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Anna Croissant-Rust: Unkebunk - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleUnkebunk
authorAnna Croissant-Rust
year1921
firstpub1921
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleUnkebunk
pages398
created20131207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Hertwig stand auf dem Bahnsteig und wartete auf den Nachtschnellzug, der Johanna bringen sollte. Der Gouverneur hatte ihm vorhin gesagt, daß er auch kommen wolle, erstens um den Willen seiner Frau zu erfüllen, die nicht wünschte, daß Hertwig allein mit Johanna nach Hause gehe, der bösen Lästerzungen halber, aus denen sie sich zwar selbst nichts mache, aber vor denen sie die beiden schützen wolle, zweitens aus Neugierde, um vor seiner Frau zu wissen, wie ihre neue Gesellschaftsdame aussähe.

So zersplitterte sich Ernst Hertwigs Gefühl, dessen Augen beständig zwischen dem Geleise, auf dem der Zug einlaufen mußte, und dem Eingang zum Bahnhof hin und her gingen. Er wünschte den Gouverneur bald in das Land, wo der Pfeffer wächst, und bald sehnte er ihn herbei, um Johanna nicht allein begrüßen zu müssen. Dieser unglückselige, kalte Brief, den er ihr zuletzt geschrieben, um den er Nächte lang gelitten, den er verwünscht und verflucht hatte, denn Johannas Antwort hatte 224 auch denselben geschäftsmäßigen Ton gezeigt; mehr noch, eine fast verhaltene Gereiztheit klang aus ihr . . . Er hätte jetzt Zeit haben mögen, noch einmal zu schreiben, alles aufklären zu können, ehe er sie wiedersah. Jetzt war er feig; er wußte, er konnte ihr nichts sagen, und er hätte das Zusammentreffen nach diesen beiden unglückseligen Briefen hinausschieben mögen. War er denn nicht wieder zurückgeschleudert bis an den Anfang seines Weges, und fand er denn jetzt überhaupt den rechten Weg zu ihr?

Er hatte sich ihr so nahe gewähnt, war so glücklich gewesen, endlich etwas für sie tun zu können! Nun plagte ihn der Zweifel. War denn das überhaupt etwas für sie, diese Stellung im Hause des Gouverneurs? In seinem Freudentaumel, daß er ihr so rasch hatte helfen können, war ihm dieser Gedanke gar nicht gekommen. Es genügte ihm, daß sich etwas fand, Don Quichotte, der er war, zu kämpfen und zu streiten und sich einzusetzen . . . für was?

Die Armharts hatten recht, er war der Ritter von der traurigen Gestalt. Wer gab ihm denn die Gewißheit, daß Johanna sich dort wohlfühlen würde? Weil er die Frau verehrte? Nein, ein bestimmtes Urteil über sie fehlte ihm vollständig, er konnte sich keine Rechenschaft geben, ob diese beiden Frauen – jede in ihrer Art von ihm so hoch gewertet, sich verstehen würden. Es waren ihm wohl schon leise Zweifel gekommen, die er aber nicht erst hatte ans Licht kommen lassen. Mit dem Gouverneur würde sich Johanna verstehen, seine gerade, etwas derbe, dabei spöttisch überlegene und sarkastische Natur mochte ihr wohl zusagen . . . aber Exzellenz Mary? Die »Yankee doodle Mary«? So rannte er mürrisch und aufgeregt von Zweifeln, Befürchtungen ebensosehr wie von Sehnsucht und Ungeduld geplagt, auf dem Bahnsteig hin und her, daß er beinahe eine Gruppe von drei Frauen überrannt hätte, die so vermummt waren, wie es die herbstliche Jahreszeit eigentlich noch nicht verlangte. Als er mit 225 einer gemurmelten Entschuldigung an die Mütze griff, war er sehr erstaunt, dann bestürzt, aus einem der wandelnden Schaltücher die Stimme seiner »Tante Armhart« ertönen zu hören und in den andern beiden Verwickelten Großmutter Möller und Jutta zu erkennen. Jutta! Was hatte sie für ein kleines Gesicht, für unstete Augen! Er wußte ja nichts von dem Umschwung ihres Schicksals. Doch darüber wollte ihn Mutter Armhart keinen Augenblick im Zweifel lassen, sie begann sofort loszulegen. Großmutter wollte ihre Schwester einmal wiedersehen, es waren ja so viele Jahre, daß sie diesen Wunsch mit sich herumtrug! Die Lehnerstante, das mußte er doch wissen, wie sehnsüchtig die Großmutter darauf wartete, sie zu sehen! Hertwig wußte zwar genau, was er von dieser Sehnsucht zu halten hatte, doch hatte ihn der Anblick des nächtlichen Dreiblattes zu unvorbereitet getroffen, und er nickte nur ein »ja«, während die Tante Armhart den Strom ihrer Rede ungehindert weiterplätschern ließ. Großmutter stand stumm mit eingekniffenen Lippen und sah starr nach der Richtung, von der ihr Zug kommen mußte. Nach Freude und Sehnsucht sah die alte Bäuerin nicht aus.

