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Anna Croissant-Rust: Unkebunk - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleUnkebunk
authorAnna Croissant-Rust
year1921
firstpub1921
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleUnkebunk
pages398
created20131207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Den langen, grauen und nebligen Tagen, in denen man wie Klagetöne das Tuten der großen Rheindampfer und Schlepper in die Stadt herüberschallen hörte, diesen dumpfen und traurigen Oktobertagen, wo fahles Laub im Regen lautlos zu Boden fiel und ein Geruch von Moder über den Festungsgräben, den Anlagen und Gärten lag, waren ganz unerwartet wundervolle, sonnige Spätherbsttage gefolgt.

Sie waren auf einmal da, nach einer finstern Regennacht war der Himmel wie ausgekehrt, die Bäume schüttelten sich in einem heiter spielenden Winde, das Laub tanzte lustig in der 134 Luft, und Straßen und Plätze, Gärten und Häuser sahen frisch gewaschen und heiter aus.

Scharf standen die Berge der Haardt hinter den Föhrenwäldern, und der Odenwald reihte sich in verblauenden Linien an die Neckarhöhen. Wie Frühling, wie ein Geschenk wirkten diese heiteren, milden Tage, und der Anblick der Berge drüben weckte Wandersehnsucht.

Vom Kasino aus war eine Partie in die Pfälzer Berge geplant, ein Gesang- und ein Musikverein, deren Mitglieder auch großenteils aus Mitgliedern des Kasinos bestanden, hatten sich angeschlossen, und so war am Sonntagmorgen die halbe Festung auf den Beinen und strebte dem Bahnhof zu. Das war wie wenn Bienen schwärmen, zuerst ein paar mit ein bißchen Gesumm, dann kamen wieder neue dazu, immer mehr gliederten sich an, zuletzt stand ein großer, dichter, summender, bewegter Knäuel am Bahnhof; ein dunkler Knäuel, aus dem noch ein paar kühne, helle Sommertoiletten der Damen herausleuchteten. Man sah von Zeit zu Zeit gehobene Herrenhüte, grüßend geschwungen, wenn wieder jemand anrückte. So manches gewagte Zivil war hervorgesucht worden zu dieser Bergpartie, die auf dem Trifels enden sollte. In dieser kleinen Provinzgarnison war man nicht auf der Höhe des Zivils einer Großstadt; wann trug man Zivil? Zur Jagd und Fischerei, zu gelegentlichen Ausflügen, nächtlichen, kleinen Abenteuern . . . allerdings, wer nach Mannheim und Heidelberg zu fahren das Geld hatte, erfreute sich auch meistens eines feinen Anzuges, nach dem die andern, die nur »so im allgemeinen Zivil« angezogen waren, mit Neid blickten. Den Stehkragen richtig anzuknöpfen, die Krawatte richtig umzubinden – von dem ganz besonderen Schmiß, der dazu gehörte, gar nicht zu reden! – erforderte wieder seine ganz besondere Geschicklichkeit, da man sowas ja nicht alle Tage tat, und es gab manch einen dabei, 135 der während der ganzen Partie im geheimen Kampf mit Kragen und Krawatte lag, denn tückisch, wie nun einmal seidene Krawatten sind, wollten sie sich nie unter das Knöpfchen bequemen, sondern stiegen selbständig über den Kragen in die Höhe, und waren sie endlich rückwärts unter das Knöpfchen gebändigt, stiegen sie mit derselben Tücke wieder vorne hoch. Und Hüte gab es! Vom verwegen schief aufgesetzten Matrosenhut an bis zum steifen, schwarzen Filz, der hochansehnlichen Melone, vom zerdrückten, kleinen Lodenhut, dem alle Bemühungen zu biegen und zu formen, die alpine Eigenart nicht genommen hatten, bis zum Künstler-Kalabreser. Einige trugen ihre Sachen mit Humor, einige mit befangener Würde, die ihre Unbehaglichkeit schlecht maskierte, einige fühlten sich mehr verstimmt, geniert und an der Feststimmung gehindert. Die Zivilisten, die diesen Ausflug mitmachten, hatten durch ihre selbstverständliche Kleidung ein gewisses Übergewicht über die Offiziere.

