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Anna Croissant-Rust: Unkebunk - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleUnkebunk
authorAnna Croissant-Rust
year1921
firstpub1921
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleUnkebunk
pages398
created20131207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Eine Woche war vergangen, wechselnd in matter Sonne, dichten und schweren Nebelschleiern, die sich über Stadt und Land legten, und aus denen vom Rhein her wie Hilferufe das flehende Tuten der Sirenen klang, mit leisem Regengeriesel in kühlen Nächten und zeitweiligen Windstößen, die an der Nebelmauer rissen, sie über den Rhein peitschten, gegen die Pappelreihen warfen und endlich in die Flucht schlugen, gegen das Badische zu, wo sie tückisch und lauernd standen und sich nicht wieder über den Rhein herüber wagten.

Als die Sonne wieder schien, lag die Stadt matt lächelnd wie eine Genesene da, die Wiesen waren grün wie im Frühjahr, und die roten Hagebutten und Pfaffenkappen leuchteten scharlachen und purpurn. Es war richtiger Spätherbst geworden, und Holischka, der über den Paradeplatz ging, erkannte mit Verwunderung, daß sich die runden Akazienbäume mit ihren Kugelkronen in lauter zerzauste, armselige Gerippe verwandelt hatten, die aussahen, als hätten sie die Raupen abgefressen. Aber Holischka war heute nicht in der Laune, das melancholisch zu finden, oder sich trüben Gedanken hinzugeben, wie er sie zu Anfang des Herbstes hier auf diesem Platze gehabt. Er dachte nicht mehr daran, eine kleine, versöhnende und doch etwas schmerzliche Neugierde danach zu empfinden, wie sich wohl der Platz und die Akazien im Winter ausnehmen würden, und ob ihnen und der grauen Festung nicht der intime Reiz des Schnees besser stünde als die Hitze des Sommers und die bunte Jacke des Herbstes, ob nicht die Damen, denen er in der Mehrzahl die feineren Reize nicht hatte abgewinnen können, nicht in ihren Winterhüllen, in Pelz und Schleier begehrenswerter aussähen, 211 und ob der Winter nicht ihre schöne Zeit sei, ob auch ihnen Schnee und Eis nicht besser stünden. Er fürchtete sich auch nicht mehr vor den Bällen und Kränzchen, die in Aussicht standen, noch vor dem Lämmerhüpfen, er sehnte eher all diese etwas anstrengenden, körperlichen Betätigungen herbei, denn sie gaben ihm Gelegenheit, jener nahe zu kommen, die er liebte. Wer ihm, Leutnant Holischka, vor einem Vierteljahre gesagt hätte, daß er sich danach sehne, die Füße im Walzertakt heben, festgeschnürte Mädchentaillen, in krachende Seide gepreßt, umfassen, zerzauste Mädchenköpfe, vom Tanz und Plaudern und kleinen Leidenschaften erhitzt, in weiche Tücher hüllen zu dürfen, den hätte er für einen Narren gehalten, hätte ihm ins Gesicht gelacht! Jeder in der Festung wußte doch, daß er, der kleine Holischka, seine freie Zeit am liebsten im Bett zubrachte, wenn es ihn nicht zum Bäwele zog, wo er allerdings auch angenagelt auf seinem Stuhl sitzen geblieben war, bis ihn Bäwele zuletzt sehr energisch, fast handgreiflich, zur Heimkehr bestimmen mußte, und daß ihn seine Kameraden von Zeit zu Zeit gewaltsam zu einem Spaziergange fortschleppten, damit er nicht ganz in der Garnison anwachse. Über Nacht, nein, wie vom Himmel gefallen, war alles anders geworden; er liebte die breiten, feuchten Alleen um die Festung selbst dann noch, wenn er sie drei- und viermal ringsum ging, denn er wußte, daß er auf diesen Spaziergängen Amélie sehen würde, sehen, denn zum Sprechen kam es fast nie! . . .

