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Anna Croissant-Rust: Unkebunk - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleUnkebunk
authorAnna Croissant-Rust
year1921
firstpub1921
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleUnkebunk
pages398
created20131207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Johanna stand am Fenster des Eßzimmers im Gouvernement und sah über den Garten weg in das helle Licht. Es waren noch ein paar milde Herbsttage gekommen; die Luft war von einer Reinheit, wie sie der Sommer nicht kennt, der Himmel klar, nur ein paar dünne, weiße Schleier, die man mehr ahnte, als sah, schwammen tief und langsam dahin. Von weither, es mußte überm Rhein sein, kamen Glockentöne, ein Dampfer prustete, man hörte in der dünnen, stillen Luft die ratternde Bewegung der Schaufelräder; Johanna hörte sogar das Rauschen des Rheins . . . Des Rheins, den sie so sehr liebte in seiner herbstlichen Schwermut, wenn er an Nebeltagen breit zwischen den Reihen der Pappeln hinströmte, die langsam auftauchten und langsam in der Ferne wieder im Nebel verschwanden wie Schemen . . . Und wenn man lange auf der Brücke stand und in den sacht strömenden Fluß sah, war's, als wanderten die Bäume . . . immerzu . . .

234 Des Rheins, den sie so liebte, wenn die matte Sonne über den Strom hintastete und plötzlich, wie ein Scheinwerfer, die glühenden Büsche und den grellweißen Kies am Ufer beleuchtete . . .

Immer hatte sie diesen gesunden, kräftigen Teergeruch in der Nase, der war überall, da unten am Wasser, auf der Brücke im Hafen, bei der Baggermaschine . . .

Was war das alles so fremd für sie und wirkte so traurig und reizvoll zugleich! Diese breiten, gleitenden Wellen, die hohen, steilen Pappeln, die Dämme, auf denen endlose Güterzüge keuchend dahinkrochen, die feingegitterten Brücken, die sich förmlich über das Wasser schnellten, die großen Schlepper, die so unerwartet auftauchten und stolz wie eine Fregatte mit ihren Kähnen vorüberrauschten, die goldbunten Uferbüsche, die harten, gelben Blumen, die im Kies blühten, und am Himmel die zarte Linie des Odenwaldes sowie die putzigen Zacken der Pfälzer Berge, der Dom von Speyer, der so wunderlich, wie eine Gralsburg aus der Ebene aufragte . . .

Überhaupt die Ebene! Die Schwermut der Ebene, der Föhrenwälder! Die hatten nichts zu tun mit dieser kleinen Stadt, sie lehnten sie ab. Sie lebten ihr Leben, das fernab lag vom Leben dieser nüchternen Menschen mit den halben Seelen, dieser braven, rührigen, emsigen, kühlen, schlauen Menschen, die in den rot und weißen, grau und weißen, weißen und roten, weißen und grauen Häusern wohnten. Sie hatten nichts zu tun mit der einförmigen Geschäftigkeit und Öde der Kleinstadt, sie waren wie ein Traum, der über der Nüchternheit der kleinen Stadt schwebte, ein Traum, den diese zurückwies, den sie leugnete, weil sie nichts damit anzufangen wußte.

Wie lachte Exzellenz Mary, daß Johanna sich für den Rhein und die pappelumsäumte Ebene erwärmen konnte, und daß sie unter der Nüchternheit und der Verständnislosigkeit der emsigen Geldmenschlein ringsum litt.

235 »Man muß die Überfeinerung nicht zu weit treiben. Man leidet doch nicht unter dergleichen! Man amüsiert sich, man schimpft darüber, aber im Grunde fühlt man sich doch turmhoch darüberstehend. Das ist doch auch ein Gefühl! Sie sind ja zehnmal mehr und zehnmal besser als diese Landeseingeborenen, wenn sie auch meinen, sie hätten alles, was in der Umgegend irgend »geschmackvoll« ist, selbst gemacht! Man muß die Dinge mit Überlegenheit nehmen, auf das, was einem nicht paßt, husten. Ich huste ja auch darauf und zwar viel merkbarer, als ich in meiner Stellung eigentlich dürfte. Meinen Mann empört das, wie Sie gewiß schon gemerkt haben; er sagt, ich wolle die guten – die rührigen und spekulativen meint er – Eigenschaften der Rasse nicht einsehen. Mag sein, ich will auch nicht. Wozu? Ich gedenke nicht hier am Platze abzusterben.«

Das hoffte Johanna auch. Aber zu Zeiten litt sie furchtbar unter der Interesselosigkeit ringsum und verzehrte sich vor Sehnsucht nach einem Ausweg, ihr Ziel erreichen zu können.

Im Anfang war das neue Leben ihr wie eine Erlösung erschienen. War sie doch der Roheit und den fortwährenden Vorwürfen entronnen, unter fein gebildeten, anregenden und lieben Menschen, lebte sie doch wie eine große Dame in den weiten Zimmern mit den Flügeltüren, den glänzend gebohnten Böden und den riesigen Fenstern, die so tief heruntergingen, daß man die bunten Herbstbäume und Sträucher draußen förmlich bei sich im Zimmer hatte. So groß und frei war alles, Johanna hätte fliegen mögen, so leicht war ihr zu Mut, so froh fühlte sie sich in ihrer neuen Umgebung.

