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Unschuldig verurteilt

Josef Baierlein: Unschuldig verurteilt - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleUnschuldig verurteilt
authorJosef Baierlein
year1907
firstpubca. 1915
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleUnschuldig verurteilt
pages96
created20140611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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V.

Das Einexerzieren der Rekruten nahm noch monatelang seinen ungestörten Fortgang. Das Frühjahr verstrich, der Sommer zog ins Land, und Mitte August hörte Europa, daß Österreich endlich zu einem Entschluß gekommen sei. Es verbündete sich mit Rußland und Preußen und verkündigte am 12. August 1813 dem Kaiser Napoleon den Krieg. Zu dieser guten Nachricht kam bald eine zweite. Auch der bayerische König Max Joseph I. war es müde geworden, Napoleon länger Heeresfolge zu leisten. Er gab dem Wunsch seines Volkes bereitwilliges Gehör, trat vom Rheinbund zurück und schloß am 8. Oktober 1813 mit Österreich im Städtchen Ried einen Bundesvertrag ab, infolgedessen auch Bayern am 14. Oktober an Frankreich die Kriegserklärung erließ.

Durch ganz Deutschland, das so lange von dem französischen Eroberer geknechtet gewesen, ging ein frohes Aufatmen. Jetzt endlich sah man wieder besseren Zeiten entgegen. Denn von den deutschen Fürsten war nur noch der König von Sachsen notgedrungen mit König Napoleon verbündet, weil dieser mit seiner 28 Armee in Sachsen stand, und es sich also für den König, insofern er als Feind Frankreichs aufgetreten wäre, um Krone und Leben gehandelt hätte.

Im bayerischen Heere wurde die Kunde, daß man nicht mehr für einen fremden Kaiser kämpfen müsse, sondern daß es jetzt gegen den französischen Unterdrücker losgehe, mit lautem Jubel begrüßt. Aller Herzen schlugen höher und die Augen blitzten von Mut und Kampfbegier. Man war gerne bereit, neuerdings sein Blut zu vergießen; galt es doch diesmal der Befreiung des deutschen Vaterlands und nicht mehr für die Pläne des ehrgeizigen korsischen Advokatensohns und Usurpators.

In diese frohe Stimmung hinein fiel die Nachricht von der entscheidenden Völkerschlacht bei Leipzig; sie trieb die Begeisterung auf die Spitze. Und als noch bekannt wurde, daß die bayerische Armee im Verein mit einer Abteilung des österreichischen Heeres unter dem bayerischen General von Wrede Befehl erhalten habe, dem von Leipzig westwärts flüchtenden Napoleon entgegen zu marschieren, um ihm den Weg nach Frankreich abzuschneiden und die Trümmer seines geschlagenen Kriegsvolks womöglich ganz aufzureiben, da kannte die Hochflut der erhabensten patriotischen Gefühle keine Grenzen mehr.

Dieser bayerische General Karl Philipp von Wrede war aber ein ausgezeichneter Feldherr, der die Kriegskunst in Napoleons Schule selbst gelernt hatte. Geboren am 29. April 1767 in Heidelberg, studierte 29 er dort als Jurist und wurde Hofgerichtsrat und Oberamtsassessor. 1799 betrat er jedoch an der Spitze eines kurpfälztschen Korps die militärische Laufbahn, machte als Oberst die Feldzüge von 1799 und 1800 mit und focht 1800 als Generalmajor bei Hohenlinden. Nach dem Frieden reorganisierte er die bayerische Armee, wurde 1804 Generalleutnant und beteiligte sich 1809 an den Siegen bei Abensberg und Landshut. Er eroberte Salzburg, besetzte Innsbruck, unterwarf ganz Tirol und entschied den Sieg bei Wagram, wofür er von Napoleon zum französischen Reichsgrafen ernannt und ansehnlich dotiert wurde. Zum General der Kavallerie befördert, führte dann von Wrede die bayerische Armee nach Rußland.

Einem so vorzüglichen und berühmten Heerführer war also das Oberkommando über die vereinigten bayerisch-österreichischen Korps anvertraut, welche nach dem Abschluß des Vertrags von Ried den flüchtenden Franzosen den Weg nach dem Rhein versperren und sie zu einer letzten vernichtenden Schlacht zwingen sollten.

