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Anna Croissant-Rust: Unkebunk - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleUnkebunk
authorAnna Croissant-Rust
year1921
firstpub1921
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleUnkebunk
pages398
created20131207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Johanna Welser hatte sich geweigert, mit Exzellenz Mary in den »Kranz« zu gehen. Nicht, weil es nicht herkömmlich war, daß junge, unverheiratete Damen diese geheiligte Institution der Verheirateten besuchten – für den Besuch oder die Gesellschaftsdame der Gouverneurin wäre natürlich eine Durchbrechung der starren Regel gestattet worden – sie hatte sich nur überhaupt geweigert, ohne irgendeinen Grund anzugeben. Exzellenz Mary war scharf geworden, sie wünschte eben gerade heute ihre Begleitung. Exzellenz hatte den Ausdruck »Pflicht« gebraucht und damit zum erstenmal auf die untergeordnete Stellung Johannas direkt hingewiesen, erstaunt, daß diese, was sie sonst nie getan, sich einen Widerspruch oder eine Weigerung erlaubte. Jedoch Johanna blieb dabei. Nicht trotzig etwa oder mit deutlichen Worten des Widerspruchs, sie schien eher unter ihrer fatalen Weigerung zu leiden, ja sie bat Exzellenz zuletzt, doch nicht darauf zu bestehen, »sie könne einfach nicht«. Demütig war ja der Ton gerade nicht, und Exzellenz, die sonst wohl ohne Skrupel auf diesen Besuch verzichtet hätte, ohne etwa absagen zu lassen, fühlte sich in einer Art weiblichen Widerspruchsgeistes erst recht bestärkt, hinzugehen, und zeigte Johanna offen, daß sie ärgerlich war.

Zwar gefiel es ihr, daß Johanna keinerlei Lügen vorschützte, 365 nicht plötzlich etwa von Kopfweh, Zahnweh oder irgendeinem sich zufällig einstellenden Leiden befallen wurde, wie sich andere Frauen wohl zu helfen wissen, und nur fest, wenn auch bescheiden wiederholte: »Ich kann nicht.« Im Grunde fand sie es eigentlich richtig, daß Johanna auch einmal ihren eigenen Willen zeigte, dennoch fühlte sie sich durch ihre Art verletzt und hätte um die Welt nicht zugegeben, daß sie Johanna beistimme. Sie drang nicht weiter in das junge Mädchen, zeigte nur wenig verschleiert ihr Mißfallen und zwar auf recht bemerkbare Art. Sie verließ das Zimmer geräuschvoll und ließ es die Türe fühlen, daß sie, die erste Dame der Garnison, mit ihrer Gesellschafterin nicht zufrieden war.

Johanna blieb, nachdem die Türe mit so ungewohntem Nachdruck ins Schloß gefallen, daß die beiden Flügel noch lange nachzitterten, am Fenster stehen, wo sie ganz in Gedanken, nicht in bitteren, etwa der kleinen Szene halber, sondern in ihren eigenen krausen Gedanken, der hohen Gestalt der Gouverneurin, die so selbstbewußt drunten über den sonnenbeschienenen Platz schritt, mechanisch nachsah. Und mechanisch sagte sie sich: »sie geht zu Fuß«, denn das war etwas durchaus Außergewöhnliches.

Dieser merkwürdig warme, ungewöhnliche Tag, der etwas Aufreizendes, Lockendes hatte, mußte Exzellenz Mary zu ihrem Ausgang verführt haben. Dieser verfrühte Frühlingstag, der nicht nur Lockendes, sondern auch Niederschlagendes hatte, war es, der im Verein mit der kleinen Szene von vorhin Johanna seelisch gedrückt und gereizt machte. Noch nie hatte sie es so stark empfinden müssen, daß sie sich in einer untergeordneten Stellung befand. Eine schwermütige, lähmende Sehnsucht, die sich nicht einmal auf einen bestimmten Gegenstand richtete, nahm ganz von ihr Besitz. Wie ein unbestimmtes Verlangen nach Wärme, Fürsorge und Liebe war diese Sehnsucht, die doch nicht recht Gestalt annehmen wollte, unklar blieb und sie nur immer 366 mehr in eine dumpfe Trauer stieß, während sie unbeweglich am Fenster stand und der schnell ausschreitenden Gestalt im grauen Mantel folgte.