Tadellos erschienen waren der kleine Holischka, Röder und Leutnant Schneider von der Infantrie, Eva von Armharts neuester Schwarm. Holischka war nur widerstrebend gegangen, aber »man« hatte gewünscht, daß er sich zeige, um den Schwätzereien und Klatschereien entgegenzutreten . . . Man hatte ja sogar von Pensionierung oder Gehenmüssen gesprochen, ihn totkrank und verkommen sein lassen . . . nun stand er in seinem englischen Anzug mitten im Knäuel und war eifrig damit beschäftigt, sich eine unbefangene Miene zu geben. Etwas blaß sah er aus, und die Sommersprossen leuchteten lebhaft aus dem schmalen Gesicht. Er war unruhig, das merkten Hertwig und Kofler, die neben ihm standen, denn er wußte nicht, ob Röder und die Armharts kamen, die eifrige Mitglieder des Musikvereins waren, und außerdem fühlte er sich angestaunt, besprochen, bezischelt und belächelt.

136 »Kofler, glaubst du, es gehöre viel Mut dazu, der ganzen Bande den Buckel zu zeigen, umzukehren, stracks nach Hause zu gehen, das schöne Zivil mitsamt dem noch schöneren Uniformklüftel an die Wand zu hängen, und auf die angenehmen Dinge zu warten, die nun unfehlbar kommen würden? Herrgott, wäre das ein Gefühl! Mir schwindelt schon, wenn ich's ausdenke.«

»Probier's doch! Du kannst dir's ja leisten,« bemerkte Kofler zerstreut; er hatte seine Blicke überall, auf dem Bahnsteig, im Wartesaal, in der Richtung der Zufahrtsstraße und in den Anlagen.

»Ja, wenn ich mir das leisten könnte,« seufzte Holischka, »diese verdammte Garnison hätte es längst fertig gebracht, daß ich das einzige, was mich noch über die allgemeine Menschheit hebt, meine Uniform, preisgegeben hätte. Das wäre ein Wonnegefühl! Aber erstens mein Alter, da würde jedes Pinkepink aufhören, und dann, deinen Kopf, lieber Kofler, und Hertwigs Veranlagung habe ich leider nicht. Ich bin schon verdammt, diese Zierde all mein Leben – das heißt, voraussichtlich bis zur Majorsecke – tragen zu müssen, während ich Hundert gegen Eins wette, daß Hertwig . . .«

»Sei still!« unterbrach ihn Hertwig, »›Unkebunk‹!«

»Deine Braut, Eva von Armhart,« flüsterte Kofler.

Der kleine Holischka fuhr herum, alles Blut schoß in sein Gesicht, daß man nicht die Spur von Sommersprossen sah: »Und Röder und Jutta!«

Holischka rührte sich nicht von der Stelle, grüßte nur sehr tief, sehr förmlich; Röder grüßte steif und Jutta auch, Eva sehr liebenswürdig.

»Nun?« sagte Hertwig, »du kannst doch nicht angewurzelt hier stehen bleiben und all den gebildeten Kaffern ein Schauspiel geben?«

137 »Doch, ich bleibe angenagelt hier stehen und gebe den mehr oder weniger gebildeten Kaffern ein Schauspiel.«

»Das ist unnötig und herausfordernd,« rügte ihn Hertwig verstimmt, »so lange die Sache nicht völlig klar ist.«

»Sie ist klar,« sagte der kleine Holischka stolz und reckte sich wie ein kleiner Gockel. »Ich habe dir gesagt, ich nehme die Sache in die Hand, und ich habe sie in die Hand genommen. Du siehst, wie reizend Eva reagiert hat; jetzt, wo sie meine Exbraut ist, kann ich es ja sagen, daß sie ein reizendes Mädel ist, wenn sie nur will. Sieh, sieh, wie sie dem Egon Schneider verliebte Blicke zuwirft! Egon, das ist schön, das klingt, aber Hans . . .«