Der kluge, ironische, offene, alte Soldat, und die kapriziöse, hochbegabte Frau, die gebildetste Frau, die sie je kennen gelernt, deren Überlegenheit und Zielbewußtsein, deren Energie und Talent sie bewundern mußte, wenn sie es manchmal auch nur widerwillig tat. Sie hätte kein junges Mädchen sein müssen, 236 um nicht für sie zu schwärmen. Johanna schwärmte freilich in ihrer Art, ohne rechte Fähigkeit, die Schwärmerei nach außen offenbaren zu können, und immerhin mit einer gewissen Kritik. Nach und nach fühlte sie sogar deutlich, wie kühl, ja kalt die Amerikanerin – »Amerkonerin« sagten sie im Nest – sein konnte, wie nüchtern zu Zeiten, wohl auch herrisch und launisch. Doch was tat das alles, ihre glänzenden Eigenschaften dagegen gehalten!

Johanna sah ja auch Hertwigs Fehler, sah sie vielleicht deutlicher als die anderer und liebte ihn nur desto mehr.

Alles, was sie an Stärke, Leidenschaftlichkeit und Mütterlichkeit besaß, drängte zu ihm, ihm Wärme und Sicherheit zu geben, und alles, was sie an Schwankendem, Weichem und Trostbedürftigem hatte, wollte unter seinen Schutz fliehen. Sie hatte so viel Sehnsucht zu verbergen, so viele Liebe zu verstecken, denn er erschien ihr hier ganz anders als in München, vergrübelt, hingenommen von anderen Dingen, die er ihr nicht offenbarte oder offenbaren konnte. Es war, als ginge er immer weiter weg von ihr. Das lastete auf ihr, denn so gewiß sie vordem an seine Liebe glaubte, so sehr kamen ihr jetzt die Zweifel, ob es nicht nur Freundschaft sei, oder ob er sie nicht hier losgelöst von allem anders sah, und empfand, daß er sich nicht binden dürfe. Vielleicht liebte er auch eine andere: Ein Gedanke kam und ging: Exzellenz Mary! . . .

Binden? Der junge Offizier und sie, das vermögenslose Mädchen, das nicht einmal wußte, wie es das Geld zum Studium aufbringen sollte! Es wäre ja beinahe Wahnsinn gewesen, wenn er sich an sie band! Und trotzdem empfand sie seine Zurückhaltung nicht nur schmerzhaft, sondern manchmal fast als Beleidigung. Wenn er sie liebte, sollte er sprechen, sie wollte nicht geheiratet sein, sie war kein Anhängsel, sie dachte nicht an die Versorgung.

237 Wie Johanna so in Gedanken versunken am Fenster stand, trat Exzellenz Mary hastig ein. Sie hatte Tage, wo eine nervöse Unrast in ihr lebte, eine wortreiche Unruhe, die sie auch heftig und streitsüchtig werden ließ, und Johanna glaubte bemerkt zu haben, daß gerade an so milden, trügerischen Tagen das Gemessene und Sichere, das das Grundwesen dieser freilich kapriziösen Frau ausmachte, sich zu dieser Aufgeregtheit verzerrte.

»Was tun junge Mädchen, wenn sie am Fenster stehen?« sagte sie in lauterem Tone als sonst. »Sie träumen von dem Geliebten, oder von der Hochzeit! Täusche ich mich? Sehen Sie traurig aus? Es ist also nichts mit der Hochzeit! Nehmen Sie doch Major Vierling, er scheint ja ganz in love! Diese Versorgung! Greifen Sie doch zu, er ist doch ein reizendes und wertvolles Exemplar der Landeseingeborenen, ein famoser, gescheiter Mensch, etwas nüchtern zwar, aber dafür entzückend spöttisch. Sämtliche junge Damen und Dämchen, Frauenzimmerchen, Weiblein und Dirnchen hier lecken sich die Finger nach Vierling. Diese Partie! Ich glaube, wenn Resa-Rosa noch ein paar Jahre älter wird und ihren Kofler in dieser Zeit noch nicht zu einer nicht mißzuverstehenden Liebeserklärung hat zwingen können, nimmt sie auch noch den Vierling, wenn er will. Force majeur oder in diesem Falle force ›majór‹ wird freilich dann die Mama sein, diese Dame, die so herrlich in ein maison de tolérance allerersten Ranges gepaßt hätte. Das verstehen Sie nicht? Oh, Sie kleine Provinzlerin! Ich glaube, Resa-Rosa würde das sofort verstehen und sogar Nelly. Nein, diese Nelly! Daß so etwas hier gedeihen kann! Diese Nelly ist mir eine direkte Erholung. Als Koflers Schwägerin ist sie freilich undenkbar, denn er ist im Grunde ein verstiegener Bourgeois, und Ihr Hertwig läßt sich zu viel von ihm imponieren! Ach, nun werden Sie rot, weil ich Ihr Hertwig gesagt habe! Bei Kofler kommt's doch meist von außen, Hertwig dagegen 238 tut alles aus innerem Muß, so wie Sie singen müssen und ich malen . . . und ja, so wie Ihr Hertwig aus der Uniform heraus muß. Erschrecken Sie doch nicht, daß ich das so offen ausspreche; er ist einmal kein Soldat, und wann er den wattierten Rock auszieht, ob früher oder später, ist doch gleich. Sehen Sie das nicht? In ihm ist der Trieb, sich zu befreien, mächtig, die Sehnsucht. Kofler ist der schöngeistige Assessor und wird der schöngeistige Bezirksamtmann werden und so weiter, die ganze Leiter, bis das Schöngeistige immer zahmer werden muß von Positionswegen. Jetzt ›glüht‹ er vor literarischem und künstlerischem Ehrgeiz, das überschätzt Hertwig. Außerdem ist er eine glänzende Partie, das fesselt Resa-Rosa, die sich gar nicht gern eine geniale Veranlagung aufbinden läßt. Es genügte ihr, Frau Bezirksamtmann zu sein.«

