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Anna Croissant-Rust: Unkebunk - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleUnkebunk
authorAnna Croissant-Rust
year1921
firstpub1921
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleUnkebunk
pages398
created20131207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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In dem für heute abend phantastisch aufgeputzten Wohn-, Schreib- und Empfangszimmer des Hauses Armhart saßen Röder, Hertwig und Holischka allein. Die drei Grazien des Hauses überließen es Röder, die Honneurs zu machen, denn sie und die Mama hatten es noch viel zu notwendig mit Vorbereitungen. Von Zeit zu Zeit liefen sie lachend und girrend durch den »Salon«, die Braut legte ihren Kopf einige Augenblicke an des Bräutigams Brust und verschwand wieder. Vom Gang her kam ein merkwürdiger Geruch von angebranntem Braten und übergelaufener Milch; man hörte fortwährend Türen zuschlagen, scheltende, quietschende und lachende Stimmen, Tellerklappern und Gläserklirren. Leute kamen, die Sachen brachten und durch den Korridor tappten, dann ging wieder ein Rennen treppauf und treppab los – es war gerade, als 65 beginne man eben erst mit den Vorbereitungen zum Verlobungsmahl.

Die drei Offiziere saßen fast feierlich da und sprachen kaum, Holischka hatte sich in die dunkelste Ecke gedrückt. Durch die Fenster, die gardinenlos waren, weil es die Baronessen so »schenialer« fanden, sah man auf einen milchigen Himmel, durch den der Mond unsicher wie eine fremde, unheimliche Lichtquelle schien. Hie und da steckte die Baronin ihren Kopf mit der altmodischen Scheitelfrisur zur Tür herein. Sie flüsterte wie jemand, der ein schönes Weihnachten versprechen kann und die Erwartung noch hinausziehen und dadurch steigern will: »Gleich! Gleich! Einen Augenblick noch!« Sie sagte das strahlend und sicher, wie wenn das ganze Fest in voller Ordnung verlaufe.

Man hörte Halb schlagen.

»Halb zehn Uhr,« sagte Hertwig ungeduldig.

Der kleine Holischka seufzte tief, wobei ein merkwürdiges Echo in seinem Leibe erwachte, wie wenn es in kleinen, verborgenen Höhlen zu rumoren und entfernt zu donnern anfinge.

»Ich habe Magenstörungen,« entschuldigte sich der kleine Holischka, »der Käs drüben im Badischen . . .« dabei dauerte das starke Dröhnen im Unterleibe an, was ihn nervös machte.

»Und ich habe furchtbaren Hunger trotz dem Käs,« sagte Hertwig zornig, »können die sich denn nicht etwas beeilen?«

Er war am Nachmittag mit Holischka im Badischen drüben gewesen; sie waren in einer blitzblanken Wirtschaft eingefallen, durch deren weinumrankte Fenster man die Aussicht auf den breit und ruhig fließenden Strom, auf die in der Ferne erscheinenden Konturen des Speyerer Doms, die Linien der Haardt, und auf die im Abenddunste silbergrau schimmernde, bewegte Mauer der Bäume drüben auf der Insel hatte. Friedlich und wie weltentrückt waren sie hier bei ihrem 66 Schoppen Wein und ihrem duftenden »Handkäs« gesessen, hatten die anmutige Heiterkeit dieser blanken Stube mit den Astern- und Resedensträußen auf den Tischen genossen und das ganze Elend ihres Vegetierens und Scheinlebens in der kleinen Garnison vergessen, das Leben der »Surrogate« und des »Sichbetäubenmüssens« um jeden Preis. Erst auf dem Heimweg waren sie wieder, wie schon so oft, auf dies für sie unerquickliche Dasein gekommen, das jeden wundstieß und aufrieb, wenn er nicht der geborene Soldat war . . .

Hertwig mußte die Zähne aufeinander beißen, so packte ihn plötzlich die Sehnsucht . . . und kein Ausweg dieses Wirrsals . . . vielleicht sehnte sie sich auch nach ihm, vielleicht liebte auch sie ihn . . . und wie er, wollte sie heraus aus der Enge ihrer Verhältnisse, wollte wachsen, sich entfalten können, leben.

»Unkebunk!« schrien die drei Baronessen und stürmten hintereinander zur Tür herein, »Unkebunk!« Wie wenn dies mysteriöse Wort allen andern auch dasselbe bedeute wie ihnen. Sie hatten sich in phantastische Gewänder gehüllt, was ihrem und der Mutter Sinn ganz entsprach. Über ihren Mullfähnchen hatten sie lange, tunikaartige Überkleider aus Schilfblättern, um den Ausschnitt der Kleider legten sich Seerosen und Schilf, durch die aufgelösten Haare wand sich ein Kranz von Seerosen. In den Armen trugen sie Schilfblätter, mit denen sie, den Eßtisch rhythmisch umwandelnd, den etwas schäbigen Teppich bestreuten, und einige Binsen legten sie noch malerisch verstreut auf das »weiße Linnen«. Dann entzündeten sie ein paar Lampions, gerade über der Beethovenbüste, und man sah jetzt, daß der weiße, finstere Tonheros genau denselben Kranz, aus Binsen geflochten, trug, wie ihn die Töchter halb im Ernst, halb im Spaß der Mutter und verkappten Dichterin aufnötigten.

»Unkebunk,« sagten sie noch einmal, diesmal feierlich. Eva bog 67 sich vor affektiertem Lachen, als sie die verdutzten Gesichter der Offiziere sah. Röder nahm Juttas Arm und sagte ärgerlich: »Was ist denn das für ein Unsinn, ›Unkebunk‹? Das habt ihr doch nie vor mir gesagt!« Ehe Jutta antworten konnte, fing Eva schon an, ihre prachtvolle Mähne schüttelnd, die sie heute als Rheinnixe mit Fug und Recht trug: »Unkebunk ist für uns der Ausdruck alles Schönen, aller Sehnsucht und aller Freude. ›Unkebunk‹, lieber Schwager, mußt du wissen, ist das Schloß, das früher draußen am Rheine stand, das Schloß unserer Ahnen, das nun leider verschwunden ist bis auf den letzten Stein . . .«

»Und das strahlend wieder auferstehen soll durch mich! Unsere Sehnsucht, unsere Zukunft, unser Ziel: ›Unkebunk‹!« rief die Mama und wehte begeistert mit einem Taschentuch.

