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Anna Croissant-Rust: Unkebunk - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleUnkebunk
authorAnna Croissant-Rust
year1921
firstpub1921
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleUnkebunk
pages398
created20131207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Assessor Kofler, der neue Bezirksamtsassessor, war ein Schulkamerad des »gewaltsamen« Bräutigams Holischka, und das erste, was er an seinem neuen Wohnorte erfahren hatte, war die ihm in lachendem Spott überbrachte Kunde von der kuriosen Verlobung seines Kameraden und Spielgenossen, den er ab und zu noch später in München getroffen, und dessen Schwäche und Nachgiebigkeit er sehr wohl kannte. Da er ein außerordentlich erregbarer Mensch war, verstimmte ihn diese Nachricht tief, ohne daß er eigentlich wie ein Freund an Holischka hing, so daß ihm etwa sein Wohl gleich dem eigenen gewesen wäre. Die an und für sich gewiß komische Sache verwebte sich für ihn mit dem ganzen Fluidum der Stadt sowohl, das er sofort als feindselig empfand, als auch mit dem nüchternen, engen, ja schmutzigen Bilde der Festung, wie es sich ihm an diesem trübseligen Tage darstellte, und das Gespräch, das er mit Hertwig führte, der in ähnlicher Stimmung 108 war, diente durchaus nicht dazu, ihn aufzuheitern, oder seine Erwartung auf sein zukünftiges Leben hier zu steigern. Er hatte Hertwig flüchtig in München kennen gelernt, in dem Kreise, dem Hertwig angehörte, hatte sofort Sympathie für den jungen, etwas scheuen Offizier empfunden, und es war ihm wie eine gute Verheißung erschienen, wenigstens ihn hier zu haben.

Als er den großen, schlanken Leutnant auch vor Holischkas Tür getroffen, war's für ihn ganz natürlich gewesen, sich mit Hertwig über die ganze Affäre auszusprechen, und als er ihm jetzt die Hand zum Abschied reichte, eine schmale, sensible Hand, sagte er, und es schien fast, als sei er ein bißchen unsicher: »Wollen wir uns nicht öfter treffen, als es die gesellschaftlichen Veranstaltungen mit sich bringen, oder haben Sie zu viel andere Verpflichtungen? Mir graut vor dem öden Leben in dieser Stadt.«

Hertwig errötete. Es war schon in München sein lebhafter Wunsch gewesen, öfter mit Kofler zusammenzutreffen. In seiner jugendlichen Schüchternheit hatte er aber nie gewagt, mit den gemeinschaftlichen Bekannten oder Freunden davon zu sprechen, oder gar seinen Wunsch dem älteren und gebildeteren Manne gegenüber Ausdruck zu verleihen, obwohl er das Gefühl hatte, daß jener auch an ihm ein gewisses Wohlgefallen empfand. Daß der Ältere nun hier, wo ein intimerer Verkehr geradezu eine Wohltat für diese zwei etwas eigenartigen Naturen war, die aus dem Rahmen des alltäglichen kleinen Garnisonlebens herausfallen mußten, das Verlangen nach einem engeren Zusammenschluß so bald und so deutlich aussprach, überraschte Hertwig und machte ihn glücklich, aber auch befangen. Es war ihm ja stets schwer gewesen, Fremden gegenüber das richtige Wort für seine Empfindung zu finden, ohnedies stets gehemmt durch seine lückenhafte Erziehung, die ja auch nichts weniger als eine Erziehung fürs Leben, für den Offizier oder gar für die 109 Gesellschaft gewesen, und durch sein Temperament, dem alles Rasche, Treffende, Zugreifende fehlte. Doch hatte er bei dem Assessor deutlich die starke Empfindung, daß er ihn auch ohne vieles Reden verstehe und seine Unbeholfenheit richtig zu deuten wisse. So begnügte er sich damit, Kofler kräftig, mit sichtbarer Freude die Hand zu schütteln und ihn mit seinen etwas zu nah beisammenstehenden, treuen Augen anzusehen, die viel vom stetigen, unbeirrbaren und glänzenden Blick des Hundes hatten und dem Assessor mehr zu sagen wußten als tausend korrekte Worte eines korrekt erzogenen Menschen mit korrekter Kinderstube.

»Ich werde nachher noch einmal zu Holischka gehen, vielleicht läßt mich der alte Drache doch hinein, wenn ich allein bin, mich kennt sie ja schon lange,« sagte Hertwig noch.

»Ja, tun Sie das! Man muß dem armen Kerl auf die Beine helfen; allein kommt der nicht dazu aufzustehen, er fällt immer wieder um, und er ist zu bequem oder zu feige, sich zu sagen: ›Du mußt, zum Deiwel‹.«

Und nochmals schüttelten sie sich an der Straßenecke die Hände, da ging Resa-Rosa vorbei. Hertwig errötete und ärgerte sich, daß ihm das vor Kofler passierte, der am Ende ganz falsche Schlüsse zog.

