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Anna Croissant-Rust: Unkebunk - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleUnkebunk
authorAnna Croissant-Rust
year1921
firstpub1921
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleUnkebunk
pages398
created20131207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Am Weihnachtsabend war Johanna so niedergeschlagen und voll innerer Unruhe in ihr Zimmer gekommen, wie lange nicht mehr. Es waren frostige, vornehme Weihnachten gewesen, voll unausgesprochener Dinge, voll versteckter Gehässigkeit sogar, für sie voll Wehmut im Gedanken an die wenigen Weihnachtsfeste, die sie erlebt. Wirkliche Weihnachten, wirkliche Heimat . . . . Wie lange war das her? Wie lange sollte das noch dauern? Ernst war in seinen Briefen sehr karg und zurückhaltend. Ein bitterer Ton klang besonders stark in den letzten nach und tat ihr um so weher, als ihre Sehnsucht nach ihm immer mächtiger wurde. Sie zwang sich, ruhig, warm, vernünftig, ja heiter zu antworten. Er frug nicht mehr, ob sie kommen wolle, und sie schrieb nichts von der Zukunft. Von dem Brief ihrer Tante hatte sie ihm nichts gesagt und wollte es auch noch nicht tun, denn die Tante war bös auf sie geworden, weil sie ihr Anerbieten mit vagen Worten vorderhand abgelehnt hatte.

»Stellung, liebe Johanna, findest du wahrscheinlich noch öfter, bei mir hättest du aber nun nach Onkels Tod eine Heimat, und ich sehne mich nach dir. Ich bin allein und leide unter der Einsamkeit. Warum willst du nicht kommen? Sprich dich aus, schütze nichts vor! Ich kenne dich zu gut, die Gründe, die du angibst, sind es nicht . . .«, so schrieb die Tante. Was sollte sie ihr sagen? Sie verstand sich ja selbst nicht. Oft glaubte sie, keine Minute mehr allein bleiben zu können. Es zog sie zu dem, den sie jetzt mit ungestümerer Leidenschaft liebte, weil sie ihn nicht 338 mehr neben sich hatte. Dann sah sie wieder Exzellenz Mary, die ihr in der gleichgültigsten Bemerkung, in jeder Geste zu sagen schien: »Du bist auch so eine Schwache, kannst nicht die Zähne übereinander beißen . . . laß ihn erst wachsen, stark werden, stör' ihn nicht . . .«

Manchmal sagte sie ihr, allerdings umschrieben, ähnliches.

Johanna schüttelte nur den Kopf und blieb ruhig, so daß sie Exzellenz Mary am Arm packte und ausrief: »Jüngferchen! Jüngferchen! Ich kenne mich nicht mehr in Ihnen aus! Sie werden immer verschlossener, immer träumerischer. Sie singen mit einer gepreßten Leidenschaft . . . Ihr Amt, meinem Mann die Grillen zu vertreiben, füllen Sie nur mangelhaft aus. Mir scheint, er bemüht sich vielmehr heftig, sie Ihnen zu vertreiben, nicht? . . . Desto merkbarer sind seine Launen mir gegenüber. Mir scheint, er mißt mich an Ihnen, er wägt mich, und ich werde zu leicht befunden.«

Johanna erschrak ehrlich: »Exzellenz!«

»Närrchen, keine Angst, das macht mir gar nichts . . . im Gegenteil . . .«

»Aber es nimmt die Unbefangenheit, es lastet auf mir; ich kann nichts Unklares um mich haben.«

»Auch eine Ihrer unpraktischen Ansichten! Es ist ja nicht möglich, ach, was sag ich, es ist direkt idiotisch, stets klare Situation schaffen zu wollen. Verschleiern ist Lebensweisheit! Ist denn Ihr Verhältnis und Ihr Weg – ich meine, Hertwig gegenüber – so klar und unverschleiert?«

Johanna mußte schweigen. Das hatte den Kern getroffen. Nein, ihr Weg und ihr Verhältnis zu Hertwig waren nicht klar und unverschleiert. Was half alles Schreiben? Sie hatten daran vorbeigeredet und nun schrieben sie daran vorbei.

