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Anna Croissant-Rust: Unkebunk - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleUnkebunk
authorAnna Croissant-Rust
year1921
firstpub1921
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleUnkebunk
pages398
created20131207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dem heißen und drückenden Vorfrühlingswetter waren dunstschwangere Tage und dunkle, schwere Nächte gefolgt. Es regnete nicht, aber der Sturm donnerte um die Wälle, harfte in den Kronen der alten Bäume und orgelte um die Häuser. Der Rhein ging mit schwerer, trüber Flut, im Gebirge schmolz Schnee und Eis, das Wasser stieg höher, und sein wildes Tosen und Rauschen drang über die Wälle und Dächer. In der Nacht war's, als rausche und tose der Strom durch die Stadt.

Eva von Armhart, die etwas von dem poetischen Talent der Mutter geerbt, saß in dem engen Mädchenstübchen, ein kleines Lichtstümpfchen vor sich, und las Rapunzel halblaut vor. Rapunzelchen schlief beinahe, es war müde, denn die vorigen Nächte hatte es auch nicht recht schlafen können, weil der böse Zahn sich wieder rührte. Nun war der Schmerz zwar vorbei, aber die Backe war wieder dick angeschwollen. Mama gab kein Geld für den Zahnarzt, und es ging immer so weiter. 380

»Horch, wie brauset der Sturm und der schwellende Strom durch die Nacht hin.
Schaurig süßes Gefühl, holder Frühling, du nahst!«

zitierte mit Pathos Eva und schüttelte die aufgelösten Haare zurück. Der »schöne Egon« hatte sie verlassen und war zum Bäwele übergegangen, endgültig. Ein anderer Verehrer war noch nicht erwählt, nur eine Aussicht war da, allerdings eine glänzende. Der neue Bezirksamtsassessor hatte sich gestern Röders Zimmer angesehen, und es hatte ihm gefallen. Wie Mama sagte – ach, wäre sie doch zu Hause gewesen, hätte er sie doch gesehen! – war er eleganter, hübscher und feiner als Kofler, ihr schwindelte ordentlich! In den Zeiten schmerzlichen Verzichtes und neu aufsteigender Hoffnungen war Eva der Poesie sehr zugänglich, und sie nahm es sehr ungnädig auf, daß Rapunzel halb schlief. »Hörst du nicht?«

»Horch, wie brauset der Sturm durch die Nacht hin!«

Es war aber nicht der Sturm, sondern ein Wagen, der in dieser pechschwarzen Nacht über das holprige Pflaster dahergerattert kam.

Ein Wagen in der Nacht? . . . Eva sprang auf und war im Augenblick am Fenster. Wahrhaftiger Gott, er hielt vor dem Hause!

»Rapunzel!« schrie sie, »so komm doch! Wer kann denn das sein?«

»Ja, wer kann's sein?« echote Rapunzelchen, das sich neben sie geschlichen hatte. Sie ahnten es alle beide, wer es sein konnte, verhehlten es sich aber gegenseitig und starrten mit heißen Augen hinaus, ohne mehr erkennen zu können, als daß zwei Personen schwerfällig ausstiegen, eintraten, und daß der Wagen mit der blinzelnden Laterne sich langsam durch die Straße entfernte, dann wurde leise das Haustor zugemacht und ein vorsichtiges Getrappel entstand unten . . .

381 »Rapunzel, komm! Wir müssen es wissen,« sagte Eva, heiser vor Erregung und lief nach der Tür, wollte hinaus, rüttelte . . . und rüttelte und rüttelte . . .

»Die Mama hat uns eingeschlossen,« schrie sie und rüttelte aufs neue. Doch der Sturm übertönte alles. Niemand rührte sich im Haus, war's, daß man sie nicht hörte oder nicht hören wollte. Ein paar Türen gingen auf und zu, dann blieb's aber ganz still.

»So eine Gemeinheit!« sagte Eva und stampfte mit dem Fuße auf, an dem sie einen Schuh mit Stöckel trug. Es war der rechte, ihr linkes reizendes Füßchen dagegen steckte in einem grauen Schlappschuh.

