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Anna Croissant-Rust: Unkebunk - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleUnkebunk
authorAnna Croissant-Rust
year1921
firstpub1921
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleUnkebunk
pages398
created20131207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Sonne schien hell über der Stadt, und der Rhein glitzerte wie im Sommer, aller Schnee war vergangen, nachdem er einen Tag und eine Nacht gelegen und die Straßen und Wege und Plätze still gemacht hatte.

Über der Stadt lag's wie eine Lähmung, wie ein Zurückweichen mit verhaltenem Atem vor dem plötzlichen, gewaltsamen Tod eines jungen Lebens.

Dann war's, als werde es an allen Ecken und Enden lebendig, leise und scheu. Man lief verstört über die Straße ins Nachbarhaus, man flüsterte an den Haustüren, man stand in Gruppen beisammen, mit wichtigem Gesicht oder erregt in einer verhaltenen, aber zugleich erbitterten Stimmung. Man nickte von weitem wie im Einverständnis und eilte aufeinander zu, man gab sich flüchtig die Hand und wartete kaum die Nähe des andern ab, um zu sprechen, zu sprechen, zu sprechen. Man grüßte sich nur flüchtig, denn es gab etwas so Schweres und Notwendiges, das zuerst heraus mußte. Ein Band verknüpfte alle, zog sich von Haus zu Haus, von Straße zu Straße, . . . überspannte die Stadt. Es gab nichts anderes mehr, es wurde über nichts sonst gesprochen, wie ein Bienenschwarm summte es gedämpft überall. Ob man Kofler gekannt oder nicht, geliebt, geachtet, verspottet, bekrittelt oder nicht, ganz gleich: er war tot und war deshalb ein anderer, ein Besserer, ein in höhere Sphären Gehobener. Er stieg in der Wertschätzung der Köchinnen und der Offiziersdamen, die herrlichsten Eigenschaften wurden ihm angedichtet, alle waren begeistert für ihn und weinten Tränen der Rührung, weil er tot war. Schön, reich, gescheit, begehrenswert, fein, elegant, geheimnisvoll . . . Und Röder, dieser Metzger, dieser Rohling, dieser betrunkene Gewaltmensch!

Nicht umsonst war der Auftakt dieser grausen Melodie im Hinterstübchen beim Bäwele erfolgt, und nicht umsonst hatte 310 Bäcker Bäckers Theodorens romantischer Sinn sich die Sache zurechtgelegt und in Variationen erzählt; sie, die Mitwisserin sozusagen, und das Bäwele wurden in erster Linie vom Bürgerstande und den »subalternen« Beamten ausgefragt. Das Bäwele machte ein glänzendes Geschäft, aber es ließ den Kopf und die dickliche Unterlippe hängen: die Offiziere und mit ihnen le joli tailleur mieden die »Bude«. Half ihr denn darüber die glänzendste Einnahme hinweg? Was machte es ihr aus, daß sie eine der begehrtesten Personen war und jeder sie am Rock oder am Arm festhalten und den Verlauf des Abends erzählt haben wollte? Bäcker Bäckers Theodore! Ja, die brauchte zehnmal so lang! Bis die es einmal erzählte – man muß sich doch vertiefen! – hatte sie es der ganzen Gaststube erzählt. Die Bergern machte ihr aber Konkurrenz. Unermüdlich, in den grauen, soliden Mantel gehüllt, das Regenschirmchen mit dem schmächtigen, kleinen, abgenützten Griff in der Hand, durchpilgerte sie die Stadt, klopfte an allen Türen, zog alle Glocken. Sie wußte alles haarklein, viel, viel mehr als etwa das Bäwele oder Theodore, denn die wußten über das Wirtshaus hinaus nichts . . . nur die kleine, spitznasige Zahlmeisterin pfuschte ihr noch ins Handwerk; sie wohnte ja Kofler gegenüber und hatte den Wagen stehen sehen, und fast hätte sie auch Kofler noch erblickt, fast, Hertwig und den Arzt hatte sie sogar deutlich gesehen, und Holischka war ganz bestimmt einmal aus der Wohnung getreten. Das erzählte sie jedem, der es hören wollte und stets mit denselben Worten:

»Es war so um zehn Uhr rum, ich sitz' am Fenster und häckel' – ich häckel' prachtvolle Einsätz' in mein Rouleaux – was will man an so einem abscheulichen Sonntag anfangen? Da hör ich en Wage. Was, denk ich, e Wage, um die Zeit? Und in unserer Straß'? Und e ganz fremder Kutscher! Ich bin ja sonst nit neugierig; Gott, was gibt's denn hier zu sehe! Aber 311 diesmal heb' ich de Vorhang un seh zu mei'm Erstaune den Wage vor der Wohnung vom Herr Assessor Kofler halten. Ach Gott, denk ich, was is da los? Aber leider is der Wage so gestande, daß er mir die Aussicht verdeckt hat« . . .

