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Anna Croissant-Rust: Unkebunk - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleUnkebunk
authorAnna Croissant-Rust
year1921
firstpub1921
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleUnkebunk
pages398
created20131207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Exzellenz Mary war ärgerlich, daß Johanna, wie sie glaubte, so lange zu ihrer Toilette brauchte, und es ihr gar nicht beifiel, einen Blick auf die Gesellschaftsräume, vor allem auf 261 die Tafel zu werfen, dem Diener und dem servierenden Mädchen nachzusehen, ob alles tadellos in Ordnung sei.

»Sie ist das doch nicht gewöhnt!« beschwichtigte der Gouverneur, der langsam mit seiner Frau durch den Musiksaal und das Speisezimmer schritt. »Hast du übrigens Martin Anweisungen gegeben wegen der Reihenfolge der Weine?«

»Sag es doch Johanna, für was ist sie da! Ich kümmere mich diesmal um nichts. Mach sie doch verantwortlich.«

»Ja, ist sie denn deine Hausdame? Hat sie dazu Talent? Welche Funktionen hast du ihr denn übertragen?«

»Welche Funktionen! Lächerlich! Gar keine. Wenn ich ihr das erst noch alles sagen muß! Ob sie Talent hat oder nicht, sie soll sich eben anstrengen, irgendeine Leistung will ich sehen, Es ist doch keine Schande zu arbeiten! Man muß alles können, wenn es von einem verlangt wird.«

»Ja, hast du etwas von ihr verlangt?«

»Natürlich, wenn das auch nicht ausgesprochen ist, sie könnte sich doch klar machen, daß man irgendeine Leistung dafür verlangt« . . .

»Daß sie da ist, meinst Du? Sie sollte dir doch Gesellschaft leisten, dich begleiten, mit dir musizieren, mir die Grillen vertreiben, wie du so vorsorglich und so liebenswürdig warst zu bestimmen. Das tut sie doch alles, das ist doch ihre Leistung.«

Die Gattin war gereizt. »Rauchen ist bei dir auch eine Leistung, und zwar deine größte.«

»Nun erlaube mal. Ich stehe ja keineswegs auf deiner geistigen Höhe, aber, wenn es auch keine große Leistung ist, ist es immerhin eine Leistung, General, Gouverneur zu werden. Nein, bitte laß mich das einmal sagen, weil du stets so verächtlich davon sprichst. Protektion hatte ich keine, von altem Adel bin ich nicht, scherwenzeln habe ich nie gekonnt.«

»Ja natürlich, und das war auch eine Leistung, daß du mich, 262 die Amerikanerin geheiratet hast, die sich absolut nicht in die Verhältnisse schicken kann, die dich hemmt, dir Unannehmlichkeiten und Unbehaglichkeiten macht, die sich nicht als Frau des Gouverneurs fühlt oder aufführt, die kapriziös, launenhaft, schroff, hochmütig ist, eben nicht wie eine deutsche Frau und vor allem nicht wie eine Offiziersdame comme il faut, und die, Gott weiß, noch wo hinaus will!« . . .

Der Gouverneur nickte spöttisch bestätigend: »Du weißt ja auch nicht, wo ich hinaus will!«

»Du? Wo hinaus willst du denn? Das wäre ja prachtvoll! Endlich einmal eine Abwechslung in unserer Ehe! Willst du dich in Johanna verlieben? Sehr nett und für mich amüsant; ich fürchte nur, Hertwig ist dir schon zuvorgekommen!«

Sie waren in ihrer Wanderung in der kleinen Bibliothek angekommen. Der Gouverneur warf den Kopf auf die linke Seite und zog die Augenbrauen hoch, ein Zeichen für Frau Mary, daß es für ihn ernsthaft wurde: »So? Und was hat Hertwig für eine Stellung?«

Ein leise überlegener, ein hochfahrender Ton – sie kannte ihn – ließ sie aufhorchen.

»Dieselbe denke ich, die du einmal hattest, er wird auch vielleicht einmal Gouverneur werden wollen, wie du . . . Exzellenz ist er bis jetzt nicht.«

»Keine üble Idee! Nur dauert's ein bißchen lange, und ermüdend und umständlich ist es auch, besonders wenn man Hertwigs Eigenschaften hat, die ihn absolut nicht zum Soldaten tauglich machen, daß heißt, wenn er auf Zukunft hofft.«

»Dieser Soldatenberuf von heute!« sagte Exzellenz Mary heftig, zog verächtlich die Mundwinkel herunter und schnippte mit den Fingern. »Was ist denn daran Großes? Kommt es auf Kraft, Geistesgegenwart, Leidenschaftlichkeit, Draufgängerei, auf persönlichen Mut, auf Tapferkeit und Energie an? 263 Was ist denn so ein Soldat, so ein Einzelner in dieser Maschine? Was kann er denn tun? Er darf sich ja nicht einmal im Moment von seinem Mut hinreißen lassen, er muß seine Tapferkeit auf Flaschen ziehen, und darf sie erst im gegebenen Augenblick ein bißchen knallen lassen! Das ist doch die Verzerrung eines Soldaten, eines Kriegers, der Sinn ist ganz verloren gegangen. Vaterlandsverteidiger, Verteidiger gleich Mauern, Festungen, Bollwerken und dergleichen.«

»Du redest da sehr temperamentvoll, Mary, aber ohne Sachkenntnis, dem Gefühl nach, die echte Frau. Dein Standpunkt ist der Condottieri-Standpunkt, will sagen Raufbold- oder Wildwest-Standpunkt. Mut, ja das ist prachtvoll; es gibt aber allerlei Art von Mut: der Mut der Leidenschaft zum Beispiel, das ist dein Fall, ein Temperamentsangriff; der Mut der Verzweiflung, dessen innerstes Motiv doch Feigheit ist, der alles auf eine Karte setzt; das sieht für dich wie eine große Tat aus, ich wette! Dann der Mut der Kaltblütigkeit, Leidenschaft durch Willen korrigiert, das müßte deiner Natur eigentlich auch liegen. Ah so! das schlägt nicht mit Händen und Füßen um sich, das sieht nicht nach Temperament aus . . . weg damit! Ist's nicht so? Unterschätze auch die Zucht nicht, den Mut der Zucht, den wir modernen Krieger haben müssen. Krieg ist heute keine persönliche Sache mehr, sondern eine Volksangelegenheit; der Beruf des Soldaten ist ein anderer: der Einzelne gilt wohl, gilt viel, im Augenblick vielleicht alles, aber der Einzelne ist nicht der Sieger; nicht die Mutigen siegen, sondern die innerlich bestorganisierte Truppe, und die ist mutig zur rechten Zeit.«