Jutta ging auch mit, ob ihn das nicht erstaune? Das arme Ding sei eben ein bißchen blutarm, wie das bei verliebten Mädchen vorkomme. Sie solle sich in der guten Luft der Hinterpfalz erholen und mehrere Wochen dort bleiben.

Jutta warf einen schnellen und scheuen Blick auf Hertwig und zog ihr seidenes Tuch fester über dem Kopf zusammen. Hertwig sah finster zu Boden. Mama Armhart aber war nun glücklich bei dem großen Ereignis angelangt und schleuderte die Worte Hertwig entgegen wie ein Krater seinen Inhalt.

Ja, er würde gucken! Sie wolle dem Stamme der Armharts den Heldensohn gebären, durch sie solle der alte Glanz wieder aufleuchten . . . so ging es weiter, und Ernst Hertwig stand 226 verblüfft da und vergaß vor Überraschung den üblichen Glückwunsch.

Das nahm ihm Binchen Baronin Armhart nicht weiter übel, sie versuchte ihn nur mit einer unvergleichlichen Mischung von Schelmerei und Größe anzublicken, als der Schnellzug heranbrauste, der Johanna bringen sollte, und die Schaffner auf dem andern Bahnsteig die Wagentüren zum Postzug öffneten: »Landau-Annweiler!«

Annweiler . . . Annweiler hatte Hertwig noch immer im Ohr, als die drei Vermummten nach einem flüchtigen Abschied verschwanden, die Großmutter, ohne ein Wort mit ihm gesprochen zu haben. Arme Jutta! Viel gute Worte wird sie dort nicht hören!

Annweiler! Ernst Hertwig fühlte lebhaft die Stimmung dieses Tages, seine Unruhe und Ratlosigkeit, seinen Kummer und endlich seine Freude, daß er helfen konnte. Und die Freude gewann zuletzt die Oberhand, er war erregt und glücklich, als er Johanna empfing.

Er hatte die Johanna erwartet, die er im Herzen, in der Erinnerung getragen, mit blitzenden Augen und vollen Lippen, voll Begeisterung und Empörung, strahlend und sprühend, wie er sie zuletzt gesehen . . . nun überkamen ihn Mutlosigkeit und Enttäuschung. Ihre Augen sahen müde, traurig und sehnsüchtig aus, der Mund war scharf geworden; ihn wunderte, daß er das alles sah! . . . Das Gesicht schmal . . . doch als sie ihm die Hand gab und ihn anschaute, ein bißchen zagend und etwas hochmütig, bitter und dennoch voll schlecht verhehlter Wärme, wie's ihre Art war, die sich scheute, Wärme und Güte zu zeigen, die sie doch in hohem Maße besaß, er wußte es ja, war sie im Grunde die alte Johanna, und er brachte kaum ein Wort heraus, weil ihm das Herz heiß wurde, und weil's ihn zuletzt übermannte: was hatten sie mit dem Mädel angefangen, was 227 hatten sie ihr angetan? Und eine Wut stieg ihm heiß in die Augen, sein schnell aufbegehrendes, schwer zu bezähmendes Temperament riß ihn fort, am liebsten wäre er zum Empfang in ein sinnloses Schelten und Wüten ausgebrochen, daß man seine Johanna so elend gemacht.

