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Unschuldig verurteilt

Josef Baierlein: Unschuldig verurteilt - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
booktitleUnschuldig verurteilt
authorJosef Baierlein
year1907
firstpubca. 1915
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleUnschuldig verurteilt
pages96
created20140611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XIV.

Von allem, was seit seiner Verurteilung vorgefallen war, hatte Wolfgang keine Kenntnis erhalten. Niedergeschlagen, betäubt, keines klaren Gedankens mächtig, war er in eine feste Zelle gebracht und darin eingeschlossen worden. Dann ließ man ihn allein. Der Widerhall von Schritten zweier Soldaten, die mit geladenen Gewehren Wachtdienst vor seinem Arrest verrichteten und im gewölbten Gang vor der Zellentür langsam auf und ab wandelten, war das einzige Geräusch, welches sein Ohr erreichte.

Das ihm angebotene Essen wies er zurück. Wie hätte er etwas genießen können in diesem Zustand äußerster seelischer Erschöpfung? Das Unglück war so unvorgesehen, schnell und in grauenhaftester Gestalt über ihn hereingebrochen, daß es ihn niedergeschmettert und völlig zermalmt hatte.

Nur die Tröstungen der heiligen Religion hatte er verlangt, und ein durchreisender Pater aus dem Mainzer Kapuzinerkloster erklärte sich freiwillig bereit, 82 sie dem Verurteilten zu gewähren. Der fromme Priester wurde zu dem Arrestanten eingelassen, und solange er seines heiligen Amtes waltete, mit ihm eingeschlossen. Dem Zuspruch dieses seeleneifrigen Mannes war es auch zuzuschreiben, daß der Delinquent nach und nach gefaßter wurde, sich unter den Willen und Ratschluß Gottes demütig beugte und entschlossen war, seinen unverschuldeten schimpflichen Tod dem Allerhöchsten als Sühne für andere, während seines kurzen Erdendaseins wirklich begangene Verfehlungen aufzuopfern.

Als der Pater den Verurteilten verließ, versprach er demselben noch, ihn bei Tagesanbruch auf seinem letzten Gang zu begleiten. Auch das diente zur Beruhigung von Wolfgangs Gemüt und goß Balsam in sein von schmerzlicher Bitterkeit erfülltes Herz. Wie er aber wieder allein war, und die traurigsten Gedanken auf ihn losstürmten, ohne vom sanften Wort eines teilnehmenden priesterlichen Freundes abgelenkt und auf das freudenreiche Jenseits hingeleitet zu werden, – ach! da wäre der Ärmste wohl bald aufs neue mutlos geworden. Die größte Pein verursachte ihm vornehmlich die Erinnerung an seine braven Eltern. Mußten die in Gottesfurcht und Ehrbarkeit grau gewordenen Leute nicht glauben, ihr Sohn wäre bei den Soldaten ein Ausbund von Schlechtigkeit geworden? Mußte die Kunde von seiner schmachvollen Hinrichtung nicht den Nagel abgeben zum Sarge der guten Alten? –

83 Wir wollen einen Schleier decken über die Seelenqualen, welche den Verurteilten in diesen letzten Stunden seines irdischen Daseins heimsuchten. Man kann sich leichter in dieselben hineindenken, als sie beschreiben, und wir beschränken uns daher auf die kurze Mitteilung, daß Minute um Minute pfeilschnell verrann. Der Morgen war schon nahe, ehe Wolfgang, in seinen Schmerz versunken, es ahnte.

Das Knirschen der Schlüssel und Riegel an der Tür seiner Zelle störte ihn auf. Der Profoß trat ein.

»Es ist Zeit,« sagte er.

Selbst dieser abgehärtete Mann, der schon viele Verbrecher unter den Händen gehabt und sie zum Antritt ihrer Strafe abgerufen hatte, konnte einer Regung des Mitleids dem dermaligen Delinquenten gegenüber nicht widerstehen. Wußte doch auch er, wie das ganze Regiment es schon wußte, daß die gestohlenen Münzen bei einem anderen Soldaten, der in der Nacht desertierte, entdeckt worden waren, und daß deshalb alle Kameraden Wolfgangs jetzt fest an seine Unschuld glaubten.

Aber was half das alles? Was konnte der Profoß und selbst das ganze Regiment in diesem Falle ausrichten? Befehl ist einmal Befehl, und beim Militär muß einem solchen gehorcht werden ohne Mucksen, ohne Widerrede! Aber Mitleid durfte der graubärtige Profoß immerhin haben mit seinem Gefangenen, und ein Zeichen dieses Gefühls war der ungewöhnlich sanfte Ton, in welchem er fortfuhr:

84 »Wenn du bereit bist, so komm!«

Ein tiefer Seufzer, der wie Stöhnen klang, hob Wolfgangs Brust.

