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Anna Croissant-Rust: Unkebunk - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleUnkebunk
authorAnna Croissant-Rust
year1921
firstpub1921
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleUnkebunk
pages398
created20131207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Stimme, über die die Bergern triumphieren wollte, die wohlunterrichtete, halb freimaurerische, war wirklich Wasners Echo und hatte der Bergern mit Recht widersprochen. Hertwig war fort, er hatte Urlaub bekommen, und zwar sofort. Die Lage zu Hause war gänzlich unerträglich geworden. Die Stiefmutter, die, seit er geerbt, es zuerst mit Scherwenzeln, mit honigsüßen Reden und kriecherischer Dienstfertigkeit versucht hatte, geriet durch ihres Stiefsohns fortgesetzte Nichtbeachtung ihrer Anstrengungen in einen derartig gereizten Zustand, daß sie zuletzt nicht nur mit Hertwig, nein auch mit ihrem Manne, mit den eigenen Kindern Händel suchte, vor lauter Ingrimm und ratloser Wut, verschmäht zu sein. Noch immer drall, mit frischen Wangen und glänzenden Augen hatte sie es von Anfang an nicht verstehen können, daß ihre körperlichen Reize den Sohn, der doch im Alter viel besser zu ihr gepaßt hätte, als der Vater, nicht nur gleichgültig ließen, sondern daß es fast den Anschein hatte, als sei ihm gerade ihr Typus ganz und gar zuwider. Seine kalte Verachtung reizte sie immer mehr. Doch hätte sie ihn in seiner Stube sehen können, hätte sie die Genugtuung gehabt, daß der Sohn sich durch ihr Wesen gedrückter fühlte, als sie gemeint.

Sein Verhältnis der Stiefmutter gegenüber entfremdete Vater und Sohn. Dazu kam noch, daß der Vater scharf tadeln mußte, wie der Sohn zu Johanna stand: Freundschaft mit einem Mädchen, ohne irgendwelche andere Gedanken oder Absichten zu haben, hielt er für unmöglich. Ein Verhältnis mit einem Mädchen, das kein Vermögen hat, aussichtslos für einen Offizier und darum »unehrenhaft«. Je mehr in dem kleinen Nest über Hertwig und Johanna geklatscht wurde, desto strenger dachte der Vater und sprach sich auch so aus. Es hatte Wortwechsel gegeben, Szenen. Beider aufbrausende Natur, die im Überschwang gern über das Ziel hinausschoß und sich 326 hartnäckig noch in etwas verbiß und es verteidigte, das sie schon als Unrecht erkannt, ließ es zu keiner Einigung und Verständigung mehr kommen. Jeder verteidigte seine Ideen, und Hertwigs Veranlagung, die ein wenig den Zug zum Don Quichotte hatte, wie die Unkebunks, erleuchtet wie sie waren, schon längst erkannt, riß ihn fort. Er verteidigte nun nicht etwa seine Liebe zu Johanna, sondern er stellte so ein Verhältnis als das idealste und schönste dar. Er setzte dem Drängen des Vaters, den Verkehr aufzugeben, zuletzt nur Kälte und Schweigen entgegen, bis es ihm einmal alles herausriß, und er dem Vater mit vor Leidenschaft erstickter Stimme erklärte, er werde nie eine andere lieben, nie eine andere heiraten als Johanna, lieber gehe er zugrunde.

Der Vater, dem solche Maßlosigkeit fremd, erschrak bis ins Innerste vor dem Ausbruch, den er selbst heraufbeschworen. Er versuchte, durch Betonen seiner Überlegenheit und Erfahrung Ernst zu beschwichtigen. Natürlich glaubte er die Veränderung dem Einfluß des Mädchens zuschreiben zu müssen, und, ohne daß er direkt anklagte, fühlte Ernst das heraus. Dem Vater kam nicht in den Sinn, daß er den eigenen Sohn in seinen innersten Eigenschaften nie gekannt, daß er ihn genommen, wie er sich gegeben und nicht weiter geforscht hatte, woher all die Absonderlichkeiten, die Ungleichheit seiner Laune, das Verschlossensein und wieder die überschwengliche und beredte Begeisterung für eine Sache kamen. Er selbst verachtete solche Schwankungen, sagte auch gelegentlich dem Sohne ein scharfes Wort: nun erschrak er, wie weit das gekommen war, und wie weit sich der Sohn von ihm entfernt. Er versuchte es mit der väterlichen Autorität. Selbst in kleinlichen und drückenden Verhältnissen aufgewachsen, hatte er stets mit dem Leben und seinen Forderungen kämpfen müssen, sie auch stets anerkannt; er war nie eine grüblerische und leidenschaftliche Natur, sondern eine 327 bei der die Nüchternheit überwog. So fand er auch, daß er nun eingreifen, den Sohn vor Unheil bewahren, seine Erfahrenheit der Unerfahrenheit des Jüngeren gegenübersetzen müsse. . . . Er wünschte dem Sohn ein anderes, ein sorgenfreieres, von keinen Qualen der Armut und Entbehrung bedrücktes Leben, er wünschte ihm Reichtum, der ihm Unabhängigkeit, gesellschaftliche Stellung, all das, was er hatte entbehren müssen, geben sollte.

