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Anna Croissant-Rust: Unkebunk - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleUnkebunk
authorAnna Croissant-Rust
year1921
firstpub1921
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleUnkebunk
pages398
created20131207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Rapunzel war wieder eingeschlafen und erst aufgewacht, als eine grämliche, wacklige Sonne auf ihrem Bett herumkroch. Sie rieb sich die runden Augen, die wie Glasknöpfe über den roten Backen standen, dann das kleine Stumpfnäschen, ganz in der Art, wie es kleine Kinder tun, wenn sie wach werden, und kam zuletzt an ihren schmerzenden Backen. Der war natürlich wieder hoch geschwollen. Das bedeutete für ein paar Tage Hausarrest. Sie fühlte es ja deutlich, daß er immer dicker wurde, sie konnte ja nicht aus den Augen sehen! Ein paar Tränlein rannen ihr über die Wange, dann schluchzte das Rapunzelchen laut aus Mitleid mit sich selbst, aus Zorn über Eva, die mit ihrer Neugierde an ihrer Verunstaltung schuld war, aus Trauer, daß eigentlich gar nichts an sie kommen wollte, auch nicht der Schatten eines Bräutigams, obwohl sie schon oft geglaubt hatte, sehr nahe daran zu sein. Ach, es war vielleicht gar nichts mit ihr los! Solche Augenblicke der Selbsterkenntnis hatte das Rapunzelchen, die mit denen des höchsten Überschwanges und des phantastischen Erlebens wechselten. Sie teilte ja mit ihren Schwestern die Gabe, alles, was sie erlebte, auch alles Erniedrigende zu ihren Gunsten auszulegen.

»Oh! was machte sie sich daraus? Unkebunk!« Da schnellte sie schon wieder empor, zog die etwas kurz geratene Oberlippe in die Höhe, daß man das derbrote Zahnfleisch sah, und schaute hochmütig drein, wie's außer ihr nur Eva konnte. Im Handumdrehen sah sie sonst den Himmel wieder voller Baßgeigen, nur heute mußte sie immer weinen, sie wußte zuletzt selbst nicht, warum. Es war ein zu komischer Sonntag. Das ganze Haus 297 lag wie ausgestorben, nichts rührte sich in der Stadt; Eva schien auch fort zu sein, nun war sie ganz verlassen und hatte nicht einmal jemand zum Anheulen. Denn, als Rapunzel in die Küche kam, fehlte auch die alte Burgissen mitsamt den schon sehr angegrauten Atributen ihrer Tätigkeit, Scheuerlappen und Eimer.

Im großen Zimmer saß Mama Armhart allein, die Ellenbogen aufgestützt, die Hände fest an den Kopf gedrückt, in ihrer Denkerstellung über »Unkebunk«. Jedoch Rapunzelchen sah im Spiegel gegenüber – à vis sagte die Burgissen – daß sie nicht nachdachte, sondern die Unterlippe hängen ließ. Rapunzel drückte sich möglichst schnell hinaus. Wenn die Mama die Lippe machte, war sie gefährlich, konnte sie ihr doch eine Arbeit auftragen. Ihr wurden immer die Arbeiten aufgetragen. Warum sollte denn sie arbeiten? Niemand arbeitete in diesem Hause: der Papa saß beim »Kern driwwe«; er saß jetzt immer beim »Kern driwwe«, seit er die Zuflucht zur Großmutter Möller nicht mehr hatte, und es wehrte ihm auch niemand. Die Mama tat nur so, als hätte sie viel in »Unkebunk« zu schreiben, viel zu denken bei diesen komplizierten Verhältnissen . . . und der Vater war stolz, – etwas mußte er doch haben, und etwas mußte man ihm lassen – daß er jetzt schon alle Tage auf die Geburt seines kommenden Sohnes, des Helden von »Unkebunk« trank.

Aber merkwürdig schlank hatte Mama heute im Hause ausgesehen . . . wie sie eben schlank aussehen konnte . . . wenn sie ausging, war sie wesentlich stattlicher und besonders gestern, wo die Schwester der Burgissen da gewesen, »die Madam« Fröhlich, hatte sie überraschend an Umfang zugenommen.

