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Anna Croissant-Rust: Unkebunk - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleUnkebunk
authorAnna Croissant-Rust
year1921
firstpub1921
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleUnkebunk
pages398
created20131207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Es schneite leise mit großen Flocken, als Vierling und die jungen Leute nach Hause gingen. Ein milchiger Mond stand hinter dem einförmigen Dunst, mit dem der Himmel überzogen war; nichts rührte sich, die Lichter der Häuser waren erloschen, der weite Paradeplatz gähnte vor ihnen, nur vor dem Gouvernement hörte man den einförmigen Schritt der Schildwache, die von Zeit zu Zeit den Schnee von den Stiefeln stampfte, und von fern tönte einmal das Prusten und Rattern einer rangierenden Lokomotive.

Vierling setzte seinen Kantdisput mit Wasner auch auf der Straße fort und wurde lauter und erregter, je stiller nun Wasner und seine Gefährten waren, nur Kofler mischte sich mit humoristischen Bemerkungen in diesen Streit. Er war in toller Laune, bald geistesabwesend, reizbar, ausfallend, dann wieder in sich gekehrt, abwehrend, . . . er ertrug es kaum, daß ihm Holischka nicht von der Seite wich, der heimliche Schwager, der etwas herauswitterte, und der ihm in allem zustimmte, mochte er auch das Verrückteste behaupten. Allmählich wurden alle stiller und stiller. Das eigentümliche, halb geisterhafte Licht drückte auf jeden. Dieser niedrige Horizont, der sich wie eine trübe Glasglocke über die ganze Stadt zu legen schien, der fahle Mond, den man eher ahnte als sah, der nur dazu da zu sein schien, das lautlose, stetige Herabfallen des Schnees zu zeigen . . . .

»Jetzt wird das Nest begraben,« sagte Wasner plötzlich. »Sieht's nicht so aus, als wären wir morgen alle dahin? Vielleicht fällt heute nacht die ganze himmlische Decke da oben auf uns . . . dann ist's aus und fertig, wäre kein Schaden.«

285 »Seid Ihr Leute!« tadelte Vierling. »Ihr seufzt nur immer hier; macht mal aus dem Nest, was Ihr könnt und aus Euch dazu. Frisch angepackt! Dabei sind zwei Soldaten darunter!«

»Ja, Herr Major, wenn ich nur ein wirklicher Soldat wäre, eine frische, frohe Soldatennatur, und mit Lust und Liebe dabei sein könnte!«

»Ach was! Wille, Hertwig, Wille! Nicht von vornherein sagen: das paßt nicht für mich.«

»Allerdings hätte ich das schon früher sagen sollen, Herr Major, vielleicht ist es jetzt zu spät.«

»Und Holischka tutet auch manchmal in dieses Horn, das aber dann gräuliche Töne von sich gibt. Sie sind der liebe, gescheite, nette Leutnant, Holischka, ein intelligenter, gebildeter Offizier, um den sich die Damen reißen, weil er sich den Nimbus des Mannes gibt, der eigentlich Höheres als Soldat allein sein könnte, ein wenig Melancholie, ein wenig Unbefriedigung posiert und doch so stolz als Leutnant, so glücklich in seiner Uniform, so eitel auf den Erfolg ist. Als Zivilist . . . ich weiß nicht: einer von Vielen. Heiraten Sie nur Ihr Betzerl, Sie werden dieses Nest mit seinen köstlichen Spaziergängen reizend finden. Mit Ihnen, Hertwig, mag ich nicht reden. Dem Anschein nach müßten Sie doch einen famosen Frontoffizier geben. Übrigens, Mensch, wenn Sie wollten, Sie haben doch auch den Kopf dazu!«

»Wollen? Ja, können, Herr Major, das Herz gehört auch dazu, zum Berufssoldaten nämlich. Anders, wenn es ums Vaterland ginge.«

»Das ist's ja, Ihnen ist immer dies Gefühl der Unbefriedigung im Wege, immer müssen Sie sich darauf versteifen, Augen, Wünsche und Sehnsucht wo anders zu haben, nur das eine nicht ausbauen. Wenden Sie doch Ihr Wissen und Ihre Neigungen hierauf.«

