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Unschuldig verurteilt

Josef Baierlein: Unschuldig verurteilt - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
booktitleUnschuldig verurteilt
authorJosef Baierlein
year1907
firstpubca. 1915
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleUnschuldig verurteilt
pages96
created20140611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XV.

(Schluß)

Wenn wir hier die kurze Bemerkung beifügen würden, daß Wolfgang Schmiedkonz nicht nur in der Schlacht bei Hanau, sondern noch in vielen anderen tapfer mitkämpfte, aus allen mit heiler Haut davonkam und nach Beendigung seiner Dienstzeit als sehr ehrenvoll verabschiedeter Korporal nach Zirkenreuth zurückkehrte, so hätte diese merkwürdige Geschichte eigentlich schon ihr Ende erreicht.

Denn daß Wolfgang die Entdeckung seiner Unschuld und die Einstellung der Hinrichtung dem würdigen Pfarrherrn von Großauheim verdankte, der am frühen Morgen des zur Exekution bestimmten Tages trotz aller Schwierigkeiten sich bei General Wrede Gehör verschaffte oder, besser gesagt, beinahe erzwang, – das haben die Leser schon selbst herausgefunden.

92 Es erübrigt uns aber, die weltgeschichtlichen Ereignisse jener Zeit wenigstens mit einem flüchtigen Blick zu streifen, um zu erfahren, welchen Erfolg die unter Wredes Oberbefehl operierende bayerisch-österreichische Armee erzielte, und welchen Einfluß dieser Erfolg auf das spätere Schicksal Napoleons ausübte.

Schon in der Nacht vom 29. auf den 30. Oktober 1813 hatte Napoleon die bayerische Vorhut aus Rückingen hinausgeworfen. Es war das die nämliche Nacht, in welcher die durch Flintenschüsse und Kanonendonner aus dem Schlaf geweckten Bewohner von Großauheim vor ihr Dorf hinaus eilten und dort die Leiche des roten Sepp entdeckten.

Hierauf zog Napoleon gegen Hanau selbst. Aber als seine Kolonnen aus dem sogenannten Lamboywald, der vor Wredes Front lag, hervormarschierten, wurden sie von einem mörderischen Artilleriefeuer empfangen und mit schweren Verlusten zurückgeschlagen. Erst dem französischen General Drouet gelang es, die Kanonen der verbündeten deutschen Armee mit mehr als 50 Geschützen zum Schweigen zu bringen. Ein Angriff der französischen Reiterei durchbrach sodann die bayerisch-österreichische Schlachtaufstellung, wodurch Wrede gezwungen wurde, sich über die Lamboybrücke auf das linke Ufer des Kinzigflüßchens zurückzuziehen.

Der Kampf hatte den ganzen Tag und die Nacht hindurch gedauert und war von beiden Seiten 93 mit großer Erbitterung geführt worden. Namentlich die bayerischen Regimenter fochten mit unvergleichlicher Tapferkeit. Dennoch glückte es Napoleon infolge seiner bedeutenden Übermacht, am Morgen des 31. Oktober Hanau zu erobern und Wrede nach dem freien Feld zwischen der Stadt und Großauheim hinauszuwerfen, wo vor kurzem das Biwack sich befunden hatte, das in dieser Geschichte schon mehrfach erwähnt worden ist.

Mit welchen Gefühlen Wolfgang den Boden wieder betrat, in welchem das für ihn geschaufelte Grab noch gähnte, läßt sich leichter mitempfinden als schildern. –

Durch die Einnahme Hanaus war es Napoleon möglich geworden, mit dem größten Teil seines Heeres auf der nunmehr frei gewordenen Straße nach Frankfurt abzumarschieren, und dadurch war der Hauptzweck von Wredes Operation vereitelt. Zwar nahm letzterer Hanau noch am gleichen Tag mit Sturm wieder ein, aber dabei wurde er selbst sehr schwer verwundet. Er gab deshalb das Oberkommando an die österreichischen Generale Platow und Hadik ab; doch konnten sich diese der von einer feindlichen Batterie verteidigten Kinzigbrücke nicht bemächtigen und deshalb auch den französischen Nachtrab nicht abschneiden. General Mortier brachte denselben, immerhin noch 14 000 Mann stark, in der Nacht nach Frankfurt, wo er sich mit dem Rest 94 von Napoleons Hauptmacht wieder vereinigte. Die Franzosen konnten von da an ihren Rückzug an den Rhein unbehelligt bewerkstelligen.

Diese Schlacht vom 30. und 31. Oktober 1813, in der Geschichte als Schlacht bei Hanau aufgezeichnet, war die letzte, welche Napoleon in Deutschland schlug. Ist sie schon aus diesem Grunde denkwürdig, so hat sie für uns Bayern noch eine besondere Bedeutung. Denn sie verbürgte in glänzendster Weise die Treue Bayerns gegen die alliierten Mächte Rußland, Preußen und Österreich, und sicherte ihm auf dem Wiener Kongreß seine Integrität und Selbständigkeit als souveränes Königreich.

Da Bayern 1906 das hundertjährige Jubiläum seiner Erhebung zum Königreich feierte, geziemt es sich wohl, dieses Resultat der Schlacht bei Hanau noch eigens hervorzuheben. –

Obgleich Wrede eine Niederlage erlitten hatte, wurde er von den alliierten Monarchen doch geehrt, als hätte er den glänzendsten Sieg erfochten. Orden und Auszeichnungen regneten gleichsam auf ihn herab. Er war aber auch unermüdlich im Dienst. Kaum von seiner Verwundung hergestellt, eilte er nach Frankreich, um als Kommandeur des 5. Armeekorps wieder gegen Napoleon zu fechten. Diesem zahlte er die bei Hanau davongetragene Schlappe reichlich 95 heim. Denn am 1. Februar 1814 eroberte Wrede in der Schlacht bei Rothière 23 französische Kanonen; er entschied am 27. Februar den Sieg bei Bar sur Aube und am 21. März 1814 jenen bei Arcis sur Aube.

Nachdem er inzwischen zum Feldmarschall ernannt worden war, erhob ihn der König von Bayern am 9. Juni 1814 in den Fürstenstand und verlieh ihm am 24. Mai 1815 das im damaligen Nordgau, dem heutigen Mittelfranken, gelegene Ellingen als ein nach der Erstgeburt erbliches Fürstentum und als Thron- und Mannlehen unter bayerischer Hoheit.

Als 1815 der Krieg gegen Frankreich von neuem begann, drang Fürst Wrede als Führer des bayerischen Heeres in Lothringen ein. Nach dem Friedensschluß wirkte er für die Verleihung einer Verfassung und nahm 1819 als Reichsrat teil an den Verhandlungen des ersten bayerischen Landtags.

Am 1. Oktober 1822 wurde der Fürst zum Rang eines Generalissimus des bayerischen Heeres erhoben und als solcher lebte er noch 16 Jahre geehrt und geachtet von seinem König und dem ganzen Volk, bis er am 12. Dezember 1838 in seiner Residenz zu Ellingen friedlich aus dem irdischen Dasein schied. Sein großer Gegner Napoleon war ihm schon am 5. Mai 1821 im Tode vorausgegangen, aber nicht mit Ehren bedeckt, sondern als 96 ein mit dem Fluch von Tausenden beladener Gefangener der Engländer auf der einsamen Insel St. Helena. – –

Das Standbild des Fürsten von Wrede steht in der vom König Ludwig I. erbauten Feldherrnhalle in München. –

 

Ende. –

 

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