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Unschuldig verurteilt

Josef Baierlein: Unschuldig verurteilt - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
booktitleUnschuldig verurteilt
authorJosef Baierlein
year1907
firstpubca. 1915
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleUnschuldig verurteilt
pages96
created20140611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XII.

Durch Soldaten, welche als Augenzeugen dem Auftritt in der Weinstube beigewohnt hatten, war es auch im Amberger Regiment bald bekannt geworden, daß ein Angehöriger desselben im Besitz der Münzen sich befand, die aus der Großauheimer Kirche gestohlen worden waren. Diese überraschende Entdeckung gab mancherlei zu denken.

Entweder hatte Wolfgang Schmiedkonz nicht gelogen, als er beim Verhör fortgesetzt seine Unschuld beteuerte, und dann war an ihm ein unerhörtes Bubenstück begangen worden. Denn dann mußte der wirkliche Kirchenräuber den Kelch, um den Verdacht auf einen andern zu wälzen, hinterlistiger Weise in den Tornister des Schmiedkonz praktiziert und das Geld für sich behalten haben. Das war auch die Ansicht aller jener, die Wolfgang genauer kannten und ihn deshalb für unfähig hielten, ein so schweres Verbrechen zu begehen. Sie betrachteten ihn jetzt entschieden als das unschuldige Opfer feiger Hinterlist und eines beklagenswerten Justizirrtums.

70 Oder aber der Verurteilte hatte bei Ausführung des Kirchenraubs einen Genossen gehabt, und die Beute war zwischen ihnen geteilt worden. Dieser Annahme neigten diejenigen zu, welche sich von der vorgefaßten Meinung nicht freimachen konnten, daß der bei Wolfgang vorgefundene Altarkelch für sich allein schon einen vollständigen Schuldbeweis darstelle.

Wie nun auch die Sache gelagert sein mochte, waren doch beide Parteien darin einig, daß die Eile, mit welcher die Exekution vollzogen werden mußte, unter den nunmehrigen Umständen eine überaus bedauerliche Notwendigkeit war. Es konnten nämlich auch hier wieder nur zwei Fälle in Betracht kommen. Entweder wurde ein Unschuldiger erschossen, oder es entging ein Mitschuldiger der verdienten Strafe. Die erstere Möglichkeit war doppelt grauenvoll; denn dem unschuldig Hingerichteten konnte niemand das Leben wiedergeben, während immerhin Aussicht bestand, einen jetzt noch unbekannten Komplizen später zu entdecken und zur Verantwortung zu ziehen.

Allgemein war daher die tiefe Betrübnis, daß die Exekution schon in wenigen Stunden, beim Anbruch des neuen Tages, stattzufinden hatte. Denn es gab keine Möglichkeit, sie zu verzögern. Das Urteil des Kriegsgerichts war gesprochen, sein Vollzug dienstlich befohlen, und die militärische Disziplin erlaubte keinen Widerspruch. Deshalb hatte der Oberst angeordnet, daß im Biwack vor der Stadt, wo der traurige Akt vor sich gehen sollte, von den 71 Sappeuren des Regiments noch in der Nacht ein Grab ausgeschaufelt würde.

Es war eine verzweifelte Situation! –

Einzig und allein der General Wrede hätte helfend eingreifen können; denn in seinen Händen lag unbeschränkte Machtvollkommenheit in allen Angelegenheiten, welche das verbündete bayerisch-österreichische Heer betrafen. Aber wer sollte dem Feldherrn Meldung machen, daß in der bereits abgeurteilten Sache ein neues wichtiges Moment aufgefunden worden war, das den Aufschub der Hinrichtung dringend wünschenswert erscheinen lasse?

Der General hatte jetzt wichtigere Dinge zu tun, als sich mit der Frage zu beschäftigen, ob das Urteil des Kriegsgerichts etwa doch einen Rechtsirrtum enthalte. Wo die Wohlfahrt und Existenz einer ganzen Armee, wo das Wohl und Wehe von Tausenden und die Ehre Deutschlands auf dem Spiel standen, da fiel das Leben eines einzelnen nicht schwer ins Gewicht.

Es waren nämlich schon den ganzen Tag über kleinere bayerische und österreichische Truppenabteilungen in der Stadt eingetroffen, die sich auf dem Rückzug vor dem Feind befanden. Sie hatten der bedeutend überlegenen französischen Streitmacht keinen ernsthaften Widerstand leisten können, und wo sie einen solchen dennoch versuchten, waren sie geschlagen worden.

Nun erwartete von Wrede einen feindlichen Angriff auf die Stadt, um so mehr, als er erfahren hatte, 72 daß der französische General Drouet mit der durch 50 Geschütze verstärkten Avantgarde gegen Hanau heran marschiere, während Napoleon mit der Hauptmacht seiner Armee ihm auf dem Fuße folgte. Da galt es die Stadt so schnell wie möglich in Verteidigung zu setzen, um den Angriff mit Erfolg abzuwehren. Deshalb ritten die Adjutanten des Generals Wrede die ganze Nacht hindurch in halsbrecherischer Hast durch Hanaus Straßen und Gassen. Sie brachten den einzelnen Regimentern die Befehle des Oberfeldherrn und wachten über ihre Ausführung. Deshalb marschierten unausgesetzt starke Streitkräfte dahin und dorthin durch die Stadt. Sie besetzten die am meisten bedrohten Punkte. Und deshalb rasselten die Kanonen und Pulverwagen dröhnend, ratternd und schütternd über das Pflaster, daß die Bürger erschreckt aus dem Schlafe auffuhren. Sie nahmen noch in der Nacht Stellungen ein, von welchen aus sie die Brücken über die Kinzig sowie jenes Gelände bestreichen konnten, auf welchem der Feind heranzog.

Unermüdlich war namentlich der General Wrede. Auf seinen Schultern lastete die Verantwortlichkeit für die Sicherheit und den Waffenruhm der ihm unterstellten Armee, und er verhehlte sich durchaus nicht, daß seine Lage schwierig war. Er hatte es mit einem ihm an Zahl bedeutend überlegenen Feind zu tun. Dazu kam, daß sich in seinem Heer viele Rekruten befanden, die noch keine Schlacht mitgemacht 73 hatten, während Napoleon über lauter erprobte Soldaten gebot. Schließlich war auch der einzige Napoleon, der geniale Feldherr und Sieger in hundert Schlachten, mehr zu fürchten als eine ganze, große Armee.

Kein Wunder, daß Wrede wünschte, in dieser Nacht sich vervielfältigen zu können, um überall nach dem Rechten zu schauen und an jedem Punkt gleichzeitig zu sein. Wer hätte es wagen dürfen, den Oberkommandierenden in seinen tiefsinnigen Plänen und wichtigen Berechnungen zu stören, ihn zu behelligen mit der Angelegenheit des armen Schmiedkonz? Wer wußte auch nur, wo der General sich zu irgendeiner Zeit befand? Einmal war er in seinem Hauptquartier, das andere Mal auf dem Rathaus, dann wieder in einer Kaserne, oder er inspizierte zu Pferde einen vorgeschobenen Posten.

Bei solcher Sachlage schien es unmöglich, zum General vorzudringen, wenn die Kameraden des Verurteilten auch zu einem derartigen Wagnis entschlossen gewesen wären, und Wolfgangs Schicksal unwiderruflich besiegelt.

Doch die Wege der göttlichen Vorsehung sind wunderbar. – 74

 


 

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