Rapunzel rümpfte das Näschen, machte ein unendlich weises Backfischgesicht und trat mit ihrem von Heulen und Zahnweh verschwollenen Gesicht vorsichtig unter die Haustür. Wenn sie sonst nichts hatte, wollte sie wenigstens frische Luft schnappen. 298 Es stank im Hause und stank vom Keller her, wo die Champignonzucht ihrer Glorie harrte . . .

Wie war die Gasse leer und trostlos! So ein tödlich langweiliger, grauer Sonntag! Rapunzel konnte sich an keinen Sonntag erinnern, der so trostlos gewesen! Es war, als wollte es nicht ordentlich Tag werden. Die wacklige Sonne hatte sich längst verkrochen, und nun war's, als knieten die Wolken auf den Dächern und hielten die Langeweile drunten, daß sie ja nicht entweichen konnte! Nichts zu sehen, weit und breit!

Da tauchte wie ein Geschenk vom Himmel Nelly auf, Nelly Horler. Aber wie geputzt! In einem graugelben Samtkleid, eine Boa um den Hals, ein Barett mit langer, steifer Feder, kühn aufgesetzt . . . wenn Rapunzel doch nur einmal so etwas gekriegt hätte! Nur einmal ein ordentliches Fähnchen! Immer zwei oder drei Generationen mußten an einem Fetzen tragen. Vielleicht trug sie ein Kleid der Ururgroßmutter! Mama war so erhaben! »Was da! Darauf kommt's nicht an! Schämt Euch! Ein Band, eine Spitze, eine Goldborte, nur ein bißchen Phantasie! Da! Da!« deutete sie auf Kopf und Herz. »Allemool de Kopp zuerscht!« Rapunzelchen aber fand, daß es gar nicht so auf den »Kopp« ankäme, besonders wenn man keine ausgemachte Schönheit war, und die Weisheit der Mama ärgerte sie gerade jetzt, wo Nelly so »geputzt« und mit so frech erhobener Nase auf das Haus zukam. Sie wollte Nelly ausweichen, aber die hatte sie schon erspäht und rief laut:

»Mo-in« (sie hatte das von einer Freundin im Institut gehört und gefiel sich darin, es sehr prononziert auszusprechen), »Mo-in, Rapunzel!«

»Gute Morche, Nelly . . . woher weißt du, daß ich Rapunzel heiß'?« Sie schaute die etwas Jüngere hochmütig an.

Nelly lachte laut: »Na, aber Punzelchen – ohne R selbstverständlich! – das weiß man doch bei Euch. Ihr?! Ich bitte dich!«

299 »So?« Rapunzel kriegte es mit dem Zorn. »Seit wann bist du wieder da? Ausgerissen? heñ?«

»Ja,« bestätigte Nelly, klappte den Schirm zu und trat auf die erste Hausstufe, dann selbstverständlich auf die zweite: »Laß mich ein bißl herein, es ist so eklig in dem Regen zu stehen und so langweilig.«

Rapunzel gab zögernd nach. »Mama darf's aber nicht wissen.«

»Braucht auch nit. Wenn die alles wüßte!«

Rapunzel war schon etwas weniger kühl. Wenigstens war es netter, mit Nelly zu plaudern, als sich halber tot zu gähnen. »Warum bist du fort?«

Nelly machte eine geringschätzige Bewegung mit der Hand, als wenn es sich nicht lohnte, davon zu sprechen. Es gab so viel lustigere und wichtigere Dinge auf der Welt! »Weiß übrigens die ganze Stadt,« sagte sie großartig. »Zuerst die Bergern, dann die Zahlmeistern und der ganze Kranz und so weiter und so fort. Man sitzt hier im Glashaus und ist zur Belustigung des Publikums da, sagt Papa. Das ist ganz gut, nicht? Oft sagt er nicht so etwas Gutes.«

»Mir sin auch im Glashaus un zur Belustigung anderer da!« sagte Rapunzel in diesem hellseherischen Moment. Sie fand, daß Nelly viel zutraulicher war, als sie gedacht; es schmeichelte ihr, daß sie so lange blieb. Zwar war es kein Empfangssalon, sondern nur die finstere Ecke ihres grauen, verstaubten Ganges hinter einem großen Eichenschrank Großmutter Möllers, der, bäuerisch und ungefüg, hierher verbannt worden war, aber nicht etwa gar mit Linnen vollgefüllt, wie er ehedem das Möllersche Haus verlassen, zur Zeit als Binchen ihren P. P. Baron heiratete.