Der kleine Holischka liebte wie ein Primaner, er wunderte sich darüber und freute sich zugleich; es erschien ihm wie eine Wiedergeburt, in dieses Bad der Reinheit unterzutauchen. Scheu und keusch war seine Liebe, wie er sie nie empfunden, ein Kleinod, das er sorgsam hütete und vor allen profanen Augen zu verbergen glaubte . . . nur wußte es schon die ganze Garnison und schaute schmunzelnd zu, wie sich die beiden 212 Menschenkinder abzappelten, ihre Liebe, die ihnen lichterloh zu den Augen herausbrannte, ihnen die Sprache verschlug, so daß sie kaum irgend etwas zu sagen wußten, wenn sie sich trafen, vor einander und vor allen andern zu verbergen trachteten. Wie sie die Schritte mäßigten, einander immer näher zu kommen, obwohl sie sich gegenseitig wie Magnete anzogen, wie sie beide sich demütig und stolz, hingebend und wieder erschrocken abweisend zeigten. Es war das ganze tolle, täppische Liebesspiel zweier jungen unbeholfenen, im Grunde reinen Menschen, die sich ängstlich bemühen, sich selbst anzulügen und, obwohl sie es heiß ersehnen, die Stunde der Entscheidung hinausschieben.

Amélie las Frauen-Liebe und -Leben von Chamisso, das ihr Leutnant Holischka geliehen, sie las es heimlich, weil Resa-Rosa gelacht hatte, als sie aufgeschlagen fand: »Er, der Herrlichste von allen.« Sie schwärmte von Chamisso, und war sie melancholisch, was andern jungen Verliebten ja auch passiert, ohne daß sie den eigentlichen Grund angeben können, so zitierte sie »Schloß Boncourt« oder geriet an Lenaus ihr düster und schwermütig erscheinende Verse, auch von Leutnant Holischka ihr leihweise überlassen:

»Blumen, Vögel rings im Haine,
All ihr lieben Bundgenossen,
Mahnt mich nicht, daß ich alleine
Bin vom Frühling ausgeschlossen.«

Leutnant Holischka trug immer Bücher bei sich, und ohne daß er es wußte, ging er auch mit seinen Büchern stufenweise voran, wie ihn eben die Liebe immer mehr bedrängte. Zuerst Lenau, dann Chamisso, dann plante er den »Trompeter«, schwankte aber noch und trug deshalb links »Ekkehard« und rechts den »Trompeter«; Stieler und Storm hatte er schon zurecht gelegt. Und Amélie las und las und schickte ihm das jeweilige Buch mit einer kleinen Visitenkarte zurück, auf der in steilen 213 Buchstaben in ihrer Jungmädelschrift ein paar Worte des Dankes standen, und doch küßte Holischka die kleine Karte und die armseligen Worte, wie Amélie nicht nur die Karte »Hans Holischka«, sondern auch das peinlich sauber gehaltene Buch küßte, das ihr Holischkas Diener mit undurchdringlicher Bedientenmiene überbracht, aus der freilich ein geübteres Auge ein schlaues, augenzwinkerndes Verständnis herausgelesen hätte, das sich wesentlich steigerte, als ihm Amélie aus ihrer kleinen Börse ein der Börse entsprechendes Trinkgeld errötend überreichte. Das waren die kurzen und verborgenen Liebeszeichen, ein paar Worte auf dem Spaziergang um die Festung gewechselt, ausgenommen, als Amélie mit Resa-Rosa, die sich ihrer in herablassender Weise erbarmt hatte, Holischka und dem Assessor begegnete.

Holischka war sich seit der Partie nach dem Trifels seiner Gefühle gewiß, hatte auch damals mit immer wachsendem Entzücken Amélies Seele, Amélies Liebe geglaubt in seinen beiden armen, unwürdigen Händen gehalten zu haben. Dann war ihm plötzlich der Zweifel gekommen, ob sie ihn liebe, ob sie ihn lieben könne nach all den Liebesirrungen und nach seinen früheren Liebeserfahrungen, die er hinter sich hatte, und die ihm nun, da er dies reine Geschöpf liebte, wie Schandmale vorkommen wollten. Amélie schauderte ja vor solchen ihr unbegreiflichen und schmachvoll dünkenden Erlebnissen der Männer zurück, das wußte er. Irgendeine dunkle Stelle in ihrem jungen Leben, eine Episode, die ihr wie ein Blitzstrahl Abgründe erleuchtete, mußte sie dazu gebracht haben. Was es war, konnte er nicht ergründen. Der arme Holischka litt darunter, er kam sich wie ein Wüstling vor, und der Mut, den er auf der Höhe des Trifels beinahe gehabt, war längst wieder geschwunden oder getraute sich nur leise und allmählich wieder vor. Und dennoch war Holischka glücklich und fühlte sich wiedergeboren in dieser keuschen Liebe, die er sich nach seinen Wüstlingsjahren nicht 214 mehr zugetraut hätte. Er hoffte und wartete auf den Tag, der ihm seinen großen Mut zurückbringen würde.