Er hatte ihr zu Weihnachten einen Ring geschickt, einen einfachen Reif mit einem seltsam gefaßten Karneol voll heimlichen 339 glühenden Feuers, einem Karneol, den sie so liebte, ein altes, schönes Stück, und er hatte dazu geschrieben: »Der Ring sagt Dir, daß ich Dein bin und Du mein bist, was auch geschehen mag.«

Exzellenz Mary hatte ihr einige reiche Geschenke gemacht, der Gouverneur eine Ausgabe von Jakobsen auf ihren Tisch gelegt, . . . sie hatte bewegt, fast beschämt gedankt; dann waren sie, vor der Dienerschaft eifrig redend, um den Baum gestanden, um danach zu verstummen, stumm im Salon zu sitzen, in einer Ecke, jedes ein Glas Punsch vor sich. Es war zu viel Fremdes zwischen ihnen; sie hielten sich noch eine Zeitlang gewaltsam aufrecht, gingen dann müde und verstimmt auseinander.

Zwischen der Frau des Hauses und Johanna war von nun an ein steter Zwang, ein immerwährendes Versteckspiel, das » Sichgebundenwissen und Sichbefreienwollen«. Es war auch eine beständige Gereiztheit zwischen den Gatten, ein Aufderlauerliegen von seiten des Gouverneurs, wie seine Frau sich Johanna gegenüberstelle, ein fast eifersüchtiges Wachen über sie, das Johanna wieder ganz in sich zurückjagte.

»Sie verstehen nicht zu halten, was Sie in Händen haben,« sagte Exzellenz Mary zu Johanna. »Sie könnten Ihr Leben viel reicher machen. Setzen Sie doch nicht alles immer auf eine Karte!« Und spaßhaft: »Sie könnten sogar Gouverneurin werden.«

Doch Johanna zog finster und drohend die Brauen zusammen.

»Sie verstehen keinen Spaß, Ihr deutschen Frauen versteht keinen Spaß, Ihr habt keinen Humor!«

Das Verhältnis zwischen den beiden Frauen war fort und fort ein schwankendes. Fanden sie sich in der Musik und kamen sie sich näher, so war wieder zu andern Zeiten so viel Hartes und Feindseliges zwischen ihnen, daß es Johanna eine Pein war, auszuhalten.

340 Exzellenz kam nicht zum Malen. »Mein diesjähriger Malaufenthalt in München oder Dresden oder Rom ist ausgefallen, ich weiß nicht, warum . . . ich bin einfach nicht dazu gekommen . . . aber ich sammle mich jetzt zu einem ganz großen Sprung . . .« sagte Exzellenz lachend, »und darum bin ich launisch, mürrisch, ungerecht . . . unbeschäftigt, gelangweilt eben, und Sie müssen mir's nicht so schlimm anrechnen, Johanna: zurückgehaltene Kräfte machen böse, vergiften. Es ist auch hier zum Sterben öde in diesem Jahr, und ich muß mir irgendeine Bosheit, irgendeine Sensation ausdenken, um auf meine Kosten zu kommen, sonst werd ich schlecht!«