Während sie neben ihm stand und auf ein liebes Wort wartete, hatte der Diener schon ihre Koffer genommen und war einstweilen vorausgegangen; wie verschluckt war er vom Nebel, und die beiden standen ganz allein. Hertwig brachte nichts heraus als ein wiederholtes: »Und wie geht es dir eigentlich?« und: »Bist du müde?« Sie schüttelte nur den Kopf, lächelte und ging still neben ihm her. Daß sie nach gar nichts fragte! Auch nicht, als sie aus dem Lichtkreis des Bahnhofs gekommen und in die Anlagen eingebogen waren, die nur spärlich erhellt und einsam waren. Nun lag sie also vor ihnen, diese Festung, dunkel, geduckt, man sah nichts von ihr vor lauter Bäumen. Der spärliche Laternenschein huschte im Novemberwind unruhig über die Gebüsche, alles schien ausgestorben, öde und fremd . . . fremd erschien Hertwig auch Johanna, wie er so neben ihr auf dem breiten Wege schritt, der mit welken Blättern überdeckt war, die jeden Schritt verschlangen. Der Diener war längst voraus, kein Mensch unterwegs . . . Johanna schauerte. Wie ganz anders hatte sie sich dies Wiedersehen gedacht. So ganz anders war der Ernst, den sie in der Erinnerung getragen.

»Ist es noch weit?« fragte sie aus beklommenem Herzen.

»Wenn ich nur recht daran getan habe, dich zu rufen! Wenn du dich nur eingewöhnen kannst!« Das war sein alter, lieber und besorgter Ton.

»Du bist doch da!« sagte Johanna und ergriff hastig Hertwigs Hand, die er fest an sich drückte.

Da stand mit einemmale der Gouverneur vor ihnen. Ganz 228 plötzlich, an einer Wegbiegung, war der kleine, rotglimmende Punkt seiner Zigarre aufgetaucht – er rauchte fast den ganzen Tag – und hatte ganz unerwartet schnell vor ihnen halt gemacht. Er war in Zivil und schwenkte fröhlich den Filz und drückte seine Freude aus, sie dennoch, wenn auch nicht auf dem Bahnhof, doch vor den Toren der Festung getroffen zu haben. Exzellenz war so lustig und aufgeräumt, daß sofort ein anderer Ton zwischen den jungen Leuten aufkam. Sie sprachen wie alte Bekannte. Die Heiterkeit des alten Soldaten wirkte ansteckend; Johanna mußte über seine spaßhafte Erklärung ihres neuen Wohnortes lachen, der Bann war gebrochen, und als er ihr erzählte, daß sie nun beim Friedenstore seien, das zur Zeit des deutsch-französischen Krieges des Nachts offen gelassen worden, während man das Kriegstor sorgsam schloß, da es das Tor gegen den Feind war, hatte auch Hertwig sich wieder ganz gefunden und konnte herzlich mitlachen.

»Gegen den ›Foind‹, sagt man hier in der Landessprache, Exzellenz,« erklärte er.

Sie gingen gerade unter der Lampe des Friedenstores, und Exzellenz versuchte in aller höflicher Zurückhaltung sich über die Erscheinung seiner neuen Hausgenossin klar zu werden, da hörten sie plötzlich laut hinter sich rufen: »Ernscht! Ernscht! Hertwig!« Und in dem bedeutungsvollen Mantel tauchte gravitätisch und neugierig Binchen Baronin von Armhart, née Möller, die Tante auf, die auch sofort herausplatzte:

»Guten Abend, Exzellenz! Das ist also deine Freundin, Ernst! Ach Fräulein, Sie glauben nicht, was meine Mädchen schon eifersüchtig waren auf Sie! . . . Ja, auf Sie! Der Hertwig findet, daß Sie die Gescheidtste und Liebenswürdigste sind . . . Sie könne sich denke, so Kusine wollen auch emal Aufmerksamkeite von em Vetter, besonders wenn sie nit grad häßlich sind! Awwer nix da! Bei ihm is nit anzukomme! Er sieht und hört nix weiter!«

229 Die »Tante« hatte wohlweißlich nichts gesagt von »Schönheit«, denn, wie sie ihre Augen auch hatte »um und um« gehen lassen, das, was sie unter Schönheit verstand, plagte diese magere, dunkelhaarige Person gewiß nicht! Das war keine Konkurrenz für ihre Töchter, da würden die Verehrer wohl springen!

