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Anna Croissant-Rust: Unkebunk - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleUnkebunk
authorAnna Croissant-Rust
year1921
firstpub1921
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleUnkebunk
pages398
created20131207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der kleine Holischka widerstand nicht mehr, er ließ sich treiben. Mit einem Seufzer der Erleichterung trat er in die halbdunkle Frühstücksstube, vor deren Fenster die hohen Blumen standen, und die um diese Zeit leer von Gästen war. Er nahm sich gar nicht Zeit, erst den Säbel abzuschnallen, als er das braune Bäwele auch schon umarmte. Aus Gewohnheit machte sie ein liebes Gesicht und aus Gewohnheit wehrte sie sich nicht. Dem kleinen Holischka war nun alles gleichgültig, weil er die schöne Braune im Arm hielt. Alles andere verschwand, entglitt ihm, war vollständig weggewischt. Nur eines Augenblickes Länge zog's ihm durch den Sinn »heute abend«! Und er sah die rote üppige Eva von Armhart und die noch etwas knochige Jüngste, Rapunzelchen geheißen, trank schnell sein Glas leer, füllte es und trank von neuem aus. Dann blieb nichts mehr, nur Bäwele, und ein dumpfes Gefühl allgemeinen Elends. Er preßte seinen Kopf auf Bäweles weiche Schulter, seufzte tief auf und schluchzte zuletzt. Bäweles Gesicht drückte bei dem plötzlichen Ausbruch der Hilflosigkeit dem Schicksal gegenüber, der den kleinen Leutnant auf einmal überkam, keinerlei Teilnahme oder Überraschung aus. Sie kannte 15 dergleichen längst und betrachtete das Stillsitzen, ein Männerantlitz im Schoße oder auf der Schulter als zum Berufe einer gefälligen Wirtstochter gehörig. Sie hielt sich ganz still, obwohl es ihr höchst unbequem war, so steif dasitzen zu müssen, auch fühlte sie sich in ihrer gegenwärtigen Arbeit, dem Häkeln von Einsätzen, sehr behindert. Im allgemeinen war sie überhaupt nicht für solch zeitraubende Ausführlichkeiten und komplizierte Umschweife. Warum denn, wenn er sie gern hatte, diese Trödelei? Es war doch alles so einfach, weshalb diese Zeitverschwendung? Sie war für ein klares, nüchternes aufs Ziel losgehen. Zwar, das wußte sie, der kleine Holischka war nicht gerade derjenige, von dem sie ein rasches Handeln erwarten konnte. Man mußte ihm Zeit lassen, ihn vielleicht zu überrumpeln wissen, vielleicht – man durfte den Bogen nicht überspannen, dann wurde er stutzig, Zeit brauchte alles bei ihm, er war fortwährend unschlüssig. Aber gerade dies Schwanken, Anlehnungsbedürftige hatte ihre kühle, abwägende und überlegte Natur erobert. Und so hatte sie nun einmal, gerade aus Mangel an andern Verehrern, eine kleine Schwäche für ihn und seine Sonderbarkeiten, auch für die schönen Verse, die er ihr vorsagte, die sie kaum hörte, aber als zarte und ungewohnte Huldigung hinnahm, wie die Blumen, die er brachte. Besser gefielen ihr schon die Kettchen und Broschen, und am besten, daß man munkelte, Holischka habe einen reichen Vater, der ihn freilich nur etwas knapp hielt. Grund genug für die empfängliche Seele Bäweles, die eben verwaist war, sich mit dem Jungen möglichst liebreich zu beschäftigen.

»Ach, eigentlich bin ich ja für die Schwarzen, Feurigen, und er ist so blond und so umständlich«, sagte sie zu ihrer Freundin und Nachbarin, zu Bäcker Bäckers Theodore, die im Gegensatz zu dem sehr realen Bäwele sehr schwärmerisch veranlagt war und eigentlich die Blonden, Stillen, Schüchternen liebte. Freilich nicht den kleinen Holischka, den ihr die Freundin 16 zuerst zuschieben wollte, weil er unbequem war zu der Zeit, als sie sich noch von einer andern Seite gefesselt fühlte. Doch Bäcker Bäckers Theodore ließ sich den kleinen sommersprossigen Leutnant nicht ohne weiteres an ihren mächtigen Busen legen, sie hatte andere Ideale und fühlte heraus, daß Holischka ihre Schwärmereien belächelte und sie stets von oben herab behandelte. Und Bäcker Bäckers Theodore hatte ihren Stolz und schätzte sich ein! Niemand hatte so viele Jahrgänge der Gartenlaube gelesen wie sie, und Holischka entsprach obendrein durchaus keinem der Helden in einem Marlittschen oder Wernerschen Roman. Sie hütete sich freilich, das dem Bäwele zu sagen, denn darin war die gute Freundin unberechenbar. Wenn es auf das kitzliche Thema Männer kam, hatte es noch jedesmal Streit zwischen den Zweien gegeben, und sowohl die im Grund phlegmatische Theodore wie das nüchterne Bäwele konnten sich dermaßen erregen, daß sie gar kein Ende ihrer Meinungen fanden, und hätte nicht manchmal auf der einen Seite der alte Bäcker Bäcker schrill gepfiffen und auf der andern Bäweles Mutter in den höchsten Nasaltönen gerufen: »Bawettche! Bawettche!« die zwei wären nicht auseinandergekommen. Nun war es zwar niemals das Bäwele, das den mütterlichen Lockrufen folgte, denn es steckte seine »Mamme« schon seit dem zehnten Jahre in die Tasche, und es hatte auf ihren Ruf »Bawettche« (es konnte den Namen nicht ausstehen) nur ein ungnädiges: »Ach, was dann schun widder?« Sondern immer Theodore, die auf den väterlichen Pfiff hörte, denn mit dem alten Bäcker Bäcker war nicht gut Kirschen essen; den fürchtete nicht nur die eigene Tochter wie das Feuer, auch das Bäwele hatte Respekt vor ihm. Dem stadtbekannten Grobian konnte es einfallen, nicht nur der eigenen Tochter in die blonden Zöpfe, sondern auch der Perle des Stadtviertels, dem schönen Bäwele, in die krausen Haare zu fahren.

17 Wegen des kleinen Holischka hatte es allerdings einige Wochen viel Zänkereien und Sticheleien hin und her gegeben, denn Bäwele, klug wie sie war, wollte den kleinen entflammten Leutnant nicht ganz aus der Hand geben und verlangte von Theodore den Freundschaftsdienst, ihn wohltemperiert aufzuheben zu eigenem Gebrauch, da sie gerade in ein für ihre Empfindung ziemlich feuriges Verhältnis mit dem langen Röder verwickelt war, das sie ganz in Anspruch nahm. Als Röder aber endgültig zu den verhaßten Armharts – sie und Theodore haßten wirklich diese hochnasigen, bettelarmen Baronessen – abschwenkte, war Bäwele froh und dankbar, den kleinen Holischka unversehrt wieder zu bekommen. Sie war noch nie so gut und zutunlich zu Theodore gewesen wie in der letzten Zeit, und sie sagte ganz unumwunden zu ihr: »Jetz is es e Glück, daß du'n nit gemöcht hast, und er dich erst recht nit. Jetz hätt ich nit ämol en Liebhaber, do dhät ich mich schämme.«