»Exzellenz!«

»Närrchen, was schadet es Ihnen denn, sehen zu lernen? Man muß hie und da eine Blendlaterne nehmen und ein bißchen unter die Gesellschaft hineinleuchten. Es ist mein größtes Vergnügen hier. Mein Mann will mir auch das nicht gönnen, vielleicht weil er sich auf ähnliche Weise schadlos hält und merkt, daß ich ihm über bin. Bei mir natürlich findet er es zynisch, und besonders zynisch in letzter Zeit, weil er meint, daß ich dadurch korrumpierend auf Sie wirke! Tue ich das? Sie sind doch nicht das langweilige deutsche Gretchen, das sogar schon in kleinen Städten als nicht ganz brauchbares Requisit in die Rumpelkammer gestellt wird, das aber doch die Männer, wenn auch verleugnet, als Ideal im Busen tragen?«

»Das wollen wir aber nicht hoffen, Exzellenz!«

»Vierling nicht und Ihr Hertwig auch nicht, aber mein Mann ganz sicher! Ihm wär's lieber, eine ›hingebende‹ Frau mit sieben Kindern um sich zu haben, die liebliches Echo und eitel Bewunderung wäre, als mich, die ich eigenes Wesen, eigene Wünsche, 239 ein eigenes Ziel habe. Aber so sind die Herren der Schöpfung. Gerade das hat ihn gereizt, das Wesen, das anders war, als die andern Frauenswesen. Aber man soll trotzdem auch wieder ›anders‹ sein, obwohl das ein Teig ist, der sich nicht mischt. Bescheiden in ihren Wünschen sind die Männer nicht und ganz erstaunt, wenn nicht erbost, daß man nicht alle Eigenschaften in sich vereint, die sie, als zu ihrer Frau gehörig, sich zurechtgelegt haben, und die sie natürlich verdienen: Weib, Gattin, Freund, Geliebte, Haushälterin, Anregerin, Vertreiberin der Launen . . . Sie dürfen natürlich nur die Eheherrn sein, mit dieser Funktion und diesem Beruf sind sie in schönen Mußestunden vollauf beschäftigt, und die Auserwählten können dankbar sein. Die Konflikte, Ehekonflikte, kommen alle nur daher, daß die Weibchen aufmucken und auch ihrerseits Anforderungen stellen. Sie schütteln den Kopf? Ich bin keine Emanzipierte! Ja, natürlich Hertwig, der liebe Junge, wird nicht so sein! Niemals so werden! So denken Sie! Nun, ein bequemer und einfacher Gatte wird er nicht, und Sie werden schon zu strampeln haben, um sich ganz zu behaupten. Ziehen Sie nur keine Falten, weil er noch nicht Ihr Hertwig, Ihr Ernst ist! Das kommt so sicher, wie es kommen wird, daß er eines Tages eifersüchtig auf Ihre Kunst, auf Ihre Persönlichkeit sein wird. Sie glauben das nicht? Wenn auch Jahre dahingehen, Sie werden es vergessen, aber es wird einmal kommen, und dann denken Sie an mich. Man muß sich nur kein X für ein U vormachen. Das tut die Jugend ja gerne, das sind die berühmten Illusionen. ›Unkebunk‹! Sie sind zu viel Persönlichkeit, es werden Konflikte für Sie kommen müssen, daß es nur so krachen wird an allen Ecken und Enden.«

Exzellenz Mary hielt die Hände auf dem Rücken verschränkt und sah in den herbstlichen Garten hinab, immer vor sich hinredend, sich freiredend.