»Wenn Fräulein Welser auch nur einen Teil der Eigenschaften hat, von denen Sie eben sprachen, Baronin, so ist uns zu gratulieren, denn wir werden den Vorzug haben, das Fräulein unter unserm Dach beherbergen zu dürfen!«

»Ich weiß, Exzellenz, ich weiß es bereits länger. Was weiß man in unsern Mauern nicht? Der Ernscht natürlich wär' lieber geschtorbe, als uns ein Wort zu sagen. Sogar uns, den Verwandten nicht, nit ums« . . . sie hatte ein derbes Wort, ein Bauernwort der Möllers auf den Lippen, verschluckte es aber und verbesserte sich: »nicht um die Welt.«

Exzellenz bekam vergnügte Augen. Hertwig war allerdings kein zärtlicher Verwandter, und die »liebenden« Kusinen hatte er stets links liegen lassen. Auch schleppte er keine Verehrer bei, wie sie wohl wünschten . . .

»Ach ja, Exzellenz, alles weiß man hier,« fuhr die Baronin mit einem nochmaligen musternden Blick auf Johanna fort, »die intimste Sache, die sich in einer Familie abspielen, Exzellenz wissen gewiß schon« . . .

Exzellenz wußte wohl, wo sie hinaus wollte, schwieg aber boshafterweise und machte nur ein fragendes Gesicht.

»Ich,« sie reckte sich auf, »ich erwart' doch Familie!!«

»Ist es wirklich so, Baronin? Die Botschaft hört ich wohl« . . .

»Der Glaube braucht nit zu fehle« . . .

»Also freue ich mich doppelt, die Bestätigung zu haben.« Der Gouverneur zog tief den Hut.

»Man sollt' es kaum für möglich halten, nit?« hauchte Binchen strahlend und drapierte den grauen Mantel.

230 »Nein, man sollte es nicht für möglich halten,« wiederholte der Gouverneur und machte noch einmal eine Verbeugung, »allen Respekt!«

»Ich danke verbindlichst, Exzellenz, nun auch im Namen meines Mannes! Hoffen wir, daß alles zum Guten und Schönen hinlenkt!«

Exzellenz verbeugte sich zustimmend, wünschte also scheinbar nichts sehnlicher, als daß sich alles zum Guten und Schönen hinlenke.

»Die Herrschaften sind gewiß erstaunt, mich so spät in der Nacht noch unterwegs zu finden?« Niemand war weiter erstaunt, sie fuhr jedoch fort: »Meine Mutter wollte ihre Verwandten wiedersehen, und Jutta begleitet meine alte Mutter in die Hinterpfalz. Es war ein schwerer Abschied, so ein Turteltaubenpaar! Röder wird Jutta fleißig besuchen, dann kommt sie auch bald wieder, der Bräutigam besteht drauf« . . .

Der Gouverneur sagte etwas Unverständliches; Johanna hatte einigemale angezogen von ihrem eindringlich geschnittenen Kopf hingesehen, der in der flackernden Beleuchtung noch kantiger aussah als sonst, und dann Hertwig beobachtet, der mit bösen Falten auf der Stirne die Schwätzereien über sich ergehen ließ und sich jedenfalls vor dem Gouverneur dieser »Tante« schämte.

»Gott! Wir sin schon am Gouvernement!« kreischte die Baronin aus tiefster Überraschung auf, »so geht's, wenn man sich interessant unterhalt, in interessanter Gesellschaft! Gute Nacht, meine Herrschaften, gewöhnen Sie sich gut ein, Fräulein!«

Der Gouverneur blieb vor der Türe stehen. »Hier ist also Ihr Heim, Fräulein Welser. Treten Sie ein und seien Sie herzlich willkommen. Adieu, Baronin, Grüß Gott, Hertwig, Sie bringen wohl die Baronin nach Haus?« Wenn er einen gern hatte, sagte der Gouverneur, der lange in Bayern gelebt hatte, mit Vorliebe: »Grüß Gott.«

231 Johanna und Ernst Hertwig gaben sich die Hände, und als Johanna, in ihrem Reisemantel schlank und viel größer aussehend, in dem dunklen Tor verschwunden war, überkam Hertwig eine plötzliche Trauer, die sich alsobald in Gereiztheit gegen seine Begleiterin in dem grauen Radmantel umsetzte.

Wie wüst und heiß war sein Kopf! Wie rasch waren die paar Minuten vergangen! Was war das für ein seltsamer Empfang gewesen! Wie würde sich Johannas Leben jetzt gestalten? Daß sie auch nichts gefragt, so lange sie allein waren, so stumm, förmlich ergeben neben ihm hergegangen war! Das war doch sonst nicht ihre Art! Wie mürbe mußten sie sie gemacht haben, daß sie stumpf und müde das angenommen, was sich ihr als das nächstbeste bot. Oder war das nur geschehen, weil er da war?