Eine kleine Sensation hatte sie auf einer ihrer Ausfahrten mit Johanna. Sie waren ins Badische hinübergefahren. Exzellenz hatte den Wagen halten lassen und war, weil es ein schneefreier, frostiger Sonnentag, mit Johanna in den Wald gegangen. In den stillen, einsamen Wald. So glaubten sie. Es war gerade eine friedliche Stimmung zwischen den Frauen, sie sprachen nicht viel; jede hing ihren Gedanken, ihren Plänen nach. So gingen sie in dem wechselnden Sonnenlicht, das durch die entlaubten Bäume fiel, dahin. Wenn sie plötzlich einer angeredet hätte, wären sie wahrscheinlich beide erschrocken, ganz, wie wenn sie laut gesprochen und dabei ihre innersten Gedanken preisgegeben hätten. So redete sie aber keiner an; sie fielen nur fast über ein Pärlein, das eng aneinandergeschmiegt auf einer Baumwurzel saß und so sehr mit sich beschäftigt war, daß es die Kommenden auf dem weichen Moosboden, auf dem noch hoch altes Laub lag, nicht hörte. Die Frau hatte ein leichtes Tuch so über den Hut geschlungen, daß man nichts von Gesicht und Haar sah. Sie schluchzte und redete hastig und vorwurfsvoll auf ihren Begleiter ein, der steif neben ihr saß. Eine rasche Bewegung; ein paar rotblonde Locken kamen zum Vorschein . . . die Frau drehte den Kopf um und schnell wieder weg . . . 341 das Paar sprang auf und war auch schon hinter den Stämmen verschwunden.

»Eva von Armhart und der abtrünnige Liebhaber, haben Sie ihn erkannt, Johanna? Le joli tailleur. Nun, sehr viel Spaß scheint ihm diese Geschichte nicht mehr zu machen; das Bäwele nimmt ihn jedenfalls ausgiebig und die Oberstin . . . liebreich in Anspruch. Ach Gott, Sie hören ja gar nicht zu, Johanna! Sie haben eigentlich recht! Aber man kommt so herunter, daß man sich schließlich für Klatsch interessiert. Es gibt hier nichts anderes, und die ›höheren Herrn‹ klatschen auch und erst recht. Alle klatschen hier.«

»Nur die Armharts nicht,« bemerkte Johanna, die dem Liebespaar mit zugekniffenen Augen folgte. »Die haben keine Zeit und kein Organ dafür, sie sind völlig nur in ihre Welt entrückt. ›Egozentrum‹, sagte Hertwig und war ärgerlich darüber. Ich finde das gerade prachtvoll an ihnen, daß alles Gemeine und Niedrige von ihnen abfällt oder sie nicht anrühren kann, weil sie nur ihre Welt, ihr Unkebunk sehen und empfinden.«

»Man muß also ein ›Unkebunk‹ haben, dann ist man gerettet!«

»Ja, Exzellenz, und ich wollte, ich hätte so ein feststehendes, selbstverständliches und einfaches wie die Armharts. Ich habe nur die Sehnsucht danach« . . .

»Vielleicht ist das Ihr ›Unkebunk‹, die Sehnsucht!« spöttelte die Gouverneurin. »Das meine müßte beträchtlich anders aussehen. Früher hätte ich gelacht, wenn man mir gesagt hätte, ich müßte auch mein ›Unkebunk‹ haben. Sind Sie schuld, oder hat mich die Luft dieser Stadt angesteckt, kurz und gut, nun will ich auch meines. Kriege ich es nicht gutwillig, so erzwinge ich es. ›Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt‹.« Das sollte spaßhaft klingen, aber Johanna nahm es nicht so. Ein schwaches Lächeln blieb in ihren Mundwinkeln sitzen, aber ihre Stirne zog sich in Falten.

342 Sie schlugen den Weg ein, der gegen den Rhein hinausführte; schon hörte man sein gedämpftes Rauschen, und bei einer Biegung lag das ganze Flachland in Duft vor ihnen, mit dem Strom, der zitternd die braunrote Glut der Sonne wie Schuppen widerspiegelte. Dahinter stand die graublaue Kette der Pfälzer Berge.

Unwillkürlich blieben sie beide stehen. Die Ebene dehnte sich weit, weit, verschleiert und geheimnisvoll, die Berge erschienen nieder und ferngerückt, ein paar hohe Pappeln streckten sich regungslos in den kupferroten Abend, von langen Zügen von Raben langsam umkreist. . . .

»Sehnsucht . . . ›Unkebunk‹!« . . . sagte Exzellenz Mary mit einem schwachen Versuch, zu scherzen, sie wollte die Stimmung abschütteln.

