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Unschuldig verurteilt

Josef Baierlein: Unschuldig verurteilt - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleUnschuldig verurteilt
authorJosef Baierlein
year1907
firstpubca. 1915
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleUnschuldig verurteilt
pages96
created20140611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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VII.

Zur festgesetzten Zeit wurde Sepp abgelöst.

»Nichts Neues auf Posten?« fragte ihn der Korporal, der die Ablösung brachte.

»Wenn ich mich nicht geirrt habe, ist einmal weit über Hanau hinaus ein Schuß gefallen«, antwortete Joseph Binder. »Es kann aber auch eine Täuschung gewesen sein. Man hört allerlei, wenn man mutterseelenallein Vorpostendienst macht.«

»Gewiß,« höhnte der Korporal, »namentlich wenn einer so ein furchtsames Wickelkind ist wie du.«

Doch Sepp ließ sich den Spott nicht schwer fallen. Fühlte er sich doch seit einer halben Stunde jeder Furcht ledig. Sobald er jetzt ins Biwak zurückkam, wollte er nur noch heimlich ans Ufer der Kinzig gehen und dort nach den neunerlei Kräutern suchen. Der Mond verbreitete beinahe Tageshelle, weshalb er kaum ein falsches pflücken konnte. Und wenn alles gut von statten ging, so war ihm das Glück beschieden, schon an diesem Morgen, noch vor dem ersten Hahnenschrei den heiß ersehnten Zaubertrank zu trinken. Hei! Wie ihm bei diesem Gedanken 40 das Herz schlug vor froher Erwartung! Dann war es erst eine Freude, Soldat zu sein.

Es kam aber alles ganz anders.

Als Binder seinen Lagerplatz im Biwak wieder aufgesucht hatte, entledigte er sich vor allem seiner Waffen und des Tornisters. Dann streckte er sich gemächlich aus auf der ihm zugeteilten Schütte Stroh und schloß die Augen. Er hatte im Sinn, sich nur schlafend zu stellen, dagegen abzuwarten, bis seine abgelösten Kameraden wirklich schliefen und jedes Geräusch im Biwak verstummt wäre. Dann wollte er heimlich zum Kinzigflüßchen schleichen, das so nahe vorüberströmte, daß man das Geplätscher seiner Wellen vernehmen konnte, und am Ufer die Kräuter suchen.

Doch dieses Vorhaben wurde zu Wasser. Sei es, daß körperliche Ermüdung oder die vorhergegangene heftige Seelenerregung ihn mehr, als er selbst glaubte, abgespannt hatten, – aber Sepp schlief, nachdem er einmal die Augen geschlossen, nicht nur zum Schein, sondern wirklich ein und zwar so tief, daß er erst erwachte, als in Hanau die Reveille getrommelt wurde.

Mit einem unterdrückten Fluch rieb er sich die Augen und stand verdrossen auf vom Lagerstroh.

»Hätte ich mich doch lieber gar nicht hingelegt!« knurrte er vor sich hin. »Nun hat mich der verd– Schlaf um einen ganzen Tag zurückgeschlagen. Denn die Zeit vor dem ersten Hahnenschrei ist schon längst vorüber, und ich muß jetzt wohl oder übel bis 41 morgen warten, um meine Kunst auszuführen. Da will ich doch heute wenigstens nach dem Kräuterzeug umschauen.

Aber auch dieser Vorsatz wurde nicht ins Werk gesetzt.

Im gleichen Augenblick nämlich, als die Mannschaften des Vorpostenkommandos in Reih und Glied aufgestellt wurden, um den Wachtdienst an eine neu eingetroffene Abteilung zu übergeben und dann nach Hanau zurückzumarschieren, näherte sich von der Stadt her dem Biwakplatze ein eigentümlicher Zug.

Eine Schar von hohen berittenen Offizieren war es, und unter ihnen befand sich, leicht erkenntlich an seinem wallenden Federbusch, der Oberkommandeur der vereinigten bayerisch-österreichischen Armee, General von Wrede.

