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Anna Croissant-Rust: Unkebunk - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleUnkebunk
authorAnna Croissant-Rust
year1921
firstpub1921
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleUnkebunk
pages398
created20131207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Seit drei Tagen hielt das Haus »Unkebunk« alle nur einigermaßen möglichen Läden geschlossen. Es sah aus wie ein Trauerhaus, und es war auch ein Haus der Trauer. Die Baronin von Armhart, née Binche Möller, ging hochwogend und mit theatralisch verkrampften Gebärden umher. Unheil lastete über dem Hause, Unheil darum in ihrer Seele. An Röder ging sie nur mit kalter Nichtachtung vorüber. Nach einer großen Szene allerdings, die sie ihm gemacht, in der sie ihn unerhörter Rücksichtslosigkeit geziehen hatte. Solche Aufregungen in diesem Zustande, solche Angst ausstehen müssen! . . . Sie hatte sich so in ihre Rolle hineingelebt, daß sie selbst Röder gegenüber gar nicht mehr auf den Gedanken kam, daß sie eine Rolle spiele, und . . . sonderbar, es war ihr oft selbst, als ob dies Kind, das sie gebären sollte, dies imaginäre Kind, wirklich sein Kind sei, und sie empörte sich über jeden flüchtigen Gruß, über jedes unachtsame Wort, über jede Unfreundlichkeit seinerseits; sie wollte mit aller Zartheit und Schonung, mit aller Hingabe behandelt sein, die dies Mysterium des Weibes fordert, und gerade sie, die dem Helden von »Unkebunk« das Leben geben wollte. . . . Aber Röder lachte ihr einfach ins Gesicht und meinte, er hätte anderes zu tun, als auf ihren Kram und Quark aufzupassen, und die Zeiten seien zu dieser frivolen Komödie doch etwas zu ernst, und sie sollte mit solchen Sachen nicht Schindluder treiben!

Sie fühlte sich im Innersten von seiner Brutalität getroffen. So also sah seine Seele aus? Das war der Dank für alles, was sie getan! Alle Bande lösten sich im Hause! Nicht nur, daß Vierling, der stets noch ein Trost war, mit verdüsterter Stirne umherging, keines seiner kräftigen, witzigen Worte fand und mit Nachdruck sein Zimmer abschloß, damit deutlich jeder Aussprache ausweichend, nicht nur, daß der Baron Anastasius, Donatus, Kasimir, Leodegar, Aribert von Armhart in diesen Zeiten der Verwirrung den ganzen Tag bis zum sinkenden 323 Abend zum »Kern« hinüber»schluppte«, wie angeleimt dort saß und das Unheil beweinte, bis er nicht mehr wußte, warum er heulte; auch Eva trieb sich den ganzen Tag außerhalb des Hauses, wahrscheinlich auch außerhalb der Stadt herum, von einer Rastlosigkeit getrieben, die einer besseren Sache würdig gewesen wäre, als es der wie von der Erde verschluckte »joli tailleur« war. Auch Rapunzel hatte sich den allgemeinen Umsturz zu Nutzen gemacht; sie empfing ohne Erlaubnis Nelly Horler und lief trotz ihrer geschwollenen Backe ins Bezirksamt, zärtlich begleitet von Holischkas Pudel. Dieser hatte sich, verwaist und liebebedürftig, seit sein Herr offizieller Bräutigam geworden, den beiden kleinen Kreaturen angeschlossen, besonders Nelly, da er so wie so mehr im Bezirksamt als auf der Bude war.

Wie die Staat mit ihm machten! Holischkas Pudel! Holischkas Karo! Alle Tage trug er eine andere Schleife! Für Rapunzel ein wehmütiges Gedenken an frühere Zeiten, war Karo für Nelly ein Zeitvertreib. Was war das langweilig zu Hause, wo ein verliebtes Paar saß, und langweilig in der Stadt, die immer noch unter dem Banne des Duells lag! Diese bleierne Langeweile änderte sich kaum, als es hieß, daß die Verhandlung gegen Röder, der nicht mehr zu sehen war, stattgefunden, und er dem Vernehmen nach abgereist war . . . und »saß« . . . Es summte nur leise und gedämpft nach und schwoll dann auf einmal wieder zu einem verworrenen, immer lauter werdenden Akkorde an, als sich so allmählich die Kunde von Koflers Testament verbreitete. Nun war alle Trauer, alles Mitgefühl verschwunden, man war zuerst sprachlos, dann lachte, spottete man: Der Narr! Der Idealist! Hatte der nichts besseres zu tun gewußt! Ausgesucht verrückt, den Leutnant Hertwig und Resa-Rosa zu bedenken! Wie wenn es sonst niemanden gäbe! Und jeder, selbst der, der nur oberflächlich mit Kofler bekannt 324 gewesen, der einmal einen lustigen Abend mit ihm verlebt, eine junge Dame etwa, der er flüchtig Aufmerksamkeiten erwiesen, alle fühlten, daß es doch viel, viel natürlicher und richtiger gewesen wäre, an sie zu denken, warum denn nicht? War es nicht abenteuerlich genug, sein Geld einem wildfremden Menschen hinzuschmeißen, diesem Hertwig, bloß, damit er studieren könne, weil er die Marotte hatte, nicht Offizier bleiben zu wollen. Wer die Triebfeder war, konnte man sich ja denken!

»So is es heutzutag,« erboste sich die Bergern, »über die Leiche danzen se noch wech, die junge Leit! Was liecht dem Hertwig an sei'm gute, alte Vatter? Alla hupp, die Uniform wechgeschmisse, die hat nix gekoscht! Alla hupp! huppt er'm uff's Herz un schtrampelt druff rum . . . grad wie mein Bu! Alla hupp! Fort mit sei'm Mädche nach Münche. Wer'n Ehr sehe, dann do druff geht's naus. Awwer do werd's happere! Keen Aussichte, keen Geld . . .

Wo du nicht bischt,
Herr Jesu Chrischt,
Do schweigen alle Flöte!«

Dabei machte sie die bezeichnende und leicht verständliche Gebärde des Geldzählens mit Daumen und Zeigefinger.

Jemand erwiderte: »Aber keine Spur, Hertwig ist schon fort. Er hat Urlaub und hat sich schon in München eingemietet, um dort zu bleiben, wie ich aus sicherer Quelle erfahren habe, und das Fräulein sitzt noch fest im Gouvernement und wird dort bleiben.«

»So? Wie lang dann? Sie wissen's vom Wasner! Sie sin auch e halwer Freimaurer, Sie gehören halwer dezu . . . Warte m'rs ab,« sagte die Bergern. »Mir redden noch emol driwwer, un weider sag ich nix, un wer dann recht hot, des werd die Bergern sein.«

Mit triumphierend erhobener Kartoffelnase ging sie ab, Sybille im grauen Mäntelchen. 325

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