Der helle Sonnenschein über den Schieferdächern, der laue Wind, der die Vorhänge neben ihr hob, machten sie immer unruhiger. Bild um Bild zog an ihr vorüber: Streifereien mit dem Vater durch dunkelgrüne Wälder, wo ihre Füße tief in dem Gras der üppigen Waldwiesen versanken, an deren Rand bläulich betaut, seltsame Erdbeeren auf hohen Stielen wuchsen, an verborgenen Quellen vorüber, die mit weißem Muschelkalk umsäumt waren, mit Ammonshörnern und kleinen, krausen Versteinerungen. Raine voll wilder Disteln, von Hunderten von Schmetterlingen überflattert. Ihre allererste Reise, der Anblick des Gebirges. Wie ihr Herz geklopft hatte, als die Berge immer größer und größer wurden; ihre Brust war fast schmerzhaft bedrückt von ihrer sehnsüchtigen, ungeduldigen Erwartung! . . . Nie, nie im Leben würde sie diesen Eindruck vergessen!

Der Drang, aus den kalten Mauern hinauszukommen und die öden Häuser hinter sich zu lassen, über die Wälle fort den rötlich gekauerten Festungswerken zu entrinnen, über den Rhein, weiter und weiter zu wandern, wurden immer stärker.

Da stand mit fast schmerzhafter Deutlichkeit – ihr Kopf war dabei dumpf und benommen – ein Spaziergang im frühjahrlichen Isartal vor ihr, ein Spaziergang, den sie mit Ernst Hertwig gemacht, und von dem sie mit großen Sträußen roter Frühjahrsheide glühend und stumm nach Hause gekommen. Nun löste sich alles in dem einen Gefühl, dem heißen, ungestümen Verlangen nach ihm, das sie mit solcher Gewalt packte, daß sie taumelnd vom Fenster trat, die Augen mit den Händen bedeckend in einen Stuhl sank, wo sie gekauert, von leidenschaftlicher Hilflosigkeit geschüttelt, sitzen blieb.

367 Als sie sich nach einer halben Stunde erhob, müde und fast mit wankenden Knien, wußte sie, es gab nur eins für sie: Fort von hier und zu ihm! Mochte alles sein und werden, wie es wollte, sie kannte nur mehr das eine: Ihn. Das war ihr Weg, ihr Schicksal. Sie frug nicht mehr, ob sie ihn hindere, sie lachte bitter über die Worte: »Sie dürfen ihn nicht hindern, er muß sich eine Welt schaffen, er muß lernen, sich eine Welt zu schaffen!«

Es war gleich, was aus ihr wurde, was aus ihm wurde. Es gab nur eines: Mit ihm! Was war im Augenblick ihre Kunst, ihr Gram, ihre Sehnsucht selbst!

Sie stand so voll heißer, leidenschaftlicher Glut, daß es sie nicht mehr im Zimmer litt, sie mußte hinaus in den letzten Sonnenschein. Doch als sie hastiger als sonst ging, um sich umzukleiden, kam der Gouverneur ganz unerwartet, um Tee zu trinken, und sie mußte bleiben. Mit einem heißen Blick sah sie nach den Dächern, hinter denen die Sonne versank, und lichte Streifen den Firsten entlang zog. Sie stand enttäuscht, noch immer in ihrer Glut verwirrt, wie wenn ein Gang in diesen trügerischen Vorfrühlingsabend, der schon seine feuchte Kühle durch das noch offene Fenster schickte, ihr fieberisches Wesen, ihre Unrast hätte stillen können.

Nun saß sie mit beklommenem Herzen am Teetisch, und das Behagen und die Heiterkeit, mit der der Gouverneur ihr gegenübersaß, machten sie immer unruhiger. Sie hatte gerade über seinen Kopf weg einen Stich Albert Weltis vor sich, den Exzellenz Mary liebte, wenn sie auch von Zeit zu Zeit behauptete, er sei durchaus nicht frei von Sentimentalität.