Auf dieses Zeichen hin öffneten sich die Türen, und es erschien die alte Aufwärterin, die Burgissen, und der Schnepper Peter, Röders Diener. Die Burgissen trug eine gigantische Haube über dem verschrumpelten, kleinen Gesicht und der Schnepper ein Paar gigantische weiße Handschuhe, deren Finger fast wie Verzierungen an der Suppenterrine herunterhingen, die er trug.

»Gott sei Dank,« sagte Hertwig halblaut, und Holischka seufzte tief, wobei wieder das unterirdische Grollen und Donnern in seinem Leibe einsetzte.

»Ich habe eine Magenverstimmung, Verzeihung,« stotterte er. Man hatte ihn neben Eva plaziert, dann kam Rapunzelchen, oben saß Hertwig dem Brautpaar gegenüber, der Stuhl an seiner Seite war leer.

»Ach Gott, der Babbe! Mir haben den Babbe vergessen!« rief die Baronin erschreckt.

»Der Papa fehlt noch, das ist gut,« fuhr Röder auf. »Warum hast du nicht dafür gesorgt, daß er rechtzeitig da ist, Jutta?«

68 Die Braut zuckte die Achseln und sagte nachlässig: »Ich weiß nicht, wo er ist.«

Eva lachte laut, und nur Rapunzelchen meinte sachlich: »Sucht man ihn eben.«

»Wißt ihr denn, wo er ist? Wir haben nämlich Hunger, es ist bald zehn Uhr.« Hertwig zog die Uhr und hielt sie der alten Baronin hin.

»Wo wird er denn sein? Beim Kern drüwwe! Rapunzel, zieh mein Rädche an, Kind, und hol'n.« Und Rapunzel ging, ohne eine Miene zu verziehen – sie kannte diese Gänge – zum Kern, nicht ohne sich den Universalmantel über ihr Nixenkostüm zu werfen und vorne hoch zu drapieren, um nicht zu stolpern.

Aber der Baron saß heute nicht beim Kern, sondern im Dunkel oben in der Mansarde bei der »alten Möllern«. Sie saßen ganz still, der Baron auf dem Kanapee, die Alte am Fenster. Sie sah auf die Straße, von der die Laternen heraufblinzelten, und auf der man nur hie und da einen Tritt vernahm, dessen Hall sie nur widerwillig hergab. Die gegenüberliegenden Dächer sahen schwarz und drohend aus, und als ob sie sich auf das Fenster der alten Bäuerin werfen wollten. Die saß da, die Hände im Schoß gefaltet, und ruhte. Licht zündete sie keines an, wozu? Sie hatte genug gearbeitet am Tag, der Rücken schmerzte sie; nun hatte sie Feierabend und brauchte den Rücken nicht mehr zu straffen. Nie würde sie sich das am Tage erlaubt haben, wenn sie jemand sah. Dann saß sie aufrecht, die Falten der altväterischen Jacke fest heruntergezogen; ohne Kissen saß sie da. Heute aber lastete mehr auf ihr als nur Müdigkeit, das Ruhebedürfnis. Das war ihr doch vorhin ins Herz gefahren, als der Baron sagte: »Sie feiern Verlobung drunten.«

»Ei, wer denn?« fragte sie hastig und konnte das Zittern ihrer Stimme nicht verbergen.

69 »Noñ, die Älteste. Es geht doch da auch der Änciennität nach,« antwortete er bitter.

»Un Sie?« (Sie hatte den Baron niemals »du« geheißen.)

»Ich bin nit eigeladen und Ihr auch nit, 's Binche hat's übersehen. Es hat zu viel zu tun mit ›Unkebunk‹.«

Die Alte nickte. Sie wußte es wohl. Darüber konnte alles zugrunde gehen, sie konnte heroben sterben und verderben, ein Glück, daß sie noch die Stiegen auf und abkrabbeln konnte! Der eigene Mann konnte da oder fort sein, die Kinder gesund oder krank . . . wenn nur »Unkebunk« gedieh.

»Weller is dann?« fragte Großmutter und neigte sich zu dem alten Offizier, wie wenn sie nicht laut fragen dürfe. »Weller? De Vierling oder de Röder?«

»Der Röder. Kein schöner Name,« meinte der Baron. »Holischka wär schöner, sagt das Binche.« In der Tat war der Name nicht nach dem Geschmack der Baronin. Röder, das klang trocken, eindeutig, bürgerlich, durchaus nicht hintergründig. Holischka dagegen. Da ließ sich allerlei herauswittern und hineingeheimnissen! Eine uralte Familie natürlich, Hussitenkrieg und Schlachten, ungarische Reiter, weite Steppen, die Pusta oder etwa gar Schlachzize . . .!

Großmutter Möller tappte nach Zündhölzern und die Lampe blitzte auf. »Scheen oder nit scheen,« sagte sie, »wann er sie nor heirat'.« Da klopfte es an die Tür, und Rapunzelchen, angetan mit dem genialen Rädche, aus dem sich der Seerosenkranz hob, erschien mit ziemlich unwirschem Gesicht und hinter ihr Ernst Hertwig.

»Siehst du, Ernst, da sitzt er, der Papa, und ich muß zum Kern nüberlaufen. Warum warst du denn nicht beim Kern? Du bist doch immer beim Kern, bei festlichen Gelegenheiten . . . Meinst du, eine Verlobung ist keine festliche Gelegenheit, oder wir feiern alle Tage Verlobung?«

