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Unnützer Reichtum

Georges Ohnet: Unnützer Reichtum - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Ohnet
titleUnnützer Reichtum
publisherNeuer Allgemeiner Verlag G. m. b. H.
year
firstpub
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080406
projectidd3d3e92d
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Frau Mößler saß auf einem niedrigen Stuhl in ihrem Boudoir, dessen Wände mit chinesischem Seidenstoff bespannt waren. Der Raum befand sich dicht neben ihrem Schlafgemache; aufmerksam lauschte sie dem Berichte, welchen Herr Eliphas Clément ihr über die Wohltätigkeitsspenden erstattete, die er im Laufe der verflossenen Woche in ihrem Namen verausgabt hatte. Die »Goldkönigin«, wie man Frau Mößler in der Pariser Welt nannte, trug ein dunkles Seidenkleid; sie mochte etwa sechzig Jahre zählen, hatte eine auffallend bleiche Gesichtsfarbe und scharf blickende braune Augen; das weiße Haar puderte sie sogar ein klein wenig, um da und dort eine noch dunkle Locke zu verbergen. In den kleinen wohlgeformten Händen hielt sie ein Papiermesser, mit welchem sie spielte, während sie der Aufzählung jener namhaften Beträge lauschte, die ihr »Wohltätigkeits-Minister«, wie sie Herrn Eliphas Clément zu nennen pflegte, in ihrem Namen verausgaben wollte; zuweilen neigte sie zustimmend das Haupt. Ihr Bevollmächtigter, eine hagere, etwas vornübergebeugte Gestalt, mit einem sanften, ein klein wenig leidenden Gesichtsausdruck, erstattete mit dumpfer, etwas verschleierter Stimme genauen Bericht von den zahlreichen Wohltätigkeitsanstalten und Gesuchen, welche, nachdem er eingehende Erkundigungen eingezogen, berücksichtigt werden sollten, oder zum Teile auch schon berücksichtigt worden waren. Zuweilen wies irgendeine in seinem Notizbuche verzeichnete Bemerkung auf die Vergeblichkeit der getanen Schritte, auf die Unrichtigkeit der erhaltenen Auskünfte hin.

»Ich habe in Mont-Rouge die erforderlichen Erkundigungen bezüglich des Heims für moralisch verwahrloste Kinder eingezogen; das Unternehmen ist des Interesses wert, seine Stellung bis jetzt aber noch eine sehr ungesicherte; ich ließ dem Institut folglich fünftausend Francs anweisen.«

»Für ein Semester!« warf Frau Mößler ein. »In sechs Monaten werden Sie diese Spende wiederholen!«

Eliphas griff nach seinen Notizen und fuhr fort:

»Die Frau aus der Rue d'Antin, welche um fünfzehnhundert Francs gebeten hat, wohnt nicht mehr in dem bezeichneten Hause; die Portierin erhielt den Auftrag, ihr die an sie einlaufenden Briefe nachzusenden; sie selbst lebt in Batignolles bei einem Haarkünstler, welcher vermutlich das Gesuch für sie verfaßt und vielleicht auch überreicht hat. Den Leuten ist nicht zu helfen. Die Genossenschaft der Weißen Brüder erhielt ihre monatliche Unterstützung von tausend Francs.«

»Ist das auch genug? Sie wissen, Eliphas, daß alles, was mit Afrika in Zusammenhang steht, mich ganz besonders interessiert! Ich gebe jenem Lande gerne einen Teil von dem, was ich selbst dort gewonnen!«

»Es genügt, gnädigste Frau! Wenn wir eine Veranlassung haben sollten, die Spende zu erhöhen, so werde ich Sie rechtzeitig davon in Kenntnis setzen.«

»Gut, fahren Sie fort!«

»Marius Bouscares, welcher um ein Darlehen von hunderttausend Francs gebeten hat, um eine Gesellschaft für elektrische Beleuchtung zu gründen, hat bereits in Nimes falliert und steckt hier in Paris tief in Schulden! Er ist ein Industrieritter; als Entschuldigung für ihn läßt sich vielleicht nur anführen, daß er eine große Familie besitzt.«

»Auch kleine Kinder?«

»Ja, fünf! Seine Frau ist eine brave Person.«

»Werfen Sie ihr zweihundert Francs monatlich aus, mit dem Manne hingegen muß man versuchen, vernünftig zu reden; lassen Sie ihn kommen.«

»Er ist täglich um 10 Uhr morgens hier und bittet, daß man ihn zu Ihnen gelangen lasse.«

»Wenn Sie heute mit Ihrem Berichte fertig sind, will ich mit ihm reden.«

Eliphas wagte keine Einwendung, er kannte die ruhige, aber entschlossene Art Frau Mößlers und fuhr fort:

»Das Blatt »Die Stimme der Wahrheit«, welches eine Subvention erbat, um für die Angelegenheiten in Transvaal hinreichend Propaganda machen zu können, ist ein vollständig untergeordnetes Organ, welches eigentlich nur literarische Gaunerei betreibt; es läßt sich nichts tun, als höchstens dessen Erpressungsversuche der Behörde zur Anzeige zu bringen.«

»Nein, man muß derlei Unglückliche vergessen; es lohnt sich kaum der Mühe, Vorsichtsmaßregeln gegen ihre Unkorrektheiten in Anwendung zu bringen.«

»Vielleicht wäre es aber angebracht, ein Exempel zu statuieren; es gibt ganze Legionen derartiger Unternehmungen.«

»Mein Gott, die Menschen müssen leben, und der Kampf mit dem Dasein ist zuweilen recht hart.«

»Sie sind zu nachsichtig gegen die Gauner!« brummte Eliphas.

Frau Mößler lächelte, und ihre Stimme klang ruhig, als sie erwiderte:

»Ich kenne eben gar viele ehrliche Leute, welche nichts weiter sind als Gauner, deren Streben von Erfolg gekrönt war.«

Eliphas errötete vor Entrüstung.

»Fürwahr, wenn man Sie reden hört, könnte man sich versucht fühlen, Sie nicht für die edle Frau zu halten, welche Sie tatsächlich sind.«

»Wer weiß, ob ich es in allen Lagen geblieben wäre!«

»Sie verleumden sich selbst aus Wohltätigkeitssinn, und das nenne ich denn doch zu weit gehen.«

»Lieber Freund,« entgegnete Frau Mößler, ohne ihre Stimme auch nur im geringsten zu erheben, »wer weiß, was aus meinem Gatten geworden wäre, wäre er nicht vor vierzig Jahren, als wir uns in drückender Notlage befanden, auf den glücklichen Einfall geraten, nach dem Kap auszuwandern, um sich dort in heißem Kampfe ein Vermögen zu erwerben. Man darf sich selbst nicht zu hoch schätzen und nie davon durchdrungen sein, daß man ganz besondere Tugenden besitzt. Mößler war ein ehrlicher Charakter, von seltener Güte, aber glauben Sie, daß er in Afrika auch nur ein einziges Mal gezögert hat, wenn es galt, einen Schuß abzufeuern, um sein Leben zu retten? Man mußte kämpfen, um sein Gold und seine Juwelen vor den Piraten der Wüste zu schützen. Wer sagt Ihnen, daß er in Europa im Kampfe mit der Not, nicht die gleiche Gewalttat an den Tag gelegt hätte? Wenn man das Abenteurerleben durchgemacht hat, welches ich kennen lernte, wird man unendlich nachsichtig.«

Eliphas neigte das Haupt, rundete den Rücken, als drücke denselben eine schwere Last, und entgegnete eigensinnig:

»Die Nachsicht darf aber nicht zur Blindheit ausarten!«

Tiefe Bewegung verriet sich plötzlich in den seinen, ruhigen Zügen Frau Mößlers; sie errötete bis in die Stirne und wendete den Blick von ihrem Vertrauten ab, als danke sie ihm die letzte Bemerkung nicht sonderlich, welcher man eine geheimnisvolle Deutung nicht absprechen konnte. Träumerisch schlug sie sich mit dem Falzbein auf die Hand, dann plötzlich fragte sie, von innerer Unruhe, die sie nicht länger zu beherrschen vermochte, gedrängt:

»Haben Sie irgendeinen neuen tollen Streich von Valentin gehört?«

Der Wohltätigkeits-Minister blickte trotzig empor und fragte in gereiztem Tone:

»Genügt der letzte Streich nicht? Viermalhunderttausend Francs im Laufe von vierundzwanzig Stunden im Bakkaratspiel zu verlieren, ich sollte meinen, daß das auf die Dauer einiger Zeit hinreiche; überdies wurde das Geld mit notorischen Betrügern in einer Spelunke dritten Ranges verspielt!«

Frau Mößlers Stirne klärte sich, und mit wiedergewonnener Ruhe entgegnete sie:

»Man würde ihn in einem eleganten Klub auf die gleiche Weise seines Geldes beraubt haben. Sprechen wir nicht mehr von dieser abgetanen Geschichte, Eliphas, das Geld ist bezahlt und vergessen! Sie wissen, daß pekuniäre Angelegenheiten gottlob für mich nicht von Belang sind. Sagen Sie mir nichts Schlechtes von meinem Adoptivsohn, selbst wenn er es verdienen sollte. Sie tun mir weh, denn von einem alten Freunde, gleich Ihnen, kann ich nichts mit Gleichgültigkeit hinnehmen.«

»Sie sollen den Mut haben, die Wahrheit einzusehen. Dem Grafen gegenüber legen Sie eine Schwäche an den Tag, welche Ihnen schon manche traurige Stunde bereitet hat und anderen nicht wenig Kummer verursachen wird. Sie würden das ganze Universum dem blonden Schnurrbart, den einschmeichelnden schwarzen Augen des jungen Mannes zum Opfer bringen. Die Gräfin ihrerseits ist viel interessanter, viel besser und –«

»Sie werden doch nicht behaupten wollen, daß ich die Gräfin ihm opfere?« fragte Frau Mößler mit plötzlich hervorbrechender Lebhaftigkeit.

»Nein, gewiß nicht; aber Sie lieben dieselbe nicht hinreichend, um dadurch das Anrecht zu sühnen, welches Sie ihr angetan haben, indem Sie ihr einen solchen Gatten gegeben!«

Es war, als ob die Beharrlichkeit, mit welcher Eliphas den Grafen angegriffen, sein plötzliches Erscheinen heraufbeschworen habe, denn man vernahm das Herannahen von Schritten, und unmittelbar darauf trat Graf Valentin, Chef de Coutras, unangemeldet in Frau Mößlers Zimmer. Er war ein hübscher Bursche von achtundzwanzig Jahren, blond, rosig gefärbt, mit sanften schwarzen Augen: seine Haare trug er an der linken Seite gescheitelt; er war mittelgroß, aber tadellos gewachsen und von einem Ebenmaß der Bewegung, welches den vornehmen Eindruck, welchen seine Erscheinung hervorrief, nur noch erhöhte. Er trug einen weißen Wollanzug, wie ihn die Bizyklisten tragen, über demselben einen breiten, blauseidenen Brustgürtel; am Halse war oberhalb der Brust in Farben sein Wappen gestickt; es stellte einen gehelmten Ritter dar, welcher den Arm emporhob und die Devise führte: »Immer voran!« Lebhaft trat er auf Frau Mößler zu und rief:

»Verzeih', liebe Mutter, wenn ich dich störe, aber ich wollte die Champs Elysées nicht verlassen, ohne dir guten Morgen gewünscht zu haben!«

Er küßte, während er diese Worte sprach, mit einer anmutigen Zärtlichkeit, welche sie sichtlich rührte, Frau Mößlers Hand und wendete sich dann an Herrn Eliphas, den er ehrerbietig begrüßte. »Ich hoffe, dein Ratgeber entschuldigt, daß ich deine Konferenz mit ihm unterbrochen habe; ich kenne seinen Eifer zu gut, um glauben zu können, daß die Unglücklichen darunter leiden werden, wenn ich ihn auch Zeit verlieren ließ.«

Der Ton, in welchem der junge Mann diese Worte sprach, war so liebkosend und so spöttisch zugleich, daß es sich schwer erraten ließ, ob er den Zweck verfolgen wolle, zu gefallen oder eine Unart zu sagen. Herr Eliphas aber hatte eine vorgefaßte Meinung, er war auch ganz und gar nicht der Mann, welcher sich in seinem Urteile beeinflussen ließ oder einer Milderung seiner Empfindungen zugänglich gewesen wäre; er begnügte sich folglich, sich zu verneigen und einige Schritte zurückzutreten, um dem Adoptivsohn Frau Mößlers freies Feld zu lassen.

»Wo gehst du denn hin?« fragte sie, indem sie Valentin neben sich auf ein Taburett zog.

»Fürs erste nach der Porte Maliot, von wo aus beiläufig zwölf Mitglieder des Onmium-Klubs nach dem Meudoner Wäldchen fahren, um dort zu frühstücken.«

»Natürlich auf euren Zweirädern?«

»Ja, liebe Mutter!«

»Du magst deine Pferde also nicht mehr?«

»Wie kommst du auf diesen Einfall?«

»Du hast das Reiten aufgegeben, ich höre dich nur mehr von Bizyklefahrten sprechen.«

»Das ist jetzt Modesache. Es wird vorübergehen wie alles, momentan aber ist es der Lieblingssport, den ich mitmache gleich den übrigen; es ist eine gute Uebung.«

»Wie jede Bewegung in der Luft! Doch du spricht mir nicht von Henriette.«

»Meiner Frau geht es gut, oder es ging ihr wenigstens gut, als wir gestern abend von der Oper zurückkehrten; heute morgen habe ich sie nicht gesehen.«

»Wie, du bist ausgegangen, ohne sie zu umarmen?«

»Ich wollte ihren Schlummer nicht stören; es war neun Uhr, und so zeitig behellige ich sie nie.«

Frau Mößler schüttelte tadelnd den Kopf.

»Ich glaube, du kommst weder früh noch spät zu ihr, und ich bedauere das unendlich, denn du weißt, daß ich ihr ebenso innig zugetan bin wie dir!«

»Und sie verdient es in weit höherem Maße!« entgegnete der Graf lachend.

Träumerisch blickte die alte Frau dem jungen Manne in die Augen, dann sagte sie, offenbar einen tiefinnersten Gedanken verfolgend: »Ich möchte Henriette so gerne glücklich sehen! Ich habe ihr gegenüber eine ernste Verantwortung übernommen, ich habe sie auserwählt, um sie dir zuzuführen; sie kannte dich nicht und wäre dir jedenfalls ohne meine Dazwischenkunft fremd geblieben. Wenn du den Wunsch hegst, mich zufriedenzustellen –«

»Kannst du daran zweifeln?« fragte er mit Wärme.

»Es gibt Stunden, in denen ich sehr ernstlich daran zweifle,« erwiderte Frau Mößler melancholisch; »doch es hängt von dir ab, diese häßlichen Eindrücke zu verscheuchen, so daß sie nie wiederkehren. Sei gut mit Henriette, sei zärtlich; liebe sie so, wie sie geliebt zu werden verdient.«

»Ich bin ihr ja von Herzen zugetan, liebe Mutter!« warf der junge Graf lebhaft ein; »hat sie sich etwa über mich beschwert?«

»Nein, sie ist zu stolz und zu mutig, um sich zu beschweren, selbst wenn sie das Recht dazu hätte! Ich allein rege mich auf, ich will hoffen und wünschen, daß es unnötigerweise geschehe; aber ich verstehe weder das Leben, welches du führst, noch die Art, wie du deine Ehe eingeteilt zu haben scheinst! Man sieht euch fast niemals zusammen, deine Frau und dich.«

»Oh, wir waren erst gestern gemeinsam in der Oper!«

»Ja, in der Oper, bei den Rennen, in der großen Welt, dort, wo man sich vergnügt, hat man Gelegenheit, euch zusammen zu sehen, aber in der stillen Häuslichkeit, im engsten Kreise, wo ihr zusammen sein solltet –«

Der Graf machte ein gelangweiltes Gesicht.