»Holischka, man könnte ›Iwan‹ sagen, das hätte doch auch geklungen, und Schneider klingt nicht,« bemerkte Kofler, um nur irgend etwas zu sagen, denn er hatte seine Blicke jetzt auf einen Punkt konzentriert. Frau Bezirksamtmann Horler mit Resa-Rosa war soeben auf den Bahnsteig getreten, hinter ihnen Amélie, ganz Sommer in rosa und weiß, einen großen Hut mit Rosen auf den Lockengewinden. Es summte und brummte in dem Knäuel aufs neue, Hüte hoben sich wieder und Köpfe senkten sich, Hände streckten sich aus, Lachen, Scherzen, hastige Reden, verstohlene Blicke über Resa-Rosas gesucht einfache Toilette hin, kleine Schreie und Neckereien unter den jungen Mädchen, die sich etwas beisammen hielten und Resa-Rosa und Amélie mit lebhafter, etwas allzulauter Freundlichkeit begrüßten und sich dann wieder zurückzogen, während Mama Horler mit hüpfenden Stopselzieherlocken in dem Kreis der Mütter untertauchte. Kofler ging mit einer kurzen Entschuldigung von Hertwig und Holischka weg und trat mit tiefer Verbeugung zu Resa-Rosa, ihr die Hand küssend, welch unerhörtem Vorgang . . . unerhört für die kleine Garnison . . . nicht nur sämtliche Augen der Mütter, sondern auch die der 138 jungen Mädchen folgten, deren hastig lustiges, kicherndes Gespräch plötzlich versickerte wie ein Bächlein im moosigen Grund. Die jungen Männer sahen spottlustig zu, Frau Bezirksamtmann verschlug es einen Augenblick die Rede, dann ging's in verdoppeltem Tempo, mit schönstem Glanz der Perlenzähne weiter. Nur Amélie hatte nichts gesehen, sie stand linkisch allein, ganz vereinsamt, und schaute schüchtern zu Holischka herüber. Seit ihrem Hiersein war es ihr überhaupt nicht gelungen, Anschluß an die jungen Mädchen zu finden; sie wollten und wollten auch heute nichts von ihr wissen, und Holischka bemerkte sie nicht. Sie fühlte sich unglücklich und allein und drehte beständig ihr weißes Sonnenschirmchen in der Hand.

Eva von Armhart trat zu ihr und begrüßte sie.

»Sind . . . sind Sie auch da?« stotterte Amélie, »und Ihr Bräutigam?« . . . da fiel ihr erst ein, daß man ja schon munkelte . . . »ach seien Sie mir nicht böse,« stammelte sie, »wie albern von mir, ich wollte nicht verletzen!«

»Das macht nichts!« beschwichtigte Eva, »Sie können es doch nicht wissen, daß es aus ist, Holischka war mein Bräutigam.«

»Oh, wie traurig,« murmelte Amélie; sie war in tödlicher Verlegenheit, denn ihre Mama warf ihr beständig befehlende Blicke zu, sie wünschte offenbar nicht, daß sie sich mit Eva von Armhart irgendwie einließ, und Amélie wußte nicht, was tun, stand wie ein Opferlamm und sah hilfeflehend zu Holischka hinüber.

»Gar nicht so traurig, wie man vielleicht denken möchte,« lachte Eva und versuchte möglichst laut zu reden, damit Leutnant Schneider, der schöne Egon, der in der Nähe stand, sie höre; sie war auch aus diesem und keinem andern Grund zu Amélie getreten. Schneider jedoch sah über Eva weg, er stand bei der hübschen Tochter seines Kommandeurs, die er so gut unterhielt, daß sie aus dem Lachen nicht herauskam.

139 »Daß nur Röder mit Jutta und Eva allein kommt! Ich begreife ihn nicht!«

»Hast du nicht gesehen,« antwortete Holischka, »wie er die Mädchen unter den Schutz der Frau Major Pohle stellte, und welches Gesicht die dazu machte? Kümmert sich auch weiter nicht drum!«

»Wie hast du denn die Sache eigentlich so schnell und gründlich geregelt, du bist ja der reinste Zauberkünstler?« fragte Hertwig.