286 »Frontoffizier als Lebensberuf?! Wenn ich nicht gerade meinen Kopf hätte und mehr Unmittelbarkeit. Meine Neigungen stehen dem Soldaten im Weg, nur diese Neigungen auszuleben könnte mir Lebensgefühl geben. Was ich jetzt betreiben muß, ist Halbheit. Kommt ein Krieg, so will ich meinen Mann stellen wie die andern, aber mein Lebensberuf ist es nicht, Soldat zu sein wie der von Röder oder Holischka. Und dann, Herr Major, Ihr Wissen hat Ihnen auch nicht geholfen und Ihre Neigungen auch nicht.«

Vierling wurde ärgerlich. »Das weiß ich, aber ich kann's nicht leiden, wenn man mir's sagt. Übrigens, so sehen Sie mich doch an: Wie hätte ich denn ein idealer Offizier sein können. Ich bin klein, unansehnlich, kurzsichtig und hab den Schnabel nie halten können; lauter Kardinalfehler! Na ja, ein solcher Adonis wie ›le joli tailleur‹ kann nicht jeder sein, und diese Reitbasis, wie er, hat auch nicht jeder. Aber das alles tut's eigentlich auch nicht. Der wird nicht um die berüchtigte Ecke kommen, da könnt Ihr Gift drauf nehmen. Aber Holischka . . . Gott segne dich! Dir ist es gegeben, wenn du dich nicht verplemperst, mein Sohn, wenn dich auch die Schönheit nicht übermäßig plagt, du bist flott und hast Geld, das ist nämlich auch noch so ein Punkt in der Karriere des Offiziers, aber darüber wollen wir bei nachtschlafender Zeit nicht ein Langes und Breites reden, besonders da zwei Zivilisten dabei sind, wir wollen den Nimbus wahren.«

Währenddem waren sie vorm »Schiff« angekommen und sahen zu ihrem Erstaunen noch alles erleuchtet.

»Was? Das Bäwele wacht noch? Wer macht ihr die Nacht zum Tage? Wolle mer?« fragte der Major auf gut pfälzisch, »e Kaffeeche wär nit zu verachte.«

Kofler und Holischka waren sofort einverstanden, Wasner hatte Gründe, das »Schiff« zu meiden, weil dort ausschließlich Offiziere verkehrten, und Hertwig, der die ganze Zeit stumm 287 neben Vierling hergetrabt war, murmelte, daß er morgen früh Dienst hätte, hörte auch nicht auf Wasners Zuruf, der ihn begleiten wollte, und war mit ein paar großen Schritten im Dunkel der Obergasse verschwunden, wie von der Nacht verschluckt, nicht einmal mehr den Schall seiner Tritte hörte man, der weiche Schnee verschlang ihn.

So traten denn die drei ein; hinter ihnen tauchte plötzlich Leutnant Egon Schneider auf, le joli tailleur, der auch dem »Schiff« zugestrebt war.

Die Beleuchtung hatte in dem herunterwirbelnden Schnee so großartig ausgesehen, als ob eine zahlreiche, zum mindesten eine gemütliche Gesellschaft dort beisammen wäre. Als die drei eintraten – etwas später le joli tailleur – waren sie verblüfft, niemand als das Bäwele und die Busenfreundin Theodore zu finden, die sich das etwas kostspielige Vergnügen geleistet hatten, alle Lichter anzuzünden, um Weihnachtsarbeiten zu machen.

Holischka machte Miene, an der Tür wieder umzukehren, als er die zwei allein sah, doch Kofler schob ihn sanft vorwärts. Es ging wirklich nicht, vor dem einst geliebten Bäwele auszukneifen.

Vierling dagegen tänzelte, auf den dünnen O-Beinen schaukelnd, die Arme weit ausgebreitet, auf die beiden Mädchen zu und rief, daß es in dem leeren Zimmer nur so schallte: »Huldinnen! Göttinnen! Kommt an mein Herz, alle zwei! Du, braunlockige Maid, des Schiffes Bäwele, und du, Theodore, hochbusige Tochter des nachbarlichen Bäckers Bäcker!«

»Ich glaab, der is meschugge,« sagte halb gekränkt, halb belustigt Bäcker Bäckers Theodore. Bäwele sah an Vierling, Kofler und erst recht an Holischka vorbei, ihre Blicke umarmten offenkundig den schönen Egon Schneider, der, in Zivil, wie aus einem Modekupfer geschnitten, das zierlichste aller Bärtchen drehend, durch sein Monokel Bäwele zublinzelte.