So war es Holischka also überraschend schnell gelungen, an des langen Röder Stelle zu treten, ohne vorher den Umweg über Theodore machen zu müssen; aber so liebebedürftig er auch war, er konnte nicht sagen, daß das Bäwele ihm gerade das entgegengebracht, was er gesucht: Ablenkung, Trost, Wärme. Das heißt, es war ihm in seiner Verliebtheit nicht ganz bewußt; nur heute, an diesem grauen, trostlosen Tage, wo er niedergedrückt gekommen war, förmlich durchtränkt von Elend und Bitterkeit, und wo sie ihn wohl stammeln und schluchzen ließ, ihm aber kein liebreiches Wort zu sagen wußte, ihm nur hie und da mechanisch über die Haare strich, krampfte sich sein liebebedürftiges Herz zusammen, und der Gedanke an den heutigen Abend, den er bei den Armharts zubringen sollte, kam in seiner ganzen Stärke wieder. Hätte das Bäwele geahnt, was im Herzen des kleinen Holischka vorging, hätte sie wohl nicht so gleichmütig sein glatt gekämmtes Haupt von ihrer 18 Schulter auf den Schoß gleiten lassen. Sie glaubte sich des Liebhabers – Reserveleutnant nannte ihn Theodore in schöner Erkenntnis der Sachlage – so sicher, sie glaubte ihn so unbedingt entflammt, daß sie meinte, ihm alles bieten, ihn behandeln zu können, wie es ihrer Laune gerade behagte, und dachte nicht im entferntesten daran, ihn auch nur ein klein wenig zu verwöhnen, obgleich sie bei ihren früheren Verehrern, bei Röder vor allem, sehr oft, wenn auch nicht immer, die Laune gehabt hatte, das liebe Kind zu spielen. Von Holischka forderte sie ganz anderes: über ihn wollte sie herrschen, er mußte um ihre Gunst werben, er sollte zärtlich und verliebt tun, besonders heute. Für was hatte sie ihn denn, wenn es ihm nicht einmal einfiel, sie zu trösten, wo er doch gewiß schon von der Verlobung Röders wußte, und wo sie ihm nicht verhehlt hatte, wie gekränkt sie war, und wie nahe ihr die Sache mit Röder ging. Statt dessen hielt sie, wie es schien, einen trostbedürftigen Liebhaber im Schoß, der darauf wartete, von ihr in den Arm genommen zu werden! Und gerade nicht! Ihr fiel's gar nicht ein, sich zu rühren, sie häkelte ruhig weiter über den Schmerz des kleinen Holischka hinweg. Als er sich endlich aufrichtete, endlich! und nur »Bäwele! Bäwele!« ganz jämmerlich stammelte, hätte nicht viel gefehlt, daß sie den schmerzgebeugten Liebhaber, der umsonst auf ein ermunterndes Wort hoffte, derb abgeschüttelt hätte. Sie sah ihn nur mit bösen Augen an und frug kurz: »Noñ?«

»Ach, Bäwele, was soll ich denn tun, rat mir doch; die Armharts haben mich zur Verlobung heute Abend geladen. Ich kann es doch Röder nicht abschlagen und eigentlich –«

Das schlug dem Faß den Boden aus. Bäwele sprang auf und stieß den kleinen Leutnant wirklich von sich, mit einer Heftigkeit, die sonst ihrer Natur Männern gegenüber fremd war und schrie laut auf, ganz gegen ihre sonstige schlaue Art, denn 19 sie wußte, man hörte vom Frühstückszimmer alles in das eigentliche Wirtszimmer hinüber, wo heute die »Mamme« mit dem kleinen Dienstmädchen Amanda waltete. Im Augenblick war es ihr wirklich, als liebe sie Holischka, als betrüge er sie, und alle die Schwätzereien über Fensterparaden, die er täglich vor dem Armhartschen Hause in Szene gesetzt haben sollte, und die er stets hartnäckig leugnete, kamen ihr wieder in den Sinn.

Holischka wollte sich auch verloben, wie sich Röder heute verlobt. Er hinterging sie, er, den sie so sicher am Bändel zu haben glaubte! Röder hatte kein Geheimnis daraus gemacht, als er zu Jutta Armhart abschwenkte, aber dieser Duckmäuser leugnete hartnäckig – es war infam! Darum war er heute so demütig und still! Sie fand gar keine Worte, ihm ihre Entrüstung und ihre Wut ins Gesicht zu schreien, sie stand nur vor ihm mit sprühenden Augen und schrie immerfort: »So! So! Zu den Armharts! Sonst nix? Geh nur, geh! Verlob dich mit der Bettelprinzessin! Pfui Deiwel! Pfui Deiwel!« Und plötzlich, ehe Holischka antworten konnte, sank sie auf einen Stuhl, legte den Kopf auf den Tisch und fing an, herzbrechend zu schluchzen. Wirkliche Tränen kamen ihr, Tränen der Wut, der Zurücksetzung, der Demütigung, eines dumpfen Gefühls der Verlassenheit. Der kleine Leutnant stand diesem ganz unerwarteten Ausbruch vollständig ratlos gegenüber, er kühlte ihn ab und war ihm höchst unbequem. Wußte er doch nicht, wie ihn einzudämmen, denn jede Annäherung wies sie mit einem Stoß ihrer Schultern zurück. Er war doch gekommen, um sich trösten zu lassen, um sich Rat zu holen, auch liebte er heulende und heftige Weiber nicht, sie flößten ihm Furcht ein. So sah er unsicher auf den krausen Scheitel und die zuckenden Schultern Bäweles und murmelte nur: »Aber so hör doch! Es ist ja gar nicht wahr!« Doch das so plötzlich wild gewordene Bäwele stieß nur immer wieder unter Schluchzen heraus: »Un grad is 20 wahr, und wann du hingehst, is aus mit uns, ganz aus.« Und als er sie begütigend an der Schulter fassen wollte, schleuderte sie seine Hand so heftig an die Stuhllehne, daß er einen Wehschrei ausstieß, sich prompt auf seine Würde und Stellung besann und auch darauf (wie eine Erleuchtung war's), daß ihm Röder einmal gesagt hatte, man müsse die Weiber brutal traktieren, dann habe man Erfolge – nun war der Augenblick gekommen. Er griff nach Säbel und Mütze und ging, so dröhnend er es vermochte, durch das Zimmer, ohne sich umzusehen, an Bäwele vorbei. An der Türe drehte er sich noch einmal um und sagte sehr langsam, sehr gewichtig und ausdrucksvoll: »Ich werde heute abend zu den Armharts gehen. Wahrscheinlich hätte ich mir die Sache überlegt, jetzt gehe ich aber erst recht hin.« Ging und verließ das Haus mit dem stolzen Gefühl, heute den unerbittlichen, harten und starken Mann gezeigt zu haben, den, von dem Röder immer fabelte. Eigentlich hatte er ja eine starke heimliche Abwehr und eine instinktive Angst vor dem heutigen Abend, er fürchtete in der Tat seine eigene Schwäche, ohne es sich einzugestehen; aber nun mußte er sein Wort halten, nun mußte er hingehen.