70 »Still, Rapunzel! Wir wollen doch nichts weiter als den Papa holen und die Großmutter auch. Ja ja, Großmutter Möller, Sie müssen vor allem mit!« Und dabei schob er ihren Arm durch den seinen und wollte sie trotz ihres Geschreies fortziehen. Natürlich, die Großmutter hätten sie wieder oben sitzen lassen, die war nicht standesgemäß! Erst recht mußte sie mit, das Schnütchen, das Rapunzel zog, war ihm gleichgültig. Die Weigerung der Alten war ja nicht ernst gemeint, sie ging gern in ihr Kämmerchen, um sich umzuziehen. Die Staatshaube mußte her, die seidene Staatsschürze dazu, und die Brosche mit dem verstorbenen »Nikla« sollte das weiße Spitzenkrägelchen zusammenhalten. Wenn nun einmal Verlobung war und sie mußte hin, sollte der Nikla auch dabei sein! So ging sie mit Hertwig die Treppen hinab, Rapunzelchen und der Vater folgten. Der Baron von Armhart hielt den Kopf gesenkt; Rapunzel hatte recht: wenn er ein bißchen Geld hatte, ging er zum Kern, ein Schöppche trinken, zwei und drei auch manchmal. Er gab zu viel Geld aus beim Kern . . . es ging ihm nichts über den Kern; das bißchen Behaglichkeit, Freundlichkeit und Wärme, das er brauchte, holte er sich beim Kern und bei der Großmutter. Bei der Großmutter kostete es nichts, aber beim Kern waren leider die kleinen, seligen Räuschlein zu teuer, und er konnte sie sich so selten gönnen! Er senkte den Kopf tiefer: Beim Kern standen . . . wie viel war es wohl? Nur heute nicht daran denken, heute feierten sie Verlobung und hatten gewiß für einen trinkbaren Tropfen gesorgt, und er durfte mittrinken! Er war doch der Vater der Braut, der Urheber ihrer Tage, eigentlich die Hauptperson. Sein Gesicht verklärte sich, und er trat als Erster in das Zimmer, schon an der Schwelle dienernd. Dann machte er ein paar Schritte vor, schüttelte Röder beide Hände, schaute ihn unbeholfen an und machte Miene, ihn zu umarmen. Nur war das nicht möglich, 71 denn Röder hielt seine Hände fest und verbeugte sich dabei ziemlich steif. Holischka grüßte korrekt, wie man einen Vorgesetzten grüßt, und endlich saß der alte Offizier, selig, drei Uniformen an seinem Tisch zu haben.

Als er saß, gewahrte die Baronin erst die Mutter, die sich hinter ihm gehalten hatte. Sie vergaß sofort alle Haltung und Würde: es erschien ihr so ganz und gar unglaublich, so ganz und gar märchenhaft, daß sich die »alt Möllern« heruntergemacht hatte, und sie rief aus: »Ja, wie kommscht dann du daher? Wer hat dann dich geholt? Alte Leit' hören um die Zeit ins Bett!«

»Nein, auf den Ehrenplatz!« sagte Hertwig bestimmt, führte die Alte an den Kopf des Tisches und stellte sie Holischka vor.

Die alte Bäuerin knickste, daß sich die Schürze bauschte, und Holischka fiel vor Verlegenheit der Zwicker von der Nase. Er bückte sich unter den Tisch, und Eva bückte sich auch. Er fuhr in die Höhe, wie wenn er gestochen worden wäre; er hatte einen heißen Mund auf seiner Hand gefühlt . . . War das ein Haus! Was einem da nicht alles passieren konnte! Eine alte Bäuerin saß mit am Tisch, unter dem Tische kriegte man glühende Küsse und auf dem Tisch nichts zu essen! Dabei polterte und rumorte es in ihm, lauter und lauter, daß er sich zu Eva neigen mußte: »Ich habe eine Magenverstimmung, Baronesse, Verzeihung.« Eva lächelte ihn an, glühend sprang sie auf, klatschte in die Hände und rief: »Das ist nett, das ist lieb, daß Großmamachen auch da ist! Das ganze Haus ist beisammen! Aber nein, Mama! Major Vierling fehlt, den müssen wir noch holen, ja, der Arme sitzt allein wie ein Uhu auf seiner Bude! Er muß Verlobung mitfeiern, ein Kavalier für Rapunzelchen, nicht, Jutta? Nicht, Röder?«

Röder, der in Gedanken mit der Hand seiner Braut spielte, die Augen starr auf irgendeinen eingebildeten Punkt gerichtet, 72 raffte sich zusammen, drückte Juttas Hand so fest, daß sie aufschrie, und rief: »Natürlich Vierling auch, holt Vierling, preßt Vierling, er soll auch Familienglück mit genießen, aber presto! presto! Wir kommen sonst um vor Hunger. Fangen wir doch endlich mit der wieder aufgewärmten Suppe an, auf den können wir nicht warten. Der sitzt in Unterhose und Schlafrock da und hält sich an seiner langen Pfeife. Bis der seinen äußeren Menschen in Ordnung gebracht hat zu der Jubelfeier, sind wir mit der Jubelfeier, sind wir mit dem Festessen fertig.«

»Also presto–o–o Rapunzelchen,« rief Eva übermütig, »hole den Major, ich sorge, daß die Suppe sofort kommt.« Und ihre rote Mähne wie eine Mänade zurückwerfend, riß sie der alten Burgissen die Terrine aus der Hand und setzte sie vor Mama Armhart hin. Ergeben stand die alte Burgissen mit leeren Händen da, man war ja an alles gewöhnt in diesem Hause, während der Schnepper Peter mit militärischer Präzision einen hohen Stoß Teller neben der Terrine aufpflanzte.

Er wußte ganz genau, was alles im Hause geschah, die Burgissen hatte alte, blöde Augen und er junge und scharfe. Sie hatte niemals, wie er, die kleinen Briefchen in aller Herrgottsfrühe an seines Herrn Tür stecken sehen, und nicht nur an der Tür seines Herrn, auch an der des Herrn Majors! Sie wußte nicht, daß sein Herr sie oft zerknüllte, und der Herr Major schmunzelnd einen Fidibus daraus drehte. Oh, sie schienen ausgezeichnete Fidibusse abzugeben, der Herr Major zündete zu gern seine Pfeifen damit an.