288 »Bäcker Bäckers Theodore,« wiederholte Kofler nachdenklich. »Was Ihr hier für eigentümliche Namen habt!«

»Jawohl, Resa-Rosa zum Beispiel,« erwiderte prompt das Bäwele, das sich stets von Kofler zurückgesetzt und als Kellnerin behandelt fühlte, und warf ihm einen scheelen Blick zu.

»Ich verstehe nicht,« murmelte Kofler nervös, »warum Bäcker Bäckers?«

Und Theodore, ehe Bäwele erwidern konnte, gutmütig und wichtig zugleich (Kofler hatte im Sturm ihr Herz erobert; ein ernsthafter, vornehmer Mann, ein Mann nach ihrem Geschmack, dunkel, groß, diskret): »Sehen Sie, Herr Assessor, wann der Herr Leutnant da Leutnant heiße dät, so wäre er der Leutnant Leutnant, und wenn er ein Schneider wär, Schneider Schneider!«

»Pfui!« rief Vierling.

»Und wenn Vierling ein Vierling wär', hieß er Vierling Vierling,« witzelte le joli tailleur.

»Schluß! Schluß!« schrie Vierling lachend, »das geht zu weit, Vierling zu sein ist doch keine Profession! Ihr Grazien, helft!«

»Grazien müssen doch drei sein, Herr Major!« belehrte ihn Theodore, stolz, ihre Bildung zeigen zu können.

»Allerhand Hochachtung vor Ihrer Gelehrsamkeit, Bäcker Bäckers Theodore, aber ich habe nicht die Anwesenden gemeint.«

»Die Abwesenden natürlich hat der Herr Major gemeint,« stichelte das Bäwele, »er hat doch die drei Grazien im Hause.« Sie warf Holischka einen herausfordernden Blick zu.

»Falsch, Bäwele,« unterbrach sie der Major, »es sind nur zwei.«

»So? Ist Eva, das Paradies weg, Holischka?« Bäweles Nüstern blähten sich vor Bosheit.

»Stellen Sie sich doch nicht so!« rief Holischka ärgerlich. »Sie 289 wissen es sicher, daß Jutta fort ist, warum reden Sie denn von Eva? Heute war doch der Kranz bei Ihnen.«

»Sie! Ihnen!« äffte ihn Bäwele nach. »Zu Befehl, Herr Leutnant! Ich weiß es, ja, und der Kranz war auch heut bei uns, aber ich hab gedacht, der Herr Major sagt noch so allerhand von früher . . . er weiß alles aus erschter Hand« . . .

»Geschwätz!« brummte Holischka, der sich immer mehr ärgerte, weil er genau wußte, daß alles, was Bäwele sagte, auf ihn gemünzt war.

»Neiñ, keiñ Geschwätz, ich verbitt m'r des! Ich werd rede könne, was ich will! Ich weiß doch, daß die alt' Baronin Armhart dem Herr Major alles añvertraut; das große Geheimnis hat er auch früher gewißt als alle annere.«

»Nein, das ist ja zu stark, das wäre ja, wie wenn der Major« . . .

Während Holischka immer mehr in Harnisch kam, lachte der Major auf seine eigentümlich lautlose Art, wobei er nur den Mund breit machte, ohne daß man irgendeinen Laut hörte. Was hatte denn Holischka? Ihm machte die Sache Spaß!

»Du bist boshaft, du freust dich, die Leut' zu quälen! Ja, du hast direkt Freude an solchen Sachen!«

»Du! Dir!« äffte Bäwele wieder Holischka nach, und als sie sah, wie er feuerrot vor Zorn wurde, klatschte sie in die Hände und rief: »Den Zorn! Den Zorn! Guckemol dooo!«

Theodore, weicheren Gemütes, fühlte sich bei dem Geplänkel unbehaglich, und merkte auch, wie unbehaglich der Streit Kofler war. Mit echt weiblicher Schlauheit griff sie geschickt ins Gespräch und machte die Bergern nach: »Guckemol dooo! Ja, wissen Ihr dann, was der Bergern ihr Bu kriegt hat? Zuchthaus für seiñ Hauerei. Vier Monat« . . .