Das Bäwele mied er ganz; wenn es nur irgend möglich war, ging er Wege, die ihn gleich fern vom »Schiff« führten; konnte er es dennoch nicht vermeiden, schlug er im Vorübergehen die Augen nieder, wie eine Klosterschülerin, die sich von der gestrengen Lehrerin überwacht fühlt, und ärgerte sich halb zu tot, wenn er das Bäwele hinter den Geranienstöcken gewahrte, wie sie ihn auslachte.

Getreuer war Karo dem Bäwele gewesen, den die Gerüche, die aus dem »Schiff« herausdrangen, mit zarten, aber starken Banden festhielten. Viele Tage saß er, wie er es früher jeden Tag gewohnt war, auf der Treppe vor dem »Schiff«, stahl sich durch die Haustür in den Flur, ja sogar in die Gaststube und versuchte des Bäwele nun hart gewordenen Sinn durch weitausholendes Wedeln zu erweichen und durch seine glänzenden Blicke, die Bäwele auf Schritt und Tritt folgten, ihr nicht nur seine Wünsche, sondern auch seine Verwunderung kund zu tun. Ein paar mitleidige Gäste, die den schwarzen Pudel kannten, gaben ihm das, wonach seine Sehnsucht verlangte; er nahm die dargebotenen Knochen mürrisch und ließ das Bäwele, das ihm immer unbegreiflicher wurde, dabei nicht aus dem Auge. Als sie ihn aber eines Tages mit einem kräftigen Stoß aus dem Hause beförderte, machte Karo einen Schlußpunkt hinter diese Zeit ihrer freundschaftlichen Beziehungen, wie es schließlich auch sein Herr tat, als er le joli tailleur mit Bäwele – Arm in Arm – lächelnd aus dem Fenster auf sich niederschauen sah. Das löschte das letzte Verantwortlichkeitsgefühl und das letzte dankbare Liebesgefühl, das hie und da noch wie ein wehmütiges Echo nachgeklungen, aus seinem Herzen, während Karo – unbeschreibliche Verschlingung von Gefühlen einer Hundeseele! – le joli tailleur jedesmal wütend anbellte. Dagegen 215 hatte er sehr schnell gelernt, auch ohne Begleitung des Dieners das Bezirksamt zu finden, wo ihn Amélie heimlich mit heimlich zurückbehaltenen Knochen fütterte, ihm das Fell kraute, ihn umhalste und alle Liebe, die sie für Holischka fühlte, ihm bei dieser Umarmung zuflüsterte.

Karo war stets verstimmt, wenn sich Holischka und Amélie begegneten und nur grüßten oder höchstens ein paar Worte wechselten. Wofür war er denn, als er Amélies ansichtig wurde, unablässig mit leidenschaftlichem Eifer zwischen den Zweien hin- und hergerannt? Was an ihm lag, diese Verbindung herzustellen, hatte er gewiß getan. Er mißbilligte durchaus das Benehmen seines Herrn und fand es unbegreiflich. Was nützte es ihn denn, daß sich sein Leutnant Holischka nach jeder Begegnung intensiv mit ihm beschäftigte und ihn genau so nachhaltig kraute, wie es vorhin Amélie getan? Wenn er doch gar nicht verstand, was er ihm beständig und beständig sagte? In jeder Bewegung, in jedem Blick . . . er wandte doch die Augen nicht von ihm, es war unbegreiflich, wie schwer es im Grunde blieb, sich wirklich mit den Menschen zu verständigen!

Heute trabte Karo gleichgültig neben Holischka her, denn dieser beachtete ihn nicht im mindesten; außerdem wußte er genau, daß es in die Kaserne ging, und daß ihm entweder Langweile im Kasernhof oder vor der Kaserne, wo er sich ruhig verhalten mußte, bevorstand, oder daß er nach Hause traben und Frau Anathan flehentlich bitten mußte, ihn einzulassen. Das mußte jedesmal lange und eindringlich geschehen, bis es ihr endlich genehm war, die Tür schimpfend und brummend einen Spalt weit aufzumachen, gerade so weit, daß er durchkam, denn weiter machte sie nicht auf, um keinen Preis, er mußte wissen, daß es eine Gnade war, und daß er sich durchzwängen, sich diese Gnade also verdienen mußte, wobei sie nie unterließ, die Tür ein bißchen zuzudrücken, damit er etwas geklemmt wurde; irgendwie mußte er ihre Oberhoheit nicht bloß merken, sondern auch fühlen.

