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Anna Croissant-Rust: Unkebunk - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleUnkebunk
authorAnna Croissant-Rust
year1921
firstpub1921
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleUnkebunk
pages398
created20131207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Durch die festlichen Straßen und den festlichen Tag, der mit blankem, blauem Himmel und einer hellen, fröhlichen Sonne über der Festung stand, fuhr der Wagen des Gouverneurs zum Bahnhof.

Er kam nur langsam vorwärts, denn alle Augenblicke querte den Weg ein Zug Soldaten, die von der Kirche heimmarschierten, mit frischgewaschenen, von Seife glänzenden Backen und festtäglichen Gesichtern, den Rücken steif, zogen sie dröhnend vorüber. Dann schwenkte unerwartet die Musikkapelle um eine Ecke, der Wagen mußte halten und den ganzen Rummel an sich vorbeilassen. Die Instrumente blitzten, kleine, übermütige Sonnen tanzten auf dem würdigen Bombardon, auf den geschmeidigen Hörnern und Trompeten, die Uniformknöpfe und Messingbeschläge der Säbel und Helme glänzten, der Säbel des Offiziers funkelte, die blau und roten und grün und roten Uniformen wetteiferten in Lust und Farbenfreudigkeit mit den knatternden Fahnen. Dazwischen flanierte geschwätziges Volk im Sonntagsstaat, das noch lauter war, als es sonst an gewöhnlichen Tagen zu sein pflegte. Die Offiziersdamen natürlich alle in großer Toilette – Kaisertag! – waren durch das viel zu frühe frühjahrliche, warme Wetter etwas überrascht worden, das sie zu kühnen Zusammenstellungen zwang. Die meisten trugen einen kleinen Strauß Kornblumen am Gürtel oder in der Hand, wie die Herren eine Kornblume im Knopfloch trugen.

393 Exzellenz Mary spielte nachlässig mit dem Sträußchen, das sie in der Hand hielt. Sie drehte die blauen Blumen in Gedanken von rechts nach links und von links nach rechts und wirbelte sie zuletzt beständig achtlos herum. Sie schalt über den »Klimbim«, über die Unruhe, über die Menge Volk auf den Straßen, über die geputzten Bürgerinnen, und erst als der Wagen in die feuchten, roten Sandwege der Anlagen einbog, die heute verlassen lagen, sagte sie: »Der Rummel wäre nicht notwendig gewesen, aber einen Prachttag haben Sie zum Abschied, Johanna, und eine Feststimmung wird Ihnen mitgegeben.«

Johanna sah frisch und heiter aus.

»Die Festung salutiert vor mir. Es geht mit Pauken und Trompeten ins neue Leben.«

»Sie sind so heiter, Johanna, wie Sie es nie waren; es tut mir fast weh. Wäre ich empfindlich, könnte es mich beleidigen. Doch, Sie haben recht, ich kann so gut mit Ihnen fühlen. Wäre ich es, die sich in den Zug setzt! Aber es wird bald kommen!«

Die Stimme der Gouverneurin wurde auf einmal tief und warm; sie klang wie die Stimme eines andern Menschen. Sie ergriff Johannas Hand und ließ sie in ihren Händen ruhen: »Ich war neulich hart und ungerecht gegen Sie, Johanna; ich weiß es, ich habe Sie gequält. Und wissen Sie, warum? Es ist nicht zu glauben . . . man hat mir im Kranz einen Floh ins Ohr gesetzt. Sonst lache ich doch über den Klatsch, diesmal verletzte er mich, obgleich es mir hätte gleichgültig sein können. Man hetzte mich gegen meinen Mann und gegen . . . ach, es ist ja vorüber. Können Sie verstehen, daß ich empört war?«

Johanna senkte den Kopf und errötete; sie dachte an den Nachmittag am Teetisch und nickte eifrig.

»So, Sie verstehen das? Ich nicht, und das ist mir der deutlichste Beweis, daß ich aus allem heraus muß. Ich muß Raum 394 haben, Weite und Menschen um mich. Mit Ihnen habe ich ja noch nicht darüber gesprochen: ich beabsichtige nämlich, mich von dem Gouverneur zu trennen. Keine Ursache, aufzufahren, Johanna. Es ist nicht bitterer Ernst. Wie lange es dauern soll, ob es für immer ist . . . ich weiß es noch nicht; wie es eben notwendig sein wird.«

»Tun Sie das jetzt nicht, Exzellenz!« Johanna machte ordentlich verstörte Augen.