Als Rapunzelchen an die Tür des alten Junggesellen kam, besann es sich eine Weile. Eigentlich hatte es naiv, frech und selbstbewußt, wie es war, ohne Anklopfen ins Zimmer fallen wollen, denn der Backfisch dachte sich das reizend, den schmunzelnden, altväterischen Major zu erschrecken. Wie komisch, wenn er wirklich in dem von Röder beschriebenen Kostüm dasäße 73 und sich an der langen Pfeife hielte! Sie kicherte vor sich hin: »Die Augen!« Die Mausaugen die er machen würde! Gewiß würde sein rötliches, hageres Gesicht, das so seltsam vom Graublond seiner Haare abstach, braunrot werden vor Verlegenheit, ein Fest für Rapunzelchen! So mochte sie ihn leiden, aber wenn er die spöttische Miene aufsetzte oder gar gute Lehren geben wollte wie der wohlgeborene Vetter Ernst Hertwig . . . Brrr! Da war er ihr bis in den Tod zuwider. Denn dann war er der alte Herr, die Respektsperson, der Major in Pension, eben die Partie! Sie liebte ihn vielmehr, wenn er Schabernack mit ihr trieb, sie als Kind behandelte, um die Ecken mit ihr jagte, sie in die Wangen und in die Waden kniff! Das war lustig! Freudestrahlend kam sie stets von einer solchen kleinen »Hetze« herunter. Es prickelte sie in den Fingern, einfach auf die Klinke zu drücken, aber sie besann sich doch. Das war nicht schicklich, und sie war eine Baronesse Armhart; so klopfte sie leise und artig an. Drinnen ertönte ein sehr volltönendes Räuspern, ein Stuhl wurde gerückt, Schritte kamen zur Tür, und auf einmal stand Major Vierling im Türrahmen. Richtig in dem untern Kostüm, das Röder prophezeit hatte; als zweites Bekleidungsstück trug er einen viel zu engen Schlafrock, und als drittes hielt er beim Anblick der jungen Dame die ausgebreitete Frankfurter ungezwungen und natürlich vor sich hin. Da es ihm wohl komisch vorkommen mochte, in diesem Aufzug eine gesellschaftliche Verbeugung zu machen, wie er das sonst stets nach allen Regeln seines verflossenen Tanzmeisters (von anno Tubak) tat, salutierte er mit der rechten Hand, wie wenn er dem inspizierenden General gegenüberstünde, und Rapunzelchen, das dreiste, das noch vor ein paar Jahren lange Nasen hinter dem flinkbeinigen Major hergemacht, stand nun in Verlegenheit und wußte kein Wort vorzubringen. Erst als er noch einmal salutierte und die dicken Filzschuhe zusammenschlug, 74 salutierte es instinktiv auch, brach in prustendes Lachen aus und schrie förmlich: »Zur Verlobung sollen Sie hinunterkommen zu uns. Nämlich einen schönen Gruß von der Mama, von Röder und der Braut,« und dabei rannte aber Rapunzelchen schon die Treppe herunter, Hals über Kopf, halb belustigt und halb beschämt, denn es wollte der kleinen Baronesse plötzlich scheinen, es schicke sich nicht für eine angehende Dame, einen Herrn zu holen, wenn es auch zu einer außerordentlichen Gelegenheit war. Der Major rief, pfiff, rief wieder, doch Rapunzel floh und floh immer weiter und stürzte außer Atem an den Tisch.

»Was hat denn der Major gesagt?« inquirierte Röder.

»Nichts hat er gesagt.«

»Wie, nichts? Hast du nichts ausgerichtet?«

»Wären Sie doch gegangen!« – Sie redete Röder konsequent mit »Sie« an, weil sie ihn nicht leiden konnte – trumpfte sie auf. »Man schickt junge Damen nicht zu Herren, daß Sie's nur wissen, im übrigen mach ich mir gar nichts aus ihm, er kann wegbleiben!«

Dabei warf sie Holischka einen nicht mißzuverstehenden Blick zu, glitzernd und voller Aufmunterung. Der kleine Holischka zwischen dem Kreuzfeuer der grauen Augen Evas und der kleinen, schwarzen, vorgewölbten Rapunzelchens wußte sich nicht zu helfen. Er machte alle Anstrengung, Eva zu unterhalten, aber sie wollte gar nicht unterhalten sein. Sie schaute ihn lächelnd mit halb geöffneten Lippen an, und wenn er sich rührte, stieß er sich immerfort an ihr an. Einmal streckte er die Beine aus, da waren gleich vier andere um sie beschäftigt, so daß er sie sofort wieder zurückzog und ganz konfus wurde. Wer war das gewesen? Wem hatten die zwei Paar Füße gehört? Eva, Rapunzelchen oder der Braut? Es war ja ein unglaubliches Haus, in das er geraten war. Seine ganze korrekte 75 Wohlerzogenheit sträubte sich gegen diese zigeunerhafte Umgebung, ein Heimweh nach seinem gemütlichen Zimmer erfaßte ihn, und ein feiges, weinerliches Heimweh nach Bäwele. Sie konnte ruhig sein. Hier sich verloben? Niemals! Sein Unbehagen nahm zu, auch körperlich, sein revoltierender Magen bildete mit seinem wehmütigen Knurren die rechte Begleitung zu seiner Stimmung. »Pardon,« sagte er zu Anfang der Tafel, wenn sein Magen kollerte, später sagte er nichts mehr; er aß aber auch fast gar nichts, und nun mußte er essen, denn Eva hatte ihm, mit einem halb seelenvollen, halb schalkhaften Augenaufschlag, ein großes Stück Fisch auf den Teller gelegt und hatte seinen Arm mit ihrem bloßen Arm gestreift.

Wie gut, daß endlich Vierling kam! Das war doch eine Ablenkung, denn Rapunzelchen hielt auch beständig seine kleinen Jetknopfaugen auf ihn gerichtet und zog dabei die zu kurze Oberlippe liebenswürdig in die Höhe, daß man das hochgepolsterte rote Zahnfleisch über den großen, gesunden Zähnen sah.