»Du legst großen Wert darauf, Mama, daß man das Leben ernsthaft nehme.«

»Zuweilen finde ich, daß es nützlich sei.«

»Wenn man alt ist, mag sein, aber nicht, solange man noch der Jugendfreude teilhaftig werden kann.«

»Mein Kind, eine ausschweifende Jugend ist die sicherste Vorbereitung auf ein trauriges Alter.«

Valentin erhob sich mit umdüsterter Miene und sprach in einem Tone, welcher den seltsamsten Kontrast bildete zu der einschmeichelnden Sanftmut seiner ersten Worte:

»Ach, Mama, wozu predigst du mir, wenn ich in glücklicher Stimmung zu dir komme? Willst du denn, daß ich unzufrieden und mürrisch von dir gehe? Ich bin wahrlich vom Mißgeschick verfolgt, denn ich sehe, daß man alles tut, um dich gegen mich einzunehmen.«

Während er diese Worte sprach, warf er einen zornigen Blick nach Herrn Eliphas hinüber. Dieser schien den Vorwurf ruhig hinzunehmen, welchen man ihm in verblümter Art machen wollte. Frau Mößler aber war nicht der Charakter, welcher es geschehen ließ, daß man ihren Freund angriff, ohne daß sie versucht hätte, ihn zu verteidigen; mit ernster Stimme sprach sie:

»Nein, mein Junge, die Neigung, welche ich für dich im Herzen trage, ist so groß, daß kein anderer dich bei mir anzuschwärzen imstande wäre, leider schädigst du dich selbst gar zu häufig.«

Der Graf hatte wieder neben seiner Adoptivmutter Platz genommen und sprach lächelnden Mundes und mit liebkosendem Blick, wie er dies gar wohl verstand, wenn ihm daran gelegen war, die Erinnerung an irgendein Anrecht, welches er begangen, zu verwischen.

»Wie sollte ich denn nicht bestrebt sein, mein Möglichstes zu tun, um dich zufriedenzustellen? Bist du mir denn nicht alles? Hast du nicht, seit ich meinen Vater verloren, mein ganzes Leben geleitet? Bin ich nicht dein Geschöpf? Du weißt recht gut, daß ich dich liebe, verehre, anbete, du kannst dir also auch denken, wie schmerzlich mir die Vorwürfe sein müssen, mit welchen du mich überschüttest!

»Oh, Mütterchen, mache nicht das Gesicht, welches du in Afrika so oft gezeigt, sondern jenes, welches dir in Paris zur zweiten Natur geworden! Hier kennen wir die gestrenge und entschlossene Frau Mößler nicht, welche die Wilden beherrscht und die Tiger bändigt, hier lebt nur die wohlwollende, barmherzige, sanftmütige Frau, welche jenes Palais der Champs Elysées inne hat, das zu den schönsten Baulichkeiten von Paris gehört. Auf, Mütterchen, mache dein gutes, liebes Gesicht! So, nun bin ich zufrieden!«

Sie lächelte jetzt wirklich, und ihre Augen schimmerten feucht. Durch die Macht seiner einschmeichelnden Worte, durch seine blendende Schönheit war es ihm gelungen, sie umzustimmen. Befriedigt blickte sie zu ihm nieder, und er gab sich, durch das Bewußtsein getragen, daß es ihm wieder einmal gelungen sei, über ihre Bedenken zu triumphieren, ganz der Freude des Augenblickes hin; er legte auch Wert darauf, den Eindruck zu verwischen, welchen seine anfänglich gereizten Entgegnungen möglicherweise auf Herrn Eliphas hatten hervorrufen können, und deshalb sprach er mit seinem liebenswürdigsten Tone, indem er sich dem alten Manne zuwendete:

»Ich habe Ihren Sohn schon mehrere Tage nicht gesehen, er befindet sich doch hoffentlich wohl? Sein Geschäft muß ja blühen, und seine Frau ist gewiß noch ebenso reizend wie immer.«

Seine Worte erzielten nicht das Resultat, welches er anstrebte; Frau Mößlers Wohltätigkeits-Minister legte in seinem Wesen die gleiche Kälte an den Tag wie bisher und entgegnete mit einer gewissen Geringschätzung:

»Ich bin Ihnen unendlich verbunden, Herr Graf, für das Interesse, welches Sie meiner Familie entgegenbringen. Mein Sohn ist ein intelligenter, arbeitsamer Bursche, welcher sein Bankhaus mit Geschick leitet, und meine Schwiegertochter ist eine biedere Frau, die ihren Mann von ganzem Herzen liebt.«

»Da hat sie recht!« rief Valentin in leichtem Tone. »Was würde sie auch sonst zu tun haben.«

Herr Eliphas machte ein finsteres Gesicht, man sah es ihm an, daß er gerne eine heftige Antwort gegeben hätte, aber seine Blicke richteten sich plötzlich auf Frau Mößler, und er beherrschte sich sofort. Ein leiser, pfeifender Laut entschlüpfte seinen Lippen, welcher ebensogut als der Inbegriff höchster Seligkeit wie als Ausdruck größter Verachtung hätte betrachtet werden können. An das Fenster tretend, vertiefte er sich allem Anscheine nach eifrig in den Anblick des Hofes.

»Leb' wohl, liebe Mutter,« sprach jetzt der Graf, an Frau Mößler herantretend, »ich sehe, daß ich dich störe, und überdies ist meine Zeit auch um.«

»Hattest du mir etwas Besonderes zu sagen?« forschte Frau Mößler mit einem fragenden Blick.

»Nein, liebe Mutter, ich war nur gekommen, um mir die Freude zu verschaffen, dich zu sehen!«

Sie bot ihm ihre kleine, schmächtige Hand, die er ehrerbietig an seine Lippen zog; dann trat er auf den alten Mann zu, welcher sich in die Fensternische zurückgezogen, und sprach sehr höflich:

»Auf Wiedersehen, Herr Eliphas!«

Die Tür öffnend, entfernte er sich mit langsamen Schritten.

Kopfschüttelnd sprach Frau Mößler zu ihrem Vertrauensmanne:

»Sie können mir dagegen sagen, was Sie wollen, im Grunde genommen ist er doch ein lieber, netter Junge. Sie sehen auch, daß er heute gar nichts von mir begehrt hat.«

»Seine Klugheit setzt mich in Erstaunen, und ich bin überzeugt, daß er irgendeinen sehr bedenklichen Ausfall für die nächsten Tage plant.«

»Bekümmern wir uns einstweilen nicht um das, was geschehen wird, sondern freuen wir uns an dem, was sich tatsächlich ereignet hat.«

»Wie es Ihnen beliebt, gnädigste Frau! Sie wissen, daß ich stets gerne dazu bereit bin, Ihnen behilflich zu sein, diese oder jene Unannehmlichkeit abzuschütteln.«

Frau Mößler neigte das Haupt, als wolle sie dadurch zu verstehen geben, daß sie wisse, wie sehr sie in jeder Lebenslage auf die unbeschränkte Hingebung des bewährten Freundes zählen könne.

»Sie sagten vorhin, daß Sie nicht abgeneigt wären, jenen Südländer, von welchem ich Ihnen gesprochen, zu empfangen. Ich zweifle keinen Augenblick, daß er sich auch jetzt in Ihrem Vorzimmer aufhält; soll ich ihn eintreten lassen?«

»Ja; die Zeit vor dem Gabelfrühstück wird gerade noch ausreichen, um mit ihm zu reden.«

Herr Eliphas verließ das Zimmer und erschien nach wenigen Augenblicken wieder in Begleitung eines kleinen dickbäuchigen Männchens, dessen Kleider einen fetten Glanz aufwiesen; sein Antlitz war bleich, das Haar glatt gescheitelt, der Ausdruck seiner Züge ein selbstzufriedener und äußerst geschäftiger. Er wartete nicht, bis man das Wort an ihn richtete, sondern fragte mit echt südländischer Betonung:

»Es wird mir doch wohl endlich die Ehre zuteil, vor Frau Mößler zu stehen?«

»Die bin ich allerdings«, erwiderte die Millionärin ruhig. »Es freut mich, wenn Sie es als eine besondere Ehre ansehen, mit mir sprechen zu können!«

»Als eine ganz außerordentliche«, beteuerte Bouscares. »Ich sagte mir schon sehr häufig, daß, wenn mir nur erst das Glück zuteil werden würde, mit Ihnen, mit dieser hochherzigen, klugen Frau sprechen zu können, mein Vermögen gemacht sein müsse. Sie, dessen glaube ich überzeugt sein zu dürfen, werden mich verstehen.«

»Erklären Sie sich deutlicher, um was handelt es sich denn eigentlich?« forschte Frau Mößler.