»Siehst du, nun gibst du es selbst zu,« triumphierte Exzellenz Mary, »und auch das mit dem auf Flaschen gezogenen Mut stimmt. Du umschreibst es nur.« Und da ihr Mann spöttisch lächelte und weiter sprechen wollte, fiel sie ihm in die Rede:

»Wenn Ihr keine Gelegenheit habt, Euch als mutige Krieger 264 hervorzutun, so müßtet Ihr doch wenigstens den Mut haben, Euere Überzeugung zu vertreten. Aber das dürft Ihr ja auch nicht, am wenigsten darf man das und tut man das, wenn man Exzellenz ist.«

Der Gouverneur drehte sich ungeduldig um, hörte halb hin, so etwa, wie man ein Kind anhört, und fing an, auf dem Tisch herumzutrommeln. Das reizte seine Frau noch mehr.

»Aber Hertwig wird ihn haben, das will ich dir sagen, das weiß ich positiv, verlaß dich drauf, und was ich dazu tun kann« . . .

Der Gouverneur fuhr herum: »Du, komm mir nicht mit deinen alten Kunststücken! Menschenschicksale in der Hand halten, oder Schicksal spielen! Laß Hertwig in Frieden, Hand weg von ihm und von Johanna. Von ihr auch, verstehst du? Hertwig ist mir zu wert und Johanna, ja, Johanna auch. Ich will nicht wieder erleben« . . .

»Sprich es nur aus, wenn wir auch nie mehr davon geredet haben, was in Metz passierte. Vor Gespenstern fürchte ich mich nicht. Du kannst die Namen Aigner und Rosette nennen. Glaubst du, ich bereue? Oder ich fürchte mich gar vor dem Erschossenen? Ein Schwächling, ein Bankerotteur, sonst hätte ich ihm helfen, ihm Schicksal sein können . . . Hertwig ist anders . . . und Johanna«; sie zog die Achseln hoch, »diese Episode, die kleine Johanna! Rosette – Johanna!«

»Natürlich, gegen dich gehalten!« Nun hatte er seine gute Laune und seine Überlegenheit wieder. »Wenn du dich nur nicht verkalkulierst. Das wäre einmal – auch zur Abwechslung – ganz nett für mich und heilsam für dich. Soll ich in gehobener Sprache sprechen: Du schreitest niemals über Johannas Leiche weg!«

Exzellenz Mary hob den Kopf und sah ihren Gatten kalt an:

»Kennst du sie schon so gut?«

»So gut nicht, aber gut genug, um sie gegen dich abwägen zu können.«

265 Exzellenz Mary nahm die Schleppe ihres elfenbeinfarbenen Seidenkleides auf und verließ mit einer abweisenden Miene sein kleines Zimmer. Diese Miene galt sowohl dem Zimmer mit seiner sehr einfachen Einrichtung, den Bücherschränken, wo die Lieblinge ihres Mannes: Voltaire, Taine, Montaigne, Flaubert, Balzac, Cervantes, Kant, Fontane als Götter thronten – von ihr verachtet und hierher verwiesen – wie der kleinen Zigarre, die sich der höchste Feldwebel, wie sie ihren Gatten in Momenten des Hasses zu nennen beliebte, anzuzünden erlaubte, ehe die Gäste kamen. Auf der Schwelle kehrte sie sich nochmals um, ließ die Schleppe fallen, sah sehr überlegen und hochmütig aus und sagte:

»Nur eines. Abwägen hin, abwägen her . . . du brauchst keine Rücksichten zu nehmen, ich werde in Zukunft aber auch keine mehr nehmen, nicht die geringsten, hörst du? Das System, das damals in Metz, ja, ja, in Metz im Gange war, dieses feige Vertuschungssystem werde ich nie mehr mitmachen. Rücksichtslos werde ich aus dem Wege räumen, was mir im Wege ist.«

Als das Rauschen der Schleppe nur mehr wie das Wischen und Knistern eines leichten Seidenpapiers durch die Zimmer herein kam, setzte sich der Gouverneur in seinen großen, altfränkischen Lehnsessel, den er für sich gerettet, streckte seine sehr schlanken Beine mit einiger Anstrengung von sich, strich sich ein paarmal über die Stirn, als wollte er etwas fortwischen, dann legte er den Kopf auf die Rücklehne des alten, geblumten Großvaterstuhles und schaute lange Zeit in die Luft und dann, ohne etwas zu sehen, auf einen Stich von Goya, der hier hing, die Maja. Allmählich kam ein Zwinkern in seine Augen, die zuletzt ganz blank und fröhlich wurden, gerade als wollte er sagen: »Mir kann keiner was anhaben, du auch nicht! Du erst recht nicht.«

In dieser behaglich ausgeglichenen Stimmung, fast ermuntert 266 durch den kleinen Disput mit seiner überlegenen Yankee doodle Mary, wie er sie in Momenten der Zärtlichkeit oder der mitleidigen Verachtung nannte, erwartete er seine Gäste.

Johanna war es, die ihn suchte, als der Diener die ersten meldete. In ihrem leuchtenden Kleide, einen Büschel Reseden im Gürtel, stand sie zwischen den Falten der schwarzen Portiere, die sein kleines Tuskulum von dem eigentlichen Herrenzimmer schied. Ihr dunkles, seidig glänzendes Haar war heute hoch gesteckt, was sie größer machte und das ernsthafte, schmale und manchmal fast düstere Gesicht unterstrich.

»Rasse, Rasse,« dachte Exzellenz, »raffiniert einfach, aber ein kleines Kunstwerk, nur für wenige Kenner, weil es so ungewollt ist, anders als die ›doodle-Rasse‹, anders als Resa-Rosa.«

Er sah mit Wohlgefallen den bräunlich-blassen Nacken, den edlen Ansatz des Halses, folgte der schlanken Hüftenlinie, den schmalen Füßen mit den zerbrechlichen und doch so elastischen Gelenken . . . er hatte sein Wohlgefallen daran, das des Kenners, des warmen Bewunderers.