Neben dem General, der wie die ihn begleitenden Offiziere im langsamsten Tempo ritt, schritten einige Zivilpersonen, dem Anschein nach Bauern aus der Gegend, sowie ein alter Herr, welcher, weil er weder Schnurr- noch Backenbart, dagegen einen bis auf die Fußknöchel reichenden schwarzen Talar trug, unzweifelhaft ein katholischer Geistlicher sein mußte.

Und hinter der Suite der Offiziere kam kompagnieweise das ganze Amberger Regiment angezogen. Aber was war das für ein seltsamer trauriger Marsch! Kein Spielmann rührte sich; die Trommeln schwiegen, die Hörner und Trompeten blieben stumm. Nur der dumpfe Schall des gleichmäßigen Schritts der 42 näherkommenden Truppe dröhnte auf dem Erdboden. Etwas wie Unheil schien in der Luft zu liegen. –

Als der rote Sepp Bauern und einen Geistlichen an der Seite des Generals kommen sah, begann sein Herz mächtig zu schlagen, und es erfaßte ihn eine unbeschreibliche Angst. Ihm sagte eine untrügliche Ahnung, daß sein Verbrechen entdeckt und daß die strafende Vergeltung schon auf dem Wege war.

Tausend Gedanken, wie er sich retten, wie er jeden Verdacht von sich abwenden könne, kreuzten sich in seinem fieberhaft arbeitenden Gehirn. Wenn der unwiderlegliche Beweis des Kirchenraubes bei ihm gefunden wurde, war er ja verloren, doppelt verloren! Einmal wegen Verlassen des Wachtpostens vor dem Feind, dann wegen Schändung eines Gotteshauses. Was sollte er tun in dieser haarsträubenden Lage?

Da zuckte plötzlich eine Eingebung in ihm auf, so abscheulich und von solcher Bosheit, daß Satan sie ihm eingeblasen haben mußte.

»Ja, so geht's,« murmelte er mit bleichen zuckenden Lippen vor sich hin. »So muß es gelingen. Und dabei treffe ich zwei Fliegen auf einen Schlag. Ich ziehe meinen Kopf aus der Schlinge, und der Schmiedkonz bleibt darin stecken. Jetzt kann ich's dem schlechten Kerl heimzahlen, daß er mir die drei Gulden verweigert hat.«

Und ohne Gewissensbedenken machte er sich an die Ausführung seines teuflischen Planes.

43 Sepp stand im zweiten Glied der zur Ablösung bestimmten Wachtmannschaft. Sein Vordermann im ersten Glied war Wolfgang Schmiedkonz. Da zerrte Sepp, – der General war schon ganz nahe und deshalb die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet, – mit einem Male fest an Wolfgangs Tornister.

»Was gibt's? Was treibst du da?« fragte Wolfgang leise, indem er den Kopf mit einer halben Wendung rückwärts drehte.

»Dein Tornisterriemen ist aufgegangen,« gab Joseph Binder ebenso verstohlen zurück. »Wenn der General etwa die Glieder öffnen läßt und nachschaut. – –«

»Schnall mir den Riemen wieder ein, Sepp!« sagte Wolfgang. »Bist doch ein braver Kamerad.«

Der andere ließ sich nicht zweimal bitten.

»Steh nur gerade und halte dich recht fest, damit du nicht umfällst, wenn ich kräftig zugreife.«

Dann zog Sepp, blitzschnell und unbemerkt von seinen Nebenmännern, aus dem Brotbeutel, der an seiner Seite hing, einen gelben glänzenden Gegenstand, schob ihn in Wolfgangs Tornister und zog hierauf den Riemen wieder zu.

»Bist du fertig? flüsterte Wolfgang.

»Ja.«

»Ich danke dir herzlich.« –

Joseph Binder atmete tief auf, als wäre ihm eine schwere Last vom Herzen gefallen. – 44

 


 

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