»Um eine Entdeckung, welche dazu bestimmt ist, alle bisherigen Beleuchtungsmethoden der Welt umzustoßen; ich habe das Mittel gefunden, die Elektrizität ohne Kanalbauten, ohne besondere Konstruktionsschwierigkeiten, durch ein kinderleichtes Vorgehen zu verbreiten! Mir dünkt es geradezu unerhört, daß man nicht längst auf diese so naheliegende Entdeckung gekommen ist.«

Herr Eliphas, den das Geschwätz des Provinzlers sichtlich langweilte, unterbrach dessen schwungvolle Tirade etwas ungeduldig. »So seien Sie doch vernünftig, Mensch! Sie wissen ja doch ganz gut, daß Ihre Entdeckung gar nicht besteht, daß Sie schon zu wiederholten Malen gerichtlich belangt worden sind, weil Sie sich Konzessionen und Patente angeeignet haben, auf die Sie kein Recht besitzen!«

»Wie – was wollen Sie da behaupten?« rief Bouscares mit allen Zeichen des Entsetzens. »Bei meinen geistigen Fähigkeiten sollte ich es mir einfallen lassen, fremde Erfindungen usurpieren zu wollen? Das ist ja rein, um den Verstand zu verlieren! Es scheint, daß ich dazu verdammt bin, meine erhabensten Projekte nicht ausführen zu können, weil dieselben an dem Unglauben der Menschen scheitern! Frau Mößler aber ist eine Dame von überlegenem Geist, sie wird mich verstehen! Was sind hunderttausend Francs für eine Millionärin gleich ihr? Mit diesem erbärmlich kleinen Kapital verpflichte ich mich, alle bisherigen Annahmen und Behauptungen der Gelehrten umzustoßen.«

»Wenn Ihnen wirklich daran liegt, mit mir zu reden,« erwiderte Frau Mößler mit kühler Ueberlegenheit, »so sprechen Sie mir lieber von Ihrer Frau und Ihren Kindern.«

Der Gesichtsausdruck des Südländers verwandelte sich mit einem Schlage, seine ganze Haltung schien eine niedergedrückte, und mit anscheinend tiefer Bekümmernis sprach er:

»Ach, gnädige Frau, das ist die Wunde meines Lebens, die Wunde, an der ich verblute! Diejenigen leiden zu sehen, welche man liebt, ist für einen Mann von Herz ein geradezu unerträglicher Kummer! Ja, jenes arme Geschöpf, welches mir in allen Kämpfen treu zur Seite gestanden, meine Hoffnungen und Enttäuschungen mitgemacht hat, jenes arme Geschöpf, welches durch Kummer niedergebeugt, unfähig war, unserem Jüngstgeborenen die Muttermilch zu reichen, sieht von Tag zu Tag ihre körperlichen Kräfte schwinden; ich werde mein Weib verlieren, gnädigste Frau, ein unerbittliches Verhängnis wird mir die treue Gefährtin aus den Armen reißen, und was soll ich dann hier auf Erden tun, wenn mein Schutzengel zum Himmel zurückgekehrt sein wird, aus dem er herniedergestiegen?«

Bouscares ließ sich schwer atmend auf einen Stuhl niedergleiten, obzwar ihm kein Mensch gesagt hatte, daß er Platz nehmen möge; er barg das Antlitz in den Händen und schluchzte laut.

Frau Mößler, in erster Linie darauf bedacht, dieses große Leid zu lindern, fragte in ruhigem, geschäftsmäßigem Tone:

»Und wie wäre es, wenn ich mich dazu entschließen würde, Ihr Projekt einer eingehenden Prüfung unterziehen zu lassen?«

»Oh, meine Wohltäterin! Meine großmütige Wohltäterin!« rief der Mann, indem er sich rasch erhob. Er ließ die Hände bei diesen Worten vom Gesichte niedergleiten, und man sah jetzt, daß er auch nicht eine Träne vergossen hatte. »Strecken Sie mir nur zwanzigtausend Francs vor, damit ich meine Operationen beginnen könne, des Erfolges kann ich ja im voraus gewiß sein.«

Mit einer hastigen Bewegung suchte Herr Eliphas diese Ueberschwänglichkeit zum Abschlusse zu bringen. Er wendete sich an Frau Mößler und sprach mit geschäftsmännischem Ernste:

»Die ganzen Berechnungen dieses Spitzbuben beruhen nur auf dem Vorschusse, den er Ihnen abbetteln möchte! Wenn Sie sich von ihm betören lassen, sind Ihnen nicht nur jene zwanzigtausend Francs verloren, sondern er wird Ihnen unter der falschen Vorspiegelung, daß seine Entdeckung demnächst von Erfolg gekrönt sein werde, noch weitere Summen herauslocken; freilich sind für Sie zwanzigtausend Francs nicht von Belang, aber ich sehe nicht ein, weshalb ein ganz gewöhnlicher Gaunerstreich anstandslos durchgeführt werden soll; es widerspricht dies meinem Rechtsgefühl und ich begreife nicht, warum ein Abenteurer Ziele erreichen darf, nach denen ehrliche, biedere Menschen vergeblich streben!«

»Aber Herr, halten Sie mich denn für einen Betrüger?« rief Bouscares mit gut gespielter Würde.

»Wenigstens für sehr Aehnliches!« gestand Eliphas trocken zu.

Der Mann schien plötzlich in sich zusammenzusinken; er erinnerte an einen Gummiball, der geplatzt und aus welchem die Luft ausgeströmt war; grenzenlose Niedergeschlagenheit verriet sich in seinen Zügen; er seufzte schwermütig und sprach leise:

»Nein, es wird mir nicht gelingen, gegen die Böswilligkeit aufzukommen. Ich werde mein Leben im Kampfe gegen das Mißgeschick einbüßen. Seit zwanzig Jahren ringe und strebe ich nun vergeblich. Soviel Mühe, soviel Aufopferung, soviel Geld soll zwecklos verloren gehen! Ich habe schon jede Berufstätigkeit versucht, aber niemals ist es mir gelungen, mich lange genug in einer Stellung zu erhalten, um mir eine gesicherte Zukunft zu gründen, niemand will an meine Entdeckung glauben, und sie besteht doch tatsächlich. Wenn ich heute abend in meine elende, schmutzige Wohnung zurückkehre, was soll ich meiner Frau, was meinen Kindern sagen, welche vor Hunger und Not weinen werden, ohne daß ich ihnen irgend welchen Trost bieten könnte! Mein Gott, lieber will ich mich von der ersten besten Brücke aus in den Fluß stürzen, als daß ich diese qualvolle Existenz noch weiter ertrage! Es gebricht mir an dem Notwendigsten und ich fühle mich vollkommen erschöpft! Mag sein, daß ich ein Abenteurer bin, wie der Herr meint, ich glaube es selbst, aber gibt es ein härteres Los wie das meine? Von dem guten Willen beseelt zu sein, ein achtbarer Mann zu werden, sich sein Brot ehrlich zu verdienen und es nicht zu können – ach, das ist furchtbar!«

»Geben Sie sich nicht der Verzweiflung hin,« sprach Frau Mößler; »von heute an sollen die Ihren zweihundert Francs monatlich von mir erhalten; allerdings ist das kein Reichtum, aber es schützt wenigstens vor der Möglichkeit des Verhungerns.«

»Oh, meine Wohltäterin!« rief Bouscares, indem er sich Frau Mößler zu Füßen warf. »Wie soll ich Ihnen das jemals lohnen! Begehren Sie mein Leben, ich weihe es Ihnen von dieser Stunde an!«

»Verwenden Sie Ihr Leben nur zur mutigen Arbeit, und Sie werden sich emporrichten.«

»Ach, wenn Sie meiner Erfindung nur Vertrauen entgegenbringen wollten!«

»Unverbesserlicher!« rief Eliphas ärgerlich. »Sie sehen, daß er selbst in dem Glück dieser Stunde durch die Macht der Gewohnheit zu seiner einfältigen, marktschreierischen Redensart zurückkehrt. Genug dieses Unsinns, Bouscares!«

»Geben Sie ihm fünfhundert Francs, damit er seine drückendsten Schulden bezahlen und sich anständig kleiden könne, vielleicht gelingt es ihm dann, eine Anstellung zu finden.«

»Erhabene Frau!« rief der Südländer mit der theatralischen Haltung eines Hauptkämpfers beim Stiergefechte, »mein Blut ist Ihnen geweiht!«

Er griff nach dem Gelde, welches Eliphas ihm bot, und verließ mit einer tiefen Verneigung das Gemach.