Im Musiksalon kam den beiden – der Gouverneur hatte Johanna gravitätisch scherzhaft den Arm geboten – Resa-Rosa laut lachend am Arm Holischkas entgegen. Ihr Lachen wurde lauter, stellte sich unbefangen, als sie Johannas ansichtig wurde. Musternd kniff sie die Augen zusammen, prüfte Johanna rasch, ihre Züge entspannten sich, dann war sie ganz der Unterhaltung mit Holischka hingegeben. Resa-Rosa gefiel in diesem Augenblick dem Gouverneur keineswegs, laut aber sagte er: »Carmen!« Und trällernd begann er die ersten Takte der Tarantella. Johanna sagte sich, er hat es gut getroffen. In der bunten, schillernden Seide, das Haar sehr kühn um einen dunklen Schildpattkamm gewunden, mit der roten Korallenkette hatte Resa-Rosa etwas von dem Carmentypus . . . dazu die leise unterstrichenen Augen, etwas Schillerndes, Sprühendes, Erregtes im Wesen . . .

267 Sie wollte um jeden Preis dem Assessor ausweichen und hatte sich deshalb Holischkas bemächtigt, den sie quälte, reizte und neckte. Bei der Vorstellung war sie ganz Dame, etwas kühl und wieder allzu liebenswürdig, ein bißchen flüchtig und gönnerhaft klang ihr: »Exzellenz hat mir viel von Ihnen erzählt, auch Hertwig, Fräulein Welser. Sie sind mir gar nicht fremd. Sie geben sicher eine ausgezeichnete Aquisition für unsern Kreis, für uns Freimaurer, Sie wissen schon! Und musikalisch sollen Sie auch sein?«

»Ja,« sagte Johanna kurz, »ein wenig.« Sie hatte sofort ein Gefühl der Abneigung . . . sie witterte irgend etwas ihrem Wesen Entgegengesetztes, sie lehnte die Art der Liebenswürdigkeit Resa-Rosas ab, fühlte deutlich ihr Mustern . . . ihr Abwägen . . . »Familie . . . Herkunft . . . Schönheit . . . Schick« . . . Gewogen und zu leicht befunden worden. Resa-Rosa fiel es gar nicht ein, etwa eine Konkurrentin in ihr zu suchen. Blaß, still, verschlossen, unscheinbar. Wie hatte sie nur Neugierde und sogar eine gewisse eifersüchtige Spannung empfinden können! Und wie war Exzellenz zu der Annahme gekommen, sie könnten je Freundinnen werden!

Allerdings, während der Dauer des Abends, als sie Johanna öfter ansah oder besser, immer wieder anzusehen gezwungen war, besonders während sie mit Kofler sprach, verging dieser erste Eindruck: Diese Augen! Habe ich dies Mädchen etwa doch zu leicht genommen? Ich fürchte, die gibt ihre Karten nicht gleich aus oder nur den Männern.

»Ist diese Einfachheit nicht Raffinement?« frug sie Holischka, als Johanna und der Gouverneur außer Sicht waren.

»Warum, gnädigstes Fräulein?« Holischka war verwirrt, denn er hatte eben an Amélie gedacht.

»Sehen Sie doch nur, beinahe sieht die Gouverneurin wie ein Pfau aus neben ihr, aufgedonnert und fast kleinstädtisch, 268 und ich wahrscheinlich auch. Wie sie so neben Exzellenz schreitet, sieht sie vornehm aus, ganz als sei sie gewohnt, sich von Exzellenzen führen zu lassen. Auch ein kuriose Idee, daß er die Kleine am Arme behält.«

»Oh, sie sieht reizend aus,« sagte Holischka stockend, der noch an Amélie dachte, »aber so wie Sie kann doch niemand aussehen, das gibt es nicht.«

Resa-Rosa versetzte ihm einen kleinen Klaps: »Ich werde es Amélie sagen und Sie gleich kalt stellen, wenn Sie sich nicht bemühen, artiger zu sein, Sie denken ja an Amélie!«

Dabei gab sie ihm einen kleinen Ruck, daß er sich nach links wende, denn sie sah Kofler auf sich zu kommen. So kam dieser in die Linie der Gouverneurin, die ihn auch sofort in Beschlag nahm.

Der Gouverneur war mit Johanna zu Vierling und dem Lehrer Wasner getreten, die in einer Ecke des Salons in ein recht anregendes Gespräch geraten waren, das der sehr lebhafte und sehr temperamentvolle Lehrer ziemlich laut führte und auch mit wenig Rücksicht auf die feinen und treffenden Bemerkungen des Älteren.

»Wasner ist noch nicht gezähmt,« pflegte Exzellenz Mary zu sagen, »ich habe ihn aber sehr gern, er ist Gold in Schlacke.«

Der Gouverneur nahm sein etwas ungeschlachtes Wesen humoristisch, Hertwig fand seinen echten Enthusiasmus heraus und übersah deshalb viele seiner Rüdheiten; Holischka war ihm nie nahe gekommen, und Resa-Rosa reichte ihm stets zwei Finger – man weiß doch nicht, ob er gewaschene Finger hat! – mit der stereotypen Frage: »Nun, wie steht's mit dem Komponieren?«

Worauf Wasner erwiderte: »Soso, lala! Gnädigste.«

Gewöhnlich lachte Resa-Rosa und sagte halb über die Achsel: »›Lala‹ ist wenigstens schon was Musikalisches!« Darauf 269 beschränkte sich ihr Verkehr. Sie sahen sich nur bei den Freimaurer-Abenden und hie und da bei einer kleinen, intimen Gesellschaft wie heute.

»Gräßlich, dies Schuhwerk von Wasner, glauben Sie, es wäre dem Kerl nicht beizubringen, daß er sich Lackschuhe kauft?« hatte Resa-Rosa vorhin Holischka gefragt, und der hatte allen Ernstes geantwortet: »Sie würden ihm sicher nicht stehen.«

»Ich verstehe das Haus ›Gouverneur‹ nicht, was haben sie denn an diesem Flegel? Sehen Sie nur, wie sein Rock gebaut ist! Unglaublich! Nun, er soll Humor haben, vielleicht muß er den Herrschaften ab und zu den Hofnarren machen. Soll ihn das neue Fräulein ablösen? . . . Und seine Verse! Aber diese Johanna scheint ihn ja auszuzeichnen! Sehen Sie nur, wie die sich unterhält! Die gleiche Schicht!«

»Sie sind bitter heute oder schlechter Laune.« Nun merkte es Holischka auch.

