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Unschuldig verurteilt

Josef Baierlein: Unschuldig verurteilt - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
booktitleUnschuldig verurteilt
authorJosef Baierlein
year1907
firstpubca. 1915
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleUnschuldig verurteilt
pages96
created20140611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XIII.

Der rote Sepp hatte mittlerweile seine Flucht in rasender Eile fortgesetzt. Wie von Furien gejagt, stürzte er blindlings bald in diese, bald in jene Straße hinein, kreuzte jetzt einen freien Platz, kam dann bei mehreren einzeln stehenden Häusern vorüber und befand sich plötzlich außerhalb der Stadt.

Da das Geräusch der ihn verfolgenden Schritte verstummt war, mäßigte er seinen schnellen Lauf ein wenig, gönnte sich aber keine eigentliche Rast, sondern ging immer aufs Geratewohl weiter, getrieben vom brennenden Verlangen, dem Arm der strafenden Gerechtigkeit zu entrinnen. Es kam ihm vor, als fühlte er denselben schon in seinem Nacken.

Obwohl er barhäuptig war, denn den Helm hatte er während seiner tollen Selbsthetze verloren, floß ihm dennoch der Schweiß in Strömen über das Gesicht. Sein Herz hämmerte, die Pulse flogen, mühsam entrang sich der Atem seiner keuchenden Brust; die trockene Zunge klebte ihm am Gaumen. Manchmal röchelte er.

75 Jetzt stieg der Mond empor hinter dem waldbewachsenen Höhenzug des Hahnenkamms und streute helles, magisches Licht aus über das Gefilde.

Der Fuß des Flüchtigen wanderte über raschelndes Stroh. Wo befand er sich denn? Wohin hatte ihn sein ins Ungewisse hinein unternommenes Fortstürmen geführt?

Nur einen Augenblick blieb er stehen und betrachtete die Umgebung. Sie kam ihm bekannt vor. Richtig, das war ja die Stelle, wo er in der vergangenen Nacht mit seiner Kompagnie im Biwack gewesen! Hinter ihm lag die Stadt mit ihrem Gewirr von Häusern und Türmen, und geradeaus, dem höher steigenden Mond entgegen, zog sich das Sträßchen nach dem Dorf, in dessen Kirche er – –

Mit einem Fluch schnitt er den Faden dieses fatalen Gedankengangs ab. Er starrte auf den Boden nieder und überlegte, was zu tun wäre. Wohin wollte er denn eigentlich? Darauf konnte er sich keine Antwort geben; er wußte überhaupt nicht, was er wollte, wußte nicht an noch aus. In seinem Gehirn kreisten die wunderlichsten Vorstellungen gleich Irrlichtern; denn erst jetzt erreichte der Rausch, angefeuert durch das erhitzte Blut, seine volle Höhe. –

Das lange Laufen hatte ihn doch stark ermüdet, und der Weindunst machte ihn schläfrig. Deshalb kam es ihm in den Sinn, ein wenig auszuruhen. Lagerstroh gab's im verlassenen Biwack mehr als 76 genug. Es bot ihm eine weiche Unterlage und vielleicht kam während des Rastens ein gescheiter Gedanke.

Gerade wollte er sich auf den Erdboden niederlassen, als er jäh wieder aufschreckte; denn er vernahm in der Stille der Nacht einen metallischen Klang, welcher sich anhörte wie das Aufstoßen von Eisen auf einen harten Gegenstand. Scheu hielt er Umschau, und als er die Ursache des Tons entdeckt hatte, lief ihm, obgleich in Schweiß gebadet, ein Frösteln über den Leib.

Im hellen Mondlicht erkannte er nämlich deutlich an den Farben der Uniform und ihren langen Bärten vier Sappeure seines Regiments, die mit ihren Spaten ein Grab ausschaufelten. Dabei hatte einer beim Schürfen einen in der Erde liegenden Stein berührt, und dies hatte das metallische Klingen hervorgebracht.

Hu! Wie ihn der Schauder schüttelte! War er doch keine Sekunde im Zweifel, wessen Grab dort gegraben wurde. Auf dem ausgeworfenen Erdhaufen kniete bald ein Kamerad, um sein letztes Gebet zu sprechen, der unschuldige Kamerad, der durch seinen blutigen Tod ein Verbrechen büßen mußte, das er nicht begangen hatte.

Dem roten Sepp klapperten die Zähne. Mußte Satan ihn denn gerade hierher führen, wo er einen so grauenvollen Anblick hatte? Und noch einmal fühlte er ein eisig kaltes Erbeben. Denn sobald man ihn erwischte, wurde auch für ihn eine solche Grube 77 ausgeschaufelt. Für den Kirchenräuber, der das gestohlene Geld in seinen Taschen herumtrug, gab es so wenig Pardon wie für den Deserteur, der vor dem Feinde ausgerissen war. Als Deserteur galt er aber schon jetzt, weil er beim Abendappell gefehlt hatte. –

Die Sappeure schienen ihn jedoch nicht bemerkt zu haben. Emsig gruben sie weiter; dann und wann trug der Nachtwind ein halb verwehtes Wort von ihnen her ans Ohr des mit gespannter Aufmerksamkeit lauschenden Sepp. Ohne sich klar seines Tuns bewußt zu werden, kroch dieser, hinter den unregelmäßig ausgebreiteten Strohschwaden und Haufen versteckt, vorsichtig auf der Erde fort, bis zwischen ihm und den Sappeuren eine beträchtliche Entfernung lag. Als er dann glaubte, ihnen aus dem Gesicht gekommen zu sein, richtete er sich in die Höhe und ging wieder weiter, immer dem Mond entgegen.