»Warum nicht? Haben Sie Angst? Für wen? Es geschieht in aller Freundschaft, es ist ›business‹, oder wie sagt man so schön: ›nach gütlichem Übereinkommen‹. Klingt das nicht herrlich? Ich meine im Deutschen, es ist echt deutsch! . . . Ich will auch mein Leben leben, nicht nur Sie sollen das können. Da steht die Leiter, auf der ersten Sprosse habe ich meinen Fuß, nun geht's weiter. Ich will Ihnen auch noch sagen, daß ich zuerst wütend über Sie war, daß Sie Ihr Schicksal in die eigene Hand genommen, und daß Sie zu Hertwig gehen, trotz meines Hohnes. Nun gefällt mir Ihr Tun fast wider Willen, es ist eine Kraftprobe. Denn, wenn Sie auch von Ihrem Lehrer wissen, daß es mit Ihrer Stimme nicht fehlen kann, und wenn Sie auch die Tante aufnimmt: Sie haben doch fast keine weiteren Mittel, und wie ich Sie kenne, sind Sie viel zu stolz, von Hertwig etwas zu nehmen.«

»Nein, Exzellenz,« sagte Johanna, und ihre Augen richteten sich gerade auf die große, blonde Frau mit dem scharfen Mund ihr gegenüber und eine helle Röte stieg langsam vom Hals in ihre Wangen, »nein, Exzellenz, ich bin nicht mehr zu stolz, ich bin anders geworden . . . Wenn wir eins sind« –

»Man kann wahrhaftig von Ihnen lernen, Sie kleines Mädchen, das das Zeug zu haben scheint, ein ganzes Weib zu sein. Seien Sie nicht böse, ich war manchmal wirklich hart, ich war sogar grausam gegen Sie, aber ich konnte nicht anders . . . 395 ich mußte so sein. Verzeihen Sie das? Ja? Und verstehen Sie es?« Sie drückte noch einmal Johannas Hand, ehe sie sie aus der ihren ließ. »Und denken Sie immer daran: I am your friend

Etwas von der Wärme und Bewunderung, die Johanna zuerst für diese Frau gefühlt, zog wieder in ihr Herz, und sie glaubte, kindlich, lauter und offen, wie sie war, wieder an sie und an alles, was sie gesagt. Dann sprachen sie nur mehr Gleichgültiges, bis sie zum Bahnhof kamen.

Schon von weitem schwenkte ihnen jemand ein weißes Tuch entgegen, ein kleines, graziöses Persönchen, das sich dort auf einen der rötlichen Schosseesteine gestellt hatte, in einem hellgrauen Samtkostüm steckte und einen großen Strauß Kornblumen an der Brust trug, Nelly Horler. Noch immer winkend sprang sie von dem Stein herunter und fast in die Arme Vierlings und Wasners, die daneben standen.

»Sie auch?« sagte sie ungnädig. »Ich dachte allein mit den Herrschaften zu sein und mich nicht in Gegenwart des ganzen Trosses verabschieden zu müssen. Der Gouverneur kommt natürlich auch? Nun, ich überlasse Ihnen einstweilen Fräulein Welser,« und mit allen Allüren einer Dame trat sie zu Exzellenz Mary und küßte ihr die Hand, wogegen sie Johannas Hand wie die eines Kameraden schüttelte. Während Major Vierling und Wasner Johanna begrüßten, flüsterte Nelly: »Sie haben Blumensträuße, die Kavaliere, köstlich: Welcher Laden hat denn die billigsten?«

Exzellenz drohte mit dem Finger: »Und Sie, Nelly?«

»Ich bringe mich selbst! Das ist das beste, was ich habe. Sie schütteln den Kopf, Exzellenz? Ich werde vielleicht bald Respektsperson.«

»Sie, Nelly? Das wäre ja zum Totschießen.«

»Ja, denken Sie, Resa-Rosa tut beinahe, als wolle sie den 396 Röder heiraten. Was sagen Sie? Habe ich nicht gesagt, sie ist talentlos, nicht wahr? Nun hätte wohl ich die große Aufgabe, die Dame der Familie zu werden! . . . Fange ich nicht an, Respektsperson zu sein? Aber im Ernst, die tut's nicht. Die ›reiche Erbin an dem Rhein‹! Gewiß, es ist nur Laune, und außerdem hat er doch die schöne Braut im Unschuldskleide! Ach, da kommen die unvermeidlichen Armharts; Rapunzel ist ganz annehmbar, aber Eva! Sehen Sie, Exzellenz, das ist auch Talentlosigkeit, wie sie angezogen sind; weiße Kleider, heute weiß, wenn es auch Wolle ist. Und die Kornblumen! Von Mama als Hausindustrie hergestellt! Von Seidenpapier! Sind die denn verrückt? Wie sie angestürzt kommen! Was ist denn in die beiden gefahren?«