»Ich?« rief Resa-Rosa laut und beugte sich vertraulich zu Holischka herunter, nicht ohne nach der Seite hin zu schielen, wo Kofler mit Exzellenz Mary stand.

Resa-Rosa gab sich alle Mühe, Kofler schlecht zu behandeln; sie hatte nicht nur seinen Gruß sehr kühl erwidert, sondern sie gebrauchte nun alle Kniffe, um nicht mit ihm reden zu müssen. Auf diese Weise gedachte sie ihn zu reizen, ungeduldig zu machen und endlich, endlich zu einer Aussprache zu bringen. Es gelang ihr nicht vollständig, denn sie ertappte sich immer wieder darauf, nach der Seite hinzusehen, wo er stand, ja sogar hinzuhorchen, sobald er aber Miene machte, auf sie zuzukommen, suchte sie mit dem kleinen Holischka, der von ihr einfach hin- und hergeschoben wurde, sich nach einer andern Seite zu wenden. Holischka hatte zu seinem Erstaunen schon verschiedene Bilder im Salon, die er sehr wohl kannte, mit ihr bewundern und besprechen müssen, und sogar ein Band Storm war 270 ihr in die Hände gefallen, den sie sofort vertrauensvoll in die seinen legte. Aber gerade, als er von seiner Begeisterung für diesen Dichter zu stammeln begann, trat Kofler, trotzdem ihn Resa-Rosa nicht zu sehen schien, zu den beiden. Resa-Rosa sprach jedoch mit Holischka weiter, der, Kofler ansehend, auf einmal die ganze Lage ahnte und sich unter einem Vorwand davon machte.

Kofler war viel zu sehr Gentleman, Resa-Rosa das Eigentümliche ihres Wesens entgelten zu lassen. Er war wie sonst, eher noch liebenswürdiger; ja, er nahm nun alle ihre Ausfälle und Launen, ihre kurzen, fast ungezogenen Antworten mit einer gewissen Nachsicht auf, oder er suchte sie ins Humoristische zu drehen, wenn er sich auch zusammennehmen mußte, um selbst nicht bitter zu werden, oder mit einer Verbeugung das Gespräch abzubrechen.

Er quälte sich, den Grund für ihr eigentümliches Benehmen herauszufinden. Was war schuld? Sie hatte eine geringschätzige Bemerkung über Johanna Welser gemacht und eine spöttische über Hertwig und Johanna, das machte ihn stutzig. Er hatte dergleichen nie von ihr gehört, es klang fast gehässig. Sollte sie Hertwig lieben? Er war eine kurze Zeit ihr Vertrauter gewesen, dann hatte sie ihn ohne Grund fallen lassen. Ein Blinder mußte ja sehen, wie förmlich sie in der allerletzten Zeit mit ihm verkehrte. Gehörte sie zu jener Sorte Frauen, die es nicht ertragen, wenn sich ein Mann, auch wenn sie ihn nicht lieben oder nicht mehr lieben, mit seinem ganzen Gefühl zu einer andern wendet? . . . Oder war es, daß Johanna Welser in diesen Kreis getreten war, den sie als »Stern« in Beschlag genommen hatte? War sie gereizt, weil man Johanna huldigte? . . . Und plötzlich fiel ihm Nelly ein.

Vierling, Holischka und Lehrer Wasner umstanden Fräulein Welser, und der Gouverneur hielt sie noch immer am Arm und 271 schäkerte und war fröhlich, wie man ihn selten fröhlich sah. Die Unterhaltung war sehr lebhaft geworden, auch Johanna sprach, ganz gegen ihre sonstige Art, lebhaft, ihre Augen glänzten.

Diese Johanna Welser war offenbar nichts weniger als eine Kokette, man sah ihr nichts als die offene, ehrliche Freude an, die sie bei der Unterhaltung und bei den mehr oder weniger versteckten Huldigungen rings um sie empfand. Und da es ansteckend sein soll, wenn ein Mann oder ein paar Männer eine Frau auszeichnen, fing auch Kofler an, öfter hinzusehen und Vergleiche zu ziehen.

»Nun?« sagte Resa-Rosa gereizt, »Sie scheinen sich dem Schwarm der Bewunderer drüben anschließen zu wollen. Diese Duckmäuserin, diese kleine Johanna, was ist denn eigentlich an ihr?«

»Sie gefällt mir gut. Nichts Blendendes. Man wird sie wahrscheinlich länger kennen müssen, um sich mehr aus ihr zu machen. Sie macht zu wenig aus sich, hat auch zu wenig Selbstbewußtsein, ist fremden Menschen gegenüber fast schüchtern.«

»Und doch . . . seien Sie ehrlich, Kofler, sehen wir, die Gouverneurin und ich nicht ein bißchen . . . so ein klein bißchen kleinstädtisch aus gegen sie?«

»Sie ist sehr einfach, aber sehr vornehm angezogen.«

»Also, danke! Und wir sind aufgedonnert dagegen, Landpommeranzen, basta! Sagen Sie nichts mehr. Na, da kommt ja endlich Hertwig, und wir können zu Tisch gehen, ehe wir uns ein Magenleiden geholt haben. Sehen Sie doch, wie er wegen der Verspätung verlegen ist! Nun, in der gesellschaftlichen Gewandtheit können sich beide die Hände reichen!«

»Kommt's denn nur darauf an?«

»Bei mir kommt's darauf an! Also en avant, drei Herrn und eine Dame! Tante ›Mári‹,« rief sie laut hinüber und ganz mit pfälzischer Betonung, das war ihr Schmeichelname für 272 Exzellenz Mary, und es war ihr Johanna gegenüber eine Genugtuung, sich so familiär ausdrücken zu können, »Tante ›Mári‹, Sie hätten aber gut unser Betzerl Amélie heute abend mit einladen können, ich hoffe, wir wollen nicht die ganze Nacht philosophieren; sie hätte schon mitschwimmen können, wenn sie auch das Niveau etwas gedrückt hätte. Es steigt nämlich jetzt auf einmal schwindelerregend.«

Exzellenz winkte ihr kühl lächelnd zu und nahm Hertwigs Arm, um mit ihm, an der andern Seite Vierling, ins Speisezimmer voranzugehen, dann folgten der Gouverneur mit Johanna und Wasner, während sich Holischka Resa-Rosa und Kofler anschloß.