Eva war außer sich vor Wut und probierte immer wieder mit aufeinandergebissenen Zähnen, das Schloß zu sprengen. Hätte sie einer ihrer »Verehrer« so gesehen, wäre ihm sicher alle Lust zur Liebe und Zärtlichkeit vergangen, wenn er nicht gar Reißaus genommen hätte vor der roten Megäre mit dem verzerrten Gesicht, dessen weiße Haut sich dunkelrot gefärbt vor Zorn.

»Du siehst schrecklich aus,« sagte Rapunzelchen, dem Weinen nahe. Es fürchtete sich, es war aufgeregt, es zitterte vor dem Kommenden . . . das große Buch in des Majors Zimmer stand vor seinen Augen. Oh, ihm fiel's nicht ein, sich wie eine Wütende zu gebärden, es hätte sich am liebsten verkrochen.

»Eine Mänade bin ich,« schrie Eva, die auch in diesem Augenblick den großen Stil hatte, Erbteil Binchen Möllers, und schüttelte wieder ihre prachtvolle, rote Mähne, nicht ohne einen Blick in den Spiegel zu tun. Wahrhaftig, sie hatte einen blauroten Kopf, und das sah gemein aus zu ihrem roten Haar, gerade wie bei der Burgissen Schwester, der weisen Frau. Mit weitausholenden Schritten des Protestes und der Verachtung kehrte sie auf ihren Schemel und in ihre kauernde Stellung 382 zurück und nahm mit finsteren, gerunzelten Brauen wieder die Verse vor, ohne laut zu lesen.

»Gehn m'r ins Bett!« flehte Rapunzel und kroch unter die Kissen, doch die Mänade würdigte sie keiner Antwort. Das Lichtstümpfchen wurde immer kleiner und kleiner. Inzwischen tobte der Sturm weiter, ein Laden schlug schwer und dumpf auf und zu, . . . auf und zu . . . es heulte und wimmerte im Kamin und wenn der Wind nachließ, donnerte der Rhein draußen bis in die Stadt herein.

Endlich schlief Rapunzelchen ein, mit ergebenem und betrübtem Ausdruck, und die dicke Backe gab ihm etwas recht Wehmütiges. Plötzlich fuhr es in die Höhe, ein Wehschrei gellte durch's Haus, laut, eindringlich, flehend . . . Rapunzelchen taumelte schon gegen die Tür – Eva stand atemlos, das Ohr fest hingelegt, dort . . . Da! Wieder der Schrei, erstickter, heiserer, jetzt wieder! Die beiden hielten sich an den Händen, die Finger verkrampft, ihr Atem ging stoßweise . . . nun war Ruhe. Aber sie wagten nicht, etwas zu sagen, sie standen und zitterten vor einem neuen Schrei. Da durchstieß er wieder, spitz, schrill, das Geheul und Gedonner des Sturmes. Rapunzelchen begann zu wimmern, verängstigt wie ein ganz kleines, hilfloses Kind, und Eva rang mit einem Entschluß. Da, auf einmal, als diese bebenden Klagen wieder von unten zu ihnen in das Zimmer drangen, an dessen Decke als riesengroße und drohende Schatten die letzten Lebensgeister des Lichtstümpfchens sich streckten, warf sie sich ein paarmal mit ihrem schlanken und zugleich muskulösen Körper gegen die Türe, die auch wirklich nachgab. Nun standen die beiden, von den letzten aufzuckenden Flammen des Lichtes zu Goyaschen Spukgestalten verzerrt, im Dunkel des Stiegenhauses. Sie standen, obgleich sie nun frei waren, wie angemauert, hatten sich wieder bei den Händen gefaßt, heißen, fieberhaften Händen, Rapunzelchens 383 Kinderhand obendrein klebrig von billigen Bonbons und Tränen. Es schien, als hätten diese dumpfen Wehschreie, die von unten kamen, zugleich die Macht sie abzustoßen und anzuziehen; denn so fest sie auch standen und sich die Hände drückten, sie kamen doch allmählich, wenn auch zögernd, vorwärts. Treppe für Treppe nahmen sie und verwünschten ihr Ächzen, das freilich bei dem Heulen und Johlen des Windes keiner hörte. Auf einmal waren sie über die beiden Treppen herunter und mitten in der Wohnstube. Aus dem Nebenzimmer vernahm man deutlich die Stimme der Kreißenden, außerdem Gemurmel, Beschwichtigungen, Mahnungen, still zu sein.