So spielten sich in dem altmodischen Zimmer unter den Bildern des alten Onkels Offizier, der der Stolz der Familie gewesen, erbitterte Kämpfe zwischen Vater und Sohn ab, Kämpfe, in denen der Sohn mit Entsetzen wahrnahm, wie fern ihm der Vater rückte, und daß er, wenn es Johanna und seine Zukunft galt, ohne Rücksicht auf den Vater handeln müsse. Dabei hatte er doch stets dies brennende Gefühl der Niedergeschlagenheit, des Unrechts, trotzdem er sich sagte: Und wenn du wieder vor diese Wahl gestellt würdest, du würdest wieder so wählen, wenn du dich auch aus vielen Wunden blutend aus dem Kampfe zurückziehen müßtest. So riß es ihm eines Tages eine Bemerkung heraus, die vielleicht aus seelischer Bedrängnis hart, aus Unvermögen sich auszudrücken, brutal erschien: den Offizier an den Nagel hängen!

Die Flinte ins Korn werfen? Ihm, dem Vater, alle Hoffnungen grausam vernichten? War es nicht sein einziger Traum gewesen, den Jungen als Offizier zu sehen? Hatte er ihn nicht stolz auf seinen Beruf geglaubt? Durchdrungen von dem Bewußtsein, einem bevorzugten Stande anzugehören? Und war ihm ein Opfer dafür zu viel gewesen? Was frug der Junge jetzt danach? Er warf ihm alles vor die Füße! Ja, Vorwürfe konnte er noch haben, wenn er wollte! Er war eine Zerstörung seines Lebens, die mit dem Gelde dieses Fremden über ihn hereinbrach! Er konnte kein Wort mehr sagen, er ging wie einer, der einen Schlag vor den Kopf bekommen hatte.

328 Aber auch sein Sohn ward dieses Geldes nicht froh. Als er, gepeinigt von den häuslichen Auseinandersetzungen, gehetzt von dem Wirrwarr und Widerstreit seiner Empfindungen, gedrückt und niedergeschlagen endlich das Glück dieser Erbschaft bei Johanna finden, ihr die Erfüllung ihrer Sehnsucht verkünden wollte, schlug's ihn auch da zurück.

Er war so voll zitternder Freude gekommen, es beengte ihm die Brust, was er ihr bringen konnte, kaum ertrug er's, bis er mit ihr allein war, und er fand kaum Worte, ihr alles zu sagen. Vor Aufregung hielt er ihren kleinen, feinen Kopf fest zwischen seinen Händen und drückte ihn so stark, daß Johanna hätte schreien mögen. Doch sie hielt tapfer aus, nur Tränen traten in ihre Augen, Tränen des Schmerzes, und flüchtig zog's ihr durch den Sinn: So wird dein Leben sein, gequält und bedrängt und eingeengt durch lauter Liebe.