Hertwig war sehr erregt, sehr abgespannt zu dem Abend gekommen. Am liebsten hätte er abgesagt, wäre es nicht um Johannas willen gewesen. Er fühlte sich am ganzen Körper zerschlagen, hatte eine Aufregung nach der andern gehabt und war in so elender Stimmung, daß es eine Pein für ihn war, nur das allernötigste, ein paar Phrasen zu sagen.

»Nun, nun, Hertwig, Sie zittern ja förmlich.« Exzellenz Mary legte beschwichtigend ihre Hand fester auf seinen Arm. »Was ist denn los?«

»Verzeihen Exzellenz, daß ich so spät kam und nun so konfus und erregt bin. Es kam mir so viel in den Weg.«

»Dienstlich?«

»Auch dienstlich und sonst noch manches! Diese Stadt, nein, dieses Leben!«

»Hören Sie, Major Vierling, Sie eingefleischter Bewunderer der Wälder um den Rhein, Sie passionierter Jäger und Mann der Bequemlichkeit und Beschaulichkeit, was Hertwig sagt?«

»Gnädigste, Hertwig ist wohl verstimmt, das vergeht wieder. Und dann, ist er so alt wie ich, bescheidet er sich auch, genau wie 273 ich. Hier ist kein Platz für junge Leute, die sich hinaussehnen, die sich entfalten oder ausleben wollen; hier ist der Platz für Alte, die aus Bequemlichkeit hier hängen geblieben sind und hängen bleiben werden von Ewigkeit zu Ewigkeit.«

»Schön, Major Vierling, aber damit ist Hertwig nicht geholfen; Sie sprechen stets pro domo, alter Egoist, der Sie sind! So kann man nur werden, wenn man verknöcherter Junggeselle ist.«

»Verzeihung, Exzellenz, ich habe auch schon junge Männer und junge Frauen gekannt, die Egoisten waren, egozentrisch waren und ›pro domo‹ sprachen!«

»Wer zum Beispiel?« Sie drohte ihm mit dem Finger. Als sie so die lange, schlanke Hand hob, überraschte es Johanna, wie wenig weiblich, wie hart, wie knochig diese Hand trotz ihrer guten Form war. Das war ihr noch nie so aufgefallen wie gerade jetzt.

»Wer?« Vierling machte sich angelegentlich mit seinem Teller zu schaffen. »Die Anwesenden natürlich ausgenommen.«

»Was befeuert Ihren Geist heute auf so ungewöhnliche Weise schon während des Essens? Sie behaupteten doch sonst: essen, das heißt, genießen und geistreich sein, das ginge schlechterdings nicht zusammen. Geist verzapfen könne man nur mit vollem oder mit ganz leerem Magen.«

»Sie wollen mich auf diese Weise also festnageln, Exzellenz?«

»Ja, das will ich, denn ich fürchte, Sie teilen heute abend Ihre Aufmerksamkeit, und ich wünsche, daß Sie den Leistungen meiner Küche wie immer ausschließlich die ihnen gebührende Aufmerksamkeit erweisen.«

Der Major machte eine kurze, steife Verbeugung, indem er sich ein klein wenig vom Stuhl erhob und dabei die Serviette festhielt, warf einen Blick auf Johanna, die seine Tischnachbarin war, und widmete sich dann ganz und ausschließlich der 274 eingehenden Besichtigung der Fischplatte, die ihm das servierende Mädchen mit einem leisen, unterdrückten Lächeln des Verstehens hinhielt.

Johanna hatte kaum gehört, was gesprochen wurde, sie verstand den Sinn nicht ganz, konnte ihm nicht folgen; Hertwigs finsteres und gequältes Gesicht tat ihr zu weh. Nicht einmal sah er nach ihr hin, ihre Hand hatte er ergriffen und kaum gedrückt, sie nur wie ein Fremder begrüßt, die Hand achtlos aus der seinen gleiten lassen. Und sie war so voller Erwartungen gewesen, auch in gehobener Stimmung unter den vielen liebenswürdigen Menschen, hatte ihn so heiß und freudig herbeigesehnt, an nichts weiter gedacht, als ihn wiederzusehen, hatte sich wie ein Kind vorgesagt: wird er mich hübsch finden, wird ihm dies Kleid an mir gefallen? Wird er sich nicht auch freuen, daß ich den andern gefalle? Wie froh war sie schon, als der Gouverneur ihr Kleid lobte, nur Exzellenz Mary hatte sie kaum angesehen, heute abend noch kein Wort mit ihr gesprochen . . . es war fast, als sei sie nicht da, und sie fragte sich unruhig, wodurch sie ihr wieder mißfallen habe. Sie wollte doch selbst, daß ihr Gatte guter Laune sei, daß sie ihn erheitere . . . Fand sie es unpassend, daß er ihr den Arm gereicht, um seine Gäste zu begrüßen? Es war doch keine Soiree . . .

Nun blieb auch sie während der ganzen Dauer des Essens zerstreut und verstimmt, kostete kaum von den gereichten Gängen, und mußte immer wieder zu Hertwig hinaufsehen, den Exzellenz Mary mit Beschlag belegt hatte. Ein bitteres Gefühl überkam sie: mir vertraut er sich nicht an, ihr sagt er alles. . . . Es wurde ihr schwer, die Niedergeschlagenheit zu verbergen, die immer mehr von ihr Besitz nahm.

Hätte der Gouverneur sich nicht alle Mühe gegeben, sie zu unterhalten – Vierling sprach auf höheren Befehl kein Wort, aber aß desto mehr – es wäre sehr ruhig am unteren Ende 275 des Tisches gewesen, denn Kofler war ebenso in Anspruch genommen wie Johanna und suchte vergebens, Resa-Rosa, wenn auch nur für Augenblicke, deutlich zu machen, daß er nur für sie da sei. Sie war sehr artig, aber sie sprach und scherzte ausschließlich mit Holischka und auch mit Lehrer Wasner, den sie sonst geflissentlich schnitt, und der sich, glücklich und ausgelassen, ihrer unerwarteten Gunst hingab. Nur ab und zu fand sie Zeit, so ein bißchen zu Kofler zurückzukehren, indem sie ihn flüchtig anlächelte.