Geschmeidig schlüpften sie in die dunkelste Ecke, niemand bemerkte es . . . dort kauerten sie, hielten sich umschlungen. Fest aneinandergepreßt hörten sie, wie sich drinnen in dem engen Schlafgemach ein Stück leidvollen, weiblichen Schicksals erfüllte.

Major Vierling war diesen Abend sehr früh vom »Schiff« nach Hause gekommen, schlaff von dem warmen, stürmischen Wind, der brausend und herrisch die Frühlingsbotschaft über die Rheinebene schleuderte. Er hatte sich ungewöhnlich bald zu Bett begeben, konnte aber den Schlaf nicht finden. Nachdem er das Licht gelöscht, zündete er es wieder an, unschlüssig, ob er dem Toben des Sturmes lauschen, bequem in seinem guten Bett ausgestreckt, die Glieder gelöst, oder ob er daran gehen sollte, aufzustehen, sich in einen Lehnstuhl zu setzen und, da es noch früh an der Zeit war, zu lesen. Er entschloß sich endlich zu letzterem.

So setzte er sich in seinem türkischen Schlafrock an den Schreibtisch, nahm den Lichtenberg vor, den er vor allem liebte, und der stets dort liegen mußte, und begann zu lesen. Da sein Zimmer nach der Straße ging, hörte er, wie es ja nicht anders möglich war, ebenso wie Eva und Rapunzel, das 384 ungewöhnliche Geräusch des anfahrenden Wagens, stand auf und blickte hinunter, ohne etwas anderes unterscheiden zu können, als daß zwei vermummte Gestalten schwerfällig, die eine sogar sehr unbehilflich, ausstiegen, und dachte sich noch, ehe er sich wieder zu seinem Lichtenberg setzte, kopfschüttelnd: Da kommt gewiß die Jutta unerwartet zurück und die Alte. Eine ächte Unkebunk-Idee, das bei nachtschlafender Zeit zu machen.

Aber es dauerte nicht lange, da schreckten ihn, wie Eva und Rapunzel, die schrillen Wehschreie auf. »Das auch noch!« sagte er unwillig und warf den Band weg. »Jetzt fängt die Alte gar heute Nacht an! Ausgerechnet in dieser Sturmnacht! Nun, mir scheint, die andern zwei sind zur rechten Zeit angekommen. Ein schöner Empfang! Mit der Nachtruhe wird es heute ziemlich aus sein!«

Trotzdem versuchte er sich wieder mit Lichtenberg zu trösten und zu erheitern. Es war nun eine lange Zeit so still, daß er glaubte, sich getäuscht zu haben und schon mit dem Gedanken umging, sich wieder in sein warmes Bett zu legen, besonders, da der Wind durch seine beiden großen Fenster pfiff, die nach Süden lagen. Doch da stand wieder ein Schrei so hoch, so schrill über dem Getöse des Frühlingssturmes, daß er bis ins Innerste seines Junggesellenherzens erschauerte vor der Qual der weiblichen Kreatur. Es war nicht mehr die alte Baronin da unten, die mit den Schmerzen rang, es war das Weib überhaupt für ihn, und er setzte sich ergriffen und völlig aufgewühlt in seinen Lehnstuhl und wußte, er würde diese Nacht hier verbringen, wachend und wartend, ob man ihn etwa irgendwie brauche, denn der alte Baron saß seit sechs Uhr beim Kern und hatte gewiß keine Ahnung von der nahenden Katastrophe, und sonst war niemand im Haus, der beispringen und den Doktor hätte holen können.