Nun war ihm zwar infolge der furchtbaren seelischen Erschütterung beim Erblicken des werdenden Grabes der Schlaf vergangen, dafür traten aber die Begleiterscheinungen des Rausches um so heftiger auf. Sepp konnte nicht mehr gerade stehen, geschweige gehen. Mit der schnellen Flucht war es vorbei; jeden Augenblick taumelte und stolperte er, manchmal fiel er so schwer zu Boden, daß er sich die Stirne blutig schlug und die Hände auf dem scharfen Kies der Straße wund scheuerte.

78 Verwünschungen vor sich hinmurmelnd, hob er sich zwar immer wieder in die Höhe, aber mit einem mal hatte er die Richtung ganz verloren und befand sich weit ab von der Landstraße auf freiem Feld unter einem Apfelbaum.

Das hätte ihm nun gleich sein können, denn ein bestimmtes Ziel hatte er ja nicht vor sich. Aber als er mit blutunterlaufenen, vom Dunst des Alkohols umflorten Augen den Baum näher betrachtete, fuhr neuer Schrecken in ihn: es war der Baum, an welchen er in der vorigen Nacht sein Gewehr gelehnt hatte, um sich zur Beraubung der Kirche auf den Weg zu machen; es war die Stelle, von der das Verbrechen seinen Ausgang genommen.

Diese fortgesetzten aufdringlichen Erinnerungen an seine Schandtat verwirrten schließlich seinen armseligen Geist dermaßen, daß ihn Verzweiflung erfaßte. Er wußte nicht mehr ein noch aus. Nur der einzige Wunsch dämmerte in ihm, ruhen zu dürfen, frei zu werden von aller Furcht und allem Schrecken. Und als er in die Äste und Zweige des Apfelbaums hinaufsah, fuhr plötzlich der Teufel in ihn und gab ihm einen Gedanken ein, welchen der rote Sepp, eine entsetzliche Gotteslästerung mit schäumenden Lippen laut hinausbrüllend, augenblicklich zur Ausführung brachte.

Er knöpfte seinen ledernen Hosenträger ab, formte daraus eine Schlinge und befestigte sie an einem starken Ast des Apfelbaumes.

79 Als er gerade im Begriff stand, die Schlinge um seinen Hals zu legen, packte ihn noch einmal eine furchtbare Angst, – nicht etwa vor der Strafe im Jenseits, vor der ewigen Verdammnis, sondern vor einem Schreckgespenst seiner aus allen Geleisen geratenen Einbildungskraft.

»Nein,« sagte er zu sich, »dem will ich drüben doch nicht begegnen. Es wäre zu grausig, wenn er auf mich zukäme mit einer blutigen, zerschossenen Brust.«

Einen Augenblick dachte er nach. Dann kramte er in seinen Hosentaschen herum und zog das aus der »Traube« mitgebrachte Papier und den Bleistift heraus. Indem er den Papierstreifen am Baumstamm ausbreitete und festhielt, kritzelte er darauf mit ungelenker Hand aber ziemlich leserlich ein paar Worte. Sie lauteten:

»Schießt den Wolfgang Schmiedkonz nicht tot, weil er unschuldig ist. Den Kelch habe ich gestohlen und in seinem Tornister versteckt.

Joseph Binder,
Soldat.      

Wenn ihr den Zettel findet, könnt ihr mir doch nichts mehr anhaben.«

Dieses Schriftstück steckte der rote Sepp derart in den Aufschlag seines Ärmels, daß es leicht sichtbar blieb.

Bald darauf beschien der Mond eine Männerleiche, die, vom stärker gewordenen Nachtwind 80 geschaukelt, an einem Ast des Apfelbaums hing. Der liebe Gott hatte seine Hand vom frechen Kirchenräuber ganz abgezogen. – –

Kurz nach Mitternacht hörte man von Hanau her, aus der Gegend von Rückingen, heftiges Gewehrfeuer. Das unausgesetzte Knattern der Flintenschüsse, untermischt mit dem starken Rollen von Kanonendonner, ließ darauf schließen, daß dort ein hitziges Gefecht im Gange war. Auch der Himmel war gerötet von einem großen Brande.

Als die Bewohner von Großauheim in Haufen herbeiströmten, um ihre Ansichten über das Kampfgetöse auszutauschen und den Widerschein des Brandes zu beobachten, entdeckten sie auch die Leiche des roten Sepp und den von ihm geschriebenen Zettel.

Sie händigten letzteren ihrem Pfarrer ein, der, ohne eine Minute Zeit zu versäumen, in seinem eigenen, von zwei flinken Pferden gezogenen Wagen nach dem nahen Hanau fuhr. Der geistliche Herr wußte nämlich aus der Verhandlung des Kriegsgerichts, daß die Exekution schon an diesem Morgen vollzogen werden sollte, und war fest entschlossen, sich zuvor unter allen Umständen noch eine Audienz beim General Wrede zu verschaffen. – 81

 


 

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