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Unschuldig verurteilt

Josef Baierlein: Unschuldig verurteilt - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
booktitleUnschuldig verurteilt
authorJosef Baierlein
year1907
firstpubca. 1915
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleUnschuldig verurteilt
pages96
created20140611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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X.

Die Kunde, daß Wolfgang Schmiedkonz zum Tode verurteilt worden war und schon am nächsten Morgen erschossen werden sollte, machte im Regiment die Runde wie ein Lauffeuer und erregte die Gemüter der Soldaten mächtig. Jeder hatte ein Todesurteil vorausgesehen, und doch war man jetzt überrascht. Nicht über das Urteil, sondern weil es in so ungewöhnlicher Eile vollzogen werden sollte. Es war sonst üblich, dem Delinquenten eine letzte Frist von drei Tagen zu bewilligen, damit er, wenn seine Angehörigen in der Nähe wohnten, von ihnen Abschied nehmen, andernfalls wenigstens an sie schreiben konnte.

Diesmal aber fiel schwer ins Gewicht, daß man am Vorabend wichtiger Ereignisse stand, die keinen Aufschub der Vollstreckung zuließen. Die bayerisch-österreichische Armee hatte nämlich schon Fühlung mit dem Feind bekommen. Wenige Stunden nach Beendigung des Kriegsgerichts brachten Kundschafter dem General Wrede die Meldung, daß man mit der Vorhut des von Leipzig nach dem Rhein flüchtenden 58 französischen Heeres zusammengestoßen sei, und daß die Hauptmacht desselben von Napoleon persönlich kommandiert werde.

In der Tat hatten am 29. Oktober 1813, dem Tage des Urteilsspruchs, schon mehrere Vorgefechte stattgefunden, und zwischen Schlüchtern und Gelnhausen war es sogar zu einem blutigen Treffen gekommen, in dem die Franzosen den Durchmarsch durch die dortigen Engpässe erzwangen, die vereinzelten Abteilungen Wredes zurückwarfen und Langenselbold mit Sturm nahmen.

Jetzt näherte die gesamte französische Armee, die immerhin noch 60 000 Mann zählte, also um ein volles Drittel stärker war wie die bayerisch-österreichische Kriegsmacht, sich rechts vom Ufer der Kinzig der Stadt Hanau, und Wrede erwartete in aller Bälde den feindlichen Angriff auf sie, da Napoleon sich ihrer unbedingt bemächtigen mußte, wenn er seine Flucht fortsetzen wollte.

Unter solchen Umständen rechtfertigte sich allerdings die eilige Vollstreckung des Todesurteils; denn es wäre unmöglich oder doch sehr schwierig gewesen, einen Delinquenten durch alle Wechselfälle des Kriegs mitzuschleppen. –

Während nun Wrede umsichtige Anordnungen traf, um dem bevorstehenden Angriff auf die Stadt in energischer Art entgegenzutreten, glühten seine Soldaten, mit wenigen Ausnahmen, vor Kampfbegierde. 59 Sie sehnten sich darnach, mit den französischen Truppen zu fechten, um dem verhaßten Napoleon den Druck heimzuzahlen, unter welchem er Deutschland so lange mit eiserner Faust gehalten. Freilich waren viele unter ihnen, die, weil erst kürzlich als Rekruten eingestellt, die Feuertaufe noch nicht empfangen hatten. Doch gerade diese waren entschlossen, es den alten Soldaten an Mut und Tapferkeit gleichzutun. Hatten ja manche einen Bruder oder anderen Verwandten zu rächen, der vom korsischen Menschenschlächter hingeopfert worden war. –

Zu den wenigen Mutlosen, die dem kommenden Kampfe nur mit Zittern und Zagen entgegensahen, gehörte auch Joseph Binder. Vom Augenblick an, wo er das über Wolfgang Schmiedkonz gefällte Todesurteil erfahren und gehört hatte, daß der gestohlene Altarkelch dem Pfarrer zurückgegeben worden war, erfaßte ihn Verzweiflung. Schlug ihm also doch das Gewissen, weil er einen Kirchenraub begangen und einem unschuldigen Kameraden den schimpflichen Tod auf der Richtstätte aufgehalst hatte? Bewahre! Der rote Sepp hatte sich aus dem Einbruch überhaupt noch kein Gewissen gemacht, und verderbt, wie er im Grund des Herzens war, betrachtete er Wolfgangs entsetzliches Schicksal nur als die gebührende Vergeltung für die damals verweigerten drei Gulden. Er fühlte nicht das geringste Mitleid für den unschuldig verurteilten Landsmann und Kameraden.

60 Sepps Verzweiflung hatte eine ganz andere Ursache. Sie war hervorgegangen aus der Gewißheit, daß der Altarkelch nach seiner Zurückgabe an den Pfarrer unwiederbringlich für ihn verloren war. Denn ein zweites Mal konnte er ihn nicht mehr stehlen! Was half ihm aber seine geheime Kunst, wenn er keinen Kelch hatte, der doch zu ihrer Ausführung unumgänglich war? Und morgen, vielleicht noch heute, sollte es losgehen, – da sollten schon die Kugeln um ihn fliegen! Und er war nicht »festgemacht«! Der Gedanke daran erweckte ihm Schauder. Er konnte die anderen nicht begreifen, die sich auf den Kampf freuten, während ihm vor Furcht eine Gänsehaut aufstand.

Einmal blitzte die Idee in ihm auf, zu guter Letzt doch noch zu desertieren. Denn jetzt hatte er ja Geld, – seiner Meinung nach sogar eine große Summe. Aber er verwarf die Eingebung sofort wieder, weil er die Gegend nicht kannte und deshalb ins Ungewisse hinein hätte durchbrennen müssen. Da aber rings um Hanau herum Vorposten standen, wäre er dem Verhängnis, welchem er entfliehen wollte, möglicherweise direkt in die Hände gelaufen. Denn mit einem Feigling, der vor dem Feind desertierte, machte man wenig Federlesens; der wurde erschossen!

So quälte Sepp sich den ganzen Tag mit den traurigsten Vorstellungen ab. Selbstsüchtig bis zur 61 äußersten Grenze, hatte er auf die furchtbare Lage des von ihm ins Unglück gestürzten Wolfgang Schmiedkonz beinahe vergessen. Wenigstens schlug sein Herz bei der Erinnerung daran um keine Sekunde schneller, als es schon aus Furcht schlug.

Gegen Abend endlich kam der rote Sepp in seiner verzweifelten Stimmung auf den Einfall, sich Mut anzutrinken, und suchte zu diesem Zweck ein Weinhaus auf. – 62

 


 

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