»Wie? Ach, darüber reden wir ein andermal,« antwortete Holischka ausweichend, »und der Zug fährt auch eben ein, und dort kommt noch: schnell, schnell, Hertwig, Herr und Frau Gouverneur, besorge die Billette, ich begrüße die Herrschaften, ich fange sie ab und sage, du besorgst alles.«

Hertwig sprang sofort und besorgte die Karten mit mehr Eifer als Geschicklichkeit für den Gouverneur und die schöne und geistvolle Frau, für die er durchs Feuer gegangen wäre, die ihn immer bevorzugte, – ein Grund mehr für den Klatsch – wie das oft gewandte, geistvolle und überlegene Frauen gerade sehr jungen und etwas schüchternen Männern gegenüber tun, für die sie die Überlegenen, die Nachsichtigen, die hoheitsvoll Verehrten, halb Mütterlichen, halb Begehrten sein wollen.

Hertwig kam noch gerade recht mit den Karten, die er in seiner Erregung fallen ließ; in Hast mahnten die Schaffner zum Einsteigen, wie eine Schar Tauben flatterte alles auseinander, mit Geschrei und Gezwitscher und Gelächter, mit Drängen zur Eile und Gezappel und Getrippel, mit Rennen und Laufen von einem Abteil zum andern, denn der Zug war sehr besetzt und fast nirgends mehr Platz.

Der Gouverneur, ein großer, hagerer Mann mit einem kurz geschnittenen, grauen Vollbart, wurde ungeduldig und schob seine Frau in die nächste Türe, stieg nach, Holischka folgte, 140 aber Hertwig mußte in Eile schnell in ein anderes Abteil springen. Er tat dies mit einem Gefühl der Enttäuschung und doch einer gewissen Erleichterung. Es war ihm heiß geworden, er legte den Hut, keinen sehr neuen und keinen sehr modernen, neben sich, er freute sich, allein zu sein und war im Begriff, einen Brief aus der Brusttasche zu ziehen, da langte eine Hand über die niedere Bretterwand, die sein Abteil von dem nächsten trennte, und fuhr ihm in die Haare. Am tiefen Lachen, das erst allmählich höher wurde und sich immer höher und höher hob, wie zwitschernde Schwalben, erkannte er Eva von Armhart. Es war ihm nicht lieb, jetzt mit ihr zusammen zu sein, er hätte den Brief, den er vorhin erst empfangen, gern ganz gelesen; auch waren ihm unklare Situationen etwas sehr Unangenehmes, und er war nicht der Mensch, dergleichen mit einem Ruck aus der Welt zu schaffen, das ging bei ihm nur, wenn er in Wut war.

Als er aufstand, um hinüberzugehen, sah er erst, daß Röder und Jutta auch drüben saßen. Er begrüßte beide und fand, daß Röder etwas kühl und Jutta gleichgültig grüßte. Sie saß überhaupt dort, wie wenn ihr alles gleichgültig sei, meistens sah sie zum Fenster hinaus auf die leeren Felder, über denen die Sonne stand, und auf denen hie und da Kartoffelfeuer brannten, deren brenzlicher Geruch durch das geöffnete Fenster drang.

»Wo ist denn Eure Majorin?« fragte Hertwig, dem es des Klatsches halber unbehaglich war, daß die beiden Mädchen mit Röder allein fuhren.

»Die hat sich nicht weiter um uns gekümmert,« lachte Eva, diesmal mit ihrem tiefsten Alt, »und als sie den Dr. Neuert sah, vergaß sie ganz auf uns.«

»Eva, lern doch endlich einmal, vorsichtiger und vornehmer zu sein! Man kann euch nirgends mitnehmen,« rügte Röder, »kein Wunder, wenn es so geht.«

141 »Hättest du uns doch zu Hause gelassen!« fuhr Jutta gereizt auf, »ich wollte nicht mitgehen, mir macht die Komödie keinen Spaß!«

»Du solltest aber mitgehen.« Röder sah sie drohend an. »Du weißt, daß ich es wünschte.«

Jutta schaute zum Fenster hinaus und antwortete nicht mehr.

