schrie er auf Carlottas wiederholte Frage: Geh zu deinem schönen Herrn Fontana, der wird wissen, wem dein Kind gehört.

Ich wollte, es wäre so, sagte Carlotta mit Nachdruck, dann wäre sein Vater wenigstens kein Schuft und seine Mutter keine Mörderin.

Dieses sagend, riß sie ein langes, blankes Messer 86 unter der Schürze hervor, und bevor die Weiber ihr in den Arm fallen konnten, hatte sie es dem Krämer bis ans Heft ins Herz gestoßen.

Dann stieg sie noch unter dem Zetergeschrei der Weiber ungehindert an die Fiumenta hinab, spülte das Messer in den schäumenden Fluten rein und ließ sich dort ruhig von den herbeigeeilten Carabinieri verhaften.

Ich will Ihnen noch kurz den Schluß der Tragödie erzählen.

Trotz dem natürlichen Entsetzen über das Vorgefallene taten wir, was in unsren Kräften stand, um die Mörderin zu retten, aber ihre Lage war gefährlich, denn das mitgebrachte Messer stempelte ihre Tat zu einer vorbedachten. Noch bedenklicher war es, daß Modestos Mutter und die zum zweitenmal verwitwete Pistojeserin eine Privatklage anstrengten und den Staatsanwalt durch zwei berühmte Advokaten verstärkten. Doch kam der Fall 87 zum Glück vor das hiesige Schwurgericht, wo die Stimmung von Anfang an für Carlotta günstig war. Viele kannten sie hier, und über ihre tadellose Aufführung war nur eine Stimme. Ihr früherer Fabrikherr, der auch vernommen wurde, sagte in gleichem Sinne über sie aus.

Die ganze Stadt strömte wie zu einem Schauspiel zusammen, als Carlotta vor dem Schwurgericht erschien; man hörte auf der Straße von nichts anderem mehr reden. Mehrere Tage schwankte die Entscheidung; ich selbst war in dieser Zeit wie von Sinnen. Als ich vorgeladen wurde und die Unglückliche vor allem Volke wiedersah, groß und unbeweglich in ihrem Käfig sitzend, da vergaß ich das Schrecknis ihrer Tat und dachte nur noch an all die Hingebung, die sie uns bewiesen hatte, und an die ungeheuerliche Beschimpfung, die ihr widerfahren war. Ich ließ mich von der Erregung des Augenblicks hinreißen und sagte: Sprecht sie frei, und ich 88 bin bereit, sie noch heute in mein Haus zurückzunehmen.

Ein Beifallssturm erschütterte den Saal, daß ich nicht wußte, wie mir geschah. Viele weinten, und so oft Carlotta von da an hereingebracht oder hinausgeführt wurde, lief es wie ein Strom der Sympathie durch die Versammlung.

Fast noch größeres Aufsehen erregte das Erscheinen Rocco Fontanas, der auch als Zeuge geladen war. Alle Damen richteten ihre Gläser auf den Don Juan von Meletto, der mit äußerstem Freimut und ohne sich zu schonen ein für die Angeklagte ehrendes Zeugnis belegte. Seine Beziehungen zu Carlotta, die Herkunft des Kindes in Vajano, alles was von Verleumdung gegen das Mädchen in Umlauf gesetzt war, wurde aufgeklärt, und ihr Leben trat rein und makellos aus dem Zeugenverhör hervor bis zur Stunde, wo sie sich ihrem eigenen Herzen zuwider dem Bräutigam, dem Tugendspiegel 89 ergeben hatte, von dem sie keinen Verrat besorgte. Advokat Negri führte die Verteidigung, die ein Meisterstück psychologischer Analyse war. Hier liege nicht die landläufige Liebestragödie vor, sagte er, sondern ein anderes, tieferes und selteneres Problem der menschlichen Natur. Er schilderte die Angeklagte, wie wir alle sie gekannt hatten, gewissenhaft, sittenstreng und unnahbar für die Verführung. Er erzählte von ihrer Leidenschaft für das fremde Kind, aus der das verzehrende Verlangen nach eigenem Mutterglück erwuchs, und von ihrem felsenfesten Glauben an die Redlichkeit des Mannes, der ihren Augen nicht gefiel und dem sie gleichwohl gewährte, was sie dem Geliebten ihrer Seele standhaft verweigert hatte.

Carlotta, sagte er, war keins von den Mädchen, die aus Leichtsinn fallen. Sie hatte auf die Liebe verzichtet, aber sie wollte Mutter sein und ihrem Kinde einen ehrlichen Namen geben, darum flog sie mit 90 dem, der ihr ein sicheres Nest für ihre Jungen versprach.