»So weit ist es schon?« sagte er traurig. »Nun denn, in Gottes Namen! Führet mich zum Tode! Ich ergebe mich in Gottes Willen, wie mein Heiland sich ergab, als auch er zum Tode geführt wurde.«

Vor der Tür des Arrestes wartete schon der Kapuzinermönch auf ihn und reichte ihm ein mitgebrachtes kleines Kruzifix zum Kusse dar. Es war sehr notwendig, daß Wolfgang aus dem Anblick des Gekreuzigten neue Kraft schöpfte, denn der Gedanke, daß er jetzt seinen letzten Gang antrat, hatte ihm noch einmal den Mut zu rauben gedroht. –

Die Kompagnie, welcher der Verurteilte angehörte, war zum Vollzug der Hinrichtung befohlen worden. Unter gedämpftem Trommelschlag marschierte sie langsam dem Biwack zu, wo sich das in der Nacht ausgeschaufelte Grab befand. Wolfgang ging mit gefesselten Händen in der Mitte des Zuges, an seiner Seite, leise die Totengebete sprechend, der Priester.

Als die Abteilung beim Grabe angekommen war, wurde dem Verurteilten bedeutet, auf dem aufgeworfenen Erdhügel niederzuknien und sein letztes Vaterunser zu beten. Darnach erteilte ihm der Pater die Generalabsolution.

85 Jetzt waren alle Vorbereitungen des traurigen Aktes beendigt und sechs Soldaten, welche das tödliche Blei in die Brust ihres Kameraden senden sollten, traten aus der Reihe.

Der Delinquent erhob sich von den Knien.

»Wolfgang Schmiedkonz!« redete der die Exekutionsmannschaft befehligende Offizier ihn an, »hast du noch einen Wunsch, so sage ihn! Doch mach die Sache kurz!«

Da begann der Verurteilte mit lauter, der ganzen Kompagnie verständlicher Stimme:

»Nur ein paar Worte mögen mir gestattet sein! Herr Hauptmann, Herren Offiziere, und ihr, meine lieben Kameraden! Ich stehe hier im Angesicht des Todes, und ein Sterbender lügt nicht. Glaubet also auch mir; denn ich schwöre bei dem allwissenden Gott, vor dessen Richterstuhl ich in wenigen Augenblicken erscheinen werde, daß ich den mir zur Last gelegten Kirchenraub nicht begangen habe, und daß ich unschuldig sterbe. Aber ich verzeihe meinen Richtern. Ich sehe ein, daß sie irren konnten; denn der Beweis war gegen mich. Ich verzeihe jenem, durch dessen Hinterlist und Schuld ich in den unverdienten Tod gehen muß. Aber ich bitte auch euch um Verzeihung, liebe Kameraden, wenn ich einen von euch unbewußt und wider meinen Willen gekränkt haben sollte. – Dann bitte ich noch, meinen armen Eltern zu verschweigen, daß ich diesen schimpflichen Tod gestorben bin. Sie sollen, wenn es möglich ist, der 86 Meinung sein, ich hätte ihn ehrenvoll auf dem Schlachtfeld gefunden. – Jetzt zum letzten Mal: Es lebe unser König Max Joseph! Es lebe unser tapferes Regiment! Lebt wohl, meine lieben Kameraden! Ich bin zu Ende, – tut nun, was ihr tun müßt!«

Es war keine Schande, daß manchem rauhen Soldaten bei dieser ergreifenden Rede die hellen Tränen aus den Augen liefen; denn in aller Herzen lebte die Überzeugung von Wolfgangs Unschuld. So ging kein ehrloser, gottvergessener Lump in den Tod! Doch die Disziplin gebot und die Zeit verrann.

Der Hauptmann zog den Säbel.

»Fertig!«

Auf dies Kommando hielt der Pater dem Verurteilten das Kruzifix zum letzten Kusse an den Mund; dann trat er zurück vom offenen Grabe.

Plötzlich begann er heftig zu zittern. Er streckte den Arm aus und deutete mit dem Kruzifix in die Ferne.

»Haltet ein!« rief er. »Um Jesu willen, haltet ein!«

»Was soll das heißen? Was gibt's?« fragte barsch der Hauptmann, der sich das Benehmen des Mönchs nicht erklären konnte.