Als man vom Tisch aufstand, um den Kaffee im Musiksaal und im Herrenzimmer einzunehmen, klopfte der Gouverneur Vierling auf die Schulter: »Der Bann ist von dir genommen, nun sei du wieder Mensch und gebrauche deine Sprache.«

»Danke, Exzellenz,« antwortete Vierling und machte eine seiner altmodischen, zugleich gravitätischen und zierlichen Verbeugungen, »es war auch so gut.«

Halblaut aber sagte Exzellenz: »Nehmen Sie doch einmal diese wilde Carmen vor, was ist denn los? Ist denn heut alles verdreht und verwechselt? Warum quält sie Kofler? Und was ist mit Hertwig?«

Vierling zuckte mit den Achseln und machte ein verschmitztes Gesicht, wie einer, der sich an den Narrheiten der andern freut, doch suchte er sich sofort Resa-Rosas zu versichern, aber schon war Kofler an ihrer Seite. Resa-Rosa war mit Vierling nun auch ungnädig.

»Gehen Sie, sich bei Exzellenz für die gnädige Strafe zu bedanken, Major, und überbringen Sie gleich unsere heißesten Wünsche: Wir möchten Exzellenz und Fräulein Welser musizieren hören, ›Musik mache höre‹, wie der Landeseingeborene sagt.«

»Vor, während oder nach dem Kaffee?«

»Vor dem, während des und nach dem Kaffee.«

276 »Stimmt noch nicht ganz, Stern der Garnison, aber um kein gramatikalisches Privatissimum abhalten zu müssen, fliege ich, da meine heißesten Wünsche mit den Ihrigen übereinstimmen, . . . keine voreiligen Schlüsse ziehen! . . .«

Resa-Rosa, der »Stern der Garnison«, lachte hinter ihm drein. Er sah zu komisch aus, der kleine Major. Die Schöße seines langen Bratenrockes flogen; er war wieder mit seiner steifgraziösen Verbeugung gegangen und hatte sich direkt an Johanna gewendet.

»Jetzt geht er zuerst zu der Welser!« sagte Resa-Rosa geärgert. »Das ist doch stark.«

Kofler war in Gedanken. »Exzellenz ist scheinbar nicht da« . . .

»Ja, Hertwig auch nicht. Sie spinnt wieder einmal an seinem Schicksal, mit ihm natürlich.«

»Hertwig ist in einer seelischen Krise, ich habe heute lange mit ihm gesprochen. Er tut mir leid; irgend etwas muß da geschehen, die häuslichen Verhältnisse« . . .

»Er soll sich doch frei machen.«

»Das sagen Sie so leicht? Wissen Sie nicht, was Sie mir geantwortet haben?«

»Er ist ein Mann.«

»Auch ein Mann wirft nicht einfach einen Beruf weg . . . Sie denken sich das wohl leichter, als es ist.«

»Es interessiert mich nicht, diese Abquälerei, diese ewigen Hemmungen, dieses Besinnen und Abwägen. Ich liebe Männer, die schnell und sicher von Entschluß sind, zugreifend, Männer der Tat.« Doch um dies zu verwischen und Kofler nicht antworten zu lassen, sprach sie sehr schnell weiter:

»Sehen Sie, wie drollig! Nun hat Vierling Exzellenz Mary gefunden. Er führt sie wie eine Primadonna! Er ist urkomisch in seiner altväterischen Galanterie. Wie er tänzelt! Das liebe ich an ihm, auch seine Überlegenheit und Ruhe, nur seinen 277 Spott mag ich nicht; man fürchtet sich vor ihm . . . er sieht den Leuten durch und durch, sie sind wie Glas für ihn. Man lebt immer in Angst: aha! hinter dich ist er auch schon gekommen! Dann kann er einem tot machen: wenn ein Gesprächsthema angeschlagen ist, läßt er nicht los, bis es bis aufs äußerste erschöpft ist . . . man ist es dann auch. Ich bin kein Philosoph und kann nicht mit . . . Sieh! sieh! Die Kleine läßt sich bitten! Der Gouverneur selber setzt sich in Unkosten und Wasner auch und Holischka! Es ist zum Totschießen! Er bittet auch mit! Er will auch Musik hören, und sein Karo versteht mehr davon, als er . . . nur Hertwig lehnt dort wie der steinerne Gast . . . endlich! endlich! Jetzt gehts los!«

Kofler war überrascht, fast betreten von der außergewöhnlichen, ja fieberhaften Art Resa-Rosas, von ihren sprunghaften Reden, ihrem Wechsel in der Stimmung, ihrem Mangel an Delikatesse . . . so hatte er sie noch nie gesehen. Dabei stand sie neben ihm und redete alles in die Luft. Auch während des Gesanges schien sie an anderes zu denken, denn ihre Augenbrauen zogen sich schmerzhaft zusammen, doch als der letzte Ton verklungen war, eilte sie zu Johanna und winkte Kofler nach.

Auf dem halben Wege aber hielt sie plötzlich an, sie ward sich bewußt, daß sie allein in Bewegung, daß alle andern still saßen und noch unter dem Banne des Liedes waren.

Etwas Merkwürdiges geschah: Exzellenz Mary – die Hand noch immer auf den Tasten, hob sie leise – stand langsam auf und drehte sich um. Sie faßte Johannas Kopf in ihre Hände, legte ihre Wange an Johannas Wange; kein stürmischer Ausbruch war's, aber eine tiefe Ergriffenheit:

»So haben Sie noch nie gesungen, Johanna. Irgend etwas muß mit Ihnen geschehen. Sie dürfen nicht verkümmern, das schwöre ich Ihnen.«

Johanna war plötzlich erwacht, als sie die kühle Wange an 278 ihrer Wange fühlte. Sie hatte vor Hingenommensein alles vergessen ringsum. Es war wie ein Rausch über sie gekommen, Vergessenheit, Zeitlosigkeit, Glück, Steigerung des Lebensgefühls . . . noch niemals hatte sie so empfunden, es war ihr, als hätte sie ein Gottesgeschenk empfangen. Für keinen hatte sie gesungen, an keinen, an nichts sonst gedacht, auch nicht an Hertwig. Es sang aus ihr, eine Macht nahm sie mit sich fort, die ihr fast unheimlich schien, wie sie sie ganz in Besitz nahm. Sie gab sich ihr hin, ganz verwandelt . . . um erwacht wieder die andere Johanna zu sein, die vor sich fast erschrak, die beschämt war, sich verlegen die Haare aus der Stirn strich und nicht wußte, was sie sagen sollte, als ihr alle die Hände drückten und sie mit leisem und lautem Lob bestürmten, . . . nur Hertwig stand fern.