»Von diesem Schlage, verehrte Frau, ist die Hälfte Ihrer Kundschaft«, bemerkte Eliphas mit bitterem Lächeln. »Täglich kommen zehn Possenreißer solcher Art zu mir. Wissen Sie, wohin der würdige Bouscares sich jetzt begibt?«

»Er wird seiner Familie die frohe Kunde bringen.«

»Nein, er wird im Kaffeehaus einen Absynth trinken und seinen Genossen auf dem Gebiete der Freibeuterei erzählen, daß er Ihnen fünfhundert Francs abgeschwindelt habe; morgen erhalten wir um so und so viel Bettelbriefe und Anfragen mehr; einer von diesen Spitzbuben schickt die anderen. Sie verderben die Leute.«

Frau Mößler schüttelte melancholisch den Kopf.

»Wie teuer habe ich neulich bei der Abschiedsvorstellung jenes alten Schauspielers meine Loge bezahlt?«

»Sie bezahlten tausend Francs dafür.«

»Und habe mich kaum fünf Minuten unterhalten; warum sollte ich nicht demjenigen, welcher mich während der Dauer einer Viertelstunde zerstreute, fünfhundert Francs bezahlen?«

»Er wird wiederkommen!«

»Vielleicht findet er mich dann in weniger großmütiger Laune.«

»Ah, Graf Valentin wird dann nicht so liebenswürdig gewesen sein wie heute!«

»Kann sein, und aus irgendeinem nebensächlichen Umstande, für welchen der arme Teufel im Grunde genommen nichts kann, wird man ihm die Tür weisen. Auf solche Art werden die meisten Fragen gelöst, für die sich die Menschheit interessiert.«

»Nach diesem philosophischen Abschlusse unseres Gespräches bitte ich um Erlaubnis, mich verabschieden zu dürfen.«

»Wollen Sie abends mit mir soupieren?«

»Wenn Sie allein sind, gewiß.«

»Nun, ich werde Ihnen telefonieren; für jetzt leben Sie wohl.«

Herr Eliphas entfernte sich, und Frau Mößler trat an einen Schreibtisch, um eine ganze Reihe von Briefen zu unterzeichnen, welche ihr Wohltätigkeits-Minister ihr vorgelegt hatte. Es geschah dies regelmäßig alle Tage, wie bei einem gekrönten Haupt dem der Kabinetts-Chef täglich Schriftstücke zum Unterzeichnen bringt.

Die wohltätige Frau hatte nicht immer auf goldenem Throne gesessen. Der Beginn ihrer Lebenslaufbahn war ein viel bescheidenerer gewesen. Sie war die Tochter des protestantischen Pfarrers von Hagenau und hatte sich mit Gedeon Mößler vermählt, dessen Lebensaufgabe damals darin bestand, das Mölsheimer Bier in allen großen und kleineren Kneipen von Elsaß einzuführen. Diese Art des Handelns trug zwar wenig ein, forderte unablässige physische Tätigkeit, aber man setzte bei derselben auch nicht viel auf das Spiel. Gedeon war ein schöner, blonder Bursche von etwas schwerfälligem Körperbau, aber mutig und geduldig. Nachdem er geheiratet hatte, begnügte sich sein Ehrgeiz nicht mehr mit dem geringen Verdienst, welchen der Bierverkauf ihm abwerfen konnte; er wollte selbst schaffen, und obzwar er kein Geld besaß, gelang es ihm durch das Wohlwollen, welches man ihm allerorten entgegenbrachte, ein eigenes Brauhaus zu gründen. Er konnte aber der Konkurrenz nicht standhalten, welche seine früheren Brotherren ihm machten; der Kredit, den er seinen Kunden gewähren mußte, führte den Niedergang seines Geschäfts herbei, und er sah sich bald genötigt, sein Etablissement zu verkaufen. Seine Ersparnisse, das Heiratsgut seiner Frau, kurzum alles, was er besaß, ging bei dieser ersten Niederlage verloren, sie war nur das Präludium zu dem bewegungsreichen Leben, welches Mößler auf der Jagd nach dem Gelde zu führen sich genötigt sah.

Von dem Biergeschäft angeekelt, wurde er Eisenhändler; mit einem Karren und einem kleinen Pferde durchfuhr er alle Grenzortschaften, reiste er auch bis in die Schweiz, um altes Gußeisen, gebrochene Ofenplatten, außer Stand gesetzte Werkzeuge zusammenzukaufen. Nach Ablauf von drei Jahren hatte er durch unsägliche Mühen bei dieser Art von Geschäft achttausend Francs erspart, aber er und seine Frau hatten sich auch geradezu unglaubliche Entbehrungen auferlegt. Die Ordnungsliebe, die Geduld und der Mut jener braven Leute boten ein bewundernswertes Vorbild.

Mößlers Ehrgeiz war außerordentlich groß; wenn er nur dem hundertsten Teile von dem, was er dachte, Worte verliehen hätte, so würde man ihn für verrückt gehalten haben. Er war überzeugt, daß es ihm gelingen werde, Millionen zu verdienen. In der Anwartschaft auf diese glückliche Zeit kaufte er altes Eisen, sammelte er einen Zehrpfennig im Strumpfe, machte seine Frau glücklich, besaß aber doch einen geheimen Kummer, nämlich, daß der Himmel seine Ehe nicht mit Kindern segnen zu wollen schien. Sie waren fünf Jahre verheiratet, und seine Frau hatte ihm noch keinen Erben bescheert; wem also sollte er sein Vermögen hinterlassen, jenes Riesenvermögen, welches er ganz gewiß verdienen würde? Seine Frau tröstete ihn über ihre Kinderlosigkeit damit, daß sie ihm sagte, es sei vielleicht ein großes Glück für seine Geschäfte, daß sie, durch keine anderen Verpflichtungen gehindert, ihm stets im Laden dienlich sein könne. »Wir haben ja noch Zeit, zu warten, wir sind beide jung!« Doch nach zehn Jahren war ihr Haus immer noch leer.

Gedeon hatte inzwischen mit Getreide, mit Branntwein, mit Wolle gehandelt und sich nach und nach ein Vermögen von sechzigtausend Francs erspart. Der alte Pastor war gestorben, und nichts hielt das Ehepaar im Elsaß zurück. Mößler und seine Frau verließen also Mölsheim, um nach Rheims zu übersiedeln. Gedeon welchen es zur zweiten Natur geworden, alles zu unternehmen, womit sich nur irgendein Handel anfangen ließ, gründete ein Exporthaus für Champagner und überflutete Brasilien, Chile und die südamerikanischen Republiken mit gefälschten Produkten, welche, unter klangvollen Etiketten verschickt, dazu beitrugen, die Gesundheit jener Ansiedler zu untergraben, die es sich nicht nehmen lassen, auf europäische Weise zu leben.

Der Krieg des Jahres 1870 zertrümmerte diesmal in unbarmherziger Weise das so mühsam zusammengetragene Gebäude, welches dem armen Mößler verhältnismäßigen Wohlstand gesichert; er sah sich genötigt, nach wie vor seinen Verpflichtungen nachzukommen, seine auswärtigen Agenten aber beeilten sich, das nicht zu tun; zu dem nationalen Unglück gesellte sich bei Gedeon auch noch eine persönliche Katastrophe, die unfehlbar seinen Bankerott hätte zur Folge haben müssen, wenn seine Ehrlichkeit nicht die Strengsten seiner Gläubiger entwaffnet hätte. Er sah sich aber so ziemlich aller Mittel entblößt, ohne Hilfsquellen, ohne Geschäft, denn wem hätte er die champagnisierten Weine schicken sollen? Die Deutschen hatten Frankreich besetzt, Rheims war eingenommen, und die verwünschten Schwaben nötigten das französische Rückgrat mit dem Krummstabe zu der gehörigen Geschmeidigkeit.