240 Über Johanna war wieder das eigentümlich zwiespältige Gefühl gekommen, das sie dieser Frau gegenüber so oft empfand . . . Vertrauen . . . Mißtrauen, Haß, Liebe, Vorwärtsdrängen und Zurückweichen . . . Es war, wie wenn eine Hand ihr Ruck für Ruck das Gewand herunterrisse und den Körper nackt zeige, eine Hand, die gern an Wunden tippte, ja daran riß, wenn es ihr richtig dünkte, und die doch wieder streicheln konnte, die die Peitsche der Eitelkeit gebrauchte, um das Selbstbewußtsein zu nähren. Aber die junge Johanna, die eben jetzt in Zweifeln, in noch nicht verklungenen Schmerzen, in Sehnen stand, hätte einer andern Hand bedurft, einer weichen, schonenden. Verstehen hätte sie gebraucht, nicht diese harten Warnungen, Illusion, nicht Desillusionismus.

Sie starrte auf den sonnigen Garten, dachte daran, was Exzellenz Mary noch weiter gesprochen, und es war Heimweh und Heimatlosigkeit in ihr.

»Ihr zwei Waisenkinder, wann findet ihr Euch denn zusammen, he? Ihr habt die Steine schlecht geworfen, wie Hänsel und Gretel, und findet Euern Weg nicht. Man muß ihn Euch zeigen. . . . Noch eins! Wir wollen nächstens eine kleine Gesellschaft geben, Ihre erste Gesellschaft! Lauter Intime, Holischka rutscht so mit herein. Bei ihm ist's auch ähnlich wie bei Euch! Wann wird er einig mit seinem Betzerl werden? Oh, Ihr Deutschen! Menschen der Gründlichkeit, der Langsamkeit, Menschen des viel zu vielen Erwägens! Wann lernt Ihr blitzartig das Notwendige erkennen und erfassen? Ihr Frauen, besonders Ihr aus den kleinen Städten, denkt doch stets als Endziel nur den Heißgeliebten in der Ehe zu besitzen, und trotzdem dauert's so lange! Und ist das bißchen Glück eines solchen Aufwandes an Aufopferung, Hingabe und Geduld wert?« . . .

»Wir haben eben Ideale,« erwiderte Johanna lachend; sie war nicht gewandt genug, das auszudrücken, was sie empfand.

241 »Ideale? Unkebunk?! Nicht? Sehnsucht, Träume, Schönheit. Nur nicht die Tat, nur nicht das Ziel, das Notwendige, das Notwendigste! Ja, Johanna, reißen Sie Ihre großen Augen nur auf! Sie werden mich schon noch öfter so sprechen hören. Jetzt spricht nicht der Dichter, ›the poet speaks‹, wie bei Schumann, sondern die Amerikanerin spricht, und die soll Ihnen gesund sein. Eine Dosis Nüchternheit ist durchaus notwendig für Sie, wollen Sie nicht zu viel das deutsche Mädchen bleiben: ›Er, der Herrlichste von allen.‹ Hoher Himmel, es gibt andere Dinge, die viel wichtiger sind! Wenn man eine solche Stimme hat! Aufrütteln und schütteln möchte man Sie! Mich ergreift oft eine Wut . . . Längst wäre ich an Ihrer Stelle über alle Berge! . . . Seien Sie jetzt doch nicht niedergeschlagen, Sie kleines Mädchen! Ich meine doch nicht, daß Sie Ihren Hertwig lassen und einzig der Kunst an den Busen sinken sollen. Die Leidenschaft will ich nicht ausschließen, nur Hertwig allein . . . nein! Sie sind noch so jung, ›so rein, so schön, so hold‹, oder ähnlich sagt der Jude Heine, wenn er deutsch tun will. Es ist aber gar nichts von dem modernen Mädchen in Ihnen. Sie sind rührend altmodisch! Deshalb brauchen Sie jetzt nicht empört zu sein, das ist kein Spott. Ich empfinde manchmal fast etwas wie Rührung. Nur weit kommen in der Welt werden Sie nicht mit dieser Lauterkeit und diesem keuschen Stolz. Das sind Ladenhüter, wenn auch für den Kenner von entzückendem Charme. Resa-Rosa – Sie werden sie bei unserer kleinen Gesellschaft näher kennen lernen – ist das moderne Mädchen, allerdings nicht ganz, etwas Übergangsstadium; sie hätte das Zeug dazu, Bagatellen als Bagatellen zu nehmen, nun verschafft ihr dieser Kofler ein Gewissen« . . .

»Ich dachte, gerade Kofler wäre der Mensch, der etwas aus Resa-Rosa herausholen könnte. Exzellenz meinten ja auch« . . .