Resa-Rosa war eine der Lautesten, doch ihr Lob hatte etwas Nachlässiges, Gemachtes, das Kofler schmerzhaft empfand.

»Wundervoll, die Menschen so zu bezaubern, fanatisieren zu können. Von der Bühne herab eine Masse mit fortreißen, sich als Mittelpunkt fühlen! Herrlich muß dies Gefühl sein!«

»Sie vergessen, daß ich darauf nicht rechnen kann, ich tauge nicht dazu. Ich möchte es auch nicht.«

Resa-Rosa staunte: »Wieso? Wieso möchten Sie das nicht? Wenn man Ihre Stimme hat, denkt man doch an die Bühne, ausschließlich an die Bühne, an Triumph.«

»Ich nicht. Ich kenne nur ein inneres Muß, an eine Entzündung der Massen denke ich nicht, kann wenigstens niemals in erster Linie daran denken. Ich bin ja auch niemals mit mir zufrieden, ich kann ja noch gar nichts.«

Resa-Rosa sah die schmale, ihr jetzt fast hilflos scheinende und doch glühende Person fast neugierig an. Als sie mit Kofler weiter ging, kam ihr Johannas Eifer immer unverständlicher, ja komisch vor.

279 »Hast du Worte? Nein, eine solche Verstiegenheit hätte ich von der Kleinen am wenigsten erwartet. Ob das überhaupt ehrlich ist? Das kann ja nicht sein!«

»Ich bin überzeugt, daß Fräulein Welser so empfindet, Künstler empfinden meistens so!«

»Das ist absurd, das verstehe ich nicht, ich bin ja auch keine Künstlerin.«

»Das ist Ihnen nur fremd. In Johanna Welser ist etwas Unerlöstes, Sehnsüchtiges, es ist auch in Ihnen.«

»Ja, aber ich komme nicht heraus aus dem süßen Sumpfe, ich stecke zu tief drin, und ich brauche das Gift, das diese stolze, herbe Johanna so sehr gering achtet. Wir sind alle angesteckt, auch Exzellenz Mary« . . .

»Aber Resa-Rosa, Sie sollen doch nicht werden wie Johanna! Für Sie gehören Triumphe, Siege, gehört das Faszinieren der Menge« . . .

»Lassen wir das nur, Kofler. Wir kommen doch nicht zum Ziele, ich habe nicht die nötige Energie, mir graut vor fortgesetzter, systematischer Arbeit! Das sind schwer errungene Seligkeiten; ich fürchte, ich bin auf die billigen gestellt! Vielleicht, wenn ich Geld, viel Geld hätte« . . .

Resa-Rosa brach ab; sie wartete auf ein Wort von Kofler . . . Er liebte sie, aber ob sie jemals seine Frau werden würde? Tänzerin sollte sie werden, wohl zuerst und dann vielleicht Frau Bezirksamtmann, gewesene Tänzerin, die ihrem Eheliebsten allabendlich ein Privatissimum in der Tanzkunst gab? Er wollte die berühmte Tänzerin heiraten, die er berühmt gemacht, und sie dann in eine Schachtel stecken! Privateigentum! Aber das Wort, wenn er nur das Wort spräche! Oder hielt er es hier nicht für korrekt? Oder was war es sonst? Diese Johanna etwa? Er sprach ja beständig von dem großen Ernst, von der inneren Berufung . . .

280 Tränen des Zornes und der Enttäuschung traten in ihre Augen, sie fühlte sich zurückgesetzt, ja fast verschmäht. Sie, der alle zu Füßen gelegen hatten. Und alle hatte sie entzückt, wie sie war.

»Wissen Sie, etwas Mittelmäßiges könnte ich nie sein,« stieß sie trotzig heraus, »das ertrüge ich nicht. Hier bist du eine Königin, sagt Mama.«

Kofler und Resa-Rosa waren während des Sprechens von einem Zimmer ins andere gegangen, unbekümmert um die andern Gäste, die beieinander saßen, rauchten, tranken und sich unterhielten.

Beide wußten es nicht, daß sie immer wieder von einem Raum in den andern kamen, vom Speisezimmer in den Salon, wieder zurück ins Speisezimmer, in den Musiksaal, das Boudoir, die Bibliothek . . .

Das Mädchen, das im Speisezimmer mit dem Diener noch Silber ausräumte und sortierte und die feinen Gläser zurechtstellte, sah ihnen spöttisch nach, bis sie in dem kleinen Kabinett des höchsten Feldwebels verschwunden waren. Dort blieben sie stehen, Resa-Rosa mit dem Rücken gegen das Bücherregal, das die Lieblinge des Gouverneurs enthielt, Kofler dicht vor ihr. Das Zimmer war ganz still und von mattem Licht erfüllt. Von Zeit zu Zeit ratterte der Wind an den Läden.

Sie schwiegen beide, und Kofler schüttelte langsam den Kopf; es sah aus, als wehre er etwas von sich ab, als sei er mit etwas nicht einverstanden.

»Nein, schütteln Sie nicht den Kopf, ich fühl's zu deutlich, es langt nicht. Es ist alles ermüdet in mir und um mich . . . und nun noch diese Johanna dazu . . . und wenn ich auch wollte, es kommt mir jetzt wie ein Hintertreppenroman vor, Stella, der Stern der Garnison oder die Tänzerin! . . . Ich bleibe dieses Inferiore, das ich war, als Sie kamen, und das Ihnen so gefiel; 281 aber es macht mir keinen Spaß mehr. Ich war stolz und zufrieden und nun ist irgend etwas in mir zerbrochen.«

»Und daran bin ich schuld?«

Resa-Rosa sah ins Licht und sagte: »Ja!« Dann wurde sie leidenschaftlicher: »Sie glaubten natürlich, ich wollte Ihre Frau werden. Ja, Sie! Frau Assessor! Deshalb waren Sie vorsichtig, korrekt. Seien sie nur still! Wenn Sie's auch nicht eingestehen, Sie Lanzenbrecher für das Weib mit der Vergangenheit; das ›reine Weib‹ spukt doch bei Ihnen. Sie würden mir ja nie trauen, Sie würden niemals vergessen« . . .