»Früher hätte ich mir das vom Herzen gemalt, aber jetzt fühle ich nur, wie's mich hinnimmt, nein, wie ich mich hingebe, denn nichts regt sich, das mich zum Schaffen anspornt. Es ist lächerlich, zuletzt werde ich noch schwärmen. . . . Irgend etwas muß geschehen, es kann nicht so weitergehen!« Plötzlich lachte sie, so wie nur Exzellenz Mary lachen konnte, ein hartes, böses Lachen. »Ich werde in den Kranz gehen! Das ist die Erlösung! Irgend etwas muß geschehen . . .«

Johanna sah sie zweifelnd an und wieder auf die Landschaft, die nun etwas Verschwimmendes hatte, ganz als wollte sie dem Beschauer entgleiten.

»Kommen Sie schnell, Johanna, und fliehen Sie diese schmachtende Stimmung, sie steckt an. Es wird kalt, und der Wagen wartet.«

Doch sie sollten den Wagen nicht ohne Zwischenfall erreichen. Als sie den Wald wieder querten, kam ein zweites Pärlein auf sie zu, das ebenso rasch wie das erste verschwand.

»Familie Unkebunk bevölkert den Wald. Wenn das nicht 343 Rapunzelchen war, begleitet von dem alten Sünder Vierling . . .«

»Und von Nelly. Sehen Sie nicht, Exzellenz, sie bleibt stehen und erwartet uns.«

Richtig, da stand Nelly Horler. Die blanken Augen gingen zwischen Exzellenz und dem wartenden Wagen hin und her.

»Ja, Nelly, wie kommen Sie in den abendlichen Winterwald?«

»Luft schöpfen, Exzellenz. Die Bach stinkt gegenwärtig so an unsern Fenstern vorbei.« Sie machte den gewohnten Knix, auch vor Johanna, nur hier ein wenig leichtfertiger und sah mit begehrlichen Augen nach dem Wagen.

»Ich habe eine Freundin begleitet, so quasi als Gardemama, wir irren schon einige Zeit im Wald herum, und ich bin herzhaft müde.«

»So fahren Sie doch mit uns, das heißt, wenn Sie die Freundin verlassen können . . .«

»Sie hat mich schon verlassen, Exzellenz,« sagte sie wegwerfend, »es ist ein älterer Herr bei ihr; sie ist in guten Händen. Ich fahre mit Wonne mit, wenn ich darf.«

Die helle Gier leuchtete aus ihren Augen, als sie nach den Damen einstieg, und wie ein Kätzchen schmiegte sie sich in die Polster.

»Sie frieren, Nelly? Wie kann man auch an einem kühlen Winterabend in einem so dünnen Kleidchen herumlaufen?«

»Ich bin keine Erbin, Exzellenz; das ist mein Sommerstaat.«

»Ich habe heiß, nehmen Sie meinen Pelz, und nun schnurren Sie in Ihrer Ecke wie ein Kätzchen.«

Nelly verkroch sich in der Exzellenz prachtvollen Blaufuchs.

Sie war wie betrunken, in diesem eleganten Kupee sitzen und den Geruch einatmen zu dürfen, den der kostbare Pelz ausströmte. Immer wieder hielt sie ihn vor die Nase, und als ihr 344 Exzellenz Mary eine Düte Pralinees anbot, die sie immer bei sich führte, glitzerten die dunklen Augen, und die spitze Zunge leckte schon vorher an den Lippen.

»Wer waren denn der ältere Herr und die Freundin?« fragte die Gouverneurin.