Vierling wurde mit allgemeinem Halloh begrüßt, und, das mußte man ihm lassen, er hatte sich in dieser unglaublich kurzen Zeit würdig herausstaffiert. Die Würde verließ ihn überhaupt nie. Sie war stets etwas grotesk und ging gestelzt, hatte viel ungewohnt Altväterisches und eine liebenswürdige Feierlichkeit auch in den Momenten, wo er Rapunzelchen in einer dunkeln Ecke in die dicken Waden zu »petzen« versuchte. Er tat das niemals frivolerweise, eher mit einer gewissen Sachlichkeit, die zur Würde gehörte, eingehend, aber nicht langwierig, denn kaum konnte Rapunzelchen den bekannten Entrüstungsschrei ausstoßen, war er schon mit munteren Grüßen um die Ecke, ganz wie wenn er in aller Väterlichkeit ein paar gütig scherzende Worte an das Kind gerichtet hätte. So saß er auch heute, ganz gütiger, väterlicher Freund, neben Rapunzel, die die Augenbrauen zusammenzog und die sittlich Entrüstete spielte, 76 weil es ihr nicht paßte, neben dem Major zu sitzen. Er stieß die kleine Ungnädige sanft mit dem Ellenbogen an, und da er ihre Gemütsverfassung ahnte, sagte er sanft und vorwurfsvoll: »Aber Rapunzel, ich war doch nicht im Negligé, ich habe ja eine Zeitung gehabt!« worauf das Rapunzelchen träumerisch erwiderte – es mußte Holischkas Augenfarbe ergründen: »Was war das eigentlich für eine?« Der Major drauf sofort sehr ernst: »Die Frankfurterin. Finden Sie das unpassend? Dann bitte ich sehr um Verzeihung!«

»Verzeihung!« sagte im selben Augenblick auch Holischka, dessen Magenverstimmung sich noch immer in leisem und lauterem unterirdischen Grollen bemerkbar machte. Rapunzelchen vernahm nichts, saß nur da und fühlte sich selig, neben dem kleinen Leutnant sitzen zu dürfen. Der Abglanz dieser Seligkeit war so deutlich auf ihrem braunen Gesichtchen zu sehen, daß ihr Eva ein paar warnende Blicke zuwarf. Ganz deutlich sagten diese Blicke: Halte dich an den Major, der ist dein Kavalier, Holischka sei mir überlassen! Und wie wenn dieser Wettstreit der Liebe und Bewunderung ihn immer mehr ängstige, sank der arme Holischka sichtbar in sich zusammen und sprach immer weniger. Er war außerstand, seinen Teller leer zu essen, auf den ihm Eva mit zartem, vorwurfsvoll gurrendem Laute immer wieder etwas legte; er vermochte seinen Wein nicht auszutrinken, es war ihm nicht wohl, nein, es war ihm gar nicht wohl!

Desto mehr trank der Brautvater, der mit vorgerückter Tafel immer mehr aufzublühen begann. So viel und so gutes hatte er schon lange nicht mehr gegessen, und das Weinchen schmeckte wirklich gut. Schade, daß Binchen die Flasche so schnell ergriff und seitwärts stellte, seinethalben hätte sie gut da vor ihm stehen können. Wäre nicht Röder gewesen, der sie ihm immer wieder reichte und dem Schnepper Peter einen Wink gab, eine neue 77 zu bringen, er hätte seinen Teil nicht gekriegt: Binchen hatte ihre Augen überall. Röder war ein guter Mensch, ja, er konnte unbesorgt sein, seine Tochter hatte ein großes, großes Glück! Tränen der Rührung stiegen ihm in die Augen, er stieß immer wieder mit dem Bräutigam und der Braut an und sagte: »Euer Glück! Ihr Kinder! Euer Glück! Ich glaub's, Röder! Ich glaub's Ihnen!« Ein Ausdruck von weinerlicher Seligkeit lag über seinem Gesicht, zugleich fühlte er seinen Stolz wachsen, Vater einer Tochter zu sein, die sich solch einen edlen Menschen erkoren hatte! »Jutta! Du bist mir die liebste, die wertvollste bist du.«

»Es ist recht, Papa, ja, ja!« lächelte Jutta und strich über Röders Hand, wie um ihn zu beschwichtigen. Sie wußte zu gut, wie gereizt er war, wenn seine Nüstern anfingen, sich zu blähen.

»Das soll der Teufel holen, es ist keine Stimmung drin. Du sprichst auch nichts,« sagte er barsch zu Jutta, die ihn bittend ansah. Dann versank er wieder in sich, ergriff sein Glas und trank und trank immer wieder.

Am lebhaftesten war es oben, wo Hertwig, die Mama und die alte Bäuerin saßen. Der ungewohnte Wein hatte das alte Weiblein redselig gemacht. Es erzählte Schnurren und kleine, drollige Geschichten aus »Binchens« Leben, daß auch die Baronin eine kurze Zeit vergaß, daß sie die Baronin von Armhart, und lebhaft mitsprach und in den Erinnerungen an die vielen Schwänke aus der Kinderzeit wieder ganz einfach kindlich und bäuerlich wurde. Es gab ein ewiges Fragen: »Weeschde dann noch?« und »hemmer do gelacht! Weeschde des dann nimmer?«

Die Großmutter war glücklich, mit roten Bäckchen und strahlenden Augen saß sie als Ehrengast da – so hatte sie Hertwig noch nie gesehen! – das »Binche« war freundlich mit ihr und 78 all die vornehmen Offiziere auch. Es war ein Tag des Glanzes und der Freude für sie.

Doch siehe da! Mit einem Schlage wurde es anders. Die Tochter blieb mitten im Worte stecken und räusperte sich laut. Der Braten stand auf dem Tisch, sehr schwärzlich anzuschauen, doch poetisch umkränzt mit einer dichten Umrahmung Petersilie, aus der einige gemachte Seerosen sahen, Symbol des Hauses. Und die Baronin räusperte sich wieder und warf einen gebieterischen Blick nach ihrem Ehegatten. Ihm dämmerte aus früheren Zeiten in seine Seligkeit hinein, daß man beim Braten die Festrede hielt. Er erschrak bis ins Innerste. Hatte sie ihn dazu auserkoren? Bemerkte sie seine angstvollen Blicke nicht? Alles von Wichtigkeit und alles von Unwichtigkeit redete doch immer sie! Nein, er wollte sich wehren, er wollte eine Tat tun, er hielt die Rede nicht!

»Major Vierling,« flüsterte er seinem Binchen zu.

Sie schüttelte abwehrend den Kopf.

»Hertwig, er ist verwandt,« flüsterte er wieder.