»Oh Ihr!« Nelly machte eine womöglich noch geringschätzigere Bewegung, als wollte sie sagen: das ist überhaupt nicht diskutierbar.

300 »Weißt du, meine Mama sorgt ja nach Kräften dafür, daß nichts aus dem Haus geschwätzt wird – ›nur nach außen glatt, die Dehors wahren, Kindchen‹, das sind so ihre Sprüche – aber der Papa, wenn er so lang im Kasino sitzt oder im Elefanten, ganz wie deiner beim Kern . . .«

»Aber meiner trinkt nit so viel Kognak,« trumpfte Rapunzel auf.

»Ja, hawwe Käs,« antwortete hämisch, als echter und rechter Fratz auf gut Pfälzisch, Nelly. »Deiner weiß warum! Meiner wird jetzt überhaupt langweilig, er streitet sich nicht einmal mehr mit Mama, er ärgert sich auch nicht mehr am Donnerstag, er ärgert sich überhaupt nicht mehr, sagt er, aus purer Faulheit, er hat's nicht mehr nötig, weil unsere Rangen fort sind.«

»Wo sind sie denn?«

»In einer Presse auf Koflers Rat. Das weißt du noch nicht? Deine Mutter war wohl schon lange nicht mehr im Kranz wegen ihrer Umstände?« Nelly machte ein harmloses Gesicht. Auf einmal stieg ein Glitzern in ihren Augen auf und in Rapunzels Augen auch; die beiden sahen sich einen Augenblick an, Rapunzel ungewiß und Nelly pfiffig: Nur einen Augenblick – aber es war ein Funke hinüber und herüber geflogen – sie hatten sich verstanden. Nelly rückte Rapunzel näher: »Wie seid Ihr mit Röder zufrieden?«

»Oh, . . . danke,« sagte Rapunzel unsicher.

»Und Jutta?«

»Ach, ich weiß nicht . . . Ich kann ihn einmal nicht leiden.«

»Und ich kann Kofler nicht leiden. Der Herr ›Jraf‹. Aber Mama natürlich schwimmt in Wonne, nächstens wird Verlobung sein, vielleicht eine zweischläfrige – oh Pardon! Das ist ein Witz von unseren Rangen. Holischka ist schon ein netter Kerl.«

Rapunzel kamen die Tränen in die Augen. Und wie hatte sie diesen Holischka geliebt! Noch immer liebte sie ihn.

301 »Hast du Zahnweh!« inquirierte Nelly. »Scheußlich, daß du mit diesem Zahnbund herumläufst. Oder . . . liebst du etwa gar diesen kleinen, roten, verlegenen Holischka? Nein, nein, ich verstehe schon! Oh, er kann wonnig sein. Aber nun, wo er mein Schwager werden will, benimmt er sich sehr gesittet. Hat er dir vielleicht auch immer die Haut so aufgerieben, am Backen, wenn er dich geküßt hat und schlecht rasiert war? Oder der Eva bei der Verlobung? Nein, diese Verlobung, nein, nein, nein!« Nelly kicherte in ihr Taschentuch.

»Mich hat er doch nie geküßt!« sagte Rapunzel vorwurfsvoll, als sei das Nellys Schuld.

Nelly betrachtete Rapunzel und kicherte aufs neue. »Eigentlich bist du noch ein kleines Schaf, Rapunzelchen; das hätte ich gar nicht gedacht. Ihr habt so ein Renommee« . . .