»Entweder die oder ich!« rief ihm das Bäwele, unter den Blumen versteckt noch nach, und es versuchte allen Schmerz aber auch eine entschlossene Drohung in die Stimme zu legen und verstand es sogar, ein echtes Schluchzen dazwischen zu schicken . . . dann horchte es. Aber es horchte vergebens, denn Holischka hörte nicht auf die Sirenentöne, so schwer es ihm fiel, und so sicher er im Grunde seines Herzens wußte, daß sie ihn früher oder später wieder anlocken würden, wenn er sich's auch für den Augenblick nicht eingestand und allen Mannestrotz zusammennahm. So schritt er mit Würde, wie ein kleiner, steifbeiniger Gockel, die Straße hinab, rot bis unter die Stirne, und säbelklirrend, um sich Mut zu machen, so daß sich, wie heute 21 bei seinem Morgengange, die Gardinen verschoben und mißbilligende Blicke auf ihn fielen.

Mißbilligende Blicke warf auch Frau Bezirksamtmann Horler auf ihn, aber nicht etwa, weil er säbelklirrend auf das Bezirksamt zustelzte, sondern weil sie ihn wieder einmal aus dem »Schiff« hatte kommen sehen. »Sieh da, Timotheus«, sagte sie leise und schüttelte tadelnd ihre Pfropfenzieherlocken.

»Spring schnell an's Fenster Amélie! Zeig dich! Bist du auch schön frisiert? Schnell Kind! Du bist unglaublich langsam! Leutnant Holischka geht vorbei.«

Amélie, in einer wundervollen Lockenfrisur, drei himmelblaue Schleifen in dem aschblonden Haar, trat aus der Ecke, wo sie wieder einmal »tatenlos umhergeirrt war«, wie ihre Brüder sagten, ans Fenster neben ihre Mutter, und beide warteten mit holdem Lächeln auf einen Gruß, wobei Amélie eine Reihe schneeweißer, kräftiger Zähne zeigte, so weiß, daß sie beinahe mit denen ihrer Mutter, Ersatz allererster Güte, wetteifern konnte. Doch Leutnant Holischka sah nicht zu den Fenstern auf, schritt nur immer mit seinem Hahnentritte, immer noch den Säbel nachschleppend, die Straße hinunter, dem Offizierskasino zu.

»Envain« sagte Amélie traurig, denn sie war in einem adeligen Institut erzogen, noch nicht lange zu Hause, und war es noch immer gewöhnt, besonders in schwierigen Situationen französisch zu sprechen. Zwar, der unscheinbare Leutnant hatte bis jetzt keine blendenden Eindrücke bei ihr hinterlassen, andere wären ihr lieber gewesen, ihr Ideal mußte schön sein; doch Mama wäre wenigstens etwas zufrieden gewesen, wenn sie einen kleinen Erfolg aufzuweisen gehabt hätte! Ach, man war so unzufrieden mit ihr, man fand, daß sie niemand beachte. Wie sollte das auch sein neben ihrer schönen und pikanten Schwester Resa-Rosa, genannt Stella, der Stern der Garnison? 22 Mama hatte gleich »geahnt«, als sie sie nach drei Jahren wiedersah, daß sie sich schlecht in das häusliche Ensemble einfügen würde. Sie war zu ehrlich, zu nüchtern, zu ungeschickt. Hundertmal am Tage mußte sie hören: »Es lohnt sich ja gar nicht, sich lange mit dir zu beschäftigen, man muß suchen, bald eine Partie für dich zu finden, keine große natürlich, nun merk dir doch wenigstens die paar jungen Leute, die eine Partie sind!«

Amélie hatte sich redlich bemüht am Fenster und auf der Straße, in den Alleen und Anlagen und innerhalb der Festungswälle, wohin man sie eben geführt, und wo sie Leutnant Hans Holischka überhaupt begegnete, ihn anzulächeln, denn von allen Partien war er ihr durch sein fast schüchternes, verlegenes Grüßen, durch seine Unsicherheit und sein Erröten aufgefallen; sie legte sich, glücklich, das alles zu ihren Gunsten aus, bis sie eines Tages darauf kam, daß er wegen der schönen Schwester Resa-Rosa errötete und verlegen wurde, und nicht wegen ihr! Ach, Stella, der Stern der Garnison beachtete den kleinen, sommersprossigen Leutnant überhaupt nicht, ihr lagen andere zu Füßen! Die halbe Garnison machte ihr Fensterparaden, wie sollte sie sich neben ihr bemerklich machen! Das war ja immer schon so gewesen, auch im Hause! Sie, Amélie, war immer das Aschenputtel, während Resa-Rosa die Prinzessin war. Sogar der Vater, dem seine Kinder sonst immer unbequem und im Wege waren, kniff sie in die Backe, die Mutter war vollkommen verliebt in sie, gab ihr den ganzen Tag Schmeichelnamen, die Brüder unterwarfen sich all ihren Launen, obwohl sie sie wie ihre Kulis behandelte, die kleine Nelly, der Racker, hatte stets etwas mit ihr zu tuscheln, überbrachte Briefchen und Blumen, und spottete Amélie aus, daß niemand daran dachte, ihr dergleichen zu schicken!

»Sie verspricht durchaus nicht eine Schönheit zu werden, auch wird sie uns durch ihren dummehrlichen Charakter gewiß nur 23 unbequem und hindert uns, läßt man sie also ganz im Institut, vielleicht kann sie ein Examen machen und ist dann versorgt,« bestimmte Mama Horler.

So war Amélie ganz ins Institut gekommen und auch in den Ferien nicht nach Hause. Ja, aber ein Examen hatte sie eben nicht machen können und stand nun daheim allen im Wege, war zudem gedemütigt durch ihren Mißerfolg, war allen fremd und alle waren ihr fremd geworden. Es war so anders zu Hause, als sie sichs vorgestellt, so unheimlich, so zerfahren. Wenn man sie wenigstens in Ruhe gelassen hätte! So wurde sie aufgeputzt wie ein Opferlamm, mußte lächeln und kokett sein auf Befehl, und wie dilettantisch machte sie das alles! War dabei unglücklich über ihre mißglückten Erfolge und die leichten Siege der schönen Schwester, die eigentlich die Männer gar nicht zu beachten schien, und die von Herzen über sie lachte: »Nein, so ein Mädel! Gibt's denn das noch?« »Vorsintflutliches Ungetüm« hieß sie die jüngere Schwester in gar nicht boshaft gemeintem Spott, kümmerte sich aber sonst nicht im geringsten um sie, die der so weit überlegenen Schwester gegenüber nie aus ihrer Scheu und Fremdheit herauskam. Ach, war sie unglücklich und unzufrieden! Hätte man sie doch wenigstens arbeiten, in der Küche helfen lassen, ihr wäre wohl gewesen. Doch das schickte sich nicht, man bekam eine grobe Haut von der Arbeit, außerdem waren doch zwei Dienstboten da, die sich's schön verbeten hätten, wenn das gnädige Fräulein sich in ihr Schalten und Walten eingemischt hätte! Es wäre ihr auch kaum möglich gewesen, in dem engen Korsett irgend etwas zu arbeiten. Über das Schnüren wachte Mama mit Argusaugen: »Figur! Figur! Du bist doch wenigstens groß, man muß dich nur formen,« »modulieren«, wie die Brüder sagten, und so zog sie jeden Tag ein bißchen fester zu, unbarmherzig, ohne die »Au«schreie Amélies zu beachten. Aber auch die allmählich erreichte Figur schien nicht zu ziehen; man 24 unterhielt sich flüchtig mit ihr, wunderte sich, daß sie die Schwester der eleganten Resa-Rosa sei, war im höchsten Falle noch leutselig mit ihr, ganz wie wenn sie noch ein Baby wäre . . . und Mama wurde immer unzufriedener und zankte den ganzen Tag. Amélie kam sich so grenzenlos überflüssig vor und so ungeschickt obendrein, wenn sie überall steif herumstand, sich in ihrem Korsett nicht rühren konnte, und sich vor Spitzen, Schleifen und Bändern auch nicht zu rühren traute. Einmal aber hatte Holischka länger mit ihr geplaudert, und sie hatte den Eindruck bekommen: er war traurig und verscheucht wie sie, fand sich nicht zurecht wie sie, liebte Wald und Berge, aber die Ebene nicht, ganz wie sie, und haßte diese kleine Garnison, unter deren Wällen und Bollwerken man erstickte. Er liebte wie sie, das einzige, das es hier gab, den großen, herrlichen Strom, der so viel Sehnsucht brachte und so viel Sehnsucht mit fortnahm. So hatte sie bei ihm ein kleines, schüchternes Heimatgefühl gehabt, obwohl sie deutlich empfand, daß er gar nicht zu ihr, daß er in die Luft, daß er sich all das nur von der Seele reden müsse. Vielleicht löste sie diese Stimmung bei ihm aus, weil er ihr gegenüber nicht scheu war. Trotzdem betrachtete sie sich seitdem ein wenig zu ihm gehörig, so, als ob sie ein kleines Geheimnis zusammen hätten, und sie freute sich immer auf seinen Gruß. Nun schaute er nicht einmal mehr herauf, und sein Gruß war doch immer etwas gewesen für den ganzen Tag.