Dieser Stich hatte Johanna von Anfang an mit einem fast mystischen Bande gefesselt. Das Paar auf niederem, breitem Lager im Gemach hinter dem großen Bogenfenster, der finstere, dunkle Mann in tiefem Schlaf, die Frau aufrecht, von leidenschaftlicher Sehnsucht erfüllt. Draußen die Mondnacht, heller 368 Schein um einen Reiter mit dem Horn, der wie eine Verkörperung des leidenschaftlichen Verlangens des Weibes vorbeireitet. Und immer wieder mußte sie heute hinsehen.

Exzellenz drohte mit dem Finger: »Pucelle, das ist gefährlich! Sie müssen nicht darnach sehen, das steckt an. Wie sagt der Page der Herodias zu dem jungen Syrier, zu Narraboth, als er nach der Prinzessin blickt?

›Wie schön ist die Prinzessin Salome heute abend.

Du siehst sie immer an, es ist gefährlich, Menschen auf diese Art anzusehen.‹

Ich muß also sagen: Es ist gefährlich, Bilder auf diese Art anzusehen. Du mußt sie nicht ansehen, du siehst sie zu viel an.«

Johanna erschrak, wie wenn der Mann vor ihr, der jetzt mit so eigentümlich heißen Worten sprach, wie sie das nicht von ihm gewohnt war, er, der stets ruhig und gemessen war, alles erraten hätte, was ihre Seele vorhin und noch jetzt in so wilde Schwingungen versetzt, ja, wie wenn sich ihm diese Schwingungen mitgeteilt hätten. Er war anders als sonst . . . und auf einmal, sie wußte nicht warum – es war nicht das Bild, es waren nicht seine Worte – war sie nicht mehr unbefangen; sie wich seinem Blick aus und sah nur scheu und unsicher an ihm vorbei . . . dann kam einen Augenblick etwas Lähmendes über sie, ein Schwindel, wie wenn sie sich an einem Abgrund hintastete, sie zitterte innerlich und glaubte, man müsse die innere Erregung, von der sie geschüttelt wurde, auch nach außen sehen. Und doch waren all ihre Glieder wie im Bann . . . nur ein paar Atemzüge lang, dann verging dieser taumlige Zustand.

Sie war erschrocken über einem wirren Traum erwacht, sah, daß sie mit abwehrend ausgestreckten Händen dasaß, und daß der heiße Blick, den sie vorhin so lähmend gefühlt, weg war. Exzellenz saß lächelnd ihr gegenüber. Hatte sie geträumt? War alles ein Spiel ihrer erregten Nerven, ihrer Reizbarkeit 369 gewesen? Der Gouverneur rauchte heftig, stoßweise. Er hatte, was sonst nie geschehen, zu rauchen begonnen, ohne um Erlaubnis zu fragen. Ein dichter blaugrauer Qualm war um ihn, daß man sein Gesicht in dem dämmrigen Zimmer kaum unterscheiden konnte.

Johanna stand unsicher auf, um dem Diener zu läuten, damit er das Gas anzünde. Da war der Spuck vollständig verflogen, und sie saßen sich gegenüber wie immer. Johanna goß den Tee ein und reichte die Brötchen; Exzellenz plauderte wie sonst, wenn auch ein Unterton von Hast und nicht ganz ächter Heiterkeit durchklang. Johanna blieb still und saß im Lehnstuhl, den Kopf auf den aufgestützten Arm gelegt, und suchte dem Licht des Lüsters auszuweichen, das sie heute peinigte.

»Nun, Pucellchen, Jeanne d'Arc, was haben Sie denn? . . . Kopfschmerzen bei dem brühwarmen Frühlingswetter, das allen in den Gliedern und auf dem Herzen liegt? Waren Sie draußen? . . . Nein? . . . Das ist unverantwortlich! Warum sind Sie nicht spazieren gegangen? Ich verliere kein Wort darüber, daß Sie die Marotte meiner Frau nicht mitmachten, aber Sie hätten laufen sollen . . .«

Johanna schüttelte nur den Kopf, sie konnte nicht reden.