Hertwig schlug plötzlich ein so rasches Tempo an, daß die Tante laut hinter ihm drein schimpfte.

»Was is dann des for e Art? Wann du de Mund halte willscht, meintwege. Awwer so zu laufe! Denkscht du dann gar nit dran? Ich soll dir jetzt heilig sein! Jo! Dran denke! Die Gedanke sin bei der Freundin! Scheen is se awwer wirklich nit, des muß ich schon sage; du findscht's halt. Bei dere werd'n sich die Verehrer die Been nit ausreiße!«

»Nein, schön ist sie nicht, deine Töchter sind viel schöner, und die Verehrer werden sich auch die ›Been‹ nicht ausreißen, das macht aber nichts!«

»Warum?« fauchte die Tante und steckte erbost den Schlüssel ins Schloß. »Weil se so g'scheit is?«

»Jawohl, Tante,« sagte Hertwig, ohne daran zu denken, daß die Autorin von »Unkebunk« keine fremden Götter neben sich duldete.

»Ich werd ihr auf de Zahn fühle, kannscht mir's glauben, ich krieg's raus!«

»Tue das, Tante, fühl ihr auf den Zahn, du tust mir einen 232 großen Gefallen. Krieg's ›raus‹; du sagst ja so wie so, ich sei ein Don Quichotte, vielleicht ist sie nichts weiter als eine Dulcinea von Dobosa, und ich muß dir tief dankbar sein, wenn du mich von meinem verrückten Wahn und meiner Verblendung heilst! Schlaf wohl!« sagte Hertwig sarkastisch und drehte sich auf dem Absatz herum. Er kam jedoch nicht so leichten Kaufes davon.

»Neiñ, ich schlaf nit wohl!« schrie sie ihm nach, »wo werd ich dann jetz wohl schlafe! Ich will dir was sage, nein! Bleib da! Bleib stehen! Ich sag dir des heut: Du warscht in meinem Herze auserkoren, der Held von ›Unkebunk‹ zu werde. Du, ja! Do is nix zu lache! Du hättescht die Wahl gehabt unner alle drei, un alle drei wären se scheener gewest als des mager Dingelche. Awwer du merkscht nix, du bischt verbohrt, du hascht annere Gedanke! Jetz is es zu schpät! Adieu! Gut Nacht! Jetz schlaf du wohl!«

Hertwig ging mit schallenden Schritten die Straße hinauf. Seine Ohren brausten. Er hätte gerade hinauslachen, schimpfen, brüllen mögen, in solch zerrissener Stimmung war er, und so lächerlich kam er sich vor. Er, der Held von »Unkebunk«! Das paßte, das paßte ausgezeichnet! Der traurige Held! Denn nicht einmal herzhaft lachen konnte er darüber. Er ärgerte sich wahrhaftig! Über alles ärgerte er sich, über seinen Schatten, über die abscheulichen Häuser, über die Kasernen, die in die Nacht hinein stanken, er ärgerte sich über die Laternen, das Pflaster, die Akazienbäume, über alles, zuletzt sogar über Holischka, der längst sein Licht gelöscht hatte und nun selig schlief und von seiner angeschwärmten Amélie träumte. Wahrhaftig, er beneidete Holischka um Amélie, . . . ach, hier gab es keine »Komplikationen«! . . . um Karo, das treue Vieh; er beneidete die Tante um ihre Phantasie, um die eingebildete Welt, in der sie so selig war, und die sie so prachtvoll mit der Wirklichkeit 233 verquicken konnte! Und er, Trottel, der er war, hätte einen der höchsten Plätze in dieser, ihrer Welt angewiesen bekommen und hatte ihn blöder Weise verscherzt. Er wußte nicht, was er wollte! Er beneidete Johanna, die gewiß wußte, was sie wollte, während er nur heulte, daß ihm die Jacke, die er trug, an allen Ecken und Enden zu kurz und zu lang war und ihn jetzt erst recht drückte, wo er Johanna liebte und seine Liebe nicht mehr verbergen konnte . . .

Nur einen Weg! Das Ziel wußte er schon, einen Weg aus dem Sumpfe, der einem bis ans Maul ging . . . man konnte ja an seiner Sehnsucht krepieren, hier in diesem mörderischen Nest. Und gerade daher hatte er Johanna gelockt, mit dem besten Glauben, mit der freudigsten Hoffnung, mit seiner großen Liebe, gerade daher!

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