Mößler war damals sechsunddreißig Jahre alt; er ließ sich für die Dauer des Feldzuges anwerben, wurde bei Sedan gefangen genommen, blieb aber kaum achtundvierzig Stunden in der Wacht des Feindes. Er, der in Elsaß-Lothringen jeden Steg kannte, weil er ihn von Kindheit an unzählige Male gegangen, fand leicht eine Gelegenheit zur Flucht. Der Militärtransport, welchem man ihn einverleibt hatte, war noch nicht nach Nancy gekommen, als es Gedeon schon gelungen, seine Freiheit wieder zu erlangen. Er begab sich zu seiner Frau; wütend über die Niederlage, bleich und angegriffen von der Gefangenschaft und vom Hunger, sann er nach und sagte sich, daß er in den Reihen der Armee überflüssig sei, und beschloß, dem Vaterlande bessere Dienste zu leisten.

Da Paris belagert war, begab er sich nach Tours und stellte dem Verteidigungsministerium den Antrag, ihm Tuch verschaffen zu wollen, um die Truppe zu bekleiden, Stiefel, um sie zu beschuhen, Gewehre, um sie zu bewaffnen. Er trat mit solcher Sicherheit inmitten der allgemeinen Bestürzung auf, daß man Vertrauen zu ihm faßte. Er schloß Kaufverträge ab und reiste nach Amerika; dort leistete er Wunderdinge an Tätigkeit. Er schiffte Waffen, Munition und Kleidungsstücke ein; wenn man ihn ein wenig dazu gedrängt, so würde er sich auch bereit erklärt haben, der Armee Generale zu verschaffen. Zur Zeit des Waffenstillstandes verhandelte er gerade im Namen der französischen Regierung wegen einer Geldanleihe mit England. Der Frieden ermöglichte es ihm, seinen Privatgeschäften wieder nachzugehen, und nachdem er seine verschiedenen Unternehmungen abgewickelt, kam er zu der Ueberzeugung, daß er ebenso arm sei als in dem Augenblicke, da er dieselben begonnen. Die Undankbarkeit der Männer, welche damals in Frankreich ein tonangebendes Wort zu reden hatten, dokumentierte sich in diesem Falle in ihrer vollen Größe. Man fand nicht einmal ein Ehrenbändchen, das man dem braven Manne hätte ins Knopfloch stecken können, um ihn zu belohnen, und mit leeren Händen mußte er heimkehren, nachdem er für das Vaterland über Millionen verfügt hatte. Den Dank ernteten damals wie heute nur die Schurken.

Als er in Paris umherirrte, auf der Suche nach irgendeinem neuen Erwerbszweig, traf Mößler mit Eliphas Clément zusammen; sie waren beide Elsässer, beide Protestanten und ganz danach veranlagt, sich gut zu verstehen. Eliphas war Kassierer in dem Bankhause Pilet & Berger; der Zufall fügte es, daß seine Prinzipale einen entschlossenen Mann suchten, welcher bereit war, nach dem Kap der Guten Hoffnung abzureisen, um in Natal Bergwerkskonzessionen zu prüfen, welche von einem Spekulanten in Betrieb gesetzt werden sollten. Mößler trug sich an, wurde angenommen und reiste ab. In dem für ihn ganz neuen Lande kam er rasch zu der Ueberzeugung, daß sich ungeheurer Gewinn herausschlagen lasse, wenn man es nur verstehe, und nachdem er seine Mission für Pilet & Berger beendet hatte, blieb er in Transvaal, um auf eigene Rechnung dort zu arbeiten.

Er war es, welcher im Vereine mit einem Engländer, namens Harrison, die Diamantenfelder zum ersten Ertrage brachte; die wenigen Europäer, welche nach jenen entlegenen Ländern kamen, gründeten dort zumeist nach Muster der Boers landwirtschaftliche Niederlassungen. Einzelne Abenteurer unternahmen es wohl auch, nach Goldlagern zu suchen, aber nur selten kamen sie wieder zum Vorschein, denn die schwarze Bevölkerung trug Sorge dafür, sie verschwinden zu lassen. Die Mühen und das Elend, welche Harrison und Mößler heldenmütig erduldeten, spotteten jeder Beschreibung. Man mußte gleich ihnen von dem glühenden Wunsche durchdrungen sein, schließlich doch den Sieg davonzutragen, um nicht auf die weitere Durchführung des Unternehmens zu verzichten. Von drei Madagassen begleitet, lebten die beiden Europäer achtzehn Monate lang in der Wüste, indem sie unablässig den Revolver in der Hand, das Gewehr auf der Schulter hielten. Endlich kehrten sie mit einem Vorrat ungeschliffener Diamanten nach Natal zurück, welcher um viermalhundertsiebzehntausend Francs verkauft wurde. Harrison, begeistert von diesem Resultate, wollte mit dem auf ihn entfallenden Teil der Einnahmen eine große Expedition ausrüsten; er warb hundert Männer und ließ auf dreißig Karren ein ganzes Feldlager aufladen. Vergeblich suchte Mößler ihm begreiflich zu machen, daß seine Bemühungen unnütze seien, daß er besser daran tue, nochmals allein mit dem Freunde und den drei Trägern einen Streifzug zu unternehmen, um unbemerkt weiter zu forschen, die wilde Bevölkerung nicht zu beunruhigen, die Raubgier jenes Wüstenabschaumes nicht hervorzurufen.

Der Engländer beharrte stolz auf seinem Ziele und kam nie wieder zum Vorschein.

Mößler stand nun allein, er begab sich nach seinem früheren Forschungsgebiete, arbeitete emsig und kehrte mit einem Diamantenerträgnisse, welches viel bedeutender war als das erste, nach Ablauf eines Jahres nach Prätoria zurück. Er besaß jetzt ein Vermögen von achtmalhunderttausend Francs, sendete den Betrag von fünfmalhunderttausend Francs an das Bankhaus Pilet & Berger und schrieb seiner Frau, sie möge sich zu ihm gesellen. Mit den dreimalhunderttausend Francs, welche er zurückbehalten, wollte er nun Grundstücke kaufen, Herr über seine Ausbeutungsversuche sein; er wollte durch sichere Leute seine Landstriche verteidigen lassen und sich einer Bedeckungsmannschaft vergewissern, um nicht mehr an die Küste zurück zu müssen und dort seine Waren so heimlich als möglich zu verschachern.

Zwei Jahre später hausten Gedeon und seine Frau fünfundzwanzig englische Meilen von Prätoria entfernt, an einem Seitenflusse des Limpopo auf der Mößlerburg, die damals bereits zweihundert Einwohner hatte, lauter Kaffern, welche im Dienste des Abenteurers standen. Die Domäne besaß einen Umfang von zwanzigtausend Hektaren, und Mößler hatte vollständig dem Diamantengraben entsagt, um sich nur der Suche nach dem Golde hinzugeben. Er war so glücklich gewesen, als er die Fundamente seines fürstlichen Baues graben ließ, eine Goldader von ungewöhnlicher Bedeutung zu entdecken. Er hatte diese verfolgt und an mehreren Stellen das kostbare Mineral gefunden. Sein ganzer Besitz schien von Goldadern durchfurcht zu sein, und beinahe hätte er sich von Schwindel erfaßt gefühlt, als er diese Entdeckung machte, aber er verstand es, zu schweigen, seine Freude nicht zu verraten und ruhig auf den Millionen zu schlafen, welche der Erdboden ihm treu bewahrte. Dabei arbeitete er rastlos weiter, vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht, gerade so, als wäre er ein armer Mann.

Zehn Jahre lang hatte er keinerlei Konkurrenz zu befürchten. Durch die Vermittlung seines Freundes Eliphas ließ er sich aus Europa Farbenreiber, Goldwäscher, Erdausheber, alles erforderliche Material kommen; gleichzeitig bat er seinen Freund, dieser möge ihm seine Ersparnisse anvertrauen.

»Ich werde dir getreue Rechnung legen über dein Geld,« schrieb er ihm, »und ich bitte dich einstweilen nur, Vertrauen zu mir haben zu wollen.« Eliphas besaß vierzigtausend Francs, er gab dieselben her, ohne eine Erklärung zu verlangen, und schien nicht überrascht, daß er ein paar Jahre lang auch keine Zinsen erhielt; er dachte sich, daß Mößler bedeutende Geschäfte machen müsse, da er so unendlich viel Utensilien für ihn zu besorgen und ihm zu schicken hatte, aber er hegte nur höchst unklare Begriffe über die Art der Arbeit, mit welcher sein Landsmann sich befaßte.