Unter den bayerischen Truppen befand sich auch das Amberger Regiment, dem Wolfgang Schmiedkonz, der Hirtensohn Joseph Binder und die anderen Waldsassener Rekruten angehörten, die wir bei Beginn dieser Geschichte kennen gelernt haben.

Die meisten von ihnen hatten den Marschbefehl mit großer Befriedigung vernommen. Sie betrachteten das Ende des Garnisonsdiensts als Erlösung und 30 nahmen die Mühen und Gefahren eines ernsthaften Krieges gerne auf sich. Kämpften sie jetzt doch Seite an Seite mit stammverwandten Deutschen gegen den verhaßten Napoleon.

Gleichwohl gab es unter den Soldaten einige, die dem Feldzug keinen rechten Geschmack abgewinnen konnten, die sich im Gegenteil weit wegwünschten von jedem Ort, wo Kanonen donnern und Kugeln zischen. Es fehlt eben manchem Menschen der wahre, rücksichtslose und opferfreudige Mut, wie er einen tüchtigen Kriegsmann beseelen soll; auch sind schon von jeher selbst in der tapfersten Armee Feiglinge mitgelaufen.

Zu jenen mutlosen und für ihr Leben mehr als billig besorgten Soldaten gehörte auch der rote Sepp. Vom Augenblick an, wo der Marschbefehl eingetroffen war und der Ernst des Kriegs seinen Anfang nahm, zeigte er sich ganz verstört. Ein Schrecken war in seine Glieder gefahren, der ihm jede ruhige Überlegung raubte und es ihn tief bereuen ließ, daß er damals in Amberg nicht doch desertiert war, obwohl ihm das Geld dazu fehlte. Jetzt war die Fahnenflucht noch viel schwieriger. Einmal hinderte ihn daran die eiserne Disziplin, die unter Wredes Augen noch strenger gehandhabt wurde als vordem; dann scheute er vor der unbekannten Gegend zurück, durch welche der Marsch führte, weil er darin keinen Unterschlupf wußte, und schließlich fürchtet er sich auch vor der Kugel, die ihm, falls er wieder eingefangen wurde, gewiß war.

31 Das waren die schwerwiegenden Gründe, die ihn zum widerwilligen Ausharren bewogen. Übrigens nahm Sepp, je länger der Marsch dauerte und je deutlicher sich zeigte, daß man bald mit dem Feind in Fühlung kommen würde, ein desto seltsameres Wesen an. Stundenlang konnte er, ohne ein Wort zu reden, vor sich hinbrüten, als sinne er über die schwierigsten Probleme nach. Wenn man ihn dann ansprach, fuhr er schreckhaft zusammen und begann zu zittern, als wäre er über einer verbotenen Tat überrascht worden. Wurde er in solchen Momenten um irgend etwas befragt, so gab er die verwirrtesten Antworten.

Natürlich konnte dieses sonderbare Benehmen nicht lange unbemerkt bleiben. Bald hieß es in der Kompagnie, der Joseph Binder sei übergeschnappt oder wenigstens nahe daran; daß er schon spinne, sei ganz unzweifelhaft. Einige von seinen Kameraden meinten dagegen, Sepp wäre nur körperlich krank, wollte sich aber nicht als marodeEigentlich maraud, schlecht, verderbt; hier so viel wie krank. melden, weil er damals, als er fußleidend im Lazarett lag, ordentlich gezwiebelt worden sei. Und wieder andere sagten geradeheraus, wenn dem roten Sepp wirklich etwas fehle und wenn er nicht wieder simuliere, dann könnte es nur das Kanonenfieber sein; denn der Kerl sei furchtsamer als ein altes Weib und laufe dem Kampf 32 in einer Schlacht schneller aus dem Weg, als der Teufel dem Weihwasser.

Letztere trafen den Nagel auf den Kopf. Des roten Sepp hatte sich die Furcht bemächtigt, die blasse Furcht vor den tödlichen Kugeln, die er im Geiste schon um seine Ohren pfeifen hörte, und vor den blitzenden Klingen, die er auf seine Brust gezückt zu sehen vermeinte.

Und deshalb sann er stundenlang, halbe Tage lang nach. Worüber? Das wird der weitere Lauf dieser Geschichte lehren. – 33

 


 

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