Plötzlich blieb Karo stehen und hob schnuppernd die Nase. Ein bekannter Duft war über ihn hingestrichen, ein Duft vom Bezirksamt, der sofort seinen buschigen Schweif zu schwachem Wedeln anregte, doch umsonst schaute er sich nach Amélie um, und dennoch war der bekannte Duft da, wenn auch verschleiert und verändert . . . da stürzte sich mit einem Jubelschrei eine kleine, damenhaft trippelnde Figur in hochrotem Kleidchen auf Holischka: »Holischka!« schrie sie und hing auch schon an seinem Arm.

»Holischka, hurra! Ich bin wieder da!«

Holischka stand still.

»Nelly?« . . . stotterte er, »wie kommen denn Sie hierher?«

»Sie! Sie,« äffte sie ihn nach und wollte sich ausschütten vor Lachen. »Seit wann sagen Sie denn ›Sie‹ zu mir? Seit man mich in diese Korrektionsanstalt gesteckt hat? In dieses Institut? Pf! Pf! Ich huste darauf! Ich bin durchgebrannt! Ja, schauen Sie mich nur an! Gestern abend bin ich angelangt. Vier Stunden zu Fuß, weil die Moneten nicht langten, das andere dritter Klasse. Pfui! da stinkt's drin! Und nun bin ich höchst eigenhändig da. Mama wollte mich heute gleich wieder per Schub hinbringen. Dahin bringen mich aber keine zehn Gäule mehr! Papa war dagegen, und Resa-Rosa meinte, sie wollte mich jetzt unter die Fuchtel nehmen. Die! Hast du Worte! Und Amélie hat geweint, weil man mich wieder forttun wollte: ›nicht zwingen!‹ hat sie gebettelt, mit aufgehobenen Händen! Es war zu rührend! Schade, daß Sie es nicht gesehen haben, ausgerechnet Sie! Und nun bin ich da und bleib ich da! Sie brauchen kein solches Gesicht zu machen, Leutnant Holischka! . . . Warum machen Sie denn solch ein Gesicht? Sie sind gewiß noch bös wegen dem dummen Brief! Herrgott im Himmel 217 droben! Da hätt ich ja bös auf Sie sein sollen, deshalb haben sie mich ja doch in das gräßliche Kloster gesteckt, wo man einen Scheitel in der Mitte tragen muß und zwei steinharte Zöpfe geflochten kriegt, die im Kringel herum gesteckt werden, wo man weiße Strümpfe, ausgesucht weiße! anziehen muß, ein scheußliches grünes Kleid und den ewigen alten, weißen Kragen um den Hals! Die reinen Vogelscheuchen! Jetzt seh ich anders aus, was?«

Und sie trippelte und tänzelte vor Holischka her, hob ihren Rock und ließ durchbrochene Strümpfe sehen, kehrte sich wieder um und machte eine tiefe spöttische Verbeugung mitten auf dem Paradeplatz. »Sind Sie aber wunderbar rasiert heute, Leutnant Holischka! Heute würden Sie mir das Gesicht nicht wund kratzen wie ein Reibeisen. Sind Sie verliebt? Ja! Ja! Ich seh's ja, Sie sind verliebt!« Und: ›Ho–lisch–ka‹, flötete sie, genau so, wie sie seinerzeit Amélie nachgespottet hatte. »Ho–lisch–ka! Nein, beruhigen Sie sich, ich werde nicht eifersüchtig,« sie zwinkerte mit den Augen, »es bleibt in der Familie!«

Holischka ging in der größten Verlegenheit weiter. Er wagte nicht, Nelly wegzuschicken, und dennoch: dieser Skandal auf öffentlichem Paradeplatz! Was nur die Bergern, die ihren Hals schon zum Fenster herausstreckte, wieder sagen würde! Zu übersehen war da nichts, Nellys rotes Kleid schrie ja eine Stunde weit. Auch war ihm die kleine Dame an Gewandtheit überlegen, die ließ sich nicht fortschicken, sie dirigierte das Gespräch, sie begönnerte Holischka, sie hing sich wie eine Klette in seinen Arm und merkte nicht, oder wollte nicht merken, daß er sie beständig zurückzuschieben versuchte. Das kleine, freche Mäulchen ging beständig:

»Nun sind Sie wohl ›himmelhoch jauchzend‹, weil Sie frei sind von ›Eva und dem Paradies‹? Nun haben Sie die Wahl! Oh, diese Armharts! Eine unerschöpfliche Quelle des 218 Amüsements, sagt Mama! Nein, Leutnant Holischka, ich muß Ihnen schnell was erzählen, es ist ja rein zum Schießen! Wissen Sie was? . . . Niemals werden Sie es erraten, es ist zu unglaublich. Es geht zwar unter dem Siegel der Verschwiegenheit in der ganzen Stadt um, aber . . . Ehrenwort, Holischka! Ja? . . . Was wir gelacht haben . . . die Mama Armhart kriegt noch ein Kind! . . . Ja, auch wenn Sie's nicht glauben! Die Madame Fröhlich, die Schwester der Burgissen war schon dort, die kennen Sie doch, ach ja, stellen Sie sich nur nicht so: die weise Frau, sagt man in höheren Kreisen! Mama hat uns natürlich tüchtig gezankt, als wir im Hundestall darüber redeten, die Buwe und ich, aber sie selbst sagte zu Papa: ›Das ist denn doch zu grotesk.‹ Anschaffungen braucht die Baronin ja nicht zu machen, Toiletten meine ich; sie trägt ihren stadtbekannten Mantel und damit juck! Alles wird von ihr reden, und Nelly Horler, die durchgebrannt ist, wird darüber vergessen. Ist es nicht zum Totlachen? Und Sie lachen nicht? Und sagen nichts? Gut, daß wir schon an der Kaserne sind, adieu, Herr Leutnant! Sie sind heute gar nicht amüsant! Ich verschwinde hinten rum, adieu!« Und tänzelnd und lächelnd, den wirren, schwarzen Kopf zurückgewendet, schickte sie Holischka noch Kußhände zu und rief schelmisch: »Soll ich grüßen? . . . Sie wissen schon, wen, Ho–lisch–ka!« flötete sie noch zärtlich in Amélies Ton, als sie schon in der winkligen Gasse untergetaucht war, die den ältesten und schmutzigsten, den engsten und in seiner Weise charakteristischsten Teil der sonst ziemlich neuen und nüchternen Stadt bildete.

Nelly hatte wahr gesprochen. In der von Armhartschen Familie gingen große und bedeutungsvolle Dinge vor, die bald wie ein Lauffeuer sich durch die ganze Stadt verbreiten sollten und eine ungeheure Lachsalve, eine allgemeine Fröhlichkeit auslösten.

219 Mutter Armhart hatte nächtens mit dem Engel gerungen, und siehe da, sie ließ ihn nicht, er segnete sie denn. Und er hatte sie gesegnet! So trat sie am Morgen verklärten Angesichts mit dem Gang einer Heroine aus dem ehelichen Schlafgemach, ihr folgte nach einiger Zeit, halb angekleidet, verworren vor sich hinredend, bald zum Lachen, bald zum Greinen geneigt, der Baron, der sich ein paarmal um sich selber drehte, den Kopf schüttelte und wieder ins Schlafzimmer eintrat, es genau inspizierte, wie wenn er etwas Unerklärliches dort suche, dann seine Toilette »komplettierte«, um ebenso geistesabwesend, aber wenigstens einigermaßen fertig angezogen aufs neue zu erscheinen und mit einem scheuen Seitenblick nach der Gattin den Hut zu ergreifen.