Und abermals schüttelte sie das binsengeschmückte Haupt. Also war sie unerbittlich! . . . Da kam ihm noch eine Erleuchtung: »Rapunzelchen! Es wäre köstlich . . . die Jüngste!«

Sie schüttelte wieder. So stach sie ihm denn den Dolch ins Herz! Er kannte diese Liebesblicke zu gut! Er mußte! Alle Freude war verflogen, geknickt saß er da. Schon klopfte sie ans Glas, und aus der Art des Klopfens konnte jede etwas fein besaitete Seele den Befehl heraushören. Trotzdem stellte er sich weiter blind und taub und zermarterte sein Gehirn um einen Ausweg, und siehe da, es kam ihm ein genialer Einfall.

Treuherzig blickte er auf – er konnte wirklich die treuherzigsten Augen von der Welt machen – und sagte unter Lächeln: »Wir sind ja schon alle still, Binchen, halt nur deine Rede!« (Sie platzt sonst!) raunte er Hertwig zu.

79 Da schoß sie auch schon in die Höhe, wie eine Rakete, und zischte: »Du sprichst die paar Worte, bitte, Aribert!«

Aribert war der allerletzte in einer Reihe von Namen, die er nach Ahnen in der Taufe erhalten. Sie lauteten: Anastasius, Donatus, Kasimir, Leodegar, Aribert Baron von Armhart. »Arrriberrt« aber, das schnarrte und wurde nur in sehr ernsten Situationen gebraucht. Dann gab es kein »Fackeln«.

So erhob sich denn Aribert, suchte eine kleine Stütze an der Tischkante und begann mit zitternder Stimme, die allmählich fester wurde: »Eigentlich dachte ich, verehrte Versammlung, daß meine Frau die Festrede halten würde, denn erstens ist sie es eher gewöhnt und zweitens ist sie die Mutter. Jedoch eigentlich bin auch ich« – er fing einen Blick seiner Gattin auf – »ja bin sozusagen auch ich der Urheber ihrer Tage, nicht meiner Frau, sondern meiner Tochter Jutta. Ich bin der Vater, ja ich bin der Vater« – »Wer behauptet denn, daß du es nicht bist?« rief Binchen erbost halblaut – »ich bin der Urheber ihrer Tage, der Braut, und dem Bräutigam habe ich das Glück geschenkt und trinke deshalb auf das Wohl . . .«

»des liebenden Paares,« entriß die Baronin ihm herrisch den Faden und winkte ihm zu, sich zu setzen – »des Brautpaares, das seinem schon lange bestehenden Herzensbund« – Hertwig und Vierling sahen sich an, Holischka akkompagnierte mit ein paar wehmütig gurgelnden Tönen – »die äußere Weihe heute gegeben. Ganz wie berühmte Liebespaare in alter Zeit, Hero und Leander, (»Oh! Oh! über den Rhoin,« rief Rapunzel) Daphnis und Chloë, (»Den Geliebten zu erwarten, tralera, tralera,« trällerte Eva ganz leise und winkte Holischka mit den Augen zu) Hermann und Dorothea oder Abälard und Heloise.«

»Hoho!« sagte Hertwig, daß sie den Faden verlor und kurz entschlossen in ein lautes: »Hoch! Hoch das Brautpaar!« ausbrach.

80 Nun sprangen alle lärmend auf, die jungen Damen quietschten vor Begeisterung und Festlichkeit. Alle stießen an, reihum und überquer, besonders der Baron konnte mit dem Anstoßen kein Ende finden, und sagte immer wieder glückstrahlend, daß seine Rede so gut abgelaufen: »Ich bin der Vater, ich bin der Brautvater! Hoch!«

Major Vierling neigte sich und stieß, ganz Kavalier, mit einer besonders ehrfürchtigen Verbeugung mit der Rednerin an: »Schade, daß Baronin so kurz abgebrochen haben, die Rede wäre noch bedeutend erweiterungsfähig gewesen! Zum Beispiel: »Amor und Psyche, Paris und Helena, Leda und der Schwan . . .«

»Pfui, Major Vierling! Bei dieser Gelegenheit!« Baronin Armhart, nee Binchen Möller, stellte sich ehrlich entrüstet und mußte dennoch zuletzt lachen. Keiner hatte es ja sonst gehört. Witzig war er, dieser Major, nein, dieser Major! Sie drohte ihm mit dem Finger, oh, sie kannte ihn. Er mochte gewiß wie ein Gelehrter in seinen alten Folianten wühlen – am liebsten war es ihm aber doch, sie schwur darauf, kleine, winzige Abschnitte herauszuziehen, amüsante, stets etwas komprimittierende Details der Geschichte, leise anrüchige Histörchen, die er mit Behagen förmlich verzehrte, die er auf Lager legte, immer bereit, sie bei passender Gelegenheit an den Mann, oder besser, an die Frau zu bringen. Darin unterschied er sich von ihr. Sie liebte die großen, mächtigen Ereignisse, trieb einen Heroen- und Heroinenkult, und nichts war ihr peinlicher, als wenn der Major ihre Helden und Heldinnen mit seinen Histörchen beschmierte und bekleckerte, und nichts war ihm amüsanter, als dies tun zu können. Er tat dies stets ernst, fachlich, ja er verwirrte sie manchmal so, daß sie nicht ein noch aus wußte.

Heute ging sie nachlässig lächelnd über seine Bosheit weg, es beschäftigte sie zu viel anderes. Vor allem der Braten. Er 81 mußte schnell geschnitten werden, wenn er nicht eiskalt sein sollte, dann Eva . . . war sie liebenswürdig genug mit Holischka? Sie sah sie während des Anstoßens mit Hertwig tuscheln . . . Ja ja, eine kleine Schwäche hatte sie doch für den hübschen und gescheiten Vetter! . . . dann mit dem Major kokettieren, endlich saß sie fest neben Holischka und stieß immer wieder mit ihm an, wobei sie sich ihm ganz nah zuneigte.

Der Bräutigam dankte und stieß an und dankte wieder, immer mit derselben mechanischen Verbeugung, wobei er die Hacken taktmäßig zusammenschlug und stets denselben halbabwesenden Gesichtsausdruck hatte, während Jutta die Glückwünsche mit einem ewigen Lächeln auch halb abwesend hinnahm. Sie saß eng an Röder geschmiegt, und ihre Augen hatten fast fieberhaften Glanz.

Die Großmutter und Hertwig stießen herzhaft und, soweit es ihre düsteren Naturen zuließen, fröhlich an; es war aber eine echte und keine gemachte Fröhlichkeit wie die von Rapunzelchen, das sein Lachen und Kichern dem Wein zu verdanken hatte.