Rapunzel legte den Finger auf den Mund . . . die Baronin nahte . . . und im Nu war Nelly in der dunkelsten Ecke hinter dem Schrank, wo sie sich ganz schmal machte; keine Spur war von ihr zu sehen.

»Was stehst du denn da herum?« herrschte die Mutter Rapunzelchen an. »In dem kalten Gang mit deinem Zahnweh? Willst du noch schöner werden? Schaff was, es ist gescheiter, mach dem Major sein Zimmer!«

Binchen Armhart-Möller war sehr ungnädig, das konnte man sehen und spüren. Sie rauschte ein paarmal im Gang auf und ab und suchte in allen Ecken nach einem Schirm.

Nun kriegte Nelly doch Herzklopfen, denn die Baronin stocherte immer in ihrer Ecke herum. Da sie keinen Schirm auftrieb, Rapunzelchen auch keine Widerrede von sich gab, was ihre Stimmung bestimmt gehoben hätte, schimpfte sie laut, ganz Binchen Möller, kein Zoll Baronin Armhart, auf die heillose Wirtschaft im Hause, auf den Mangel an Disziplin, den Mangel an Regenschirmen; und da sie von dem hartnäckig 302 schweigenden Rapunzelchen keinen Schirm erschimpfen konnte, schmiß sie die Haustüre donnernd hinter sich zu und stürzte in ihrem Universalmantel, einen zerdrückten, schwarzen, schiefgesetzten Hut, der allein den Sonntag markierte, auf dem Kopfe, stattlicher und rundlicher denn je, in den Sprühregen hinaus.

Zuerst schaute sie planlos die Straße auf und ab, dann etwas scheu nach dem Kern hinüber, trabte die Straße hinunter, dann wieder herauf, wobei sie wiederholt ängstliche und ratlose Blicke nach dem Kern warf, als wolle sie ihren Gatten, den sie doch jetzt dort litt, herbeiziehen, irgendeinen männlichen Schutz, einen Rat erflehen, ja Madame geberdete sich so aufgeregt, so ganz um Würde und Haltung gebracht, etwa so wie eine aufgescheuchte Henne, die nicht weiß, wo an und aus, . . . was tun. Ihr Gang war bei aller Unsicherheit hastig, ruckweise rannte sie, blieb dann wieder stehen, schoß vorwärts, blickte zurück, seitwärts und die Straße hinauf und hinab. . . . Endlich schien sie etwas wie ein Magnet anzuziehen . . . Jetzt stürzte sie zielbewußt vorwärts, alles schwankte an ihr, außer Atem hielt sie neben einem Wagen, der vor Assessor Koflers Wohnung stand. Sie kam gerade recht zu sehen, wie sich der Türflügel langsam schloß, wie der Kutscher, eben im Fortfahren, sie mit mißtrauischem Blick ansah, scheu noch das Haus streifte und dann ganz sachte abfuhr, um weiter unten in der Straße in einen rasenden Galopp zu verfallen, als verfolge ihn etwas. Binche Baronin Armhart blieb einen Augenblick wie entgeistert stehen, starrte dem Wagen nach und dann den Türflügel an, überlegte einen Augenblick: dann zog sie resolut an der Klingel, einmal, zweimal . . . niemand öffnete. Trotzdem war's ihr, als höre sie leise Stimmen, sachte Schritte auf der Treppe, es schien ihr sogar, als hebe sich ein Vorhang: so läutete sie zum dritten Male, kurz und hart und ganz erbost über die Nichtbeachtung. Ließ man einen denn in diesem Hundewetter da heraußen stehen 303 wie einen Bettler? . . . Sie war bereit, dem Öffnenden eine Flut von Schimpfworten entgegenzuschleudern, sie sprühte vor Wut.

Als aber Hertwig der Öffnende war, mit bleichem Gesicht vor ihr stand und mit zusammengezogenen Augenbrauen, wurde sie verwirrt und stammelte nur: »Is . . . is der Röder nit da?«

»Warum vermutest du Röder hier?«

Sofort wurde sie kecker; sah sie doch, wie erregt und fassungslos Hertwig war. . . .