Mit wehenden Hutbändern, die Hände vorgestreckt, stürzten sie auf Exzellenz zu, machten einen tiefen Knix und schrieen wie aus einem Munde: »Ein Sohn, Exzellenz, ein Sohn!« Und als sich die Gouverneurin erstaunt wendete, zu Major Vierling, ihn als Zeugen anrufend: »Herr Major, nicht wahr, ein Sohn, ein Sohn? Fräulein Welser, Mama hat einen Sohn, sagen Sie es gleich Hertwig! Herrlich, am Kaisertag, an diesem Jubelfest! Gratulieren Sie uns!«

Und Eva schüttelte ihre rote Mähne, die sie heute offen trug und streckte die Hände aus, als wolle sie alle Händedrücke der Welt in Empfang nehmen, alle Glückwünsche auffangen für ihn, den Helden, der berufen war, »Unkebunk« zu erhöhen. Nun hatten sie am unteren Bahnsteig andere Bekannte gesehen und mit dem Rufe: »Ein Sohn! Ein Sohn!« eilten sie auf diese zu.

Nelly stand und sah ihnen mit einem liebreizenden Gemisch aus Schelmerei, Bosheit und Überlegenheit nach, wobei sie der Reihe nach die Zustimmung aller Anwesenden einforderte. Dann drehte sie sich auf dem Absatz herum, pfiff durch die 397 Zähne, drehte sich immer schneller und schneller, »exekutierte« so eine regelrechte Pirouette auf dem Bahnsteige. Sie hatte gerade noch Zeit, Johanna, die eben eingestiegen war und mit dem Gouverneur sprach, ein paar Kußhände zuzuwerfen. Es sah aus, als bedanke sich Nelly für den Applaus, und zugleich auch, als werfe sie die Kußhand nicht Johanna, die ihr gleichgültig, als werfe sie sie dem Gouverneur, der so spät und allein kam, wie einen Trost zu, oder etwa wie eine Ermutigung Vierling und Wasner, zwischen denen sie ihre blitzblanken, hastigen Augen hin und her gehen ließ.

»Süße Johanna,« flüsterte sie affektiert, »minniges Mädchen, eile dem Geliebten in die Arme, wenn er dich auch ein bißchen drückt, es tut nichts! Du bist unter dem Zuckerguß von Leder wie er auch! Leb wohl! Leb wohl! Wir zerfließen in Tränen, ich und deine Kavaliere!«

Und sie winkte und winkte wieder; als der Zug schon um die Ecke war, flatterte noch immer ihr Taschentuch.

»Pfui!« sagte Vierling, und »Weib der Zukunft,« spöttelte Wasner und sah sarkastisch auf sie nieder.

»Bitte, Dame der Zukunft,« korrigierte Nelly und lachte, als ob sie gekitzelt würde, als sie das verdutzte Gesicht Vierlings sah.

Doch sofort stand sie wieder korrekt, hochnasig und überlegen vor den beiden und reichte Vierling zwei Finger zum Abschied. Als er sie fassen wollte, nachdem er vorher etwas verlegen einen Finger warnend gehoben, zog sie sie zurück und schnippte mit dem Daumen und Zeigefinger. Es konnte Johanna, es konnte dem Gouverneur, der noch immer auf dem Bahnsteig stand, es konnte Exzellenz Mary, die grüßend vorbeifuhr, es konnte dem Fest und nicht zuletzt den beiden Herren, es konnte auch den Armharts gelten, die noch immer wichtig und erregt auf dem Bahnhof herumrannten, es hieß einfach: »So viel mache ich mir aus allen!«

398 Mit einer tiefen Verbeugung, wie nach einer Vorstellung, lief Nelly Horler weg und schrie, als sie weit genug weg war, laut und fratzenhaft zurück, gerade als die weißen Kleider der Armharts wieder auftauchten: »Unkebunk! Unkebunk!«

 

Schluß

 

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