Wer Geduld hatte, sie länger anzuhören, konnte in einer halben Stunde erfahren, daß sie eigentlich nichts gesehen hatte. Die Bergern schäumte vor Wut, daß sie ihr den Rang ablaufen wollte und die ganze Sache als ihre Domäne betrachtete, weil sie doch quasi auch eine Offiziersdame war. Sie erkühnte sich, der Bergern auf der Straße schnippisch zu sagen: »Ich weiß gar nit, warum Sie sich so um die Sach kümmern, es geht Sie doch nichts an, es liegt doch außerhalb Ihrer Sphäre!«

»Ich geb Ihne e Sphäre! Ich will's Ihne sage, warum, un ich sag's alle . . . mein Bu, gelt, der sitzt, weil er norr een verletzt hat. Er is kein Offizier, aber de sanktionierte Mord . . . Was? Ja, des is nix anners als e sanktionierter Mord! Awwer Offizier, ja Bauer, des isch ganz was anneres!«

So balgten sich die Parteien, von denen jede wieder ihre Anhänger fand, die den ganzen Tag nichts weiter zu tun hatten, als sich um jeden, auch den kleinsten Schritt der beim Duell Beteiligten zu kümmern. So waren Hertwig, Vierling, Holischka, der Doktor und vor allem Röder von allen Seiten unter Beobachtung.

Röder war, nachdem das Mitleid erblaßt und der Tote begraben, mit einem Schlag der interessanteste Held der ganzen Garnison geworden. Besonders für die jungen Damen. Es gab nichts Höheres, als dieses mit Grauen gemischte Interesse. So wonnig war das, es kribbelte in allen Gliedern, es schüttelte so angenehm durch . . . ein Mord! Ein Kerl, der einen Mord begangen hatte! Man bebte vor Entsetzen, und doch wie interessant! Und so sehr sie Jutta von Armhart, die Arme, beklagten, so glühend beneideten sie die Braut im stillen. Röder 312 war der Held, der Angestaunte, das gewaltsam wirkende Prinzip des Bösen und Vernichtenden, der Triebmensch, dem die Frauen mit frommem Schauder untertan sein wollten . . .

»Es war ein Mord,« tuschelten sich die jungen Mädchen zu, »er hat gezielt, ich weiß es bestimmt, und das darf man doch nicht bei einem Pistolenduell« . . .

»Ekelhaft,« sagte Exzellenz Mary zu ihrem Manne, als sie bei Tisch saßen. »Du mußt doch zugeben, daß so eine Niederknallerei die Tat eines Wegelagerers ist? Unsere Boxerei, die dir so roh erscheint, ist ja ein edles Beginnen dagegen. Was war das Fechten, was waren die Turniere für ritterliche Veranstaltungen dagegen! Was ist jedes Säbelduell anständig und chevaleresk: Mann gegen Mann, Mut gegen Mut, Geschicklichkeit gegen Geschicklichkeit. Das aber ist gemein, das mußt du doch zugeben?«

Aber Exzellenz gab gar nichts zu, zuckte die Achseln und sah aus, als wollte er sagen: »Komm mir du auch noch mit deinen Spitzfindigkeiten! Ich habe so wie so den Kopf voll genug mit dieser Sache.«

»Du bist immer tendenziös, Mary, immer auf deine Prinzipien aus, dabei stolperst du doch immer über das Persönliche. Das Schicksal spielt da seine große Rolle wie überall im Leben. Bedeutet denn Sieg Gerechtigkeit, Sühne? Siehe Fall Kofler! Und glaubst du denn, daß in deinen Fällen der edlere Teil, der Tüchtigere immer der Sieger ist, und daß nicht auch hier das Schicksal oder, wenn du willst, der Zufall seine Rolle spielt? Aber deine Prinzipien . . . Wir haben eben auch Prinzipien: Das »Muß«, und da gibt's kein Für und Wider des Abwägens. Der einzelne mag darunter leiden . . . doch wie er unter diesem harten Muß leidet, dafür hast du kein Organ, du Prinzipienmensch!«

Exzellenz Mary lachte: »Du hast mir doch stets vorgeworfen, 313 daß ich zu viel Teilnahme für das Schicksal des einzelnen hätte« . . .