Gottergeben stand die alte Burgissen herum, jetzt war's einmal so, der Braten war verbrannt, aber in diesem Hause war man ja an alles gewöhnt. Die Torte hatte der Konditor geliefert, die war tadellos und riß sicher alles wieder heraus, genau wie der Punsch, den der Herr Leutnant gebraut hatte und der Bursche herumreichte, kräftig angefahren von dem alten Baron, der sich allmählich in eine hartnäckige Würde hineingetrunken hatte, und als die Tafel zu Ende ging, sich in den Kopf gesetzt hatte, repräsentieren zu müssen. Er saß aufrecht, Brust heraus, Bauch hinein, wie wenn er eine Uniform anhätte, und bedeutete mit ausgestrecktem Arm und ausgestrecktem Zeigefinger dem Schnepper Peter, wem er zu servieren hatte, am häufigsten aber beorderte er ihn zu sich.

82 Auch Holischka hatte Eva schon ein paarmal sein Glas gereicht, er war jedesmal vor Artigkeit zusammengeklappt, hatte sich entschuldigt, daß er so oft störe. Doch der stark versalzene Braten hatte ihm so großen Durst gemacht, daß er Glas um Glas trank.

»Ich habe zwar Magenstörungen,« sagte er jedesmal entschuldigend, reichte aber doch immer wieder sein Glas, das Eva gurrend füllte und ihm nie zurückgab, ohne sich etwas an ihn zu drücken.

Rapunzelchen lachte fortwährend ohne Grund, und der Major, um sie zu necken, sagte immer dumpf: »Es war die Frankfurterin, Rapunzel! Rapunzel, es war die Frankfurterin!« Als die Großmutter sich verabschiedete, ließ er sich nicht nehmen, die alte Dame die Stiege hinaufzubringen, kehrte jedoch nicht wieder, was Rapunzel aber nicht hinderte, weiter zu lachen. Niemand nahm Notiz davon. Alle standen auf, um sich in das kleine, halbdunkle Zimmer zu verfügen, das man für diesen Abend in ein halbwegs präsentables zweites Zimmer umgewandelt hatte. Während die andern dort eintraten, schaute der Baron lüstern über die Tafel hin – die Flaschen hatte man ihm weggeräumt – und suchte sich, als der Schnepper Peter einen Augenblick gegangen war, über die Reste in den Gläsern herzumachen. Hätte ihn Hertwig nicht gehindert, wäre er von Glas zu Glas gegangen. Der aber faßte ihn bei der Hand und redete ihn ins Nebenzimmer. Trotzdem Hertwig in Güte mit ihm sprach, verdüsterte sich sein Gemüt so, daß er in dem Zimmer auf einen Stuhl sank, ihn mit sich zog und, ihm von Anmaßung, Gewalttat vorlallend, nicht losließ. Also beschloß er diesen Freudentag am Busen seines Vetters, der ihn über seine Anmaßung zu trösten versuchte, in konfusem Elendsgefühl heulend und sein Los bejammernd: »Huhuuu! Huhuuu!« Auf- und absteigend, leiser und lauter.

83 In der Ecke des Eßzimmers brannte nur noch eine Lampe mit rotem Schleier vor dem Klavier. Das Brautpaar saß im Nebenzimmer, nicht weit von dem heulenden Vater. Jutta hing am Halse ihres Verlobten, der ihren Leib umschlungen hielt, sie sprachen nicht, seufzten nur manchmal lange und leise.

Eva trug in ihren beiden schönen, weißen Händen die Punschbowle und stellte sie auf einen kleinen Tisch neben dem Klavier nieder, so hatte es die Mama gewünscht. Dann schlug sie gemacht langsam ein paar Akkorde an und sagte über die Achsel zu Holischka, der ihr nur zögernd folgte: »Sie wenden mir doch die Blätter um, Leutnant Holischka, wie? Doch zuvor sollen Sie sich noch stärken.« Wie schon ein paarmal heute abend nötigte sie ihm ein Glas Punsch auf, und Holischka trank, denn die Zunge klebte ihm am Gaumen, und sein Gesicht glühte wie Feuer. Nur ganz schwach protestierte er: wie müde und gleichgültig er doch geworden war! . . .

»Aber ich habe eine Magenverstimmung, Baronesse . . .«

»Gerade dafür ist Punsch gut,« tröstete Eva, »trinken Sie, trinken Sie nur. Sie haben Durst, sagten Sie vorhin,« und sie wies auf den Punsch, der ihnen beiden allein gehören sollte.

Wo waren denn die andern? Holischkas kurzsichtige Augen suchten umsonst die übrigen Festgäste in dem halbdunkeln Zimmer. Vom Nebenraum hörte man das taktmäßige, heulende Schluchzen Väterchens Armhart – von Mütterchen Armhart sah und hörte man nichts.

Ja, Mütterchen Armhart stand mit ausgebreiteten Röcken oben vor der Schlafzimmertür und ließ Rapunzelchen, das durchaus wieder zum Fest zurück und Wein trinken wollte, nicht heraus, trotzdem das Töchterchen bockte und weinte und neben den ausgebreiteten Röcken hinausschlüpfen wollte. Mütterchen aber war gewandter, hatte auch wenig getrunken, und 84 ehe sich's Rapunzel versah, war die Mama draußen und der Schlüssel drehte sich im Schloß.

Die Baronin nickte zufrieden. Im Gang war das Licht erloschen, aus der Küche kam kein Laut. Die alte Burgissen saß mit hängenden Armen auf einem Stuhl, die große Haube »auf Krakehl«, und schlief, neben sich ein großes Glas Punsch und einen Stoß Geschirr. Vorsichtig schlich die Baronin den Gang entlang, es fröstelte sie plötzlich, so still war's, kein Laut. Und vorhin alles noch voll Freude, Licht, Glanz und Fröhlichkeit. Das Fest schien wie von einem dunkeln, gefräßigen Maule verschluckt. Es war so schön gewesen für sie, all die Helle um sich zu haben, wie ein Schaukeln in einem Boot auf einem breiten Strom einem lichten Ziele zu war's ihr vorgekommen . . . Die Stille fing an, sie zu beängstigen. Alles war wie in einen Abgrund versunken, nur aus irgendeiner Ecke scholl ein gedämpftes Heulen und Winseln, huhuuu, huhuuu, wie das eines geplagten Tieres. Sie wußte, dort lag Anastasius, Donatus, Kasimir, Leodegar, Aribert Baron von Armhart auf seinem Bette, wohin ihn Ernst Hertwig gebracht hatte. Jutta und Röder bewachten ihn. Ernst war fort, es war gut so . . .

