Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Anna Croissant-Rust: Unkebunk - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleUnkebunk
authorAnna Croissant-Rust
year1921
firstpub1921
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleUnkebunk
pages398
created20131207
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

In der Nacht vom Samstag auf Sonntag hatte ein warmer Regen mit all dem Schnee aufgeräumt, es regnete und nebelte am Frühmorgen noch leise weiter; die Dachrinnen tröpfelten, die Wässerlein liefen neben dem Gangsteig her, die Dächer glänzten wie lackiert vor Nässe, und die Stadt hob sich schwer aus dem Grau und dem Schlummer. Einzelne Glockentöne verloren sich in der Dämmerung über die Dächer, die Helle kam zögernd, fast mißlaunig, in den Straßen rührte sich noch immer nichts. Ein paar Signaltöne rangen sich aus den Kasernen hoch, klangen aber in der dicken, feuchten Luft halb erstickt.

294 Ein geschlossener Wagen fuhr langsam über das holprige Pflaster des Paradeplatzes und schlug die Richtung gegen den Rhein ein. Ihm folgte in einiger Entfernung ein zweiter ebenso langsam, ja noch vorsichtiger. Die Insassen hatten sich ganz zurückgelehnt, so daß es unmöglich war, etwas anderes als nur undeutliche Umrisse zu unterscheiden.

Eva von Armhart hatte das vorsichtige Rollen der Wagen gehört, war aufgestanden und gab sich redlich Mühe, zu erkennen, wer darin saß. Sie machte das Fenster weit auf und lehnte sich in ihrem einzigen schönen, spitzenbesetzten Nachthemd hinaus, die roten Haare offen zur Schau gelegt. Sie witterte irgend etwas, sonst wäre sie nicht aufgestanden. Der schöne Schneider, der ungetreue Egon war gestern nicht zum Stelldichein gekommen und vorgestern sehr zerstreut und erregt gewesen; der Ungetreue, der sie bei Tag nur nachlässig grüßte, aber bei Nacht in den Anlagen zärtlich an sich drückte!

Röder hatte sich in aller Herrgottsfrühe aus dem Hause geschlichen, es schien Eva auch, als sei Vierling weg. Geschlichen war Röder, der sonst auftrat, daß man es im tiefsten Keller unten hören konnte! Früh war er weggegangen, er, der sonst an Sonntagen erst um elf Uhr nach seinem Diener brüllte.

Eva bemühte sich angestrengt, in den ersten Wagen hineinzusehen. Sie meinte, Röders Profil einen Augenblick blitzartig haben auftauchen sehen und wieder verschwinden. Das war aber gewiß Täuschung, nur das Resultat ihrer vorhergehenden Gedanken.

»Eva, mach doch's Fenster zu, wann ich doch schon alleweil Zahnweh hab, und es zieht so! Ich muß halt wieder mein geschwollene Backe hawwe!«

»Den hast du doch schon!« Eva drehte sich ärgerlich nach Rapunzelchen um: »Steck dich unter die Deck'! Und laß mich gehn.«

295 »Was guckschde dann?« kam's dumpf unter der Decke vor.

»Nix!« Eva wollte nicht gestört sein, konzentrierte sich ganz auf's Schauen; sie lehnte sich jetzt mit halbem Leib aus dem Fenster und ihre bloßen Füße hingen in der Luft. Es schüttelte sie vor Kälte, aber sie blieb am Fenster kleben. Und langsam zog der andere Wagen dem ersten nach, ganz wie wenn er bemüht wäre, sich so wenig auffällig als nur möglich zu machen. Eva sah leider wieder nichts; die Fenster waren fest verschlossen. Aus der Ecke blinzelte Holischka hinauf, wohl sah er Eva in der roten Flut ihrer Haare, auch Hertwig schaute flüchtig hin. Nur Kofler saß stumpf da mit übernächtigen, müden Augen und außerordentlich bleich, aber vollkommen beherrscht.

Als der Wagen über die Rheinbrücke fuhr, kam mit einemmal die Sonne durch, eine fahle, gelbliche Sonne, vor der der Dunst zurückwich. Langsam zog unten der Strom, man hörte kaum das klatschende Anschlagen an die Brückenpfeiler. Stumm und hoch starrten in langer Reihe links und rechts vom Strom die Gerippe der Pappeln, nur noch mit ein paar zerzausten Blättern in der Krone.

Kofler ließ das Fenster herunter und atmete tief die kühle Luft ein.

»Wenn ich etwas liebe, da herum um die Stadt, so ist es der Blick von hier den Rhein hinauf und hinab. Das zieht so unbeirrt dahin, so gleichmäßig, was auch geschieht, wie wenn es seit tausenden von Jahren so sei und tausende von Jahren so weiter sein müßte, und alles Leben um ihn nichts wäre und mit dahin ginge . . . verrinne: ein Atemzug, ein Sandkorn, ein Nichts.«

Hertwig nickte. Er war allein und war mit Kofler schon so oft hier gestanden und hatte diese Empfindung gehabt, die er aber nicht in Worte hatte kleiden können . . . Holischka, der nur halb hingehört, schaute nach dem offenen Fenster, ihm war kalt, er war an den Pistolenkasten gekommen, der neben ihm stand, 296 schnell zog er die Hand zurück. Und der Wagen fuhr langsam weiter auf der durchweichten Straße, neben der in der Ferne niedrig die Kontur eines Wäldchens auftauchte.

*

 << Kapitel 22  Kapitel 24 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.