Dann enthüllte er Zug für Zug die Machenschaften der alten Krämerin, in die der Sohn sich allzuwillig einspinnen ließ. Eine Anfrage in Meletto, ein einziger Besuch bei der Bäckerin von Vajano, die bloße Zusammenstellung der Daten, sagte er, hätte genügt, das Lügengewebe zu zerreißen, aber der Biedermann ergriff begierig den Vorwand zum Bruch, nachdem die langjährige, eigensinnige Leidenschaft für Carlotta befriedigt war und nun die reiche Heirat ihren Zauber üben konnte.

Die Italiener sind vor allem Menschen und für alles Menschliche offen. Die Parteinahme für Carlotta war allgemein. Die gegnerischen Advokaten – zu ihrer Ehre sei es gesagt – führten nur ein glänzendes Scheingefecht auf, um ihren Ruhm zu retten, und ließen den Kern der Verteidigung unangetastet. Der Staatsanwalt selbst hielt nur noch lau 91 die Anklage aufrecht, und der Prozeß endigte mit völliger Freisprechung.

Ungeheurer Beifall begrüßte den Wahrspruch, und der laute Zuruf der Menge folgte der Freigesprochenen durch alle Straßen nach, als unser alter Gärtner sie im geschlossenen Wagen abholte, denn wir wollten meine öffentlich gegebene Zusage wahrmachen. Es wurden Balladen auf sie gedichtet, viele Zeitungen brachten ihr Bild, und Carlotta blieb auf längere Zeit die Heldin des Tages.

Jetzt aber muß ich Ihnen ein beschämendes Geständnis ablegen.

Ich hatte mein Wort gehalten und die Unglückliche in mein Haus zurückgenommen, aller Kritik der lieben Bekannten zum Trotz, denn es versteht sich, daß dieselben, die mir Beifall geklatscht hatten, meine Handlungsweise hinterher verdammten. Ich war aufs tiefste durchdrungen von Carlottas Unglück und der Gerechtigkeit ihrer Sache, aber – ich 92 kam über das Grauen nicht hinweg. So oft mein Blick auf ihre Hände fiel, mußte ich denken, daß sie Menschenblut vergossen hatten. Ich konnte mein Kind nicht mehr auf ihren Armen sehen. Die Dienstboten rückten beim Essen sachte von ihr weg, und von den Mädchen wollte keins mehr mit Carlotta in einem Zimmer schlafen.

Es war ein rechter Jammer; was sollten wir mit ihr anfangen? In ihre Berge konnten wir sie nicht zurückschicken, wo der Schatten ihrer Bluttat umging, und hier – wer hätte sich ihrer angenommen? Sie hatte Geschick zu Gartenarbeiten, wie sie überhaupt dem Erdboden näherzustehen schien, als andere Menschen. So gaben wir sie dem alten Gärtner, der ohnehin nicht mehr allein fertig wurde, als Gehilfin bei und trennten sie allmählich von dem Kindchen. Das scheint ihr das Herz vollends gebrochen zu haben.

Gewiß, wenn ihr eigenes Kind gelebt hätte, ihre 93 starke Natur wäre mit ihrem Schicksal fertig geworden. Aber das Leben hatte nicht bei der Mörderin einkehren wollen: sie war in der Untersuchungshaft von einem toten Kind entbunden worden und kränkelte seitdem. Sie schaufelte und jätete zwar unverdrossen, versetzte Blumen und pfropfte Bäume, gab auch noch untrüglichen Bescheid über das kommende Wetter, aber sie lebte nur noch halb. Ihre schöne Fülle war weg, und der goldene Bronzeton ihrer Haut hatte sich in ein fahles Erdgrau verwandelt.

Die Natur griff gnädig ein und löste auf, was nur noch mit Pein zusammenhielt. Eine schwere Krankheit warf sie nieder, von der sie nicht mehr genas. In ihren Delirien sprach sie immer mit ihrem Sohn. Sie lief mit ihm einen grünen Hügel hinab nach einer Wiese, die voll Blumen stand; die zeigte sie dem Knaben und Blumen pflückend entschlummerte sie. Oben in Trespiano liegt sie bei vielen andern 94 namenlosen Schläfern, die nicht auf die Seite gerückt sind, als unsre Carlotta einzog. Sie hat wie die andern ihr Kreuz mit einer Nummer. Advokat Negri, der ihr seinen Ruhm und eine glänzende Praxis dankt, hat die Mittel zu einem eigenen Grabe gegeben. Gras wächst über ihr und ihrer Tat.

Ihre Stofale, die schon lange wieder Stephanie heißt, trägt seit dem Frühjahr sittig ihr Ränzchen zur Schule und hat kaum noch eine dämmernde Erinnerung an das große starke Weib, das sie mit so wilder Zärtlichkeit an die Brust gepreßt und in den Armen geschwungen hat. Ihr Name wird selten genannt, nur wenn ich über Verfall und Entartung klagen höre, so denke ich wieder einen Augenblick an jene mächtige, einfache, wie aus den Blättern des Alten Testaments herausgestiegene Gestalt.

 

Ende

 








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