»Was ist denn? Sie sind anders als sonst. Ich bin doch Ihr Freund, reden Sie!«

Aber Johannas Hals war wie zugeschnürt, sie fand kein Wort der Erwiderung. Hilfeflehend sah sie den Gouverneur an, ihr Herz krampfte sich zusammen . . . da war er wieder, dieser Blick! Ganz deutlich! Und nun stand der Mann vor ihr, seine Hand lag auf ihrem gesenkten Kopf, streichelte ihr leise übers Haar, und seine Stimme klang weich, beschwichtigend: »Ja, was ist denn, Kind? Sprechen Sie sich doch aus! Sie beben ja an allen Gliedern!«

Er nahm die Hand fort, als er sah, daß seine Weichheit und 370 Wärme die Spannung und den Schmerz löste und Tränen in Johannas Augen kamen, die sie nicht zurückhielt, die eine Zeitlang die Augen füllten und ganz langsam über die Brust auf die gefalteten Hände liefen, die sie hilflos in den Schoß gelegt hatte.

»Ich kenne Sie ja nicht wieder, Pucellchen! So tapfer sonst und nun so aufgelöst.«

Der Gouverneur war unhörbar auf dem dicken Teppich wieder an seinen Platz zurückgekehrt und rauchte wieder, daß er in einer dicken Wolke stak.

»Soll ich raten, was es ist? Oder vielmehr sagen, was es ist? Sie haben Sehnsucht, that's all, würde meine Frau sagen. Und Sie schämen sich dieser Sehnsucht, weil Sie sie für feig halten, während Sie doch tapfer sein wollen.«

Da schrie Johanna wie gepeinigt heraus: »Nein, ich will nicht mehr tapfer sein, es ist alles gleich, ich will nicht, ich kann nicht mehr, ja, ich habe Sehnsucht.«

Exzellenz atmete tief auf: »Johanna, wissen Sie, Sehnsucht ist alles, Sehnsucht und Erwartung – Erfüllung ist nichts. Wir sind reich, wenn wir uns sehnen, wenn wir glühen; was der Sehnsucht folgt, ernüchtert uns. Sie werden das jetzt nicht glauben, denn Sie treiben der Erfüllung zu, aber wir sind allein selig, so lange wir dies glühende Verlangen in uns haben . . . ›Unkebunk‹!«

Er lächelte sie an, wie wenn er über das »Unkebunk« lache, aber es war etwas Verwirrendes, Wehmütiges in seinem Lächeln, und Johanna stieß heraus: »Ich kann nicht mehr bleiben, Exzellenz, ich kann nicht, ich muß fort. Schelten Sie mich nicht undankbar gegen Sie oder kindisch, daß ich Hertwig nicht mehr allein lasse.« Hier stockte sie.

»Er muß sich doch eine Welt schaffen,« sagte, seine Frau persiflierend, der Gouverneur in spaßhaftem Ton.

371 Doch Johanna war so sehr in Aufregung, daß sie es als Vorwurf nahm. »Ich werde ihn nicht stören, ich will ihm helfen, ich nehme ihm nichts.«

»Kinder! Seid Ihr Kinder! Ihr flieht Euch und sollt zusammen sein! Sie wollen und sollen sich ja noch eine Welt schaffen. Ihr müßt Euch gegenseitig helfen!«

»Ach, was ich mit meiner Kunst will, weiß ich jetzt nicht. Das kommt wieder über mich und reißt mich fort, wenn die Zeit da ist, das weiß ich, und daß ich etwas erreichen kann, weiß ich auch. Ich habe mich ja vor kurzem wieder prüfen lassen. Aber das ist jetzt Nebensache, obwohl es mich quält. Ich kann nicht mehr hier sein, Exzellenz, ich kann nicht, ich muß fort.« Und bittend hob sie die Hände.