»Sie irren, Fräulein Theodore, zwei Jahre,« belehrte sie Kofler, der sich mit allen Kräften bemühte, das Gespräch vom Persönlichen abzubringen.

290 »Ich war ja in der Verhandlung, zufällig war ich hingefahren. Es war wundervoll. Der Kerl scheint ein Tunichtgut erster Güte, aber ein Original zu sein. Schade, daß Hertwig nicht da ist; ich habe ganz vergessen, ihm die Geschichte zu erzählen. Der Bu also, der übrigens ein recht ansehnlicher Bu ist, nur dramatisch verwildert, hat eine gute Dosis Witz. Sagt er da: ›Was soll ich getan hawwe? Körperverletzung soll des sein? Aach noch vorsätzlich? Ich hab doch keen Vorsätz gemacht, in meim ganze Lewe hab ich keen Vorsätz gefaßt! Ich hab dem Kerl doch nix tun wolle! Ich will's emol verzehle. Mir sitze do beisamme im Plug, un der Kerl hot als geredt un geredt und hot mich nit rede losse, un hot immer recht hawwe wolle. Nit um die Welt is er ruhig zu bringe gewest. Do haww ich'n mit'm Krug e bißche angedippt, als uf de Kopp gedippt, daß er endlich emol still is.‹ Und als er hörte, daß er ein paar Jahre sitzen müsse, weil der andere infolge des ›Antippens‹ einen dauernden Schaden behielt, sagte er kopfschüttelnd: ›Ich kann doch den Charakter von dem Herrn Staatsanwalt nit begreife! Wege so eener Bagatell mir zwee Johr zu gewwe!‹ . . . Alles hat gelacht, fast geklatscht, es war überhaupt eine sehr lustige Verhandlung.«

»Die Bergern wird nicht lustig sein,« meinte Vierling.

»Die?« ereiferte sich Theodore. »Was kennen Se die schlecht! Die is froh, daß sie'n añgebracht hat! Schämme dut sich die Bergern nit.«

»Pfff!« machte Bäwele verächtlich, wie wenn es nicht der Mühe wert wäre, über solche Sachen zu reden. Sie war ärgerlich, daß sie immer wieder neuen Wein bringen mußte und sie deshalb noch lange nicht mit ihrem geliebten, schönen Egon allein sein konnte. Als sich nun die Tür wieder auftat und Röder hereintrat, sagte sie sehr laut und in offenbarster Ungnade: »Der hot grad noch g'fehlt.« Theodore aber, klassisch 291 beschlagen, rief freudig: »Scheene Seelen finden sich zu Wasser und zu Land.«

»Diesmal wohl auf dem Wasser, wir sind ja im ›Schiff‹,« versuchte Röder seinen Witz und schlug den Mantelkragen herunter.

»Verdammtes Wetter auf einmal, Schneetreiben, daß man die Hand nicht vor den Augen sieht. Mich friert wie einen Hund, obwohl ich Kognak bei mir hatte.« Er grüßte mit Händedruck Vierling und Holischka, den schönen Egon etwas obenhin und Kofler mit einer gemacht steifen Verbeugung.

»Noñ? Und ich?« fragte Theodore und hielt ihm die Hand hin: »Patschhand! Wo kommen Sie her?«

»Ronde, meine Süße. Ein paar Gläser Kognak, Bäwele! Es ist lustiger und angenehmer hier zu sitzen, das kann ich Euch sagen!«

»Woher weißt du, daß es hier angenehmer is?« fragte Bäwele spitzig.

»Du hast seit kurzem eine Art, scheußlich! Von wem hast du denn diese Art Frechheit gelernt? Früher hast du so schön kuschen können!«

»Hab ich? Ei, ei!« Bäwele stellte sich direkt vor Röder auf, ihr Atem ging hastig, drohendes Anzeichen, daß der gefürchtete Zorn losbrechen würde, der oft monatelang unter einem scheinbar schwerfälligen Temperament schlief.