»Envain!« sagte sie noch einmal trostlos und schielte scheu zur Mama hinüber.

»Natürlich! Auch hier pas de chance! Weißt du, woher dieser stolze Ritter kam? Aus dem Schiff, wo er dem Bäwele den Hof macht. So, jetzt richte dich danach; Holischka ist weich und leicht zu lenken, auf einmal hat ihn Eva Armhart, die schon lange nach ihm angelt, und du wirst ausgelacht. Ich schäme mich ja beinahe vor den Dienstboten, die von 25 Resa-Rosa anderes gewöhnt sind,« zankte die Mama und begann langsam ihre Locken auf Papilotten zu wickeln; das tat sie stets vor Tisch oder gleich danach, ehe sie sich zum Mittagschläfchen niederlegte.

»Ich muß ernsthaft mit dir reden, Kind: Deine Erziehung hat Geld gekostet, das muß wieder hereinkommen, du verstehst! Wir sind durchaus nicht in guten Verhältnissen, durchaus nicht; entweder du machst eine anständige Partie und bald, oder ich muß mich um irgendeine Stelle für dich umsehen. Wenn du dich nur sehen könntest, wie du wieder dastehst! Was fängt man denn mit dir an? Sag doch! Naiv und kindlich steht dir nicht, und die Dame erst recht nicht. Geh, sieh doch zu, Liebes, daß du Holischka, wie soll ich sagen . . . aufmerksam auf dich machst! Er ist so ein netter, lieber, guter Junge! Habe doch ein bißchen mehr Ehrgeiz, sei mein kluges Kind.« Und die alte Dame, die nun glücklich alle Papilotten auf ihrem Kopfe versammelt hatte, wo sie ruhten wie eine Herde fauler Schnecken, tätschelte ein wenig Amélies Wange, daß dieser, die mütterliche Zärtlichkeit nicht gewohnt, Tränen in die Augen kamen.

Holischka! – Nein, sie liebte ihn nicht. Liebe mußte etwas anderes, viel höheres und heiligeres sein, aber es schmerzte sie sehr, daß er, der ihr so viel gegeben, auf dessen Gruß sie jeden Tag wartete, ihr heute so weh getan!

»Tränen um Holischka! Er wird das Bäwele heiraten oder die rote Eva von Armhart, und dann habe ich gar keinen mehr!« sagte sich Amélie, als sie nach Tisch in ihr nüchternes Zimmer trat, in das so wenig Sonne fiel, und das sie mit der jüngern Schwester teilen mußte, während Resa-Rosa das große Eckzimmer nebenan hatte, das etwas vorgebaut war und nach dem Garten ging. Amélie warf sich auf ihr schmales eisernes Jungmädchenbett mit den dünnen Kissen und schluchzte in die Kissen, denen man schon möglichst viel Federn entzogen hatte, um 26 andere Betten damit zu vervollständigen; es schadete ja nichts, wenn sie für Amélie dünn und hart waren. Eine halbe Stunde mochte Amélie wohl so gelegen haben, halb schlafend und noch im Schlaf schluchzend, als sie ein scharfer und durchdringender Pfiff weckte. Sie richtete sich auf . . . nichts regte sich im Haus. Die Brüder und der kleine Frechdachs Nelly mit den blanken Augen waren in der Schule, die Mama schlief, der Papa saß im Büro und arbeitete angeblich, die Mädchen waren um diese Zeit in der Küche beschäftigt, die zudem nach einer andern Richtung gelegen war: wem galt der Pfiff? Oder hatte sie sich getäuscht? Nein, da war wieder dieser leise und dabei durchdringende, förmlich suggestive und warnende Pfiff . . . Amélie stand halb schlaftrunken auf, rieb sich die von Tränen und Schlaf verschwollenen Augen. . . . Das konnte doch nur von ihrem kleinen Garten herkommen, der sich terrassenförmig nach »der Bach« zu senkte, von dort, oder von dem kleinen Hofe des Nachbarhauses, sonst gab's da unten nichts als das trübe, träge Wasser »die Bach«. Warum klopfte denn ihr Herz so? Sie schlich sich an das schmale, kleine Fenster, das nach dieser Seite ging und immer verhängt war, während das Hauptfenster der Straße zugekehrt war. Es gab ihr einen Stich. Auf der schmalen Mauer, die ihren Garten von dem Höfchen trennte, und die schräg und ziemlich steil anstieg, stand ein Mann, kaum zu unterscheiden in dem dicken Nebel, der wieder eingesetzt hatte, den man förmlich in der Stube roch und fühlte . . . ein Mann stand dort, dessen verwischte Konturen man nur undeutlich sah. Nun pfiff er wieder, gerade so leise, so scharf und eindringlich wie vorher, klomm die allmählich ansteigende, schmale Mauer hinan, behutsam, Schritt für Schritt. Er konnte nur aus dem Nebenhöfchen oder aus »der Bach« gekommen sein. Aus »der Bach« sagte hartnäckig Amélie, die mit entsetzten Augen, als ob sie einen 27 Sommermittagsspuk sähe, wie gebannt an dem schmalen Fenster verharrte. Was wollte der Mann? – Die Speisekammer fiel ihr ein. Nach dieser Richtung lag ja nur der lange Gang, und kühl und abseits, die Speisekammer. Eine Hammelkeule hing dort, und Töpfe voll Eingemachtem standen auf den Regalen. Für diese Dinge besaß Amélie ein warmes Herz, und dafür zitterte sie. Keinen Augenblick dachte sie an das Silber im Eßzimmer, freilich war nur das allernötigste da, es fehlte ja überall, da und dort im Haushalt. Darüber hatte sie sich allerdings niemals Gedanken gemacht, die Speisekammer war jedoch stets wohlversorgt, und sie hielt sich an die Speisekammer, das waren reelle Werte, war etwas ihr Vertrauen Einflößendes, etwas, an das man sich halten konnte. Eine Hammelskeule war eine Hammelskeule, gebraten oder ungebraten, erfreulicher noch, wenn sie gebraten und mit Bohnen lieblich umkränzt auf dem Tisch stand. Sollte es der Mann gar auf die Hammelskeule abgesehen haben? Am hellichten, wenn auch nebligen Mittag? Amélies Brauen schoben sich drohend zusammen. Er sollte es wagen. Wenn alles schlief, sie wachte! Das ganze Haus würde sie in Alarm versetzen, sie würde ihn entdecken, ihr würde man es dann zu danken haben; endlich würde man sehen, daß doch etwas in ihr steckte! Aber . . . pfiff man denn, wenn man Hammelskeulen stahl? Was war denn jetzt? Der Mann war am Ende der Mauer angelangt, da, wo das große Weinspalier begann; er hob den Arm . . . gerechter Gott, er wird es doch nicht versuchen, am Spalier heraufzuklettern?, an den schmalen, schwankenden Latten? Wozu? Amélie begann es vor den Augen grau zu werden, ihr schwindelte, denn der Mann war wirklich auf einmal verschwunden, er mußte am Spalier hängen! sie bog sich vor – richtig! behutsam, aber sicher, wie einer, der den Weg kennt und oft gemacht hat, klomm er höher und höher . . . und – ein Strahl Sonne brach durch 28 den Nebel und verschwand ebenso rasch, wie er gekommen. Aber in dieser kurzen Spanne Zeit hatte Amélie zu sehen geglaubt, daß der Mann eine Uniform trug und daß es Röder war. Einen Augenblick stand sie wie betäubt, wie verdummt, dann kam auch bei ihr der Sonnenblitz, aber er verschwand nicht so rasch wie der andere vorhin, er erhellte grell ein weites, weites Feld und erhellte so gründlich, daß sie geblendet zurückwich. Jede Ecke war nun voll Licht, und alles sah sie. Der Mann war Röder, war sicher Röder, und er stahl sich im Schutze des Nebels zu ihrer Schwester, zur schönen Resa-Rosa, auf einem Weg, den er schon oft gegangen, den niemand sonst wußte, auf einem nur ihm vertrauten abenteuerlichen Weg. Drüben über dem Bach, wie gekauert im Nebel, lag die schweigende Kirche, und daneben öffnete ein grauer, finsterer, hoher Tabakschuppen seine Lucken – Er wagte ihn heute in der Mittagszeit zu gehen! – Amélies Zähne schlugen aufeinander, sie konnte ihn nicht mehr sehen, und verfolgte dennoch seinen gefährlichen Weg von Latte zu Latte – nun hörte sie den leisen Pfiff wieder . . . dann mußte sie plötzlich in ein belustigtes Gelächter über sich ausbrechen, hatte sie denn Halluzinationen? Der so an den Latten herumturnte, war gewiß ein Handwerker, ein Schreiner oder Schlosser, der eine Reparatur vorzunehmen hatte . . . doch vergurgelte das Lachen schon in ihr; nein, es war Röder, und obwohl ihre Füße schwer wie Blei wurden, und sie ihren Körper förmlich ziehen mußte, trat sie wieder an das schmale Fenster, schloß mit aller Vorsicht auf, mit einer Vorsicht, wie wenn sie einen Schlafwandler wecken könnte, und steckte behutsam den wohlfrisierten Kopf mit den drei himmelblauen Schleifen, die ihr nun sehr im Wege waren, hindurch. Gerade verschwand der letzte Schatten des Mannes in Resa-Rosas Zimmer – gerade sah sie noch einen Fuß, einen Sporn . . .