Aber Binchen, Baronin von Armhart, née Möller, hatte jetzt andere Dinge vor, als ihren Gatten zu kontrollieren, sie war ganz versunken in ihre Mission. Mächtig arbeitete ihr großer und praktischer Geist, so daß sie dem Tun ihres Gatten keinerlei Aufmerksamkeit schenken konnte. Darum entwischte er, während sie die Gedanken in dem wuchtigen Haupt der George Sand-Zeit wälzte, ohne Frühstück und sprang spornstreichs zum Kern hinüber zum Frühschoppen, wo er das große und folgenschwere Geheimnis in verwirrter Freude sehr bald nicht mehr bei sich behalten konnte, sondern es der treuen Stammgesellschaft dort nach dem ersten Viertel offenbarte. Später wurden seine Gedanken etwas kraus, und aus unbegreiflichen Ursachen saß er gegen zwölf Uhr tränenüberströmt da, hielt den Major Vierling umschlungen, der auch ein getreuer Gast beim Kern war, heulte hu hu hu, denn er sah zuletzt eine unabsehbare Reihe von Säuglingen vor sich, die ihm alle Binchen Möller gebären wollte, und die er nicht nur unfähig war, auch nur einigermaßen zu ernähren, sondern die schon durch ihre bloße Existenz ein Veto gegen jedes Glas Wein beim »Kern drüwwe« einlegten.

220 Die Großmutter hatte von oben den Baron am frühen Morgen schon zum Kern springen sehen und war auch ins Kopfschütteln geraten. Das ging nicht mit rechten Dingen zu, irgend etwas Außergewöhnliches mußte sich ereignet haben, denn es war die Regel, daß der Baron bis Elf zu Bett lag, schon um nicht im Wege zu sein, und auch um einen Teil seiner Lebensaufgabe zu erfüllen. Dies Unprogrammäßige beunruhigte die alte Frau; so trat sie leise von ihrem saubern, friedlichen Dachkämmerchen aus den Weg in das Parterre an, leise, denn ihre Tochter, die Baronin, liebte es nicht, wenn sie etwa Leutnant Röder oder gar Major Vierling in ihrem »Säckchen« und der weißen »Betz« sahen. Aus dem Wohnzimmer trat eben die Burgissen mit dem Scheuereimer, vollständig geistesabwesend, stellte den Eimer hin und geriet auch ins Kopfschütteln. Kopfschüttelnd langte sie nach ihrem grau und schwarzen Schaltuch, das sie schon begleitete, seit sie »ins Armharte« als Aufwartefrau ging, kopfschüttelnd nahm sie es um und verschwand, auch zur ungewohnten Zeit, noch immer kopfschüttelnd durch die Haustür.

Im Wohnzimmer aber thronte, ganz wie eine Heldin anzusehen, Mutter Armhart, verklärt, opferbereit, mit einem bedeutungsvollen Gewand angetan und von einer Hoheit erfüllt, die ihre Mutter niemals in diesem Maße an ihr wahrgenommen. Vor der Kunde, die die alte Frau vernahm, wollte sie zuerst tief erschrecken; Binchen war in den Jahren, es konnte für Binchen gefährlich werden . . . aber . . . Binchen konnte alles, Binchen nahm auch dies neue Leben wie eine köstliche Gabe auf, und wenn Binchen keine Angst hatte, sie war die letzte, ihr etwa gar Angst zu machen; sie hatte selbst neun geboren und würde auch in ihrem Alter das zehnte gebären, wenn das ginge oder sein müßte. Getröstet schlich die alte Bäuerin wieder hinauf, denn die Baronin hatte Jutta und Röder zu sich beordert und der Mutter bedeutet, daß sie allein mit dem Brautpaar zu reden 221 habe, oder besser aus einem verschämten Zartgefühl heraus dem Brautpaar die Sache nicht vor Zeugen mitzuteilen wünsche.

Und Röder und Jutta kamen und gingen, Röder an seinem Schnurrbart kauend und auch ungläubig den Kopf schüttelnd . . . Jutta zwischen Zagen und Hoffen kämpfend.

Vor der Türe des Zimmers, des geheimnisvollen Zimmers, aus dessen Tiefe die geheimnisvollen Fäden des geheimnisvollen Ereignisses sich über die Stadt verbreiten sollten – so wollte es der Wille der heroischen Frau, der Herrin von »Unkebunk« – fiel Jutta, schluchzend unter dem Eindruck des großen Opfers, das ihre Mutter zu bringen bereit war, ihrem Bräutigam um den Hals, befreit von dem schweren Drucke, der auf ihr gelastet, befreit, wie wenn sie schon all ihr Leiden hinter sich hätte, und doch voller Schmerz über die große Kälte und Verachtung der Mutter.