»So hat Sie's packen müssen, damit Sie zur Tat kommen, Johanna, damit Sie zum Weib werden. Sie brauchen nicht zu erröten. Sie sind nun kein Kind mehr, Sie sind Weib! Aber Euch Menschen der Sehnsucht – Hertwig ist auch so einer – muß es packen, damit Ihr zur Tat kommt, Euere Sehnsucht muß Euch vorwärts stoßen.«

»Und doch, Exzellenz, die Erfüllung ist nichts, die Sehnsucht ist alles . . .«

»Wenn man nicht ein geborener Tatenmensch ist und darum nur in der Tat und ihrer Erfüllung seine Befriedigung findet oder einer, sagen wir wie Röder, ein brutal Zulangender, der Sehnsucht nicht kennt oder als Schwäche verlacht, der keine Hemmungen hat, nur seinem Trieb folgt, ja, so einer wie Röder . . . wie . . . nun ja, wie Röder, sagen wir, der rücksichtslos auf sein Ziel losgeht, vernichtet . . . Sehen Sie, das kennen Sie nicht, das kennt Hertwig nicht. Ihnen tut's schon zu weh, andere verletzen zu müssen. Die andern, das sind die Gewaltmenschen, meinetwegen die Genies, wenn sie aus ganz großem Stoff gemacht sind, . . . meine Frau hat auch etwas davon . . .«

372 »Und Sie selbst, Exzellenz?«

»Ich? . . . Ja, das ist's eben, ich sitze zwischen zwei Stühlen, wie mir scheint. Nicht hart genug zum einen, nicht weich genug zum andern . . . und doch vielleicht seid Ihr die Reicheren!«

»Guten Abend,« sagte Exzellenz Mary, die eben eintrat, einen Geruch kühlfeuchter Frühlingsluft in den Kleidern. Sie lockerte ihr reiches, blondes, vom Hut etwas zerdrücktes Haar und schaute zwischen den Fingern beobachtend von einem zum andern. Die saßen im angeregtesten Gespräch wie gute Kameraden, nur beide hatten rote Köpfe, und ein Rauch war im Zimmer . . . zum Ersticken!

»Du erlaubst?« sagte Exzellenz Mary und öffnete den großen Fensterflügel, daß man die Mondsichel haarscharf auf dunklem Hintergrund im länglichen Viereck des Fensters stehen sah.

»Der Kaffee im Kranz war Blimchenkaffee. Haben Sie noch Tee? Bitte geben Sie mir gleich.«

Es waren nicht die Worte, es war der Ton, mit dem die Gouverneurin bat, der etwas Verletzendes hatte. Oder war es nur, weil die Art ihres Mannes so viel mehr Güte verriet? Und weil Johanna gerade in dieser Güte etwas ausgeruht hatte? Oder war es, als ahnte sie, in welch vertraulicher Weise sie vorhin gesprochen? Als liege noch das Zittern und Zurückweichen in der Luft, und als weise die Dame des Hauses sie in ihre Stellung, in ihre Schranken zurück. Sie war die Gesellschafterin, weiter nichts. Die Kinnladen waren scharf und brutal herausgetreten, als die Gouverneurin das vorhin sagte, ein Zug von Hochmut kam in ihr Gesicht, und Johanna fühlte, daß die Härte von Exzellenz mit schuld war, daß sie sich heimatlos fühlte und ihre Sehnsucht sie verwirrte und verängstigte. Und wie ihr das klar und klarer wurde, quälte sie's, jetzt gleich alles zu sagen, und es klang fast trotzig, obgleich ihre Stimme zitterte: 373 »Exzellenz müssen mir erlauben, daß ich Ihr Haus so bald als möglich verlasse.«

Exzellenz Mary straffte den schlanken Hals, der Blick wurde dunkel und hart. Sie setzte die Teetasse scharf auf und sagte nach einer Weile gedehnt: »So? . . . Kündigung ist nicht nötig, wenn Sie's für gut finden, ich will natürlich Ihrer Karriere nichts in den Weg legen!«

»Karriere? Daran denke ich im Augenblick nicht, sondern, Exzellenz, halten Sie mich nicht für allzu undankbar oder gar für schwach . . .« Johanna kam ins Stottern, sie hatte sich so sicher und stark gefühlt, und nun verwirrte sie der unbeschreiblich boshafte und mitleidige Blick der Exzellenz.