»Ach, ich weiß doch von der Sache!« sagte sie wichtig und versuchte sich an Hertwig vorbei in den Flur zu drängen. Hertwig blieb aber so fest stehen, als verwehre er ihr sogar den Einblick.

»Von welcher Sache?« sagte er ernst.

Ihr Blick wich ihm aus. »Ich sag dir's jetzt grad 'raus, ich weiß von dem Streit und von dem Duell. Röder war so merkwürdig und Vierling auch . . . ich hab' gehorcht . . . es is ja nit schön, aber begreiflich . . . ich will . . . ich muß doch wisse, wie's ausgange is.« Ihre Stimme wurde lauter, noch immer versuchte sie, links oder rechts an Hertwig vorbei in's Haus zu gelangen.

»Ich sehe nicht ein, was du wissen mußt!« sagte Hertwig schroff. »Es ist jetzt genug! Ich habe keinen Augenblick mehr für dich Zeit.«

»So! So! Das wär scheen! So Sache zu mache . . . in meinem Zustand! Die Rücksichtslosigkeit von Röder! Er ist doch auch verlobt! Was ist passiert? Das Vertuscheln nützt nix, nur raus mit der Sprach!«

Sie wurde immer lebhafter, lauter und dringlicher, die Stimme schnappte ihr über. Zuletzt schrie sie auf ihn ein: »Wo is er?«

Hertwig packte sie am Arm und schob die Schreiende auf die Straße hinaus.

304 »Es ist nichts weiter zu sagen, hab die Güte und schreie nicht so, wir haben einen Schwerkranken hier im Hause; geh so bald als möglich fort! Röder wird schon daheim sein, heil und robust, wie immer.« Damit schloß er die Tür. Sie stand mit ihrer Wut draußen allein.

»So, also Röder ist nichts passiert? Na, komm ich nur heim!« rief sie noch, dann erst setzte sie sich in Trab, auf dem ganzen Heimweg beständig vor sich hinsprechend und unter der grauen Universaltoga lebhaft die Hände bewegend.

Schwerfällig stieg Hertwig die Treppe hinauf. Er griff sich immer wieder an den Kopf. Alles war wirr und wund da drinnen; es hatte Stunden gedauert, was er erlebt, und doch drängte sich ihm alles wie auf Sekunden zusammen und quälte ihn. Einen Augenblick schien sein Herz auszusetzen, schien alles ausgelöscht . . . dann ein schmerzhaftes Zucken . . . und mit rasenden Schlägen klopften ihm Puls und Herz und Schläfe . . . Kofler!!! Er hätte schreien mögen. Die Bilder des Morgens, wie Kofler umsank, der Knall der Pistolen . . . ein Wanken . . . schon war's vorbei. . . .

Schöner Soldat! Ach Gott! Tapferkeit, Mut! Es stand bei ihm fest, daß meist eine Portion Roheit, Stumpfheit oder Gleichgültigkeit dazugehört, Leiden, Elend oder Vernichtung anzusehen, ohne erschüttert und aus der Maske der Besonnenheit getrieben zu werden. Vielleicht konnten es andere – Ausnahmen, Willensmenschen, ohne roh zu sein. Das Gefühl war stärker in ihm . . . war das feig? Er konnte den Freund nicht zerbrochen, zerquält von Leiden sehen. Er stand und fand nicht den Mut, in das Zimmer einzutreten, das bald ein Sterbezimmer werden sollte.

Ein Schwächling würde der junge Arzt bedauernd meinen, der neben Kofler saß und Fiebertemperaturen abnahm und mit Gleichmut auf den älteren Kollegen wartete.

305 Auch Holischka hielt sich aufrecht. Er biß die Zähne übereinander, aber es war selbstverständlich für einen Soldaten, alles stoisch hinzunehmen. Es mußte sein; er spielte seine Rolle gut. Er war äußerlich gefaßt, wenn er vielleicht auch innerlich fror wie Hertwig.