»Wer ist denn diese junge Dame?« frug der Assessor. »Eine ungewöhnlich fesselnde Erscheinung, keine Linie Kleinstadt. Wie kommt denn die hierher?«

»Das ist Resa-Rosa, oder Stella, der Stern der Garnison, die Tochter Ihres Chefs,« sagte Hertwig, und beide sahen noch immer Resa-Rosa nach.

»So? . . . Jedenfalls ein selten schön gewachsenes Weib. Sehen Sie doch diese Harmonie des Körpers, und diesen Rhythmus der Bewegungen, sie muß entzückend tanzen.«

»Sie gilt als die beste Tänzerin,« antwortete Hertwig, etwas 110 verwirrt durch die Art des Assessors, die ihm ungewohnt war.

»Es liegt so viel verhaltene Leidenschaft in der Kopfhaltung, freilich auch etwas allzu bewußtes, das mich stört. Aber die Linien ihrer Schultern, die ein klein wenig abfallen, wie hilflos, sind entzückend, sehen Sie doch!«

»Aufrichtig gesagt, darauf hin habe ich sie noch gar nicht angesehen,« meinte Hertwig, »ich verstehe wohl zu wenig davon; ich finde sie sehr schön und pikant, sie ist auch bei weitem das klügste Mädchen hier.«

»Gebildet? Ich meine wirkliche Bildung?«

»Kommt man denn jemals dahinter?« seufzte Hertwig, »alles erstickt in der seichten, oberflächlichen Art des Verkehrs. Die jungen Mädchen sind ja gar nicht daran gewöhnt, über etwas Ernsthaftes zu sprechen. Spricht man etwas anderes als Schäkereien oder Phrasen, so finden sie einen gräßlich langweilig oder äußern sich, daß sie nicht angeödet sein wollen. Ich weiß nichts mit den hiesigen Dämchen anzufangen.«

»Diese hier, wie sagten Sie doch, Resa-Rosa auch? Sie sieht nicht so aus . . .«

»Nein, sie ist intelligent und klug; vielleicht hat sie zu viel Lebenshunger . . . ich, nein ich kenne sie nicht ganz, wenn ich auch viel von ihr weiß.«

Unwillkürlich langte er nach der Brusttasche. Dort hatte er ein Bild von Johanna liegen, und, während seine Augen dunkel wurden, sagte er in tiefen Gedanken: »Nein, diese nicht.«

Der Assessor bemerkte seine Gedankenabwesenheit kaum: »Sie wird mir interessanter dadurch,« murmelte er.

»Es sind gewiß viele Möglichkeiten in ihr, auch viele Hemmungen,« suchte Hertwig, sich zu verbessern, »Sie werden ja sehen.«

»Vielleicht kann ich das gleich morgen sehen,« meinte der 111 Assessor, und nun schüttelten sie sich zum drittenmal die Hände.

Der Assessor ging mit viel schnelleren und elastischeren Schritten von Hertwig weg als vorhin von der Tür des kleinen Holischka. Diese öde, graue Stadt, die, eingepfercht zwischen hohen Wällen, in Nebel und Regen versunken lag, erschien ihm auf einmal nicht mehr so grau und hoffnungslos. Sein Tempo wurde merklich schneller, doch er kam der eleganten Gestalt, die rasch vor ihm her schritt, kaum näher. So sehr es ihn reizte, das Gesicht der graziösen Schönen ebenso genau zu sehen wie ihren tadellos gebauten Körper, so sehr vermied er es, auffallend schnell zu gehen, und eben, als er glaubte, ihr endlich nahe zu sein, verschwand das schöne Mädchen in einer Haustür zur Rechten und verbarg ihr Gesicht beim langsamen Zusammenfalten des Schirmes. Kofler begriff sofort: Resa-Rosa hatte sich so plötzlich hinter dem Schirm verborgen, weil auf der andern Seite der Straße ein Offizier ging, der sie grüßte, und dessen Gruß sie ausweichen wollte. Dem Assessor fiel der Ausdruck des großen, etwas brutal aussehenden Mannes auf, und er brachte ihn in Zusammenhang mit dem schnellen, fast fluchtartigen Verschwinden des »Sterns der Garnison«. Welches Band bestand wohl zwischen diesem Manne, der mit höhnisch verzerrtem Gesicht wie ein Gezüchtigter weiterging, und Resa-Rosa?

Er verlangsamte seinen Schritt, verfolgte die Straße bis zu Ende und kehrte um. Zu seiner Genugtuung sah er den feinen Kopf Resa-Rosas wieder unter der Türe auftauchen. Vorsichtig, wie ein kleiner Vogel, spähte sie zuerst die Straße hinunter. Als sie den Offizier nicht mehr sah und ihr nur ein Unbekannter entgegenkam, trat sie, die auffallend roten Lippen trotzig aufgeworfen, noch immer erregt aussehend, auf die Straße. Sie sah den unbekannten Herrn kurz und abweisend an, wie wenn 112 sie ihn auf einer Indiskretion ertappt hätte, ein Zug von Hochmut kam in ihr blasses Gesicht, mit einem Ruck hob sie ihre Röcke auf, senkte den Schirm tiefer und beeilte sich um die nächste Ecke zu kommen.

*

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