»Ich gehe . . .«

»Ah, zu Hertwig!« Es war ein Triumph in ihrer Stimme, und als wollte sie sagen: Ich hab's ja gewußt! Und wie wenn ihr diese Tatsache Befriedigung brächte und sie ruhig machte, setzte sie bei: »Und Ihre Kunst?«

»Meine Kunst? . . .« Johanna fuhr sich mit der Hand über die Stirne; da war wieder dies schwindelnde Gefühl, das sie vorhin am Fenster in der krankhaft lauen Vorfrühlingsluft empfunden, als müsse sie sich mit Gewalt etwas vorstellen, was sie schmerzte, etwas rufen, was sie tief unten im Grunde liegen lassen wollte, weil es schmerzte, es herauf zu holen.

»Meine Kunst . . . ich weiß nicht . . . oder ja, ich weiß es, auch dafür ist es nötig, daß ich gehe. Jetzt gilt es allerdings als Erstes: zu ihm.«

»Trampeln Sie nur Ihre Kunst herunter, es wird sich schon rächen! Ich glaube nicht, daß gerade Hertwig Ihnen die rechten Wege weisen kann; er hat auch genug mit sich zu tun, gerade jetzt.«

Johanna hörte das letzte kaum: »Es wird wegen der Kunst immer Konflikte in meinem Leben geben.«

374 »Wegen der Kunst und der Liebe? Wozu denn Konflikte? Das kann man doch ganz schön vereinen!«

»Vielleicht können es andere. Bei mir wird es nicht so glatt gehen. Ich meine, wenn man sich leidenschaftlich der Kunst hingibt, . . . gerade weil ich Ernst Hertwig liebe.« . . .

Johanna stockte. Sie hatte alles in einem entrückten und gepreßten Ton gesagt, der ihr sonst gar nicht eigen war, und der die Amerikanerin reizte. Sie wollte gerade sprechen, als Johanna wieder in demselben Tone fortfuhr: »Weil er es doch nicht ganz verstehen und darunter leiden wird, vielleicht mehr als ich.«

Exzellenz Mary schlug erregt die Hände zusammen: »Unsinn! Wenn ich Ihre Stimme hätte! Was läge mir an dem Einen! Viele! Die Massen fanatisieren, trunken von Erfolg sein, das ist das Leben! Aber Ihr macht's Euch immer recht kompliziert!«

»Macht Euch!« spottete der Gouverneur und nahm, nachdem er lange Zuhörer gewesen, jetzt hastig das Wort: »Macht Euch! Mary! Man! man macht das nicht, man ist so! Du empfindest eben anders Vielleicht schießt Ihr beide etwas über das Ziel hinaus, jede in ihrer Art. Aber begreife doch endlich, daß du vieles bei uns Deutschen nicht einfach mit deinem amerikanischen Wolkenkratzerverstand umkrempeln kannst! Verwirre doch Johanna nicht noch mehr!«

»Wenn du sie nur nicht zu sehr verwirrst!« Es war ein kalter, lauernder Blick, den die Gouverneurin ihrem Manne zuwarf. »Du solltest suchen, Johanna stärker zu machen und nicht ihren Schwächen nachgeben.«

»Es ist doch meine Stärke, Frauen in ihren Schwächen nachzugeben,« sagte er spöttisch und erwiderte ihren lauernden Blick mit einem offen feindseligen und abwehrenden.

Johanna sah diese Blicke: es griff ihr etwas kalt ans Herz. Sie hatte Mitleid mit dem Manne, dann sagte sie sich: nein, 375 er ist stark, er ist ein Mann, er kommt über alles weg. Und in dem Bestreben, die Stimmung zu verwischen, sagte sie: »Meine Schwäche ist vielleicht nicht so groß, als sie scheint, . . . wenn die äußeren Hemmungen wegfallen . . . ich bin im Grunde kein schwacher Mensch: ich kann entschlossen handeln, ich kann mich empören.«

»Wider den Stachel löcken?« lachte ungläubig der Gouverneur.