»Das soll heißen,« sagte dieser, »daß der allmächtige Gott einem Unschuldigen Rettung sendet. Dort kommt seine Begnadigung.«

87 Aller Augen wandten sich nach der Richtung, wohin das Kruzifix in des Paters Hand wies, und in aller Brust zog mit einem Schlag unermeßliche Freude ein. Trotz der strengen Mannszucht ging durch die Reihen ein Flüstern: »Der Schmiedkonz ist begnadigt! Der Herrgott hat ein Wunder an ihm gewirkt.« –

Von der Stadt her jagte im gestreckten Galopp ein Reiter, der schon von weitem in der Luft ein weißes Tuch schwenkte. Ein Offizier war es, den die schräg über die Brust geschlungene Feldbinde als einen Adjutanten des Generals Wrede kennbar machte. Er ritt querfeldein auf die Exekutionsmannschaft zu, und setzte, um schneller anzukommen, über Gräben und Hecken.

Im Biwack angelangt, sprang er von seinem, mit Schweiß und Schaum bedeckten, dampfenden Pferd.

»Gott sei Dank!« sagte er, »daß ich nicht zu spät kam.«

Dann trat er vor den Kommandanten der Kompagnie und meldete in dienstlicher Haltung:

»Herr Hauptmann, ich überbringe einen Befehl des Herrn Generals. Die Exekution findet nicht statt; denn die Unschuld des Soldaten Wolfgang Schmiedkonz ist glänzend erwiesen. Den Kirchenraub hat Joseph Binder begangen. Dieser hat sich zwar 88 durch Selbstmord dem irdischen Richter entzogen, aber bei seiner Leiche wurde nicht nur das Bekenntnis seiner Schuld, sondern auch das gestohlene Geld aufgefunden. Wolfgang Schmiedkonz ist daher augenblicklich in Freiheit zu setzen!«

»Hurra! Ein Hoch dem General Wrede!« schrie mit voller Lungenkraft der Feldwebel der Kompagnie, und der spontane Ruf wurde von den Soldaten begeistert wiederholt. Er zeigte deutlich, in welcher Stimmung die Leute sich befanden und wie froh sie waren, daß diese fatale Exekution nicht stattfinden mußte.

Doch der Adjutant hob die Hand auf zum Zeichen, daß er noch weiteres zu melden habe.

»Ferner«, fuhr er fort, »ist es Befehl des Herrn Generals, daß die Kompagnie sich von hier aus direkt zum Regiment begibt. Es steht jenseits der Stadt auf dem rechten Ufer der Kinzig, und zwar in Reservestellung, da es die Aufgabe hat, zur Unterstützung der dem Feinde in dieser Nacht entgegen marschierten Kolonnen zu dienen. Ich bin beauftragt, die Kompagnie dem Regiment auf dem kürzesten Wege zuzuführen, da sich in Bälde eine entscheidende Schlacht entwickeln kann.«

»Hoch lebe der König!« rief der Hauptmann, den Säbel schwingend.

»Hoch und Hoch!« stimmte die Kompagnie ein. Jetzt wurde es ernst; eine Schlacht stand bevor, 89 Mut und Kampfesfreude schwellte die Brust der Soldaten. –

Der plötzliche Übergang von den Todesschauern, die Wolfgang schon umweht hatten, zu der entzückenden Gewißheit des wiedergewonnenen Lebens hätten ihn beinahe überwältigt. Was die drohende Hinrichtung nicht zustande brachte, das gelang jetzt der unvermittelten Nachricht, daß seine Unschuld offenbar und er dem Leben wiedergegeben sei. Wolfgang fühlte eine Anwandlung von Ohnmacht. Vor seinen Augen breitete sich ein Nebel aus, der Herzschlag stockte, und er wäre, gerade als die Soldaten das Hoch auf den König ausbrachten, wohl zu Boden gesunken, hätte ihn der Pater, der ihn keinen Moment aus den Augen gelassen, nicht in seinen Armen aufgefangen.

»Die jähe Wendung seines Loses war zu viel für den hartgeprüften Mann,« sagte der Mönch; »er scheint bewußtlos zu sein.«

»Man wird ihn ins Lazarett bringen müssen,« meinte der Hauptmann.

Doch als hätte es nur dieses Worts bedurft, schlug Wolfgang sofort die Augen wieder auf und versuchte eine stramme Haltung anzunehmen.

»Verzeihen Sie, Herr Hauptmann, daß mir schwach geworden ist,« sagte er; »es ist schon vorbei. Aber ins Lazarett gehöre ich nicht. Ich gehöre zu meinen Kameraden und aufs Schlachtfeld. Dort will ich Ihnen und dem ganzen Regiment zeigen, 90 daß der Wolfgang Schmiedkonz in der Tat kein Lump ist.« –

Nicht mehr unter dem traurigen Schlurren gedämpfter Trommeln, sondern unter dem kräftigen Rhythmus eines herzerfrischenden Feldschritts marschierte die Kompagnie nach Hanau zurück, um sich dem auf dem Schlachtfeld stehenden Regiment anzuschließen. 91

 


 

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