Hertwig hielt diese Tränen für Tränen des Glückes: »Unkebunk!« rief er laut und küßte ungestüm Träne um Träne von ihren Augen. Ein Umschlag war bei ihm gekommen. Ein Rausch. Er war plötzlich ein anderer. Siegesgewiß. Froh. Sicher. Überschäumend, wie sie ihn noch nie gesehen. Auf Johanna wirkte dieser Wechsel fast wie ein Schlag . . . Ihr Herz krampfte sich zusammen, sie fing an zu zittern: daß er nicht merkte, wie's ihr um's Herz war! Daß er in seiner Glückseligkeit nicht fühlte, wie sie litt! Sie konnte nichts von diesem Geld nehmen, sie durfte ihm nichts nehmen, er brauchte es allein. Wie, nun, wo er endlich das hatte, was er wollte, was er so heiß ersehnt hatte, was ihm die Freiheit brachte, sollte er gehindert und ihr nicht geholfen werden? Nein, er mußte ohne Rücksicht, ohne Opfer, für sich allein seinen Weg machen können, er mußte »werden« können. Und sie sagte ihm das behutsam, stockend, mit zuckenden Lippen mitten in sein Glück hinein . . . sie sprach leise und heiser, weil ihr Hals wie zugepreßt war, 329 und weil sie ein Gefühl schmerzvoller Sehnsucht unterdrücken mußte . . . auch in ihr schrie's nach Freiheit, nach einem Leben mit ihm. Aber nein! Sie durfte nicht, und sie durfte es ihn nicht merken lassen. So erzählte sie unter Lächeln, daß ihr Exzellenz schon von seinem märchenhaften Glück erzählt hatte . . .

Die Szene spielte sich diesen Nachmittag nach Tisch ab, als der Gouverneur gegangen war, um sich der Lektüre zu widmen, – in Wahrheit schlief er ein Stündchen, was er aber stets leugnete. Er war ganz aufgeregt nach Hause kommen, hatte Johannas Hände gedrückt und dann gleich von dem Neuesten und »Sensationellsten«, der Erbschaft Resa-Rosas und der von Hertwig gesprochen. Exzellenz Mary hatte für Kofler Resa-Rosas wegen nur Hohn gehabt. Bei Hertwig zuckte sie die Achseln; irgend etwas verstimmte sie, und sie sagte nach längerem Nachdenken: »Ob das gut oder schlecht ist für ihn? Er muß sich nun eine Welt schaffen, er muß nun zeigen, ob er sich eine Welt schaffen kann,« und dann lebhaft mit ganz hoher Stimme zum drittenmal: »Er wird sich eine Welt schaffen müssen. Sie werden ihn natürlich stören, denn die Liebe stört immer. Er meint das selbstverständlich nicht . . . er stürmt voran, der Heirat zu.« . . .

Johanna hielt sich tapfer: »Ich? . . . Nein Exzellenz, ich werde ihn nicht stören, ich nicht.« Und dann trotzig: »Ich will mir ja selber eine Welt schaffen und weiß es selbst, daß die Liebe stört.« . . .

Exzellenz sah sie unsicher an . . . zuerst hatte sie spöttisch lachen wollen, dann machte sie ein ungläubiges, ja fast ein geärgertes Gesicht. »Sie? Oh, das hat gute Weile. Was so ein junges Mädchen nicht alles träumt! Es wird ganz anders kommen. Ich sehe schon den Myrtenkranz und dann die Wiege. . . . Ihnen ist doch Ihre Liebe das wichtigste, das erste. Sie werden ihn drängen, nun da er das Geld hat, zu heiraten.«

330 Johanna war eiskalt geworden. »Exzellenz irren sich, ich werde ihn niemals drängen!«

»Nun, dann wird er Sie drängen, weil er fühlt, daß Sie es haben wollen,« sagte Exzellenz ungeduldig. »Es kann doch nicht anders kommen . . . er wird nun auch meinen, daß dies das erste sein müsse.«

Johanna schwieg, es stieg ihr bis an den Hals, es brauste ihr in den Ohren – wenn sie jetzt gesprochen hätte, nur ein Wort, wäre alles, was sie gegen diese Frau, die mit der Überlegenheit der Weltdame und der wissenden, erfahrenen Frau vor ihr stand, wie ein wilder Bach herausgekommen, uneingedämmt . . . Nichts sprach mehr für sie, und hätte sie in diesem Augenblick nicht die Augen des Gouverneurs vor sich gesehen, die baten und mahnten, vielleicht wäre es doch zu einem jener wilden, maßlosen Ausbrüche gekommen, die ihr schon ein paarmal das Leben verpfuscht und sie in den Geruch einer rücksichtslosen, undankbaren Person gebracht hatten.