»Exzellenz!« machte Nelly vorwurfsvoll, »Diskretion Ehrensache!«

»Aber wenn es doch ein älterer Herr ist?«

»Ja, das sagt man so, man weiß doch nicht . . . die Alten, die Alten, . . . wenn's denen in die Krone steigt . . .«

»Machen Sie sich nicht schlimmer als Sie sind, Nelly! Man meint, Sie hätten Erfahrungen.«

»Hab ich vielleicht auch! Wenn Fräulein Welser nicht da wäre, würde ich schon loslegen. Sie ist schon rot vor Unmut über mich und ärgert sich furchtbar . . . und Exzellenz, ich spaße doch!«

Johanna wandte unwillig den Kopf weg, obwohl sie lachen mußte. Nelly hatte vollkommen recht: ihre Art und Weise empörte Johanna. Dieser frivole, freche Fratz! Ihr ging der Humor dafür ab, und sie verstand nicht, wie die Gouverneurin Nelly in ihren Frechheiten bestärken konnte.

»Ach, Johanna, seien Sie nicht langweilig und ledern, Nelly ist eben ein Unikum, sie braucht einen andern Maßstab.«

Johanna zuckte die Achseln. Sie war ärgerlich über sich, daß sie fast anfing, an dem Fratzen Gefallen zu finden.

»Werden Sie nur so alt wie wir, Exzellenz und ich, Fräulein Welser, so werden Sie anders über mich urteilen. Ich bin in der Tat ein Unikum. Aber ich hatte nicht den Vorzug, Ihrem Herrn Bräutigam zu gefallen, und das scheinen Sie zu teilen, leider. Ich bin nämlich wirklich besser als mein Ruf.«

»Ich weiß nichts von Ihnen, auch kenne ich Ihren Ruf nicht; ich kenne nur Sie,« wehrte Johanna ab.

345 Da lachte die Kleine schallend auf und kicherte dann, sich halb in den Pelz verkriechend, weiter.

»Das machen Sie mir nicht weiß. Die ganze Garnison kennt meinen Ruf, meinen und den meiner schönen Schwester Stella; wir sind die schwarzen Böcke, nur das geliebte Betzerl, die Braut ›Ho–lisch–kas‹ (sie verdrehte dabei die Augen) ist ein weißes Unschuldslamm und bei allen Herrschaften beliebt. Ich mach' mir aber nichts daraus, gar nichts, nicht so viel mache ich mir draus!« Sie schnippte mit den Fingern dazu, und ihr Mäulchen wäre unermüdlich weiter gegangen, wenn nicht Exzellenz dazwischen gefragt hätte:

»Wo ist denn Resa-Rosa jetzt?«

Nelly machte eine bezeichnende Bewegung nach Johanna hin, die aus dem Fenster sah, an dem die lange Pappelreihe, die das Rheinufer säumte, dahin glitt. Dann sagte sie entschlossen: »In einer schönen Stadt, den Namen habe ich vergessen. Geographie schwach. Sie liegt an drei Flüssen, sehr malerisch, wie ich hörte, und wie sie immer wieder mitteilt. Donau, Inn und Ilz heißen die Flüsse. Dort leben viele pensionierte Offiziere freiwillig und andere unfreiwillig.«

Exzellenz wandte sich ihr rasch zu und schaute sie warnend und ernst an.

»Ganz richtig, Exzellenz,« flötete die Kleine liebenswürdig, »aber es ist so. Sie hat ihn gewiß ein Zeitlang verabscheut; ich kann ihn auch nicht leiden, er ist zu rüd, dafür bin ich nicht eingenommen. Aber diesem steifleinewandenen Kofler hätte ich ihn doch auch vorgezogen.«

Exzellenz drohte mit dem Finger, und Nelly schaute spitzbübisch auf Johanna, die jedoch ganz hingenommen war von dem immer dunkler und tiefer werdenden, breiten Wasserstreifen des Rheines, der schwer wie Tinte neben ihnen floß, und über den die Pappeln hinzuckten, umschwärmt von Zügen von 346 Raben. Auf ihm lag immer noch schauernd die schwere Glut der späten Abendröte.