29 Fassungslos sank Amélie auf einen Stuhl und brach in Tränen aus. Nicht etwa Tränen der Entrüstung oder der Scham, sie fühlte sich jetzt noch weniger als vorher der Welt ringsum gewachsen. Die Welt war ein Chaos, wurde ihr immer unverständlicher, und wenn auch in ihrem armseligen und hilflosen Herzen kein Schatten des Wissens dessen sich regte, was diesen Mann eigentlich zu ihrer Schwester getrieben, war sie sich wohl bewußt, daß etwas geschah, das sie nicht begriff, das verpönt war, das verborgen bleiben mußte, und vor dem sie sich fürchtete, über das sie nicht reden durfte, ein düsteres Geheimnis.

Gegen sieben Uhr abends saß die ganze Familie Horler unter der »traulichen Lampe« am Eßtisch versammelt, äußerlich gesehen die »Deutsche Familie«, beinahe wie das frühere Titelbild der Gartenlaube wirkend. Da saß am Kopfe des Tisches der würdige, grauhaarige Vater hinter der großen Zeitung; man sah ihn fast nie ohne eine Zeitung zu Hause, ja, er setzte das Lesen sogar unter dem Essen fort, eine Gewohnheit, die entschieden zu mißbilligen war, die die Frau des Hauses aber nachsichtig unterstützte, da er so manches dann nicht sah und hörte, was am Tisch vorging. Neben ihm die schöne Resa-Rosa und Amélie mit den drei himmelblauen Schleifen, unten der kleine Racker Nelly, zerzaust und müde von lauter Springen und Tanzen und Hüpfen den ganzen Tag über, doch mit großen, pfiffigen Augen alle am Tisch verfolgend: »Ihm blühten drei liebliche Töchter.« Neben der Mama saß Eugen, denn sie mußte energisch darüber wachen, daß er nicht das für die ganze Familie bestimmte Abendbrot allein aß. Rund und dick und phlegmatisch, ähnelte er in allem ganz allein seinem Vater, war wie er hinter den guten Sachen her und ließ sonst unsern Herrgott einen guten Mann sein; alles war ihm recht, wenn er nur nicht lernen und laufen mußte. Der Platz neben Eugen war noch leer, denn Hugo, der jüngere, kam stets zu spät, war 30 niemals, auch in der Schule nicht zur rechten Zeit zur Stelle; doch, da er fast stets eine Neuigkeit oder eine Schnurre mitbrachte und es überhaupt verstand, Leben in die Bude zu bringen, nahm es niemand so genau mit ihm. Die Mama vermied es gern, sich um seine Tätigkeit oder sein Tun außerhalb der Schule zu kümmern, sie war zufrieden, wenn er endlich da war, und quälte ihn nicht mit unnützen Fragen. Warum denn? Der Junge war stets einer der Ersten in der Klasse, wann er lernte, war der ganzen Familie ein Geheimnis; er wäre aber auch nicht anders behandelt worden, wenn er einer der Letzten gewesen wäre.

Papa Horler hatte einen durch nichts zu erschütternden Grundsatz: er ärgerte sich nur am Donnerstag, und es war wahrlich schon mehr als genug, sich einmal in der Woche zu ärgern! Alles Unangenehme, alle »Haue«, jeder Hausarrest, alles mußte auf den Donnerstag verschoben werden, niemand durfte an andern Tagen dem Familienoberhaupte zumuten, zu schimpfen oder gar zu strafen. Die Jungen merkten sich ihren Donnerstag genau und waren, hatten sie etwas auf dem Kerbholz, an diesem Tage nie zu finden. Papa Horler wetterte, und damit, fand er, war seine Pflicht getan. Den nächsten Morgen verschwand er wieder hinter seiner Frankfurter und tauchte höchstens einmal auf, um seinen Kaffee zu schlürfen, wobei er stets recht possierlich aussah; denn es schien, als teile sich sein bärtiges Antlitz, in dem man keinen Mund gewahrte, in der Mitte, ganz ohne eigentlichen Mund, als ginge nur der Bart auseinander. Für die Kinder war das immer ein Gaudium gewesen, so lange sie klein waren, und sie waren erpicht darauf, zuzusehen, wie sich dieser kerzengerade lange Spalt in der wirren Bartmasse öffnete und wieder schloß; halb war ihnen das lächerlich und halb unheimlich gewesen.