Er mochte so zwei Stunden gesessen haben, fröstelnd, 385 aufgeregt, halb schlafend, um wieder aufgeschreckt sein Buch vorzunehmen, als sich ganz leise und vorsichtig seine Tür öffnete, einen Spalt nur, und durch den Spalt schlüpfte Rapunzelchen. Dick verheult, mit dick verschwollenem Gesicht und scheuen Augen, beinahe im Nachthemdchen . . . blieb sie an der Tür stehen. Sie traute sich nicht aufzuschauen, als aber wieder ein langgezogener Klageton durchs Haus hallte, fiel sie ihm, plötzlich in Tränen aufgelöst, ganz fassungslos um den Hals, umklammerte ihn und verbarg in Scham ihr Gesicht an seiner Schulter. Er zog sie auf seinen Schoß, streichelte ihr tränennasses Gesicht – sie sah so komisch aus in ihrem Schmerz mit der dicken Backe und dem krummen Mäulchen – und wiederholte nur immer wieder: »Ja, was ist denn, Rapunzelchen? Sei doch still! Es geht vorbei! Es geht nicht ans Leben! Das ist nun mal so!« . . .

Aber das Schluchzen hielt an, ja es steigerte sich zum Widerstand, wenn er sagte: »Ja, das ist nun mal so.« . . . Wie ein Kätzchen knäulte sie sich auf seinem Schoße zusammen, ohne den Kopf von seiner Schulter zu heben, nur bockte sie von Zeit zu Zeit (»ja, das ist nun mal so!«), hob aber den Kopf nicht in die Höhe und sprach kein Wort. Wie ein Kind rieb sie sich mehrmals das feuchte Näschen an seinem Schlafrock, und beschwichtigend und würdig zugleich reichte er ihr dann das Taschentuch, worauf sie energisch ihre Nase bearbeitete und es ihm wortlos wieder zusteckte.

Die Nacht schritt vor, der Major ward steif und kreuzlahm, da er das große Mädel so lange auf dem Schoß halten mußte. Er wollte Rapunzelchen auf die Füße stellen, aber das hing wie eine Klette an ihm, immer schnipsend, ohne ein Wort zu sprechen, immer den Kopf in den Schlafrock gebohrt. Endlich versuchte er, ihr Gesicht mit Gewalt frei zu machen und sie auf ihr schiefes Mäulchen zu küssen, doch sie wehrte mit allen 386 Zeichen des Schreckens ab. Wenn das Geschrei unten stark wurde, stopfte sie die Finger in die Ohren, zog sie wieder heraus, lauschte und steckte sie geschwind wieder hinein, wenn drunten noch keine Ruhe war.

In einem solchen Moment künstlich herbeigeführter Taubheit überhörte sie, daß sich die Türe zum zweitenmal öffnete. Diesmal war der Spalt fast noch enger, das Gesicht, das auftauchte, noch ängstlicher. Ganz schmal und weiß sah es aus. Das kam auch von der Flut goldroter Haare, die links und rechts der schmalen Wangen herunterhingen – Eva oder das Paradies! Förmlich schuldbewußt, wirklich wie Eva nach dem Sündenfalle blieb sie an der Türe stehen, schaute auf den Major und dann zu Boden, hub an zu schluchzen und hing im nächsten Augenblick auch an des Majors Halse, das heißt, an dem Teil des Halses, den Rapunzel frei gelassen, barg wie Rapunzel ihr Gesicht an seiner Brust und schnipste wie die Kleine, nur gesteigerter, sozusagen mehr ins Weib übertragen.

Major Vierling wurde zappelig: Gut, daß die Alte in Wehen lag, sonst hätte er am Ende die beiden heiraten müssen! Eine verflixte Situation! Die eine auf dem Schoße, die andere an seinem Halse . . . fehlte nur noch, daß die eben heimgekehrte Jutta sich auch noch zu ihm flüchtete, oder daß gar die Alte von ihrem Schmerzenslager aufstand, um energisch segnend die Hände auszubreiten! . . . Wahrhaftig! Da wankte sie auch schon zur Türe herein! Monströs anzusehen, mit gedunsenem Gesicht, die Haare in Strähnen um das George Sand-Haupt, die Arme verzweiflungsvoll gen Himmel erhoben.