»Du wolltest Schicksal spielen, Teilnahme hattest du nie.«

»Nun, für das Schicksal dieses Kofler habe ich eben nicht die Teilnahme, die du scheinbar für geboten erachtest. Er war kein ganzer Mensch, das Leben hat mit ihm aufgeräumt. Was ist der Verlust? Resa-Rosa hat vielleicht einen zaudernden Ehekandidaten verloren. Sie wird sich trösten, wenn ein anderer kommt, der elegant, hübsch, reich und entschlossener ist, sie zu heiraten, als Kofler. Sein Wesen war ihr fremd, sie hat sich zu ihm gezwungen. Er war ein lächerlicher Idealist. Da ist mir sogar dieser brutale Röder viel sympathischer, er ist ein ganzer Mann, er hat Mut.«

Der Gouverneur stand auf: »Mut, zu was? Du hast wirklich goldene Aufrichtigkeiten, Mary, schade, daß sie mir auf's Gemüt fallen, und daß ich gegenwärtig außerstande bin, sie zu würdigen.«

»Was sagen Sie dazu, Johanna?«

Exzellenz Mary brach in ein geärgertes Lachen aus, als ihr Mann gegangen war, um sich in sein Zimmer, »Zimmer des höchsten Feldwebels«, zurückzuziehen.

Johanna schwieg. Sie hatte einen Brief in der Tasche, den soeben Hertwigs Bursche gebracht hatte. Ihr Herz war schwer, weil ein feiner, gütiger Mensch gegangen war, an dem Hertwig gehangen. Sie empfand den Gedanken an den Tod überhaupt so, wie ihn ganz junge Menschen empfinden, als etwas Atemberaubendes, in seiner Unerbittlichkeit Brutales, so wie ihn energische Leute empfinden, die alles durchsetzen und sich verzehren, weil sie hier machtlos sind. Sie konnte Hertwig nachfühlen, in dem immer noch die Auflehnung gegen das Schicksal nachzitterte, der außer sich war über den Zwang, den dieser »erste Stand« ausüben konnte.

314 »Ach, Sie denken auch nur an Ihren Hertwig und preisen Gott mit lauter Stimme, daß er Ihnen nicht genommen wurde. Kofler hätte Ihnen allerdings seine halbe Million sterbend anbieten können, nicht Ihrer schönen Augen, aber Ihrer schönen Stimme halber; das wäre noch eine Tat gewesen, die mich mit ihm versöhnt hätte. Ich habe von einem Testament munkeln hören, das er in Hertwigs Hände gelegt haben soll. Wissen Sie etwas darüber?«

»Nein, Exzellenz. Ich habe nur einen Brief von Hertwig bekommen, da Sie es zu wissen wünschen: er schreibt, daß er mir Wichtiges mitzuteilen hätte, vielleicht hängt das damit zusammen. Würden Sie erlauben, daß er diesen Abend kommt?«

»Das paßt mir eigentlich nicht, da ich mit Ihnen musizieren wollte, aber verfügen Sie nur über das ganze Gouvernement und alles Dazugehörige, um ihn zu empfangen. Mein Mann würde es mir nie verzeihen, wenn ich Sie abhalten würde, Hertwig in einer wichtigen Angelegenheit – wenn es sich etwa um eine Million handelte! – zu empfangen, und vielleicht ist es wirklich so. Sie können dann mit freudigen Nachrichten, mit einer Entscheidung zu Ihrer Tante nach München eilen. Sie werden dann wohlgelitten und wohlgeborgen sein, wenn Sie mit einem Rückhalt dort ankommen, wohlbehüteter und wohlgelittener, glauben Sie wohl, als bei mir, bei uns« . . .

Johanna sah zweifelnd auf, unruhig und gequält. Sie glaubte trotz der Härte und des Spottes einen kurzen Augenblick wirkliche Teilnahme, wirkliche Freundschaft, ein Stück Eifersucht herauszuhören, sogar eine Klage über Vereinsamung, aber Exzellenz Mary machte ihr gleichgültigstes und kältestes Gesicht.

»Nehmen Sie keine Rücksicht auf uns, empfangen Sie Hertwig in Ihrem Zimmer oder im Salon, ganz wie Sie wollen, ich werde Briefe schreiben.« 315

*

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