»Daß er in diesem Krähwinkel beachtenswert ist, weiter nichts. 242 Er ist ein Gentleman, weiß viel, ist gebildet, aber es sind recht zahlreiche unverdaute Dinge in ihm, die er wichtig propagiert.«

»Exzellenz meinen den Tanz, dem er eine große Zukunft prophezeit? Er beschäftigt sich viel damit und glaubt in mir ein eindrucksfähiges Objekt zu finden, weil ich musikalisch bin oder wie mein Onkel, der Krämer sagt, musiknärrisch.«

»Ja! Und Sie?«

»Ich finde keine Brücke zu ihm, zu den Ideen, die ihm vorschweben. Ich bin zu sehr erfüllt von dem, was ich als Ziel vor mir sehe; anderes hat nicht Raum, ich kann mich nicht an anderes verlieren.«

»Sie können das nicht, für andere wäre es vielleicht eine Bereicherung, ein Weg der Erweiterung und wieder zurück zu sich, aber das hat jeder mit sich und mit seiner Veranlagung abzumachen. . . . Also der Herr Bezirksamtsassessor hat das süße und narkotische Gift der Betörung durch den Tanz auch in Ihre reine und stille Seele tragen wollen? . . . Aufruhr! Revolution! . . . Es muß ein latenter Tanzmeister in ihm stecken! Nächstens wird er höchst eigenfüßig in Pirouetten über den wunderherrlichen ›Paradenplatz‹, wie man hier sagt, hüpfen, die durch hervorragende Schönheit ausgezeichneten, phantastischen Akazienbäume umtanzen, ach nein, das stimmt nicht, er will ja anderes« . . .

»Warum sind Sie so bitter gegen Kofler?«

»So ungerecht, meinen Sie? Er ärgert mich. Zuweilen sehe ich seine Eigenschaften sogar in bengalischer Beleuchtung; dann widerstrebe ich, weil sie sich alle so an ihn hängen, weil er plötzlich eine Rolle spielt, für Holischka, für Hertwig, für Resa-Rosa, sogar für Sie.«

Johanna war einen Augenblick verwirrt, weil sie sich die Zusammenhänge nicht klar machen konnte. Es blieb ihr ein unbehagliches Gefühl, ein Gefühl der Unsicherheit der Amerikanerin 243 gegenüber, die nun, als wollte sie alles verwischen, was sie gesagt, gedacht, und geoffenbart hatte, plötzlich aufstand, in den Lackschuh schlüpfte, den sie die ganze Zeit auf dem großen Zehen gewippt hatte, und laut lachend ausrief, daß man ihre wundervoll festen und weißen Zähne sah: »Wir wollen aber jetzt wirklich Musik machen, Johanna. Das eben war ein Seelenkauderwelsch; kommen Sie, wir spielen für uns und nicht für Herrn ›Bezirksamtmann‹, für den soll nur Resa-Rosa spielen!«

Johanna war durchaus nicht in der Stimmung zu musizieren. Alles, was Exzellenz Mary gesagt, und wie sie sich gegeben hatte, rumorte in ihr und brachte sie aus dem Gleichgewicht; sie hätte jetzt Zeit haben müssen, sich alles zurecht zu legen, zu überlegen. Aber da war Exzellenz wie ein Zauberkünstler, ehe man sich's versah, eine andere und erstaunt, daß man von der Vorhergehenden sprach, die sie kaum gekannt, die nur flüchtig da war . . . für sie und darum auch für die andern nur flüchtig da sein sollte. Es hatte schon oft deshalb Szenen gegeben, bei Tisch, am Abend, wenn sie ihre Meinungen, Aussprüche und Ansichten plötzlich energisch verleugnete, ja die andern, die zäh daran festhielten mit einem beleidigenden und vorwurfsvollen, wortlosen Hochmut von oben herab behandelte, oder gar vom Tisch aufstand und ihr Zimmer suchte. Das nannte sie: »Die Launen meines Mannes«. Johanna hatte das im Anfang nicht verstehen können. Diese Sicherheit! Diese hochmutsvolle Überlegenheit! Aber nun wußte sie, daß es eine Waffe war, die Taktik, alles durcheinander zu werfen, zu verwischen, zu verblüffen und sogar zu Zeiten herzhaft über sich und ihre Art zu lachen.

Johannas gerade Natur gewöhnte sich schwer an diese Eigenschaft; sie mußte sich stets wieder aufs neue zurechtfinden. Der Gatte behandelte diese Art seiner Frau mit einer gewissen spöttischen und trockenen Überlegenheit, wenn er sie nicht ganz 244 übersah. Johanna merkte aber wohl heraus, daß er trotzdem sehr empfindlich dagegen schien, nur daß er mit der Zeit eingesehen hatte, daß es unmöglich war, sie anders zu machen; er war gewiß auch stumpf geworden und eines unnötigen Kampfes müde.

»Also Pucelle (so nannte sie sonst gewöhnlich der Gouverneur, Dame von Domremy, Pucellchen oder Johanna von Orleans), an die Gewehre!« rief Frau Mary und lief mit großen, eiligen und gewandten Schritten Johanna voran in den Musiksaal, wo sie sofort den Flügel aufschlug und in rasendem Tempo zu spielen anfing: »Über'n Garten, durch die Lüfte«, plötzlich abbrach und ausrief:

»Nein, das ist zu, zu altmodisch, ich kann nicht! Reichen Sie mir Hugo Wolf, den neuen Stern. Sie schweigen? Sind Sie gekränkt? Weshalb denn? Etwa« . . .