Sofort sprang Vierling auf, schüttelte Rapunzelchen schonungslos herunter und suchte sich Evas zu erwehren. Wenn die Baronin hier in seinem Zimmer niederkam, platzte die Garnison vor Lachen, und die ganze Stadt schrie hinter ihm drein, daß er der Vater sei. Mit sanfter Gewalt wollte er die schwere 387 Dame zur Türe hinausdrängen, doch sie schrie in einem fort: »Einen Arzt sollte man holen, Major, einen Arzt, es ist furchtbar.«

»So lassen Sie mich doch gehen, ich gehe gern.«

»Ach! . . . Ach! . . .« Sie brach in Schluchzen aus. »Major! Major Vierling . . .«

»Soll ich gehen?«

»Nein! Nein!« schrie sie in Todesangst. »Es ist ja unmöglich!« Und schon lag sie am Boden, seine Kniee umklammernd, und wie sie so lag, tönten wieder die langgezogenen Klagelaute vom unteren Stock herauf; im selben Augenblick fuhr wie ein Blitzstrahl die Erkenntnis der grotesken und heroischen Komödie, die sie gespielt, vor ihm nieder und erleuchtete ihn.

Da unten lag die Kreißende, vor ihm kniete die Mutter.

»Major, verraten Sie uns nicht, ich bitte, ich bitte!« Und sie streckte die gefalteten Hände zu ihm herauf, und Rapunzelchen faltete auch die Hände und bat und weinte, und Eva ließ Tränenbäche über seine Hände fließen.

»Sie leidet unsäglich, sie hat auf der ganzen Bahnfahrt schon gelitten, wie eine Heldin!« sagte Binchen, Baronin Armhart-Möller und ließ sich von Major Vierling aufheben. »Keinen Ton hat sie von sich gegeben, die Großmutter hat freilich mit aller Strenge gewacht, aber denken Sie, diesen Heldenmut, wie Mucius Scävola! Und nun, wenn wir einen Arzt holen müssen, ist alles, alles umsonst!« Sofort machte sie wieder Anstrengungen, auf die Knie zu sinken, doch Vierling hinderte sie energisch, ja grob, wenn der Major gerührt war, wurde er immer grob.

»Major, ich bitte! Ich bitte! Kein Wort! Wir sind verloren, mein Kind ist verloren! Röder und Jutta sind verloren!«

Schluchzend schlug sie die Hände vor das groß geformte Antlitz und flehte hinter den vorgehaltenen Händen: »Nur keinen Arzt! Es wäre mein Tod! Der Burgissen ihr 388 Schwester sagt kein Wort – sie hat's geschworen – und ihr!« Sie drohte ihren Töchtern: »Euch erschieß ich, wenn ihr ein Wort von dem, was ihr die Nacht erlebt, erzählt! Ihr wißt, was es gilt: ›Die Ehre der Familie!‹ Ich würde es nicht überleben, es wäre mein Tod! Alles, alles umsonst!«

Laut weinend sank die umfangreiche und mächtige Gestalt auf des Majors Bett, Rapunzel stürzte ihr nach und warf sich über sie. Dann riß die allgemeine Verzweiflung auch Eva hin: nun lag das Trio weinend auf den Kissen.

So! Da stand nun der Major und kratzte sich und rieb sich die Augen, halb gerührt und halb belustigt über die eigentümliche Situation. Er hörte das Weintrio sich immer höher heben, hörte aber auch einen hohen Erlösungsschrei durch das Haus gellen, daß Mutter und Töchter in die Höhe fuhren und horchten . . .