Als Johanna dann in ihr Zimmer ging, hatte sie gerade noch so viel Kraft, sich auf das Bett zu werfen, und alles, was sich in ihr angesammelt, kam nun in heißem Schluchzen hervor, das sie, das Gesicht in die Kissen gedrückt, erstickte. Noch nie hatte sie sich so verlassen und ratlos gefühlt wie heute, wo das Glück gekommen war. Ja, es wäre ihr als etwas Wundervolles erschienen, einfach zu sagen: . . . Nimm mich nur, Ernst, nimm mich mit dir; es wird alles gut werden, ich habe so viel Sehnsucht nach dir, nach einer Heimat, wie sie andere haben . . . aber sie wußte, sie würde das nie sagen, sie war es ihm schuldig: »er muß sich eine Welt schaffen,« hörte sie immer wieder . . . »er muß sich eine Welt schaffen« . . . und du? . . . Niemand frug nach ihr . . . Würde sie nie sagen: Nimm mich mit? . . . Vielleicht wenn seine Liebe mehr Ungestüm, mehr Fortreißungsfähigkeit, mehr Begehren gehabt hätte . . . oder saß doch in ihr 331 das bürgerliche Ideal des »Sich-Bindens, Sich-Binden-Müssens«, wenn es auch nicht durch die Ehe sein sollte, wie Exzellenz Mary meinte? Sie – sie traute sich zu, sich eine Welt zu schaffen, auch mit der Liebe . . . oder doch nicht? So zergrübelte und zerquälte sie sich. . . . Ach, sie hatte niemand, zu dem sie Vertrauen haben, bei dem sie sich aussprechen konnte, bei Hertwig jetzt am allerwenigsten. . . . Der Gouverneur war vielleicht so eine Art Vertrauter, sie wußte, was er heute hatte sagen wollen. Es waren noch keine drei Tage, daß sie ihm einen Brief ihrer Tante gezeigt und vom Tode ihres Onkels gesprochen hatte. Sie wollte damals nicht zur Tante, nicht gleich wenigstens. Es hielt sie ja trotz allem mit tausend Fäden hier zurück. Ihre Liebe zu Hertwig war es, die so verworren und unstet, die sie zurückgehalten. Sie war ja förmlich erschrocken, anstatt zu jubeln. Sie war dem Gouverneur dankbar, daß er ihr abgeraten: »zuerst abwarten« mahnte er, »nicht übereilen. Geben Sie mir das Versprechen, daß Sie wenigstens noch über Weihnachten hier bleiben. Ich kann mir ja überhaupt gar nicht denken, daß Sie von uns gehen!« Und sie hatte dies Versprechen gegeben, es war ihr jetzt wie ein Schutz. Wer weiß, ob sie stark genug gewesen wäre, zu widerstehen. Wußte sie denn, ob sie stark genug gewesen wäre, zu widerstehen. Wußte sie denn, ob sie trotzdem stark genug war? Sie warf zerquält ihren Kopf herum. Warum war alles bei ihr so schwer, so lähmend? Warum konnte sie nicht einfach wie eine andere ohne viel Hin und Her ihren Schatz beim Kopf packen und abküssen und die Welt Welt sein lassen und vergnügt und selig mit ihm leben? Sie würden wohl ihrer Liebe und ihres Lebens nie ganz froh. So sahen die glücklichen Stunden aus, die sie durchlebte, als sie von Hertwigs Glück gehört hatte, die Stunden vor seiner Ankunft. Doch hatte sie sich soweit aufgerichtet, als er kam und sie in seinem Glück fast erdrückte, daß sie spaßte und lachte und 332 ihn neben sich auf den Diwan niederzog, ihm spaßhaft gratulierte und Verbeugungen machte. Dabei tat ihr das Herz weh, und sie zermarterte sich den Kopf; wie sag ich's ihm nur! Wie schrecklich, daß ich seine Fröhlichkeit und sein Glück zerstören muß, er ist so selten fröhlich und so selten glücklich. Ein echt mütterlich sorgendes Gefühl war in ihr erwacht, das sie ihm gegenüber nie empfunden, ein Gefühl der Wärme quoll in ihr auf und umhüllte Ernst Hertwig, und er, der diese Johanna so spröde und scheu gekannt hatte, wurde ein anderer in diesem warmen Gefühl. Er legte seinen Kopf in ihren Schoß und ruhte still und wie geborgen.