Sie vollendete den Satz nicht, sondern fing mit zusammengezogenen Brauen an, langsam die Melodie von Hugo Wolfs: »Auf ein altes Bild«, zu spielen. Jedoch Johanna konnte sich jetzt nicht in die stille, traumhaft herbe und traurige Stimmung des Liedes versetzen. Sie hätte keinen Ton herausbringen können, der Hals war ihr wie zugeschnürt; sie fühlte auf einmal einen heftigen Widerstand in sich, den sie sich nicht zum Ausdruck zu bringen getraute, und als sie die Spielerin mit einer verwunderten, bestimmten Kopfbewegung zum Einsatz aufforderte, hielt sie die Augen auf die Noten gerichtet und schwieg. Ihre Hand, eine nicht kleine, sehr energische Hand mit langen, schmalen, muskulösen Fingern, die auf der Stuhllehne lag, bebte in Widerspruch . . . und plötzlich, ohne daß ein Wort gefallen war, stand Exzellenz Mary auf, schloß ziemlich geräuschvoll den Deckel des Flügels und verließ das Musikzimmer.

Johanna zog die Schultern ein, sie fröstelte in dem großen Nordzimmer, ein Gefühl der Mutlosigkeit überkam sie. Sie hatte natürlich wieder einmal keine Selbstbeherrschung gehabt, 245 geträumt, an »Unkebunk« gebaut, oder . . . sie war passiv resistent gewesen, sie war eigenwillig, undankbar . . . das waren Exzellenz Marys Gedanken . . . Johanna strich sich, wie um etwas Quälendes wegzuwischen, fortwährend mit der Hand über Stirn und Haar, eine Bewegung, die ihr die letzten Jahre gegeben, und stieg langsam, fast schleppend die breite Treppe hinab, deren niedere Stufen sie sonst geärgert hatten, Stufen für träge Menschen! Heute paßte es ihr, sich förmlich von einer Stufe auf die andere gleiten zu lassen, unbewußt paßte es zu ihrem zaudernden, aufgelösten Wesen. Sie ging dem matten Sonnenstreifen nach, der durch das Oberlicht des Tores fiel. Trat man durch dieses Tor, so gelangte man an den Dienerschaftsräumen vorbei nach der kleinen Gartenpforte in der dicken, weißen Mauer. Es war ein niederer, ganz verborgener Eingang zu dem großen, parkähnlichen Garten mit seinen Weinlauben und Gängen, seinen alten Akazien- und Lindenbäumen. Den eigentlichen Eingang, das große Gittertor zwischen den Mauersäulen von Kugeln gekrönt, benützte Johanna fast nie.

Der herbstliche, große, stille Garten hatte es ihr angetan; alles trug sie da hinunter, ihre Unruhe, ihre Heimatlosigkeit, ihre Ratlosigkeit, ihre Träume. . . . Auf und ab wanderte sie in den dick mit Laub bedeckten Wegen. Exzellenz Mary duldete nicht, daß das Laub entfernt werde, so sehr ihr Gemahl auch wetterte und den Garten mied. Die Steintische, die Rasenplätze, die wenigen Gartenmöbel, die noch standen, waren mit einer hohen Laubschicht bedeckt, und lautlos segelten immer wieder neue Blätter, braune, gelbe, rote, bronzefarbene, in der Luft herum und legten sich lautlos nieder. Das Bassin des Springbrunnens war mit einer dichten Schicht welker Blätter angefüllt, und die Nymphe, die mit einer Amphora dort stand, hatte in ihrem gebogenen Arm, in dem sie das Gefäß hielt, ein hohes Häuflein bunten Laubes. Es war still dort. Von der Straße und 246 dem Paradeplatz war der Garten durch das hohe Gouvernementsgebäude getrennt; an den einen großen Garten stießen weitläufige Nachbargärten, auch mit alten, schönen Bäumen, dann senkte sich das Terrain; drunten gurgelte der vom roten Sandstein der Pfälzer Berge rote Bach, »die Bach,« drüben am andern Ufer stieg eine Böschung zur toten, verbotenen Wallstraße an, mit dem hohen Wall und seinen breiten Bäumen, man war wie verzaubert, wie verloren in Stille. Während Johanna mit ihren kleinen Schuhen, das Laub ein bißchen aufwerfend, weiter watete, wurde es ganz zeitlos um sie. Stadt, Jahreszeit und Menschen versanken oder standen nur verschwommen vor ihr; es blieb ihr eine trübe Trauer und unter der Trauer ein wehes Gefühl, das jeden Augenblick aufwachen konnte, das sie aber mit aller Vorsicht niederhielt. Lieber in diesem gepreßten, vorsichtigen, halb blöden Zustand mechanisch weiter schreiten, immer durch die laubbedeckten Wege, in den hohen Gängen der Weinlauben, zeit- und weltentrückt, als dies lauernde Gefühl hochkommen lassen, das bereit war, sich über sie herzustürzen. Die neuen Verhältnisse, die vielen neuen Menschen, ihr Verhältnis zu Hertwig verwirrten sie jetzt. Nur eines wußte sie, wußte auch Exzellenz Mary genau, ihres Bleibens war hier nicht für lange, es war wieder einmal eine Zwischenstation. Sie mußte weg von hier, sie durfte ihr Ziel nicht aus dem Auge verlieren, sie wollte es nicht, selbst wenn sie Hertwig verlor. Sie hielt einen Augenblick schmerzhaft inne, ihre Augen, die eine kühle Härte angenommen hatten, schlossen sich, Tränen der Mutlosigkeit, der Verzweiflung und des Trotzes kamen zwischen den Lidern vor, und »nein!« sagte sie laut vor sich hin.