Eines Tages erhielt er von Gedeon die Mitteilung, daß dieser in seinem Namen bei dem Bankhause Pilet & Berger die Summe von fünfhunderttausend Francs deponiere, welche den Anteil des Freundes an den glücklich durchgeführten Geschäften ausmache. Ganz verblüfft schrieb der gute Eliphas an Mößler, um eine Erklärung von ihm zu erbitten; dieser antwortete ihm nach wenigen Wochen ganz kurz, wie es ein Mann zu tun pflegt, welcher nicht die Zeit hat, viele Phrasen zu machen: »Die zwanzigtausend Pfund Sterling sind das Ergebnis deiner mir anvertrauten Ersparnisse; quäle dich nicht weiter um die Sache, die ursprünglichen vierzigtausend Francs befinden sich noch immer in meinen Händen und werden weitere Früchte tragen.«

In Mößlerburg hausten jetzt zweitausend Seelen; unter diesen befanden sich viele Europäer, natürlich der Abschaum der alten Welt, so daß man eines organisierten Wachekorps bedurfte, um sich gegen die Weißen zu schützen, welche viel mehr zu fürchten waren, als die Schwarzen. Herr und Frau Mößler lebten gar nicht mehr in der Stadt, sie hatten sich ganz in das innere Land zurückgezogen und besaßen ein Territorium, welches größer war als drei französische Departements; ihr Leben war von Behagen und Luxus umgeben. Die Kultur hatte die Gegend, in welcher sie hausten, zu einem wahren Paradiese umgeschaffen.

Gedeon war damals schon Besitzer eines ungeheuren Vermögens, welches sich mit unberechenbarer Geschwindigkeit steigern konnte; dabei war er der einfache Mann geblieben, welcher er gewesen, als er in seinem kleinen Wagen Elsaß durchfuhr, um altes Eisen zusammenzukaufen. Mit sechsundvierzig Jahren fühlte er sich doch von den furchtbaren Strapazen, welchen er zu Beginn seiner Goldgräberlaufbahn ausgesetzt gewesen war, ermüdet; sein Haar hatte sich völlig gebleicht; Frau Mößler ihrerseits war schlank und dunkelhaarig geblieben, sie sah trotz ihrer neununddreißig Jahre noch immer jung aus, obwohl sie sich an der Seite ihres strebsamen, arbeitstüchtigen Gatten durchaus nicht geschont hatte.

Das Ehepaar hatte noch immer keine Kinder, aber Gedeon schien nun darüber getröstet, weil er durch die zahlreichen Sorgen seiner großartigen Kolonie vollständig in Anspruch genommen war. Er besaß zwanzig Schmelzöfen, die in voller Tätigkeit waren, und die Vervollkommnungen, welche er beim Goldwaschen und Goldschmelzen einführte, erhöhten natürlich den Gewinn, welchen das Mineral ihm abwarf. Es war nicht leicht möglich, seine Erträgnisse zu berechnen, denn er allein wußte, was die Bankhäuser von Prätoria, von Natal und vom Kap auf seine Rechnung nach Europa sendeten. Die Konkurrenz fing aber an, bedeutlich zu werden; Goldsucher durchstreiften die Gegend und häufig entstanden blutige Konflikte zwischen der organisierten Miliz, welche seine Güterzüge begleitete, und den Glücksrittern, die Raubanfälle zu unternehmen wagten.

Infolge eines solchen Zusammenstoßes auf der Straße nach Prätoria brachten die Neger eines Abends einen schwerverwundeten Fremden mit nach Hause, der durch einen Schuß ins Bein nicht unbedenklich verletzt worden war. Herr und Frau Mößler nahmen sich des Verwundeten in liebevollster Weise an, und als er wieder zu sich kam, teilte er mit, daß er ein Franzose sei und sich Graf Jacques Chef de Coutras nenne. Durch ein wüstes Leben zugrunde gerichtet, war er in die Fremde gezogen, weil es ihm widerstrebte, in Paris sein Elend zur Schau zu tragen, und im Vereine mit einem nichts weniger als gewissenhaften Irländer hatte er den Entschluß gefaßt, mit Branntwein zu handeln. Er war im Begriffe gewesen, seine Waren zu begleiten, als der Zug am Ufer des Flusses Jackson angegriffen worden war. Der Irländer hatte einem Löwen gleich gekämpft, war aber schließlich doch auf seinen Branntweinfässern getötet worden. Die Angreifer befanden sich in der Uebermacht, und nur der Treue eines seiner Diener hatte der junge Graf es zu verdanken, daß er mit dem Leben davonkam, doch war er aller Mittel entblößt, vollständig hoffnungslos und sah keinen andern Ausweg, als Seeräuber zu werden oder sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen.

Mößler stellte dem Landsmann den Antrag, ihn bei seinen großen Unternehmungen beschäftigen zu wollen, und da Graf Chef de Coutras freimütig erklärte, daß er von seinen zehn Fingern niemals nützlichen Gebrauch gemacht habe und, abgesehen vom Reiten und Schießen, nichts verstehe, übergab ihm Mößler die gewissermaßen polizeiliche Oberaufsicht über seinen gesamten Besitz. Es war keine leichte Aufgabe, die ihm da gestellt wurde. Auf schlecht gebahnten Wegen sah sich der Graf in die Lage versetzt, seine Geschicklichkeit als guter Reiter zu beweisen, zwanzig bis dreißig englische Meilen mußte er, mit dem Gewehre in Schußbereitschaft, mit dem Revolver im Halfter zurücklegen; zwei oder drei Tage lang sah er sich oftmals genötigt, im freien Felde zu kampieren. Er war bei solchen Anlässen nur von Schwarzen umringt, und das Abenteurerleben, welches er führte, entsprach ganz seinem Geschmack. Wenn Frau Mößler ihn wegen seines Schicksals beklagte, lehnte er dies immer mit der größten Entschiedenheit ab.

Seine größte Zerstreuung war die Jagd. Er leistete auf diesem Gebiete Außerordentliches, und es gab weit und breit in der Runde keinen Schützen, der seiner Hand sicherer gewesen wäre. Er traf jedes Ziel, welches er anstrebte, tötete den Jaguar, welcher 39

den Tierstand Mößlers gefährdete, und machte aus den Fellen der Raubtiere für die Mößlerburg Teppiche, die das Gepräge der Originalität an sich trugen.

Als er seinen Brotgebern gesellschaftlich etwas näher trat, erzählte er denselben, daß er in Frankreich ein Kind zurückgelassen habe; die Gattin, von der er sich nach kurzer Ehe getrennt, sei längst tot; der kleine Valentin zählte, als sein Vater in ferne Lande zog, erst sechs Jahre; er war ein hübscher Junge, dessen Bild der Graf hochhielt. Frau Mößler empfand alsbald warme Zärtlichkeit für den armen, kleinen Verlassenen, welchen sie nicht kannte. Sie schickte der Wärterin, deren Pflege er anvertraut war, reichlich Geld.

Vielleicht trugen die Jugend und das einnehmende Wesen des Grafen Jacques nicht wenig dazu bei, in dem Herzen der kinderlos alternden Frau für den kleinen Halbwaisen eine warme Zärtlichkeit wachzurufen. Würde man in dem strengen Herzen der Protestantin genaue Umschau gehalten haben, wer weiß, ob man nicht eine verspätete Liebesblüte in demselben entdeckt, welche zu Ehren jenes hübschen Tunichtguts entsprossen war, der dem einsamen Leben der Wüste so eigenartigen Reiz verlieh. Niemand wäre freilich auf diesen Einfall gekommen, Frau Mößler selbst wohl am allerwenigsten. Das Wohlwollen, welches sie dem Grafen Jacques entgegenbrachte, kleidete sich in eine rein mütterliche Zärtlichkeit, aber sie fühlte sich derartig zu ihm hingezogen, daß sie Mößler in Erstaunen versetzte durch die Besorgnis, welche sie an den Tag legte, wenn jener von irgendeiner Expedition verspätet nach Hause kam. Der biedere Gedeon war seiner Frau zu sicher, um irgendeinen häßlichen Verdacht zu hegen; er gefiel sich sogar darin, den Liebling seiner Ehehälfte mit Aufmerksamkeiten zu überhäufen. Auch er erhielt gleich Eliphas einen Anteil an den Geschäften, und mit inniger Freude erkannte Graf Chef de Coutras nach Ablauf des ersten Jahres, daß er mit etwas Mut und Geduld reicher nach Frankreich zurückkehren werde, als er jemals gewesen. Dieses Glück aber war ihm nicht beschieden; ein ansteckendes Fieber, welches er in den Sümpfen von Buffelsdorn bekam, raffte ihn in wenigen Tagen dahin, und trotz aller treuen Pflege Frau Mößlers, trotz der Sorgfalt des ausgezeichneten Arztes der Ansiedlung starb er in der Blüte seiner Jugend, indem er seine trostlosen Freunde anflehte, seinen kleinen Valentin nicht zu verlassen.