»Hat sie doch die ganze Zeit bewiesen, seit sie da ist,« bemerkte mit anscheinender Seelenruhe Exzellenz Mary.

»Ich?« Johanna machte vor Verwunderung den Mund auf und vergaß, ihn wieder zu schließen.

»Nicht offen, das liegt nicht in Ihrem Wesen. Sie haben so eine Art innerer, stummer, hartnäckiger Empörung. Sie sagen nicht ›Nein‹ mit Worten, Sie sagen es mit Schweigen« . . .

»Aber unter einem fürchterlichen Zwange, glauben Sie mir, Exzellenz, denn ich bin nicht geboren, mich stumm zu empören, ich bin geboren, mich mit Reden zu empören, und nur mein Leben hat mich gelehrt . . .«

»Das hätte mich das Leben niemals gelehrt, niemals!« unterbrach sie heftig Exzellenz Mary.

»Never! Never!« spottete der Gouverneur.

»Ja, neveer! Und das ist mein Stolz und meine Stärke . . .«

»Nein, deine Schwäche! Du bist ja wie die Bergern! Gott, ist das eine Verwechslung von Stärke und Schwäche! Übrigens, das ist ein so oft erörtertes, zu Tod gehetztes Thema bei uns . . . Da wir bei der Bergern sind, erzähle doch lieber vom Kranz.«

Und die drei Personen sprachen nun wie in einer Komödie, hörten zu, machten Bemerkungen, lachten, wie wenn sie das Vorhergegangene vollständig vergessen hätten, benahmen sich wie Automaten, während all die seelischen Erschütterungen in 376 ihnen nachklangen. Sie klammerten sich an die Alltäglichkeit, um nicht in dunkle Wirbel mit hinabgezogen zu werden.

Exzellenz Mary erzählte, erzählte gut, boshaft, geistreich, mit kleinen und größeren Übertreibungen von dem »Kranz«. Sie erzählte noch während des Abendessens und zuletzt fiel es ihr noch ein, daß Binchen Baronin Armhart-Möller, alias Unkebunken, wie sie so schön mit amerikanischem Akzent, das heißt, mit fest aufeinandergepreßten Zähnen »Onkebonk« sagte, auch da war, und sie rief etwas absichtlich laut und lachend vor dem Auseinandergehen: »Binchen Armhart war ja auch da, denkt doch! Und hat uns mit Würde den zu erwartenden Kronprinzen zum letztenmal vor seinem ›in die Erscheinung treten‹ in der Verhüllung gezeigt, und zwar sehr im Stil: Voilà, Johanna, ein Weib! Nehmen Sie sich ein Beispiel daran! Die Kunst und die Liebe!«

Sie konnte sich vor Lachen nicht beruhigen. Sie hatte sich in eine nervöse Heiterkeit hineingeredet und hineingelacht und wegwerfende Urteile über alle Damen gefällt.

»Es bleibt niemand als die Bergern; die Bergern imponiert ihr, der hängt sie nichts an,« sagte den Stil seiner Frau fortsetzend der Gouverneur.

»Ich habe bisher geglaubt, die Bergern sei ein Charakter,« antwortete Exzellenz Mary, und man sah ihr an, daß es ihr unangenehm war, über sie zu sprechen. »Heute habe ich sie in der Umrahmung des Kranzes gesehen, und ich muß gestehen, sie hat sich skandalös benommen. Überhaupt dieser ganze Kranz! Ein Augiasstall ist er; aber ich werde ihn noch reinigen, es soll mir ein Vergnügen sein.«

»Also auch dein Schwarm, die Bergern ist dahin! Man soll keine Ideale haben!«

Der Gouverneur rieb sich die Hände, Exzellenz Mary zuckte die Achseln und machte gute Miene zum bösen Spiel, reichte 377 dann Johanna die Hand, wie sie jeden Abend tat. Johanna war verabschiedet.

*

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