»Warum habt ihr denn euere Mutter nicht mitgenommen und Rapunzelchen?«

»Das kostet doch zu viel,« diesmal lachte Eva nicht, »es ist so wie so teuer genug, das bißchen Vergnügen, und Rapunzel hat einen geschwollenen Backen. Oh, sie wollte so gern mit! Sie hat sich jetzt in den Kopf gesetzt, daß Holischka sie liebt . . .«

»Rede doch nicht von Holischka, du hast gar keinen Takt! Von dergleichen spricht man doch nicht!« fuhr sie Röder mit einer Heftigkeit an, die gar nicht im Vergleich stand zu der Lapalie.

»Zu Hertwig kann ich das schon sagen,« bemerkte Eva trotzig und schaute Hertwig an, als wollte sie sagen: sieh, was er für ein Tyrann ist, hilf mir doch!

Hertwig hatte sich Ähnliches gedacht, die zwei saßen so trübselig vor ihm und Röder zornig, zudem sah Jutta so blaß aus, daß er sagte: »Du siehst gar nicht gut aus, Jutta, bist du nicht wohl?«

Ganz langsam drehte Jutta den Kopf nach ihm, ihre Augen standen voll Tränen, und es kam etwas in ihren Blick von einem gequälten Tier; einen Augenblick nur sah sie Hertwig an, dann drehte sie wortlos den Kopf wieder dem Fenster zu.

Nimmt sie sich das so zu Herzen, daß Röder sie tyrannisiert? Hat sie sein Tadel so sehr verletzt? dachte Hertwig, sie war doch sonst nicht so!

»Der dumme Klatsch und die ganze letzte Zeit, überhaupt,« sagte Röder hastig, »das ist, Gott sei Dank, vorbei. Mama ging wie eine Trauerweide umher und schrieb nicht einmal 142 mehr an ›Unkebunk‹, stritt nicht mehr mit Major Vierling, zankte nicht, daß Papa zur Großmutter und zum Kern ging, zog den berühmten Mantel nicht mehr an.«

»Rede doch nicht von dem berühmten Mantel! Du hast gar keinen Takt! Von dergleichen spricht man nicht,« rächte sich jetzt Eva und lachte so laut und so lange, bis Hertwig auch mitlachen mußte, obwohl er fühlte, daß dieses Lachen etwas Gemachtes hatte, genau wie die lange Rede Röders.

»Schau nur gefälligst nicht immer zum Fenster hinaus, Jutta.« Röder nahm ihre beiden Hände und hielt sie fest. Jutta drehte sich um und versuchte zu lachen, aber zwei helle Tränen liefen über ihre Wangen. Hertwig tat, als habe er nichts gesehen, und als Eva scherzend über den Brief sprach, den er nun nicht ganz gelesen, ging Hertwig scherzend darauf ein, und bald waren sie alle im Reden und Lachen: ein oberflächliches, gemachtes und seichtes Gespräch, das sich fortschleppte, bis ein paar Reisende einstiegen, sie näher zusammenrücken mußten und leiser sprachen.

Sobald Ernst Hertwig mit den »Kusinen« Armhart allein war, fand er den rechten Ton nicht, denn er setzte auch bei ihnen wie bei den andern jungen Mädchen mehr Bildung und Wissen, oder wenigstens mehr Wissensdrang voraus, als sie tatsächlich besaßen. Er selbst war so im Werden und Tasten, so glühend allem Wissen, aller Kunst und dem großen Leben gegenüber, daß er nicht verstehen konnte, daß andere junge Seelen nicht auch glühen und brennen sollten wie er. Er enttäuschte deshalb auch die jungen Mädchen, die nur »unterhalten, amüsiert« werden wollten, und es war nur Resa-Rosa, die sich nicht durch seine etwas schwerfälligen und ungewandten Reden beeinflussen ließ. Ihre ächt weibliche, kluge und gewandte Art fand sich gut mit ihm zurecht und wußte ihn richtig einzuschätzen. Sie besaß mehr Bildung als die andern jungen Damen 143 und vor allem mehr Intellekt. Sie wußte, daß Hertwig in ihr nicht wie die andern nur Stella, den Stern der Garnison sah, sondern ein geistvolles Geschöpf, und daß er Verständnis für ihr Wesen bewies.