»Vom Kuschen, mein ich, verstehst du mehr. Du kuschst ja vor zwei Weiber« . . .

Röders Nasenflügel zuckten, seine Adern am Halse schwollen an, er redete schnell, rauh und heiß kamen seine Worte.

»Du warst nie ein liebes Mädel, geschweige denn ein gutes Weib, nun bist du ein elender Fratz, und wärst du mir nicht zu gering, zu schwach, zu elend, hörst du, Kröte?« schrie Röder immer lauter, sich immer mehr in die Aufregung hineinsteigernd, »ich haut' dir eins hinter die Ohren, daß dir Hören und Sehen 292 verginge! Das hast du nicht einmal, das hast du zehnmal, hundertmal verdient!«

»Du hast auch eine Art, mit Mädche oder mit Weiber umzugehn,« sagte Bäwele und hielt einen Augenblick inne, wie eine, die weiß, daß sie einen gewagten Zug tut, »das hast du früher nicht gehabt! Hast du dir das bei deine ›Damen‹ angewöhnt, lassen die sich's gefalle, die ›Sterne‹ und Sonne, haben die das nötig gehabt?«

»Ja,« brüllte Röder außer sich und fuhr mit dem Arm über den Tisch, daß eine Flasche und ein paar Gläser umfielen, »ja, wenn du's wissen willst, die haben's nötig gehabt, die ›Sterne‹, das ist der einzige Weg!«

»Röder, mäßigen Sie sich, Sie sind betrunken,« mahnte Kofler, der mit einem starren Ausdruck, der immer starrer wurde, dasaß, alle Muskeln angespannt.

»Was geht das Sie an, wenn ich betrunken bin? Was geht das Sie an, was ich mit dem Frauenzimmer rede? Sie dürfen Gott danken, daß Ihnen ein richtiger Mann unter die Augen kommt, der was verträgt, von dem Sie lernen können, wie man mit Weibern umgeht. Der ein Mann ist, hören Sie? Und nicht zi–zi–zirpt, wie eine Grille und die ›Sterne‹ anhimmelt! Die Sterne reißt man sich herunter, verstehen Sie? Holt sie sich, wenn man's kann, wenn man ein Mann ist, ein richtiger Mann, verstehen Sie?«

»Röder,« mahnte Vierling und legte ihm die Hand auf den Arm, »suchen Sie doch nicht Händel!«

Kofler war aber schon aufgestanden, ganz beherrscht, mit einer seltsamen Ruhe, wie sie die Freunde sonst nicht an ihm kannten, eine Ruhe, die etwas Lähmendes für die andern hatte. Er holte seinen Mantel, während Röder ihm steif und ernüchtert zusah, winkte Holischka, der in nervöser Unruhe kaum in seinen Mantel kam, und ging mit allgemeinem Gruße.

293 »Morgen wird er mir Holischka schicken,« lachte Röder gemacht laut, »was, Major?« Dann sank er in sich zusammen, bis ihn Vierling mahnte: »Röder, gehen wir, es ist höchste Zeit!«

»Aber Sie müssen mir sekundieren, oder Schneider, oder was weiß ich! Trinken wir noch eins, die Lappalie ist es nicht wert!«

»Nein, wir gehen!« sagte Vierling bestimmt und drängte ihn fort. Es roch ja in der Bude nach Gehässigkeit und Brutalität, nach Weibertücke und heimlichem Kampfe! Nur frische Luft, nur diese Dumpfheit abschütteln!

Er war ernst, fast düster, als er die Mädchen grüßte. Röder folgte ihm ohne Gruß, und Schneider, der eine Weile gezögert hatte, winkte Bäwele noch zu; man sah's ihm über das ganze Gesicht an, daß er verstört und hilflos war. Bäcker Bäckers Theodore ließ sich auf einen Stuhl sinken und faltete die Hände: »Gott, wie schrecklich, awwer wie intressant!« seufzte sie.

»Intressant? Des auch noch! Halt nur's Maul un drück dich in deiñ Bett,« zankte Bäwele in schlechtester Laune.

»Ach, ich kann doch nit schlafe! Wer kann dann do schlafe!«

»Noo bleib wach,« schrie Bäwele in hellem Zorn und drehte alle Lichter aus.

*

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