Allem Anscheine nach hatte der Tod des Grafen Jacques Frau Mößler den Aufenthalt im Transvaal verleidet; sie wurde traurig, fühlte sich von Tag zu Tag schwächer, und mußte schließlich, um ihre Gesundheit herzustellen, nach Europa zurückkehren. Mößler wollte seine Frau nicht allein ziehen lassen und begleitete sie folglich. Er installierte sie in Paris in dem prachtvollen Palais auf den Champs-Elysees und rechnete nun zum ersten Male mit den Herren Pilet & Berger ab, indem er all die Kapitalien zusammenstellte, welche er ihnen zu den verschiedensten Zeitepochen geschickt. Das Resultat dieser Abrechnung war die Erkenntnis, daß er, alles in allem genommen, zu jener Zeit ein Vermögen von siebzig Millionen besaß, welches sowohl in Frankreich als in England und Amerika angelegt war. Seine in vollster Tätigkeit stehenden Goldfelder brachten ihm überdies alljährlich ein namhaftes Erträgnis ein. Er war unbeschränkter Herr in denselben und hatte keinen andern Aktionär als seinen Freund Eliphas Clement, dem seine vierzigtausend Francs jährlich ungefähr fünfhundert Prozent eintrugen. Der strenge Puritaner wollte von keinem höheren Zinsfuß wissen und fand schon diesen Gewinn unmoralisch.

Mößler nahte zu jener Zeit seinem sechzigsten Lebensjahre, und da er sich sagte, daß er möglicherweise nicht mehr lange imstande sein werde, seine namhaften Geschäfte zu leiten, entschloß er sich, seine Goldminen in eine Aktien-Gesellschaft umzuwandeln. Sein Freund Clement, welcher fast ganz allein das große Bankhaus Pilet & Verger leitete, setzte die Aktien auf dem Londoner Markte in Umlauf. Die Idee war neu, einem jeden stand es auf diese Art frei, dem Glücke Tür und Tor zu öffnen; der Erfolg war ein verblüffender. Mößler, welcher die Hälfte der Aktien als sein Eigentum behielt, nahm für die andere Hälfte hundertfünfzig Millionen ein. Der einstige Bierversilberer und elsässische Eisenhändler blieb angesichts dieses ungeheuren Gewinnes ebenso ruhig, wie er es dem Ruin gegenüber gewesen war. Er kaufte Häuser und Grundstücke, er subventionierte Industrieunternehmungen, wendete seine Kapitalien in der vernünftigsten Weise an und legte so den Grundstein eines unzerstörbaren Vermögens. Nachdem er seiner Frau den kleinen Valentin zugeführt, damit diese eine Beschäftigung habe, kehrte er nach Transvaal zurück, denn es lag ihm daran, seine Aktionäre ebenso zu bereichern, wie er sich selbst bereichert hatte, ja er setzte sogar seine Ehre darein, dies zu tun.

Zwei Jahre lang arbeitete er noch mit bewunderungswürdigem Eifer, und in diesen vierundzwanzig Monaten gelang es ihm, großartige Erfolge zu erzielen. Dann stellte er Männer an die Spitze des großen Unternehmens, welche ihre ganze Existenz ihm zu danken hatten und die auch einen, ihnen selbst Vorteil bringenden Anteil am Geschäfte hatten. Des Alleinlebens müde, kehrte er nach Frankreich zurück, indem er kundtat, daß er sich nie mehr nach Prätoria begeben wolle und auch von der Ferne die Geschäfte der Gesellschaft überwachen und gewissermaßen leiten könne.

Es hatte aber den Anschein, als ob die Tätigkeit das Lebensgesetz des bis nun unermüdlichen Arbeiters sei, als ob die Kraft ihn verlasse, von dem Tage an, an welchem er sich zur Ruhe setzte. Nach Paris zurückgekehrt, hätte er behaglich in seinem prächtigen Heim leben können, Mößler aber, welcher niemals krank gewesen, fühlte sich plötzlich schwach und leidend. Er konsultierte die ausgezeichnetsten Aerzte, und diese konstatierten einstimmig, daß er eigentlich kein ausgesprochenes Leiden habe, daß aber alle seine Organe geschwächt und zu sehr abgenützt seien.

Mößler war ein moralisch zu normal veranlagter Mensch, um sich davon niederdrücken zu lassen; er kämpfte gegen den Tod an, wie er gegen das Leben gerungen, er öffnete sein Haus und gab großartige Feste, welche ihres Glanzes wegen berühmt bleiben sollten. Er blendete Paris durch den Luxus, welchen er trieb, und überraschte alle Welt durch seinen übermäßig lebhaft ausgeprägten Wohltätigkeitssinn. Er baute ein Hospital für sechshundert Kranke und stattete es so reichlich aus, daß es nie nötig hatte, an die öffentliche Wohltätigkeit zu appellieren. Er kaufte Kunstgegenstände, welche ohne seine Dazwischenkunft nach Amerika gewandert sein würden, und verwandelte sein Palais in ein Museum.

Zu jener Zeit war es, als Frau Mößler zuerst von einem Pariser Chronisten die »Goldkönigin« getauft wurde; der Name wurde von jenen, die sie beneideten, ironisch aufgefaßt, von den anderen aber, die ihr Dank schuldeten, ehrerbietig hochgehalten. Da diese, dank ihrer unerschöpflichen Wohltätigkeit, in der Mehrzahl waren, wurde der Titel nicht zu einer Benennung des Hasses, sondern vielmehr zu einer Anerkennung ihrer Großmut.

Inmitten des herrlichen Lebens, welches das Ehepaar führte, empfand Gedeon plötzlich, daß er unwiderruflich verloren sei; mit stoischer Melancholie konstatierte der Protestant, welcher eine Heldenseele besaß, daß die glücklichen Tage für ihn jene des Kampfes und der Arbeit gewesen seien, daß der Traum einer freudigen, friedlichen Ruhe nur eine Lockspeise war, welcher er nicht teilhaftig werden sollte. Der Tod trat an ihn heran; kaum hatte er das Ziel erreicht, welches er sich gesteckt, so galt es auch schon, sich wieder auf den Weg zu machen, diesmal, um sich für immer zu trennen. Er fügte sich in das Unvermeidliche, führte seine Frau in die Geschäfte ein, lehrte sie, auf welche Art sie denselben vorzustehen habe, stellte ihr Eliphas als unveränderlichen und unbestechlichen treuen Berater zur Seite, und von der festen Ueberzeugung getragen, daß seine Werke in keiner Weise gefährdet werden würden, schloß er eines Abends ohne Schmerzen, ohne Todeskampf, für immer die Augen, etwa wie eine Lampe, welche im Sturme erlischt. Frau Mößler war untröstlich. Sie hegte für Gedeon eine mit Bewunderung gepaarte Zärtlichkeit, und trotzdem erkannte die praktische Frau in ihm den genialen Abenteurer, welcher er tatsächlich gewesen war. Sie weinte im stillen heiße Tränen um ihn, sperrte ihr Palais in der Stadt ab und zog sich auf ihre herrliche Besitzung nach Chapelle-Sauvigny zurück. Sie konzentrierte von nun an ihr ganzes Lebensinteresse auf das Kind desjenigen, welchen sie, vielleicht im Traume, geliebt.

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