Nun waren sie längst daran gewöhnt wie an die 31 Schneckenversammlung auf dem Kopfe ihrer Mama, die sie auch diesen Abend wieder trug. Sie war am Spätnachmittag ausgegangen, und der Nebel hatte ihre Stopselzieherlocken in lange, trauerweidenartige Strähne verwandelt, die Resa-Rosa stets so sehr mißbilligte.

Die Dame des Hauses war in einer ziemlich schwierigen Mission außer Haus gewesen, hatte aber merkwürdigerweise sehr schnell »reüssiert«, wie sie Resa-Rosa zugeflüstert. Es gab also noch einige Menschen mit biederem Charakter und dem Vertrauen, das Mama Horler so sehr zu schätzen wußte. Es hatte sich nämlich ein neues Modemagazin aufgetan, dessen Inhaber sich sehr beglückt gezeigt hatte, entzückende Stoffe für das Haus Horler liefern zu dürfen, ein Glück, dem sich die andern Geschäfte der Garnison und auch der nahe liegenden größeren Städte schon längst zu entziehen gewußt hatten. Papa Horler erfuhr nie von dergleichen Unbegreiflichkeiten. Mama besaß eine durch lange Praxis erworbene Fähigkeit, ihm alle schriftlichen Äußerungen dieser Kaste, die sich sehr oft in Zahlen ausdrückte, vorzuenthalten. Es war zwar manchmal zugetroffen, daß solche Briefe dennoch in seine Hände, und zwar gerade am Donnerstag in seine Hände geraten waren – das hatte alsdann eine furchtbare Explosion gegeben: tagelang danach war alles im Hause mäuschenstill und verschüchtert gewesen. Um so mehr mußte man aufpassen und die Dinger zerreißen oder in den Ofen werfen; Papachen sollte sich nicht aufregen, der Arzt hatte es ohnehin gesagt!

Gerade als man daran dachte, auch den allerletzten Rest des Abendessens zu vertilgen, stürzte Hugo mit Indianergeheul herein, der sich wieder einmal den ganzen Nachmittag am Rhein, in den Föhrenwäldern oder verbotenerweise in den Festungsgräben und Kasematten herumgetrieben hatte. Seine Ledertasche am Riemen im Kreise schwenkend, schrie er 32 triumphierend: »Der Röder wird sich heut abend mit der Jutta Armhart verlobe! Etsch! Das Rapunzelche hot's äwe gesach!« Es war, als schleudere er ein Geschoß, etwas, von dem er wußte, es werde irgend jemanden verletzen, wenn er auch nicht sicher wußte, wen, und wie es traf. Mit gespreizten Beinen stand er da, wirbelte noch immer seine Schultasche herum und grinste.

»Bengel!« sagte die Mama, diesmal aus ehrlicher Überzeugung, und alle Papilotten auf ihrem Kopfe zitterten. »Schwätz' doch nicht so dummes Zeug, und sprich vor allem nicht so ekelhaft pfälzisch!«

»Vor allem, ist gut!« sagte Hugo, schleuderte die Schultasche in eine Ecke und setzte sich unter Grinsen an seinen Platz. »Aber es ist wahr, zum Teufel noch einmal, und kein dummes Zeug! Von mir aus könnt ihr's glauben oder nicht! Die Verlobung ist bei Armharts und nicht bei uns.« Sein Gamingesicht, das schon ein paar charakteristische Falten aufwies, wie das eines Komikers, nahm einen impertinenten Ausdruck an: er fixierte seine Mutter und Resa-Rosa, ganz ohne Scheu.

»Hogu! Ich werde dir die Ohren noch länger ziehen, als sie schon sind, wenn du noch ein Wort sagst,« bedeutete ihm Resa-Rosa, die nicht einen Augenblick aus der Fassung gekommen war. »Setz dich und iß!«

»Ich werde schnell abgemanscht haben,« spottete Hugo, das bißchen Fleisch betrachtend, das man ihm gelassen. »Ihr habt ja alles schon ge-›awalt‹.«

Es hatte sich in der Familie Horler nach und nach eingebürgert, daß keines bei seinem Namen genannt wurde, sondern daß jedes seinen Spitznamen hatte, der sogar bei feierlichen Gelegenheiten an der Tagesordnung war. So hieß also Hugo: Hogu, Resa-Rosa: der Fixstern, Amélie: das Mondkälbchen, Eugen: das Megatherium und Nelly: der Racker. Der Papa 33 nannte die Gattin die Schnurrantin und sie ihn hinwiederum Seifensieder. Die Kinder hießen die Mama die Schuwernante und den Papa den Profoß, das Bubenzimmer war der Hundestall, Resa-Rosas Gemach der Himmelsraum und Amélies und Nellys Zimmer die Luftregion. Überhaupt vergnügte man sich, manchen Tag ein Gemisch von Deutsch-Französisch oder ein verfranzösiertes Deutsch zur allgemeinen Erheiterung zu sprechen. Man »manschte« dann anstatt zu essen, »alleete« in die Schule, »wähte« nach Haus, die Glocke »pehmte« und, war es Donnerstag, so »grondete« oder »battete« der Papa, Amélie »schagrinierte«, Nelly »sautete« und Resa-Rosa »dormierte«, »lirte« oder »schuhte« Piano. Sie konnten sich dann alle insgesamt, die Mama mit eingerechnet, halb zu tot lachen und machten stundenlang fort mit ihrem Kauderwelsch, sobald nur irgendeines damit angefangen hatte, und konnten nicht genug kriegen. Der Papa brummte wohl manchmal hinter der Zeitung vor, aber wenn nicht Donnerstag war, ließ er der »Bande« das Vergnügen ihrer Narreteien. Heute fiel es niemand ein; die Mama hielt sich steif wie eine Bohnenstange, Amélie, die rot geworden war, wagte nicht, ihren Kopf mit den vom Weinen verschwollenen Augen zu heben.

»Noñ, euch sag ich auch noch ämol was!« bockte Hugo mit seiner tiefen, immer wieder überschnappenden Stimme, den rauhen Gutturaltönen des Übergangsalters. »Ihr dhut g'rad, als wann ihr nix gehört hättet, is euch dann der verlobte Miles nit bekannt?«

Niemand gab ihm Antwort, der Papa guckte einmal flüchtig um die Zeitung, der Bart öffnete sich, dann schloß er sich wieder und verschwand hinter der Frankfurter.

»Wann der Röder verlobt is, kommt der Holischka dran, diesen Miles kennt das Mondkälbchen aber doch!« redete er hartnäckig weiter und versuchte, seinem Gaunergesicht einen 34 harmlosen Ausdruck zu geben. Da konnte aber Nelly mit den blitzblanken Augen, die sehr denen ihres Bruders Hugo ähnelten, nicht mehr an sich halten. »Holischka!« kreischte sie laut, wie wenn sie gekitzelt würde, und mit einer Spur von Verachtung fuhr sie fort: »Er wird sich doch vorher rasieren lassen! Mir hat er neulich das ganze Gesicht mit seinen Stoppeln aufgeschunden!«

»Va-t-en!« zischte die Mama halblaut.