So war er also allein der Schwächling, der sich geben mußte, wie er war, denn auch Frau Hepp, die Hausfrau, hatte sich bewährt. Diese Frau, die stets im Kampf mit Kofler gelegen, seiner Gewohnheiten, Gesellschafts-, Straßen- und Besuchsanzüge halber, die im ersten Augenblick mit lauten Worten protestiert hatte, als man Kofler gebracht, den sie für betrunken hielt, hatte nun den Kopf völlig oben, dirigierte, ordnete an, tat alles peinlich, was der Arzt wünschte, sorgte für Ruhe – es war so still im Haus, als sei der Tod schon eingekehrt – tat keine unnötigen Fragen, dachte an alles . . .

»Eine famose Person,« sagte der junge Arzt, »allen Respekt, solche Leute braucht man.«

Ja, an alles konnten die andern denken, sie waren brauchbar im Leben, sie ließen sich nicht unterkriegen so wie er. Ihn nahm's völlig hin, ließ ihn nichts sonst denken, nur immer wieder das eine: »Kofler wird sterben, Kofler muß sterben, es ist aus . . . und vorhin, vor ein paar Stunden war er noch voll Leben und Gesundheit, voll Liebe und voll von Plänen, und nun?«

In ihm war nur der wilde Schmerz und die große Auflehnung gegen dies verworrene, heimtückische Schicksal. »Sie sind nicht robust genug,« hatte ihm Exzellenz einmal gesagt, halb im Tadel . . . warum dachte er in diesem Augenblick an sie und nicht an Johanna? Exzellenz würde den Kopf oben behalten haben, ja . . . und »Sie sind nicht robust genug!« summte es ihm in den Ohren, sein Blut brauste, er sah nichts, als er in die Krankenstube eintrat. Man hatte die gelblichen Vorhänge heruntergelassen, nur ein kleines Erkerfenster war unverhüllt. – Es 306 war ein Zwielicht im Zimmer. Kofler lag bewegungslos wie ein Toter zwischen den Kissen. Hertwig tastete sich vorwärts, er stieß an Möbel an, man hörte es kaum, aber es war ihm, als dröhne es in dem kleinen Raum, den eine schwere, laue Luft erfüllte.

Was war das? Es roch nach Kampfer . . . Kampfer? Eine Wut stieg in Hertwig auf . . . Kampfer! Dieser Hund von Doktor hatte ihm Kampfer gegeben, damit er aus seiner Agonie erwache und nochmals zum Bewußtsein seines Endes käme? Wollte er ihm nicht noch die tödliche Kugel herausschneiden, um seine Pflicht zu tun? Kampfer! Erdrosseln hätte er den Kerl mögen, der so rot und gesund und frisch und voll satter Pflichterfüllung neben dem Bett saß. War er allein der Verrückte, der stets anders empfand und dachte als die andern? Es war jetzt schon geschehen, was konnte er denn noch ändern? Don Quichotte! Ja, die Unkebunks hatten recht! Und dennoch riß es ihn fort. »Haben Sie Kofler Kampfer gegeben?« Er konnte fast nicht sprechen.

Der kleine, dicke Assistenzarzt war ganz Würde, Ablehnung und Selbstzufriedenheit. »Jawohl, gewiß!« sagte er herablassend.

Hertwig konnte kaum atmen. »Warum? Sie versprachen mir, da doch keine Hoffnung sei, ihn nicht mehr seiner Bewußtlosigkeit zu entreißen.«

»Versprochen habe ich nichts, Herr Leutnant. Ich sagte auf Ihre Bitte hin nur, ich werde ihm keinen Kampfer geben, wenn es nicht nötig ist. . . . Ich warte noch auf den Herrn Oberstabsarzt und werde ins Vorzimmer gehen, bleiben Sie hier und rufen Sie mich, wenn Sie eine Veränderung des Zustandes bemerken.«

Hertwig nickte und sah ihm erbittert nach. Er ließ sich auf einen Stuhl neben dem Bett fallen, sank in sich zusammen und 307 stierte vor sich hin. Wie lange? Es gab keine Zeit mehr für ihn, alles war endlose Leere, Grau, alles war bodenloser Abgrund.