Jetzt war es ganz still unten, so still, daß man das Wüten des Windes in den alten Kaminen und in den Kronen der Bäume deutlich hörte, und tapp, tapp, tapp kamen langsam und bedächtig schwere, bäuerisch genagelte Schuhe die Treppe heraus, näherten sich zögernd, die Türe ging auf, ohne daß jemand geklopft hätte, und an der Schwelle stand Großmutter Möller, die Faltenhaube ein wenig schief, das Gesicht gerötet, sonst aber unbeweglich wie immer, und sagte ganz ohne Erschütterung knapp und kurz: »E Bu!«

Wie kriegten sich da die drei um den Hals und tanzten wie verrückt in des Majors Zimmer herum, Mutter Binchen würdelos mit!

»Unkebunk! Unkebunk!« schrie sie. »Er ist da! Er ist da! E Bu! E Bu! Unkebunk! Unkebunk!« riefen die Töchter nach, umhalsten und küßten sich, gerieten an den Major und umhalsten und küßten auch ihn, rissen ihn in einen Tanzwirbel mit hinein und wirbelten mit dem Widerstrebenden rings ums Zimmer.

389 »Die Fahne raus!« schrie Binchen Baronin Armhart außer sich, »Eva! die Fahne, Rapunzel schnell! Auf den Speicher!«

Aber Eva und Rapunzel stürzten schon die Treppe hinab.

»Meschugge seid'r, all' seid'r meschugge!« schimpfte die Großmutter und folgte schwerfällig und lächelnd den Enkelinnen.

Die Baronin aber quetschte des Majors Hände: »Auf ewig dankbar! Immer die Ihre,« warf sie ihm noch hin . . . und weg war sie.

»Gut, daß sie nicht ›immer der unsere!‹ gesagt hat.« Der Major ließ sich, erschöpft von den Anstrengungen dieser außerordentlichen Nacht, in den großen Lehnstuhl fallen, um noch ein bißchen zu ruhen. Unmöglich! Ein Getrappel unten, ein Getrappel kam die Stiege herauf, ein Rumoren und Poltern ging über ihm auf dem Speicher los, ein Hämmern und Klopfen . . .

»Richtig, die Fahne!« seufzte der Müde und zwinkerte gegen das fahle Morgenlicht, das sich schon durch die Ritzen der Jalousien stahl; krrkrrrrr–rrr, knatterte auch schon die Fahne im Sturm und fuhr gespenstisch als huschender Schatten vor seinen Jalousien hin und her. Und bumbum! bumbum! bumbum! bumbum! donnerte es los.

Was war denn das? Böller? Kanonen? Schon kam die Baronin atemlos über die Speicherstiege herunter: »Sie hawwen all geflaggt in der Nachbarschaft, Major! Ich hab's beim Kern drüwwe sage lasse . . . Denken Se, die ganz' Straß' voll Fahne, so was!« Und bumbum! bumbum! bumbum! bumbum! dröhnten wieder die Schüsse. Verdutzt blieb die Baronin mit offenem Munde stehen: »Die ganz' Gass' is voll Fahne« wiederholte sie, »awwer des Schieße, Herr Major? . . . Was ist dann des?«

Der Major brach in ein ungeheures Gelächter aus, das nicht enden wollte.

»Kaisertag! Unser alter Kaiser hat Geburtstag! Daß ich das 390 vergessen hatte! Holla! Ein Festtag ohnegleichen für Ihren Sohn! Ich gratuliere! Kein böses Omen, murmelte das Volk!«

»Ich danke, Herr Major!« Die Baronin war wieder ganz Würde, ignorierte den Kaisertag vollständig und schüttelte strahlend dem Major die Hand.

»Ein Prachtkerl, Major Vierling, wie ein Fürst liegt er drin. Da wird der Baron gucke, wenn er nach Haus kommt!«

»Der Heldenvater? Ist er noch nicht da? Den müssen sie doch längst beim Kern rausgeschmissen haben!«

»Jo, die feiern den Kronprinz schon seit vierzehn Tag! Ich wett awwer, der Alt' liegt schon längst in der Großmutter ihrem Bett un schlaft. Jetzt muß ich aber in die Federn, es ist höchste Zeit für eine Wöchnerin!«

Mit übertriebenen, fast schalkhaften Knixen schlüpfte die Baronin hinaus – was man bei ihr eben Schlüpfen nennen konnte! – und legte unter der Tür neckisch den Finger auf den Mund, wozu der Major gravitätisch nickte.