Resa-Rosa verkehrte sehr wenig mit den jungen Damen vom Kasino. Bei den älteren war sie unbeliebt, von den jüngeren wurde sie halb beneidet, halb vergöttert, und jede bestrebte sich, ihr irgendeine Art oder Unart nachzumachen. Wenn Eva von Armhart sich einige Zeit bemüht hatte, ihren Vetter zu gewinnen, so war es zum Teil gewesen, weil sie die Vorliebe Resa-Rosas für ihn beobachtet hatte. Gegenwärtig hatte sie keine große Meinung von ihrem Vetter als »Helden«, während Jutta schon eher Auffassung für ihn besaß.

Eva war auf der einen Seite viel zu romantisch, auf der andern viel zu oberflächlich, wenn sie auch Respekt vor dem Lebensernst hatte, der in ihm stak. Ein Offizier sollte eben anders sein, strahlend, glänzend, der Eroberer, der Sieger . . . Egon Schneider!

Grübler und Denker, Büchermenschen und Weisheitsdurstige waren nichts für sie, zudem vermutete sie bei Ernst Hertwig eine stille und starke, heimliche Liebe.

Wie sie so dasaß, den weißen, kühnen Matrosenhut auf den vollen, roten Haaren, die Nase ein bißchen keck, die Augen glänzend, sah sie aus, wie wenn ihr nichts Kopfzerbrechen mache, und wie wenn sie mit ihrem Lachen und Gurren, mit ihrer Romantik und Schwärmerei prächtig durchs Leben zu kommen wüßte. Von allen Erfahrungen und Enttäuschungen, von allem Klatsch und aller Aufregung war nichts an ihr hängen geblieben. Ihre glänzenden Augen, ihre ewig durstig offenen Lippen sahen aus, als ob sie nur darauf warte, von einem anderen, aber »besseren« liebend in die Arme genommen zu werden.

144 Sie beugte sich, so weit sie konnte, hinaus und überschaute all die Fenster, an denen noch andere lachende und freudig erregte Gesichter, vom Wind zerzauste Mädchenköpfe, Herren, die auch wie die Damen ihre Hüte hielten, sichtbar waren. Auf einmal hatte sie Leutnant Schneider gesehen, der ihr zulachte, zuwinkte, der ihr eine Kußhand zuwarf, und nun war's um sie geschehen. Sie war nicht mehr vom Fenster wegzubringen, ihre roten Haare flogen im Wind, sie rief alle Augenblicke ein begeistertes Wort über die Landschaft den dreien zu, die am andern Fenster saßen und von früheren Zeiten sprachen, wo sie als Kinder draußen am Rhein gespielt hatten, das heißt, Hertwig und Jutta, denn Röder war Bayer und erst als Fähnrich in die Garnison gekommen. Hertwig wunderte sich, wie lebhaft und warm Jutta wurde, und wie sie nicht genug erzählen konnte. Sie erzählte mit einem Unterton von Wehmut, wie von etwas, das man unwiederbringlich verloren hat, das so schön war, wie nie mehr etwas kommen würde. Oh! Die Zelte und Hütten, die sie am Rhein bauten! Dies Lagern im warmen Sand unter den Laubzweigen, die sie zur Hütte zusammengefügt; grüne Schatten warfen sie, und kleine Sonnenkringel tanzten am Boden; die Hitze brütete draußen, und nichts rührte sich. Sie lagen auf ihren Grasbetten, halb im Schlaf, und doch die zitternde Sonnenluft genießend, vor sich den breiten, sacht und groß dahingleitenden Strom, drüben die Rheinniederung und die Wälder der Insel, darüber graulichweiß flimmernde Höhenzüge. Dampfer kamen langsam heraufgeschwommen, Lastkahn um Lastkahn zogen sie nach, eine lange, gleitende Kette, ein Zug donnerte über die Brücke, von fern hörte man das Surren der Baggermaschine . . . all diese Eindrücke waren kaum bewußt, zogen verwischt vorbei und vermischten sich mit dem Teergeruch der Pontons, der flimmernden Hitze und dem leisen Wellengang des Rheins zu einem 145 starken Akkord, dem man sich, ganz in Hitze aufgelöst, ergab. Ob Hertwig das noch wußte? Und die Streifereien um die Altwasser, das Losbinden der Kähne, halb in Angst, entdeckt zu werden, und halb in Erobererlust im Schilfe und unter den Weiden dahin, hinein ins Röhricht, unter den Erlen des Ufers durch; die Mädchen kreischten, eine Mütze fiel ins Wasser . . . Wie sie sich verbargen, wenn sie drüben am Ufer Schritte hörten! Unter den Ästen, hinter den Stämmen, mit hämmernden Herzen, bis die Schritte verhallt waren . . . Die Raubzüge in die Dörfer, ins Badische, um Eier und Butter zu kaufen; die sauberen Häuser mit den Blumenfenstern, die Leute, die eben die Dorfstraße kehrten, Pferde, die in die Schwemme geritten oder im Dorfbache gewaschen wurden, schwätzende Mägde mit Eimern und Bütten am Brunnen – es waren meist die Samstage – die heißen Dorfplätze, darauf mächtige Linden, die Plätze mit hohen Steinen eingefaßt, die durch Ketten verbunden waren, oh, was konnte man da schaukeln! Dann die kühlen Hausflure, in denen es nach Kuchen roch! Hie und da kriegte man auch ein Stück zu den Eiern obendrein! Und die Fliedersträuße, die man mitbrachte, die Pfingstrosen, die Federnelken! Überhaupt die Bauerngärtchen! Hertwig und Jutta hörten gar nicht mehr auf mit: weißt du noch? Und da und dort? Und Hertwig dachte sich, sie ist eigentlich im Grunde ein gutes Ding, nur verschroben, schrullig. Die Mutter! Die Mutter!