»Schweigen Sie!« sagte Kofler und streckte seine Hand nach ihrer Hand aus . . . immer näher zog er sie an sich, und Resa-Rosa fühlte, wie seine Selbstbeherrschung schwand . . . . Nun riß er sie in seine Arme, und es war noch etwas von der zornigen Aufregung in ihm, als er ihr Gesicht in die Hände nahm und es küßte und wieder küßte, als er ihre Hände an seine Brust preßte, als er sie umschlang und wieder von sich hielt und betrachtete, und wieder mit geschlossenen Augen zu sich zog.

»Du,« sagte er, als Resa-Rosa reden wollte, »Du, schweig, sag heute nichts mehr, mir geht's wie Johanna, ich habe alles über Bord geworfen, ich weiß von nichts mehr, von gar nichts mehr.«

Er sah nur Resa-Rosas wundervolles Lächeln, ihre glühenden Lippen, er empfand nicht, daß sie seine Liebe nur duldete . . .

Als man im Nebenzimmer Schritte hörte, legte sie warnend den Finger auf den Mund, nickte ihm zu und war, ohne daß er ihr Lebewohl sagen konnte, mit der ihr eigenen Grazie geschmeidig durch die Tür, die in den Korridor führte, verschwunden. Da Resa-Rosa, wie immer nach den Abenden, im Gouvernement blieb, verstand er, daß sie jetzt nicht mehr zu den andern gehen wollte oder konnte, ihm ging es ebenso. Er suchte sich mit aller Gewalt zusammenzunehmen, als Vierling auf ihn 282 zutrat und ihn an die Heimkehr mahnte. Vierling bemerkte doch, daß des Assessors Stimme zitterte, und daß er flackernde Augen hatte, und er machte sich seinen Vers darauf.

Noch nie war ein Abend der »Freimaurer« im Gouvernement so bald zu Ende gegangen wie dieser. Es wollte keine Stimmung mehr aufkommen, es war seltsam, alles fiel auseinander: Zuerst eine gespannte, gewaltsam heitere Stimmung, die dann wieder ganz plötzlich umschlug und einer gedrückten Platz machte. Es war keine Fühlung zwischen ihnen, am meisten noch zwischen Lehrer Wasner, Vierling und Holischka, aber auch Holischka war unruhig. Koflers schlecht beherrschte Unruhe und Unsicherheit und Hertwigs Trübsinn steckten ihn an und verdüsterten auch ihn. Er war ein viel zu guter Freund, um nicht mitgerissen zu werden. Er hatte ja einiges gehört, was Hertwig Exzellenz erzählte: man hatte ihm zu Hause wegen Johanna Szenen gemacht, er hatte abscheuliche anonyme Briefe wegen ihr bekommen . . . Diese Natter, die Bergern! dachte Holischka. Im Streit hatte Hertwig seinem Vater verraten, was er sonst nie getan, – es war ja der Stolz seines Lebens, den Offizier zu sehen – daß er unglücklich sei in seinem Beruf, daß ihn das Leben und die Ansichten und die Luft zu Hause und in der kleinen Garnison erstickten, . . . und er liebte seinen Vater so sehr, und nun liebte er auch noch Johanna! Diese Johanna! Holischka kriegte einen ordentlichen Zorn auf sie. Mußte sie auch noch daher kommen und die Sache noch verwickelter, für Hertwig unleidlich, unhaltbar zu machen! Ihm war es unverständlich, wie man ein Wesen wie Johanna lieben konnte! Resa-Rosa . . . das verstand er . . . und Amélie, sprühendes, reizvolles oder sanftes hingebendes Wesen . . . so ließ auch er schließlich den Kopf mithängen und Wasner und Vierling ihre endlosen Gespräche über Kant und Schopenhauer führen. Sie konnten sich ja nie einigen. Wasner hatte aus Erregung 283 schon seinen ganzen Haarwald durchwühlt, daß er in einzelnen Büscheln nach rechts und links und nach hinten und vorne vom Kopf abstand, und Vierling sprang auf und setzte sich wieder, hüpfte auf seinen dünnen Beinchen herum und sagte zum hundertsten Male: »Aber erlauben Sie, aber lassen Sie mich doch auch reden, immer reden Sie . . . Sie verstehen mich ja gar nicht!« – Dabei redete fast immer er.

Der Gouverneur saß neben Johanna im Musikzimmer; eine Zeitlang hatte er versucht, sie lustig zu unterhalten, und sie war dankbar darauf eingegangen, aber dennoch immer stiller geworden. Wie er, schaute sie nach dem Salon, in dessen Ecke Hertwig mit finsterem Gesicht stand und zuhörte, was Exzellenz Mary eifrig auf ihn einsprach. Der Gouverneur witterte wie ein Jagdhund, er ließ die Augen nicht von seiner Frau, es war, als wolle er sie aus der Ferne mahnen, warnen, doch saß er unbeweglich da, fühlte nur, wie Johanna immer trauriger wurde, immer heimatloser . . .

Wie schnell war der Taumel, das Glück dieses Abends vergangen! Welche Sehnsucht blieb ihr, welche Trauer?

Hertwig hatte kein Wort mit ihr gesprochen. Sie faltete die Hände im Schoß, und, ohne daß sie es wußte, fiel Tropfen um Tropfen auf ihre Hände. Der Gouverneur sagte kein Wort, kaute nur zornig an seiner Zigarre. Endlich verabschiedete sich Hertwig, und als die andern um den Gouverneur und seine Frau standen, trat er zu Johanna. Seine Finger umschlossen die ihren so weich und zart und dabei so fest, als wolle er sie nie wieder lassen, und als er ihre Augen festhielt, war's um ihn geschehen.

»Johanna, du,« stammelte er, »hab mich lieb,« er konnte sonst nichts sagen, und sie strich ihm nur leise, fraulich und beschwichtigend, auch mit zitternden Händen, über die seine. Alles Schwere war verflogen, ein Strom von Glück überschüttete 284 sie, sie dachte an nichts sonst, nicht an die Zukunft, nicht an Sorgen und Kummer; nur das eine: »er liebt mich, nun ist alles gut.«

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