So trat Binchen Baronin Armhart ihr Wochenbett an, frisch, robust und glückselig. Den Sohn hatte sie neben sich, während im andern Bett bleich und erschöpft Jutta mit geschlossenen Augen ruhte.

Sie hatte bei ihrer Ankunft recht elend und verhärmt ausgesehen, wenn sie auch nach Aussagen der Großmutter bei den Verwandten ganz ordentlich gehalten waren. Vor Fremden wurde Jutta natürlich versteckt und auch vor den Dienstboten verborgen gehalten, so weit es ging.

In der Dämmerung wagte sie manchmal einen Spaziergang über die Heiden und moorigen Waldblößen, stand auch sehnsuchtsvoll auf einem der waldigen Rücken und schaute in die Ferne. Aber wie Riesenwälle türmten sich die schwermütigen Tannenberge vor ihr auf, einer hinter dem andern, und verwehrten ihr den Ausblick. Es war, als sei sie hier von allem 391 abgeschlossen und könne nie mehr entrinnen, wie sie der Großmutter sagte. Die alte Frau tadelte die einsamen Spaziergänge der Enkelin; sie litt schwer unter der Schande, die sie an einem Kinde ihrer Tochter erleben mußte, ihrer Tochter, die einen Baron geheiratet hatte! Sie war so stolz gewesen auf diese Tochter, ja sie hatte sich besser gedünkt als die bäuerlichen Verwandten, bei denen sie nun Zuflucht suchen mußte. Sie und Jutta waren geduldet, das fühlte sie, das verletzte ihren Stolz schwer, und das mußte die Enkelin wieder hören. Weinte Jutta, – und sie konnte still und verzweifelt vor sich hinweinen – sagte die Alte, barsch aus Rührung: »Hör doch uff, ich meen's nit so, ich meen's gut mit d'r.«

Wirklich hielt die karge, herbe und doch warme Art der Großmutter Jutta in der Höhe, denn von Röder ward ihr kein Trost. Es kam nur spärlich Nachricht, und sein Ergehen und sein Wohlsein schienen ihm wichtiger als das Ergehen und Wohlsein Juttas. So war sie schweren Herzens und traurig nach Hause gekommen, ohne Mut in die Zukunft, ohne Vertrauen auf Röder.

Und nun mußte sie hier liegen und durfte nicht einmal ihr Kind bei sich haben . . . nun hatte sie ein Kind und durfte seine Mutter nicht sein! Ihre Lider und ihr Mund zuckten, sie war zu schwach, um den Kopf zu heben und nach ihrem Sohne zu sehen.

Draußen wurde es licht und lichter, laut und lauter. Man hörte Schritte und Schrittchen, Gelächter, Rufe und lautes Reden dicht unter dem Parterrefenster.

Die erste Kirchenglocke ließ ihre Stimme ertönen, eine zweite und dritte fielen ein, dann klang's fröhlich und laut, groß und feierlich über die Stadt hin. Dazwischen mischte sich das sanfte Knallen und Rauschen der vom Winde gebauschten Fahnen; ein Zug Soldaten zog in Schritt und Tritt vorbei, von fern hörte man Musik, verweht kam sie her, einzelne Töne wie 392 hergeschleudert durch den hastigen Wind, sie zog näher und näher, wie ein Triumphgesang brauste es am Hause vorbei, die Geschütze donnerten wieder, in lautem Jubel fielen jetzt alle Glocken ein . . . da zirpte ein dünnes Stimmchen dazwischen.

Über Juttas Gesicht ging ein Lächeln, sie schloß die Augen und fiel in einen langen, tiefen Schlaf.

*

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