Röder saß gelangweilt dabei, zuletzt sagte er: »Nun, Jutta, nun bist du ja auch einmal munter.« Er lachte scheinbar ganz gutmütig dazu, aber Hertwig sah, daß Jutta zusammenschrak, wie wenn sie erwache, daß ihr Gesicht einen ganz andern, einen ängstlichen und gespannten Ausdruck annahm, daß ihr Mund zuckte und ihre Züge schlaff unter dem viel zu kecken Matrosenhut aussahen, und die Augen ihre Helle verloren. Sieht so eine glückliche Braut aus, dachte Hertwig und bemühte sich, nicht 146 hinzusehen, wie Röder Juttas beide Hände nahm, sich vorbeugte und ihre Augen suchte: »Geh komm Schatz,« sagte er leis . . .

Draußen flog die Landschaft vorbei. Noch grünten die Wiesen, hie und da weideten ein paar Kühe, ein lustiges Dorf mit bunten Dächern und weißen Mauern, Bäume noch voll beladen mit Zwetschen zogen vorüber. Die Linien der Hügel rückten näher; schon konnte man die Sandhänge, die Weinberge, den Wald, Felsen und dort gar eine Burg unterscheiden. Aus den Taleinschnitten schauten neue, grüne Berge, neue Burgen, neue Felsen.

Dann hielt man an einer größeren Station. Ein paar Offiziere der dortigen Garnison stießen zu den Ausflüglern, auch ein paar Damen. Eva war sofort, nachdem der Zug gehalten, heruntergesprungen und trieb sich so lange draußen herum, bis sie einer der Offiziere erspäht hatte und ihr einfach in den Wagen nachstieg.

»Eva oder das Paradies?« fragte er keck. Und Eva nickte überglücklich, daß ihr Ruhm in die ferne Garnison gedrungen war, daß sie der hübsche Leutnant kannte, ohne sie eigentlich zu kennen. Eine Vorstellung hielt er für überflüssig.

Mit glücklichem, strahlendem Gesicht war sie hereingestolpert, nun begann auch bald ein emsiges Hin und Her der Augen . . . Röder und Hertwig wechselten ein paar Worte mit dem Neueingestiegenen, den sie vorstellten, dann saßen sie wieder still, bis sie am Ziel ankamen.

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