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Unschuldig verurteilt

Josef Baierlein: Unschuldig verurteilt - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleUnschuldig verurteilt
authorJosef Baierlein
year1907
firstpubca. 1915
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleUnschuldig verurteilt
pages96
created20140611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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I.

Im Hause des Gütlers Valentin Schmiedkonz im oberpfälzischen Dorf Zirkenreuth waren Trauer und Bekümmernis eingekehrt. Denn gestern hatte sich der Gerichtsdiener von Waldsassen eingefunden und unter anderen Militärpflichtigen auch dem Gütlerssohn Wolfgang Schmiedkonz den Befehl zugestellt, sich am andern Tage nach dem Amtssitz zu begeben, um von dort aus mit den übrigen Rekruten zu seinem in Amberg garnisonierenden Regiment gebracht zu werden. Das war der Grund, weshalb im Schmiedkonzschen Hause Kummer und Bestürzung herrschten.

»Ach!« jammerte Wolfgangs alte Mutter, »ist es denn nicht genug, daß wir schon zwei Söhne verloren haben? Unser Franz und der Thomas sind in Rußland gefallen; wir können nicht einmal ihre Gräber besuchen, um an diesen für ihre Seelen zu beten. Und nun nimmt man uns den letzten Sohn auch noch! Hat denn der Kaiser Napoleon kein Gewissen? Fürchtet er sich nicht vor dem Gericht Gottes, wenn er einmal Rechenschaft geben muß 2 wegen des vielen Bluts, das seinetwegen geflossen ist? Denn sicher und gewiß muß unser König die jetzt neu ausgehobenen Soldaten auch wieder dem Franzosenkaiser zuschicken, damit der sie auf die Schlachtbank führen kann.«

»Laß es gut sein, Marianne,« suchte der Gütler seine Frau zu trösten, »das Klagen hilft ja doch nichts. Drum ist es besser, sich in den Willen Gottes ruhig zu ergeben. Freilich tut es weh, sein eigenes Fleisch und Blut für einen fremden Kaiser hinopfern zu müssen, der das deutsche Volk nicht liebt, sondern uns stets nur Böses zugefügt hat. Aber vielleicht ist die Zeit der Vergeltung schon näher, als man glaubt.«

»Wie soll ich deine Rede verstehen?« fragte die Frau.

»Als ich neulich die Steuern aufs Rentamt trug und dann beim Lammwirt einkehrte, wurde dort allerlei erzählt, wovon man in unserm kleinen Dörfchen nichts oder nur wenig erfährt. Und wenn nur die Hälfte von dem, was ich gehört habe, wahr ist, dann scheint das Glück Napoleons im schnellen Abnehmen zu sein.«

»Das würde ich dem Menschenschlächter gönnen! Was erzählen sich denn die Leute?«

»Daß der Kaiser in Rußland die schönste und bestausgerüstete Armee verlor, die Europa jemals gesehen hat, ist dir ohnehin bekannt, Marianne. Verloren ja im vorigjährigen strengen Winter auch 3 unsere zwei Söhne auf den russischen Schneefeldern das Leben. Von 600 000 Mann, die der Kaiser zum Kampf gegen Rußland zusammenbrachte, erreichten nur mehr 50 000 Flüchtlinge die deutsche Grenze; alle anderen waren tot oder gefangen. Deshalb braucht Napoleon neue Soldaten, und darum hat man jetzt auch noch unsern Wolfgang einberufen. Aber, wie gesagt, die Zeit der Vergeltung scheint nahe zu sein. Rußland führt nicht mehr allein den Krieg gegen den Franzosenkaiser, sondern auch Preußen kämpft jetzt gegen ihn, und wenn auch Österreich sich auf die Seite Preußens schlagen sollte, was man allgemein hofft, dann wäre Napoleons Glücksstern bald zum Verlöschen gebracht. Mit Schimpf und Schande würde dann der welsche Kaiser aus Deutschland hinausgejagt.«

»O, wenn dies doch geschähe, ehe unser Wolfgang mit seinem Regiment von Amberg abmarschieren muß!« seufzte Frau Schmiedkonz.

Der Gütler zuckte die Achseln.

»Ob Napoleon seinen verdienten Lohn schon so schnell erhält,« sagte er, »das weiß ich nicht. Wir wollen alles der Vorsehung und dem heiligen Willen Gottes überlassen.« – –

Dieses Gespräch wurde, wie schon aus seinem Inhalt hervorgeht, im Frühjahr 1813 geführt, also wenige Monate nach dem unglücklichen Feldzug, den Kaiser Napoleon I. gegen Rußland geführt hatte, und an welchem auch eine 30 000 Mann starke 4 bayerische, auf Seite der Franzosen kämpfende Armee beteiligt gewesen war. Denn als Mitglied des Rheinbundes hatte Bayern dem französischen Kaiser Heeresfolge leisten müssen.

Aber der Untergang der »großen Armee« Napoleons in Rußland, der von ganz Europa wie ein Gottesgericht betrachtet wurde, gab Anstoß zu einer allgemeinen politischen Umwälzung in Deutschland. Zuerst stellte Preußen sich an die Seite Rußlands und erließ am 27. März 1813 die förmliche Kriegserklärung an Frankreich; dann erfolgte am 12. August die österreichische Kriegserklärung und am 14. Oktober jene Bayerns, nachdem es sich von Frankreich losgesagt und im Vertrag von Ried am 8. Oktober 1813 mit Österreich verbündet hatte.

So kam es, daß Napoleon die dreitägige große Schlacht bei Leipzig vom 16. bis 18. Oktober 1813, die sogenannte Völkerschlacht, mit seinen Franzosen allein gegen die Heere der verbündeten Mächte Preußen, Rußland und Österreich schlagen mußte. Er erlitt dabei eine entscheidende Niederlage, indem er 30 000 Mann an Toten und Verwundeten, 15 000 Gefangene und 300 Geschütze verlor. Aber auch die Alliierten beklagten den Verlust von 51 000 Mann an Toten und Verwundeten.

Doch der Sieg der verbündeten Armeen war des Preises wert, mit dem er bezahlt werden mußte. Napoleons Weltmacht war vernichtet, und Deutschland mit einem Schlage frei bis an den Rhein! Rechts 5 des Rheins hatte der Franzosenkaiser nichts mehr zu befehlen! –

Um den Trümmern der nach der Leipziger Schlacht dem Rhein zufliehenden französischen Armee noch möglichst viel Schaden zuzufügen und sie, wenn es glückte, etwa ganz aufzureiben, machte sich eine aus Bayern und Österreichern zusammengesetzte Heeresabteilung in der Stärke von 40 000 Mann vom Innviertel aus eiligst auf den Marsch. Sie beabsichtigte, Napoleon, der noch über ungefähr 60 000 Mann Truppen verfügte, den Weg nach Frankreich abzuschneiden und ihn noch einmal zu einer Schlacht zu zwingen. Dieses österreichisch-bayerische Korps stand unter dem Befehl des bayerischen Generals von Wrede; es bewegte sich in Eilmärschen über Würzburg und den Spessart nach Westen, und seine Vorhut traf in der Nacht vom 27. auf den 28. Oktober 1813 bei der damals hessischen Stadt Hanau ein. –

In den kurzen Zeitraum nun vom Frühjahr bis Ende Oktober 1813 fällt die merkwürdige Geschichte, welche ich meinen jungen Lesern in den folgenden Blättern erzählen will. Innerhalb der welthistorischen Begebenheiten, die sich in jenen Monaten abspielten, bildet sie eine nicht weniger erschütternde Episode aus dem Lebensgang eines einzelnen Menschen. 6

 


 

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