Holischka, der an dem kleinen Erkerfenster stand, räusperte sich einmal, und Hertwig schrak auf. Er wollte etwas sagen, aber der Hals war wie ausgedorrt; er starrte nur nach Holischka hin, sah mechanisch, daß hinter der Silhouette des Kameraden der Schnee wie ein stets bewegter Vorhang langsam und stetig herunterfiel, endlos, ohne Ziel . . . Schnee also, Schnee wieder, dachte er stumpf.

Da regte sich der Kranke. Er stieß einen tiefen Seufzer aus, schlug die Augen auf, und als er Hertwig gewahrte, versuchte er zu lächeln und die Hand zu heben. Hertwig legte beschwichtigend die seine darauf, aber der Kranke bewegte unruhig den Kopf nach der Richtung, in der Holischka stand.

»Holischka?« frug Hertwig leise. Kofler bejahte, indem er die Augen schloß.

»Soll er gehen? . . . Ja?«

Und sachte, mit zusammengepreßten Lippen, fast beleidigt, stahl sich Holischka auf den Zehenspitzen aus dem Zimmer.

Hertwig fühlte, daß er etwas sagen müsse, aber er war außerstande dazu; es kroch ihm eiskalt den Rücken herauf, sein Mund bebte. Er beugte sich zu dem Freunde nieder, aber er sah ihn nicht; seine Augen verdunkelten sich.

Und plötzlich war es nicht Kofler, den er vor sich sah, nein, ein Opfer eines blöden starren Brauches, und nun war Empörung und Auflehnung in ihm, ein Zorn, der ihn zu ersticken drohte. Nun hatte er sich auch wieder in der Gewalt. Wie ein Rausch stieg ihm der Zorn zu Kopf, beinahe hätte er hinausgelacht vor Hohn. Was war denn dieser Ehrenhandel? Was war denn diese Niederknallerei? Auf was kam's denn an? Etwa auf ritterliche Gewandtheit, auf einen erbitterten Zweikampf? – Das 308 Gottesurteil! Und heute die unbegreifliche Farce! – Auf einen Zufall. Und diese Farce konnte auch ihn treffen . . .

War's nicht, als hätte der Kranke gesprochen . . . oder hatte er nur die Lippen bewegt? . . . Hertwig beugte sich über ihn.

»Dort . . . dort,« sagte Kofler leise, und seine Augen machten vergebliche Anstrengungen, nach dem Tische hinzusehen. Hertwig verstand endlich.

»Liegt etwas dort? Soll ich es holen? Für wen ist es? Für mich? Stille, nur still, ich finde es, regen Sie sich nicht auf« . . . Er erhob sich, es war, als schwanke das Zimmer um ihn, und dennoch war wieder alles so klar. Er gewahrte sogleich ein großes Kuwert mit seinem Namen, das auf dem Tische lag, und nahm es auf. Koflers Augen folgten ihm ängstlich, und als er es in Hertwigs Händen sah, schloß er die Lider, das Verzerrte und Unruhige wich aus seinen Zügen, er streckte sich langsam, wie wenn er nun schlafen wollte, und Hertwig ließ sich still neben ihm nieder. . . .

Da hörte er gedämpfte Stimmen und Schritte im Nebenzimmer . . . über das fahle Gesicht Koflers lief ein schreckhaftes Abwehren, seine Züge zogen sich einen Augenblick zusammen, als verspüre er einen ungeheueren Schmerz, die Augen wollten sich öffnen, ein wenig hoben sich die Lider, dann entspannten sich die Züge, wurden glatt und still, die Augen öffneten sich nun ganz groß und weit, und Hertwig sah entsetzt in diese großen, weitgeöffneten Augen, die nichts mehr sahen und nichts mehr ausdrückten. Als der junge Arzt die Türe dem Oberstabsarzt öffnete, hinter ihm Holischka, trat Hertwig hastig zurück, fast mit einem Gefühle der Befriedigung . . . es war vorüber, die da kamen, sollten keinen Teil mehr an dem Toten haben. 309

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