»Zeigt das von Verstand, daß er Resa-Rosa alles vermachte? Er hätte mir auch etwas geben können! Er hätte einsehen müssen, daß ich viel eher eine Tänzerin werden könnte als Resa-Rosa. Ich bitte, ihre Armbewegungen! Durchs Schlüsselloch habe ich's gesehen . . . sie zeigt sich nicht nackt vor mir, sie ist so keusch!« Nelly himmelte mit den Augen. »Sie müssen nicht so verwunderte Augen machen, Fräulein – schöne Augen haben Sie übrigens! – Wenn es auch jetzt nicht Mode ist, daß man Tänzerin wird, es hat doch berühmte Tänzerinnen gegeben, die Taglioni, die Pepita, die Elsler, die hat sogar ein Prinz geheiratet. Das ist nicht meine Weisheit, das stammt noch von Kofler, die Namen habe ich mir gut gemerkt. Warum soll nicht wieder einmal die Mode kommen, warum soll dann ich nicht berühmt werden? Nun, mir ist es gleich. Ich brauche seine Groschen nicht, ich brauche sie absolut nicht, ich werde meinen Weg allein machen, glauben Sie nicht auch, Exzellenz? Irgend etwas werde ich, das steht fest, was, ist jetzt noch gleichgültig. Es genügt, daß man die Überzeugung hat, man sei etwas Ungewöhnliches. Ich freu mich nur auf die Sippe! Mama . . . Papa, obwohl, na . . . ich spreche aus Ehrerbietung vor den Eltern nicht über meinen Vater: Du sollst Vater und Mutter ehren! . . . das unschuldweiße Betzerl, Schwager Ho–lisch–ka . . . schade, daß ich den Schwager Bezirksamtmann nicht bekommen habe! Und selbst Stella Resa-Rosa. Sie wird natürlich nicht zetern und in Entrüstung wüten wie die andern, sie wird mich vornehm ignorieren, sich aber doch ärgern, daß ich mehr ›Talönte‹ habe als sie. Hier bleib ich natürlich nicht: ›Mein Sohn, such' dir ein anderes Königreich, diese Garnison ist zu klein für dich‹.«

»Jetzt setze ich Sie aber aus, Nelly, es ist allerhöchste Zeit. Sie sind ein verdammtes kleines Laster!«

347 »Aber ich habe Sie wieder einmal amüsiert, und Sie setzen mich nur aus, weil wir schon am Gouvernement sind. Exzellenz, ich danke vielmals. Sie sind die einzige Dame, die ich liebe, die ein Verständnis für mich hat, die mich nicht schulmeistert wie die andern!«

»Es hilft ja doch nichts!«

»Nein, weiß Gott, es hilft nichts! Besten Dank für den Pelz, ich gebe ihn mit Bedauern zurück, er ist zu prachtvoll! Mein Herz blutet, aber ich hoffe,

›Einst wird kommen der Tag‹ . . .«

»Adieu Nelly, adieu!« rief Exzellenz und drängte die kleine, zierliche Papplerin sanft aus dem Wagen, jedoch nicht ohne ihre Hand zum Abschied kräftig zu schütteln.

»Die Geister, die ich rief!« Exzellenz schüttelte in komischer Verwunderung den Kopf. »Moderne Jugend!«

»Da muß ich wirklich widersprechen,« fuhr Johanna auf, »so ist die moderne Jugend denn doch nicht. Sie dürfen das nicht verallgemeinern.«

»Sie haben recht, Nelly ist ein verderbter Fratz, aber sie steckt voll von Möglichkeiten, und ganz gewiß ist sie nicht so schlimm, wie sie sich macht und wurde nur schlimm in diesem Krähwinkel. Und dann, sie ist in der Tat amüsant. Sie wissen nicht, was das jetzt für mich ist! Nelly ist heute mein Rettungsanker, nächstens wird er die Bergern sein müssen. Ich werde mir meinen Lebensmut im ›Kranz‹ holen, denn Sie, liebe Johanna, sind in ihrem jetzigen zerflossenen Zustand gewiß nicht dazu geschaffen, mir den Lebensmut zu geben, den ich brauche. Ich geh in den Kranz.«

Und so tat sie auch.

*

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