»Chien d'Indien!« erwiderte prompt Nelly, eine der wenigen Reminiszensen aus ihrer französischen Grammatik. Im übrigen blieb sie fest sitzen und grinste mit den zwei Jungens um die Wette; sie wußte, daß ihr in Gegenwart des abservierenden Mädchens nichts weiteres geschehen konnte. Dieses Mädchen mit dem koketten Häubchen und der sehr dünnen Taille, – es wollte nicht hinter den jungen Damen zurückstehen – dem heute so viel wie nichts vom Essen blieb, und das sich für diesen Ausfall an Amélie rächen zu wollen schien, bog sich zu Nelly herab und flüsterte halblaut: »Ach Gott! Der Hans Holischka ist leicht zu kriegen, gelt? Man muß es nur verstehen natürlich!« wobei sie spöttische Blicke zwischen Amélie und Nelly hin- und hergehen ließ. Das raffinierte Mädchen dachte an den Kuß auf den Nacken, den ihr der schnell entflammte Holischka bei einem Sonntagvormittagsstaatsbesuch in der Dunkelheit des Flurs hatte angedeihen lassen, der durch ein in die Hand gedrücktes Geldstück noch eine besondere Weihe erfuhr. Da sich weder der Besuch, noch der Kuß, noch das Geldgeschenk wiederholten, hatte sie es seit der Zeit mit einer Art von überlegenem Ingrimm auf Amélie abgesehen und schaute sie während des sehr geschickten Abnehmens der Platten und Teller ununterbrochen unter lautlosem Lachen so lange an, bis Amélie wie unter einem Zwang aufstand und in ihr dunkles Zimmer flüchtete.

»Kätchen!« sagte die Dame des Hauses in sanftem Vorwurf 35 und wackelte mißbilligend mit dem Kopf; mehr wagte sie nicht, denn das Mädchen wußte zu viel.

Amélie tastete sich nach dem halbdunklen Fenster. Wie eine schwere Mauer beschwichtigend und zugleich wieder bedrückend stand der Nebel draußen. Fremd und kahl streckte sich drüben über dem gurgelnden Bach der Leib der Kirche; aus ihren hohen Fenstern glimmte fahl ein Widerschein des ewigen Lichtes. Der Tabakschuppen schob seine geöffneten Lukenverschlüsse wie gestutzte Flügel in die Nacht hinaus und glich ganz einem plumpen Ungetüm, das ruhend hockte, aber bereit war, jeden Augenblick sich schwerfällig zu erheben. Vom fernen Paradeplatz tönten die Schritte der Schildwachen vor dem Gouvernement, ein langgezogenes Signal aus der fernen Kaserne schallte herüber, von den Wällen her wurde es nach Augenblicken der Stille wieder aufgenommen, dann tönten sie zusammen klagend über die Stadt hin, die scheinbar schlief, erdrückt vom Nebel, während die Stimmen der Einsamkeit wachten und sich zuriefen.

Amélie kniete sich auf den Boden, legte den Kopf auf das Fensterbrett, und wehrlos fühlte sie, wie sich die Eingeschlossenheit und Verlassenheit der Stadt um sie drängte, und sie sprach bebend einen Namen aus, fast ohne es zu wollen: »Holischka!« bis sie ein Schauer durchzuckte, ein anderes Bild, ein anderer Mann vor ihr auftauchte; der Mann, der über die Mauer schwankte, der an den schmalen Latten hing . . . sie stieß einen Angstschrei aus, sie sah diesen Mann stürzen, sich anklammern und, wieder stürzend, endlich zerschmettert am Boden liegen, einen Schrei, den niemand in der Abgelegenheit ihrer Stube hörte, den der durch herbstliche Regengüsse, die im Gebirge gefallen waren, angeschwollene und rauschende Bach verschlang. Sonst schlich er träg dahin, diese Nacht aber trieb er seine von den Sandsteinfelsen, durch die er sich drängen mußte, rotgefärbten Wasser prahlerisch zwischen den engen Gassen durch, 36 unter feuchten Brücken weg, an sauberen Gärtchen und schmutzigen Höfen vorbei, durch Mauern, Durchlässe und unter Wällen dem Rheine zu.

Als Nelly nach einiger Zeit singend und tanzend eintrat, ein dünnes Licht in der Hand, fand sie Amélie noch immer am Fenster knieend und schluchzend. Sie klatschte in die Hände vor Übermut, das Mondkälbchen so aufgelöst vor Schmerz zu finden. Doch, als das Schluchzen immer heftiger und der Kleinen zuletzt recht unbequem wurde, trat sie zu Amélie, legte gönnerhaft die Hand auf ihre Schulter und sagte schnippisch und herablassend zugleich, immer noch im Jargon, den sie, um ihre eigentliche Stimmung zu verbergen, nach Amélies Entfernung zu sprechen beliebt hatten: »Das ›waut‹ gar nicht der ›veine‹! Wegen dem Hans Holischka! Der ›aimt‹ jeden Tag eine ›autere‹, wenn er nicht zu weit zu ›curiere‹ braucht. Es gibt doch noch ›assez‹ andere! Was ›pleurst‹ du denn?« Doch diese Worte der Lebensweisheit in dem bunten Kauterwelsch, das sie erheitern sollte, verstärkten nur das Übel. Zögernd zog Nelly nun ein paar klebrige Bonbons aus der Tasche, betrachtete sie kritisch und schob in einer plötzlichen Anwandlung von Großmut das größere in Amélies Mund, obwohl sie ihr eigentlich das kleinere hatte geben wollen. Amélie wehrte sich zuerst, nahm es aber dann unter Weinen und lutschte daran wie ein Kind, wurde auch wirklich nach und nach ruhiger, ganz wie ein Kind; es stieß sie wohl noch hie und da, als sie unter der Decke lag, doch sah sie schon mit einem gewissen ablenkenden Interesse zu, wie Nelly sich trällernd auszog, ja, als diese mit einem großen Satze ins Bett sprang und auf der krachenden Matratze wie ein verrückter Derwisch umherhüpfte, lächelte sie sogar ein wenig melancholisch. Wenn sie aber geglaubt hatte, daß sie nun ihren Gedanken hätte wieder ungestört nachhängen können, so hatte sie sich getäuscht. Nelly stand nämlich mit einem graziösen 37 Sprung wieder auf dem Boden, machte einen Salto auf die stöhnende Matratze und hüpfte immer wieder herunter und wieder hinauf, wobei ihr spindeldürrer, langer Schatten in den unglaublichsten Verrenkungen von der Wand zur Decke kletterte, hinabrutschte, sich in tollen Kapriolen aufwärts wirbelte und dann wie wahnsinnig an der Decke hin und herfuhr. Dazu schrie sie dann immer, fast vor Lachen erstickt: »Sautez, tombez, sautez, tombez!« ja, sie wurde immer heftiger, lärmender und übermütiger, daß Amélie endlich stöhnte: »Nelly! Mein armer Kopf!« Da wurde sie scheinbar ganz still, huschelte sich in ihre Decke: doch sobald Amélie das Lichte gelöscht hatte, trompetete sie gerade hinaus in die Luft, grotesk zärtlich und verzweiflungsvoll: »Ho–lisch–ka!« worauf ein paar tiefe, schluchzende Seufzer vom andern Bett her antworteten, die Nelly sofort verstärkt erwiderte; das konnte sie sich nicht versagen, dann erst wurde es allmählich ruhig, und man hörte deutlich das Gurgeln des angeschwollenen Baches.