Ja, sie war jung, und ihr Herz begehrte nach Liebe, nach Wärme, nach Verständnis, nach Ruhe, nach einer Heimat. Und doch war wieder dieses ruhelose Treiben und Drängen in ihr nach ihrer Kunst, das so übermächtig werden konnte, daß 247 alles versank und sie keinen Ausweg fand. Auch Hertwig stand dieser Sehnsucht, die sie verzehrte, diesem Drange verständnislos gegenüber, er kam ein bißchen über die Schwelle, guckte sich um, fand alles ganz hübsch und damit war's fertig. Konnte er je verstehen, was ihre Kunst für sie war, und konnte er ihr helfen? Sie schüttelte langsam, ungläubig den Kopf.

Und während sie so halb in ihren Gedanken erstarrt, immer noch mechanisch das Laub auf den Wegen aufwühlte, erschrak sie; es war ihr, als habe die kleine Pforte des Gartens geknarrt, als raschle das Laub. Sie beugte sich vor und schaute zu dem Laubgang hinaus, in dem sie unschlüssig stehen geblieben war, Hertwig entgegen, der suchend den Pfad nach dem Bassin verfolgte. Er hielt einen kleinen Strauß Veilchen in der Hand und sah außerordentlich blaß aus, innerlich erregt.

»Ernst!« rief Johanna. Da kam er schon auf sie zu und war mit ein paar Schritten neben ihr; seine guten, braunen Augen drückten alles aus, was er ihr nicht sagen konnte. Er gab ihr die Veilchen und behielt einen Augenblick ihre Hände; er versuchte sie zart und scheu an sich zu ziehen . . . Da war es Johanna, – wie eine Vision war's – als sähe sie das spöttische Gesicht der Gouverneurin vor sich, als beobachte sie von oben mit Genugtuung die »zarte Schäferszene«; sie glaubte ihr hartes Lachen, ihre harten Worte zu hören: »er, der Herrlichste von allen« . . . Eine Sehnsucht war in ihr, sich an des Geliebten Brust zu legen und ihm alles zu offenbaren, aber auch zugleich eine Scheu und ein Zurückweichen, die sie hart scheinen ließen. Sie streckte die Hand abwehrend aus, kein Wort fiel, keine Erklärung . . . Hertwig stutzte einen Augenblick, ein harter, böser Ausdruck kam in sein Gesicht, den Johanna nie an ihm gesehen, und der sie so tief erschreckte, daß sie vor ihm zurückwich. Er wurde ganz kalt, versuchte zu reden, verließ sie aber dann rasch, ohne Abschied.

248 Als Johanna müde über den Korridor in ihr Zimmer gehen wollte, hörte sie rufen. Exzellenz Mary war's.

»Wo ist denn Hertwig? Er war doch im Garten? Wollte er eigentlich Sie besuchen oder mich? Er hätte zum mindesten den Versuch machen müssen, mich zu sehen.«

»Daran bin ich schuld, Exzellenz. Wir« . . .

»Ach Gott! Eine Szene? Sie sehen ganz danach aus. Und die armen Veilchen! Seid Ihr denn noch nicht einig, Ihr Kindlein? Ich muß Euch wohl einmal lange Zeit allein lassen? Das wird aber Hertwig als Offizier nicht passend finden, meinem Mann, mir, meinem Zimmermädchen, dem Diener, ich weiß nicht, wem noch gegenüber. Da seid Ihr Verstand und Erwägung, und gerade da wäre ich anders. Darin kenne ich weder Rücksicht noch Pflicht, nur mich und ein »Muß«. Aber es scheint, Euch gefällt dieser halbe, sehnsüchtige Zustand, das ist wohl auch ›Unkebunk‹? Ich verstehe Euch nicht!«

»Sie verstehen uns schon, Exzellenz, Sie finden uns alle nur ein wenig lächerlich, und wenn Sie auch verstehen, sind Sie nicht immer gerecht.«

Exzellenz Mary wurde nervös: »Nicht ganz gerecht! Sagen Sie doch schlankweg: ungerecht! Ich kann das ertragen, im Gegenteil, ich liebe solche Aufrichtigkeiten! Sie lassen mich ja Ihr Urteil nie wissen! Mut, Mut, Johanna, ich beiße nicht!«