Da wurde ein Akkord angeschlagen, schnell schlich sich die Baronin näher, und sachte, ganz sachte öffnete sich die Tür zu einem kleinen Spalt. Wie auf dem Sprung stand sie dort, nichts entging ihr, sie zitterte, daß ihr altes Seidenkleid knisterte. Eva saß am Klavier, bog den Kopf zurück, Holischka immer mehr zu, der sich weiter und weiter vorneigen mußte, weil er zu kurzsichtig war. Evas Kopf kam dem seinen immer näher, er ruhte zuletzt fast an seiner Brust, ihre Hände sanken auf die Tasten, der zarte Gesang brach ab. Mama Armhart stand auf den Zehenspitzen, sie wagte nicht zu atmen. Was war nun? Holischka wurde ganz plötzlich unruhig, wollte fortstürzen, neigte sich jedoch vor, wand sich . . . seiner Unwillkürlichkeiten nicht mehr 85 mächtig, stand ein von Angst und Verzweiflung, Magenverstimmung und Punsch erzeugter Ton in der Luft . . . dann sank der kleine Holischka in sich zusammen und schlug die Hände vors Gesicht. Im nächsten Augenblick aber hatte Eva schon sein Haupt in ihren Schoß gebettet, und er legte ermattet und hilflos seine Arme um ihren Hals.

Nun gab es kein »Zurück« mehr. Mama Armhart rauschte wie mit geblähten Segeln herein und ruderte direkt auf die beiden zu, ihre Arme umfaßten Eva und Holischka zugleich, und sie hatte, Gott weiß woher, Rührungstränen in den Augen: »Meine Kinder!« flüsterte sie, und half Eva, dem Leichenblassen, Schlotternden den Schweiß von der Stirne wischen, stellte ihn auf die Beine, schob Evas Arm unter den seinen und nahm flugs den roten Schleier von der Lampe, daß man den fassungslosen, neugebackenen Bräutigam auch sehen konnte. Wie durch Telepathie herbeigetrieben, erschien auf einmal Vater Armhart unter der Türe und verwandelte sein schreckliches Huhuuu-Gewinsel in ein gerührtes Hihiii-Freudengeweine und versuchte wie die Mama entweder Eva oder den Leutnant oder beide zu umarmen. Doch hatte er Schwierigkeiten dabei, und plötzlich entfiel's ihm wieder, was er gewollt, und er überließ Jutta und Röder seinen Platz, um sich in eine Ecke zurückzuziehen, wo, wie ihm schien, der Boden etwas ruhiger war.

Eva war also nun Braut, es war nicht wegzuleugnen, wenn auch auf einem etwas ungewöhnlichen Wege. Denn der kleine Offizier protestierte nicht. Er blieb düster, blaß und wortkarg, ließ sich, ganz geistesabwesend, umarmen und trachtete nur, sich so bald als möglich von dem Schauplatz seiner Taten zu entfernen. Eva fühlte Mitleid mit ihm, strich ihm über sein feuchtes Haar und stellte sich so, daß ihn niemand sehen konnte.

»Sei nur ruhig, Lieber,« sagte sie, »du brauchst dich gar nicht 86 zu genieren, es ist alles gut, komm jetzt,« und sie zog ihn an der Hand aus dem Zimmer und schloß ihm die Haustür auf.

Nachdenklich und mit einem Lächeln, das ein wenig enttäuscht schien, saß sie vor dem Spiegel, flocht sich ihr schönes, rotes Haar in Zöpfe und runzelte die Augenbrauen, daß sie nicht wie eine glückliche Braut aussah. Auf einmal hörte sie Rapunzelchen unter der Decke schluchzen. Sie setzte sich versonnen auf die Kante des schmalen Bettchens und nahm der Kleinen die Decke vom Gesicht.

»Jetzt hast du den Holischka, und ich hab' ihn doch gern,« schluchzte die Kleine.

»Was ist da großes? . . . Ach, es ist nur der Wein, Rapunzel, wir sind ihn nicht gewöhnt . . . schlaf nur, morgen ist alles anders.«

Sie löschte das Licht, nicht ohne vorher einen Blick nach Juttas Lager hinüber getan zu haben. Wie lange würde das heute noch leer bleiben?

Dann seufzte sie. Es hatte den Anschein, daß sie Braut sei. Aber sie hatte sich alles ganz anders gedacht. Es war so reizend gewesen, den schüchternen, kleinen Offizier in sich verliebt zu machen, er, der stets so ernst gewesen, so ehrerbietig und dabei doch so verliebt! Ehrerbietig war sonst noch keiner ihrer Verehrer gewesen . . . In der Nähe aber gefiel ihr Hans Holischka ganz und gar nicht. Diese ewige Zurückhaltung . . . Nun war sie Braut ohne einen Kuß, ohne ein Liebeswort, eine ernüchterte, etwas mißmutige Braut. Am liebsten hätte sie gesagt, wie früher beim Spiel mit Ernst Hertwig: »Nein, das gilt nicht, wir müssen wieder von vorn anfangen.«

Aber nun war's geschehen, und vielleicht gefiel er ihr bei näherer Bekanntschaft besser. Vielleicht kam morgen ein Brief von ihm, oder er brachte Blumen . . . warum sich das Leben schwer machen? So legte sie sich auf die andere Seite – da schien ihr 87 auch der Mond nicht in die Augen – gerade als Jutta sachte und geschmeidig wie eine Katze hereinschlüpfte und unter die Decke kroch.

»Die legt sich, weiß Gott, mit den Kleidern ins Bett,« dachte Eva; hatte sie nicht eben ein Schluchzen gehört? Rapunzelchen schlief doch schon. Aber Eva war viel zu müde und schläfrig, darauf zu achten, sie schlief sofort ein.

*

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