Währenddem saß die Dame Horler in ihrem orange und violett geblümtem Schlafrock, der sich, oberflächlich gesehen, ganz pompös machte, neben Resa-Rosas Bett. Weinerlich wie ein sentimentales Flötensolo, denn Resa-Rosa akkompagnierte nicht, flötete sie ihr »Süßes« an: »Was hast du denn eigentlich Röder getan, kannst du mir das sagen, Kindchen? . . . Daß er so abspringt, so . . . Ja, wie soll ich sagen, so absichtlich! . . . Ja, Liebling, was ist das? . . . Nicht, daß ich meine, er wäre ein Mann für dich gewesen, oh nein! Aber es sieht nicht gut aus und schmerzt mich Deinethalben. Tut es dir weh, mein Süßes?« Sie flötete nun ganz, ganz leise: »Sollte er . . . sollte ihm mißfallen haben, daß du dich . . . nun ich meine, daß du dich zu viel mit Hertwig unterhalten? Er findet dich geistreich, nicht? Aber er ist nichts für dich, ich kenne doch diese Sorte Männer!« . . . Sie lauschte, vorsichtig und zag. 38 »Liebling, so sprich doch nur ein Wort!« Resa-Rosa aber sprach kein Wort, sondern warf sich mit einem Ruck auf die andere Seite, daß alle Spitzen und Falbeln ihres Nachthemdes zitterten und der Toilettentisch daneben mit seiner Mullgarnierung bebte, kehrte der Mama mit dem orangevioletten Schlafrock den Rücken und kniff die Augen fest zu, wie wenn sie dadurch weniger höre. Als die Mama jedoch fortfuhr: »Er tut's aus dépit, gewiß, er verlobt sich aus dépit!« und mit immer gesteigerterer Stimme, »aus dépit«, wie wenn sie nun erlöst wäre, endlich dies bezeichnende Wort gefunden zu haben, und es ganz hoch und spitz hinausstoßen zu können, hielt Resa-Rosa nicht nur die Augen fest zugekniffen, sondern sie drückte auch noch ihre Hände auf die Ohren. Sie sah dabei so böse und hochmütig aus, daß die Mama es vorzog, das Zimmer zu verlassen, nicht ohne ein paar theatralisch trostlose und beschwörende Blicke auf ihr Lieblingskind Stella, den Stern der Garnison, ihre Augenweide zu werfen und ganz zart zu flüstern – sie verstand es kaum selbst –: »Ich meine es so gut, Liebling!« Doch der Liebling trat sehr unzweideutig und ungeduldig mit den süßen Füßen an die Bettlade und drehte das Licht aus, noch ehe die Schleppe des beinahe pompösen orangenen Schlafrockes die Tür erreicht hatte.

Im Korridor blieb die Mama noch eine Zeitlang stehen und horchte gegen Resa-Rosas Tür hin. Nichts! Sie rief sie nicht zurück! Einen Atemzug lang wollte sie sich wenden und wieder eintreten, sie konnte nicht so von dem Kinde gehen . . . aber sie schüttelte nur den Kopf wie jemand, der durchaus nicht verstehen kann, was um ihn vorgeht, und schritt dann vorsichtig, um ja kein Geräusch zu machen, den langen Korridor der Wohnung hin und her.

Diese abendlichen Promenaden waren eine alte Gewohnheit der Dame des Hauses, sie liebte es, ihre schöne abendliche 39 Heiterkeit auf dem Gange spazieren zu tragen; so manches, was sie nie erfahren hätte, ward ihr bei diesen Abendgängen kund; sie verschmähte es nicht, ihr Ohr in nächste Berührung mit den Türen zu bringen, und es war sowohl der Hundestall, wo die beiden Jungens unterdrückt Allotria redeten – sie wußten gewöhnlich mehr als sie – wie das Zimmer des Sternes Stella, und die Küche mit dem klatschbereiten Personal, die sie besonders beehrte. Auf diese Weise ward sie so ziemlich über alles unterrichtet, was sie ungefähr wissen wollte. Begegnete ihr jemand auf diesen Promenaden, so verwandelte sich ihr gespanntes und erregtes Gesicht in ein süß lächelndes, und sie behauptete, nichts tue ihr so gut wie diese Digestionspromenaden nach dem Abendessen.

Brummend saß der alte Bezirksamtmann Horler bei seiner Zeitung allein. Er hatte lange Zeit gar nichts davon gemerkt, daß man ihn so ganz aufs Trockene gesetzt. Die Buben hatte er wohl in den Hundestall traben hören, was Teufels war aber denn heute in die Frauenswesen gefahren, daß sie samt und sonders schon um diese Zeit in ihre Betten krochen und ihn mutterseelenallein und trocken obendrein, was das schlimmste war, bei seiner Zeitung hocken ließen, wo sie doch den ganzen Abend mit den Buben einen Heidenspektakel und ein Gelächter vollführt hatten, mit ihrem verfluchten, sinnlosen Kauderwelsch, über das nur Halbidioten lachen konnten! Daß sich seine gescheite Schnurrantin zu solchen Schnurpfeifereien hergab?

Brummend trabte er den schon finsteren Gang hinab. Hatten sie richtig schon alle Lichter ausgemacht, sich gar nicht weiter um ihn gekümmert, quasi darüber verfügt, daß er nichts mehr zu trinken brauche! Es schien ihm aber doch, als höre er wispern, in Amélies Zimmer, bei Resa-Rosa, im Hundestall und in der Küche, wo er noch Licht zu sehen glaubte. Auch dort ein 40 Flüstern. Überall Geheimnisse, nur er hörte nie etwas davon! Es konnte ihm ja gleichgültig sein, was die liebe »Frauenwelt« wieder zusammenbraute, wenn er nur sein Bier hatte. So tastete er nach der Küchentür, doch, als er sie mit froher Zuversicht öffnen wollte, fand er sie verschlossen und das Licht erlosch. Er rüttelte ein paarmal an der Klinke, dann fiel ihm zweierlei ein: erstens, daß keines der Mädchen es je der Mühe wert fand, seine Wünsche zu respektieren, zweitens, daß es nicht Donnerstag, also keine Ursache zum Ärger da sei. So tappte er im Dunkeln weiter, bis er vor der Speisekammer stand, fingerte ein paar kleine Schlüssel aus der Tasche und griff nach einem Eckschränkchen. Ganz recht geschah es der alten Schnurrantin, wenn er heimlich gehörig hinter die Spirituosen ging, ihr war's doch sonst auch ziemlich gleich, wie's um ihn stand, wenn er nur hinter seiner Zeitung sitzen blieb und nichts verlangte und sich um nichts kümmerte, und gluckgluckgluck hatte er den Slivowitz an den Mund gesetzt – warum ließ sie die Dienstboten so früh zu Bett gehen! gluckgluck – warum verschwand sie selbst so früh! gluckgluck – warum saß sie an Resa-Rosas Bett, anstatt bei ihm – und warum war ihr sein Wohl und Wehe schon seit Jahren gleichgültig? Gut, so nahm er sich seinen »Tröster«, wo er ihn nur haben konnte. Mochte sie tun und treiben, was sie wollte, er ärgerte sich nicht, gluckgluckgluck – und im übrigen war ja heute kein Donnerstag!

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