»Exzellenz!«

»Sagen Sie doch nicht immer Exzellenz! Diese wahnsinnige Titelsucht! Das ist auch wieder eine spezifisch deutsche Eigenschaft. Warum können Sie nicht Frau Mary oder, wenn es sein muß, Exzellenz Mary sagen?«

»Und wenn ich das ohne Erlaubnis getan hätte?«

Exzellenz Mary hob das Kinn, ihre Nüstern weiteten sich, sie sah ganz kalt, ganz abweisend aus: Well!, dann hätte ich 249 es bestimmt als Arroganz ausgelegt. So, und nun wünsche ich, daß Sie mit mir musizieren.«

Sie ging Johanna voran in den Musiksaal, stellte ein Heft auf den Notenständer, mit einer Bestimmtheit, als dulde sie jetzt keinen Widerspruch, gerade jetzt nicht, wo sie den Widerstand und die Empörung der stillen, erblaßten Johanna so deutlich fühlte. Ein Gefühl der Feindschaft stand auf zwischen den beiden Frauen, ein Messen, ein kalter Triumph stieg in die Augen der Älteren . . .

»Sie finden es wohl Ihrerseits arrogant, daß ich Sie ohne weiteres von Anfang an Johanna nannte und nicht Fräulein Johanna? Sie schütteln den Kopf. Genau wie mein Mann sind Sie. Sie reizen durch Ihre stille Opposition, und wenn man laut und deutlich darauf reagiert, ist das Unglück geschehen, man hat Ihnen weh getan. Mein Mann nennt seinen Widerstand Noblesse und Sie: Hilflosigkeit. Sie finden, ich mißbrauche das. Wüßten Sie nur, wie es mich manchmal in allen Fingerspitzen prickelt! Widersprochen will ich haben, mich mit jemand herumraufen will ich . . . Vierling ist ja der Einzige und die alte Bergern, denen imponiere ich nicht ein bißchen . . . Die andern sind alle eitel Zustimmung und Untertänigkeit, wenn ich etwas äußere; nur die Bergern, dies gelungene Weib, sagt mir: ›Ach, schwätze Se doch nit so was Dummes!‹ oder: ›Wann Se norre nit gar so gescheit wären.‹ Das ist doch wenigstens ein menschlicher Ton! Wenn die Leute sich nur geben würden, wie sie sind! Sie sind auch so eine Heimliche! Alles verschließen Sie vor mir . . . und das empört mich, macht mich ungerecht, grausam . . . und einmal muß das heraus: Sitzen Sie nur einmal ein paar Jahre hier! Ich schwöre Ihnen« . . .

»Was schwörst du wieder einmal, Mary? Glauben Sie nur nichts, Johanna, wenn meine Frau schwört!«

Der Gouverneur reichte Johanna die Hand und wollte seinen 250 Arm um die Schulter seiner Frau legen, aber sie entzog sich ihm; es sah aus, als schüttle sie ihn ab.

»Du wirst schon einmal glauben, was ich schwöre, wenn es zu spät ist!«

»To late! Also ungnädig jetzt! Du warst doch bei Tisch noch guter Laune. Was wirst du erst sagen, wenn ich dich bitte, unser kleines Abendessen schon in der allernächsten Zeit zu geben? Ich sprach schon mit Kofler davon – wir müssen ihn doch einmal bitten – und mit Hertwig vorhin, er war wohl hier?« . . .

»Es bedarf doch nicht so vieler Umschweife. Ob du mit Kofler und Hertwig gesprochen, ist mir gleich; setzen wir nächsten Mittwoch fest, wir wollen gleich die Einladungenschreiben . . . Sie helfen mir später, nicht, Johanna? Ich habe keine Lust mehr zur Musik. Es ist auch kühl hier. Gehen wir doch in mein Zimmer. Ja so! . . . Hertwig war nicht hier, wenigstens nicht hier oben, er war mit Fräulein Welser im Garten.«

»Oh!« Der Gouverneur drohte Johanna überrascht mit dem Finger. Sie ärgerte sich, daß sie rot wurde und schüttelte nur in einem merkwürdigen Gemisch zurückgedrängter Erregung und einer unklaren Empörung, die aber nicht dem Gouverneur galt, den Kopf, ehe sie das Zimmer verließ.

»Also da stehe ich wieder allein, nun habe ich zwei Gegnerinnen anstatt einer,« sagte er scherzend, »das heißt doch, Ihr braucht mich nicht! Wir müssen aber doch die Namen der Einzuladenden feststellen.«

»So komm doch eben mit herüber und sprich nicht so lange.« Exzellenz Marys Stimme hatte genau denselben Klang, den sie vorhin gehabt, als sie Johanna zu sich gerufen, ebenso scharf und fast ebenso ungeduldig und befehlend.

Der Gouverneur suchte seine Mütze, die er auf einen Stuhl gelegt, folgte seiner Frau in ihr Zimmer, in korrekter Haltung, wie wenn er eine fremde Dame in einem fremden Hause besuche. 251

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