Nach all den Aufregungen und Kämpfen der letzten Tage waren ihm gerade ihre Ruhe und ihre Wärme wie ein Hort. Er schlang seine Arme um ihren Leib, ein paarmal zuckten noch die stürmischen Erregungen nach, dann wurde er still. Kein Gedanke kam ihm, daß ihre Ruhe gemacht, daß sie ihn zu täuschen, zu beruhigen suchte, ihm etwas verbarg. Er fühlte im Überschwang der Ereignisse nicht, daß sie nicht mit ihm jubeln konnte, daß sein Glück fast eine Bitterkeit in ihr zurückließ. Und es war doch nur, weil sie sich mit aller Gewalt zurückhalten mußte, um nicht hinauszuschreien: »Ich geh mit dir, trage mit dir, was es auch sei, nur nimm mich mit!«

Sie machten keine Pläne, sprachen nichts über die Zukunft, beide innerlich vor Erregung zitternd und das erlösende Wort nicht findend, eingeengt und verwirrt durch dies fremde Haus, dies fremde Zimmer, aus dem sie jeden Augenblick gerufen werden konnten. So verschlossen sie alles, was ihnen auf der Seele brannte, fanden beide nicht die rücksichtslose Kraft, schnell und sicher Klarheit zu schaffen. . . . Eines wartete auf das andere, daß es das erste Wort spreche, auf ein Wort der Liebe, auf ein jubelndes, freies, ungehemmtes: »Ich bin ganz dein!« . . . 333

Als sie auseinandergingen, fühlte sich Hertwig wie zerschlagen. Wo war der Jubel und der Überschwang, mit dem er gekommen? Ein leiser Groll gegen Johanna saß im Untergrund seiner Seele und wurde immer stärker, auch ein Groll gegen dieses Haus, in dem er Johanna nur verstohlen in die Arme nehmen, und in dem sie seine ungestümen Zärtlichkeiten abwehren mußte, wie heute, ein Groll gegen Exzellenz Mary, in der er jetzt das Weib witterte, das Johanna trotz aller scheinbaren Güte, immer wieder ihre Abhängigkeit fühlen ließ, ein Groll, daß er Johanna nicht herausreißen, nicht an sich reißen konnte. Also war seine Liebe nicht stark und die ihrige nicht hingebend genug. Sie wollte nicht, das fühlte er immer deutlicher. Er mußte allem hier schnell ein Ende machen, in anderen Verhältnissen ein anderer, ein freier Mensch werden, mit ihr.

Und er betrat sein finsteres Heim mit dem festen Entschluß, sofort wegzugehen, Johanna mit sich zu nehmen, oder sie zu rufen. Sie mußte aus dieser Unfreiheit . . . wie er, in eine reine, klare Luft, in der sie beide atmen und leben konnten. Der Drang nach diesem neuen Leben und die heiße Sehnsucht, die ihn ganz trunken machte, überfielen ihn in der Einsamkeit seines Zimmers mit doppelter Gewalt.

Aber seine Liebe war doch nicht stark genug, so wie er gedacht, Johanna mit sich fortzureißen. Sie blieb fest, obgleich sie weich und mütterlich zu ihm war. Sie wollte jetzt seine Kreise nicht stören, sagte sie wehmütig lächelnd. Exzellenz Mary stand dabei, als der letzte Tag vor Hertwigs Abreise gekommen war, und ging erst, nachdem sie gesagt: »Den Liebenden noch eine selige Stunde.«

Johanna aber bat ihren Verlobten, gleich zu gehen, nein sie flehte ihn an: »Ich habe sonst nicht mehr die Kraft, gehe, ich bitte dich!«

»Wenn du nur die Kraft nicht hättest! Sei endlich du, du 334 gehörst zu mir und zu keinem sonst; komm mit! Es ist immer noch Zeit.« . . . Johanna schüttelte den Kopf. Sie mußte sich abwenden. Wie Sturzbäche jagte es über ihren Leib, alles in ihr schrie nach ihm, wie ein Schwindel war's, eines Atemzugs Länge vergaß sie alles, so überwältigte sie ihr Gefühl; da hörte sie Exzellenz Marys Worte wieder: »Er muß sich eine Welt schaffen, er muß erst zeigen, ob er sich eine Welt schaffen kann.« . . . Der Taumel war verflogen, totenblaß reichte sie Hertwig die Hand und bot ihm den Mund.

»Es muß sein, Ernst, um deinetwillen und um meinetwillen.«

Da ging er mit zuckendem Gesicht wortlos aus dem Zimmer, und Johanna horchte seinem Tritte nach, wie wenn einer von ihr gegangen wäre, den sie nun auf immer verloren hätte.

*

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