»Ach, höre doch auf und sag nichts von Opfer!« redete ihr Röder erbost vor, »sie tut's doch wegen sich, wegen ihrem Renommé, wegen ›Unkebunk‹! Hat sie dir etwa irgendeinen Ton des Mitgefühls hören lassen? Sie hat ganz anders herumgetrillert. Von mir nicht zu reden! Für mich ist doch die Situation ganz gewiß so heikel, als sie nur sein kann, ich meine ihr gegenüber, und sie brauchte mich nicht gerade so als Bagatelle zu behandeln, so wie deinen Vater. Schließlich bin ich doch die eigentliche Ursache, zum Teufel! Und gebe ihr die Gelegenheit. . . . Wenn sie die Komödie machen kann, sie liegt ihr ja nicht schlecht, desto besser für uns; aber an meine Mutter mußt du nun schreiben. Du hast die Sache mit ihr verkorkst, sieh zu, wie du ihr nun die Tatsache mitteilst, daß du dich in der Person geirrt, daß nicht du es bist, sondern daß deine Mutter auf dem Wege sei, dem Hause Armhart ein neues Glied einzufügen. Wie deine Mutter sich schon hineinphantasiert hat: einen jungen Helden für ›Unkebunk‹! Der muß all die glänzenden Eigenschaften besitzen, durch deren Abwesenheit der jetzige 222 Majoratsherr auf ›Unkebunk‹, Anastasius, Donatus, Kasimir, Loedegar, Aribert von Armhart ausgezeichnet ist. Eine Komödie, wie sie nur in euerer Familie möglich ist! . . . Nun, du, heul jetzt nicht . . . Dummes, wozu denn? Geh, komm! Jetzt ist alles gut!« Er nahm Juttas Kopf und drückte ihn fest an seine Schulter, er wollte ihr nicht merken lassen, wie schwer er an der Geschichte für sich getragen hatte, weil auch er, wie die Mutter, nur an sich gedacht und Jutta zwar nicht vergessen, doch fast als unschuldige Ursache seines Schicksals zu hassen begonnen hatte.

Nach dem Bräutigam wurde Rapunzelchen in Audienz empfangen, lachend empfangen, denn der galt's, im Spaß auszureden, was sie gestern in Ernst und Tragik mit ihr erlebt, und auch ihr, der Kleinsten, die noch immer als Kind behandelt wurde, nun zu gestatten, daß sie um die Dinge des Lebens wisse, indem sie auf zarte Weise eingeweiht wurde. Und Binchen übertraf sich selbst. Rapunzelchen schluchzte vor Mitgefühl und umarmte die Mutter, lächelte über den fingierten Brief Juttas, der aus ihrem leicht beweglichen Gemüt sehr bald verschwand, weil das Neue und für sie noch Unfaßliche, das sich an der Mutter vollziehen sollte, und um das sie mit Scheu und schamvoller Neugierde ging, viel zu viel Raum einnahm.

Dann kam Eva gesprungen, atemlos, das schöne rote Haar gelöst, laut plappernd und lachend, weil sie der Mutter gegenüber verlegen war. Dann kam die Burgissen zurück, noch immer etwas verstört und in den grauschwarzen Schal gewickelt, daß nur die ergebungsvolle Nasenspitze der getreuen und verschwiegenen Alten heraussah, die so lange im Hause Armhart war und sich über nichts mehr wunderte. Mit ihr kam ihre Schwester, Madame Fröhlich, die weise Frau, und nun blieb der Schauplatz den beiden überlassen, der Heldin von Unkebunk, der Starken und Großen, der zuletzt auch der Burgissen Schwester sich beugte, gehoben von ihrer Größe, und angefeuert durch sie.

223 Als die weise Frau heraustrat, legte Frau von Armhart den weiten Kragen an, der sie von nun an stets bekleiden sollte, bedeutungsvoller jetzt, da er berufen war, eine große Rolle zu spielen – Symbol und Atribut!!

Sie tat das mit stummer Feierlichkeit, und der Burgissen Schwester, die Madame Fröhlich, assistierte dabei, wie wenn sie damit schon die erste ihrer Funktionen begänne. Sie machte ein Gesicht dazu, als wolle sie alles, was sie gehört und gesagt, mit einem Schwur bekräftigen, und sprach, indem sie des Mantels Länge und Weite mit den Blicken maß: »Der is ausgezeichnet devor un werd lange bis dahin.«

Und so trat Binchen Baronin von Armhart, née Möller, zum erstenmal ihren Rundgang mit dem bedeutungsvollen Mantel an.

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